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mit Anterhattungs-Aeikage „Illustrirte Sonntags-Zeitung" *"*

JE 108.

Jutta, Freitag, den 13. Mai 1898

25. Jahrgang.

Lk Hohe Getreidepreise und Antrag Kanitz.

DieVereinigtenStaaten vonNordamerika brechen in frivoler Weise einen Krieg gegen Spanien vom Zaune. Für die Versorgung des amerikanischen Heeres und der Kriegsflotte wird dadurch der Bedarf an Brodgetreide ganz erheblich gesteigert. Und rote die schrankenlose rücksichtslose Spe­kulation der Uankees alles ausbeutet, so ist dies auch mit dem erhöhten Bedarf an Brod­getreide infolge des spanisch-amerikanischen Krieges geschehen. Einer der großen Geldprotzen hat in Gemeinschaft mit einigen anderen „schweren" Männern eine sogenannte „Schwänze" veran­staltet, diesmal eine Schwänze riesigen Umfanges; das bedeutet, die Clique des Herrn Leiter — fo lautet der Name des Schwänzen-Königs — hat schleunigst alle erreichbaren Vorräthe an Getreide ausgekauft und eingesperrt, und wenn nun die Kaufleute oder die anderen Spekulanten, die Lieferungs-Verpflichtungen haben, diesen Ver­pflichtungen nachkommen wollen, so müssen sie. für das Getreide, das sie sür ihre Liesecungen hrauchen, jeden Preis bezahlen, den die Schwänzen- Leute von ihnen fordern. Daß das ein nieder­trächtiges, schwindelhaftes Geschäftsverfahren ist, liegt aus der Hand. Aber wer dem Teufel der Spekulation fo recht verfallen ist, was fragt der danach, ob sein Geschäftsverfahren reell oder schwindelhaft ist. Und in Nordamerika am allerwenigsten!

Diese Leitersche Schwänze ist ein Grund für die gegenwärtig außergewöhnlich hohen Ge­treidepreise. Aber außerdem besieht schon seit dem Frühsommer des letzten Jahres die Tendenz steigender Preise auf dem Getreidemarkt, verur­sacht durch die Abnahme der in der Welt vorhandenen Vorräthe an Getreide, namentlich an Weizen. Und auch nur unter solchen Umständen kann ein solcher Schwindel wie ber des Ehren-Leiter und seiner Spießgesellen in Chicago von Ersolg sein, wie sich ja von selbst versteht, denn sonst würde der Austausch der Weltvorräthe bald die ganzen Schwänze lahm legen, und die Käufer würden die Macher der Schwänze hohnlachend mit ihren Vorräthen auf der Seite liegen lassen. Man darf also nicht annehmen, daß allein die frechen Schwindel- Spekulanten in Chicago an der gegenwärtigen außergewöhnlichen Höhe der Getreidepreise schuld seien. Für diese liegt außerdem der Grund in der Abnahme der Vorräthe auf dem Weltmärkte. Diese Abnahme ist so bedeutend, daß man an­nehmen kann, die Weizeuvonäthe der Welt haben sich vom Mai 1896 bis zum Mai 1898 um etwa ein Drittel verringert. Berechnungen von Londoner Fachmännern haben das ergeben.

Bei uns in Deutschland sind die Getreide­preise nicht in so wilder Weise in die Höhe ge­gangen oder getrieben worden, wie in Nordamerika. Und deswegen hat die Regierung mit Recht vor­läufig die zeitweilige Aufhebung der Getreidezölle

Hohe Ziele.

Roman von L. von Neidegg.

22 ------ (Nachdruck verboten.)

Es war am andern Morgen. Auf dem Bo­zener Bahnhofe hatte sich die Tennenbach'sche Familie zur Abfahrt eingefunden, vollzählig bis auf Hermann. Die Baronin ging vor dem Bahn­hofe mit Martha auf und ab. Obwohl sie ihre Ungeduld meisterlich zu verbergen verstand, fühlte sie sich durch des Sohnes Ausbleiben doch sehr beunruhigt, und ihre scharfen Augen blicken auf- rnerkfam nach der Richtung, aus welcher der -Säumige kommen mußte. Weniger zurückhaltend zeigte sich Martha, die alle Augenblicke fragend ausrief, ob denn Hermann noch nichl käme, und unausgesetzt ihr Köpfchen nach allen Richtungen wandte, ihn zu erspähen. Endlich kam er in Sicht in einem offenen Wagen, der im schnellsten Tempo daher rasselte. Als er demselben ent­stiegen, erhitzt und erregt, war auch schon die Mutter an seiner Seite.

