Einzelbild herunterladen
 

citmt

Inftratr: Die ei» spalt. Garmond­zeile oder deren Sf-ium 15 Pf., Re­klamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.

verantwortlich: Für die Redaktion Jof.Saarn, für Inserate I.parzeller in Fulda.

mit Zlnkerhaktungs-Meitage „Muflrirte Sonntags-Ieitung"

Erscheint täglich, Bi whk.

M Ausnahme der \ a, I J Wfbu ▲ A ,

Sonn-und Feier- W JWy

%»■ 1rgl I iriTPi* SS -#'>• wärtsIM.öOPf.

Jahrgang.

baden

Der Monarchie haben die Konservativen,

Wege und Ziele

Roman von A.

Jüngst.

(Nachdruck verboten.)

Iutöcr, Samstag, den 26. März 1898

sprechend wurde nicht nur der Kommissionsantrag, sondern nach dem Willen der Sozialdemokraten der ganze § 8 gestrichen, d. h. eine Prämie darauf gesetzt, daß Sozialdemokraten nach dem Austritt aus dem Dienst ihre ehemaligen Vorgesetzten beleidigen und zwingen können, vor dem bürgerlichen Gericht zu klagen .... Dieses Bestreben, die Sozialdemokratie als völlig gleichberechtigt zu behandeln, ist jedenfalls nicht dazu angethan, unsere Vorstellung von seiner, nämlich des Centrums, „staatserhaltenden" Wirksamkeit zu erhöhen* und uns gleichzeitig eine sonderliche Meinung von seiner taktischen Geschicklichkeit beizubringen." So die konservative,KreuzZtg.' Das Centrum aber quittirt dankend über das ihm ausgestellte ehrende Zeugniß, daß es die Sozialdemokraten nicht wie räudige Hunde, sondern wie andere Menschen auch behandelt wissen will, obwohl das Centrum gerade von der Sozial- deinokratie in der allerschmählichsten Weise verdächtigt und verleumdet wird.

In dasselbe Kapitel gehören Angriffe, die konser­vative Blätter gegen das Centrum richten wegen der Haltung, die dieses am 18. März im Reichstage beobachtete. Die Sozialdemokraten hielten es für ge- rathcn, den fünfzigjährigen Gedenktag der Berliner Straßenkämpfe zu Kundgebungen im Reichstage und außerhalb des Reichstages zu benützen, und im Reichs­tage war „Genosse" Bebel dazu auserkoren, Lärm zu schlagen. Die Konservativen hatten nicht Scharfblick genug, um das ganze Manöver zu durchschauen, son­dern thaten der Sozialdemokratie den Gefallen, auf den Leim zu gehen und Herrn Bebel zu widersprechen, so daß schließlich die ganze Reichstags-Sitzung an jenem Tage zu einer Revolutionsdebatte und damit zu einer besonders großen Reklame-Trommel für die „Genossen" wurde. Das Centrum that den Sozial­demokraten nicht diesen Gefallen, sondern hüllte sich, den lärmenden Ausfällen Bebels gegenüber in eisiges Schweigen. Und das wird dem Centrum von den Konservativen nun so ausgelegt, als hätte das Centrum deswegen geschwiegen, weil es für den monarchischen Gedanken kein Interesse habe. Die Konservative Korrespondenz' führte aus, daß die „ausschlag­gebende Partei" — eben das Centrum — hierbei „Vogel-Strauß Politik getrieben" habe, während es die Konservativen „als ihre Pflicht erachtet hätten, für die Monarchie einzutreten". Das führende Blatt des Centrums, die ,Germania', dient darauf mit der rechten Antwort. „Die Herren der Rechten, — so schreibt die ,Germania' — haben das Gefühl, am 18. März eine Dummheit begangen zu haben, als sie sich vom Genossen Bebel aufs Glatteis führen ließen; nun soll das Centrum die Geschichte aus-

