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mit Unterhaltungs-Beilage „Mustrirte Sonntags-Zeitung" pctersgasse Nr. L (Larmoiiies.
JuLöa, Dienstag, den 12. April 1898
M 81.
25. Jahrgang.
Ausland.
* Paris, 9. April. Der Prozeß gegen Zola wird, wie schon telegraphisch gemeldet, eine Neuauflage erleben. Das Kriegsgericht, welches Esterhazy freigesprochen hatte, trat am Freitag Vormittag zur Prüfung folgender zwei Fragen zusammen: Soll gegen Zola eine neue Klage angestrengt werden? Soll bei dem Groß- sie in den Atlaskissen, für die an den Schlag heranspringenden Herren einen huldvollen Gruß, ein geistreiches Scherzwort auf den Lippen tragend.
„Inge, Du strengst Dich zu sehr an, Du bist müde; laß uns nach Hause fahren," bat Graf Ostheim, als er sah, wie der japanische Sonnenfächer in den feinen Händen zitterte.
„Ich denke nicht daran, nach Haufe zu fahren. Ich bin durchaus nicht müde," entgegnete sie lachend; aber das Lachen erstickte in einem Hustenanfalle. „Gib mir den Shawl, mich fröstelt," gebot sie nach einer Pause dem sie ängstlich beobachtenden Gatten. „Der Frühling ist in diesem Jahre so merkwürdig kühl."
Trotz der glühenden Sonnenstrahlen hüllte sich die Gräsin in das indische Gewebe, das mit seinen leuchtenden Farben ihre Schönheit noch mehr hervorhob.
„Die Ostheim sieht wieder prächtig aus," meinte einer der Reiter, Freiherr v. Bornstedt, zu seinem Gefährten, als sie grüßend an der gräflichen Equipage vorübersprengten.
„Hm," entgegnete der andere, ein österreichischer Diplomat, sich im Sattel zurückwendend, „ich traue dieser Besserung nicht. Fast möchte ich dem Grafen Hellborn Recht geben, der vorhin, als der Wagen der Gräfin auf dem Korso erschien, hehauptete, der Tod lauere unter dieser schönen Hülle."
„O, Graf Hellborn mag die Ostheims nicht; er hat sie stets fast bis zur Scheu gemieden, obschon er sie früher gut genug gekannt haben soll."
„Kann sein, das Vorleben der Gräfin, ihre Herkunft —." Der Sprecher machte eine geringschätzige Bewegung.
„Na ja," geheirathet hätte ich sie auch nicht,"
O Das Centrum in Bayern!
Centrum oder katholische Volkspartei, — das ist die Frage in Bayern. Oder scheint es nur so zu sein? Ohne Zweifel besteht eine ernste Krise in Bayern für das Centrum und für seinen Besitzstand an parlamentarischen Mandaten auch dort. Aber davon ist noch lange keine Rede, daß der Krise der Tod folgt. Der Centrumsgedanke ist auch in Bayern so kräftig, so gesund, daß er sich viel schwerer ums Leben bringen läßt, als viele meinen, die an seiner Stelle etwas anderes und namentlich auch gern — sich selbst setzen möchten. Eines steht fest: Die übergroße Mehrheit der Centrumsabgeordneten, darunter alle älteren Führer sind entschieden gegen eine Trennung vom Centrum des Reichstages, und es kann also auf jeden Fall nicht die Rede davon sein, daß alle die bayerischen katholischen Abgeordneten, die jetzt dem Centrum angehören, später geschlossen eine besondere katholische Volkspartei bilden möchten. Würde diese letztere nun dennoch gegründet werden, was würde die Folge davon sein? Die Vertreter des katholischen Bayernlandes im Reichstage würden in zwei Gruppen gespalten sein, in eine größere, die dem Centrum an gehört, in eine kleinere, die als Sondergruppe der bayerischen katholischen Volkspartei sich austhut. Würde das der gemeinsamen Sache nützen? Nein, natürlich nicht, die Frage beantwortet sich von selbst. Diese Absonderung würde so sehr zum Schaden derjenigen ausschlagen, die sich absondern wollen, daß sogar schon Stimmen aus dem Bunde der Landwirthe heraus in dessen führendem Blatte warnend sich erheben gegen ein solches unkluges Beginnen. Und das ist wohl das Stärkste, was in diesem Sinne geleistet werden kann.
