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M 107.
Julöcr, Donnerstag, den 12. Mai 1898
25. Jahrgang.
Zweites j|
Rede des Abg. Herold
auf der KatHokiKeu-Werfammkuug zu Dortmund am 26. August 1896.
Hochwürdigster Herr Bischof: Hochansehnliche Versammlung! Dem an mich seitens des vorbereitenden Komitees ergangenen ehrenvollen Auftrage, hier heute die Agrarfrage zu behandeln, bin ich nur mit großem Bedenken nachgekommen. Denn diese Frage, über welche so verschiedene Auffassungen bestehen, und welche eine gewisse Bewegung in weiten Kreisen hervorgerufen hat, in einer zahlreichen Versammlung zu besprechen, wo neben dem Stande der Landwirthe der Handel, die Industrie, der Handwerker- und Arbeiterstand vertreten sind, wo Produzenten und Konsumenten, kurz alle Stände und Klassen der Bevölkerung gemeinschaftlich tagen, ist gewiß eine schwierige Aufgabe. Ermuthigt aber hat mich der Gedanke, daß ich hintrete vor eine Versammlung von Katholiken (Bravo!), eine Versammlung, iu der alle von dem Geiste der christlichen Nächstenliebe erfüllt sind, wo jeder an dem Wohlergehen seines Nächsten vollen Antheil nimmt. (Bravo!) Und so darf ich denn wohl eine milde Beurtheilung meiner Ausführungen erhoffen.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Landwirthschaft in ein?r außerordentlich schwierigen und bedrückten Lage sich befindet. Die mangelhafte Rentabilität wird auch dem Laien erkennbar werden, wenn er erwägt, in welchem Maße einerseits die Preise für das Getreide, die Haupteinnahmequelle, gesunken, wie andererseits aber die Produktionskosten erheblich gewachsen sind. Die Arbeitslöhne sind ganz erheblich höher und werden bei unserer ganzen sozialen Entwickelung weiter steigen. Es treten hinzu die vermehrten Lasten für öffentliche Zwecke: die Staatssteuern und die immer auffteigenden Kommunalsteuern, die Ausgaben für Wohlfahrtseinrichtungen, für Alters-, Jnoaliditäts- und Unfall-Versicherungen u. s. w.
Infolge dieser ungünstigen Verhältnisse beobachten wir denn auch, daß die Bevölkerung in erheblichem Maße sich von der Landwirthschaft abgewendet und den großen Städten und der Industrie zuströmt. Feste Zahlen hierfür haben wir erhalten durch die jüngste Berufszählung vom Juli 1896. Während im Jahre 1882 der Land- und Forstwirthschaft und der Fischerei noch 43,63 pCt. der Gesammtbevölkerung in Preußen ange- hörten, ging dieses Verhältniß auf 36,12 pCt. herunter, also eine Verminderung um 7,51 pCt. Umgekehrt aber stieg der Antheil der Bevölkerung in Bergbau und Industrie um 4,31 pCt., in Handel und Verkehr um 1,40 pCt. Die Zahl der in der Landwirthschaft beschäftigten Personen ist absolut annähernd dieselbe geblieben. Die Gesammtzunahme der Bevölkerung entfällt also auf Industrie und Handel, obschon in der Landwirthschaft eine erheblich größere Zahl von Personen Beschäftigung finden könnte.
Als weitere Folge sehen wir eine gewaltig wachsende Zunahme der Verschuldung des Grundbesitzes. lieber die Gesammtverschuldung fehlen uns genaue statistische Zahlen; aber über die Zunahme der Verschuldung in den letzten neun Jahren, nämlich vom Jahre 1886 87 ab, sind genaue Aufstellungen in Preußen gemacht worden. Die Zunahme betrug danach 1892/93 208 Mill. Mark, 1893/94 228 Mill. Mark, 1894/95 254 Millionen Mark; in 9 Jahren ist sie angewachsen um reichlich 1 */» Milliarden Mark, jährlich in den letzten Jahren um die Hälfte des Grundsteuerreinertrages. Wenn wir annehmen, daß heute der Grünt besitz zu seinem halben Werthe verschuldet ist, was ungefähr wohl den wirklichen Verhällniffen entsprechen wird, dann würde unter der Voraussetzung, daß in gleichem Maße die Verschuldung wächst, wie in den letzten Jahren, obwohl wir ja thatsächlich eine steigende Zunahme haben, bei Zugrundelegung eines Verkaufswerths vom 63fachen Grundsteuerreinertrag nach Verlauf von 63 Jahren der gesammte Grundbesitz nach seinem vollen Verkausswerth verschuldet, d. h. thatsächlich in andere Hände übergegangen sein. Das sind Verhältnisse und Zahlen, welche äußerst bedenklich sind, wenn wir berücksichtigen, welche hohe Bedeutung der Stand der Grundbesitzer und namentlich ein leistungsfähiger Bauernstand für unsere gesammte wirth- schastliche und soziale Entwickelung hat.