„Wegen Dir wird die ganze Reise unternom­men," sagte sie verweisend, „und beinahe hättest Du die Rücksichtslosigkeit so weit getrieben, uns ohne Dich abreifen zu lassen."

„Frau Molsberg ist schwer erkrankt, und da konnte und wollte ich nicht abreisen, ohne mich nach ihrer Gesundheit erkundigt zu haben."

„Warum denn? Was gehen Dich diese Leute an?"

„Sehr viel, denn . . ."

Sie unterbrach ihn heftig. „Kein Wort weiter! Ich kenne Deine Aufwallungen zur Genüge, Deine

abgelehnt. WaS kann uns eine solche Auf­hebung nützen, wenn draußen der Getreidepreis noch höher steht als bei uns! Dem Verbraucher nicht das Mindeste — der Handel und die Spe­kulation würden den Gewinn davon in die Tasche stecken. Den Getreide-Erzeugern aber würde da­durch Schaden zugefügt werden. Und unter solchen Umständen unterblieb vorläufig besser die Aufhebung der Getreidezölle. Unser Nachbarland Oesterreich-Ungarn ist auf Grund derselben Erwägungen zu demselben Beschlüsse ge­langt. Auch dort läßt man einstweilen die Ge­treidezölle bestehen. Was weiter kommen wird, müssen wir abwarten. Es ist aber gar nicht ausgeschlossen, daß die Preise noch weiter steigen, und daß schließlich die Re­gierung doch noch in die Sage kommen wird, nach dem Ausspruche des Schatzsekretärs von Thielmann im Reichstage zu handeln, nämlich bei „veränderten Verhältnissen die Frage der Zoll­aufhebung noch einmal zu prüfen."

Von gewisser Seite wird nun der Versuch ge­macht, aus den gegenwärtigen Verhältnissen Kapital für den Antrag Kanitz zu schlagen. Graf Kanitz hat am letzten Sitzungstage des Reichstages selbst die Versicherung abgegeben, daß er und seine Freunde gar nicht daran denken, auf die Forderungen zu verzichten, die Dieser An­trag stellt. Und so konnte man von vorn herein darauf gefaßt sein, daß der Antrag Kanitz bald wieder auf der Bildfläche erscheinen würde.

Deutschlands Bedarf und Deutschlands Ge­treidepreise unabhängig zu machen von dem Auslande und namentlich zu schützen vor den Einwirkungen solcher beutesüchtigen Schwindel- Machenschaften wie die Schwänze von Leiter und Genossen, das würde ja allerdings eine Aufgabe fein, des Schweißes der Edelen höchst werth. Aber der Antrag Kanitz würde nicht das rechte Mittel fein, und feine Freunde und Befürworter handeln nicht in ihrem einzigen Jntereffe, wenn sie jetzt von neuem auf den Antrag Kanitz als auf das rechte Heilmittel hinweifen. Daß nun gar, wie vereinzelt behauptet wird, die Einführung der Vorfchristen des Antrages Kanitz unter solchen Verhältnissen, wie sie gegenwärtig herrschen, im Interesse des Getreide verbrauchenden Publikums liegen würde, ist eine übereilte Aeußerung.

Der Antrag Kanitz hat drei verschiedene Entwickelungsstufen durchgemacht. Die erste Fassung, die von 1894, bestimmte, daß die Verkaufspreise int Mindestpreise für die Tonne Weizen 215 und Roggen 165 Mk. betragen sollten. Also die Preise sollten niemals niedriger, wohl aber höher sein dürfen. Im Jahre 1895 trat dann der Antrag in etwas veränderter Form auf. Danach sollten die Verkaufspreise nach dem inländischen Durchschnittspreise der Jahre von 1850 bis 1890 bemessen werden, so lange durch solche Preise die Einkaufspreise gedeckt würden. Bei höheren Einkaufspreisen sollten „die Ver­kaufspreise entsprechend erhöht werden". Und endlich die dritte Fassung des Antrages von 1896 verlangt ebenfalls als Grundlage für die Verkaufspreise den Durchschnitt der Preise von 1850 bis 1890; dann aber weiter, daß ein Reservefonds gebildet werden soll, durch den der Verkauf des ausländischen Getreides auch bei

heroischen Entschlüsse, die dann im Saude ver­laufen. Nichts, gar nichts will ich über die Sache hören, ehe Du nicht alles reiflich über­dacht hast."

