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Fuldaer M Zeitung

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verantwortlich: Lür die Redaktion Jos. San«, sür Inserate I. parzeller i« Fulda.

mit Anterhaltungs-Meikage „IlluKrirte Sonntags-Ieitung" petersgaäe Nr. 2 (iMrnioitie).

M 99.

Jutöct, Dienstag, den 3. Mai 1898

25. Jahrgang.

Bestellungen auf die Fuldaer Zeitung werden noch fortwährend angenommen.

Deutsches Deich.

Perlin, 2, Mai.

* Der Kaiser beabsichtigt, wie die ,Kieler Zeitung' schreibt, auch in diesem Jahre zur „Kieler Woche" einzutreffen und nach deren Beendigung eine Nordlandsfahrt zu unter­nehmen, deren Dauer auf drei Wochen berechnet ist.

* Am Dienstag. 10. Mai, Abends 7l/a Uhr findet bei dem Minister der öffentlichen Arbeiten, Herrn Wielen, ein parlamentarisches Diner statt, zu welchem die Minister und 70 Parlamentarier aus beiden Häusern des Landtags geladen sind.

* Bei dem Staatssekretär des Reichs-Marine­amts, Staatsminister, Kontre-Admiral Girpitz findetheute, Montag, ein parlamentarischer Abend statt, zu welchem unter anderen an eine - größere Anzahl von Mitgliedern des Reichstages und Vertretern der Presse Einladungen er­gangen sind.

h Bei der voraufgegangenen Nachricht, daß die Aerliuer Parlamente fchon mit dem Schluffe dieser Woche beendet werden könnten, ist vielfacher Wunsch der Vater des Gedankens gewesen. Der preußische Landtag wird schwerlich vor dem 20. Mai geschlossen werden können. Aber das ist doch jetzt mit einiger Bestimmtheit zu hoffen, daß auch das preußische Abgeord­netenhaus vor Pfingsten mit seinen Arbeiten ganz fertig werden wird. Dagegen rechnet pian in parlamentarischen Kreisen bestimmt darauf, daß der Reichstag am nächsten Freitag geschlossen wird. Der Schluß soll in feier­licher Weise im Weißen Saale des Königlichen Schlosses vom Kaiser selbst vorgenommen werden. Für den Abend desselben Tages will dann der .Kaiser den Reichstag zur Tafel laden.

# Von der preußischen Regierung ist im Landtage schon mehrfach ein Gesetzentwurf ange­kündigt worden über anderweile Bestimmungen für die Iideikourmifle. Noch immer aber fehlt die Verwirklichung dieser Ankündigung. In Bayern bereitet sich dagegen allem Anschein nach unter der Führung des Centrums ein parla­mentarischer Vorstoß auf diesem Gebiete vor. Es gehört zu den Forderungen der bayeri­schen „Christlichen Bauernvereine", die ganz auf dem Boden des Centrums stehen, daß die Errichtung von weiteren größeren Fideikom­missen verhindert werde, und daß die Grenzen festgesetzt werden, über die hinaus Fideikommisse nicht vermehrt oder vergrößert werden dürfen. Und da erst kürzlich von liberaler Seite im Finanz-Ausschüsse der bayerischen Abgeordneten­kammer der Wunsch laut geworden ist, der wei­teren Ausdehnung und Ausbreitung der Fidei­kommisse Grenzen zu ziehen, so dürfte aller Vor­aussicht nach ein Vorstoß des Centrums in diesem Sinne von durchschlagendem Erfolge sein.

Hohe Ziele.

Roman von L. von Neidegg.

3-3 ------- (Nachdruck verboten.)

Plaudernd hatten sie sich dem Gasthof genähert, da kam auf einem Seitenwege Herr Molsberg ihnen entgegen. Sein Gesicht verfinsterte sich bei dem Anblick des Offiziers, dessen Gruß er nur flüchtig erwiderte. Sich an die Tochter wendend, fragte er mit strengem Ausdruck: „So spät daran, Hedwig? Die Mutter soll wohl warten, bis es Dir beliebt. Dich aus dem Garten loszureißen."

Hardanger kochte das Blut in den Adern bei der unfreundlichen Rede. Hedwig selbst aber faßte sie durchaus nicht schlimm auf; lächelnd hielt sie dem Vater ihre Uhr hin. „Noch fünf Minuten bis zur Zeit, Papa."

