FuldaerMZeitung
25. Jahrgang.
Irrlöa, Donnerstag, den 14. April 1898
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Ein neuer Polenkurs?
Schon vor einiger Zeit tauchten Andeutungen in der Presse auf, daß die preußische Regierung Aenderungen plane in ihrer Behandlung der östlichen Provinzen, also derjenigen Provinzen, in denen die polnisch sprechenden Preußen hauptsächlich ihre Wohnsitze haben. Man konnte von vornherein davon überzeugt sein, daß auch diese Pläne vornehmlich auf die Unterstützung des Deutschthums im Gegensatz zu der ursprünglichen polnischen Bevölkerung gerichtet sein würden. Aber gleichzeitig scheint man wirthschaftliche Verbesserungen in größerem Stile zu beabsichtigen, Verbesserungen, die den Städten ebenso wie dem platten Lande im Allgemeinen zugute kommen sollen. Namentlich hat man wohl eingesehen, daß vor allen Dingen auch die Verkehrsmittel in den Ostprovinzen dringend der Hebung und des weiteren Ausbaues bedürfen, besonders also die Wasserstraßen und die Eisenbahnen.
Eine besondere Aufmerksamkelt soll der Stadt Posen gewidmet werden. Das Festungsgelände soll zumTheil freigegeben werden; es ist die Ein- .qemeindung einiger Vororte in Aussicht genommen, so daß dadurch Posen in die Reihe der preußischen Großstädte einrückt; dann aber will man auf gewerblichem Gebiete einen Aufschwung herbeiführen und außerdem auch die Kunst und Wissenschaft dadurch fördern, daß man in der Stadt Pofen eine große Stadtbibliothek und ein
Museum errichtet.
Das alles sind sicherlich recht schöne Plane. Nur ist das Eine zu befürchten, daß man sich von ihrer Ausführung mehr verspricht, als in der That von Erfolgen erreicht werden wird. Jedenfalls aber kommt ihnen der Vorzug zu, daß sie jeglicher Spitze gegen das Polenthum entbehren, daß sie also in diesem Sinne in ausgesprochenem Gegensätze stehen zu den Grundsätzen des Hundert-, nunmehr Zweihundert-Millionen- Fonds. Und deswegen könnte man vielleicht von einem neuen Polenkurse der preußischen Regierung sprechen. Aber der kennt die Geister schlecht, die die heutige Polenpolitik beeinflußen, der glauben wollte, daß diese Politik ablassen würde von der Bekämpfung des polnischen und damit gleichzeitig des katholischen Beoölkerungselementes in den preußischen Ostprovinzen. Daß hierin keine Aenderung eingetreten oder zu abwarten ist, beweist ein Erlaß des preußischen Staatsministeriums an die Oberpräsidenten der Provinzen mit gemischt-sprachiger Bevölkerung zur allgemeinen Verbreitung an die Beamtenschast. Der Erlaß selbst spricht im ersten Satze von den „Provinzen gemischt-sprachiger Bevölkerung und nationaler Gegensätze" und von der „Aufgabe der Staatsregierung, das deutsche Nation al- und preußische Staatsbewußtsein zu der Bevölkerung zu stärken und lebendig zu erhalten". Der Satz würde auch für den Polen, der staatstreu sein will, unanfechtbar sein, wenn nicht ausdrücklich das Wort vom deutschen 'Nationalbewußtsein darin stände. Denn das versichern uns die preußischen Polen fortgesetzt, daß sie treu zum Staate halten wollen. Aber man kann unmöglich vom Polen verlangen, daß
er seine eigne Nationalität aufgiebt und deutschnational wird, ohne einen unmittelbaren Kampf gegen die gefammte polnische Nationalität zu eröffnen. Und grade dieses Letztere ist es, was von dem Standpunkte ausgleichender Gerechtigkeit aus entschieden zu verurtheilen ist. Wenn man ganz offen einen Kampf gegen die polnische Nationalität eröffnet, so kann man niemals darauf rechnen, das Polenthum zu versöhnen, und wenn man ihnen in der Stadt Posen und sonstwo noch goldene Häuser und Museen bauen wollte.