Reiflich zu überdenken — dieselbe Mahnung hatte er soeben ans Hedwigs Mund vernommen. Dennoch sah er aus, als sei er zur Widerrede geneiat, und als trage er sich mit der Absicht, Die Mutter von einem unwiderruflichen Entschlüsse in Kennlniß zu setzen. Der Wunsch, den verhäng- nißvollen Augenblick so lang wie möglich hinaus zu schieben, siegte jedoch über die männliche Re­gung. Das war die Schwäche, welche Frau von Tennenbach so wohl kannte, auf welche sie ihre Hoffnungen setzte.

Wäre es indessen auch seine Absicht gewesen, der ersten Eingebung zu folgen, in diesem Augen­blicke hätte sie vereitelt werden müssen, denn Herr von Tennenbach kam heran, athemlos, eine Depesche in der vor Erregung zitternden Hand haltend.

„Komm herüber und steig ein, Clotilde; der Zug wird gleich abgehen. . . Ich kann Euch nicht begleiten," fuhr er halblaut fort, als sie an seiner Seite herging. „Soeben ist dies Telegramm aus der Kabinetskanzlei eingetroffen, das mich nach B . . . beordert. Möglicherweise werde ich mit einem Vertrauensposten beehrt."

Frau Clotildens Augen erglänzten; sie sah ihren Mann mit einem Blicke an, ans dem etwas wie die Zärtlichkeit früherer Tage hervorbrach. „Wirklich, Clemens! Gib Acht, es ist ein Minister­posten, den man Dir anträgt. Greif' zu, thu' Alles, um ihn zu erlangen."

„Alles, was sich mit meinen Grundsätzen ver­einen läßt."

höheren Einkaufspreisen zu jenen Durchschnitts­preisen ermöglicht werden soll. Und bei Er­schöpfung des Reservefonds sollen die Verkaufs­preise um so viel erhöht werden, daß sie der Reichskasse nicht nur den Einkaufspreis des Welt­marktes, sondern auch die durchschnittliche Ein­nahme an Getreidezoll erstatten.

Wenn man sich diese drei Fassungen des An­trages Kanitz genau betrachtet, sieht man sofort, daß derselbe nicht die Sicherung „mittlerer Preise" enthält. Denn überall ist nur die Rede von Mindestpreisen, nicht aber von einer Be­grenzung nach der Höhe hin; und wäre der An­trag 1896 angenommen worden, fo würde heute noch nicht die Rede fein können von der An­sammlung eines Reservefonds. Was aber in dem Anträge Kanitz unter „mittleren Preisen" ver­standen wird, das sagt uns seine Fassung vom Jahre 1894. Die will den Mindestpreis für die Tonne Weizen auf 215, Roggen auf 165 Mk. festgesetzt haben. Die Berliner Mitt wochs-P: eise lauten für Roggen auf 175, für Weizen auf 275 Mk. Also würden die gegenwärtigen hohen Roggenpreise gerade nur fo den Kanitz'schen Mindestpreis ein wenig überschreiten, und wahr­scheinlich würden die augenblicklichen Riesenpreise für Weizen nach demselben Maßstabe gemessen noch gar nicht für so fürchterlich gelten.

Man sieht, praktische Vergleiche der Forderungen des Antrages Kanitz mit den gegen­wärtigen Verhältnissen fallen nicht günstig aus für die Beurtheilung dieses Antrages. Und seine Befürworter können gerade jetzt am allerwenigsten neue Freunde für ihn gewinnen. Je weniger gerade jetzt davon gesprochen wird, desto günstiger ist es für sie selbst!

Deutsches Weich.

Berlin, 12. Mai.

* Der A««desrath hat heute eine Plenar­sitzung abgehalten. Ebenso versammelte sich heute, am Donnerstag, das preußische Staats­ministerium zu einer Sitzung unter dem Vor­sitze des Staatsministers von Miquel.

