Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Bierteljährl.
Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts IM. 50 Pf.
KuIdaerMMtimg
Inserat«: Die ein- spalt. Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.
""SMJä.’ä“- mit Ilnteryattungs-Meilage „Illustrirte Sonntags-Zeitung!'
JE 107.
JuLöcr, Donnerstag, den 12. Mai 1898
jC Bedrohtes Reichstagswahlrecht.
Es ist bereits länger als ein Jahr her, daß bei einer Festlichkeit im Hause des Vaters der „Sammlung", des Staatsministers v. Miquel, ganz offen über die Nothwendigkeit gesprochen wurde, den deutschen Reichstag durch so etwas zu ersetzen, wie einen Vereinigten Landtag. Die Mittheilung des Abg. Müller-Fulda war daher gar nicht so überraschend, daß bei der Regierung in Berlin bereits das Material vorliege für ein neues Reichstagswahlgesetz. Und eben so wenig überraschend könnte die Mittheilung eines freisinnigen Blattes sein, daß es sich bei dem von Herrn Müller-Fulda erwähnten Stoffe vermuth- lich um den Plan handele, den Reichstag künftig zu zwei Dritteln aus Vertreter der Abgeordnetenhäuser und Herrenhäuser der Einzelstaaten und nur aus einem Drittel aus Volksvertretern zusammenzusetzen, die nach dem bisherigen Reichstagswahlrechte gewählt werden. Denn alles das entspricht ganz genau den Plänen, die vor einem Jahre bei Herrn Johannes von Miquel geschmiedet wurden. Natürlich ändert das nichts an der Thatsache, daß es ein großes Verdienst des Herrn Abg. Müller-Fulda ist, gerade zur rechten Zeit von neuem auf diese netten Planchen zur Beschneidung eines der allerwichtigsten Rechte des Volkes hingewiesen zu haben, und die lahme Ableugnung, die diesen Mittheilungen von einer mitunter zu halbamtlichen Zwecken benützten Zeitungs-Korrespondenz entgegengesetzt wurde, hat dagegen nicht das Geringste zu bedeuten. Ehrliche konservative Zeitungen gestehen das auch unumwunden zu, so z. B. die ,Berliner Reuest. Nachrichten', die aus ihrer Abneigung gegen das heutige Reichstagswahlrecht gar keinen Hehl machen. Diese Zeitung schreibt zu den Mitlhei- lungen des Herrn Abg. Müller-Fulda: „Wir halten es für dringend nothwendig, daß die Regierung entweder diese Wahlparole des Centrums und der Sozialdemokratie durch eine bündige authentische Erklärung aus der Welt schafft oder aber, wozu freilich viel Muth und Entschlußkraft gehören würde, die Abänderung der Wahlrechtes ihrerseits als Wahlparole aufstellt. Den jetzigen verwirrungstiftenden Treibereien darf nicht länger mit verschränkten Armen zugesehen werden und die Zeit drängt."
Uns sollte es recht sein, wenn die Regierung dem Ruthe der ,Berliner Reuest. Rachr/ folgen wollte. Denn bei Wahlen ist nichts angenehmer, als klare Bahn vor sich zu sehen. Bestehen solche Pläne, dann heraus mit der Sprache. Bestehen sie nicht, oder nicht mehr, dann sollte die Regierung das ebenso klar und unzweideutig sagen, dann würde die Regierung für sich selbst wenigstens von dem Verdachte gereinigt sein, an den verfassungsmäßigen Rechten des Volkes rütteln zu wollen. Dann aber bleiben noch immer die Konservativen, Bund der Landwirthe und Freikonservativen übrig. Und daß diese ebenso, wie sogar ein beträchtlicher Theil
Hohe Ziele.
Roman von L. von Neidegg,
21 ------ (Nachdruck verboten.)
Molsberg begann damit, Hedwig als überflüssige Zeugin fortzuschicken. Nur zögernd folgte sie der Weisung, denn der Mutter Zustand flößte ihr ungewöhnliche Besorgniß ein; der Vater hatte aber eine Art zu befehlen, der man nicht leicht sich widersetzen konnte. „De Mutter ist recht angegriffen," flüsterte sie ihm zu, stellte rasch stärkende Tropfen für sie zurecht und ging dann hinaus in den im Dämmerlicht liegenden Garten.
