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mit Anterhaktungs-Aeitage „Zlluflrirte Sonntags-Zeitung"

M 101.

JuLöa, Donnerstag, den 5. Mai 1898

25. Jahrgang.

Deutsches Kerch.

Berlin, 4. Mai.

h. Nun ist auch der konservative WaHk- ausrnf erschienen. Er hat einen Vorzug vor andern: er ist kurz und bündig abgefaßt und sucht andern nicht etwas vorzutäuschen, was diese doch nicht glauben können. Besonders ge­kennzeichnet ist der Aufruf durch die Forderung, die Sozialdemokratie mit allen Mitteln der staatlichen Macht zu bekämpfen, zu unter­drücken. „Wir bekämpfen — so sagt der Wahl­aufruf —- demagogische Umtriebe jeder Art, welche darauf hinarbeiten, die Gesinnung weiter Kreise unseres Volkes durch Lug und Trug in Wort und Schrift irre zu leiten und zu vergiften. Wir erachten es als eine Hauptaufgabe der nationalen Politik, daß der Kampf gegen die Sozialdemokratie in aller Schärfe ge­führt werde, und fordern, daß dem Treiben ge­werbsmäßiger Agitatoren, die jede göttliche und weltliche Autorität untergraben, und auf die Zer­störung der christlichen Gesinnung im Volke hin­arbeiten, durch weiteren Ausbau der Gesetzgebung im Sinne der allerhöchsten Botschaft vom 18. November 1881 sowie durch energische Handhabung staatlich er Machtmittel ent­gegentreten werde." Davon aber, daß es die Pflicht christlicher Gesinnung ist, nach der Ausgleichung der bestehenden wirthschaftl. Gegensätze zu streben und nachMitteln zu suchen, welche die soziale Noth lindern könnten, steht kein einziges Wörtchen in dem kon­servativen Wahlaufrufe. Der Wahlaufruf ent­behrt jedes, auch des kleinsten versöhnlichen Charakterzuges. Und so hebt er auch mit beson­derer Schärfe den handelspolitischen Standpunkt der Konservativen hervor. „Wir werden," so versichert er, „Handelsverträgen, welche auf Kosten derLandwirthschäft einzelnen Ex­port-Industrien Vortheile zuwenden, keinesfalls unsere Zustimmung geben." Auch von der Gleichberechtigung der Konfessionen schweigt der konservative Wahlaufruf vollkommen. Und ebenso findet man nicht ein Wörtchen von einer Versicherung darüber, daß die Konservativen das Reichstags-Wahlrecht anerkennen wol­len. Nach allem Vvraufgegangenen hätten sie darüber unbedingt etwas in ihrem Wahlaufrufe sagen müssen, wenn ihr Gewissen in diesem Punkte ganz rein wäre. Aber das ist ganz augenschein­lich nicht der Fall. Und darum muß man äußerst vorsichtig sein gegenüber der Wahlfreundschaft der konservativen Partei. Die Freundschaft könnte gefährlich wer­den trotz einiger Berührungspunkte, die Centrum und konservative Partei mit einander auf volks- wirthschaftlichem und namentlich auf landwirth- schaftlichem Gebiete haben. Am besten, jeder bleibt sür sich allein.

* Die Seelsorge der Marine betr. wird der ,Kölnischen Volksztg.' geschrieben: „Gelegent­lich der Ausführung der letzthin bewilligten Flotten­vorlage dürfte auch der sehr berechtigte Wunsch aller deutschen Katholiken wohl Berücksichtigung finden, daß etwas mehr für die Seelsorge der Marinesoldaten gethan würde. Wird zuweilen auch ein Laiengottesdienst gehalten: fehlt der Geistliche, so kann weder den Pflichten noch auch

Hohe Ziele.

Roman von L. von Neidegg.

15 ------- (Nachdruck verboten.)

