FuwaerMZeitung
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mit Nntechallungs-Meitage „MuKrirte Sonntags-Zeitungs petersgah'e Nr. 2 (Harmonie).
Jutöa, Dienstag, den 10. Mai 1898
M 105.
25. Jahrgang.
L Aufruhr in Italien.
Das sind nicht mehr Brodkrawalle, die in Italien toben. Das ist vollkommener Aufruhr. Wohl mögen einige der ersten Straßenkundgebungen, namentlich im südlichen Italien, durch die gegenwärtige Theuerung hervorgerufen worden fein; und diese Kundgebungen verliefen dementsprechend auch unschuldig genug. Aber was nach diesen ersten Kundgebungen folgte, das ist die Revolution in aller Form, überlegt nach einem bestimmten Plane, und nur scheinbar angelehnt an die augenblicklichen hohen Lebensmittelpreise. —
In den Kreisen der italienischen Regierung ist man sich dessen auch voll bewußt. „Die Erhebung der Mailänder Ruhestörer . . so läßt sich die halbamtliche ,£>pinione' vernehmen — gilt der monarchischen Staatsform." Und K ö n i g H u m- bert selbst kennt und würdigt die Gefahr, die feiner Dynastie droht. Davon legt Zeugniß eine Rede ab, die er in Turin gehalten hat aus Anlaß einer Erinnerungsfeier, die dort begangen wurde am fünfzigjährigen Gedenktage der Eröffnung des ehemaligen „subalpinen Parlaments". In dieser Rede wendet sich König Humbert an Parlament und Volk mit der Bitte, sich um ihn zu schaaren: „Die Schmerzen — so lautet ein Satz dieser Rede — die ich als Italiener und König in diesem Augenblicke empfinde, werden gemildert durch den Glauben, den wir an die Zukunft des .Vaterlandes bewahren muffen, Die Leiden -es Volkes rufen die Sorge meiner Regierung wach, Aber ich fühle es, das Parlament und das Volk werden sich, wie immer, um mich schaaren, und ich vertraue daraus, daß die Vertherdigung der höchsten nationalen Interessen aufrecht erhalten werden wird."
Am letzten Samstag hat die Ausruhrbewegung in der Stadt Mailand begonnen. Gerade Mailand ist der Hauptsitz der umstürzlerischen Elemente Italiens, das Hauptquartier der Sozialdemokratie; und allem Anscheine nach haben die Aufrührer nach einem bestimmten, von langer Hand vorbereiteten Plane gehandelt. Sonst hätte der Aufruhr unmöglich mit so blitzartiger Geschwindigkeit eine solche Ausdehnung gewinnen können. Alles war auf den Bau von Barrikaden in den Straßen Mailands gerüstet; und innerhalb von 12 Stunden betrug die Zahl der errichteten Barrikaden mehrere hundert.
Anfänglich berichtete der halbamtliche Draht aus Italien, über Nacht fei von dem Militär die Ruhe wieder berge ft eilt worden, und am Sonntag früh habe die Stadt Mailand wieder ein ruhiges Aussehen gehabt. Das war aber nicht wahr. Denn am Sonntag hat es neue Barrikadenbauten und neue Straßenkämpfe gegeben, und wie unheimlich der Regierung dabei zu Muthe geworden ist, das geht daraus hervor, daß eine scharfe Depischen-Censur ausgeübt wurde. Solche Drahtmeldungen, die wahrhaften Bericht erstatten wollten über die Lage und über die
Hohr Ziele.
Roman von L. von Neidegg.
19 ------ (Nachdruck verboten.)
Generalin von Holleben wäre aufrichtig erfreut gewesen, hätte sie im Herzen der Frau von Tennenbach lesen und wahrnehmen können, daß ihre Stichelreden weit mehr Eindruck auf die anscheinend ruhige Frau hervorgebracht hatten, als dieselbe sich merken ließ. Eitele Menschen — und wenn sie noch so stolz auf ihre Umgebung herabsehen — geben viel auf das Urtheil der Welt. Frau von Dennenbach war fo wenig eine Ausnahme von dieser Regel, daß der bloße Gedanke: der Name des Sohnes könne mit dem jenes Mädchens in Verbindung gebracht werden, genügte, um ihr Blut in Wallung zu versetzen.
