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JuLdcr, Donnerstag, den 3. März 1898
25. Jahrgang.
Ausland.
* Mom, 2. März. Der Piusbund der katholischen Vereine Roms hat zur Dankfeier für die Vollendung des 20. Jahres von Leos XIII.
△ Die Flotten-Vorlage in der Budget-Kommission.
Heute hat sich die Budget-Kommission des Reichstages zum dritten Male mit der Flotten- Vorlage beschäftigt. Die General-Diskusston ist aber heute nicht mehr fortgesetzt worden, und so konnte sich auch heute die Kommission nicht mehr mit der so außerordentlich interessanten und wichtigen Deckungsfrage im Allgemeinen beschäftigen. Heule wurde mit der Spezialberathung begonnen, d. h. also mit der Berathung der einzelnen Paragraphen der Vorlage.
Abg. Dr. Lieber bittet als Referent um Annahme des § 1 der Vorlage in der Fassung des von ihm gemachten Vorschlages. Dieser Paragraph soll den Schiffsbestand der deutschen Flotte regeln, führt aber nach der Regierungs- Vorlage nur die Schlachtschiffe und Kreuzer ziffernmäßig an. Dr. Lieber wünscht, daß die ziffernmäßige Aufführung auch auf andere Fahrzeuge ausgedehnt werde, namentlich auf die Kanonenboote.
Abg. Müller-Fulda bemängelte die Ausführungen der Vorlage über die Neubaukosten. Diese Ausführungen erscheinen ihm nicht ausreichend. Namentlich würden doch auch Forderungen eintreten für Kasernen und Dockanlagen, und das muß man, wie Redner treffend ausführte, schon jetzt berücksichtigen. Redner stellt darum zu § 1 der Vorlage einen förmlichen Antrag, der dahin geht, den Reichskanzler um einen Nachweis darüber zu ersuchen, welche einmaligen Ausgaben voraussichtlich erforderlich werden durch die Vermehrung des Marine- Personals, der Kasernen und Krankenhäuser und was dazu gehört, der anderen Gebäude und Werkstätten, ferner für Trockendocks, Hafenbauten, Ausrüstungs- und Kriegsbedarf.
An diesen Antrag knüpfte sich eine längere Diskussion. Der Antragsteller wünschte Berathung seines Antrages noch vor § 1. Aber schließlich wurde beschlossen, daß dieser Antrag sowie alles Andere, das mit der Bereitstellung von Geldmitteln zusammenhängt, zusammen mit § 7 be- rathen werden soll.
Alsdann wurden nach erneuter eingehender Debatte die ersten beiden Absätze des § 1 mit 21 gegen 7 Stimmen in der Fassung der Lieber'schen Vorschläge angenommen. Dagegen stimmten die Sozialdemokraten, die Freisinnigen Eugen Richter, Müller-Sagan und Galier und der Pole von Jazdzewski.
Diese beiden Absätze lauten nunmehr, nach Streichung der Kanonenboote, wie folgt: I. Der Schiffs bestand der deutsch en Flotte wird, abgesehen von den Torpedo-Fahrzeugen, Schulschiffen, Spezialschiffen und Kanonenbooten, festgesetzt auf 1) verwendun gsbereit: 1 Flotten- staggschiff, 2 Geschwader zu je 8 Linienschiffen, 2 Divisionen zu je 4 Küstenpanzerschiffen, 6 große Kreuzer und 16 kleine Kreuzer als Aufklärungs schiffe der heimischen Schlachtflotte, 3 große und 10 kleine Kreuzer sür den Auslandsdienst — 2) als Material-Reserven: 2 Linienschiffe, 3 große Kreuzer, 4 kleine Kreuzer. — II. Von den am 1. April 1898 vorhandenen und im Bau befindlichen Schiffen kommen auf diesen Sollbe
stand in Anrechnung: als Linienschiffe 12, als Küstenpanzerschiffe 8, als große Kreuzer 10 und als kleine Kreuzer 23 Fahrzeuge.