Der Erlaß des Staatsministeriums selbst befleißigt sich auch einer recht sanften Sprache. Aber das ändert wiederum nichts an der Thatsache von der weiteren Ausbreitung des deutschen Nationalbewußtseins im Gegensätze zum Polen- hum in den östlichen Provinzen. Namentlich werden die Beamten dazu ermahnt, sich nicht kühl von der Bevölkerung abzuschließen, sondern „eine rege, auch außerdienstliche Mitwirkung bei allen berechtigten Anstrengungen zur Hebung der Wohlfahrt des Volkes, deutscher Bildung und deutscher Kultur" zu bethätigen. Namentlich empfiehlt die Staatsregierung „Begründung von wirthschaft- licben Genossenschaften, Bereitstellung deutscher Bildungsmittel, Gründung und Erhaltung patriotischer Vereine, Schaffung geselliger Vereinigungspunkte, Unterstützung der in ihrer Existenz und deutsche« Nationalität gefährdeten Bevölkerungsklaffen und Einzelner, Förderung von Heilstätten und Stationen von Krankenpflegerinnen, Fürsorge für Kleinkinderschulen und andere Erziehungs- und Bildungsanstalten". Alle diese Maßregeln empfiehlt also das Staatsministerium im Interesse der Ausbreitung des Deutschthums. Und wenn es auch weiter in dem Erlasse heißt, daß „jedes agressive Vorgehen gegen die fremdsprachliche Bevölkerung zu vermeiden und den willigen Elementen derselben die Theil- nahme überall offen zu erhalten" ist, so ändert das nichts daran, daß der ganze Erlaß gegen das Polenthum gerichtet ist und von neuem einen Kampf gegen dasselbe eröffnet. Nur die Form ist geändert, aber der Kampf bleibt bestehen, und er wird ganz offen dem Polenthum angesagt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Erlaß die Gegensätze zwischen den beiden Nationalitäten deswegen nur noch mehr verschärfen, statt ihn abzumildern; und das müßte allgemein aufs leb-
und katholische Schwestern fernhalten wird. Verfährt die preußische Regierung auch in der Zukunft in den gemischt-sprachlichen Provinzen so, dann zeigt sie doppelt, daß an ihrem Kurse nichts geändert werden soll als nur die äußere Form, und daß auch für die Zukunft noch immer das altbekannte Wort des Freiherrn von Schorlemer- Alst seine Giltigkeit behalten wird: nicht Ger- manisirung, sondern vor allem Protest antisirun g ist es, was die preußische Re- fierung in den Ostprovinzen an strebt.
zuregen.
Die Bundesleitung geht weiter darauf aus, eine eigene Partei zu gründen. Die Grün-,,» ----------- s
dunq einer rein wirtschaftlichen Partei aber halten Dr. Hahn und von Plötz zur „Festigkeit und wir für verderblich, weil sie unser ganzes politi-1 ------». D.-i eute
ches Leben materialisiren und zu Grunde richten und einen Kampf aller Erwerbsklasfen gegen alle heraufbeschwören würde, der schließlich auf eine ganz gewöhnliche Plünderung der schwächeren Parteien durch die stärkeren hinaus käme. Eine
ungen sie stellen. ,
Das Centrum hat ausreichend bewiesen, daß es sich durch den Bund nicht treiben zu lassen braucht. Es ist für Börsen-Reform, Margarine- Gesetz, Schutz gegen Seuchen-Einschleppung, kurz alle Forderungen der Landwirthe eingetreten, die durchführbar sind und kein Unrecht gegen andere Erwerbsklassen enthalten. Wo und wann hat es sich der Landwirthschaft feindlich bewiesen oder auch nur ihre Interessen vernachlässigt? Es ist nichts als demagogische Hetzerei, wenn man es beschuldigt, nicht agrarisch zu sein. Der einzige Vorwand dafür ist die Ablehnung des Antrages Kanitz, und die war gerechtfertigt, denn der Antrag ist einfach Unsinn. Handelte das Centrum nach dem Beispiele gewisser Freunde der Landwirthschaft, so hätte es freilich ganz gut für den Antrag stimmen können, denn Jeder wußte, !daß doch nichts daraus würde. Diese unwürdige Komödie hat es aber verschmäht. Was die Zukunft, insbesondere die künftigen Handels- Verträge angeht, so wird das Centrum ohne den Ansporn seitens der Bündler die Interessen der Landwirthschaft dabei verfechten, wie es immer dies gethan hat. Es braucht sich gar nicht erst | zu „bekehren" und durch die Freunde der Herren
„Entschiedenheit" ermuntern zu lassen. Die Leute „aus den Centrumskreisen", die davon immer reden, haben im Grunde ganz was anderes vor, dürfen es aber nur noch vor Centrumswählern nicht offen bekennen.