Einige Zeit war auf diese Weise verstrichen und er war nahezu wieder hergestellt. Ein paar Tage noch und er würde sich frei bewegen können; daß er jetzt noch sich hätscheln und pflegen ließ, war nur mehr eine Art Zeitvertreib, den er sich gewährte, wenn auch seine arglose Umgebung mitleidsvoll an seine Unbehilflichkeit glaubte und ihn dementsprechend behandelte.

So lag er denn wieder still in seinem be­quemen Sessel. Den besten Platz am Fenster hatte man ihm eingeräumt; unbehindert schweifte sein Blick über die sonnenbeschienene Landschaft; freundliche Gesichter sahen zu ihm hin — dem jungen Manne war unendlich wohlig zu Muth. Daß nun bald dies alles vorüber sein, er sein gewöhnliches Leben wieder aufnehmen würde, ließ ihn alle Vorzüge des jetzigen Zustandes doppelt lebhaft empfinden, und es war ein wahr­haft dem Herzen entquollener Ausruf, als er sagte: „Ein Hochgenuß, unvergleichliche Wonne ist es, so hier zu liegen!"

„Sie find wahrhaft ein Muster-Patient!" meinte arglos Frau Molsberg. „Wenige hätten Ihre Geduld."

„Habe ich denn nicht alles, was ich wünschen kann? Liebenswürdige Gesellschaft, eine Cigarre zwischen den Lippen, die mir Ihre Nachsicht ge­stattet, Frau Molsberg, eine Limonade zur Hand, wie nur Fräulein Hedwig sie zu bereiten ver­steht. Dabei einen tiefblauen Himmel über mir.

den Bedürfnissen der Katholiken Genüge ge­schehen. Wie armselig es aber in Beziehung auf die Seelsorge bei der Marine bestellt ist, geht aus der folgenden kurzen Statistik hervor. Nach dem Gothaer Hofkalender gehören zur Marine 24076 Mann, welche sich auf 91 Schiffe oder Fahrzeuge vertheilen. Darunter werden neben anderen als Seeoffiziere notirt 787 und als Aerzte 122. Im Durchschnitt kommen also auf jeden Seeoffizier in runder Zahl 30 Mann und auf jeden Arzt 200 Mann. Demnach ist für die disziplinäre Ordnung und Verwaltung, wie auch für die körperliche Gesundheit und Pflege gut gesorgt. Schaut man aber des Näheren nach, wie es mit der Seelsorge bei der Mannschaft, besonders bei den Katholiken, bestellt ist, so erfährt man aus Kürschners Staatshandbuch vom Jahre 1897, daß für die ganze katholische Mannschaft der Marine sage und schreibe zwei katholische Stationspfarrer angestellt sind, welche sich in Kiel an der Ostsee und in Wilhelmshaven an der Nordsee befinden. Ein derartiges Verhältniß ist für einen christlichen Staat durchaus beschämend; die Katholiken können das nur schmerzlich be­dauern. Erwägt man noch dazu, daß verschiedene Schiffe Jahre lang in den auswärtigen Gewässern Ostasiens, Afrikas und Ozeaniens sich aufhalten, wo von einer religiösen Pflichterfüllung, wie sie für Katholiken sich gehört, keine Rede sein kann, und wo manche Soldaten vom Fieber oder andern Krankheiten und Unglücksfällen durch einen frühen Tod dahingerafft werden, so wird die Lage noch ungleich betrübender, und deshalb verdient dieser große Mißstand eine baldige und gründliche Abhilfe." Von anderer Seite wird der ,K. V.' mitgetheilt, daß den bisherigen Truppentransporten nach Ki aut schon keine Militärgeistlichen zur Begleitung mitgegeben worden sind, wenigstens keine katholischen, obwohl sich unter den betreffen­den Truppen eine ansehnliche Zahl katholischer Mannschaften befand. England forgt in dieser Beziehung weit besser. Vor Abgang eines jeden nach Indien oder sonst einer englischen über­seeischen Kolonie bestimmten Truppentransportes setzt sich die Admiralität zeitig mit Herrn Kar­dinal Vaughan ins Benehmen und ersucht ihn um Mitgabe eines katholischen Seelsorgers in allen Fällen, wo auch katholische Mannschaften mit­reisen, was durch die Iren vielfach der Fall ist. Der betreffende Geistliche kehrt in der Regel mit demselben Truppen-Schiff wieder zurück und er­hält für die ganze Zeit in der englischen Marine Hauptmannsrang und entsprechende Bezüge.