Die hochfahrenden Pläne, die sie für Hermann gehegt, hatte sie im Laufe der Jahre bedeutend «inschränken müffen, indem sie zu fcharfsichtig war, nicht zu erkennen, daß dieser — klüger als fein Vater, aber eben so wenig tbatenburftig — niemals durch eigenes Bemühen sich emporbringen würde. Das flotte Militärleben gefiel ihm — zu den nöthigen Studien, um ein gefeierter Kriegs Held zu werden, konnte er sich aber nicht entschließen. Deshalb hatte die kluge Mutter auf andere Mittel gesonnen, die ihn mühelos zu jenen Höhen bringen sollten, für welche die eigene Kraft nicht reichte. Da war denn der Gedanke in ihr gereift, ihn mit Martha zu verheirathen, die als Tochter eines Korpsführers, als Enkelin eines Feldmarschalls, ein- flußreicheVerwandte genug besaß, welche dem jungen Offizier zu rascher Beförderung verhelfen konnten.
Straßenkämpfe, wurden von den Telegraphenbeamten nicht angenommen. Aber auf Umwegen sind nun die Berichte doch an die Oeffentlichkeit gedrungen, und diese Berichte geben ein schauerliches Bild von den Vorgängen in Mailand. Hunderte von Barrikaden sperrten die Straßen, auss hartnäckigste vertheidigt von den Aufrührern, aufs hitzigste angegriffen von großen Truppenmaffen, scharf beschoffen von der Artillerie. Die Häuser und ihre Dächer waren dicht besetzt von Aufrührern, die die anrückenden Truppen mit massenhaft berat'« geschleuderten Steinen und Dachziegeln empfingen. Frauen und Mädchen beteiligten sich am aller- leidenschaftlichsten an dem Kampfe gegen die Truppen; sogar Kinder blieben demselben nicht fern. Unter den Leichen der Leute, die von dem Feuer der Truppen getroffen wurden, fand man an der Barrikade an der Porta Tricinese auch die Körper von Kindern, und ein kleiner Junge, den man auf einem Dache beim Steinwerfen erwischte, wurde unbarmherzig niedergeschossen. Noch im Lause des Sonntags beförderte die Bahn bedeutende Truppenverstärkungen nach Mailand. lieber die Zahl der Opfer, die diese Straßenkämpfe forderten, weiß man noch nichts.
Das steht jedenfalls fest, daß die Mailänder Unruhen mit hohen Brodpreisen th ursächlich nichts zu thun haben. In Mailand war gar keine Brodtheuerung, und die Vermu- thung liegt recht nahe, daß die halbamtlichen Drahtmeldungen aus Italien geflissentlich immer und immer wieder von „Brod-Krawallen" berichteten, um den wahren Charakter dieser Volksbewegung so lange als möglich zu verschleiern. Das ging eine Weile; nun aber müssen doch auch die Regierungblätter zugeben, daß es sich weniger um Brodkrawalle handelt, als um einen „Aufruhr gegen die monarchische Staatsform", das kjeißt also um eine Revolution in aller Form.
Nun schießt die Flmte, nun donnern die Geschütze, nun haut der Säbel, und das Straßen- pflafter färbt sich roth von den irregeleiteten Menschen, Männer, Weiber und Kinder, die die Zeit gekommen glaubten, um dem herrschenden italienischen Regimente durch Barrikaden und Steinwürfe den Garaus zu machen. Noch wird diese Zeit nicht gekommen sein. Die rohe Gewalt wird diesmal siegen über die rohe Gewalt, die Truppen der Regierung über die verführten und verblendeten Voiksmasfen. Aber die ganze Bewegung kennzeichnet von neuem die Un sich erbe itundZerfahrenheit der italienischen Verhältnisse, wirft wiederum ein Helles Schlaglicht auf die Sage des modernen Italien: es ist die Lage des erzenen Kolosses auf thönernen Füßen — noch einige solche Stöße, und das moderne Königthum Italien wird zerschmettert am Boden liegen!
△ Die wirtschaftlichen Aufgaben der Stadtgcmcinden.
i.