„Und fünf Minuten wenigstens, seit Fräulein Molsberg, von Gewissenspein geplagt, ans Nach- hausegehen denkt!" siel Hardanger ein. „Wäre sie zu spät daran, müßte ich unbedingt einen Theil der Schuld auf mich nehmen."

Molsberg's Gesichtsausdruck wurde noch un­freundlicher; die versuchte Rechtfertigung, die Ein­mischung eines Dritten, war am wenigsten ge­eignet, ihn zu versöhnen. „Das ändert nichts an der Thatsache des Verspäielseins," bemerkte er steif. „Du wirft gut thun, so rasch wie möglich zur Mutter zu gehen. Guten Tag, Herr von Hardanger."

Dieser blieb stehen und sah in stillem Grimme den Abgehenden nach. Und das soll ein menschen­würdiges Leben sein, neben dem reizbaren, ner- Dösen alten Tyrannen, der sie anfährt und cms-

X Am letzten Sonntag hat hier in Berlin der Delegiere« Gag der nationalliöerake« Partei stattgefunden. Dieser Delegirten-Tag hat den Wahlaufruf der nationalliberalen Partei festgestellt. Es ist bemerkenswerth, daß dieser Wahlaufruf folgende Stelle enthält: „An dem verfassungsmäßig bestehenden Wahlrecht und am Koalitionsrecht wird sie (nämlich die nationalliberale Partei) festhalten, und Angriffe gegen die Freizügigkeit wird sie zurückweisen." Also auch den nationalliberalen Vertrauensmännern scheint es mit dem Wahlrechte und mit seiner unveränderten Aufrechterhaltung nicht ganz geheuer zu sein. Für den Abschluß der künftigen Handels­verträge kündigt der Wahlaufruf an, daß nach der Ansicht der Nationalliberalen, die Jnteresfen der Landwirthschaft „beffer gewahrt werden müssen als bisher" — daß aber „gleicherweise den Be­dürfnissen der Industrie und des Handels durch Handelsverträge mit längerer Geltungs­dauer Rechnung getragen werden muß." Die nationalliberalen Wahlaufrufe pflegen, getreu dem Charakter der Partei, die sie macht, im allgemeinen so gehalten zu sein, daß sie so ziemlich jeder unter­schreiben kann. Nur etwas fehlt auch diesmal nicht: das ist der „Kampf gegen die Ultra­montanen". „Den Ultramontanismus — so heißt es im nationalliberalen Wahlaufruf — be­kämpfen wir nach wie vor." Aber diesmal wird doch eine Besänftigung hinzugefügt mit den Worten: „Dagegen wissen wir uns eins mit einem großen Theil unserer katholischen Mitbürger in der hin­gehenden Arbeit für die nationalen Aufgaben." Wir werden es uns merken!

Zur ReichstagswalU.

Z Iulda, 3. Mai. Gestern Nachmittag hielt der ZSaHlausschnß der Kentrumspartei für de« Itegieruugsvezirk Kassel im Saale der „Harmonie" eine Versammlung ab, um über das Vorgehen der Partei bei den bevorstehenden Reichstagswahlen zu berathen. Eine größere Anzahl von Vertretern der verschiedenen Wahl­kreise nahm n an den Berathnngen theil. Der Vorsitzende des Wahlausschusses, Herr Landtags­abgeordneter Kircher eröffnete die Versammlung und ersuchte Herrn Pfarrer Henkel-Wirtheim, den Vorsitz zu übernehmen. Dieser ernannte Herrn Fabrikanten Richard Schmitt zum stellvertreten­den Vorsitzenden und zu Beisitzern die Herren Regierungsbaumeister Kegel-Wehlheiden und Redakteur Baum-Fulda.

Zunächst nahm Herr Reichstagsabgeordneter Richard Müller das Wort zu einem Referate über die gegenwärtige politische Lage. Redner legte dar, daß in den hohen Kreisen der Regierung die früher vorhandene Mißstimmung gegen das Centrum ziemlich geschwunden sei, so daß bei den Wahlen diesmal von Seiten der Regierung keine lebhafte Agitation gegen das Centrum zu erwarten sei. Desto eifriger aber seien nun die bekannten Hetzer am Werk, und die unter der Aegide des Herrn v. Miquel ins Werk gesetzte „Politik der Sammlung" habe lediglich das Ziel im Auge, auf politischem Gebiete das Centrum zu unter­drücken und es aus seiner jetzigen ausschlag­gebenden Stellung herauszuwerfen. Wenn es

zankt! dachte er bei sich. Und sie, sie lächelt ihn auch noch an und zeigt keine Ungeduld! Ein wahrhaft liebenswürdiger Charakter!