h Nach einer halbamtlichen Mittheilung wird gegenwärtig im preußischen Finanzministerium die Frage von der stärkere« Nesteuerung der große» Mazare bearbeitet. Demnächst soll dann zur Förderung derselben eine Konferenz aus den Kreisen von Kommunalbeamten und der be- theiligten Kaufleute berufen werden. Am letzten Dienstag empfing der Minister eine Abordnung des Bundes der Berliner Handel- und Gewerbe­treibenden. Die Mitglieder dieser Verordnung haben sich für eine kommunale Besteuerung der Großbetriebe ausgesprochen, verbunden mit einer Entlastung der kleineren Betriebe. Dies entspräche dem Standpunkt, den die Regierung auch im preußischen Abgeordnetenhause vertreten mit einer Sonne, die wirklich wärmt, kein mattes Lämpchen ist wie bei uns, und die schöne Land­schaft als Augenweide! Mich überläuft es kalt, wenn ich denke, wie es ebenso gut hätte sich ügen können, daß ich in der Kriegsakademie äße."

„Das ist nun wohl ins Unbestimmte hinaus­geschoben?" fragte Frau Molsberg.

„Aufgeschoben, vielleicht auch aufgehoben. Ich glaube, der richtige Zeitpunkt ist verpaßt."

„Das ist traurig," meinte Hedwig.

„Traurig? Warum?"

„Das Fehlschlagen eines Planes kann doch nicht angenehm sein. Thut es Ihnen nicht leid?" Er lachte. „Sehe ich aus wie einer, der sich in Ungeduld verzehrt vor ungestilltem Thaten- drang?"

„Nein. . . aber..." Sie stockte.

„O, reden Sie nur heraus. Ich weiß, es kommt eine bittere Pille. Her damit!"

„Jawohl, damit Sie wieder sagen können, an mir sei eine Gouvernante verloren gegangen?"

„Ich werde gar nichts sagen. Bitte, vollenden Sie Ihren Satz."

„Ich wollte sagen: Sie sähen doch nicht aus, wie einer, der sein Leben vertändeln will."

„Danke. Ich habe aber nun einmal die An- icht, daß, so lange mir die Weise zusagt, in der ich lebe, es gleich ist, ob ich mich nützlich, un­nütz, ein wenig oder gar nicht beschäftige. Ist das nicht richtig?"

Sie nahm ihre Arbeit wieder auf, erwiderte aber nichts.

„Möchte wohl wissen, was Sie jetzt denken!" rief er heiter. „Schmeichelhaft für mich wird es

hat. Diese Anschauungen entsprechen bekanntlich nicht den Ansichten der Mehrheit des Abge­ordnetenhauses. Dieses hat sich klar und un­zweideutig für eine Besteuerung der Großbazare von Staatswegen oder noch besser, für eine reichsgesetzliche Regelung dieser Frage ausge­sprochen.

* O«te IlatHschkäge für WaHtversamm- tttttge» ertheilt der.Vorwärts'. Dieselben sind auch für andere Parteien zu empfehlen und gehen dahin, „dafür zu sorgen, daß auch vor Beginn der Versammlungen durch Oeffnen der Fenster und der Ventilation für frische Luft gesorgt und zu dem gleichen Zweck das Rauchenvon vornherein untersagt wird. Weiter em­pfiehlt sich, den Rednern einen Platz anzuweisen, von dem aus sie mindestens einen bis anderthalb Meter über den Köpfen der Versammlung stehen, damit sie den Saal übersehen und von allen Versammelten gesehen werden können, was das Reden und das Verstehen erleichtert und zu der größeren Ruhe in den Versammlungen beiträgt. Ferner empfiehlt sich, für die Redner ein Glas Wasser oder dergleichen bereit zu halten, damit ihnen in der Hitze der Versammlungen das Sprechen erleichtert wird."

