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Fuldaer
mit Anlerhattungs-Aeilage „Mustrirte Sonntags-Zeitung
25. Jahrgang.
Iutöa, Samstag, den 2. April 1898
M 75
zu Unterlasten.
Wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 2. April.
* Die Ikotlen Dorkage hat am letzten Donnerstag die letzte Station durchgemacht: der B undesrath hat ihr an diesem Tage auch seine Genehmigung ertheilt.
X Die Konservativen im Königreiche Sachsen haben ihre Dervöserrmg der Mer- ems-Vorkage der Regierung nun endlich durch- gesetzt7 Am Donnerstag hat die zweite sächsische Kammer den Entwurf der Regierung und zugleich die konservativen Anträge dazu mit 44 gegen 26 Stimmen angenommen. Danach ist nun sür das Königreich Sachsen das Verbindungsverbot sür politische Vereine aufgehoben. Gleichzeitig aber sind auch mehrere Einschränkungen nach den konservativen Anträgen zum Gesetz hinzugekommen, so namentlich der vollkommene Ausschluß von Minderjährigen und auch von Frauen von politischen Versammlungen und Vereinen.
x In der chinesischen Provinz Hunan wird die katholische Mifsionsthätigkett durch spanische Missionare ausgeübt, die dort unter einem spanischen Bischof angesiedelt sind. Dieser letztere hat kürzlich in einem nach Madrid gerichteten Schreiben in besonders lobender Weise den Einfluß hervorgehoben, den das Vorgehen Deutschlands in Schantung auch für die Missionare in Hunan gehabt hat. Nach dem Schreiben des Bischofs haben seitdem die chinesischen Beamten auch in Hunan ihr Verhalten geändert. Sie sind in erfreulichem Gegensätze zu früher nunmehr bemüht, den Beschwerden der Missionare in zuvorkommender Weise Abhilfe zu schasten.
* Einen Wasseriüvertritt zur evangelische« Kirche in Oesterreich wünscht die ,Tägl. Rundschau' des Gjrafen Paul v. Hoens- broech. Dieselbe schreibt:
„Aus Oesterreich wird uns von sehr hochstehender und sehr gut unterrichteter Seite mitge- theilt, daß die Stimmung in sehr vielen deutschen katholischen Gemeinden derartig ist, daß es nur eines kräftigen Anstoßes bedürfe, um einen Massenübertritt zur evangelischen Kirche in die Wege zu leiten. Em großes bedeutungsvolles Werk wäre hier zu vollbrmgen, ein deutsches Werk im besten Sinne des Wortes. Sollte sich Niemand finden, der den Stein ins Rollen brächte?"
Hierzu bemerkt die ,Germ.' mit beißendem Sarkasmus: „Sollte Herr Graf Paul v. Hoens- broech nicht selbst den Muth und den Beruf in sich finden, „den Stein ins Rollen zu bringen," so versucht er 'es vielleicht mit folgender Massen- übertritt - Vermittelungs - Annonce: „Ein deutscher Kavalier, von hohem Adel u. s. w. wünscht für Oesterreich behufs Einleitung des Massenübertritts zur evangelischen Kirche einen in religiöser Beziehung vorurtheilsfreien Vermittler, gleichviel welcher Konfession, um den Stein ins Rollen zu bringen." Derartige Annoncen haben mitunter, wie es bei der Verheirathung des Herrn Grafen gezeigt sich hat, ihre Erfolge und — ihre Folgen.
kamen. _ , „
* Waröurg, 1. April. Wie der Herr Rektor der Königlichen Universität bekannt gibt, haben zwecks Immatrikulation für das Sommer-Semester 1898 bie Herren Stu- direnden an folgenden Tagen in den Vormittagsstunden von 10—12 Uhr ihre Papiere auf de« Universitäts-Sekretariat behufs vorläufiger Em- traqung abzugeben und zwar: a) die T h e o l o g e n am 18., 25. April und 2. Mai; b) die Juristen am 19., 26. April und 3. Mai; c) die Mediziner am 20., 27. April und 4. Mai; d) die Philosophen rc. am 21., 28. April und 5. Mai. Außerdem haben sich die an den vorstehenden Tagen Eingetragenen zur endgiltigen Immatrikulation am Sonnabend den 14. Mal, Vormittags 11 Uhr in der Universitäts-Aul»
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Aus dem Aachbargebiet.
