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Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei petersgasle Nr. 2 (Larmonie).
Iu^öa, Samstag, den 16. April 1898
25. Jahrgang
Wochen-Rundjchau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 16. April.
Während der letzten Tage durchschwirrten Krisengerüchte die Presse. Sie galten Herrn Freiherrn von der Recke von der Horst, dem preußischen Minister des Innern. Gleichzeitig tauchten von neuem Meldungen auf, als ob auch'Herr Bosse, der preußische Kultusminister, seines Amtes müde sei; und vor nicht langer Zeit wurde dasselbe ja auch von Herrn Thielen berichtet, dem preußischen Eisenbahnminister. Wenn man wollte, so könnte man dann noch allerhand weitere Vermuthungen anstellen im Anschlüsse an gewisse Aeu- ßerungen des bisher allgewaltigen Herrn v. Miquel und die Ernennung des Marine-Staatssekretärs von Tirpitz zum preußischen Staatsminister. Herr von Miquel beklagte sich neuerdings darüber, daß er nicht mehr die genügende Unterstützung im preußischen Abgeordnetenhause finde; und an die Ernennung des Kontreadmirals Tirpitz zum Preußischen Minister knüpfte ein bekanntes nationalliberales Blatt am Rhein die augenscheinlich von Berlin aus ceeinflußte Bemerkung, daß dadurch dem Reichskanzler und Ministerpräsidenten Fürsten zu Hohenlohe eine weitere Stütze geschaffen werde int preußischen Staatsministerium. Man mußte unwillkürlich fragen: Stütze gegen wen? Und die Antwort ergab sich von selbst: Stütze gegen Herrn von Miquel. Der Kaiser ernennt Staatssekretäre zu preußischen Staatsministern, um dem Fürsten zu Hohenlohe im preußischen Staatsministerium Stützen gegen Herrn von Miquel zu geben — „das läßt tief blicken!" würde Herr Sabor sagen, wenn er noch unter den „Genossen" im Reichstage weilte. Ohne Zweifel geht nicht alles so, wie Herr von Miquel will; und daß neuerdings auch manches geschehen ist, das dem Herrn Kultusminister Dr. Bosse wider den Strich geht, ist eben so wenig zu bezweifeln. Daß aber Herr Minister Freiherr von der Recke schon oft von Berlin sich fortgesehnt hat, ist noch weniger einem Zweifel unterlegen. Einige Blätter wollten zwar wissen, es sei nur seine Gattin, die sich in Berlin nicht wohl fühle. Aber was doch nun einmal die Spatzen von den Dächern Pfeifen, läßt sich schwer leugnen, und Thatsache ist es jedenfalls, daß Herr von der Recke mindestens schon einmal den Wunsch laut werden ließ, vom Minister- Posten entbunden zu werden, der ihm so außerordentlich wenig Ruhm einträgt. Dennoch war von Anfang an nicht anzunehmen, daß irgend einer der Minister gerade jetzt aus seinem Amte scheiden sollte, so kurz vor den Wahlen; darum brachte auch am Dienstag Abend die oberoffiziöfe .Norddeutsche Allgem. Zeitung' in auffallendem Drucke folgende Notiz: „In der Presse werden neuerdings wiederum Gerüchte über angeblich bevorstehende Veränderungen an der Spitze einzelner Ministerien verbreitet, wobei insbesondere das Ministerium des Innern und der geistlichen Angelegenheiten genannt werden. Wir sind in der Lage, dem gegenüber festzustellen, daß ein Wechsel in den leitenden Stellungen weder zur Zeit in Frage steht, noch für später ins Auge gefaßt ist. Die Gerüchte sind daher in jeder Beziehung unbegründet." Also vorläufig bleiben alle Minister im Amte. Wie lange noch? — das wird die Zukunft lehren. Aber Jahre werden schwerlich hingehen bis zu der nächsten Veränderung in der Zusammensetzung des preußischen Staats- Ministeriums.