Aus dem Reichstage.

83. Sitzung vom 4. Mai 11 Uhr.

Am Bundesrathstische: Reichskanzler Fürst Hohen­lohe, Freiherr v. Thielmann.

Zu der heutigen vorletzten Reichstagssitzung waren die Abgeordneten etwas zahlreicher erschienen, als es bei den Sitzungen der letzten Tage der Fall war, denn es galt, als letztes wichtiges Pensum die Militärstrafprozeß- Ordnung in 3. Lesung zu berathen.

Zunächst wurden die aufden internationalen Sanitäts- Konferenzen zu Paris und Venedig getroffenen Ueberein- kommen genehmigt und sodann die Beantwortung der Interpellation Auer und Genossen bezüglich zeitweiliger Aufhebung der Gelreidezölle auf morgen vertagt.

In der Generaldiskussion über die Mil itär straf - p r o z e ß r e f o r m schickten f ämmtliche Parteien ihre Redner noch einmal ins Treffen, wobei stellenweise im heißen Wortkampfe, das Für und Wider noch einmal erörtert wurde.

Die Generaldiskussion eröffnet der konservative Abg. v. Aevetzow, mit der Erklärung, daß seine politischen Freunde trotz mancher Bedenken zum größten Theil für die Vorlage st im men werde, wenn die vorgeschlagenen Kompromiß-Anträge zur Annahme gelangen.

Als zweiter Redner erhält Genosse Irotzme das Wort, um in heftiger Kritck die Vorlage und das Cen­trum anzugreifen, das hauptsächlich die Schuld an dem Zustandekommen einer so reaktionären Vorlage trage Im übrigen hatten die Worte des Genoffen Frohme wohl kaum einen anderen Zweck, als den einer agitato­rischen Wahlrede.

Trotzdem fühlte sich aber sowohl der Kriegsminister v. Hoßker, wie der nationalliberale Abg. Dafferman« veranlaßt, auf die Rede des Abg. Frohme einzugehen und ferne Ausführungen für übertrieben und unrichtig zu erklären. Zudem erklärt Abg. Wassermann, daß die Nationalliberalen für die Vorlage stimmen werden.

Abg. Kautzmann von der süddeutschen Volkspartei erkennt zwar einige Fortschritte in der Vorlage an, hat aber so viele Bedenken gegen einzelne Punkte derselben, daß er und seine Partei nicht für dieselbe stimmen können.

Ihm antwortet nicht ohne Ironie der Centrums- abgeordnete Hröver, indem er bedauert, daß Herr Hauß­mann erst in letzter Stunde das Wort ergriffen und der Kommission seinejMitarbeit entzogen hat. Im übrigen geht Redner in kurzer sachlicher Weise auf die Vorlage ein und sucht zu beweisen, daß die Vorlage wesentliche Fortschritte bringe. Angesichts dieser Vortheile könne er und seine Freunde sich nicht entschließen, trotzdem manche ihrer Wünsche unerfüllt bleiben, die Vorlage abzulehnen.

kaum sein. Rücken Sie aber nur heraus damit."

„Ich muß unwillkürlich an denjenigen denken, der fein Talent vergräbt," erwiderte sie lächelnd.

„Der brave Mann!" neckte er. „Für den habe ich immer besonderes Verständniß gehabt. Wie eben die Dinge lagen, so waren sie dem Biedermann recht; ohne Hast und Drängen ging er seinen Weg, und nie wäre es ihm eingefallen, auf Kosten anderer sein Psund zu vermehren, wie sein Widerpart zweifelsohne gethan. Sie sind gewiß auf meiner Seite, Frau Mols­berg ?"

Frau Molsberg lächelte. Mochte er noch so viel Unsinn reden, er ermüdete sie damit nie­mals ; es that ihr wohl, sein Lachen zu hören, in seine munteren blauen Augen zu sehen.