Jüngst hat Professor D r. Bücher in Leipzig in einem dort veranstalteten „Hochschul-Vorträge für Jedermann" sich in bemerkenswerter Weise Über „Die wirthschastlichen Aufgaben der modernen
Diese Rücksicht allein und nicht Liebe zu dem Mädchen war es, die sie bestimmte, das mutterlose Geschöpf an sich zu ziehen und zu hätscheln. Im Grunde war Martha ihr nichts weniger als ansprechend. Sie kannte das Mädchen genau und ließ sich nicht vom Zauber frischer Wangen, rosiger Lippen und großer, aber ausdrucksloser blauen Augen bestechen, um die geistige Leere, den Mangel an eigenen Gedanken zu übersehen. Es war aber zweckmäßig und ihren Zielen entsprechend, daß diese Heirath stattfinde, darum mußte es geschehen. Von Martha hatte sie keine Durchkreuzung ihrer Absichten zu befürchten, die Kleine fand großes Wohlgefallen an dem schönen Offizier, und es bedurfte nur einer leisen Annäherung seinerseits, damit sie sich ernstlich in ihn verliebe. Auch an Hermann's Einverstandensein mit dem Plane hatte feine Mutter bisher nicht gezweifelt, um so größer war denn ihr Aerger, als Schwierigkeiten sich ihr in den Weg legten, hervorgerufen durch ein Mädchen Namens Molsberg. Sollte sie schließlich eine Niederlage erleben? Nein, solches konnte, durste nicht geschehen!
Während die beschlossene Spazierfahrt ausgeführt wurde und sie mit den daran teilnehmenden Damen sich angelegentlich unterhielt, hatte ihr schlauer Kops unausgesetzt mit anderen Gedanken sich beschäftigt und dabei einen wohl überlegten Schlachtplan sich zurechtgelegt, der, als sie heimkehrte, zur Ausführung kam.
Es war gegen Abend, als sie zu Frau Molsberg sich begab, und zwar allein; sie hatte Martha vorher beauftragt, mit Hermann einige Einkäufe zu besorgen und ihr dann, nach genau bestimmter Zeit, nachzukommen. Unter dem Vorwand, Frau
Stadtgemeinde" (Leipzig, Verlag von Dr. Seele und Co., 30 Seiten, Preis 30 Psg.) ausgesprochen. Während bislang bei der Behauptung dieser wichtigen Frage meistens nur auf die hervorgetretenen sozialen Mißstände im wirthschastlichen und sozialen Leben der modernen Städte hingewiesen und vereinzelte Mittel zur Abhilfe empfohlen wurden, geht der Verfaffer von der Gefchichte der Städtegründungen aus, die in Deutschland zuerst im 10. Jahrhundert begann. Vorher bestanden nur bäuerliche Landgemeinden, welche mit der Seßhaft machung der wandernden Stände entstanden. Sie entwickelten sich aus den durch Blutsverwandtschaft verbundenen Sippen, welche erweiterte Familienverbände darstellten und besaßen zu Anfang den Grund und Boden, die Gemeindemark, gemeinsam. Von den Feldern wurde den einzelnen Familien ein gleicher Antheil zur Be- wirthschaftung überwiesen, während Wald und Weide, Jagd und Fischfang als Allmende den Gemeinde - Mitgliedern mit gleichen Rechten zur gemeinsamen Benutzung freistanden, jedoch nur zur persönlichen Verwendung. Es war also diesen durch die Landgemeinde der Lebensunterhalt garan- tirt. Von einem ähnlichen Gedanken ging die Verfassung der seit dem 10. Jahrhundert gegründeten Stadtgemeinden aus. Dieselben besaßen lange Zeit hindurch fast unbeschränkte politische Seibstständigkeit, vor Allem aber eine ausgeprägte wirthschaftliche Selbstständigkeit. Vornehmlich waren die Städte der Sitz des Gewerbes, das sich in denHandwerktr-Zünften organisirte. Auch diesen meistens aus Handwerkern bestehenden Gemeinde - Mitgliedern war gleichsam der Lebensunterhalt aus dem Gewerbe durch den geschlossenen Markt garantirl. Auswärtigen Händlern und Handwerkern war es nicht gestattet, auf dem Markte oder bei den einzelnen Kunden gewerb- iKpevjrjtugiitffe zu verkaufen. Den meisten