Hafteste bedauert werden.
Der Erlaß des Staatsministeriums empfiehlt, wie erwähnt, auch „die Förderung von Heilstätten und Stationen von Krankenpflegerinnen und die Fürsorge für Kleinkinderschulen". Wir werden ja sehen, wie dieser Satz des Erlasses zur Ausführung gelangen wird. Gerade auf diesem Gebiete stehen obenan die Leistungen unserer katholischen Ordensschwestern, und da die Bevölkerung der preußischen Ostprovinzen vorwiegend der katholischen Kirche angehört, müßten nach den Grundsätzen der Parität namentlich neue Ansiedelungen katholischer Ordensschwestern für die Pflege von Kranken und für die Gründung von Kleinkinderschulen gefördert werden. Die Erfahrungen der letzten Jahre legen die Vermuthung nahe, daß das nicht der Fall sein wird, daß die Regierung vielmehr die Ansiedelungen protestantischer Diakonissen fördern
solche Entwickelung unseres politischen Lebens wollen wir nicht, darum bekämpfen wir den Bund der Landwirthe, wie er sich in der Leitung dar
stellt.
Die letzte Zuschrift der .Deutschen Tagesztg/ „aus Centrumskreisen" enthält die Bitte an die „agrarischen Parteigenossen", ihr ganzes Augenmerk darauf zu richten, daß die Kandidaten, wo das Centrum in Betracht komme, verpflichtet würden, einestheils die agrarischen Forderungen anzuerkennen, anderntheils dem Centrum beizutreten. Nicht durch Bildung einer Sondergruppe sei etwas zu erreichen, sondern lediglich dadurch, daß man das Centrum dahin bringe, in agrarischen Fragen offen Farbe zu bekennen. Ja, welches find denn eigentlich im Augenblick die „agrarischen Forderungen" ? Die Bundesführer sind dem Sammel-Programm beigetreten. Das haben aber selbst die Nationalliberalen acceptirt. Das Centrum dürfte in den agrarischen Forderungen bedeutend weitergehen, als diese. Anderseits haben die Konservativen den Antrag Kanitz in der Versenkung verschwinden lassen und sich für das Getreideeinfuhr-Verbot nie erwärmt. Muß das Centrum, um Gnade zu finden, noch weiter gehen, als die Konservativen? Wenn man von „Farbe bekennen" redet, so möchten wir vor Allem den Bund der Landwirthe selber auffordern, dies zu thun. Er treibt gegenwärtig eine hinterhältige Politik, indem er sich zum Sammel-Programm bekennt, sich aber vorbehält, es später nach seinem Geschmack auszulegen. Mögen also die Äundes- führer einmal klipp und klar, nicht in allgemeinen Sätzen, darlegen, welche praktischen Forder-
Gras Ostheim gab keine Antwort. Die Erwähnung der Haide, der alten Marrit, dieser Ding«, welche seine Gattin selbst im vertrautesten Gespräche mit ihm selten oder nie berührte, hatte eine Saite in seinem Innern angeschlagen, die weiter tönte. Er strich mit der Hand über die Stirne, um die aufsteigenden Bilder zu verjagen; aber die einmal aus der Tiefe heraufbeschworenen Gestalten ließen sich nicht so leicht bannen. Lebende und Todte drängten sich in das stille Gemach. Deutlich laaen sie vor ihm, die schweigenden Dünen, der Park und das Schloß.
Wie eine Erlösung begrüßte Herbert den Eintritt des Dieners, welcher eine Karte überreichte.
„Otto, Freiherr von Ralingen," las der Graf mit freudigem Erstaunen. „Also doch noch! Ich hatte beinahe die Hoffnung aufgegeben, Otto in diesem Sommer zu sehen. Ich will ihn in meinem Zimmer empfangen," wandte, er sich lebhaft an seine Gattin. „Du kennst meinen alten Freund eigentlich zu wenig und könntest Dich leicht übermüden, liebe Inge."
