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M 55.

Julöa, Mittwoch, den 9. März 1898

25. Jahrgang.

□ Eine Erinnerung aus dem Jahie 1848.

Ein halbes Jahrhundert ist nunmehr ver­flossen seit dem Revolutionsjahre 1848, wo allenthalben in Deutschland ein „großer Zug" durch die Bevölkerung ging und in vielen Städten größere oder kleinere Aufstände in Scene gesetzt wurden. Auch das ehemalige Kurhessen blieb von der Bewegung nicht frei, und besonders war es die Stadt Hanau, welche damals stark in Revolution machte. Am 8. März war auf dem Marktplatze zu Hanau eine große Volksmenge versammelt, die ganze Bürgergarde, die Turner, das Freikorps, sowie einige hundert Männer aus Mainz, Frankfurt, Offenbach, Friedberg u. s. w. waren bewaffnet und mit Fahnen aufgezogen. Da bisher noch keine genügende Antwort aus Kassel eingetroffen war, so wurden 24 Männer durch Zuruf des bewaffneten Volkes gewählt, welche die Leitung der gegenwärtigen Angelegen­heiten übernehmen sollen.

Diese 24 Hanauer Bürger erließen am folgenden Tage, am 9. März 1848, also gerade heute vor 50- Jahren, eine Proklamation an den Kurfürsten, die gedruckt auch unter das Volk vertheilt wurde. Ein Exemplar dieses Schrift­stückes wurde uns von hochgeschätzter Seite zur Verfügung gestellt. Als Beitrag zur Charakteristik der damaligen Bewegung lassen wir das interessante Aktenstück hier im Wortlaute folgen:

Die Volks ko m Mission in Hanau an den Kurfürsten von Hessen, König!. Hoheit.

Königliche Hoheit!

Durch die Proklamation Eurer königl. Hoheit vom 7. dieses sind die Wünsche des Volkes nicht erfüllt und seine Bitten unvollständig gewährt worden. —

Das Volk ist mißtrauisch gegen Eure königl. Hoheit Selbst, und sieht in der unvollständigen Gewährung seiner Bitten eine Unaufrichtigkeit.

Das Volk hat in der unvollständigen Ge­währung seiner Bitten nichts gesehen, als die dringendste Aufforderung sich noch enger zusammen- zuschaaren und eine noch festere Haltung Eurer Königl. Hoheit gegenüber einzunehmen.

Das Volk, welches wir meinen, ist nicht der vage Begriff mehr von ehedem, nein es sind Alle — Alle! — Ja, Königl. Hoheit: Alle! Auch das Militär hat sich für einstimmig erklärt!

Das Volk verlangt, was ihm gebührt. Es spricht den Willen aus, daß seine Zukunft beffer fein solle, als seine Vergangenheit, und dieser Wille ist unwiderstehlich. —

Das Volk hat sich eine Kommission gewählt, und diese verlangt nun für es und Namens seiner:

1. Besetzung aller Ministerien, soweit dieses nicht neuerdings geschehen ist, mit Männern, welche das Vertrauen des Volkes genießen.

2. Auflösung der wiedereinberufenen Stände­versammlung und alsbaldige Berufung neu zu wählender Stände.

3. Bewilligung vollständiger Preßfreiheit auf Grund der hierzu im § 95 der Ver­fassungs-Urkunde gewährten Zuständigkeit.

Wege rmd Ziele.

Roman von A. Jüngst.

g ------ (Nachdruck verboten.)

Die Prinzessin wandte sich darauf an einen anderen Herrn der Gesellschaft mit der Frage: „Kennen Sie die Leute in dem Häuschen am Erlenweiher, bester Herr Amtshauptmann?"

Der Angeredete, ein Mann von mittleren Jahren mit einem vornehmen Aeußern, unter­brach sein Gespräch mit der Gräfin Ostheim und erwiderte: „Natürlich, gnädigste Prinzessin; das heißt, wie man die Leute innerhalb seines Be­zirkes zu kennen pflegt. Der Besitzer der Hütte, ein gewisser Gcert Gerrit, erfreut sich des besten Leumunds, ist ein tüchtiger Arbeiter, ein braver, gottesfürchtiger Mensch, der schlecht und recht sein Brod zu verdienen sucht. Die Mutter aber" — Herr von Delstern machte eine bezeichnende Handbewegung — „ist die gefürchtetste Person auf fünf Meilen im Umkreise. Sie entstammt der Zigeunerkolonie in Moor, welche jetzt, nach mehr als einem Jahrhundert, noch die Grund­züge ihrer Rasse bewahrt hat. Die erbgesessenen Bauern verabscheuen und suchen sie gleich eifrig. Ich glaube kaum, daß einer darunter ist, der nicht zu gewissen Zeiten der alten Marrit seinen Tribut brachte, um die Kraft ihres Zaubers von sich abzuwenden. Meine Beamten sehen ihr scharf auf die Finger, und doch ist es noch keinem von ihnen gelungen, das schlaue Weib zu über­listen und bei ihren verbotenen Künsten zu be­treffen."

