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Fuldaer M Zeitung

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M 104

JuLöcr, Montag, den 9. Mai 1898

Jahrgang.

Verantwortlich: Lnr die Redaktion Ios. Baum, für Inserate I. parzeller in Snlda.

abgebrauchten Redensart schafft man diese Mit- theilungen natürlich nicht aus der Welt; noch dazu nicht durch eine Erklärung in einem Organ, das so außerordentlich wenig in dem Ruse der Zuverlässigkeit wie die ,Berliner Politischen Nach­richten' des Herrn Viktor Schweinburg. In diesen befindet sich nämlich die erwähnte Ab­leugnung. In einer so wichtigen Sache müßte man schon andere Leute oder andere Organe sprechen lassen, wenn die Ableugnung Zugkraft gewinnen soll. (Im vorliegenden Falle hilft alles Ableugnen nichts, denn was wir in unserem Berichte über die Rede des Abg. Müller gesagt haben, ist wahr und unbestreitbar. D. Red.)

gedachte, war er nicht wenig erstaunt, dort einen Mann vorzufinden, der, in einem Lehnstuhle aus­gestreckt, gemüthlich las.

„Was unterfangen Sie sich?" fuhr er jenen an, worauf der Mann sich erhob und versicherte, in seinem Eigenthume sich zu befinden. Nun erst wurde dem Zerstreuten klar, daß er zu seinem Zimmer-Nachbar Molsberg, statt in das eigene Zimmer gerathen sein müsse. Er nannte seinen Namen, entschuldigte sich und fragte, ob es nicht etwa Herr Molsberg sei, den er auf so unange­nehme Weise gestört habe.

„Also wirklich, Herr Molsberg!" rief er, als jener die Frage bejahte, und streckte ihm freund­lich die Hand entgegen. „Ich freue mich, Sie endlich kennen zu lernen; ich hatte schon gefürch­tet, Ihr Unwohlsein würde mich verhindern, Ihnen persönlich für all' die Güte zu danken, welche Sie meinem Sohne bewiesen haben."

Und wie um die Unfreundlichkeit seiner Frau gut zu machen, setzte er sich zu Molsberg und knüpfte ein Gespräch mit ihm an.

Wie sonderbar der Mann doch war, dachte er bei sich. So scheu und unruhig, ganz anders, als er den Vater jener Tochter zu finden erwar­tet. Zugleich, je länger er sich mit ihm unter­hielt, desto mehr war es ihm, dem scharfen Physiog- nomiker, als müsse er demselben schon einmal be­gegnet sein. Die feurigen Augen, welche aus dem 'lassen Gesichte heroorleuchteten, hatte er sicher chon irgendwo gesehen. Auch die süddeutsche Aussprache erinnerte ihn an längst vergangene Tage, in denen er dieselbe bei seinen Studien­genossen öfters gehört hatte. Er fragte Mols­berg, ob er je in H. studirt, und wunderte sich

macht, soll nicht auf Grundsätzen beruhen, sondern nur auf Rücksichten und Erwägungen der Taktik, des Parteivortheils! Aber es verräth eine rührende Unkenntnis der wahren Thatsachen, wenn man ganz erstaunt ausruft: Wie kommt es, daß das Centrum die Sammlung nicht mitmachen will — man rechnet ja auf die Mitwirkung des Cen-

!trums! Ja, freilich rechnet man. Aber daß man sich dabei verrechnet hat und fortgesetzt ver­rechnen wird, diese nunmehr, doch längst offen­kundige Thatsache scheint die ,Nation al-Zeitung' gänzlich verschlafen zu haben. — Mit Genug- thuung, hebt die freisinnige ,Vossisch e Zeitung' hervor, daß das Centrum in seinem Wahlauf­rufe betont, es werde alle Angriffe auf die Rechte des deutschen Volkes und seiner Vertreter, insbesondere auf das allgemeine, gleiche, un­mittelbare und geheime Wahlrecht entschlossen zurückweifen. Und damit hat das genannte frei­sinnige Blatt wirklich einen der wichtigsten Punkte des Centrums-Aufrufes herausgefunden! — Das leitende Blatt des Bundes der Land- wirthe, die ,Deutsche Tageszeitung', hebt den Satz hervor, daß das Centrum in einem Aufrufe sich auch „gegen den Konservatis­mus wendet, welcher einer einseitigen Jnteressen-Politik sich nicht versagt und sein Ziel in der Beschränkung der Freiheiten und der Rechte des Volkes sucht". Dahinter sucht die ,Deutsche Tageszeitung' als Grund „wahlaktische Rücksichten". Nun, wir hoffen zuversichtlich, daß der Deutschen Tageszeitung' recht bald die Augen aufgehen mögen und sie erkennen möge, daß auch das keine hohle Wahlphrase, sondern voller Ernst bei der Centrumspartei ist. Aber so verräth man sein böses Gewissen, nicht wahr, ,Deutsche Tageszeitung'?

