KrrldaerMZertung
25. Jahrqang
IuLöcr, Mittwoch, den 6. April 1898
M 78
Inserate: Die ein» spalt. Garmond» zeile oder deren Raum 15 Pf, Reklamen die Petitzeile 25 Pf.; bei Wiederbolungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.
Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Bierteljährl.
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für Jnferate'j. porjelter in L-Ida. mit Ilnterhallungs-Meikage „Zllultrirte Sonntags-Zeitung" petersgaüe Ur. 2 (Harmonie).
G. Zum Geschichtsunterricht?) i.
Bekanntlich ist durch die neueren Lehrpläne (von 1892) dem Geschichtsunterricht in der Untersekunda und Oberprima des Gymnasiums auch Die Aufgabe gestellt, „Belehrung über wirth- schaftliche und gesellschaftliche Fragen in ihrem Verhältniß zur Gegenwart" zu ertheilen, namentlich um die demnächst ins praktische Leben oder zur Universität abgehenden Jünglinge „zu einem Urtheil über das Verhäng- nißvolle gewisser sozialer Bestrebungen der Gegenwart zu befähigen".
Auch ohne diese besondere Anregung würde die Schule von selbst dazu kommen, die unsere Zeit bewegenden sozialen und wirthschaftlichen Fragen beim Unterricht zu berücksichtigen. Denn die ganze geistige Atmosphäre, in der Lehrer und Schüler athmen, nöthigt zu einer stärkeren Betonung der Gegenwart auch in der Schule. Das Interesse an den öffentlichen Dingen, die Betheiligung am politischen Leben und den sozialen Bestrebungen hat die weitesten Volkskreise ergriffen, und als Söhne ihrer Väter bringen unsere Schüler von Haus aus den Sinn für die öffentlichen Zustände der Gegenwart mit. Die Zeiten, wo man meinte, die Gegenwart oder, richtiger gesagt, die jüngste Vergangenheit gehöre nicht der Geschichte an, sicherlich aber nicht in den Unterricht der Schule, sind vorüber.
Aber wenn die Schule über die moderne Staats- und Gesellschaftsordnung, sowie über die sozialen Fragen der Gegenwart Belehrung er- theilen soll, so hat sie doch weder Politik noch Sozialwissenschaft und Nationalökonomie zutreiben; denn dazu ist sie ihrer Natur nach weder berechtigt noch befähigt. Sie hat vielmehr auf dem Wege der thatsächlichen Anschauung dem Schüler für politische, soziale und wirthschaftliche Verhältnisse und Begriffe das Verständniß zu eröffnen. An der geschichtlichen Vergangenheit gewonnen bewährt sich dieses Verständniß auch gegenüber den Zuständen der Gegenwart.
Die Geschichte als Schulfach ist nicht immer das gewesen, was sie in unseren Tagen geworden ist. Es handelt sich nicht mehr bloß um gedächtnißmäßige Einprägung von denkwürdigen T hat en heevorragender Männer oder ganzer Völker, von äußeren Ereignissen, Kriegen u. s. w. sondern mehr noch um verstandesmäßige Darlegung und Erkenntniß der Entwickelung von Staaten und Völkern. Und deshalb treten Verfassungs- und Kulturgeschichte mehr und mehr in den Vordergrund.
Freilich darf die Schule dabei nicht die Pflicht vergessen, zunächst und vor allem für feste Aneigung des Thatsächlichen zu sorgen. Namentlich auf der Unterstufe ist dieser Gesichtspunkt strenge festzuhalten. Der Unterricht muß hier Überwiegend erzählender Natur sein. Er hat die Begebenheiten und Lebensbilder an-
*) Die nachstehende Darlegung schließt sich an einen Vortrag des Gymnasial-Direktors Dr. Joh. Brüll in Heiligenstadt „über die sozialpolitische Stellung und Aufgabe des Gymnasiums", dem das Meiste wörtlich entnommen ist, an.
Wege und Ziele.
Roman von A. Jüngst.
29 ------ (Nachdruck verboten.)
„Ach Ihr?" sagte die Gräfin stirnrunzelnd. „Habt Ihr schon wieder vergessen, daß Ihr mich nicht stören dürft?"
„Wir hallen Dir heute noch gar nicht „Guten Morgen" gewünscht, Mama", sagte der Knabe herzhaft, indeß sein Schwesterchen sich schüchtern an ihn drängte. „Und nun ist es schon Nachmittag."