Weyhers, 1. April. Die hiesige freiwillige Feuerwehr erhielt von der hessischen Brandversicherungs-Anstalt in Kastel eine Prämie von 15 Mk. für das rasche und gutgeschulte Eingreifen mit gutem Erfolg beim Brande am 1. Juli 1897 zu Didershausen. Im vorigen Jahre erhielt die Feuerwehr ebenfalls von der hessischen Brandversicherung einen Zuschuß von 100 Mark zur Anschaffung einer fahrbaren mechanischen Feuerle ter. Daß die Feuerwehr seit 19 Jahren unter em und demselben Kommando steht und ine einzige freiwillige und dem hessischen Feuerwehroerbande angehörende Feuerwehr im Amtsgerichtsbezirk Weyhers ist, hat sie trotz mancher unvernünftigen Verspottung bis jetzt noch nicht zu bereuen, zumal unter allen weltlichen Vereinen der Feuerwehrverein noch säst der einzige Verein ist, welcher einen sicheren, guten Zweck verfolgt mit dem schönen Wahlspruche: „Gott zur Ehr und dem Nächsten
* Irauksurt a. W., 1. April. Zu Pfingsten wird hier ein Delegirten-Tag des Wind thorst- Bundes stattfinden. Vertreter der einzelnen Vereine haben sich schon aus allen Gegenden Deutschlands, u. a. aus Breslau, angemeldet. Besonders stark sind die Anmeldungen aus dem Rheinlande, wo der Windthorst-Bund sich in erfreulicher Entwickelung befindet.
* Komvurg, 1. April. Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich trafen heute früh mit dem Hamburger Schnellzuge in Frankfurt ein und setzten sofort ihre Reise nach Homburg weiter fort, wo sie um 10 Uhr Vormittags an-
Weimar, 31. März. Der w eim arische Landtag hat seine erste Session hinter sich. Er ist Ende voriger Woche vertagt worden. Mit einiger Befriedigung darf heute auf den Anfang der neuen Lanbtagsära geblickt werden; unterschied sie sich doch vortheilhaft von früheren. Die Gleichgiltigkeit, mit der man sonst im Lande der Thätigkeit derHerren Abgeordneten im weimarischen Fürstenhaus gegenüber stand, ist gewichen und mit vielem Interesse wurden die diesmaligen Arbeiten des Landtages in unserem Großherzog- thum verfolgt. Ein frisch-fröhlicher Zug ging unverkennbar durch die Thätigkeit des neuen Landtages, und es ist kein geringes Verdienst der „Linken", durch ihr Auftreten die allgemeine Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Mit dieser Linken hatte es eine eigene Bewandtniß. Sie war enger zusammengeschlossen worden durch das rücksichtslose Gebühren der agrarisch-konservativen Majorität, die gleich bei Beginn der Session das gesammte Präsidium für sich beanspruchte und auch mit ihren Anhängern besetzte. Das führte diejenigen einander näher, welche die Interessen des gesammten Volkes und des ganzen Landes im Auge hatten, mannhaft dafür eintraten und nicht eine einseitige selbstsüchtige Jntereffenpolitik billigen, wie die Herren vom „Bunde" sie verfolgen. Haben die Konservativen nun auch die Mehrheit, so verstand es die Linke, durch Arbeit und geistige Ueberlegenheit mancherlei Gutes zu bewirken und hat sicherlich sich die reichsten Sympathien des Landes errungen. Recht vortheilhaft zeichnete sich dabei der neue Zuwachs des Landtages aus, den derselbe in seinen beiden jüngsten Mitgliedern erhalten hat, nämlich den Abgeordneten für Geisa- Dermbach Herrn Dr. Kiel und den Abgeordneten für Eisenach Herrn Redakteur Kühner. Beide Herren nehmen hervorragenden Antheil an