Gruppe des tollen Schönerer und seiner besonderen Anhänger, die die Skandalauftritte aufs neue aufleben lassen wollte. Die übrige Opposition leistete ihnen keine Unterstützung bei diesem Beginnen. Es ist nur die Frage, ob es so bleiben wird, oder ob nicht eines schönen Tages das alte widerliche Spiel von neuem beginnt. Man muß das abwarten, wie man überhaupt abwarten muß, wie die Verhältnisse in Oesterreich sich entwickeln. In dieser ersten Sitzung der neuen Tagung des Reichsrathes hat der neue Minister Graf Thun nochmals sein Programm entwickelt, das man ja aus den Zeitungen schon kannte. Der deutschen Opposition war auch eine Stelle im neuen Präsidium des Reichs­rathes angeboten worden. Thörichterweise hat die Opposition das Anerbieten abgelehnt und sich dadurch selbst die Möglichkeit abgeschnitten, bei der Leitung der parlamentarischen Angelegenheiten mitzuwirken.

Sehr bedenklich wird die Lage aus der Insel Cuba. Dort rüsten die Spanier und auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika; und das zweideutige Spiel der amerikanischen Spekulanten, der amtlichen, wie der privaten, dauert fort. Hätte Spanien in Cuba freie Hand, so wäre heute wohl die Ruhe hergestellt, obgleich man die militärischen Leistungen der spanischen Ge­neräle und Soldaten nicht hoch anschlagen kann. Im Augenblick liegt die Entscheidung an dem Inhalt des Berichtes über den Untergang des amerikanischen Kriegsschiffes „Maine". Wird eine gewaltsame Ver­nichtung des Schiffes durch die Spanier angenommen, so wird sich der Krieg schwerlich vermeiden lassen. Aber auch im anderen Falle bleibt die Lage elend genug, und nichts bürgt dafür, daß nach Herstellung der Selbstständigkeit aus der Insel nicht über Nacht eine neue Empörung zum Ausdrucke kommt.

„Fräulein Gerrit, sollen wir denn heute gar nicht das Glück haben, Sie zu hören?" fragte eine klangvolle Stimme von der offenen Thüre her.

Die beiden Mädchen wandten sich erschreckt um. Der Gegenstand ihres Gespräches, der junge Graf Ostheim, stand auf der Schwelle. Aus beider Augen traf ihn ein Blick: aus Loras sanften, blauen Sternen ein schüchterner, inniger Blick, wie ein Gruß aus versunkenem Kindheitsparadies, aus Jnge's schwarzen Augen ein leldenschaftlich, brennender Strahl.

„Sie verzeihen, Herr Graf", antwortete Inge, sich wieder dem Fenster zuwendend, „ich bin heute nicht aufgelegt zum Singen."

Graf Herbert kam rasch näher. Ohne Lor« anders als mit einem flüchtigen Kopfnicken zu beachten, bat er die widerstrebende Schöne: „Sie sind nicht aufgelegt zum Singen, Fräulein Gerrit? Was haben wir verbrochen, daß Sie heute so grausam sein können, nachdem Sie uns gestern Ihre herrliche Stimme haben bewundern lassen? Lora, vereinige doch Deine Bitten mit den meinigen! Fräulein Gerrit darf unserem gemeinsamen Flehen nicht widerstehen, besonders an diesem entsetzlichen Regentage, der einzig durch ihren Gesang erträglich gemacht werden könnte."

Heber Loras Stirne floq ein Wölkchen.

Inge warf trotzig die Oberlippe auf. „Ich bin nicht dazu da, Herr Graf, Ihnen die Regen­tage erträglich zu machen; ich. . . "

„Sie mißverstehen mich," unterbrach Herbert lebhaft. „Ich wollte nur sagen, daß der einzige lichte Punkt an diesem traurigen Tage der Ge­danke an ihren Gesang sei. Als ich heute früh

Zrrr 45. General-Uersammlung der Katholiken Deutschlands in Krefeld.