„Monsieur de Grancy noch nicht dagewesen?" fragte die Gräfin über die Köpfe der Kinder hmweg den im Vorzimmer harrenden Diener.
„Nein, Euer Gnaden, nur Lord Ewermore. Der Herr wollte sich durchaus anmelden lasten, gnädige Frau halten aber abgeschlossen."
„Thur nichts; der steife Engländer langweilt mich ohnehin genug. Schicken Sie mir die Jungfer in mein Ankleidekabmet! Ich will Toilette machen. Der Wagen fall in einer halben Stunde bereit sein; ich fahre nach Monaco."
„Gnädige Gräfin vergesten vielleicht das Souper bei der Herzogin Fleury? Der Herr Graf haben angenommen."
„Achten sie auf meine Worte, Sie haben nichts zu erinnern," herrschte die Gräfin dem Diener zu.
Und ohne die Kinder, welche mit ängstlichen Blicken an den Zügen der Mutter hingen, weiter zu beachten, trat sie zurück.
„Mama?" wagte der Knabe sich bemerkbar zu machen und zupfte leise an ihrem Kleide.
„Laß das, Kurt! Ich habe keine Zeit für
schaulich einzuprägen und zur Erweiterung dieser geschichtlichen Kunde durch geeignete Lektüre kräftig anzuregen. Je bester und fester dieser Grund gelegt ist, desto mehr wird sich die Oberstufe in die Betrachtung des Zuständlichen und Ursächlichen vertiefen können.
Es ist klar, daß bei dem vorwiegend erzählenden Verfahren auf der unteren Stufe (bis Untersekunda) die sozialpolitische Wirkung von dem Geiste des Unterrichts, von der sittlichen Weltanschauung, der religiösen und patriotischen Gesinnung des Lehrers wesentlich abhängt. Der Unterricht kann hier, von einem einsichtigen und wohlgesinnten Lehrer ertheilt, den Sinn für Ordnung und Gesetzlichkeit in die jugendlichen Herzen einpflanzen, von den Rechten und Pflichten des Staatsbürgers den richtigen Begriff geben, die Verderblichkeit gewaltsamer Umsturzbewegungen an erschütternden Beispielen aufzeigen; er kann den sittlichen Werth des Gehorsams und der patriotischen Aufopferung, wie den Segen eines wahrhaft landesväterlichen Regimentes ins hellste Licht setzen. Auch der wesentlichste Unterschied der Staatsformen, und welche davon für unser Volk naturgemäß und heilsam sei, wird dem Schüler nicht verborgen öleiben. Somit läßt sich als Frucht dieses Unterrichts eine gottesfürchtige, vaterländische und königstreue Anschauung und Gesinnung erwarten.
Die Befestigung dieser Anschauung und Gesinnung muß auch für die Oberstufe (Se- ünda und Prima) als letztes Ziel gelten. Aber die Mittel zum Zwecke sind hier eindring- icher und wirksamer. Der Schüler hat jetzt die Fähigkeit und das Bedürfniß, neben den Begebenheiten und über diese hinaus die öffentlichen Zustände in ihrem ursächlichen Zusammenhänge und in ihrer Bedeutung für Wohl und Wehe der Nationen, sowie die treibenden Ideen und Kräfte ins Auge zu fassen.
So wird der Unterricht in der Geschichte gewissermaßen zu einem praktischen Anschauungskursus für Staats- und Gesellschaftsordnung, inbegriffen die sozialen Fragen der Gegenwart. Und er braucht dabei den von selbst gewiesenen Gang der geschäftlichen Betrachtung nicht zu verlassen ober zu unterbrechen, weil alles anscheinend Theoretische oder Technische durch die thatsächlichen Vorgänge in den Bereich der Anschauung gerückt wird und mit den Hauptepochen der welt- geschäftlichen Entwickelung untrennbar verknüpft erscheint.
Deutsches gtetdj»
Berlin, 5. April.
* Blättermeldungen zufolge sollen Kaiser Irauz Joseph und Kaiser Wilhelm am 23. ds. Mts. in Dresden zusammentreffen. Beide Kaiser werden Vormittags zwischen 10 und 11 Uhr in Dresden ankommen.
* Dem Ileichslage wird nach den Osterferien noch ein neuer Gesetzentwurf zugehen, nämlich, wie schon seit längerer Zeit in Aussicht genommen, ein Gesetzentwurf über höhere Bemessung der Entschädigungen für militärische Vorspannleistungen.