Sehr interessant ist eine Meldung der letzten Woche über einige Aeußerungen des Oberpräsidenten der Provinz Schleswig-Holstein, des früheren Ministers von Köller, zu den Mitgliedern des schleswig-holstein- schenProvinzial-VorstandesdesBundes der Landwirt he. Die Herren hatten eine Audienz bei dem Herrn Oberpräsidenten, und dieser gab ihnen und damit dem Bunde der Laudwirthe überhaupt einige
Die erste HI. Kommunion.
Es ist etwas unbeschreiblich Schönes um ein reines Kinderherz, welches zum ersten Male seinen Heiland aufnimmt. Der Anblick der schuldlosen, glücklichen Kinder, welche an diesem schönsten Tage ihres Lebens dem hl. Altäre sich nahen, hat schon so manchen Sünder, ja schon manchen Ungläubigen wieder zu Gott geführt. Hier ein Beispiel, dessen Wahrheit der Erzähler verbürgt.
Vor mehreren Jahren lebte in Paris ein Mensch, der an keinen Gott und keine Ewigkeit mehr glaubte. Er war ein armer Tagelöhner und verpraßte am Sonntage lüderlich, was er die ganze Woche über verdient hatte. Seit dem Tage seiner Hochzeit hatte er nie einen Fuß in die Kirche gesetzt; er betete selbst nicht und konnte auch nicht leiden, daß seine Frau oder seine Kinder beteten. Er führte immer im Munde: „Es gibt keinen Gott und kein anderes Leben; der Mensch stirbt wie das Thier, die Religion lst von den Priestern erfunden worden." Den Namen Gottes sprach er nur unter Lästerungen aus. Er wünschte Nichts so sehr als eine Revolution, in der Hoffnung, durch Plündern sich be- rerchern zu können. Das älteste seiner Kinder begann eben sein dreizehntes Jahr. Es war ein ^benswürdiges Mädchen; die Sanftmuth und Unschuld waren auf seinem Antlitze abgeprägt. Beretts seit vier Jahren arbeitete dasselbe in
Aufklärungen darüber, wie die Regierung über den Bund der Laudwirthe denkt. Herr v Köller, so wird berichtet, billigte in seinen Ausführungen die Bestrebungen des Bundes durchaus, nur knüpfte er die Voraussetzung an, daß Königstreue gewahrt und alle Verhetzung der Parteien vermieden werde! Vor allem betonte Herr von Köller, daß es nöthig sei, Männer der Praxis in die Parlamente zu bringen, die Bauern und Hofbesitzer selbst müßten in die Bresche springen. Wo aber Wahlkreise in der Gefahr schweben, in die Hände von Parteien zu gelangen, die oppositionell oder gar feindlich der heutigen Regierung gegenüber ständen, da sei es „Pflicht des Bundes, im Hinblick auf die nationale Gefahr namentlich extreme eigene Forderungen hintanzusetzen". Die Meldung ist ohne Widerspruch geblieben, muß also wohl richtig abgefaßt sein. Danach aber hätte die. Regierung auch gegen die extremen Forderungen des Bundes nichts einzuwenden, wollte diese vielmehr nur dann „hintangehalten" sehen, wenn dadurch die Wahl von Regierungskandidaten gefährdet werden sollte. Soll das der wahre Kern der Miquel'schen sogenannten „Sammlungs-Politik" sein, die wirth- schaftliche Gegensätze ausgleichen will? Nach der Auslegung des Herrn von Köller wäre das nichts weiter als eine schnöde Schacherpolitik, die einzelnen Interessengruppen selbst ihre übertriebenen Forderungen fördern helfen will, wenn diese nur sonst der Regierung zu Willen sind. Da heißt es doppelt aufpassen und vorsichtig sein bei den Wahlen!