Sie that einen tiefen erleichternden Athemzug, als sie sich dort allein sah, nichts als den erblassenden Abendhimmel über sich, keine Menschenseele, die sie beobachten konnte, in der Nähe. So tapfer sie sich auch vor der Mutter gehalten, sie fühlte sich wie zerschlagen, ihr Herz quoll über von Bitterkeit. Sie hatte es sich nie gestanden, hatte es wohl auch nicht geglaubt, daß Hardanger ihr theuer geworden; jetzt war unter Schmerzen die Erkenntniß ihrer Liebe in ihr aufgedämmert, und in diese mischte sich ein Leid — das bitterste von allen — daß es ein Unwürdiger, an den sie ihre Gefühle verschwendet! Denn unwürdig war es gewesen, sein Spiel mit ihr zu treiben, unwürdig, sie mit Blicken und Schmeichelworten zu verfolgen, wo er doch der Verlobte einer Anderen war!
Gewaltiger Zorn loderte in ihr auf, als sie das überdachte. Womit hatte sie es verdient, so verächtlich behandelt, als ein Spielzeug angesehen -u werden, gut genug, um einige Stunden der
der Nationalliberalen unser jetziges Reichstagswahlrecht mit scheelen Blicken betrachten, das kann gar keine Ableugnung aus der Welt schaffen.
Wie schon mitgetheilt, äußerte noch in der letzten Woche, in der der Reichstag versammelt war, ein Mitglied der Kartellpartei im Reichstage ganz offen, „diese Neuwahlen werden wohl die letzten sein, welche auf Grund des geltenden Wahlrechts stattfinden". Ganz sicher steht die Behauptung der Deutschen Tagesztg.', daß eine grundsätzliche Aenderung des Reichstags-Wahlrechts bei dem Bund der Landwirthe „entschiedene Gegnerschaft" finden würde, auf sehr schwachen Füßen. Herr Dr. Oertel, der Leiter der ,Deutschen Tageszeitung' hat noch während des letzten Winters in einer Versammlung des konservativen Vereins in Leipzig in einem Vortrage geäußert: „Unser Wahlrecht ist auch kein Ideal und man wundert sich, wie Bismarck dasselbe bringen konnte. Es ist einfach brutal, daß der führende Geist nur soviel Recht hat, wie der blöde."
Zahlreiche andere Beweise gibt es dafür, daß man innerhalb der Karlellparteien jetzt noch genau wie ehedem starke Abneigung empfindet gegen die Erhaltung unseres Reichstags-Wahlrechts, namentlich gegen die geheime Stimmenabgabe. Niemand Geringeres, als Freiherr von Stumm erklärte am 29. Januar 1896 ganz frank und frei in öffentlicher Sitzung des Reichstages unter an- derm: „Ich möchte nur konstatiren, daß ich auf dem Standpunkte stehe: wenn sie alle Uebelstände beseitigen wollen, die mit dem heutigen Wahl- verfahren verbunden sind, daun schaffen Sie die heimliche Stimmabgabe ab . . . Ich halte es für zweckmäßig, daß wir auf die ur- fprünglichen Vorschläge, die Fürst Bismarck 1866 im preußischen Abgeordnetenhause eingebracht hatte, zurückzukommen — d. h. also, das allgemeine Stimmrrcht genau in der Weise beizubehalten, wie es bisher besteht, aber die Vorschrift, welche das preußische Abgeordnetenhaus damals hineingebracht hat, daß man den Zettel verdeckt in die Urne stecken muß, abzuändern. . . . Das Abgeordnetenhaus hat durch die Einfügung der eben von mir bezeichneten Wo.te erst das geheime Wahlrecht eingeführt und hat dadurch meiner Ansicht nach einen Uebelstand geschaffen, der dem ursprünglichen Wahlgesetzentwurf nicht anhaftete . . ."
Klarer und deutlicher kann man sich nicht als Gegner der geheimen Wahl bekennen, als Freiherr von Stumm mit diesen Worten. Warum behauptet also heute Freiherr von Stumm in feinen Wahlreden, daß die Angabe, man wolle die Rechte des Volkes antasten, Schwindel fei? Man ersieht daraus deutlich, was von solchen Behauptungen zu halten ist — nichts. Unsere Wähler sollten am 16. Juni keinem Wahlbewerber ihre Stimmen geben, der nicht ganz klipp und klar und in bindender Weise sich verpflichtet, im Reichstage gegen jede, aber auch jede Aenderung unseres Reichstags-Wahlrechtes zu stimmen.