Vor allen Dingen will man im ganzen Frankenlande und im ganzen bayrischen Schwaben nichts von der Trennung vbm Centrum wissen.
Wie die Stimmung in Schwaben ist, davon legt beredtes Zeugniß ab eine Versammlung, die vor einigen Tagen in Kempten in Allgäu abgehalten wurde. Dort sprachen unter großem Beifall die Centrumsabgeordneten Schmidt- Jmmenstadt, und von Lama-Regensburg, ersterer der Vertreter des Wahlkreises selbst im Reichstage. Dieselben besprachen die Vorgänge im Reichstage, und beleuchteten namentlich die Thätig- keit des Centrums in demselben, und nach ihnen ergriff das Wort der Vorsitzende der Versammlung, Herr Verlagsbuchhändler Huber aus Kempten selbst. Dieser besprach die beiden brennendsten Fragen des Tages, die Flottenvorlage und den Vorschlag zur Trennung vom Centrum. Aber über beide Punkte sprach er ganz anders, als wohl mancher erwartet hätte, der die Lage nur nach dem beurtheilte, was er vorher in einer Reihe von Blättern gelesen hatte. Herr Huber sührte etwa solgendes aus: „Eine entsprechende Veränderung der Flotte wird wohl von den meisten objektiv urtheilenden Politikern als nothwendig anerkannt. Wie weit sie zu gehen haben, darüber können die Ansichten auseinander gehen, und eine absolute Grenze, die nicht überschritten werden darf, bildet die finanzielle Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes. Immerhin WWMMMW»MMW»»»»»»»WWWWWWWWWWWWMWWW8g
Wege iinb Ziele.
Roman von A. Jüngst.
32 ------ (Nachdruck verboten.)
4.
Die Vorhänge des Krankenzimmers waren Herabgelaffen; tiefe DämmeÄmg herrschte in dem stillen Gemach. Nur ein einzelner Sonnenstrahl hatte sich durch eine schmale Spalte hindurch geschlichen — da öffneten sich die schwarzen Augen und obwohl der goldene Funke, wie ertappt auf böser That, weiter abwärts huschte über die seidene Decke, murmelten die blutlosen Lippen: „Schon wieder die Sonne! Ich will die Sonne nicht sehen."
Die schwache Hand tastete nach dem Knopf der elektrischen Klingel. Sogleich stand die im Vorzimmer harrende Zofe am Bette und fragte: „Gnädige Gräfin befehlen?"
„Das Licht!" stöhnte die Kranke. „Eben schien die Sonne mir ins Gesicht."
Geräuschlosen Schrittes eilte die Dienerin ans Fenster und befestigte die Vorhänge.
„Da gnädige Gräfin doch einmal erwacht sind, wollte ich nur fragen, ob Graf Kurt und Komtesse Elsa hereinkommen dürfen?"
„Nein, ich will die Kinder nicht sehen; ich ertrage die Unruhe nicht. Welcher Tag ist heute?"
„Mittwoch, gnädigste Frau Gräfin."
„Mittwoch?" murmelte die Kranke. „Es war schon ein Mal Mittwoch, seitdem ich hier liege. Also bin ich schon seit zwei Wochen an's Bett gefesselt. Welches Datum, Morberg?"
„Der achte April, gräfliche Gnaden."