* Ueber die neutrale Stekknng Deutsch- kauds zu Amerika! schreibt heute dic,N or d d. Allgem. Ztg/ hochosfiziös: „Amerikanische und deutsche Blätter haben kürzlich berichtet, daß Se. Maj. der Kaiser in einer Unterredung mit dem Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin die Annahme, die Kaiserl. Regierung sei von unfreund­lichen Gefühlen gegen Amerika beseelt, zurückge­wiesen haben soll. Wie wir erfahren, hat eine solche Unterredung nicht ftattgefunben und beruhen daher die darüber gemachten Angaben auf freier Kombination. Se. Maj. der Kaiser dürfte es um so weniger für erforderlich erachtet haben, die ihm zugeschriebenen Versicherungen abzugeben, als die Amerikaner nach den von deutscher Seite seit Beginn des Krieges wiederholt und zuletzt noch feierlich in der Thronrede vom 6. Mai ab­gegebenen Erklärungen übet den Charakter un­serer strikten, vollkommenen und loyalen Neutralität nicht in Zweifel sein können. Dies sei auch solchen englischen, französischen und öster­reichischen Blättern gesagt, die sich bemüht zeigen, Regierung und öffentliche Meinung des Deutschen

„Nein, alles, alles! Schwinge Dich nur in den Sattel; bist Du erst darin, kannst Du das Roß nach Deinem Sinne lenken."

„Nicht, wenn ich versprochen habe, es anders zu leiten."

„Thörichte Skrupel, damit erreicht man nichts."

„Laß das, Clotilde, das sind Männer-Auge- legenheiten," erklärte er bestimmt.

Sein Diener hatte mittlerweile aus dem Ab- theil die Gepäckstücke seines Herrn herausgeholt. „Steig' Du nun ein," r eth er, „Der Zug geht sogleich ab, es ist die höchste Zeit."

„Am liebsten kehrte ich mit Dir um," ver­sicherte sie, noch auf dem Trittbrette stehend. Er wieder Minister, wieder auf den Posten zurück­versetzt, dessen Verlust sie so tief geschmerzt, an dessen Wiedererlangung sie für ihn kaum mehr zu hoffen gewagt hatte! Sie konnte es nicht er­warten, im Abglanz feiner Glorie zu erstrahlen. Vielleicht, wenn sie mitging, konnte sie beitragen, feine lächerlichen Skrupel zu beseitigen. Mit zu­nehmenden Jahren hatte er zuweilen wirklich etwas von einem Don Quixote an sich.

Der Oberpräsident lächelte spöttisch. „So schmeichelhaft Dein Vorschlag klingt, ich kann ihn nicht annehmen, Clotilde. Wer weiß auch, viel­leicht ersparen wir einander unangenehme Aus­einandersetzungen, wenn wir jetzt gesonderte Wege einschlagen." Er winkte ihr einen Abschiedsgruß zu und der Zug setzte sich in Bewegung.

6.

Herr und Frau von Tennenbach waren zu längerem Aufenthalt in der Villa Clotilde einge­troffen. Nicht, wie sie erwartet, im stolzen Fluge hatte die Freifrau ihr Eigenthum aufgesucht —

Reiches als parteiisch gegen den Präsidenten und das Volk der Vereinigten Staaten hinzustellen. Die Kaiser!. Politik hat Anspruch auf das Ver­trauen, daß sie die mehr als hundertjährige Freundschaft zu dem Staatswesen, in welchem Millionen deutscher Landsleute eine zweite Heimath gefunden haben, nicht ohne zwingende Gründe stören lassen wird."

* Die konservative ,Schief. Morgenztg/ äußert sich in sehr ergrimmter Weise über den früheren Jesuiten Grafe« Koeusvroech, weil er in der ,Tägl. Rundschau' den Wahlaufruf der konservativen Partei fritifirt hat. Das Blatt wirft ihm vor, daß er „ein ehemaliger Jesuiten­schüler" fei (!) und einen unter dem „engen Zwange feiner Jugend verkümmerten Geist" besitze. Er solle den „lahmenden Gaul seiner Erkenntniß" andern Leuten vorreiten. Seit der Graf den einzigen Ton seiner politischen Hirten­flöte, den Gewissenszwang nicht mehr ertönen lasse, sei er sehr langweilig geworden. Der „letzte Funke seines spärlichen politischen Wissens sei erloschen". Der Artikel schließt: „Wir haben den großen Schritt im Leben des Grafen mit besonderer Freude begrüßt und beklagen nur, daß die Früchte, die dieser Schritt gezeitigt hat, nun doch taube Nüsse sind, die keiner mag, die zer­brechen und mit deren Schalen nicht einmal die Kinder spielen". — Diese Absage ist um so be­merkens werther, als der Exjesuit ausdrücklich ge­schrieben hatte, nach seiner Auffassung fei das wahre Christenthum „nicht ein ultramontanes, sondern ein evangelisches".