Euch .... Fiäulein von Bölling" ihre schwache Stimme nahm einen schrillen Mißklang an „wenn Sie meine Weisungen so schlecht zu befolgen wisten, werde ich mich genöthigt sehen, Sie zu entlassen."
Die eben eingetretene Erzieherin der Kinder, eine blasse, verschüchterte Blondine, zuckte förmlich zusammen.
„Es ist nicht meine Schuld, Frau Gräfin," sagte sie mit einer tiefen Verbeugung. „Ich war eben um Elsa's willen . . ."
Eine Handbewegung der Gräfin schnitt ihr das Wort ab. Dann war die stolze Dame verschwunden. Fräulein von Bölling sah ihr mit entsetztem Blick nach. Vor ihrem innern Auge malten sich alle Schrecken einer stellenlosen Zukunft, die Trauer ihrer Mutter und der kleinen, von ihrem Gehalte unterstützten Geschwister. Das arme Mädchen stand regungslos, bis die Hand der kleinen Elsa sich in die ihrige schob und ein zartes Stimmchen sagte: „Weinen Sie nicht, Fräulein von Bölling. Wenn Mama Sie fortschickt, gehe ich mit Ihnen, und Kurt auch ; nicht wahr, Kurt?"
„Ja," nickte der Knabe. „Was sollen wir auch hier? Wir haben ja keine rechte Mama."
„Arme Kinder!" murmelte die Erzieherin, indem sie mitleidig auf die lieblichen Köpfe blickte und dabei des stillen Häuschens in der Vorstadt von Münster gedachte, wo eine Mutter rastlos für ihre vaterlosen Waisen schaffte und sorgte, und nicht ruhen konnte am Abend, wenn sie nicht auch das eine ferne Kind im Gebet den Schutz des Allmächtigen empfohlen hätte.
x Die,®ermania' schreibt, sie könne es bestätigen, daß dem Adg. Prinzen Areuöerg zuerst das Amt als Leiter der Kolonial-Ab- theilung des auswärtigen Amtes angeboten worden fei, daß dieser aber die Annahme abgelehnt habe. Auch einem nationalliberalen Großkaufmann soll man die Stelle vergeblich angetragen haben. Die Ernennung des Herrn von Buchka ist dann, wie dem ,Hann. Kurier" aus Berlin geschrieben wird, so plötzlich und unerwartet gekommen, daß man im auswärtigen Amte bis unmittelbar vorher nichts von der Ernennung wußte.
* Die Nr. 4 der ,Amtlichen Nachrichten des Reichsversicherungsamts" vom 1. April 1898 enthält aus dem Gebiete der Zlnfallverfichernng folgende Rekurs-Entscheidungen:
Die Bestimmung des § 6 Absatz 6 des landwirth- chaftlichen Unfallversicherungsgesetzes kann bei der Berechnung der Rente jugendlicher Personen, deren körperliche Leistungsfähigkeit noch in der Entwickelung begriffen ist, nicht zur Anwendung kommen.
Das Beerensammeln im Walde gehört nicht zum orstwirthschaftlichen Betriebe, weil es, auch wenn es mit einem von der Forstverivallung ausgestellten Berechtigungsschein erfolgt, ebenso wie die Gewinnung von Laubstreu, Gras und meist auch von Raff- und Leseholz außerhalb der eigentlichen wirthschaftlichen Betriebszwecke der Forstverwaltung liegt, für diese eher eine Unbequemlichkeit als einen Nutzen bildet und ihrem Betriebe nicht zugerechnet werden kann. Die F> age der etwaigen Zugehörigkeit des Beerensammelns als Theil- oder Nebengewerbe zu einem landwirthschaftlichen Betriebe wird dadurch nicht berührt.
Das Pflücken von Kienäpfeln und Tannenzapfen zum Zwecke des Handels mit Kiefern- und Tannensamen unterliegt nicht der Bersicherungspflicht und gehört insbesondere nicht zum forstwirthschaftlichen Betriebe.
Die Herrichtung des Brennholzes ist in der Regel eine hauswirthschaftliche, nicht aber eine land- wirthschaftliche Arbeit; für die Behauptung, daß das Holz, bei dessen Bearbeitung sich ein Unfall ereignet hat, zum Viehsutterkochen bestimmt gewesen sei, wird regelmäßig ein strenger Beweis zu fordern sein.