Welch' gesteigertes Absatzgebiet für industrielle Erzeugnisse würde nicht eine in besserer Sage sich befindende landwirthschaftliche Bevölkerung, welcher 11 Vs Millionen Menschen in Preußen angehören, darbieten, namentlich, da auf dem Lande zur Zeit eine äußerst einfache Lebensweise herrscht, also eine erhebliche Verbrauchssteigerung mög
lich wäre! Ganz gewiß ist für unsere Industrie die Ausfuhr von außerordentlicher Bedeutung; aber viel sicherer und darum durchaus wünschens- werth ist ein gesteigerter Absatz im Jnlande. Er ist unabhängig von internationalen Verwickelungen, weniger der Gefahr ausgesetzt, durch ausländische Konkurrenz verdrängt zu werden. Bleibt der landwirthschastliche Betrieb dauernd unrentabel, so wird noch in zunehmendem Maße die Landbevölkerung Beschäftigung in der Industrie suchen, wodurch für diese ein zu großes Angebot an Arbeitskräften und damit eine Ermäßigung der Löhne herbeigeführt werden muß; gewiß für unsere soziale Entwickelung, sowie für die gesummte Produktion sehr beklagenswerth. Hiermit widerlegt sich auch der manchesterliche Einwand, daß gerade im Interesse der Arbeiter- bevölkerung die billigsten Lebensmittelpreise ein zu erstrebendes Ziel seien. Der Druck, welcher auf die Löhne ausgeübt wird durch die schlechte Lage der Landwirthschaft, benachtheiligt den Arbeiterstand viel mehr, als angemessene Getreidepreise den Unterhalt vertheuern. (Sehr richtig!) Es ist zunächst zu berücksichtigen, daß das Getreide, welches doch in der Form von Brod zur Ernährung dient, nur einen Th eil der Faktoren bildet, welche den Brodpreis bedingen; es treten hinzu die Kosten des Mahle!s, des Backens, des Verkaufens usw., die einen erheblichen Antheil ausmachen, aber unabhängig sind von den Getreidepreisen. Weiter aber bildet wieder das Brod nur einen Theil der Bedürfnis für den Unterhalt einer Familie und je mehr die Lebensansprüche zunehmen, — steigende Löhne gestatten aber nur eine Zunahme, — desto mehr tritt das Brod im Vergleich zu den sonstigen Ausgaben zurück. Bei vorurtheilsfreier Erwägung aller Konsequenzen ergibt sich, daß zu billige Getreidepreise nicht nur für die Landwirthschaft, nein, auch für den Konsumenten Nachtheil bringen.
Die Landbevölkerung hält fest an alten guten Sitten, sie ist der konservativste Stand. Glaube und Gottesfurcht wird von ihr am meisten bewahrt. Das Land gibt den Ueberschuß seiner natürlichen Volksvermehrung ab an die Städte und wirkt dadurch für diese immer verjüngend. In einem zahlreichen, gesunden Bauernstand haben wir einen mächtigen Schutzwall gegen die Zunahme der Sozialdemokratie. (Sehr richtig!) Noch jüngst auf der anarchistisch-sozialen Konferenz in London wurde ausdrücklich jedes Eingreifen des Staates zur Hebung des Bauernstandes verworfen mit der Begründung, daß die Proletarisilung des Bauernstandes eine Vorbedingung der Revolution und der sozialdemo- kratischen Gesellschaftsordnung sei. (Hört! hört!) Einen zahlreichen, leistungsfähigen Grundbesitzerstand zu erhalten, ist aus allen diesen Gründen eine wichtige Aufgabe der Sozialpolitik. Wir haben keinen zweiten Bauernstand zum Ersatz, wenn der jetzige zu Grunde gegangen fein wird (Sehr richtig!), sondern an seine Stelle wird das Kapital treten, welches sich immer mehr anhäuft und nach Anlage sucht, wenn auch nur zu niedrigem Zinsfüße.