„Auf Hedwigs Zustimmung dürfen Sie nicht hoffen," meinte sie; „Hedwig hat einen unter­nehmenden Geist."

„Sie sind doch nicht etwa ehrgeizig?" Wenn er der Bestrebungen seiner Mutter gedachte, über­rieselte ihn ein Schauder. „Sollte ich arglos wochenlang neben Ihnen hergegangen sein, Fräu­lein Molsberg, um erst jetzt zu entdecken, daß Sie so eine Art Nimmersatte Frau Jlsebill sind?"

„Etwa eine Vorkämpferin für Frauenrechte?" scherzte sie. „Nein. Nach meiner vielleicht recht altväterlichen Ansicht dürfte die Frau gar nicht genannt werden, außer Gott hätte sie mit der Würde einer Krone heimgesucht, wo sie dann ihr Bestes thun und zeigen sollte, was unser Ge­schlecht vermag. Aber vom Manne, von dem fordere ich allerdings Einiges."

Sein Gesicht verfinsterte sich. „So, so! Der

Abg. Graf Lim0»rg-Stir«m erkennt ebenfalls manche Bortheile der Vorlage an, hält ste aber in manchen Punkten für viel zu weit gehend. Besonders bedenklich erscheint ihm die Preisgabe des Bestätigungs­rechts des Monarchen. Er erklärt sich jedoch bereit, für die Vorlage zu stimmen.

Nachdem auch Abg. Aichter erklärt, daß er und seine Partei tn ihrer Mehrheit für die Vorlage stimmen wollen, trotzdem bei weitem nicht alle Wünsche seiner schlossen 6r Ü£lt feien' roirb bie Generaldiskussion ge-

Jn der Spezialdiskussion wird § 1 debattelos an­genommen. 3u § la wird ein Kompromißantrag des Abg. Prinz Arenberg und Genossen angenommen, wonach die Umwandlung der Geldstrafe wegen Zuwider­handlung gegen Vorschriften über die Erhebung öffent­licher Abgaben, wenn sie durch die Verwaltungsbehörde festgesetzt war, in eine Freiheitsstrafe durch den zu­ständigen Gerichtsherrn nach Maßgabe des § 446 er­folgen soll.

Zu 8 8 wird ein Kompromtßantrag des Abg. Prinz Arenberg und Gen. gestellt, wonach die Militärstraf- gerrchisbarkeit auch dann zuständig sein soll, wenn inner­halb eines Jahres nach Beendigung der Dienstzeit gegen frühere militärische Vorgesetzte Beleidigungen, Heraus­forderung zum Zweikampf und Körperverletzung vorliegt.

Nach kurzer Debatte wird der Kompromißantrag mit 150 gegen 101 Stimmen angenommen. Der Rest des Gesetzes gelangt debattelos zur Annahme.

Das zur Berathung gestellte Einführungsgesetz wird nach kurzer Debatte angenommen, wobei auf Veranlassung des Abg. Dr. Lieber <Ctr.) der Reichskanzler Fürst Kotzenkotze erklärt, daß begründete Hoffnung vorhanden sei, daß auch die bayerischen Wünsche befriedigende Lösung finden werden.

In der Gesammt-Abstimmung wird schließ­lich die Militärstrafprozeß-Ordnung in na­mentlicher Abstimmung mit 177 gegen 83 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die Sozialdemo­kraten, die bayerischen Mitglieder des Centrums und der freisinnigen Volkspartei, die Welfen, sowie die Abaq. Schmitt-Mainz (Ctr.) und Dr. Sigl. Sodann er­ledigt das Haus die neulich begonnene Berathung des von dem Abg Paasche und Gen. beantragten, von der Kommission zur Annahme empfohlenen Gesetzentwurf betr. den Verkehr mit künstlichen Süßmitteln und verragte sich auf Donnerstag 11 Uhr. (Rechnungs­sachen, 3. Lesung der Novelle zur Civilprozeßordnung rc.