„Schweigen Sie doch, Delstern," rief Graf

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gesehen werden soll.

Jetzt ist die Stunde gekommen, wo Sie zu zeigen haben, Königl. Hoheit, wie Sie es mit dem Volke meinen.

Zögern Sie nicht einen Augenblick zu gewähren, vollständig zu gewähren.

Besonnene Männer, Königl. Hoheit, sagen Ihnen hier, daß die Aufregung einen furchtbaren Charakter angenommen hat. Bewaffneter Zuzug aus den Nachbarstädten ist bereits vorhanden, schon wird man mit dem Gedanken einer Los­trennung vertraut und kennt recht wohl das Gewicht der vollendeten Thatsache.

Königl. Hoheit, gewähren Sie! Lenke Gott Ihr Herz.

Hanau, den 9. März 1848.

Die Volkskommission.

(Folgen die Namen der 24 Bürger.)

Vollständige Amnestie für alle seit dem Jahr 1830 begangenen politischen Vergehen. Gewährung vollständiger Religions- und Gewissensfreiheit und deren Ausübung.

Hinwirkung bei dem deutschen Bund auf Bildung einer deutschen Volkskammer. Zurück­nahme aller den Genuß verfassungsmäßiger Rechte, ganz insbesondere des Petitions- Einigungs- und Versammlungsrechtes be­schränkenden Beschlüsse.

Die bestimmte Zusage, daß die bereits durch die Proklamation vom 7. dieses zugesicherten und in Bezug auf die ausgesprochenen Desiderien weiter erforderlichen Gesetzent­würfe der nächsten Ständeversammlung vor­gelegt werden. —

Entschließung Eurer Königlichen Hoheit binnen drei Tagen von heute an, deren Ver­streichen ohne Antwort als Ablehnung an-

sich anbahne oder vielmehr fast erreicht sei. Es wäre höchst bedauerlich, wenn die so dringend nothwendige Reform jetzt wieder scheitern würde; sollte es aber der Fall sein, so wüßte nunmehr Jedermann, daß es lediglich der Einfluß der kommandirenden Generäle gewesen sein kann, der das Werk zum Scheitern gebracht hat. Es haben seit dem ersten Aufwerfen der Frage mächtige Faktoren ihre Wirksamkeit dahin gelenkt, alles zu thnn, um sie nicht zur Lösung gelangen zu lassen, genau so, wie in Sachen des Vereins­gesetzes andere reaktionäre Strömungen eine frei­heitliche Entwickelung in Preußen hintanzuhalten verstanden haben. Hoffentlich haben die ersteren nicht den Erfolg wie die letzteren.

* In den deutschen Wünzflätleu wurden geprägt im Monate Februar nur Doppelkronen, Fünfpfennigstücke und Einpfennigstücke, und zwar wurden geprägt an Zwanzigmarkstücken für 14159 400 Mark, an Fünfpfennigstücken für 185 692,15 Mark und an Einpfennigstücken für 37 760,83 Mark. Sehr auffallend ist es, daß auch dieses Mal wieder wie schon in der ganzen letzten Zeit sämmtliche Geldmünzen stets nur auf Privatrechnung ausgeprägt worden sind.

* lieber den Wassergehalt der Antter soll nach der „Staatsbürger-Ztg." ein Gesetz­entwurf in Vorbereitung sein. Als höchste Grenze soll ein Wassergehalt von 15 pCt. zugelassen werden.

Ein wahrer Kobold, eine schlaue, kleine Hexe, dabei der vollendete Typus der Zingarella: schwarz mit einem Paar Augen wie der dunkelste Achat und einer Stimme — na lieber Schönberg," wandte er sich an den jungen Künstler, „das wäre etwas für Sie — eine Stimme wie Glocken­klang und Orgelton. Ich habe oft zu meinem eigenen Verdruß meinen Braunen angehalten und dem Gesänge der kleinen Vagabundin ge­lauscht, wenn die rührendsten Volkslieder und die ärgsten Gassenhauer nacheinander über die Haide schollen. Auch der Bube, den Gerrit schon früh zur See gegeben, hatte ein klangvolles bieg­sames Organ, eine wahre Fundgrube für einen angehenden Opem-Diiektor."

„Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich störe," unterbrach Graf Ostheim, der unbemerkt zu der Gesellschaft getreten war und freundlich die Hand auf die Schulter feiner Gemahlin ge­legt hatte.

Die Gräfin blickte lächelnd zu dem stattlichen Fünfziger auf, deffen dunkelblaue Augen noch mit dem Feuer der Jugend blitzten und in deffen braunen Haar und Bart kein graues Fädchen sich zeigte. So wie er dastand in der Fülle feiner Kraft, in dem Bewußtsein seines Werthes, das kühn geschnittene, ausdrucksvolle Gesicht von einem freundlichen Lächeln erhellt, die hohe Ge­stalt ein wenig vornübergebeugt zu der schwäch­lichen Frau, konnte er für den.TdPUs seiner ganzen Kaste gelten, für einen echten Nachkommen jener alten mannhaften Recken, die schon mii: Friedrich Barbarossa hinausgezogen waren, seine Schlachten mitgeschlagen, seine Siege mitgefeiert hatten.

Aus dew Reichstage.

■O 57. Sitzung vom 8. Marz 21« Uhr.

Am Bundesrathstische: v. Pod bielski.

Das Haus ist schwach besetzt.

Der Beschluß des Bundesrathes über die Aufnahme der Anlagen zur Herstellung von Gußstahlkugeln mittels Kugelschrotmühlen in das Berzeichniß der Anlagen, die einer besonderen Genehmigung bedürfen, wurde in erster und zweiter Lesung ohne Debatte genehmigt.

Darauf wurde die erste Berathung der Novelle zum Postgesetz fortgesetzt.

Abq. Dr. Warcour (Ctr.) wünscht, daß nach der Herabsetzung des Stadtbriefportos für Berlin auch etwas für das platte Land geschehen möge. Redner wünscht Heraufsetzung des Betrages für kleine Postanweisung auf wenigstens 10 Mark. Die Sache sei von großer sozialer Bedeutung für Dienstboten und kleinere Hand­werker, die häufig geringere Beträge zu versenden hätten.

Abg. Lenzmann (Bp.) ist gegen jede Erweiterung des Postregals, nicht sowohl im Interesse der Privat­posten als in dem des Publikums. Es sei durchaus irrig, wenn Staatssekretär v. Podbielski eine Art Lücke im Postgesetz entdeckt haben wolle, die durch Unter­drückung der Privatposten ausgesüllt werden solle. Redner griff den Staatssekretär des Reichspostamtes । nd seine juristischen Berather scharf an, was längere Rep­liken des Staatssekretärs und des Geh. Oberpost­raths D a m b a ch hervorrief.

Abg. Dr. Ioerfter (Ants.) ist mit der Erweiterung des Postregals unter der Bedingung weiterer Porto ermäßigungen in den großen Städten einverstanden.

Abg. Frhr. v. Stumm (D. Rp.) ist für das Post­regal sans phtase; es ist ihm wichtiger, als die Herab­setzung der Tarife. „ ..

In der 3. Berathung des Gesetzentwurfs betr. Angelegenheiten der freiwilligen Gerichts­barkeit beiheiligten sich die Abgg. Stadthagen (Soz), v. Ezarkinski (Pole), Wekkstei« (Ctr.) und Geheim­rath Dr. Ltüntzet und Abg. Szmnka (Ctr.) an der Debatte, die bis Mittwoch 1 Uhr vertagt wurde. (Künftig sollen die Sitzungen regelmäßig um 1 Uhr be­ginnen.) ______________

Deutsches Reich.

Berlin, 8. März.

* Se. Eminenz Kardinal Kopp hat, wie die.Germania' erfährt, am Montag früh eine Romreise angetreten, welche auf etwa 14 Tage berechnet ist.

* Den Namen „A»1ipol«ischer Korrnp- lionsfonds" haben dieDispofitionsfonds von 400,000 Mark erhalten, welche in den nächst­jährigen Etat eingestellt und den Oberpräsidenten in den zweisprachigen Landestheilen zur Verfügung gestellt werden sollen. Die Staatsregierung be­hält sich, so wird dazu offiziös geschrieben, völlig freie Hand, wie nach Maßgabe des Bedürfnisses diese Summe auf die Provinzen Posen, West- preußen und den Regierungs-Bezirk Oppeln zu vertheilen sein wird. Zunächst aber liegt es in der Absicht, etwa */? davon für Posen, 2/? für Westpreußen und */? für den Regierungs-Bezirk Oppeln zu verwenden.