* *
Der ,Reichsanzeiger' schreibt in seinem nichtamtlichen Theile: „In einem Theile der
Langeweile zu vertändeln? Sie hatte ihn ja gemieden und war ihm kalt begegnet; erst sein beharrliches Bemühen hatte sie bestimmt, von ihrer Schroffheit abzugehen, beinahe mit Gewalt hatte er sich in ihr Herz gedrängt — und dabei hatte das seine einer andern gehört! Und sie . . . o, sie erglühte in Scham über sich selbst, welche so erbärmlich war, einem solchen Manne noch nachzuweinen! Das Gesicht in beide Hände gelegt, stöhnte sie tief und schmerzlich auf.
Der Kies knirschte unter den Schritten eines eilig sich Nahmden; sie sah auf, es war Hardanger, der offenbar sie suchte, denn rasch ging er auf fie zu.
Sein Gesicht zeigte tiefe Bewegung; ein Mann les Widerspruches, den jeweiligen Gefühlen sich jingebenb, war er in diesem Augenblicke von überströmendem Mitleid erfüllt. Eben hatte er von Frau Molsberg Abschied genommen und da- 9ei die Empfindung gehabt, als werde er sie nicht mehr wiedersehen. Sein Benehmen gegen Hedwig, voll von zärtlicher Theilnahme, trug den Wider- chein des empfangenen wehmütigen Eindruckes.
„Sie weinen, Fräulein Molsberg?" fragte et mit unendlich weicher Betonunq. „Gewiß sind Sie besorgt um Ihre Mutter. Leider muß ich gestehen, sie scheint mir krank, recht krank; ihre Hand brannte, als sie mir dieselbe reichte, und die wenigen Worte, die sie sprach, klangen so eigenthümlich. Sie versicherte, sie habe mich immer lieb gehabt, weil ich Ihnen das Leben gerettet. Was ist ihr, daß sie irre redet?"
„Sie redet öfters irre bei nervösen Zufällen, aber diesmal ist sie in der That ernstlich krank," bestätigte Hedwig mit bitterem Selbstoorwurf, daß
Presse wird die Nachricht verbreitet, es sei ein Gesetzentwurf betr. die Abänderung des verfaffungsmäßigen Reichstags-Wahlrecht es in Vorbereitung begriffen oder gar schon ausgearbeitet. Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß innerhalb der Regierung keinerlei Erwägungen stattgefunden haben, welche auch nur den entferntesten Anhalt zu dieser Nachricht bieten könnten. Dieselbe beruht somit in ihrem ganzen Umfange auf Erfindung."
Da diese Erklärung sich scheinbar auf eine Mittheilung bezieht, welche Abg. Müller - Fulda im Wahlausschüsse gemacht hatte und die von uns zuerst veröffentlicht worden ist, sehen wir uns veranlaßt, Folgendes festzustellen:
„1) Herr Müller hat von „Erwägungen innerhalb der Regierung" (soll wohl heißen des Bundesrathes?) überhaupt nicht gesprochen.
2) Derselbe hat erwähnt, daß ein d er- artiger Entwurf im Ministerium eines Bundes st aates aus gearbeitet worden sei und die Befürchtung ausgesprochen, daß, wenn die Neuwahlen eine hinreichende „Kartell- Mehrheit" ergeben sollten, das Reichswahlrecht gefährdet sei.
Dies unterliegt auch für uns keinem Zweifel, und das Dementi des .Reichsanzeigers', welches sich auf Angaben bezieht, die gar nicht gemacht worden sind, erscheint demgegenüber völlig belanglos.
Wirkungsvoller wäre es jedenfalls gewesen, wenn die verbündeten Regierungen die Veranlassung benutzt hätten, um zu erklären, daß sie einer Beschränkung des allgemeinen, gleichen, direkten, geheimen Reichstags-Wahlrechtes niemals ihre Zustimmung geben würden."