* An dem JestmaHle, zu welchem der Kaiser am Freitag die Reichstagsabgeordneten eingeladen hatte, haben gegen 200 Abgeordnete theilgenommen, außerdem auch die zur Zeit in Berlin anwesenden Prinzen des königlichen Hauses, die Bevollmächtigten zum Bundesrath, die Mit­glieder des preußischen Staatsministeriums, die Ritter des Schwarzen Adlerordens, die obersten Hofchargen, die beiden Kabinetschefs des Kaisers und die Generalität und Admiralität. Der Kaiser unterhielt sich während der Tafel auf das Lebhafteste mit den ihm zunächst sitzenden Herren und trank denselben wiederholt zu. Beim fünften Gange erhob sich der Kaiser zu folgendem Trink­spruch auf das deutsche Vaterland und das deutsche Volk:

Es ist Mir ein tief empfundenes Bedürfniß, ehe Sie scheiden, Ihnen nächst dem Danke des Kaisers, den Ich Ihnen heute abgestattet habe, auch den Dank des Sohnes und vor allen Dingen Meiner Kaiser­lichen verwittweten Mutter auszusprechen für den schönen Entschluß, für die Gabe, die Sie uns entgegen­gebracht haben, für das Denkmal Meines hoch­seligen Herrn Vaters. Sie haben uns dadurch in die Lage gesetzt. Mir die Aufgabe zu erleichtern, Sohnes- pflichten zu erfüllen und Meiner Mutter die Freude zu bereiten, ihr Kunstverständniß in der Ausführung dieses schönen Werkes zu bethätigen.

Ich habe die Ueberzeugung, daß, wenn Sie nun heimgehen, ein Jeglicher zu seinem Herde und zu Ihrer ver­schiedenen Hantirung, die Herren alle dessen gewiß sein werden, daß Meine Räthe und Ich redlich bemüht sind, auf den Bahnen weiterzuwandeln, die uns der große Kaiser vorgeschrieben hat, dessen hehres Antlitz nunmehr seit Kurzem zu diesem Saale hineinblickt.

Zur UeichstagSMahl.

Irrkda, 9. Mai. Die Versammlung der Vertrauensmänner des Wahlkreises Fulda- Gersfeld-Schlüchtern behufs Aufstellung eines Kandidaten der Centrumspartei für die bevorstehende Reichstagswahl wird voraussichtlich am Freitag den 20. Mai im großen Saale der „Harmonie" abgehalten werden. Die Ver­trauensmänner werden zu dieser Versammlung, wie das auch bei der letzten Wahl geschehen ist, vom Wahlausschüsse schriftlich eingeladen.

* Eine Nachricht, die allgemeines und tiefes Bedauern in allen Centrumskreisen Hervorrufen muß, bringt die ,Köln. Volkszeitung': Danach hat IreiHerr von Mnok bestimmt erklärt, daß er kein Mandat zum Reichstage mehr annehmen will.

I zu ihnen, da er herausgefunden, daß Hedwig eine seltene Unterhaltungsgabe besaß und Hermanns Schwärmerei, wenn sie wirklich bfftand, ihm sehr erklärlich schien. Er scheute sich auch gar nicht, vor seiner Frau es unverhohlen auszusprechen, daß er großes Wohlgefallen an dem Mädchen finde.

„Du könntest sie recht wohl besuchen, Clotilde, statt sie so auffällig zu mißachten; es sind durch­aus anständige Damen."

„Anständig ist meine Kammerjungfer auch!" war die hochfahrende Antwort.

„Frau Molsberg ist eine anspruchslose, durch den Ausdruck der Herzensgüte gewinnende Frau; die Tochter ist aber geradezu ein geistvolles Mädchen."

„Du wirst mir gestatten, meine Bekannten nach eigenem Ermessen zu wählen," antwortete sie spitz, und er hatte sich im Stillen gewundert, wie es möglich sei, daß eine unleugbar kluge Frau in vielen Dingen so überaus kleinlich sich zeigen könne.

5.