Handwerkern war es auch verboten, innerhalb einer bestimmten Umgebung, der sogen. Bannmeile, sich außerhalb der Stadt niederzulassen. Die Preise wurden vielfach durch Taxen von der Gemeinde- Behörde festgesetzt, ebenso für die einzelnen Handwerker die Arbeitszeit, die zulässige Zahl von Lehrlingen nach allgem.in giftigen Bestimmungen. Seit dem 15. Jahrhundert verloren die Städte immer mehr an politischer Unabhängigkeit, am meisten feit der französischen Revolution. Der Staat gewann immer mehr Rechte über die Gemeinde-Verwaltung. Gleichen Schritt damit ging die allmähliche Beseitigung der wirthschastlichen Unabhängigkeit der Städte. Die oben gezeichnete Zunftoerfassung wurde durchgebrochen, und zwar mit unabweislicher Nothwendigkeit, seitdem die Verkehrsmittel verbessert wurden und in Folge dessen der Handel sich ausbildete. Steigender Verkehr und Handel entwickelte das Verlags-Geschäft, welches Handwerker für Massenproduktion beschäftigte, die Manufaktur und später die Industrie. Gleichzeitig bildeten sich aber auch einzelne Städte zu Handels-, Verkehrs- und Industriestädten aus und vergrößerten sich in ungeahnter Weise, besonders seitdem nicht mehr bloß für den inländischen Bedarf, sondern auch für den Weltmarkt produzirt wurde. So begann in der zweiten Hälfte diefes Jahrhunderts eine neue Aera von Städtegründungen. Wäbrend im vorigen
Molsberg nicht lästig fallen zu wollen, hatte sie anfragen (affen, ob jene Stunde ihr auch genehm fei; es lag ihr daran, dieselbe zu sprechen und ihre Mine springen zu lassen.
Durch ihre Anfrage hatte sie die schüchterne Frau, mit deren Gesundheit es in letzter Zeit entschieden schlimmer stand, in nicht geringe Aufregung versetzt. Bei ihrer körperlichen Schwäche äußerte daher der Besuch der vornehmen Frau eine gewaltige Wirkung auf sie. Sie drang in Hedwig, die arbeitend bei ihr saß, alle Zeichen ihrer Thätigkeit fortzuräumen, um nicht etwa Anstoß bei der Weltdame zu erregen.
Mit an ihr seltener Hartnäckigkeit weigerte sich dessen die Tochter. „Wir sind kleinbürgerliche Leute, Mama," sagte sie. „Warum sollen wir uns .dessen auf einmal schämen? Die Frau Baronin muß uns nehmen, wie wir sind . . . Uebrigens," setzte sie mit einem Anflug von Bitterkeit hinzu, „dem späten Besuch nach zu urtheilen, können wir in ihrer Werthschätzung kaum noch sinken."
Sie setzte ihren Willen durch und war eifrig mit einer Näharbeit beschäftigt, als Frau von Tennenbach hereinrauschte, überwältigend stattlich neben der zum Schatten abgezehrten Frau Molsberg, stolz anzusehen in ihrem anscheinend einfachen, beim allerersten Schneider gefertigten Kleid.
Sie trat mit jener herablassenden Freundlichkeit auf, die unangenehmer berührt als unverfälschte Grobheit, weil man ihr gegenüber wehrlos ist.
Nachdem sie allerhand Dinge berührt, immer in der gleichen nachlässig vornehmen Weise, hielt sie es für an der Zeit, ihrem Ziele zuzusteuern. Sie scheute sich nicht, sich eine kleine Abweichung von der Wahrheit zu gestatten, indem sie erwähnte.
Jahrhundert etwa 1/< der Bevölkerung in Städten lebte, wohnt heute in Deutschland die Hälfte, in England mehr als 8/s der Bevölkerung in Städten. Um Anfang des Jahrhunderts hatte das jetzige deutsche Reich 2 Städte mit mehr als 100,000 Einwohner (Berlin und Hamburg); um 1850 waren es 5, 1875 12, 1895 28, darunter eine mit l2/s Millionen und 9 weitere mit je 1I& bis 2/3 Million. Dadurch wurde das Gemeindeleben in kurzer Zeit umgewandelt. Manche Aufgaben früherer Zeit fielen den Stadtgemeinden in Folge der wirthschastlichenAenderungen aus den Händen und neue, bisher unbekannte bildeten sich schnell heraus.