Der dritte Absatz des ersten Paragraphen lautet nach dem Lieber'schen Vorschläge: „Die Bereitstellung der Mittel für die zur Erreichung des Sollbestandes erforderlichen Neubauten unterliegt der jährlichen Festsetzung durch den Reichshaushalts-Etat mit der Maßgabe, daß die Fertigstellung des gesetzlichen Schiffsbestandes t h u n l i ch st bis zum Ablaufe des Rechnungsjahres durchgeführt werden kann."
Der Abg. Müller-Fulda hat einen Plan ausgearbeitet, nach dem der gesetzliche Sollbestand der Flotte bereits in sechs (statt in sieben) Jahren erreicht werden soll; und er stellt in diesem Sinne einen förmlichen Antrag.
Der nationalliberale Abgeordnete D r. H a m - macher will statt desWortes „thunlichst" setzen: „So weit die ftn § 8 dafür angegebenen Mittel ausreichen."
Ueber diese Anträge wurde nach der Mittagspause weiterberathen.
* * *
Der Referent, Abg. Dr. Lieber, hat bekanntlich auch zur Frage der Kostendeckung einen besonderen Antrag gestellt. Heute hat er diesen Antrag in veränderter Form eingebracht. Das Wesentliche desselben besteht nun in Folgendem: Der Reichstag (§ 8) ist nicht verpflichtet, während der Zeit bis zum Rechnungsjahre 1904 sür die Marine mehr Mittel bereit zu stellen, als jetzt festgesetzt werden. Bei höherem Geldbedarf wird die Ausführung des Flottenausbaues bis nach dem Jahre 1904 verschoben. — Sollte der Geldbedarf für die Marine die Einnahmen übersteigen, die dem Reiche aus den heutigen Steuern und Zöllen zufließen, so ist der Mehrbetrag durch Matrikular- b ei träge aufzubringen. Die Bundesstaaten, die eine allgemeine Einkommensteuer erheben, haben (§ 9) für das Reich statt der aufzubringenden Matrikularbeiträge einen Zuschlag zur Einkommensteuer zu erheben, von denjenigen Steuerpflichtigen, die ein Jahreseinkommen von mehr als 10000 Mark beziehen. Der Einheitssatz dieses Zuschlages zur Einkommensteuer beträgt für je 100 Mk. des Jahreseinkommens von 10 bis einschl. 50000 Mk. je 0,25 Mk., von 50 000 bis 100000 Mk. je 0,50 Mk., von 100000 bis 200000 Mk. je 0,75 Mk. von 200000 Mk. und mehr je 1 Mk. Durch den Reichstag wird bestimmt, wie viele Prozente des Einheitssatzes zur Erhebung kommen sollen. Für die Veranlagung und Erhebung der Zuschlagsteuer sind die landesrechtlichen Vorschriften über Veranlagung und Erhebung der Einkommensteuer maßgebend.
Deutsches Deich.
Berlin, 2. März.
(*) Der Kaiser ist heute von Wilhelmshaven mit dem Panzerschiffe „Kurfürst Friedrich Wilhelm" nach Bremerhaven gefahren. Von dort hat er sich nach Bremen begeben, wo er an einem Mahle theilnehrnen wollte, das der Sena von Bremen ihm zu Ehren im Bremer Raths
keller veranstaltet hat. — Die Kaiserin ist durch eine leichte Erkältung genöthigt, das Zimmer zu hüten.
* Das Befinden des preußischen Eisenbahnministers Wieke« hat sich gebessert. Der Minister konnte heute für kurze Zeit das Bett verlasfen.
X Der Berliner „Centralverband kaufmännischer, gewerblicher und industrieller Vereine" hatte an den preußischen Handelsminister eine Eingabe gerichtet, in der um staatliche Erhebungen über die Lage des Kleinhandels gebeten wird. Der Minister hat diese Eingabe nunmehr beantwortet, und zwar in dem Sinne, daß er den hohen Werth solcher Erhebungen nicht verkennt. Zunächst aber müssen nach der Ansicht des Ministers einer solchen Erhebung enge Grenzen gesteckt werden. Der Minister hat in seiner Antwort den Centralverband darum ersucht, ihm einen genauen Plan dafür vorzuschlagen, etwa nach folgenden Gesichtspunkten: welche einzelnen Punkte sollen den Gegenstand der Erhebungen bilden? — Auf welche Berufszweige sollen sie sich erstrecken? — In welchem Umfange sollen die Angehörigen dieser Berufszweige vernommen werden?