Der letzte Tag des Aufenthaltes in Gries war für die Tennenbach'fche Familie herangekommen. Die Freifrau hatte mit einigen Bekannten eine Partie unternommen, und wie gewöhnlich hatte ihr Mann es abgelehnt, daran theilzunehmen. Seine Liebhaberei waren einsame Spaziergänge; er hatte den Heißhunger nach frischer Luft und Naturgenuß, wie ihn nur solche kennen, die, auf dem Lande aufgewachsen, später durch Berufs­geschäfte in Städten sich festgehalten finden.

An diesem Tage hatte sein Spaziergang sich weit ausgedehnt, und ziemlich ermüdet kehrte er von demselben zurück. In sein Zimmer eingetreten, in dem er einige Stunden ungestört auszuruhen |

Deutsches Deich.

93erltn, 7. Mai.

* Zu dem Wahlaufrufe des Keutrums, der sich durch Mäßigung und Vollendung der Sprache, Sachlichkeit und Vollständigkeit in der politischen Beweisführung und Offenheit und Auf­richtigkeit in der Darlegung vor den Wahlauf­rufen anderer Parteien vortheilhaft auszeichnet, liegen bis jetzt naturgemäß erst wenige Aeußer- ungen der Presse vor. Aber aus diesem Wenigen fühlt man schon jetzt klar und deutlich heraus, daß der Aufruf ringsum bei allen anderen Par­teien seinen Eindruck nicht verfehlt hat. In sicht­licher Verlegenheit befindet sich dem Aufrufe des Centrums gegenüber das sozialdemokratische Berliner Centralorgan, der .Vorwärts'. Und da das Blatt sachlich nichts gegen den Aufruf vorbringen kann, nimmt es seine Ausflucht zu rohem Schimpfen. „Seine (des Centrums) alte Devise, unter der es wieder in den Wahlkampf zieht, ist nichts, als ärgste Heuchelei und man sollte dafür schreiben: Für Unrecht, Ver­dummung und Volksoerrath." Diese Be­schimpfungen seien hiermit niedriger gehängt, damit Alle sie genau sich ansehen können. Daß das Centrum seine Anträge zur Bekämpfung der Unsittlich keit, die sogenannte lex Heinze einbrachle, deutet das leitende sozialdemokrasische Organ so, daß es schreibt: „Es (das Centrum) hat ein Umsturzgesetz verlangt, welches die völlige Ausrottung der Denk- und Preßfreiheit bezweckte (!!)......" Also

Kampf gegen die Unsittlichkeit ist der Sozial­demokratie gleichbedeutend mit der Bekämpfung der Denk- und Preßfreiheit — „das läßt tief blicken," hätte „Genosse" Sabor gesagt. Natür­lich fehlt auch diesmal nicht die alte Redensart von dem „Verräth der Volksrechte". Aber diese Phrase ist längst viel zu sehr abgebraucht, als daß sie noch, in diesem Sinne gebraucht, Eindruck machen könnte. „Grade die ’ Vertheidigung der kirchlichen Rechte und die Wahrung der politischen Freiheiten" stellt der Aufruf des Centrums ja in erste Linie; und grade wegen seines Eintretens für alle verfaffungsmäßigen Wahlrechte muß sich das Centrum von den Konservativen immer und immer wieder sagen lassen, es sei „zu demo­kratisch". — Der nationalliberalen,Natio- nal-Zeitung' sällt es auf: daß der Centrums- Aufruf den Satz enthält: „Die Politik der Sammlung bezweckt die Verdrängung des Centrums aus feiner ausschlaggebenden Stellung im Reichstage." Die ,National-Zeitung' meint:

... diese Behauptung ist willkürlich. Die Politik der Sammlung rechnet sogar auf die Mitwirkung des Centrums....." Wenn

das Centrum, so heißt es weiter, der Sammlung „widerstrebt, so geschieht es aus denselben Be­weggründen, aus denen es dem Bunde der Land- wirthe sich entgegenstellt: es will die Geschlossen­heit der Partei und Fraktion wahren". Echt nationalliberal gedacht: die Politik, die man

Ich kann Ihnen auf Ihre Heimreise nur den einen Wunsch und die eine Bitte mitgeben, aus eigener Er­fahrung gegründet, daß so wie dieser große Kaiser seine ganze Stärke und seine ganze Kraft empfand aus seinem Berhältniß, seiner Verantwortlichkeit zu seinem Gott, desgleichen ein Jeder unter Ihnen, er mag sein wer er sei, hoch oder niedrig, von welcher Kon­fession auch immer, sich klar sein muß, daß bei dem, was Ihnen bevorsteht, bei der Arbeit, die Sie in diesem Jahr zu thun gedenken, ein Jeder von Ihnen seine Aufgabe so auffasse, daß,wenn er dereinst zum himmlichen Appell berufen wird, er mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen alten Kaiser treten kann. Und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er aus seine Brust schlagen und offen sagen darf: Ja!