Wie gewöhnlich, so sind auch diesmal zuerst die Sozialdemokraten mit ihrem Wahlaufrufe auf den Plan getreten. Der Berliner ,Vorwärts' hat den Wahlaufruf als Ostergruß den Parteigenossen gebracht. Der Aufruf ist lang genug, er füllt drei ganze Zeitungsspalten. Aber wenn die Sozialdemokraten mit solchem Dressefutter zufrieden sind, so sind sie sehr zu beneiden. Denn der ganze Aufruf ist nichts weiter, als künstliche Phrasendrescherei. Was in der sozialdemokratischen Waffenkammer an Redensarten aufgespeichert wurde, ist hier zusammengeworfen worden. Man hat sich sogar nicht gescheut, noch einmal den alten Schwindel aufzuwärmen, daß die Sozialdemokratie sich nicht kümmere um die religiösen Anschauungen derer, die ihrer Fahne folgen wollen — Religion soll angeblich „Privatsache" sein. Wo mit so vollkommen abgebrauchten Mitteln gekämpft wird, kann es nicht weit her sein mit dem Vorrathe an politischen Lügmitteln. Weiß doch jedermann, daß die meisten Sozialdemokraten jede Kirche als Unsinn verspotten und den Gottesglaubeu als überwundenen Standpunkt verhöhnen. Mit solchen Redensarten wird die Sozialdemokratie keine Stimmen fangen können. Aber schämen sollten sich die Macher dieses Wahlaufrufes der elenden Heuchelei, die von neuem damit getrieben wird.
Recht kräftig, freilich auch recht häßlich wurde grade in diesen Tagen durch ein Beispiel der Welt von neuem gezeigt, wohin die sozialdemokratische Lehre führt mit ihrem Wahlspruche: Macht's hier auf Erden gut und schön, kein Jenseits giebt's kein Wiedersehen — in London hat sich E l e a n o r M a r x A v e l i n g, die Tochter des Sozialistenführers Marx mit Blausäure von diesem Erdendasein befreit, das ihr unerträglich geworden war. Eleanor Marx hatte sich mit dem Genossen Dr. Aveling zusammengethan nach dem Grundsätze der „freien Liebe". Zehn Jahre hindurch hat sie in Gemeinschaft mit diesem das Erdenleben genossen. Und nun, als «s-ch«, aus irgend welchen Gründen lästig geworden war, hat sie Blausäure genommen, die sie unter dem Vorwafide kaufte, einen Hund vergiften zn wollen. Das ist das Ende einer Frau, die mit hohen Geistesgaben ausgerüstet war und in ihren sozialdemokratischen Kreisen eine bedeutende Rolle spielte — Verzweiflung an sich selbst, Selbstmord durch Blausäure! Spricht diese Thatsache nicht ganze Bände? 'fOtyw
Bon großer Wichtigkeit ify ein Sieg, den die englisch-ägyptischen Truppen unter dem englischen General Kitchener im Sudan über die Derwische erfochten laben. Der entscheidende Schlag fand am einer Fabrik und brachte jeden Tag seinen kleinen Verdienst seiner Mutter. Julie, so hieß die Kleine, wußte von der Religion nichts als ein paar kleine Gebete, welche die Mutter sie heimlich gelehrt hatte. Eine wohlthätige Dame der Nachbarschaft, die jeden Tag die Kleine an ihrem Hause vorbeigehen sah, redete sie einstmals an und fragte sie, ob sie in die Christenlehre gehe, und ob sie nicht verlange, zur ersten hl. Kommunion zu gehen.
„Ach ja, Madame," erwiderte die arme Julie, „ich wünsche es sehr; aber meine Mutter kann nicht arbeiten, sie hat drei kleine Kinder, und Niemanden als mich, der für sie etwas verdienen könnte."
„Und Dein Vater?" fragte die Dame.
Julie trocknete sich die Thränen.
„Armes Kind, ich habe Dir Schmerz verursacht; ich sehe. Du hast Deinen Vater nicht mehr."