„Das „liebe" schenke ich Dir, wenn Da es nur anwenden willst, mir jedes, auch das kleinste Vergnügen zu versagen. Gerade erkläre ich Dir, daß ich gesund bin, und Du beharrst darauf, mich als Kranke zu behandeln. Baron Ralingen ist zwar entsetzlich langweilig, aber in Ermangelung von etwas Besserem" — sie lachte kurz und .heiser auf — „mag er mir willkommen sein.
Wege und Ziele.
Roman von A. Jüngst.
(Nachdruck verboten.)
Es wird am besten sein, Schwester Charitas, wenn Du sogleich abreisest. Der Fall scheint sehr dringend."
Die also Sprechende war eine hohe gebietende Frauengestalt in klösterlichem Gewände. Ein paar graue Augen schauten unter der Binde hervor, durchdringend, aber dennoch so viel er-
Centrum und Bund der Landwirthe.
Von Zeit zu Zeit bringt die,Deutsche Tages- ztq/, das Hauptblatt des Bundes der Landwirthe, eine Zuschrift „Aus Centrumskreisen", welche mit dem Centrum und der Centrums-Presse sehr ungnädig umgeht. Der Schluß ist gewöhnlich: „Das Centrum wird agrarisch sein oder es wird nicht sein." Da man nicht gut zu den „Centrumskreisen" gehören kann, wenn man mit dem Centrum auf Feindesfuß steht, so wird die Unzufriedenheit mit ihm nur zart und unbestimmt ausgesprochen, desto schlimmer kommt aber die Centrums-Prefse weg. Ohne daß die Behauptung irgendwie mit Beweisen belegt wird, wird sie als derLandwirthschaft feindlich hingestellt. Man wird in Wahrheit nicht leicht ein Centrumsblatt finden, das der Landwirthschaft feind wäre; im Gegentheil haben sie alle viel größeres Interesse sür die Wünsche und Bedürfnisse der Landwirthe, als für Industrie, Handel, Börse und Großkapital. Man nenne doch einmal die Blätter, welche den „Agrariern" etwa so gegenüber stehen wie die liberale Presse. Man zieht es aber vor, allgemeine Verdächtigungen auszusprechen, wie gewisse Leute es ja auch in der Gewohnheit haben, zu klagen, selbst zu Zecken, wo es ihnen ganz erträglich geht und die Klagen gar nicht näher begründet werden können, sondern ganz allgemein gehalten werden müssen.
Die „Centrumskreise" der Deutschen Tages- ztg/ machen sich der Verwechslung der Landwirthschaft mit dem Bunde derLandwirthe schuldig. Mit diesem Bunde oder vielmehr mit seiner Leitung können wir uns allerdings nicht befreunden. Wir haben gar nichts dagegen, daß die Landwirthe sich vereinigen, um ihre Forderungen mit größerem Nachdruck vertreten zu können^; ja wir finden das ganz gerechtfertigt. Andere Leute thun ja dasselbe. Aber die Herren Dr. Hahn, v. Plötz und Genossen, die Leiter des Bundes, halten wir sür nichts weiter als Demagogen. Sie stellen Forderungen auf, von denen sie wissen müssen und wissen, daß sie unmöglich und undurchführbar sind, und mit diesen suchen sie die Landwirthe immer von Neuem auf-
Du mußt doch fllbst gestehen, Herbert, daß dieses ewige Alleinsein mit Dir anfängt unerträglich zu werden. Gieb mir das Spitzentuch dort und brich ein paar Blüthen von dem Granatbaum am Balkon. Der Baron soll doch nicht sagen, daß ich mich vernachlässige."
Gehorsam willfahrte der Graf dem Begehren seiner Gemahlin und sah mit gemischten Gefühlen, wie sie die Spitzen über ihr Morgenkleid schlang und die dunkelrothen Blüthen an der Brust und im Haare befestigte. Dann ging er in's Vorzimmer, den Freund zu bewillkommnen.