nimmt Deutschland mit einer Handelsflotte bereits den zweiten Rang ein. Wir haben überseeische Besitzungen, deren Werth verschieden taxirt werden kann. Wichtig ist gewiß die neue Erwerbung von Kiaotschau. In China ist für den Welthandel und auch für den deutschen Handel noch viel zu holen. Die ausländische Presse ist ganz einig in der Würdigung dieser Besitzergreifung. Der Schutz der Missionen darf auch nicht übersehen werden. Eine Abenteuer-Politik wollen wir ganz gewiß nicht. Und daß bei der Beantwortung der Flottenfrage die Meinungen im Reichstage auseinander gehen, ist begreiflich. Da nun aber eine Erhöhung oder Schaffung indirekter Steuern zur Bestreitung der Flottenkosten ausgeschlossen ist, und bei Einführung neuer direkter Steuern die stärkeren Schultern belastet werden sollen, wird man doch sagen dürfen, daß der Maffe der Steuerzahler die Flottenvorlage dadurch erträglich geworden ist. Das Budgetrecht des Reichstages kam allerdings auch in Betracht. Wir wollen keine Beschränkung desselben; aber daß so große Projekte, wie es ein Flottenplan ist, nicht von Jahr zu Jahr, sondern für einen längeren Zeitraum entschieden werden müssen, muß doch auch anerkannt werden. Wenn ein Theil des Centrums dafür, ein kleinerer, zumal die bayerischen, dagegen gestimmt haben, so braucht das für die Anhänger des Centrums durchaus kein Grund zur Trennung zu sein. Die Katholiken Deutschlands brauchen eine einheitliche Vertretung. Die älteren unter uns kennen die Zeiten des Kulturkampfes noch. In anderer Form kann er wiederkommen, dann brauchen wir erst recht wieder unser Centrum. Meinungsverschiedenheiten in einzelnen Dingen dürfen uns nicht trennen." Redner schloß seine kraftvollen Darlegungen mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf das Centrum und dessen ungestörte Einigkeit bei den bevorstehenden Wahlen.
Jedermann wird zugeben müssen, daß das gar nicht darnach klingt, als wolle Jemand im Algäu „los vom Centrum". Und wir werden wohl recht behalten mit der Vermuthung, daß in der nächsten Zukunft noch mehr solche Versammlungen stattfinden werden mit denselben Ergebnissen. Auch in dec bayerischen katholischen Presse gewinnt je länger desto deutlicher die Anschauung die Oberhand, daß die Trennung vom Centrum der gemeinsamen Sache nicht zum Vortheile gereichen würde. Und Blätter, wie ,L a n d s h u t e r Zeitung', ,Straubinger Tagblatt' und einige andere, die vorher auch in den Ruf „Los vom Centrum" eingestimmt hatten^ haben ihre Stellung neuerdings geändert. Die Stimmung im Allgemeinen ist ruhiger und versöhnlicher geworden. In diesem Sinne wendet sich z. B. auch die ,Amberger Volkszeitung' in einem be- merkenswerthen Leitartikel „Windthorst und das Centrum" gegen die Trennung vom Centrum: Windthorst würde in dem Streite, ob Auflösung oder Fortdauer des Centrums, in den Ruf „Los vom Centrum" gewiß nicht einstimmen und die Trennung als ein schweres Unglück beklagen. Windthorst war der Hochwächter und treue Eckart der Einigkeit der deutschen Katholiken, und wenn er jetzt aus dem Grabe erstehen und zu den
„Und am sechszehnten ist das letzte Wettrennen in Nizza! Ich will aufstehen, Morberg."
„Aber, gnädige Gräfin vergessen — der Arzt hat jede Bewegung streng verboten."
„Ich stehe auf. Ich bin gesund, — will gesund sein."
Mit einem energischen Ruck die Decken zurückschleudernd, richtete sie sich auf. Die müden Glieder bebten von der Anstrengung, der Schweiß rann von der bleichen Stirne, und mit einem tiefen Seufzer zurückfinkend, stöhnte sie: „O, nicht können, wie man will, nicht dürfen, wie man möchre!"
Nach einer längeren Weile erst schlug sie die Augen wieder auf und fragte: „Besuch hier gewesen?"
„Der Herr Vicomte de Grancy hat heute früh sich wieder wie gewöhnlich nach dem Befinden der gnädigen Frau erkundigt und einen Strauß abgegeben. Lord Ewermore hat eben« falls vorgesprochen; die Frau Herzogin de Fleury, Prinz Treuenstein und Herr v. Bornstedt haben fragen lassen."
Ein mattes Lächeln erhellte die Züge der Kranken.
„Sage den Herrschaften", flüsterte sie, „ich sei beinahe genesen und würde am sechszehnten beim Wettrennen erscheinen."
Ein hohler Husten, der die ganze Gestalt erschütterte, ließ sie verstummen. Erschreckt beugte sich die Zofe über ihre Herrin, eine heftige Hand- bewegung scheuchte sie zurück.
„Geh', ich bedarf.Deiner nicht. Ich wil allein fein."