Dabei beobachtete er wohlgefällig, wie elegant ihre Haltung war, als sie leichten Schrittes neben dem Vater herging. Schon oft hatte er über die angeborene Vornehmheit ihres Wesens gestaunt. Woher hatte sie dieselbe nur? Dem Vater mangelte sie, der machte den Eindruck eines abgemühten allen Schulmannes; selbst die Mutter hatte, neben den Spuren ungleich größerer Schönheit, doch nicht die gleiche vornehme Art, sich zu geben, wie die Tochter. Woher kam ihr auch die Gabe, den anmuthigen Unterhaltungston zu treffen, frei von Schüchternheit sowohl, wie vom allzu zwang­losen Sichgehenlassen? Woher das ganze unge­zwungene, gewinnende Wesen?"

Er zuckte die Achseln: die Natur kennt solche Launen, sagte er sich. Sie formt Prinzessinnen die wie Stubenmädchen ausgehen, und umgekehrt. Was kümmerte ihn übrigens ihr Wesen? Was gingen ihn wohl die Leute überhaupt an? Es ließ sich angenehm mit ihnen verkehren, darum, so wenig entgegenkommend der Vater sich auch zeigte — dachte er nicht daran, den Umgang mit ihnen einzuschränken. Es war ja die einzige Unter­haltung, die sich ihm bot. Das Mädchen hatte einen ganz besonderen Liebreiz, der wohl in dem Natürlichen, Originellen ihres Wesens bestand. Daß sie so frisch heraus ihm die Wahrheit sagen, ihn mitunter so kurz abfertigen konnte — ihn, den brillanten Garde-Offizier, den Stiefsohn eines der angesehensten Männer im Reiche, den einstigen Erben eines großen Vermögens und als solcher Gegenstand zärtlicher Fürsorge von Seiten

den Anhängern dieser Politik der Sammlung, dieser Neuauflage des Kartells, gelingen sollte, für sich die Mehrheit in dem neuen Reichstage zu erlangen, so fei es um das gleiche, allgemeine Wahlrecht geschehen und damit fei dann unser Einfluß für alle Zeiten gebrochen. Das Gesetz über die Abänderung des Wahlrechtes zum Reichs­tage liege schon seit dem vorigen Sommer fertig ausgearbeitet da, und es unterliege gar keinem Zweifel, daß es dem Reichstage vorgelegt werde, sobald ein bewilligungslustiger Kartell - Reichstag vorhanden sei. Ebenso werde von einem solchen Reichstage unser Vereins- und Versammlungsrecht abgeändert und eingeschränkt werden; als Ent­gelt dafür würden wir mit einer schönen Anzahl von neuen Steuern beglückt werden. Vorgeschoben würden als Ziel der Sammlungs-Politik allerdings rein wirthschaftliche Interessen, der Schutz der nationalen Arbeit 2C.; das aber seien nur Phrasen, um den Wählern Sand in die Augen zu streuen. Das Hauptziel derselben ist, das Centrum aus seiner ausschlaggebenden Stellung im Reichstage zu verdrängen, um dann alle Angelegenheiten allein nach eigenem Rezept zu regeln. Deshalb müsse das Centrum bei den bevorstehenden Wahlen vor Allem zu verhindern suchen, daß die Freunde dieser Sammlung den Sieg davontragen. — Redner sprach dann über die Stellung, welche die einzelnen Parteien im Reichstage dem Centrum gegenüber ein­nehmen. Die Konservativen habe er früher mit an­deren Augen angesehen als heute, wo er sie näher kennen gelernt habe. Ec habe früher geglaubt, daß dieselben uns in wirthschaftlichen und auch in religiösen Fraget, nahe stehen. Das fei aber durchaus nicht der Fall. Die Konservativen feien vielmehr stets unsere Gegner, mit denen wir gar nichts gemeinsam haben. Vor Allem seien sie voll Gift gegen die Katholiken und in wirthschaftlicher Hinficht habgierige Egoisten. Bei der Debatte über die Vermehrung der Marine- geistlichen haben die Konservativen gegen die Schaffung einer neuen Stelle eines katholischen Geistlichen für die Marine gestimmt, obschon das Bedürfniß so schreiend ist, daß selbst die Sozial- demokrareii dafür stimmten. Auch von den übrigen Parteien, die für die Sammlungspolitik eintreten, Reichspartei und Nationalliberalen, habe das Centrum durchaus nichts zu erwarten. Man müffe daher bei den Wahlen auf der Hut fein, daß diese Kartellparteien nicht die Majorität er­langen. Wenn das Centrum in seiner ausschlag­gebenden Stellung verbleibe, dann könne immerhin manches Positive erreicht werden, und was viel­leicht noch wichtiger sei, es werde vieles Schlechte verhindert. Es müsse daher mit aller Kraft da­nach gestrebt werden, die errungene Position zu behaupten. (Lebhafter Beifall.)