Aus derselben Quelle, aus der Mein Her'' Groß­vater zu seinem Thun und Schaffen, Mein Herr Vater zu Seinen Siegen und Leiden die Kraft schöpfte, schöpfe auch Ich sie, und Ich gedenke, Meinen Weg weiter zu wandeln und das Ziel, dajs Ich Mir gesetzt habe, weiter zu erreichen, in der Ueberzeugung, die Ich auch Ihnen Allen nur ans Herz legen kann, die für uns, für einen jeden Menschen die maßgebende sein muß: Eine feste Burg ist unser Gott! In hoc signo vinces!

Und nun wollen wir Alle dem, was unser Herz bewegt, Ausdruck geben, indem wir rufen: Unser ge­liebtes deutsches Vaterland, unser herr­liches deutsches Volk, das Gott erhalten und schützen möge, hoch! — hoch! — hoch!

In den Aeußerungen der Presse gelangt fast durchweg die Befriedigung über die herzliche Art und Weise zum Ausdruck, wie der Kaiser den Mitgliedern des Reichstages gegenübergetreten ist, und über die frischen kräftigen Worte, mit denen der Kaiser in seiner Rede das deutsche Volk feierte als ein herrliches Volk. Nach Aufhebung der Tafel begab sich gegen 8ffz Uhr der Kaiser nach der anstoßenden Bildergalerie, wo der Oberst­kämmerer Herzog zu Ujest und die Staatssekretäre Graf von Posadowsky und Tirpitz diejenigen Herren vorstellten, mit denen der Kaiser zu sprechen wünschte. Zunächst wandte sich der Kaiser zum Präsidenten Freiherrn von Buol, dann zu dem Grafen Herbert von Bismarck. Es erregte allgemeines Aufsehen, daß der Kaiser mit diesem sich eine halbe Stunde lang eifrig und sichtlich ganz besonders liebenswürdig unter­hielt. Aber kaum weniger Beachtung sand es, daß dann der Abgeordnete Dr. Lieber an die Reihe kam und der Kaiser mit diesem etwa die­selbe !a-:ge Zeit im Gespräch- verweilte. Ver­schiedene Parlamentarier anderer Parteien wurden beobachtet, als sie sich während dieses Gespräches möglichst nahe heranzudrän gen suchten, um einige Worte dieses interessanten Gespräches zu erhaschen. Dann sprach der Kaiser der Reihe nach mit den Herren von Kardorff (freikons.), von Man­teuffel (kons.), Freese (freis. Vereinigung), Freiherr von Stumm, Dr. H ammach er und von Bennigsen (natl.), von Kröcher (kons.) und dem Geistlichen Rath Dechant H a r l (Centr.) aus Dorfen in Oberbayern. Mit diesem unter­hielt sich der Kaiser in ganz besonders liebens­würdiger und herzlicher Weise über das herrliche Land Oberbayern und über den prächtigen Volks­stamm, der dieses Land bewohnt.

x Ein bekannter Offiziosus erklärt, daß die Mittheilungen des Abg. Müller-Fulda, es liege der Entwurf für ein neues Ileichs- tags-Wahkgesetz bereits fertig da, „jeder th at- sächlichen Unterlage entbehren". Mit dieser

Ausland.

* Wie«, 7. Mai. Bei kühlem, regenlosem Wetter wurde um 3 Uhr die Jubiläums-Aus­stellung durch den Kaiser mit einer Ansprache eröffnet. Hunderttausende Menschen bereiteten in den festgeschmückten Straßen, wo 30,000 Vete­ranen und Feuerwehrmänner mit Musik Spalier bildeten und in der Ausstellung dem Kaiser, der in offenem vierspännigen Galawagen langsam fuhr, stürmische Ovationen.

* Druffel, 7. Mai. Als die Königin gestern eine Spazierfahrt im königlichen Park in Lacken machte, stürzte das Fuhrwerk an einer scharfen Biegung des Weges in einen Teich. Die Königin wurde, da sofort Hilfe zur Stelle war, ohne Schaden zu nehmen, aus ihrer kritischen Lage befreit.