Die Zofe ging, und die stolze Besitzerin der
deutschen Katholiken reden könnte, dann würde er gar ernst und eindringlich zur Einigkeit mahnen. Das Blatt erinnert auch noch an die Worte, die Fürstbischof Kopp am Sarge Windthorst's an das versammelte Centrum richtete, ausgehend in die Mahnung im Sinne Windthorst's: „Darum bitte und beschwöre ich Euch, bleibt einig."
Deutsches Deich.
Berlin, 11. April.
h. Die Gerüchte über einen bevorstehenden Rücktritt des preußischen Ministers des Innern vo» der Itecke sind an dieser Stelle von An- äng an als sehr fragwürdig in ihrer thatsäch- ichen Begründung bezeichnet worden. Jetzt er- ährt die ,Kreuz-Ztg.' aus „bestunterrichteter Quelle, daß alle die Gerüchte über den bevor- tehenden Rücktritt des Frhrn. v. d. Recke ohne hatsächlichen Anhalt" seien. Es ist kaum anzunehmen, daß Herr v. d. Recke noch Jahre ang Minister des Innern sein wird. Denn nsher hat seine Ministerthätigkeit nur Mißerfolge und keine Erfolge aufzuweisen. Aber vor )en Neuwahlen wird aller Voraussicht nach ein Ministerwechsel vermieden werden.
X lieber der Bestimmung des Zeitpunktes für die Neuwahlen znm Iteichstage liegt nach wie vor geheimnißvolles Dunkel. Erst sollte es der 16. Juni sein, an dem die Wahlen stattfinden sollten, dann wieder der 20. Juni. Aber halbamtlich wird diesen Meldungen die Behaup.ung entgegengehalten, „daß über den Wahltag überhaupt noch kein Beschluß gefaßt" sei. Wenn das thatsächlich der Fall sein sollte, so wäre das nur außerordentlich zu bedauern. Die verbündeten Regierungen sollen unbedingt so viel Rücksicht nehmen auf die allgemeinen Bedürfnisse, daß sie möglichst bald über den Wahltag sich schlüssig machen und den gefaßten Beschluß auch zur allgemeinen Kenntniß bringen. Mindestens kann man verlangen, daß bald Mittheilung gemacht wird darüber, in welcher Woche diese Neuwahlen stattfinden sollen.
* Die ,Kons. Korresp.' hatte vor Kurzem die Schaffung einer „Sammlrrngs-Kentralstelle" für die Reichstagswahlen angeregt, ohne dafür Beifall zu ernten. Der Plan findet jetzt bei der ,Deutschen Tagesztg.' Anklang, wenngleich nicht allzu freudigen. Der Versuch, durch die Ausgleichsstelle Doppelkandidatnren von „Anhängern der nationalen Wirthschaftspolitik" zu verhüten, scheint ihr ganz wünschenswerth, wohl weil sie hofft, es würden die nicht hinreichend „festen und entschiedenen" Kandidaten ausgemerzt werden. Andererseits erwartet sie aber auch nicht viel davon, denn die Aufstellung von Doppelkandidaturen lasse in der Regel auf das Vorhandensein einer gewissen Halsstarrigkeit und eines gewissen Sondersinnes schließen, den die Centralstelle kaum werde brechen können. Selbstverständlich giebt es beim Bunde der Landwirthe Halsstarrigkeit und Sondersinn nicht. Er ist nur „entschieden" und „fest". Mit dieser „Festigkeit", die man auch Dreistigkeit nennen kann, kommt man am weitesten. So z. B. hat der Bund es durchgesetzt, daß in Hameln-Springe der bisherige nationalliberäle Hische, der selbst Mitglied des Villa Chiara lag regungslos in der Einsamkeit des Krankenzimmers.
Der starke Wille des leidenschaftlichen Weibes blieb Sieger. Am nächsten Tage stand Inge wirklich auf, und ob auch der Arzt bedenklich den Kopf fchüttelte und ihr Gatte sie beinahe unter Thränen bat, davon abzustehen: sie beharrte auf ihrer Erklärung, gesund zu sein. Besuche empfangen und erwidern zu wollen.
„Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Herr Graf, so schwer es mir in dem vorliegenden Falle auch wird, meine Pflicht als Arzt zu erfüllen", sagte der freundliche Franzose zu Herbert, „daß die seit langem erschütterte Gesundheit der Frau Gräfin nur an einem sehr dünnen Fädchen hängt. Ein zweiter Blutsturz wie neulich und ..." Er zog bedeutsam die Schultern. „Die Frau Gräfin muß sich sehr schonen, wenn sie den Anfall überwinden will."
„Ruhe!" seufzte Herbert. „Ruhe!" Wann hatte Inge jemals Ruhe gekannt, und vollends seit sie Gräfin Ostheim geworden! Ihr ganzes Leben war nur eine einzige Hetzjagd gewesen — und nun Ruhe? Es war fast lächerlich, ein solches Wort von dieser Frau zu gebrauchen.
Sie gönnte sich auch jetzt keine Ruhe. Mit übermenschlicher Anstrengung zwang sie sich, zu plaudern und zu lächeln, als ob nichts geschehen.
Als der Tag des Wettrennens mit herrlichem Frühlingssonnenschein anbrach, war der Wagen der Gräfin Ostheim einer der ersten cuf der englischen Promenade. Die eingefallenen Wangen gerölhet — ein leises Tupfen aus dem Schmink- töpfchen hatte der Natur nachgeholfen —, die Augen in fieberhaftem Glanze prahlend, lehnte
Bundes ist, „freiwillig" zurücktreten mußte vor dem ebenfalls nationalliberalen, aber „entschiedenen" Bundesmitgliede Meinecke. Eine Centralstelle, die etwas zu sagen hätte, würde dem Bunde solche Erfolge vermuthlich erschweren.
X Kaiser Wilhelm und Prinzregent Luitpold von Bayern werden beide, wie eine Reihe anderer Herrscher, aus Anlaß des 70. Geburtstages des Königs Albert von Sachsen in Dresden zusammentreffen. Es konnte kaum fehlen, daß diese Thatsache zu der Meldung in der Presse ausgenützt wird, bei dieser Gelegenheit werde eine „endgiltige persönliche Aussprache" stattfinden über die Lösung der Frage vom oöerste« vayerischerr Mikitär- gerichtshof. Aber thatsächlich steht doch die Stellung Bayerns zu dieser Frage bereits fest: Bayern ist entschlossen, an seinem Reservatrechte nichts ändern zu lassen, und daß Prinzregent Luitpold Lust haben sollte, etwas von dem Reservatrechte aufzugeben, ist keineswegs anzunehmen. Das zu glauben, hieße vollkommen die Stimmung der bayerischen Volkes verkennen; und Prinzregent Luitpold gehört in diesem Punkte ganz und gar zum bayerischen Volke. Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe hat außerdem schon vor vierzehn Tagen i.n Reichstage mitgetheilt, daß über die Lösung dieser Frage Verhandlungen bereits eingeleitet sind. Es ist darum gar nicht einzusehen, warum nun Kaiser Wilhelm und Prinzregent Luitpold diese Gelegenheit dazu aus- ersehen haben sollten, die leidige Frage vom Obersten bayerischen Militärgerichtshof nun auch ihrerseits in Dresden zu behandeln.
Französische Blätter haben während der letzten Tage die Behauptung aufgestellt, daß Deutschland auf amtlichem Wege Kenntniß gehabt habe von der Ueberlaffung des chinesischen Hafens Weihaiwei an England. Noch mehr: die deutsche Regierung sollte sogar unmittelbar ihre Einwilligung ausgesprochen haben dazu, daß der genannte Hafen für England frei gemacht werde. Man konnte sich im voraus denken, daß diese Behauptungen falsch seien. Sie sind es in der That und finden demgemäß auch entschiedenen Widerspruch bei der Berliner Re- gierungspresse. Die ,Post' stellt fest, daß die Berliner Regierung von dem ganzen Abkommen erst nachträglich Kenntniß erhalten hat, und auch ernsthafte Pariser Blätter legen jetzt dar, daß nach der ganzen Lage der Dinge an ein vorher getroffenes Uebereinfommen zwischen England und Deutschland nicht zu denken sei. Deutschland und England find ohne Zweifel bestrebt, jede Uneinigkeit in ostasiatischen Dingen zu vermeiden. Aber niemals wird die deutsche Politik sich zu Schritten verleiten lassen, die den russischen Bestrebungen in Ostasien Hindernisse bereiten können.