Da die schwierige Sage vorzugsweise in den niedrigen Getreidepreisen ihren Grund hat, haben wir nach der Ursache dieser zu suchen. Es gibt manche Umstände, welche die Bildung der Preise auf dem Getreidemarkt beeinflussen. Aber der dauernde Preisdruck liegt in der Einfuhr der billiger produzirenden Sünder. Rußland, Rumänien, Nordamerika, Argentinien usw. überschwemmen uns mit ihrem Getreide, welches unter so günstigen Verhältnissen gewonnen wird, daß die Konkurrenz der heimischen Landwirthschaft dagegen unmöglich ist. Früher lag ein gewisser Ausgleich in den hohen Frachtsätzen. Heute aber sind diese in einer fast unglaublichen Weise gesunken. Während z. B. zu Anfang der 70 er Jahre die Verfrachtung von 100 Kilogramm Getreide von New-Uork nach England über 4 Mk. kostete, betragen zur Zeit die Kosten ungefähr 70 Pfennig, also eine Verminderung um mehr als den bestehenden Zoll. Die Verfrachtung über den Ozean kostet demnach weniger als etwa die von Hamburg nach Dortmund. Mehr ermäßigt aber noch find die Transportkosten im Innern der Einfuhrländer bis zur Küste: durch Verbesserung der natürlichen Wasserläufe, durch den Bau von Kanälen und Eisenbahnen. Und mit den Fortschritten der Technik des Transportwesens wird dieser Preisdruck immer größer. Durch neue Eisenbahnen werden wieder neue Länder- gebiete der Kultur erschlossen, fruchtbarer, jungfräulicher Boden, der bislang noch von keinem Pflug berührt wurde. Ist durch den Getreidebau ein Gebiet erschöpft, dann treten neue Flächen an dessen Stelle, andere Sünder werden dem Weltverkehr geöffnet. Ich darf nur Hinweisen auf die im Bau befindliche sibirische Eisenbahn. Welch ausgedehntes Terrain wird dadurch dem Getreidebau zugänglich gemacht. In absehbarer Zeit ist eine Verminderung der Konkurrenz des Aus
landes, eine Aenderung in dem billigen Angebot nicht zu erwarten. Hiergegen uns zu schützen, ist daher unsere Aufgabe, soll die deutsche Sandwirthschaft nicht ihrem sicherenRuine entgegen gehen. (Bravo!) Der Schutz muß uns gewährt werden und kann uns gewährt werden durch einen paffenden Schutzzoll, der ein Gegengewicht gegenüber den so sehr verbilligten Transportkosten bildet. Die Zölle sind nun durch die Handelsverträge für eine Reihe von Jahren festgelegt, und zwar für die Hauptbrodfrüchte: Roggen und Weizen bekanntlich auf 3,50 Mk. für 100 Kilogramm, während sie sich vorher seit 1887 auf 5 Mark beliefen. Diese Ermäßigung einerseits, andererseits die Festlegung, so daß eine Erhöhung ausgeschlossen ist, haben zu erheblichen Angriffen namentlich aus landwirthschaftlichen Kreisen gegen die Handelsverträge und die Personen aus Parteien, welche sie bewilligt haben, besonders auch gegen das Centrum geführt. Heber den Nutzen der Handelsverträge bestehen verschiedene Auffassungen. Meinerseits will ich in eine Erörterung derselben nicht eintreten. — Einmal gehört es nicht in eine Katholikenversammlung hinein, zum anderen hat es keinen praktischen Zweck, denn die Handelsverträge bestehen und sie müssen respektirt werden, mögen sie für uns günstig oder ungünstig sein. Wir Deutsche haben alle Zeit die Vertragstreue hoch gehalten, und wir werden das auch in Zukunft thun. (Bravo!)
Aber die Frage gehört zum Gebiete unserer Erörterungen, ob die Vorwürfe gegen das Centrum, die Partei, welche unseren großartigen Katholiken-Versammlungen so nahe steht, begründet sind oder nicht. Im allgemeinen will ich hierbei vorab bemerken, daß, während die sozial-politische Thätigkeit des Centrums in Bezug auf den Arbeiterstand, Handwerkerstand, den mittleren Gewerbestand von den betreffenden Berufsständen selbst volle Anerkennung findet, die Wirksamkeit bezüglich der Sandwirthschaft vielfach getadelt wird und doch durchaus mit Unrecht, was im weiteren Verlaus meiner Ausführungen darzuthun mir gestattet sein möge.