den Arbeiten des Landtages. Wiederholt mit Geschick und Nachdruck trat Herr Dr. Kiel für die Eisenbahnfrage ein und verfocht überzeugend die Noth- wendigkeit einer Bahnverbindung für Geisa. Es ist sicherlich feinen Bemühungen in Weimar wie in Berlin in der Hauptsache zu danken, wenn seitens der maßgebenden Behörden dem Bahnprojekt Vacha-Geisa-Hünfeld in baldiger Zeit näher getreten wird. Es ist diese Thätigkeit des Herrn Abg. Dr. Kiel besonders deshalb hoch anzuschlagen, weil die energische Förderung gerade der gedachten Bahnstrecke seitens der weimarischen Regierung seither stark vernachlässigt worden war. Der Eisenacher Abgeordnete, Herr Kühner, der an der Berathung mancher wichtigen Frage Antheil nahm, hat durch die Kritik, die er am Etat übte, durch sein Eintreten für eine bessere Besoldung der Lehrerschaft und durch sein rücksichtsloses Aufdecken mancher Mißstände, sich viele Anerkennung im Lande erworben. In Regierungskreisen sah man der Thätigkeit der genannten Abgeordneten wie auch anderen ^er^ern °er Linken offenbar nur mit gemischten Gesichtern zu, um so beifälliger weiß man aber das Verhalten jenes Theiles der Linken im Lande zu würdigen.
wird, haben wir zu erwarten......SRan bat bet
Vorlagen dieser Art sich zu fragen: was erfordert die , Unabhängigkeit und bte i
Vaterlandes?, und wenn bte tn Frage kommen, . dann müssen alle anderen Erwägungen zurucktreten.
Im Reichstage konnte es freilich mcht fehlen, daß nach den großen Marinedebatten dort etne große Abspannung herrschte. Und fo wies der Reichstag tn IL letzten Tagen seiner Berathungen vor den Osterferien "recht schwachen Besuch auf. Es handelte sich noch um die dritte Berathung des Etats. Diese wurde am Mittwoch beendet, und dann ist der Reichstag in die Ferien gegangen, um erst am 26. Apnl seine Berathungen wieder aufzunehmen.
Noch zuletzt konnte sich das Centrum ent Verdienst erwerben, um die Aufrechterhaltung des Pr- titionsrechtes der Beamten. Es ist in neuerer Zett mehrfach vorgekommen, daß solche Beamten gemaßregelt worden, die ihre Unterschriften unter Petitionen an den Reichstag gesetzt hatten. Das ging so zu: die Regierung nahm Einsicht von den Petitionen, und sah dabei auch die Namen derer, die die Petitionen unterschrieben hatten. Und wenn darunter die Namen von Beamten standen, die über ihre Lage sich beklagten und um Verbesserung derselben nachsuchten, so faßte das die Regierung als eine unmittelbar gegen sie selbst gerichtete Handlung auf und maßregelte solche Beamten. Da hat nun das Centrum durch dm Abg. Groeber dm Antrag gestellt, daß diesemUebelstande abgeholfen werde; und es hat mit diesem Anträge Beifall gefunden bei allen Parteien, ausgenommen be» den Konservativen. Der Antrag ist zunächst der Geschäftsordnungs-Kommission des Reichstages überwiesen worden. Da aber die überwiegende Mehrheit den Antrag billigt, und gleich dem Centrum dringend Beseitigung des herrschenden Uebelstandes anstrebt, so handelt es ich diesinal nicht um ein sogenanntes „Be- qräbniß" in der Kommission. Vielmehr ist bestimmt anzunehmen, daß die genannte Kommission bald zu festen Beschlüssen und Besserungsvorschlägen ttn Interesse der Beamten gelangen wird, denen bte vorgesetzten Oberbehörbm ihr verfassungsmässiges Petit,ons- recht verkümmern wollen.