Es wurde bann in die Berathung eingetreten über die Frage, welche Stellung die Centrums­wähler bei den bevorstehenden Wahlen in den einzelnen Wahlkreisen des Regierungsbezirks Kassel einnehmen sollen. Nachdem die anwesenden Ver­treter der einzelnen Wahlkreise über die Verhält­nisse ihres Kreises, die Thätigkeit und Aussichten der gegnerischen Parteien referirt hatten, wurden nach eingehender Berathung im Einzelnen folgende Beschlüsse gefaßt:

1. Wahlkreis Kassel-Melsungen: Dem

der Mütter helrathsfähiger Töchter — gab der Unterhaltung mit ihr einen eigenthümlich prickel- ben Reiz. Gefährlich konnte bie Sache nie werben; noch ein Mal vierzehn Tage, ober brei Wochen vielleicht, bann würde der Grieser Aufenthalt vorüber fein, die kurze Bekanntschaft ihr Ende haben. Wie Herr Molsberg in richtiger Würdi­gung sich geäußert: schon in Colmar würden ihre Bahnen ziemlich getrennt sein; später war jeder fernere Verkehr ausgeschlossen.

lieber manches, was Hedwig ihm gesagt, mußte Hardanger unwillkürlich nachdenken; so über ihre Bemerkung: wer von Liebe umgeben, dem sei auch ein anscheinend trauriges Leben damit ver­klärt. Gewiß, es lag etwas Wahres in ihren Worten, und es mußte etwas Schönes fein um das innige Zusammenhalten, wie es in der Mols- berg'schen Familie der Fall war. Seine weiche, etwas weibliche Natur hatte den Mangel daran oft empfunden: die Erinnerung an feinen bis zur Schwäche guthmüthigen Vater trug er liebend in sich, zugleich aber das Bewußtsein, daß es im elterlichen Hause an Innigkeit sehr gefehlt habe. Dann war der Vater gestorben, und immer kälter war bie Atmosphäre um ihn her geworben. Die Mutter hatte ben Knaben in eine Kadettenschule gebracht. Als sie später Tennenbach geheirathet, war ihm dieser durchaus kein strenger, aber ein ziemlich gleichgiltig sich benehmender Stiefvater geworden. Zu feinem Erstaunen hatte er erfahren: die Mutter fei dessen erste Liebe gewesen. Dennoch umwehte ihn in der Eltern Hause eine eisige Luft. Sag die Schuld davon am Stiefvater, lag sie an der Mutter — er wußte es nicht zu sagen, aber er war geneigt, letzteres zu vermuthen.

Lokal-Komitee in Kassel wird es übertaffen, ben Centrumswählern bie Direktive zu geben.

2. Wahlkreis Wolfhagen-Hofgeismar- Rinteln. Da die Zahl der Katholiken in diesem Wahlkreise so gering ist, daß ihre Stimmen auf das Wahlergehn iß keinen Einfluß haben können, wurde davon Abstand genommen, einen besonderen Beschluß für diesen Wahlkreis zu fassen.

3. Wahlkreis Marburg-Kirchhain- Frankenberg. Nach eingehender Erörterung der Verhältnisse dieses vielumstrittenen Wahl­kreises wurde beschlossen, daß die Centrumswähler an der schon bekannt gegebenen Kandidatur des Herrn Richard Müller-Fulda unbedingt fest­halten sollen.

4. Wahlkreis H ün seid-Hers feld-Roten- bürg. Der geschäftsführende Ausschuß des Wahlkomitees wird mit dem Kreiskomitee über die in diesem Wahlkreise zu beobachtende Wahl­taktik noch in weitere Verhandlungen treten.