Aus dem Kandtage.

V AVgeordnetentzaus. — 72. Sitzung v. 4. Mai 11U.

Zunächst steht die Vorlage betreffend Bewilligung weiterer Mittel zur Verbesserung der Wohnungsver­hältnisse von Arbeitern in staatlichen Betrieben zur Be­rathung. Es werden wiederum 5 Millionen gefordert zur Errichtung staatlicher Miethswohnhäuser und Ge­währung von Darlehen an Baugenossenschaften, nachdem die durch das Gesetz vom 13. August 1895 zu diesem Zweck bewilligten 5 Mill, verwendet worden sind.

Abg. v. d. Hröven (kons.) ist mit der Vorlage ein­verstanden und beantragt Ueberweisung an die Budget- Kommission.

Minister v. Wiquek legt klar, daß die bisher be­obachteten Grundsätze sich bewährt haben. Es habe sich jedoch ergeben, daß der Gesammtsatz von 1 ’/« Prozent für Verwaltung, Amortisation und Unterhaltung der Miethshäuser zu hoch gegriffen sei, daß der Prozentsatz vielmehr mit l°/o ausreichend bemessen sei.

Die Abgg. v. Itattz (ntl.) und Steptza» (Centr.) stimmen der Vorlage zu und Abg. Rrckert bittet, von einer kommissarischen Prüfung abzujehen und die zweite Lesung demnächst im Plenum vorzunehmen.

Die Abgg. Möller (natl.) und Schreiver (frks.) unterstützen diesen Antrag, worauf Abg. v. d. Gröben seinen Antrag zurückzieht.

Es folgt die Berathung der Berichtes über Eisen­bahnbau-Ausführungen, nach dessen Erledigung die Sitzung auf Donnerstag vertagt wird. (Sekundär- bahn-Borlage.)________________________________________

Zur Reichstagsrvaht.

h Die,Deutsche Tageszeitung' bleibt bei ihrer Behauptung stehen, daß' die Regierung mit

soll wohl steigen wie eine Rakete und die Frau mit empornehmen."

„Wie hoch er steigt, kommt gar nicht in Be­tracht ; manche steigen ja nur in Folge der inner» Leichtigkeit. Aber er soll versuchen, etwas zu leisten. Hat ihm Gott Gaben verliehen, so soll er sie nicht verkümmern lassen, sondern sie an­wenden zu Gottes Ehre, zum Nutzen Anderer. Ob die eigene Ehre dadurch erhöht wird, bleibt nebensächlich."

„Meine Mutter würde erschaudern ob dieser letzten Ketzerei," meinte er. „Arbeit und Streben ist ihr stetes Mahnen, aber das Endziel ist für sie ein anderes, als das Ihre."

Hedwig sah ihn mit schelmischem Lächeln an; in jedem Falle schien ihr die Mutter die Rolle des Predigers in der Wüste zu spielen.

„Ich weiß, was Sie denken!" tief er lebhaft, als habe er in ihren Gedanken gelesen. „Es steht aber nicht ganz so schlimm mit mir. Sie dürfen nicht gar zu schlecht von mir denken; ich will es nicht... ich erlaube es nicht."

Dabei sah er mit eigenthümlichem Blicke ihr in die Augen; mit einem Blicke, innig und schmeichelnd zugleich, der ihr dunkle Röthe in das Gesicht jagte. Verlegen erwiderte sie in etwas gezwungener Scherzhaftigkeit: „Vergessen Sie. das alte Sprüchwort nicht: Wer sich entschuldigt, klagt sich an. Habe ich Sie denn angeklagt?"

„Es gibt verschiedene Arten der Anklage, und je nach der Person des Anklägers fühlt man sich verletzt." Er schwieg einen Augenblick, und dann, in den scherzhaften Ton zurückfallend, fuhr er fort: „Hoffentlich halten Sie mich nicht für so unverbefferlich, wie Mama es thut. Ich möchte