** Krefeld, 24. März.

In der Versammlung des Lokalkomitee's zur Vorbereitung der 45. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, welche am Montag, den 14. März, Hierselbst tagte, wurde bekanntlich einstimmig der Beschluß gefaßt, dem Kommissar der deutschen Katholikenversammlungen, dem Fürsten Löwenstein, der die letzte Ent­scheidung über den Termin der Versammlungen zu treffen hat, den 14. August als Beginn des Katholikentages vorzuschlagen. Das ist denn auch geschehen. Indessen hat Se. Durchlaucht gegen diesen Tag gewichtige Bedenken geltend gemacht. Am Tage darauf nämlich, am 15. August, wird in ganz Süddeutschland, in Mitteldeutschland, in Oesterreich, Holland, Belgien rc das Fest Mariä Himmelfahrt, der höchste Marien- feiertag, begangen. Diesem Umstande Rechnung tragend, hat dann der Vorstand des Lokal­komitee's einstimmig beschloßen, den 21. August als den geeignetsten Tag für den Beginn des Katholikentages in Vorschlag zu bringen. Hier­mit hat sich der Kommissar Für st Löwen­stein einverstanden erklärt, und so steht denn nunmehr der 21. August als Er­öffnungstag des Katholikentages de­finitiv fest. Da die Krönungsfeier der hol­ländischen Königin auf den 6. September fällt, also mit dem Katholikentage in keiner Weise kollidirt, so dürften der Wahl der Termins keiner­lei Bedenken mehr entgegenstehen, und es kann die Lösung dieser Frage nur als eine sehr glückliche bezeichnet werden.

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 26. März.

Schneller als man anfangs glaubte, konnte der Reichstag die zweite Berathung der Flotten-Vorlage in Angriff nehmen. Die verbündeten Regierungen hatten sich überraschend schnell über ihre Stellung zu der Frage der Kostendeckung geeinigt. Und da sie zu Zugeständnissen an die Forderungen der Mehrheit der Budgetkommission sich bequemten, konnte auch diese schnelle Arbeit machen. Das Centrum hat kein eignes Interesse an der schnellern oder weniger schnellen Er­ledigung der Flottenvorlage. Es hat auch keinen Grund, die Berathung derselben aufzuhalten; und so­mit wird es nun mit dieser im Plenum des Reichs­tages schnell vorangehen.

Am letzten Mittwoch hat die zweite Berathung der Flotten-Vorlage im Plenum des Reichstags begonnen. Am Donnerstag ist sie fortgesetzt worden. Aber sie konnte an diesem Tage noch nicht beendet, sondern mußte schließlich auf Sonnabend den 26. März vertagt werden, lieber das Schicksal der Flottenvor­lage besteht kein Zweifel mehr seit dem Tage, an dem der Staatssekretär Graf von Posadowsky in der Budget-Kommission des Reichstages die Erklärung im Namen der verbündeten Regierungen abgab, daß diese einverstanden sind mit der Aufnahme eines Kosten- deckungs Paragraphen in das Gesetz. Die Vorlage wird angenommen. Wer daran noch zweifelte, der kann sich vom Gegentheil überzeugen durch den Ausfall der Abstimmung über den ersten Paragraphen des Gesetzentwurfes, der den Schiffsbestand der Kriegs­flotte regelt. Dieser Paragrap) ist am Schluffe der Sitzung am Donnerstag mit 212 gegen 139 Stimmen angenommen worden. Vom Centrum stimmt, wie wir ja auch längst wissen, der größere Tbeil für die Vorlage. Für beide Theile des Centrums sprachen bayerische Redner: für den Theil, der die Vorlage annimmt, Freiherr von Hertling; für den anderen Theil, der die Vorlage ablehnt, Domkapitular Dr. S ch a e d l e r. Freiherr von Hertling ist sehr entschieden für die Vor­lage eingetreteu. Aber er hat es sich gefallen lassen müssen, daß am Tage danach ihn eiy anderer Cen­trumsredner korrigirte, der sonst auch für die Vorlage ist; nämlich der Abg. Dr. Spahn. Herr von Hert­ling hatte die Redewendung gebraucht, wir lebten jetzt in einer Zeit, wo der Kulturkampf überwunden ist. Dr.Spahn wies nach, daß grade das Gegentheil der Fall ist. Denn so lange kann man nicht sagen, daß der Kulturkampf beendet sei, als noch Reste von ihm in der Form gesetzlicher Bestimmungen vorhanden sind. Und deren giht es ja leider noch genug. Der Kulturkampf ist also noch nicht vorbei! Ebenso wirksam brachte Abg. Dr. Schaedler seine ab­lehnenden Ansichten zur Geltung und außerdem betonte dieser vor allen Dingen, daß trotz der Verschiedenheit in der Beurtheilung des Flottengcsetzes das Cen­trum in alter Einigkeit beisammen bleibt. Und das ist die Hauptsache.