* lieber die Aussichten der Militär Straf- Prozeß Hrdniirrg sind die Meinungen sehr ge« theilt. Auf der einen Seite hält man die Reform bereits für gescheitert, weil Bayern zur Aufgabe seines Reservatrechtes, dessen Vorhandensein uns ganz unzweifelhaft erscheint, genöthigt werden solle; auf der andern Seite glaubt man, daß eine Verständigung ohne Betonung der grund­sätzlichen Fragen zu beiderseitiger Zufriedenheit Hellborn. „Sehen Sie denn nicht, daß unsere verehrte Wirthin noch in der Erinnerung schaudert, ihr liebliches Enkelkind mit solch' unheimlichen Menschen in Berührung gebracht zu wissen?"

„Bitte tausendmal um Verzeihung, Gräfin Ostheim," sagte der Amtshauptmann, gegen die sichtlich erblaßte Dame sich verbeugend. „Ich wollte nur die Frage der Prinzessin möglichst genau mit der Ansicht des leichtgläubigen Land­volkes beantworten. Vox populi ist Übrigens nicht immer vox Dei, und selbst der Teufel ist nicht immer so schwarz, wie er gemalt wird."

„Sie wollen gar das verderbliche Treiben des alten Weibes noch beschönigen?" meinte Hellborn und drohte scherzhaft mit dem Finger, „Sie, ein königlicher Amtshauptmann, nur um der Prin­zessin nicht die Poesie ihres geliebten Landes zu rauben? Ich für meine Person mache mir nichts aus solcher Poesie."

„Ich auch nicht," stimmte Baron Landseer zu. „Das Weib übt wirklich einen unheilvollen Einfluß auf die ganze Bevölkerung aus, nament­lich feit sie vor etwa dreißig oder vierzig Jahren nach längerer Abwesenheit wieder in diese Gegend zurückgekommen. Es ist eine alte Geschichte; die Einzelheiten sind mir entfallen, da ich da­mals noch zu jung war und auch nur verstohlen von den Dienstleuten darüber flüstern hörte. Aber ich erinnere mich, daß sie mit einem glück­licherweise rechtzeitig entdeckten Brande hier auf Ostheim zusammenhing. Seit jener Zeit treibt sie ihr Wesen, und, was das Schlimmste ist: Wie die Alten jungen, so zwitschern die Jungen — die Enkelin ist auf dem besten Wege, in die Fußtapfen der Großmutter einzutreten.

Aus dem Landtage.

Abgeordnetenhaus. — 41. Sitzung v. 8.März 11U.

Am Ministertisch: Dr. Bosse.

Das Haus ist ziemlich gut besetzt.

Die zweite Berathung des Kultusetats wird vrtgesetzt.

Abg. D». Möttinger (natl.) verwies auf die Be­deutung der Chemie und fordert die Einführung eines Staatsexamens für alle Chemiker sowie die Schaffung von extraordinären Professuren für Chemie an den Universitäten.

Kultusminister Dr. Aoffe erwidert, daß eine ganze Reihe hervorragender Chemiker dringend gebeten hätten, von der Einführung eines Examens Abstand zu nehmen, da man dankbar dafür sein müsse, daß es wenigstens noch ein Gebiet auf der Welt gebe, wo man noch ohne Examen vorwärts kommen könne. Die Meinungen hierüber seien also getheilt.

Abg. Dr. Dtttrich (Ctr.) führte aus, daß die katho­lische Kirche keineswegs unduldsam sei; sie sei nur un­duldsam gegen religiöse Jrrthümer. In der Praxis respektire sie alle wohlerworbenen und historischen Rechte.

Abg. v. Euuer« (natl.) machte dann wieder einen Kulturkampfversuch. Er verlangte vom Centrum, daß dasselbe bei Stichwahlen zwischen Sozialdemokraten und Nationalliberalen für letztere stimme. Erst wenn dies geschehe, werde er an den Ernst des Kampfes des Centrums gegen den Umsturz glauben. (Gelächter im Centrum.) Wenn das Centruin vortragende Räthe vor­zuschlagen hätte, würde es wohl die Abgg. Dasbach und Fuchs als solche vorschlagen. (Heiterkeit.) Der Rück­berufung der gefährlichen Redemptoristen müsse er wider­sprechen. Ueberhaupt sei es mit dem religiösen Frieden bald vorbei, wo sich ein Orden niederlasse. Das evan­gelische Volk widerstrebe mit Recht der Niederlassung von Orden. Wohin man bei der unbeschränkten Zu­lassung von Orden komme, zeige Belgien mit seinen zahllosen Klöstern, die wie ein Alp auf dem Lande lasteten.