Bei -Beurtheilung der Stellungnahme zu den Handelsverträgen dürfen wir nun nicht die heutigen Verhältnisse zu Grunde legen, sondern müssen die Sachlage prüfen, wie sie zu der Zeit, als die grundlegenden Verträge mit Oesterreich- Ungarn, Italien, Belgien und der Schweiz be- rathen wurden, also im Herbst 1891, bestand. Damals hatten wir außerordentlich hohe Getreidepreise, welche fast den höchsten jemals dagewesenen Stand von 1855 erreichten und beinahe das Doppelte des heutigen betrugen. Infolgedessen machte sich in großen Kreisen eine lebhafte Bewegung gegen die Zölle überhaupt geltend. Der Abgeordnete Graf Kanitz befürwortete sogar die Suspendirung der Zolle für einige Zeit. Vielfach war die Meinung verbreitet, daß die Besserung der Preise eine dauernde sein würde. Durch die Verträge wurde aber wenigstens der normirte Zoll von 3,50 Mk. für 12 Jahre gesichert, während man in anderen Fällen bei fortgesetzter Agitation gegen dieselben eine gänzliche Aufhebung befürchten konnte. Es ist nun einmal fo im Menschenleben, daß man von momentanen Verhältnissen sich leicht beeinflussen läßt. Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände ist dann das Centrum einstimmig für diese Handelsverträge eingetreten. Der Reichstag hat den zustimmenden Beschluß mit großer Majorität gefaßt, nur 48 Abgeordnete haben dagegen gestimmt. Es haben hervorragende Männer sich dafür ausgesprochen, deren Wohlwollen in erster Sinie für die Landwirthschaft unbestreitbar ist. Irgend welcher Vorwurf kann dem Centrum also nicht gemacht werden. (Sehr richtig!) Die späteren Handelsverträge waren aber mehr ober weniger eine Konsequenz der zuerst geschlossenen. Das Centrum ist allezeit für den Schutz der nationalen Produktion durch Zölle eingetreten; nur unter kräftiger Mitwirkung des Centrums konnte 1879 die Schutzzollpolitik begonnen werden, sind die späteren Erhöhungen von 1885 und 1887 zustande gekommen. Statt das Centrum anzugreifen, sollte man ihm dankbar sein, daß es mit solcher Thatkrast und Energie und zugleich mit entschiedenem Erfolg für die Schutzzölle eingetreten ist, zu einer Zeit, als die Stimmung denselben weniger günstiger war wie heute. (Sehr richtig!)
Da nun aber zur Zeit eine Erhöhung der Zölle nicht möglich, da ferner noch fein Mittel gefunden ist wie in durchschlagender Weise plötzlich der Landwirthschaft in großem Maße geholfen werden kann, darum müffen wir in energischer Weise die sogenannten kleinen Mittel zur Anwendung bringen. Das ist praktische Politik und diese praktische Politik ist auch von Seiten der Centrumspartei immer beobachtet worden. (Bravo!) Jedes einzelne von diesen Mitteln erscheint ja unscheinbar und hat nur eine geringe
Wirkung, in ihrer Gesamtheit sind sie doch in der Sage, wenigstens einige Erleichterung verschaffen zu können. Es ist nun heute die Zeit zu kurz, um im einzelnen diese kleinen Mittel näher zu behandeln; nur kursorisch kann ich einen Theil derselben berühren. Wir haben vor einigen Jahren die fogenannte Steuerreform erhalten: Grundsteuer, Gebäudesteuer, Gewerbesteuer, die sogenannte Realsteuern wurden als Staatssteuern abgeschafft aber statt dessen ist man bestrebt, dieselben für kommunale Zwecke möglichst stark heranzuziehen. Schon bei Berathung des Gesetzes war es gerade das Centrum, welches sowohl in der Kommission, als auch später im Plenum des Abgeordnetenhauses aus's entschiedenste für den Grund- und Gebäudebesitz günstigere Bestimmungen zu erzielen sich bemühte. Da dasselbe aber von den anderen Parteien im Stich gelassen wurde, konnte es seine Anträge nicht durchsetzen. Jetzt aber, nachdem wir das Gesetz haben, sollte man wenigstens, wenn die Gemeinden im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen eine verhält- nißmäßig geringe Heranziehung des Grundbesitzes beschließen, von Seiten der Aufsichtsbehörde keinen Einspruch erheben. (Bravo!)