Im preußischen Abgeordnetenhause hat der Freiherr von Heereman der preußischen Regierung einmal deutlich die Wahrheit gesagt über die Behandlung, genauer ausgedrückt Mißhandlung, der die katholischen Krankenpflege-Orden in Preußen ausgesetzt sind. In kräftigen Worten hat der ver­diente Centrumsführer der großen Erbitterung Aus­druck gegeben, die das ganze katholische Volk über diese Behandlung unserer besten Kräfte innerlich erfüllt. Die Schule ist verstaatlicht. Wollte man in Preußen

etwa auch die Krankenpflege und Kirche verstaatlichen, so kündigte Freiherr von Heereman an, daß das Centrum mit der Regierung dann noch ein ernstes Wort zu reden haben würde. Ueberall sieht man, wie vortrefflich die Orden wirken, wie sie sich aller Arbeit mit Mühe und Liebe unterziehen, und wie die katho­lischen Schwestern alles aus christlicher Nächstenliebe und Opferwilligkeit ohne die Aussicht auf Anerken­nung oder Lohn thun. Wer für solche Opferwilligkeit kein Gefühl hat, der hat überhaupt kein Gefühl. Außerdem aber haben die Krankenpflege-Orden auch eine unendlich große soziale Bedeutung. Das sieht man, wenn man beobachtet, wie die Schwestern in den Hütten der Armen umhergehen und dort Kranke und Arme pflegen und ihnen Wohlthaten erweisen, wie sie in den schwierigsten Verhältnissen Ordnung schaffen, und sich jeder Arbeit unterziehen. Wenn die armen Kranken sehen, daß reiche Leute, ober reich gewesene Leute aus christlicher Liebe zu ihnen kommen, und die allerschwierigsten und unangenehmsten Arbeiten für sie thun, wenn sie sehen, wie liebreich die Schwestern die Kranken behandeln, wie sie ihre Roth lindern, so wirkt das mehr als zehn der schönsten Predigten. Aber auf die preußische Regierung und auf deren bekanntes so­genanntes „Wohlwollen" für katholische Einrichtungen wirkt das nicht. Der Herr Kultusminister Bosse machte als Erwiderung auf die Ausführungen des Freiherrn von Heereman erst einige ausweichende Redensarten. Dann aber erklärte er klipp und klar, die Haltung der Regierung sei gesetzmäßig und richtig und werde sich nicht ändern. Und gar der dann fol­gende konservative Redner, der Abg. von Heyde- brand und von dkr Lasabegründete die vollkommen ungleiche Behandlung katholischer und evangelischer Krankenschwestern in Preußen damit, daß jene, die katholischen Schwestern, „ausländische Oberen" hätten, die protestantischen Schwestern aber eine väterländische Einrichtung seien. Dem Herrn hätte für diese ebenso unrichtige, wie unredliche Urtheilsweise eine kräftigere Behandlung gebührt, als ihm in der That zutheil ge­worden ist. Und derlei nennt man Parität in Preußen!