War Baron Ralingen schon erstaunt über die Veränderung, welche die letzten zwei Jahre in den Zügen des Jugendgefährten hervorgebracht hatten, so war er kaum im Stande, sein Erschrecken zu verbergen, als er die Gräfin erblickte. Inge hatte sich zwar bei seinem Eintritt erhoben, ein Lächeln auf ihre Lippen gezaubert, ein Scherzwort ihm entgegen geworfen, — aber der Anschein des Lebens konnte ihn nicht täuschen. Wieder und wieder mußte er im Lause des Gespräches verstohlen sie anschauen und sich fragen: „Kann dieses geschminkte Bild des Todes wirklich die Gräfin Ostheim sein?"
Er hatte die Macht dieses Weibes an sich selbst erfahren. Wie hatte er dem alten Regimentskameraden gezürnt, als dieser, allen Traditionen seiner Famlie zum Trotz, um der Tochter eines Torfbauern willen Liebe und Ehre verlachen hatte und eine Mißheirath eingegangen war! Wie hatte er das ränkevolle Weib gehaßt, das seinen Freund um sein besseres Selbst betrogen, wie die schlaue Abenteuerin verachtet, die achtlos das Glück ihrer Nebenbuhlerin zertreten
und sich selbst an deren Stelle gesetzt hatte! Und dennoch, als er die Verabscheute das erste Mal gesehen, da fühlte er seinen Groll schwinden. Fast hätte er den Glücklichen beneiden mögen, der diesen Edelstein entdeckt und sich zu eigen gemacht. Aber doch blickte er immer nur mit einem Gefühle, das an Furcht grenzte, auf die schöne Frau. Seinem echt aristokratischen Empfinden widerstrebte es in dem Wesen und dem Gebühren der Gräfin, für das er keinen Namen hatte, das ihn aber jedesmal von Neuem zurückstieß, wenn er sich in den Kreis ihrer Bewunderer gezogen fand.
Baron Ralingen überkam heute em tiefes Mitleid mit der Frau, welche, am Rande des Grabes stehend, Pläne für die Zukunft entwarf und von den Freuden des Lebens sprach, als ob dieselben niemals enden könnten.
„Sie müssen nach Baden-Baden kommen, lieber Baron," schmeichelte sie. „Hier können wir Ihnen ja leider nichts bieten, da Herbert sowohl wie der Doktor darauf bestehen, mich einzusperren. Denken Sie: die beiden Tyrannen wollen mich nicht einmal singen lassen und begreifen nicht, daß mir, die ich nur in dem Wohlklange der Töne lebe, diese Entbehrung schlimmer ist als der schlimmste Husten, den ich mir zuziehen könnte. In Baden-Baden jedoch, wo man zu leben und sich zu vergnügen weiß, wird es mir eine Freude sein, Sie als Gast zu begrüßen.
„Sie vergessen, Gräfin, daß ich nur hierher gekommen bin, um Sie und die Kinder zu sehen. Apropos, wo sind denn Kurt und Elsa?"
„Ich weiß es nicht; bei ihrer Erzieherin ver- muthlich," antwortete Gräfin Ostheim, sich ge
langweilt in die Kissen zurücklehnend. „Die Kinder ermüden mich; sie sind so unruhig, ]o rücksichtslos." ,
„Herbert, ich fürchte. Deine Frau ist recht krank," sagte Ralingen, als Graf Ostheim ihn in den Garten geleitete, wo die Kinder im Schatten der hohen Taxushecken spielten.
Sprich's nicht aus," entgegnete der Gras mit "gedämpfter Stimme; „ich kann und will es nicht hören. Ich habe mich genug geängstigt während der vergangenen Wochen."
„Und was sagt der Arzt dazu? Welche Hoffnung gibt er Dir sür die Zukunft?"
Hoffnung?" wiederholte Herbert. „Ich weiß es nicht. Ich frage ihn nicht, und er schwelgt sich aus. Doch," fügte er hastig hinzu, „Du mußt mich nicht mißverstehen: Inges endliche Genesung kann nur eine Frage der Zeck sem. Sie hat sich erkältet, überangestrengt — eine geeignete Kur — die nöthige Schonung — Du begreifst."
„Armer Freund!" murmelte Herr von Balingen, die Hand des Grafen drückend.
Er hatte das Mal auf der Stirne der Gräfin nicht übersehen können, welches anzeigte, daß der Tod seine Hand auf sie gelegt habe.