5. Wahlkreis Eschwege-Witzenhausen- Schmalkalden, Hier liegen die Verhältnisse ebenso wie in dem unter Nr. 2 genannten Wahl­kreise Wolfhagen, und es wurde deshalb auch hier von einem besonderen Beschlüsse abgesehen.

6. Wahlkreis Hanau-GelnhausenOrb. Die Centrumspartei stellt Herrn Richard Müller- Fulda als Kandidaten auf.

7. Wahlkreis Fritzlar-Homburg-Ziege ri­tz ain. Die Partei stellt in diesem Wahlkreise einen Zählkandidaten (Herrn Richard Müller- Fulda) auf.

8. Wahlkreis Fulda-Gersfeld-Schlüch­tern. Dieser Wahlkreis ist der einzige im ganzen Re- gierunasbezirk, der als sicherer Centrumswahlkreis angesehen werden kann, Zum großen Bebauer^ des Wahlkreises sowohl als auch der gefammten Centrumsfraktion und des katyolischen Volkes wird unser hochverehrter Reichstagsabgeordneter Herr Richard Müller aus triftigen Gründen bei der demnächstigen Reichstagswahl für den Wah lkreis Fulda eine Wiederwahl nicht an- nehmen. Er wird jedoch nach bestimmter Erklärung bie ihm liebgeworbene parlamentarische Thätigkeit später wieder ausnehmen unb bei sich bietenber Gelegenheit eine Wiederwahl annrhmen. An einem der nächsten Sonntage wird eine Versammlun g der Vertrauensmänner aus allen Theilen des Wahlkreises zusammentreten, um über die Kandidatenfrage endgütig Beschlußzu fassen. Die Erbschaft unseres jetzigen Reichstags- ahgeorbneten sollte nur ein solcher Mann antreten, der zunächst selbstverständlich auf dem Boden des Centrums stehend, zweifellos in der Lage ist, die Jnteresfen des Wahlkreises wie des gesammten Vaterlandes voll und ganz zu vertreten, der vor allein über bie nöthige Intelligenz unb Rede- gewanbtheit verfügt, bie wir zur Ausübung des Mandats für wünschenswerth und nothwendig halten. Die Fraktion des Centrums kann von dem als „sicher" bekannten Wahlkreis Fulda verlangen und erwarten, daß hier nicht nur ein der Fraktion genehmer Mann gewählt wird, sondern daß Fulda einen Abgeordneten sendet, der mit ent­sprechenden Talenten und Erfahrungen ausgestattet, sich den Arbeiten im Plenum und besonders auch in den Kommissionen mit Sachkenntniß unb Pflichtgefühl unterzieht, mit einem Worte: einen

„Wie sie wohl über Hedwig Molsberg ur- theilen würde?" fragte er sich und wies bann bie Frage als unbequem zurück. Sie wäre ja ber erste Schritt zu einer Selbstprüfung gewesen, unb solcher ging er, als freubeftörenb, grunb- sätzlich aus bem Wege.

Viel klüger war es, sich mit Plänen von Aus­flügen unb Bergbesteigungen zu beschäftigen, die er mit einigen Bekannten in Aussicht genommen hatte. Damit reifte denn der Entschluß, noch am selben Mittag eine solche in Ausführung zu bringen. Das wenigstens war etwas, woran der strengste Censor nichts aussetzen konnte.

4.

Es war spät am Nachmittage. Die unge­wöhnliche Wärme hatte Wolken zusammengezogen, die schwer und bleiern über Gries hingen; Blitze züngelten in der Entfernung am schwarzen Gesichts­kreis, und hohl rauschten die Windstöße, als trügen sie das Echo des Donners mit herüber. Ab und zu fielen Regentropfen, Vorläufer zu er­wartender schwerer Entladungen, klatschend zur Erde. Es herrschte jene schwüle Atmosphäre, welche die Menschen an bas Haus bannt, um auf ben Ausbruch des Wetters zu warten.

Auch Frau Molsberg war durch das drohende Unwetter abgehalten worden, sich ins Freie zu begeben. Sie faß in ihrem kleinen Wohnzimmer, von Kiffen unterstützt in einem Lehnsessel am offenen Fenster unb athmete bie feuchte Frühlings­luft ein, bie von Wohlgerüchen erfüllt za ihr hereinbrang. Ihr gegenüber hatte Hedwig eine Arbeit in den fleißigen Händen, immer bereit, jeden Wink ber Mutter zu erfassen, alle ihre kleinen Wünsche zu befriedigen. Ein wenig ab-