Immerhin ist es als ein lobenswerthes Entgegenkommen der Regierung anzuerkennen, daß sie diese Erklärung in ihrem amtlichen Organe abgibt, und Niemand braucht nach dieser Erklärung noch Zweifel daran zu hegen, daß es der gegenwärtigen Regierung ernst ist mit ihrer Absicht, an dem Reichstags-Wahlrechte nicht rütteln zu wollen. Leider liegen die Dinge bei uns nicht ss, daß man in der Politik rechnen könnte mit allzu langem Bestände einer und derselben Regierung. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß bet uns Reichskanzler stürzen können über Nacht — oder glaubte man auch nur Wochen vorher daran, daß Graf von Caprivi plötzlich nicht mehr Reichskanzler sein werde ? Graf v. Caprivi selbst ahnte nichts davon. Wohl ober wußten seine Gegner eher als er, daß seines Bleibens im Reichskanzler-Palais nicht mehr lange fein werde. Wo Reichskanzler, Staatsfekretäre und Minister gestürzt werden über Nacht, thut man nicht gut daran, Politik aufzubauen auf dem trügerischen Grunde einzelner Regierungs- Persönlichkeiten.
Solche politische Bauten müssen fester, auf beständigerem Grunde aufgeführt werden; und solchen beständigen, unzweifelhaften Baugrund bietet allein die geeignete Zusammensetzung des Reichstages. Die Kartellmänner wollen großenteils, daß unser Reichstags- Wahlrecht geändert werde. Zugegeben, daß sie mit diesem Willen niemals durchdringen, so lange sie törichten Liebesgedanken nachhängen könne in einem solchen Augenblicke. „Ich will auch sofort zu ihr zurück. Leben Sie wohl, Herr v. Hardanger, leben Sie wohl und reisen Sie glücklich."
„Ist das Alles, was Sie mir zu sagen wissen? Kein Wort, daß Sie sich freuen, mich in Colmar wiederzusehen? Daß es Ihnen ein klein wenig leid thut, daß ich gehe?"
„Wenn es Sie freut, so kann ich das hinzusetzen," erwiderte sie eiskalt.
Er sah sie vorwurfsvoll an. „So nicht, so nicht! Was ist nur mit Ihnen? . . . Ich hatte gehofft, ich fei Ihnen nicht ganz gleichgiltig geblieben," fuhr er leidenfchaftlich fort, einer unbezwinglichen Wallung nachgebend; „ahnen Sie denn nicht, was ich für Sie empfinde, was Sie mir geworden sind?"
Sie trat zurück, die großen Augen sandten Blitze. „Wie, Sie unterfangen sich, so mit mir zu reden, Herr von Hardanger? . . . Sie, der Verlobte einer Anderen?"
„Ich?... Verlobt? Warum nicht gar! Außer mit Ihnen, wenn Sie mich nicht zurückweisen." „Beleidigen Sie mich nicht durch schlechte Witze. Sie sind mit Fräulein von Uhlefeldt so gut wie verlobt. Ihre eigene Mutter sagt es."
„Es ist nicht wahr... wird nie wahr werden! Hedwig, ich liebe Sie, Sie allein! Können Sie mich nicht ein bischen lieb haben?"
Sie zuckte zusammen in sprachlosem Entzücken: ein Freudenstrahl überflog ihr Gesicht, dunkle Gluth loderte auf ihren Augen.
Ohne daß sie ein Wort erwiderte, hatte er in ihrem Herzen gelesen und wollte sie jubelnd an sich ziehen — da klang ihres Vaters Stimme,
25. Jahrgang.
Fürst zu Hohenlohe Reichskanzler ist — wer sag uns, was dann werden würde, wenn eine Kartell-Mehrheit des Reichstages eine Aenderung des Wahlrechtes beschließt und ein anderer Mann an die Stelle des Fürsten Hohenlohe getreten ist?
Also: Die Erklärung der Regierung im ,Reichsanzeiger' ist an sich lobenswert und erfreulich. Aber für die fernere Zukunft kann sie nicht im geringsten als Bürgschaft angesehen werden dafür, daß unserReichstags- Wahlrecht unangetastet bleibt. Eine solche Bürgschaft bietet uns in der ganzen notwendigen Festigkeit und Zweifellostgkeit nur und allein nur eine geeignete Zusammensetzung des Reichstages; und darum rufen wir unseren Wählern stets von Neuem zu: Prüft die Kandidaten genau und wählt keinen, der nicht ganz feste Erklärungen abgibt über seine Stellung zum Reichstags-Wahlrechte.
Deutsches Deich.
Berlin, 11. Mai.