Wie wenig Berständniß das Centrum in seinen Bestrebungen bei den Konservativen findet, geht auch aus vielen anderen Anzeichen hervor. Bei der Berathung des Gesetzentwurfes über die militärische Strafgerichtsordnung hat das Centrum sicherlich großes Entgegenkommen bewiesen. Freilich hat es das nicht gethan, um das Wohlwollen der Regierung zu er­werben, sondern deswegen, weil es beitragen will zur Verbesserung der gegenwärtigen, unleidlichen Zustände auf dem Gebiete der militärischen Gerichtsbarkeit im volksthürnlichen Sinne. Nun verlangt der § 8 der Regierungsvorlage, daß Personen, die aus Anlaß dienstlicher Beziehungen ihren früheren Vorgesetzten beleidigen oder herausfordern, der Militärgerichtsbar­keit unterstehen sollen, falls nicht seit dem Dienstantritt zwei Jahre. vergangen sind. Nach dem Vorschläge )er Kommission, die den Gesetzentwurf vorher berieth, ollte diese Frist auf ein Jahr herabgesetzt werden. Auf Antrag der Sozialdemokraten wurde schließlich der ganze § 8 mit Unterstützung auch des Centrums gestrichen. Das genügt nun für die Konservativen, um daraus dem Centrum den Vorwurf zu machen, daß es „mit dem Umstürze liebäugele" und was der Verdächtigungen mehr sind. Das konservative Partei- Organ, die ,Kreuz-Ztg.', schreibt: „Während der (kou- ervati'e) Abg. Staudy zur Verlheidigung des kvn- ervativen Antrages, der eine zweijährige Frist festsetzt, darauf hiuwies, daß dies hauptsächlich der sozialdemo­kratischen Agitation wegen nöthig sein würde, glaubte der Abg. Gröber im Namen des Centrums die Rolle des „Unparteiischen" spielen zu müssen, dem es nicht darauf ankommt, von wem die Beleidigungen ausgehen müssen, die hier dem Militärgericht unterstellt und so nach Möglichkeit verhindert werden sollen. Dement-

„Wenn Ste es wünschen — nun, dann auf Du und Du," sagte Inge kühl und neigte das chöne Haupt, nicht als ob sie eine Gunst empfange, sondern bald widerwillig sich herablaffe, ein Huld zu erweisen.

Lora fühlte sich verwirrt von der eigenthüm- lichen Annahme ihres liebenswürdigen Anerbietens, und nur um etwas zu sagen, fragte sie: „Lebt Dein Vater noch?"

Ein böser Blick schoß aus den dunkeln Augen, die Spitze des einen Füßchens trat unsanft den Boden. War es überlegener Stolz, wohlberech­neter Hohn, der das Grafentöchterlein zu dieser Frage veranlaßte?

„Wie sollte er nicht?" lachte Inge mit einem kurzen, harten Lachen. „Die Haidebauern haben ein zähes Leben. Ich höre nichts von ihm."

„Und Dein Bruder, der damals zu Schiff ge­gangen war? Ist er glücklich wieder daheim?"

„Wie Du Einen quälen kannst, Lora! Als ob ich bei meinen angestrengten Studien Zeit ge­habt hätte, mich darum zu kümmern! Durchlaucht wünschte übrigens keinen Verkehr mit diesen Leuten.

Das Gespräch stockte. Lora fühlte sich erkäl­tet und abgestoßen; Inge hatte die Zähne auf­einander gebissen, eine steile rechte Falte grub sich zwischen die stolz geschwungenen Brauen, und die schlanken Finger zupften achtlos an den unschul­digen Blumen.

„Ach, Inge, Dein schöner Strauß!" rief Lora bedauernd, als Kelch um Kelch entblättert zu Boden sank.

„Was thut's?" gab Inge achselzuckend zurück. „Schönberg war so wie so eifersüchtig auf die kostbaren Blüthen. Als oh ich nicht die Freiheit

11.

„Sie hätten mich also wirklich nicht wieder erkannt, Komtesse?" fragte die schlanke Brünette, welche neben Lora von Ostheim an einem Fenster des Salons im Hotel Watzmann lehnte und nach­lässig mit einem Strauße seltener Treibhausblumen spielte.

„Nein und Ja," versetzte Lora ehrlich nnb blickte fast schüchtern auf zu der blendenden Er­scheinung ihres Gegenübers.

Konnte diese elegante junge Dame, welche die verkörperte Anmuth'selbst war, Inge Gerrit, das verwahrloste Kind der Haide sein? Konnte das seine Oval dieses Köpfchens, die geistvollen Züge dieses pikanten Gesichtchens, durch dessen goldtönige Hautfarbe man die Gluth des rasch pulsirenden Blutes schimmern zu sehen vermeinte, dies zarte Ebenmaß der Glieder dem Mädchen angehören, das wie eine Vagabundin zwischen den nordischen Dünen umhergeirrt und nichts Anderes gekannt hatte, als die elende Hütte am Erlenweiher?