Die Entschädigungspflicht für den Unfall des Arbeiters eines Fuhrunternehmers, der auf einem Holzlagerplatz bei der Abfuhr eon Holz verunglückt war, ist der Fubrwerks-Berufsgenoffenschaft auferlegt worden, weil der Lagerplatz außerhalb des Waldes lag und von der Forstverwaltung nur angelegt war und unterhalten wird, um den Fuhrleuten das Ausladen des aus dem Walde gekauften Holzes zu erleichtern und die damit verbundenen Gefahren zu vermindern, ein forstwirthschaft- licher Betrieb sich dort somit nicht vollzog.
Die Herstellung eines einfachen Abzuggrabens ist nach der Lage des Einzelfalles als eine unter § 1 Absatz 4 des Bau-Unfallversicherungsgesetzes fallende landwirthschaftlich versicherte Bauarbeit angesehen worden.
Die Berussgenossenschaft darf die Zahlung der einem Verletzten für die Folgen eines früheren Unfalls gewährten Rente während der Dauer einer zur Behebung der Folgen eines zweiten Unfalls angeordneten Krankenhausbehandlung nicht einstellen.
X Vor einigen Tagen hat in Weiden in der Oberpfalz eine Vertrauensmänner-Versammlung des».overpfälzische«Z^eichs1agsmahkkreises ftattgefunben, des Wahlkreises, der im letzten Jahre zum ersten mal den Reallehrer Dr. Heim aus Ansbach als feinen Vertreter in den Reichstag entsandt hat. Herr Dr. Heim ist ein Mann, der eine ganz außerordentlich hervorragende Befähigung hat für politische und parlamentarische Thätigkeit, und der trotz verhältnißmäßig junger Jahre schon manches große Verdienst auf politischem Gebiete sich erworben hat. Weite Centrums- kreise brachten ihm bei feinem Eintritte in das parlamentarische Leben deswegen ganz besondere
. 2.
Lichterglanz und gleißende Pracht in den hohen Sälen des Zauberpalastes auf Monte Carlo. Die Blüthenbäume des prachtvollen Gartens stehen in dem fünften Zwielicht einer Frühlingsmondnacht, wie von Verkläruugsschein umflossen. Ein süßer Duft schwebt über den Rosenhecken und Orangenhainen. Das melodische Flüstern des Nachtwindes, der von den See-Alpen herüberstreicht, mischt sich mit dem Rauschen der Wellen, die am Fuße der Felsen sich brechen.
Aber hier hat Niemand Zeit, den sanften Stimmen der Natur zu lauschen; hier wird alles übertönt von dem Kl ng des Goldes. Wie das wogt und drängt in den heißen Sälen! Wie alles in athewloser Spannung an der kreisenden Scheibe des Roulette hängt! Wie das wechselnde Glück Auge und Ohr der Spieler fesselt!
„Wer mag die blendend schöne Dame in dem rothen Sammetkleide sein, welche neben dem Bankhalter sitzt? Sie scheint zu den regelmäßigen Besuchern dieses Vorhofes der Hölle zu gehören," flüsterte ein älterer Herr feinem Nachbar zu, einem hübschen, kräftigen Manne in den dreißiger Jahren, der eine junge Frau am Arme führte.
Der Angeredete erbleichte, als er Inge am Spieltische sah. „Erkennen Sie dieselbe nicht, Onkel Rudolph?"
„Wie sollte ich, lieber Landseer? Bedenken Sie doch, daß ich länger als fünfundzwanzig Jahre in der Einsamkeit der Haide zugebracht und kaum jemals einen Ausflug gemacht habe, höchstens nach Norderney oder Helgoland. Hätte nicht Angela" — der Amtshauptmann von Delstern nickte der jungen Frau freundlich zu —- „mich
Aufmerksamkeit und Wohlwollen entgegen, und Herr Dr. Heim hatte sich wahrlich nicht zu beklagen über die Art feiner Aufnahme unter den Parlamentariern des Centrums. Herr Dr. Heim war von Anfang an ein Gegner der Flottenvorlage, und er hat im Verein mit fast sämmt- lichen bayerischen Fraktionsgenoffen gegen die Vorlage gestimmt. Im Centrum hat ihm das niemand verargt, und wenn auch einmal in der Presse die Angabe austauchte, daß dieser oder jener die wiederholteWahl Dr. Heim's nicht wünscht, so ist dieser Fabel doch schnell ein Ende gemacht worden. Nachher erklärte Herr Dr. Heim selbst in einer Münchener Arbeiter- Versammlung, daß in der Centrumsfraktion des Reichstages volle Fraktions-Freiheit besteht, jedem Mitglied« die Abstimmung über die Flottenvorlage freisteht, und daß er, Dr. Heim, auch fernerhin nicht von der Fraktion sich trennen will. Jetzt hat nun die näher bezeichnete Versammlung in Weiden eine Resolution angenommen, daß sie Herrn Dr. Heim wieder als Kandidaten für die Reichstagswahl aufstellt, daß sie ihn aber „der Pflicht entbindet, der Reichstrags- Fraktion des Centrums beizutreten". Bayerische Centrumsblätter wie ,Amberger Volkszeitung" und Beobachter am Main" mißbilligen das Letztere entschieden. Jedenfalls ist dieser Beschluß angesichts der voraufgegangenen Erklärungen Dr. Heim's nicht ganz verständlich und bedarf der Aufklärung.