Auf bem Gebiete ber auswärtigen Politik ist bas wichtigste Ereigniß ber letzten Tage ber Sieg ber russischen über bie englische Politik in O st a s i e n. China hat alle russischen Forberungen be- , willigt: Verpachtung von Port Arthur sür 25 ^ahre als befestigter Flottenstützpunkt, Verpachtung des Hafens ; von Talimwan für bie gleiche Zeitfrist als offener Hafen unb Endpunkt der Mandschureibahn mit dem . Recht der Befestigung. Aus dm 25 Jahren werden t mehr werden. Man nahm diese kurze Hilst vorläufig i nur zum Schein an, damit es so aussieht, als wahre China trotz aller Zugeständnisse an Rußland feine Hoheitsrechte. Rußland wird Port Arthur und Talienwan nicht mehr herausgeben, am wenigsten, nachdem es erst diese Plätze zu großen Kriegshafen ausqestaltet haben Ivird. Rußland hat gegen 60,000 Truppen an den chinesischen Grenzen und tn der Mandschurei stehen, so daß China unter allen Um- tänden der nothgedrungene Bundesgenosse des Zaren ein wird; ein anderes russisches Heer steht an den Grenzen von Chorassau bereit, um nöthigmfalls tn Persien einzurückm und damit eine neue Flanken- 'tellung gegen England an einem Punkte zu gewinnen, messen Unabhängigkeit für England von höchster Wichtigkeit ist, an dem es aber den Russen nichts entgegen zu setzen hat. Die englische Presse wüthet. Aber was wird das England helfen? Nichts. Möglicherweise ober wird eine Folge der diplomatischen Niederlage Englands in Ostasim der Rücktritt des leitenden englischen Ministers Lord Salisbury sein.
In das Verhättniß zwischen Spanien und den Bereinigten Staateii von Nordamerika haben bie jüngsten' Ereignisse eine kleine Besserung gebracht. Melbungen von beiden Seiten lassen mit einer gewissen Zuversicht hoffen, daß der Friede gewahrt bleiben. Spanien scheint gegenüber den Forderungen der Vereinigten Staaten doch zu einem guten Theile nachgeben zu wollen und diese letzteren werden dm Rest ihrer Forderungen fallen lassen. Die letzte Entscheidung über das Schicksal Cubas wird freilich einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben.
Die Sage der Dinge auf der Insel Kreta zeigt ziemlich unverändert dasselbe Gesicht. Gleich Deutschland zieht nunmehr auch Oesterreich-Ungarn Truppen unb Mannschaft von bei Insel zurück. Der Sultan hält an seinem ursprünglichen Programm fest, baß em türkischer Unterthan Gouverneur ber Insel werben soll. Ob ihm bas etwas helfen wirb, ist freilich mehr als
einzufinden. . L,_, ,k
* Wiesbaden, 31. März. Die wirthschast- lichen und finanziellen Verhältniffe in unsere« Rathskeller, der mit soviel Geld eingerichtet und prachtvoll ausgestattet wurde, werden immer sonderbarer. Nachdem der erste Pächter in kurzer Zeit bei 8000 Mk. Pacht reich geworden und und seine Stellvertreter bei 12,000 Mk. Pacht immer noch gut weggekommen waren, wirth- chastete der zweite Pächter, Bausenhart, bet 24,000 Mk. Pacht in ganz kurzer Zeit eine große Schuldenlast zusammen. Die Gläubiger bertrugen der Firma Aug. Engel hier mit Genehmigung der Stadtvertretung die Wetterführung der Wirthschast, natürlich für Rechnung der Gläubiger. Die erste Abrechnung ergab das merkwürdige Resultat, daß für die Gläubiger aus dem Wirthschaftsbetriebe nicht nur nichts herausgekommen war, sondern daß die Schuldenlast noch gewachsen war. Nach langen Verhandlungen und vergeblichen Suchen nach den Grmide« dieses negativen Ergebnisses hat die Firma Engel den Gläubigern 20 pCt. ihrer Forderungen als Abfindung angeboten, und diese haben das Gebot angenommen. Die Firma Engel führt daher jetzt den Rathskeller für eigene Rechnung. Die Stadt hatte von vornherein nur mit Engel Vertrag geschloffen, so daß sich für die Stadtverwaltung nichts ändert. Ob die neuen Inhaber bei 26,000 Mk. Pacht jetzt besser ihre Rechnung finden werden, muß die Zukunft lehre«.