Und doch, es war Inge Gerrit, Zug umZug, Linie um Linie, nur verfeinert, gemodelt durch Meisterhand — ob auch gebessert?!

„Ich habe Dich schon einmal gebeten, mich nicht Komtesse zu nennen," fuhr Lora fort, ihre Hand freundlich auf Jnge's Arm legend. „Du stammst aus unserer lieben, lieben Heimath, bist, wie Tante Sarolta uns erst vorhin versichert hat, ihr theuer wie ein eigenes Kind; da sollten wir uns doch nicht als Fremde gegenüber stehen."

wie schon so oft, das Gegentheil eines guten Dienstes erwiesen. Bebel hatte ganz augenscheinlich das Be­streben, eine Revolutionsdebatte herbeizuführen. Die Redner von der Rechten aber waren es, von denen eine unmittelbare Herausforderung ausging, indem sie in heftiger Form und mit einseitigen Urtheilen die 48er Ereignisse kritisirten, während Bebel sich zunächst einer auf eine verhältnißmäßig harmlose Bemerkung be­schränkt hatte, über die man am besten stillschweigend zur Tages-Ordnung übergegangen wäre. In der Be­merkung der ,Kor. Korr.' liegt für das Centrum der Vorwurf, daß es durch seine neutrale Haltung bei jener vom Zaume gebrochenen Debatte seine monarchische Pflicht verletzt habe. Dieser V orwurf ist schlechthin lächerlich die Absicht, aus der er entsprang, ge­mein. Wir haben es nicht nöthig, unsere loyale und monarchische Gesinnung bei jeder passenden und un­passenden Gelegenheit in empfehlende Erinnerung zu bringen, wie das auf der rechten Seite des Reichs­tages gang und gäbe ist."

In Oesterreich ist der Reichsrath am 21. März wieder eröffnet worden. Lärm hat es gleich in dieser ersten Sitzung gegeben. Aber es war nur die kleine hätte, Blumen anzunehmen ober zurückzuweisen, je nach meinem Belieben ? Und dieser Prinz Careno, der mir die Gardenien van München sandte, war wirklich ein liebenswürdiger Kavalier, durch dessen Anwesenheit Bayreuth trotz Wagner und Liszt doppelt interessant wurde."

„Schönberg war doch auch dort?"

„Schönberg? — Welche Frage! Natürlich war er dort."

„Du bist mit Schönt» rg verlobt?" fragte Lora zögernd.

„Verlobt! Was heißt verlobt? Verlobt und nicht verlobt, gerade wie Du mit dem Grafen Herbert, dem künftigen Majoratsherrn."

Ein tiefes Erröthen flog über Lora's Antlitz. Inge lachte und flüsterte, indem sie sich näher zu ihr beugte: „Leugne es nicht. Mein Scharfblick täuscht mich nie. Du liebst ihn, und er —"

Sie vollendete nicht, sondern heftete das schwarze Auge, das jetzt wieder den seltsam begehrlichen Ausdruck ihrer Jugend hatte, forschend auf Lora. Diese hatte die Hände aus das schneller pochende Herz gedrückt und die Lider gesenkt. Sie durfte das süße Geheimniß, welches aus den Wunsch ihrer Eltern erst am Geburtstage der Gräfin ver­öffentlicht werden sollte, nicht aussprechen. Sie ahnte in ihrer Unschuld nicht, daß sie an sich selbst zur Verrätherin wurde, daß das wechselnde Roth ihrer Wangen, das verschämte selige Lächeln ihres Mundes mehr sagte, als tausend Worte vermocht hätten.

Ein häßlicher Zug entstellte das Gesicht der Fragerin. Die stolze Lippe kräuselte sich, und im Bedürfniß, etwas zu zerstören, zertrat der Fuß die letzten Blüthen des mißhandelten Straußes.