Abg. Dr. forsch (Centr.) fertigte Herrn v. Epnern gebührend ab. Er fragte ihn u. A, ob er jemals schon einen Redemptoristen gesehen habe und legte dar, daß das Centrum stets gegen den Umsturz eingetreten sei und daß es nach wie vor für die Freiheit der Kirche eintreten werde.

Abg. Dr. Iriedverg (natlib.) suchte darzulegen, daß die Kulturkampfsgesetze völlig beseitigt seien. Im Volke bestehe der Glaube, daß man bei uns heute als Katholik am weitesten komme. Die katholische Kirche dürfe keine Ausnahme-Stellung beanspruchen. Es sei bedauerlich, daß das Centrum kein Wort des Bedauerns für die jcharfen Worte der päpstlichen Canisius-Encyclica gegen die Reformation habe.

Die dänischen Abgg. Johannsen und Kaufe« forderten Abänderung der Schulordnung für Nordschles­wig, «ährend der polnische Abg. Aeuvauer die Zürück- fetzung der polnischen Sprache beim Unterricht tadelte.

Abg. Freiherr v. Ukettenverg-Mehrum (konservativ) verwahrte den evangelischen Bund gegen den gestern vom Abgeordneten Fuchs erhobenen Vorwurf, daß er konfessio­nelle Hetze treibe. Der Bund stehe im Gegentheil auf dem Boden der Duldsamkeit und Parität.

Die holsteinischen Abgeordneten Hansen (freikons.) und Jürgensen (natlib.) traten den Beschwerden der dänischen Abge rdneten entgegen, ebenso Kultusminister Dr. Kosse, der den auf vorgeschobenem Posten befind­lichen Beamten in Nordschleswig den Dank des Vater­landes aussprach.

Zwischen den Abgg. Dr. Iriedverg (natlib.), Dr. forsch und Stöcker kam es wieder zu einer Auseinander­setzung über die päpstliche Canistus-Encpclica. Dr. Porsch erklärte, die Encyclica enthalte nichts, als ein Urtheil über eine historisch weit zurückliegende Zeit ohne Be­ziehung auf die gegenwärtigen Verhältnisse.

Abg. Juchs (Centruml entgegnete dem Abgeordneten v. Eynern, daß in Köln bei einer Reichstagsstichwahl die Nationalliberalen den Sozialdemokraten auf dem Bauche nachgerutscht seien. Ein Ausnahmerecht beanspruche die katholische Kirche nicht.

Die Debatte über den Posten Ministergehalt wurde geschloffen.

Morgen 11 Uhr: Fortsetzung.

„Wo haben Sie nur so lange gesteckt, lieber Ostheim?" rief Baron Landseer. „Wenn ich aus Höflichkeit gegen die Damen" — er ver­beugte sich gegen die Prinzessin und die Gräfin — „nicht zu sagen wage, daß wir Sie vermißt haben, so würde unser Vergnügen doch um ein Wesentliches erhöht worden sein durch die An­wesenheit unseres liebenswürdigen Hausherrn."

„Seit wann sind Sie unter die Schmeichler gegangen, alter Freund?" lachte der Graf. „Sie bringen ja unsere verehrten Gäste in Ver­legenheit. Was sollen der Herr Amtshauptmann und Graf Hellborn sagen, wenn Sie ihnen jeder Wort vorwegnehmen? Jetzt könnte höchstens noch die Kunst in der Person unseres jungen Ton­dichters Sie übertrumpfen."

„Ich kann mich dem Herrn Baron nur an« schließen," versicherte Schönberg, die Hand auf’S Herz legend.

„Was ich übrigens sagen wollte, meine Herr­schaften," fuhr Graf Ostheim fort, ohne von den verbindlichen Worten des Künstlers Notiz^ zu neh­men, „der von meiner Frau und meiner Schivester herbestellte Torfgräber ist schon vor einer Weile mit jeinem Kinde eingetroffen und harrt des Empfanges. Ihr habt sie sehen wollen, meine Sieben;'nun müßt ihr die Leute auch annehmen, ob es euch bequem ist oder nicht. Lora hat ihre Bekanntschaft mit der kleinen Inge bereits erneuert."

„Laß sie hierher kommen, Bruno," bat die Prinzessin. „Nach dem, was der Baron und der Amtshauptmann von dem Mädchen erzählten, sind wir alle gespannt, dikse kleine Schönheit der Düne zu sehen."