„Madame, ich habe wohl meinen Vater noch, er gibt aber der Mutter nichts und will nicht zugeben, daß ich Religion habe," — und die Kleine weinte.
Von Mitleid gerührt, empfahl die fromme Dame Julie dem Abbe X., der es übernahm, dieselbe zu unterrichten. Sechs ganze Monate ging sie nun täglich in die Christenlehre des Geistlichen. Sie lernte mit Leichtigkeit und zeigte die glücklichsten Anlagen zur Tugend. Nun sollte sie mit den anderen Kindern zur ersten hl. Kommunion gehen. Diese Nachricht machte ihr eine
Atbara-Flusse statt, und die Niederlage der Mahdisten ist so vollständig, daß man annimmt, deren Macht werde für immer gebrochen und damit der Sudan für Aegypten erobert sein. Ist es so, dann bedeutet die Schlacht am Atbara noch mehr als einen bloßen Sieg der Briten über die Derwische; dann bedeutet sie gleichzeitig einen Sieg der europäischen Kultur über afrikanische Barbarei. Freilich wohl haben die Engländer den Feldzug gegen den Sudan nicht in der Absicht unternommen, um europäische Kultur dorthin zu tragen. Die Beweggründe sind ganz anderer, weniger edler Art und beruhen namentlich auf dem Wunsche der Briten, ihre Macht zu vergrößern. Nichtsdestoweniger wohnt diesem Siege der Generals Kitchener auch diese Kulturbedeutung bei. Kaiser Wilhelm hat für den Feldzug Kitchener's ein außergewöhnliches Interesse bekundet. Er theilte auf dem Drahtwege der Berliner britischen Botschaft mit, daß er aus Kairo von einer entscheidenden Schlacht erfahren habe, die im Gange sei; er bäte um möglichst beschleunigte Benachrichtigung über deren Ausgang. Noch an demselben Tage traf Abends Ms Uhr in Homburg die Nachricht von dem britischen Siege ein, und umgehend sandte der Kaiser ein Glückwunsch- Telegramm an die Berliner britische Botschaft. Die Engländer haben diese Antheilnahme des deutschen Kaisers sehr hoch ausgenommen, und englische Zeitungen aller Parteirichtungen sind des Lobes voll über das vom Kaiser Wilhelm so lebhaft bekundete Interesse an den britischen Waffenerfolgen. Dem Depeschenwechsel mit der britischen Botschaft in Berlin folgte ein solcher zwischen Homburg und der Königin Viktoria von England, und man kann sagen, daß der Sieg der Engländer im fernen Sudan gleichzeitig die Veranlassung abgegeben hat zur Beseitigung der letzten Reste von Verstimmung, die vorher zwischen London und Berlin geherrscht hatte.
Manche Zeitungen in London und Paris suchen die verbesserte Stimmung zwischen England und Deutschland in dem Sinne auszubeuten, daß sie glauben machen wollen, Deutschland werde sich nun auch mit England gegen die Maßnahmen Rußlands in Ost- asien verbünden. Das ist natürlich unrichtig. Denn Deutschland verhält sich in Ostasien den anderen europäischen Mächten gegenüber vollkommen neutral. Es hat dort, was es braucht, und es hat nicht das Bestreben, sich in die Streitigkeiten anderer einzumischen;■ und die Bemühungen, Deutschland mit Rußland in ostasiatischen Dingen zu entzweien, werden zweifellos auch in der Zukunft vergeblich unternommen werden.
Mehr katholische Neuphilologen!
heißt es in der .Kölnischen Volkszeitung' und in einer anderen Nummer desselben Blattes erhält dieser Aufruf die Fassung: Ueberhaupt mehr katholische Philologen, insbesondere Neusprachler und Mathematiker! In der That erscheint es im Interesse der katholischen Sache dringend noth- wendig, daß sich mehr katholische Abiturienten dem höheren Lehrfache zuwenden. Soll aber dieses Ziel erreicht werden, so ist zunächst volle Klarheit darüber zu schaffen, was den bereits beginnenden und demnächst in Folge der Neugründung oder Erweiterung von höheren Lehr-Anstalten sicher noch zunehmenden Mangel an katholischen Philologen hervorgerufen hat.