Der plötzliche Zuwachs der Stadtbevölkerung kam hauptsächlich vom Lande, so daß heute 3/5 bis 2/s der Bevölkerung der größeren Städte nicht Eingeborene, sondern Zugewanderte sind, meist den ärmeren Klassen angehörend. In Folge des beschränkten Wahlrechtes bleiben 3k bis 4/s der gefammten Stadteinwohner vorn Wahlrechte der städtischen Vertretung ausgeschlossen, während sie zur Pflicht, Steuern zu zahlen für die Bedürfnisse der Stadtgemeinden, in vollem Maaße herangezogen werden. Dadurch ist einer kleinen Minderheit, welche sich aus den besitzenden Klassen bildet, die Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten der Stadtgemeinde in die Hände gegeben. Diese Minderheit hat bei dem gewaltigen Unterschiede in den Einkommenverhältnissen und den infolgedessen sich bildenden, immer schärfer getrennten gesellschaftlichen Schichten, deren Glieder zudem fast wie Fremde nebeneinander wohnen, immer mehr das Gefühl verloren, daß die Stadtgemeinde die Interessen aller Einwohner gleichmäßig wahrzunehmen und die Veranstaltungen der Stadtgemeinden so auszubauen und zu verwalten hat, daß damit den Bedürfnissen aller, vor allem aber der Mtnver> begüterten gedient ist. Es ist eine allgemeine Klage, daß in den städtischen Vertretungen es so sehr an sozialem Sinne fehlt, und immer mehr private Interessen der Besitzenden, die den Interessen der überwiegenden Minderheit entgegenstehen, Einfluß gewinnen. Noch mehr aber ist in den letzten Jahrzehnten in der Verwaltung der Stadtgemeinden dadurch gefehlt, daß die schnell anwachsenden Städte die neuen hervortretenden w'rthschaftlichen Bedürfnisse nicht rechtzeitig erkannt haben und, wenn biefelben endlich befriedigt werden mußten, in einer dem Gemeinwohle nicht entsprechenden Weise eine Lösung haben finden können. Die Anlage neuer Stadt- theile, Entwerfung von Bauplänen, die Aufstellung von Bauordnungen hat das größte Wohnungselend aufkommen und unter einem förmlichen Wohnungswucher sich zum größten fozialen Mißstände ausbilden laffen. Die Herstellung von Gas-, Wasfer-, Elektrieitätswerken, von Straßenbahnen, wurden fast ausschließlich privat - wirthschastlichen Unternehmungen überlassen, die die Befriedigung der Gemeindededürf- niffe oft schrankenlos zu ihrem eigenen Nutzen ausbeuteten und dabei benfetben oft in unge- nügenber Weise nachkamen, abgesehen.davon, daß die Städte sich die werthvollsten Einkommenquellen entgehen ließen. Auch die in großen Städten unentbehrliche Arbeitsvermittlung wurde
ihre Nichte käme erst in einem Weilchen nach, weil sie sich noch einen Reifeproviant an Bozener Konfitüren hole. Hermann habe sie auf diese Spezialität aufmerksam gemacht und es sich nicht nehmen lassen, sie bei der Besorgung mit feinem Rath zu unterstützen. „Er kennt übrigens Martha's Geschmack so gut, daß er füglich die Auswahl auch ohne sie hätte treffen können," fügte sie als letzten Trumpf hinzu. „Es nutzte aber nichts, sie mußte mit."
„Fräulein von Tennenbach ist wohl in Ihrem Hause ausgewachsen, Exzellenz?" fragte Frau Molsberg. „Da lernt man dann den gegenseitigen Geschmack kennen."
„Fräulein von Uhlefeldt, wollen Sie sagen; ihre Mutter war Kousine meines Mannes. Nein, das ist sie eigentlich nicht, bei jungen Leuten genügt aber oft ein kurzes Beisammensein, um sich in der Beziehung genau zu unterrichten."
Das vielsagende Lächeln, das die Worte begleitete, gab benfelben eine nicht mißzuverstehende Bedeutung.
„Ein Brautpaar also?" Der kranken Frau ohnehin leise Stimme klang kaum hörbar.
„Noch kein erklärtes," erwiderte die Baronin mit größter Unverfrorenheit, „jedenfalls nicht weit davon."
Wenige Augenblicke später ging die Thüre auf und Martha trat ein, rosig, rundlich und vergnügt. Sie wurde bekannt gemacht und hatte ihr gleiches stereotypes Lächeln für Frau Mols- berg wie für Hedwig. Zum Aerger ihrer Tante sah sie in ihrem auffälligen, übereleganten Anzug mit ihrem unruhigen Wesen wie eine kleine Kammerzofe aus neben der schlanken, einfach und