* Krfurt, 31. März. Recht stürmisch ging es bei der Gemeindevertreterwahl in de« Dorfe Urbich bei Erfurt her: Einer der Gewählten, der Landwirth Umbreit, versetzte dem Ruhe gebietenden O r ts s ch ulz en Schachtschnabel mit dem Bierseidel einen Schlag, der das linke Auge dergestalt traf, daß es erblindete. Der Attentäter wurde darauf vom Sohne des Schulze» durch einen Faustschlag zu Boden gestreckt.
* Wordhause», 31. März. Der Verleger des ,Nordh. Tagebl.', der zugleich Verleger bei .Göttinger' und des .Hildesh. Tagebl.' ist, war vom Verlag der hiesigen ,Nordh. Ztg.' roegex unlauteren Wettbewerbs zur Anzeige gebracht worden. Es wurde ihm bei Vermeidung > einer Geldstrafe von 100 Mark für jeden lieber- - tretungssall aufgegeben, künftig die Veröffentlichung unrichtiger Angaben über bie Ab onnentenzahl und die Auflage bei Blattes, sowie die Behauptung, das ,Nordh. Tagebl.' sei das gelesenste Blatt in Nordhausen rc.
zweifelhaft.
Deutsche* R*ich-
Berlin, 1. April.
Der 28. März ist der Tag, an dem der Reichstag nidgittig über die Flotten-Vorlage entschieden hat. । Ohne daß noch einmal namentliche Abstimmung vor- > genommen wurde, ist an diesem Tage die Vorlage vom 1 Reichstage angenommen worden, die, wie selten eine, i die Gemüther in Aufregung versetzt und die Presse an । ber Arbeit erhalten hat. Man kann der Berliner Regierung den Vorwurf nicht ersparen daß sie den größten Theil der Schuld an der Verhetzung der Parteien trägt. Denn sie ist es doch gewesen die eme Reihe von Körperschaften zur leidenschaftlichen Agitation für die Verstärkung der Flotte veranlaßt hat so die Kolonialgesellschaft, den alldeutschen Verein und ähnliche Gesellschaften mehr; und sogar die Handelskammern sind dasür mobil gemacht worden. Ungeschickte Agitatoren, wie z. B. ein gewisser Legalions- . rath a.D. von Kusserow, die im Auftrage solcher 'Körperschaften in Versammlungen für die Flottenvor- age Stimmung machen sollten, haben dies in einer Weise gethan, die unmöglich die Gemüther der Volksmehrheit für die Flottensache entnehmen konnten. Diese Art von Reden bewirkte vielmehr nul das Gegentheil davon. So sagte einmal besagter Herr von Kusscrow in einer Versammlung: wir Deutsche zahlen im Verquicke zu andern Völkern viel zu wenig Steuern. Die Franzosen, die Engländer zahlen mehr Steuern, also müffen auch wir mehr Steuern zahlen, damit unsere Flotte verstärkt werden kann. So und auf andere Weife ist die Stimmung zuerst leidenschastlich aufgeregt worden. Und die Regierung kann von besonderem Glück sagen, daß alles so glatt für sie ab- gelaufen ist. Einige der Redner im Reichstage haben es gesagt, daß die vertraulichen Mitt Heilung en der Regierungsvertreter in der Budget-Kommission des Reichstages so überzeugend waren, daß ihrer zwingenden Kraft niemand widerstehen konnte. Auch die Vertreter der Freisinnigen Volkspartei und der Sozial- bemokratie konnten sich nach den Mitthellungeu verschiedener Reichstagsredner diesem Eindrücke nicht entziehen. Wenn nun die Beweismittel der Regierung so außerordentlich stark waren, warum ließ sie vorher in so übertriebener und geschmackloser Weise für die Vorlage agitiren? Man kann dafür nach wie vor nur schärfsten Tadel haben, auch wenn man im Uebrigen mit der schließlichen Annahme der Flottenvorlage einverstanden ist. Denn einmal ist es immer zu verwerfen, wenn die Volksgemüther in ganz unuöthiger und noch dazu in ganz unverantwortlich brutaler Weise aufgeregt werden; und außerdem war die Art der Volkswühlerei ein Ausdruck starken Mißtrauens gegen den Reichstag — in einer Zeit, wo gerade die verbündeten Regierungen das höchste Maß von Vertrauen vom Reichstage beanspruchten!