Das von dem Verfasser des ersten Artikels gerügte Verhalten mancher Eltern bei der Berufswahl ihrer Söhne ist jedenfalls nicht ohne Einfluß auf den Rückgang der katholischen Philologen geblieben, aber nicht ausschlaggebend. Zurückzuweisen ist die Meinung, daß der Kulturkampf den Rückgang verschuldet habe. Im Gegentheil haben, wie jeder weiß, der die schlimmsten Jahre dieses Kampfes miterlebt hat, damals viele katholische Abiturienten, die unter anderen Umständen Theologen geworden wären, das Studium der
unbeschreibliche Freude. Aber wie sollte sie es dem Vater anzeigen? Er wird sie nut Gotteslästerungen überhäufen, oder er wird sie daran hindern. Oder sollte sie ihm vielleicht nichts sagen? Wie, sie sollte glücklich sein und ihr Vater sollte dieses Glück nicht theilen? Sie allein sollte zum Tische des Herrn gehen, ohne den väterlichen Segen erhalten zu haben? Denn der Herr Abbe hatte allen Kindern anempfohlen, diesen Segen sich geben zu lassen.
Es war die Nacht des Samstags, am Vorabende des glücklichen Tages. Der gottlose Vater schlief, aber Julie wachte, weinte und betete für ihren Vater. Bei dem Anbruche des Tages schmückt sie sich und zieht das weiße Kleidchen an, welches die wohlthätige Dame ihr geschenkt hatte. Wie schön war sie, wie rein an Leib und Seele! So stellt sie sich vor das Bett ihres Vaters.
„Vater," sprach sie zitternd, „heute gehe ich zur ersten heiligen Kommunion."
Der Vater drehte sich ärgerlich zu ihr um. Welch' ein herrlicher Anblick für ihn, seine Julie unschuldig und schön auf den Knieen vor seinem Bette und die Händchen zusammengefaltet zu sehen!
„Vater, ich bitte um Deinen Segen," sprach sie mit lauter Stimme.
O, wer könnte beschreiben, was in diesem Augenblicke in der Seele des gottvergeffenen Vaters vorging! Ein Engel hatte für ihn gebetet.
Philologie ergriffen, theils weil die staatliche Gesetzgebung die theologische Laufbahn auf's äußerste erschwerte, theils weil der Normal-Etat von 1872 den Philologen sehr günstige Aussichten, u. a. die gleiche Besoldung mit den Richtern unterster Instanz, gewährte. Daher gab es in den achtziger Jahren katholische Kandidaten des höheren Schulamtes in Hülle und Fülle. Das änderte sich ganz von selbst, als die Verhältnisse anders wurden, und wäre — das sei gegenüber dem Verfasser des zweiten Artikels bemerkt — auch dann nicht so geblieben, wenn katholische Zeitungen nicht vor dem Studium der Philologie gewarnt hätten. Zunächst bewirkte die Milderung der Kulturkampfgesetze, insbesondere aber die Wiederherstellung oder Neugründung von Konvikten, daß die Zahl der Theologie-Studirenden wieder bedeutend zunahm, da viele Gymnasiasten, die sonst einen anderen Beruf, namentlich den philologischen, erwählt haben würden, sich jetzt sür den geistlichen entschieden. Sodann gestaltete sich die äußere Lage der Gymnasiallehrer während der achtziger und anfangs der neunziger Jahre immer ungünstiger. Der Normal-Etat von 1872 erwies sich nämlich, da er ein Stellen-Etat war und keine Alterszulagen kannte, nur so lange als vortheilhaft, als immer neue Stellen gegründet wurden. Das hörte aber nach der Hochfluth der Neugründungen höherer Lehr-Anstalten während der siebenziger Jahre bald auf; und so kam es endlich dahin, daß im Amt ergraute Gymnasiallehrer auf Gehältern von 600—700 Thaler sitzen blieben, während z. B. ihre ehemaligen juristischen Studiengenossen, denen zudem die Justizgesetze von 1879 eine ganz erhebliche Ausbesserung der Gehälter gebracht hatten, im gleichen Lebensalter häufig sich eines doppelt so hohen Einkommens erfreuten.