In dem neuen Stempelsteuergesetz sind durch das Abgeordnetenhaus manche Erleichterungen gegenüber der Regierungsvorlage eingeführt worden, aber gerade vorzugsweise die Ermäßigungen, welche im Interesse der Landwirthschaft liegen, sind in der Kommission des Abgeordnetenhauses auf die Initiative des Centrums geschaffen worden. (Bravo!) Ich darf Hinweisen auf die Erweiterung in der Befreiung von Kaufstempeln bei regelmäßigen ©rbübergängen, ferner auf den Stempel für das Versicherungswesen, der vorzugsweise für die Landwirthschaft Bedeutung hat. Ebenso wurden auf Antrag des Centrums beim Gerichtskostengesetz die Gebühren bei Uebertrags- aufträgen auf die Hälfte herabgesetzt. Drei wichtige Gesetze sind in dem nunmehr vertagten Reichstage zur Verabschiedung gelangt. Zuerst das Börsengesetz. In diesem hat für die Landwirthschaft die größte Bedeutung der sogenannte Terminhandel. Sobald man sich überzeugte, daß die Auswüchse des Terminhandels, das Blanko- Termingeschäfte nicht zu beseitigen sei, wenn nicht der Terminhandel gänzlich verboten würde, wurde aus dem Centrum heraus der Antrag auf vollständiges Verbot gestellt. (Bravo!) Einstimmig trat die Fraktion dafür ein und mit großer Majorität wurde die Aufhebung beschlosfen. Ein außerordentlich schwieriges Gesetz war das Zuckersteuergesetz; nicht nur daß die Ansichten auseinandergingen zwischen Produzenten und Konsumenten, nein auch innerhalb der landwirthschast- lichen Kreise waren je nach den Provinzen die Interessen verschiedenartig. Der Centrumspartei ist es gelungen, einen billigen Ausgleich zu finden und auf einem Mittelwege all die entgegenstehenden Interessen zu vereinigen, so daß ein Gesetz zu Stande gekommen ist, welches im Großen und Ganzen, soweit wie es überhaupt möglich ist, Befriedigung für alle erzielt hat. (Bravo!) Auch beim Margarinegesetz bestanden außerordentlich verschiedene Auffassungen. Die Einen wollten eine größere Freiheit im Handel, die Anderen strebten eine Verschärfung an, um den unlauteren Wettbewerb gegenüber der Butter energisch entgegentreten zu können. Das Centrum einigte sich wieder auf einem zweckmäßigen Mittelwege. Es wurden gegenüber der Regierungs-Vorlage einige Verschärfungen beschlosfen, und wenn in der vom Reichstag angenommenen Form die Vorlage kein Gesetz geworden ist, so trifft diesen und das Centrum die Verantwortung nicht. (Sehr richtig.)
Weiterhin muß für Verbesserung der Verkehrswege noch vieles geschehen, die Chausseen sind zu vermehren, Eisenbahnen, je nach den Verhältnissen; Klein-, Sekundär- und Vvllbahnen, müssen nicht nur in industriellen Bezirken, sondern auch in den weniger entwickelten Gegenden zahlreicher gebaut werden. Zugleich aber ist mehr Rücksicht zu nehmen auf die Bedürfnisse der Landbevölkerung, durch zahlreiche Anlagen von Haltepunkten und Güterverladestellen, in Bezug auf Verfrachtung u.f.w.
Größere Schäden sind der Landwirthschaft durch Einschleppung und Verbreitung von Viehseuchen erwachsen. In neuerer Zeit ist man seitens der Regierung allerdings darauf bedacht, eine schärfere Sperre einzuführen und zugleich auch im Jnlande die Verbeitung einzudämmen. Aber es muß mit noch mehr Energie vor- gegangen werden: es macht den Eindruck, als wenn man zu viel Rücksicht auf internationale Beziehungen nimmt, während man uns gegenüber nicht überall fo rücksichtsvoll verfährt. (Sehr gut.)
Für die technische Hebung der Landwirthschaft sind noch größere Mittel auszuwerfen, indem man für Vermehrung der landwirthschaftlichen Schulen Sorge trägt, die Versuchsstationen