Im Anfang war die Stimmung der überwiegenden Volksmehrheit der Flottenvorlage abgeneigt. Zum Theile ist diese Abneigung bestehen geblieben. Aber nur zum Theil. Und selbst tonangebende Zeitungen der Partei des Herrn E u g e n R i ch t e r schreiben jetzt, es sei nicht zu leugen, daß sich die Stimmung für eine Flottenvermehrung im Volke wesentlich verbessert hat, einmal weil man größere Forderungen befürchtet hatte, als gestellt wurden; sodann, weil die Versicherung gegeben wurde, daß die Nottenvermehrung vhne Steuererhebung durchführbar sei, und endlich, weil die kräftige Politik, die Deutschland in China verfolgt hatte, nicht nur allseitige Zustimmung fand, sondern auch die Bedeutung einer starken Kriegsflotte für den Welthandel in Helles Licht zu stellen schien.
Das Centrum hat nicht geschlossen über die Vorlage abgestimmt. Zwei Drittel unserer Reichstagsabgeordneten haben der Vorlage zugestimmt, ein Drittel hat die Vorlage abgelehnt. Ader es ist keine Rede davon, daß deswegen eine Spaltung im Gentrum eintritt. Auch über die MWärvvrlaze im Jahre 1893 waren die Ansichten im Centrum gecheckt, ebenso über die Handelsverträge mit Oesterreich und Rußland; und nach wie vor blieb der feste Thurm des Centruins unerschüttert, nachher ist die Centrumspartei nicht nur das gewesen, was sie vorher war, sondern sie hat noch jedesmal an Stärke und Einfluß zugenommen. Diesmal ist es nickt anders. Von jedem Flotten-Enthu fiasmus, das hat auch der Abg. Spahn klar und deutlich im Reichstage ausgesprochen, ist das Centrum frei. Und sehr richtig kennzeichnet die freisinnige ,Vossische Zeitung' in Berlin die Lage und die Absichten des Centrums wie folgt: „Die aber das Erbe des Herrn Windihvrst angetreten haben, wandeln getreulich in seinen Wegen, und werden daher, nachdem sie dem Flottengesetze zum Siege verholfen Haden, die nämliche Taktik einschlagen, mit dem nämlichen Erfolge." Unser genialer Führer Windihorst aber, unter dessen genialer Leitung das Centrum das wurde, was es heute ist, sagte angesickis einer großen Militärforderung schon mi Jahre 1870 im norddeutschen Reichstage: „Meine Freunde unb ich haben in all der Zeit, in der wir hier sind, es uns zur festen Aufgabe gemacht, die Regierung zu unterstützen, wo sie Recht hat, und sie zu bekämpfen — und mit Energie zu be- kämpfen —, wenn sie Unrecht hat. Ich wünschte, daß fix in der Vergangenheit mehr Recht gehabt hätte, als sie wirklich gehabt hat. Was die Zukunft bringen
66 Drink und Verlag der Suldaer Actiendruckerei • peiersgaffe Nr. 2 (Harmonie).