Diesen auf die Dauer unerträglichen Mißständen suchten die davon Betroffenen durch Gründung von Vereinen, Besprechungen in der Presse, Petitionen an die Staatsregierung und an den Landtag u.s.w. abzuhelfen. Der erste bedeutende Erfolg war der Normal-Etat von 1892, der das System von Alterszulagen einführte. Da derselbe aber die volle Befriedigung der von dem obersten Leiter des Unterrichtswesens, Grafen Zedlitz-Trützschler, und der Mehrheit des Abgeordnetenhauses als berechtigt anerkannten Wünsche der Gymnasiallehrer, vor allem die Gleichstellung mit den Amts- und Land-Richtern, nicht brachte, so dauerte die Unzufriedenheit fort, weshalb man sich nicht darüber zu wundern brauchte, wenn die Lehrer der höher» Schulen ihren Abiturienten noch immer dringend von dem philologischen Studium abriethen. Daß diese Warnungen in katholischen Kreisen mehr Erfolg gehabt haben als in protestantischen, hat seine ganz besondern Gründe, deren Erörterung an dieser Stelle zu weit führen würde. Auch der vorigjährige, vom Staate den Lehrern der königlichen Anstalten gewährte-Gehalts-Aufbesserung, der sich in dankens- werther Weise mehrere Städte angeschlossen haben, hat durchaus nicht alle Wünsche der Philologen befriedigt, und wer die Stimmung dieser Kreise kennt, wie sie u. a. auch in der.Kölnischen Volkszeitung' wiederholt ihren Ausdruck gefunden hat, wird es verstehen, wenn dieselben noch immer wenig Neigung verspüren, ihren Beruf den Abiturienten und, was doch vor allem zu wünschen wäre, ihren eigenen Söhnen zu empfehlen. Das wird sich bei den katholischen Gymnasiallehrern erst mit dem Tage ändern, wo sie die Ueber-
Julie wiederholte nochmals ihre Bitte: „Vater, gib mir Deinen Segen!"
„Ich habe keinen Segen," schrie er mit fürchterlicher Stimme, „ich bin verflucht vom Himmel," — und drehte sich um und seufzte.
Indessen sagte eine innere Stimme Julie: „Bete!" Und sie betete zu Gott für ihren Vater.
Nachdem sie nun zum dritten Male ihre Bitte vorgebracht hatte, erhebt sich der Vater von dem Bette, und, die Hände gegen den Himmel erhoben, sprach er mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: „O Gott, wenn das Gebet eines Bösewichtes Dich nicht beleidigt, so segne Du selbst dieses Kind, denn ich bin verflucht! O, mein Kind, sei unschuldig und glücklich; Dein Vater ist schuldvoll und vom Himmel verflucht!" Reichliche Thränen benetzten sein Bett.
„O, er ist so gut," sagte Julie, „der Gott, den ich kennen gelernt; er wird Dir verzeihen, ich werde ihn darum bitten."
Lange noch weilte der unglückliche Vater weinend und wehklagend auf seinem Lager; auf einmal steht er auf und ohne ein Wort zu sprechen, geht er in die nächste Kirche, wirft sich zu den Füßen eines Priesters nieder und legt ein aufrichtiges Bekenntniß aller seiner Sünden ab. Er kehrte gebessert zurück. Seit diesem Augenblicke lebte er ruhig und glücklich: denn er lebte als Christ.