* Der Kaiser hörte, wie aus Schloß Ur- ville gemeldet wird, gestern Nachmittag die Vorträge des Vertreters des Auswärtigen Amts, Gesandten Grafen Wolff-Metternich und des Chefs des Ingenieur- und Pionier-Korps, Generals Vogel v. Falckenstein. Am Abend empfing er den deutschen Botschafter in Paris, Grafen zu Münster. Heute Vormittag nahm der Kaiser die Vorträge des Chefs des Civilkabinets, Wirklichen Geheimen Raths Dr. v. Lucanus, und des Gesandten Grafen Wolff-Metternich entgegen.
* Während des diesjährigen in der Gegend von Minden stattfindenden Kaisermanövers wird das Kaiserpaar für sechs Tage, und zwar vom 4. bis 10. September in Oeynhausen, voraussichtlich in der Villa Strube, Wohnung nehmen. Auch das Gefolge:c. soll am dortigen Orte untergebracht werden. Der Marstall, etwa 120 Pferde, wird nach dem Schützrnhofe daselbst gelegt. Viele Fürstlichkeiten und fremdherrliche Offiziere nehmen in Minden Wohnung, zu welchem Zweck bereits eine Anzahl von Quartieren zur Verfügung gestellt ist. Am 10. September nimmt der Kaiser an dem ihm von der Provinz Westfalen angebotenen Mahle im „Kaiserhof" zu Porta Theil.
O Wir leben gegenwärtig in Gedenktagen ganz besonderer Art — in den Gedenktagen des schwersten und schlimmsten Kulturkampfes. Grade 25 Jahre sind verflossen seit den Tagen, in denen die ersten Waigesetze publizirt wurden. Vom 11. Mai — daran erinnert heute die .Germania' — stammt das Gesetz über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen, vom 12. Mai 1873 das Gesetz über die kirchliche Disziplinargewalt und die Errichtung des Königlichen Gerichtshofes für kirchliche Angelegenheiten, vorn 13. Mai 1873 das Gesetz über die Grenzen des Rechts zum Gebrauche kirchlicher Straf- und Zuchtmittel, und endlich vom 14. Mai 1873 dasjenige über den Austritt aus der Kirche. Diese Maigesetze standen mit der verfassungsmäßig verbürgten Freiheit und Selbständigkeit der katholischen Kirche in unlösbarem Widerspruch. Man suchte anfänglich diesen
die angstvoll: „Hedwig! Hedwig!" in den Garten hinausrief, wie ein greller Mißton in die neu erwachte Glückseligkeit. Sie entzog Hardanger ihre Hand, und ohne aufzusehen, flog sie dem Hanse zu.
In der Mutter Zimmer herrschte rastlose Bestürzung. Schneebleich lag diese bewußtlos auf dem Ruhebett. Ein paar Stubenmädchen, die der Vater herbeigerufen, umstanden sie händeringend und wußten, erschüttert vom Anblick der Kranken, die still dalag, als habe der Todesengel sie schon mit seinen Fittigen berührt, so wenig Hilfe als dieser selbst. Ein heftiger Schüttelfrost, auf den diese Ohnmacht gefolgt, hatte sie gepackt.
Hedwigs Eintritt, die bleich war wie die Kranke selbst, aber ihre Fassung bewahrte, schien den Anwesenden Muth zu machen. Die Stubenmädchen hörten auf zu jammern, legten Hand an und halfen Hedwig, die Mutter in ihr Schlafzimmer bringen, während Herr Molsberg eilte, selbst den Arzt zu holen. Seine unruhevolle Besorgniß ertrug ein untätiges Zuwarten nicht, sondern wollte sich in Liebesdiensten erschöpfen.
Als der Arzt erschien, hatte Frau Molsberg zwar die Besinnung wieder gewonnen, lag aber völlig erschöpft da. Er stellte eine leichte Lungen- Entzündung fest, die aber bei dem zerrütteten Nervensystem, dem von Grund aus geschwächten Organismus allerdings Schlimmes befürchten lasse; dabei verhehlte er nicht, daß der Erfolg der Belebungsmittel, die er verschrieb, ihm recht fraglich scheine.
Die Kranke hatte seine Worte nicht gehört, dennoch war es ihr vollkommen klar, wie es mit ihr stehe. Als ihr Mann erklärte, er wolle die ungeordneten Mittel selbst aus der Apotheke holen.