* Loudon, 7. Mai. Wie aus guter Quelle verlautet, geht demnächst eine Truppenab-- theilung von 500 bis 700 Mann aus Eng­land nach Sierra Leone. Die französische Westafrika-Gesellschaft, deren Hauptsitz in Liver­pool ist, erhielt Nachmittags ein Telegramm vom Sherbrofluß, welches meldet, die Einge­borenen hätten vier Faktoreien geplündert und mehrere Eingeborene und Beamte der Gesellschaft getödtet.

* Ilom, 7. Mai. Die neuesten Nachrichten bestätigen, daß in P r a t o ernste Ruhestörung en vorgekommen sind. Die Ruhestörer steckten das Oktroi-Bureau am Bahnhofe in Brand und ver­übten außerdem andere Akte von Gewaltthätigkeit. — JnLivorne fanden gestern Nachmittag größere über die Hast, mit der jener, ohne zu antworten, auf Anderes überging. Plötzlich lebhaft werdend, begann er rasch allerlei zu erzählen, dabei be­tonend, wie er einen großen Theil seines Lebens hindurch ein kosmopolitisches Dasein geführt, mit seiner Frau von Ort zu Ort gereist sei. Erst eit deren zunehmender Kränklichkeit, die sie auf raurige Weise an die Scholle gebunden, habe er in Colmar seinen Aufenthalt genommen. Je eifriger er aber in's Reden kam, um so unge­zwungener wurde er in Sprache und Bewegungen, und Tennenbach, der ihm aufmerksam zuhörte und ihn beobachtete, überkam dabei eine Fluth von immer greifbarer werdenden Erinnerungen.

Molsberg hatte die ganze Zeit so gesessen, daß er dem Lichte den Rücken zukehrte, und es vermieden, seine Stellung zu ändern. Plötzlich, ich vergessend, stand er aus, eine Kinder-Photo- zraphie seiner Tochter zu holen, die er Tennen- >ach zeigen wollte, der eben seiner beiden ver- orbenen Töchterchen erwähnt hatte. Die Sonnen- trahlen beleuchteten voll seine Züge, und — scharf abgegrenzt wie eine rothe Linie — kam eine Narbe auf feiner Stirne dadurch zum Vorschein.

Tennenbach war es, als sei ihm ein elektrischer Schlag versetzt worden. Ec stand auf, trat dicht an den alten Mann heran und legte dem ob solchen Thuns sichtlich Erschrockenen die Hand auf die Schulter. Zugleich flüsterte er ihm ein paar leise Worte in das Ohr.

Aschfahle Bläffe überzog Molsbergs Gesicht; er ließ sich auf einen Sessel sinken und hob die dunklen Augen, in denen ein Ausdruck lag wie der eines gequälten, zu Tode gehetzten Wildes,

mit Unterhaltungs-Anlage „Iü'ultrirte Sonntags-Ieitung" Iru<t

Hohr Ziele.

Roman von L. von Neidegg.

------- (Nachdruck verboten.)

Unter diesen Umständen war es nicht zu ver­wundern, daß Tennenbach die Abneigung feiner Frau gegen Molsbergs nicht theilte. Noch ehe beide die Reise nach Gries beschlossen, hatte sie in höchster Entrüstung ihm ihren Verdacht aus­gesprochen, daß Hermann sich dorr in ein „ob­skures" Mädchen verliebt haben könne, wahr­scheinlich in eine Tochter jener Molsbergs, deren er erwähnte. Innerlich empört hatte sie sich ab­gewandt, als ihr Mann ruhig erwiderte: Je nachdem das Mädchen sei, könne Niemand etwas gegen Hermanns Wahl einwenden. Ihm war es unerfindlich, wenn er sich auch hütete, es feiner Frau auszusprecheu, weshalb Hermann nicht ein Fräulein Molsberg heirathen solle. Kühl wie er dieser Angelegenheit gegenüberstand, war es nur möglich, daß er, in Gries angekommen, beschloß, den Molsbergs sogleich einen Besuch zu machen, um ihnen für die dem Stiefsohne erwiesene Freund­lichkeit zu danken; er hielt diese Höflichkeit für um so unerläßlicher, weil er in Folge seiner späteren Ansage der Zimmer-Nachbar der Familie geworden war.

Herr Molsberg hatte sich durch Unwohlsein entschuldigen lasst n, Frau und Tochter traf Tennen­bach aber an, und er nahm einen sehr angeneh­men Eindruck von feinem Besuche mit. So oft er ihnen später im Garten oder auf der Prome­nade begegnete, unterließ er nicht, sie anzusprechen, setzte sich auch wohl ein oder das andere Mal