△ A«s dem Kisenacher Hverlaude, 5. Apr. Die .Germania" brachte in einer ihrer letzten Nummern einen Artikel aus Thüringen,in welchem hervorgehoben wird, daß in Sachsen-Weimar Großherzog und Regierung sich den Katholiken immer wohlwollend erwiesen haben. Dieser Artikel enthält viel Wahres, besonders in Bezug auf das, was über Se. Königl. Hoheit unfern allverehrten Großherzog gesagt wird. Wenn man uns aber auch in Weimar viel Wohlwollen erweist, so sind dennoch die Verhältnisse für die Katholiken im Großherzogthurn keineswegs so günstig wie es wohl scheinen möchte, wenigstens nicht in dem Verwaltungsbezirk, in dem die meisten Katholiken wohnen, im Eisenacher Oberlande. Früher freilich war es auch bei uns anders. Seit mehr als 10 Jahren aber, feit der Zeit ungefähr, in der Herr Schulinspektor Stier von hier fortgegangen, haben sich die Verhältniffe für die Katholiken, hauptsächlich aber für den katholischen Klerus ganz und gar geändert. Ja, eigentümlich sind die Verhältnisse bei uns. Was in Preußen unmöglich wäre, geschieht hier. So sind z. B. in mehreren Dörfern Leute, die dem Bauernstände angehören, Ortsschulaufseher, und was für welche! Dem katholischen Klerus aber wird es gewiß Niemand verargen, wenn er sich jetzt im Eisenacher Oberlande nicht mehr so wohl fühlt wie früher, und sehr erklärlich ist es, daß die Herren sich zum größeren Theile nach einer Stelle im preußischen .Antheile der Diözese sehnen, abgesehen davon, daß in Preußen die Gehaltsverhältniffe besser sind und die Steuerlast viel geringer ist. Im Eisenacher Oberlande aber werden die Verhält- mffe nicht anders, so lange — nun, man weiß in den beteiligten Kreisen ganz genau, wo der Urheber der mißlichen Verhällnisse zu suchen ist.
beinahe mit Gewalt zu dieser Reise gezwungen, ich säße noch heute ruhig daheim in meiner Amtsstube."
„Um zu versauern und zu verbauern, Onkel Rudolph," scherzte die Baronin. „Du warst auf dem besten Wege dazu, als ich vor vier Jahren zu Dir kam. Sterbensunglücklich fühlte ich mich bei dem gestrengen Herrn Amtshauptmann."
„Hast ihn schnell genug unter den Pantoffel gebracht," brummte Herr von Delstern. „Als er aber anfing, sich so recht wohl unter Deinem Regiment zu fühlen, sagte das Fräulein Nichte Valet und folgte dem jungen Baron Landfeer."
„Mit Hugo konntest Du nicht in die Schranken treten, Onkelchen; das siehst Du doch ein? Dafür bist Du aber immer der willkommenste Gast auf Haus Landseer; nicht wahr, Hugo?"
„Gewiß", stimmte der glückliche Gatte zu. „Um aber auf Ihre Frage zurück zu kommen, Onkel Rudolph: die Dame am Spieltische ist eine alte Bekannte von Ihnen. Mein Vater hat mir öfters erzählt, daß Sie mit der Gesellschaft auf Schloß Ostheim gewesen, als Graf Hellborn zuerst den Ausdruck „teuflische Schönheit „auf dieselbe anwandte."
„Mein Gott, Hugo, Sie wollen doch nicht sagen, daß diese auffallende Erscheinung —"
„Die Gräfin Inge von Ostheim ist", vollendete Baron Landseer und drückte mit einem zärtlichen Blicke den Arm feiner jungen Gattin fester an sich.
„Die Enkelin der alten Marrii! Es ist unmöglich, unglaublich!"
„Und doch wahr. Aber die Gräfin hat sich sehr, sehr verändert."