X Einige Blätter hatten berichtet, die Ileöuuge« des Aeurkauöteustandes feien in einzelnen Armeekorpsbezirken derart gelegt, daß der Termin der Reichstagswahlen, 'ober der Stichwahlen in die Zeit dieser Hebungen falle. Diese Meldung wird halbamtlich als unzutreffend .bezeichnet. Vom preußischen Kriegsministerium sei — so wird gesagt — vielmehr an alle Armee­korps die Weisung ergangen, die Hebungen in der Weise anzuordnen, daß der Termin der Reichstagswahlen fretbleibt.

h „Wir brauche« die ZFiöek «nd das «eue Testament nicht, wohl aber die Kenntniß der sozialpolitischen Gesetze" — so hat der sozialdemokratische Vertreter für Zwickau, Herr Goldstein im sächsischen Landtage in diesen Tagen in der zweiten sächsischen Kammer ausgerufen. Das ist wieder ein vortrefflicher Beleg dafür, daß die meisten sozialdemokratischen Führer und Agitatoren über diesen angeblichen Programmsatz: „Religion ist Privatsache" mit Mißachtung hinweggehen, und insbesondere zum Christenthum eine gradezu feindliche Stel­lung einnehmen. Nach dem neuen sozialdemo­kratischen Handbuch bedeutet dieser Programmsatz nur, daß es die Partei nichts angeht, welche der Religionen der Einzelne habe; allein es wird hinzugefügt, daß nach sozialdemokratischer Auf­fassung der Staat nicht das Recht habe, aus seinen Mitteln religiöse Gemeinschaften zu unter­stützen, daß insbefondere die Schule von jedem Einflüsse der Kirche und der religiösen Gemein­schaften befreit sein soll. Mit solchen Versiche­rungen sucht man auch christlich denkende Kreise der Bevölkerung für die Sozialdemokratie zu

mit gelähmten, wo nicht gebrochenen Schwingen kam sie, eine Zuflucht zu finden. Ihres Mannes Berufung nach B. hatte einen Abschluß gefunden, der all' ihren Träumen ein Ende setzte. Lange war er dort festgehalten worden; es hatte Schwan­kungen gegeben und immer neue Verhandlungen.

Einmal während der Verhandlungen hatte es geschienen, als herrsche volle Hebereinstimmung zwischen den Anschauungen an maßgebender Stelle und den feinen, und als solle er jetzt den Gipfel­punkt seines Strebens erreichen; da war ein plötz­licher Umschwung in den allerhöchsten Regionen eingetreten, und statt der Beförderung war Tennen- bach zur Disposition gestellt worden. „In Hn- gnaden entlassen," sagten die einen — „mit aus­drücklicher Erwähnung, daß man später seine be­währten Dienste in Anspruch nehmen würde," versicherten andere. Er selbst äußerte sich nicht deutlich über das, was vorgefallen. Den erlittenen Schlag ertrug er anscheinend mit Gleichmuth; er war auch vielleicht thatsächlich so gefaßt, wie er es zu sein schien. Seiner Würde hatte er in den Kämpfen auf keinerlei Weise etwas vergeben; er hatte gezeigt, daß er zum willenlosen Werkzeuge nicht zu gebrauchen sei. Kein Selbstvorwurf be­gleitete ihn also in seine Abgeschiedenheit — die Achtung, welche man Jedem zollt, der sich selber treu geblieben, folgte ihm dahin.

Anders stand es um seine Frau. Vernichtend hatte die Nachricht sie getroffen, und in die bit­tere Enttäuschung hinein mischte sich der Gedanke an die Schadenfreude ihrer Neider, an den Spott aller Jener, die sie durch ihre Schroffheit je ver­letzt. Unter keinen Umständen wollte sie nach dem Norden zurückkehren, hatte sie ihrem Manne er-