X Nach langwierigen Verhandlungen zwischen Unternehmern und Arbeitern ist nun gestern Abend der Maflenansstaud der Aerkiner Schuhmacher doch noch beschlossen worden. Der Beschluß erfolgte in einer von etwa 800 Personen besuchten Schuhmacher-Versammlung mit allen gegen acht Stimmen, und von heute an ruht die Arbeit in allen Ringfabriken. Als Forderungen der Arbeiter stellte die Versammlung )te nachfolgenden Punkte auf: 1) Uebernahme des Arbeitsnachweises durch die Arbeiter. 2) Aufteilung einheitlicher Lohnsätze. 3) Freigabe der ^ournituren. 4) Anerkennung der von den Ar- )eitern gewählten Lohnkommission. Außerdem oll von heute ab der Arbeitsnachweis bykottirt werden.
Aus dem Kundtage.
Abgeordnetenhaus. —36. Sitzung v. 2. März 11U.
Am Ministertische: Dr. v. Miquel, Freiherr v. b; Recke, Freiherr v. Hammerstein.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Be- rathnng der Novelle zum Gesetze betr.. die preußische Central-Genossenschafts-Kasse.
Abg. Dr. Arendt befürwortet möglichste Ausdehnung des Geschäftskreises auf die Handwerker-Genossenschaften. Die Vorlage gelangt darauf unverändert nach den Beschlüssen der zweiten Lesung zur Annahme.
Es folgt die zweite Berathung des Gesetzes betr. die Bewilligung von Staatsmitteln zur Beseitigung der durch die Hochwasser des Sommers 1897 herbeige- führlen Beschädigungen.
Nach den Beschlüssen der Kommission zu § 1 ist der Staatsbeitrag für den Bedürfnißfall von 5 auf 10 M i l- lionen erhöht worden Die Beihilfe soll nicht nur einzelnen Beschädigten zur Erhaltung im Haus- und Nahrungsstande, sondern auch an solche gewährt werden, bei denen eine Gefährdung ihrer wirthschaftlichen Existenz vorliegt. An Gemeinden und Kreise soll die Beschädigung nicht nur zur Wiederherstellung beschädigter gemeinnütziger Anlagen, sondern auch zu nothwendigen Verbesserungen derselben bewilligt werden. Den Deichverbänden und Wassergenossenschaften soll damit Ersatz für die für 1897/98 aufzubringenden Beiträge gewährt, auf den Ersatz der Kosten für militärische Hilfeleistung soll verzichtet werden.
Abg. v. Zagow (kons.) tritt für Berücksichtigung des rechten Elbufers ein bei der Vertheilung der Beihilfen.
Abg. v. Richthofen-Merseburg (kons.) bittet, die höchste Summe einzustellen, welche die Kommission eingestellt habe. Das zweite zu erwartende Gesetz über die Verhinderung späterer Hochwasser-Katastrophen recht sorgfältig vorzubereiten, finde den Beifall seiner Freunde. Er stelle aber fest, daß nicht die Kreise oder die Provinz, sondern der Staat die Verpflichtung habe, die nothwendigen Vorkehrungen zu treffen.
Minister Dr. v. Miquel: Die vorliegenden Berichte lassen deutlich erkennen, daß die Summe von süns Millionen ausreicht. Wir können uns dabei nur aus die Berichte der Kreis- und Provinzialbehörden stützen. Der Oberpräsident hat noch neuerdings erklärt, daß er »ganz auf den Boden der Vorlage stelle. Höher zu
en, als ein Bedürfniß vorliegt, liegt für den Staat nicht vor. Er will eben nicht alle Schäden ersetzen, sondern nur Beihilfen gewähren, damit die Betroffenen die Kalamität überwinden können. Ich bitte Sie also, es bei der Vorlage zu lassen. Einen Beschluß über den Kommissionsvorschlag hat das Staatsministerium allerdings noch nicht gefaßt. Bei der Bedeutung aber, die eine solche Ermächtigung vom konstitutionellen Standpunkte aus haben würde, kann ich die Zustimmung des Staatsministeriums jedenfalls nicht in bestimmte Aussicht stellen. Lehnen Sie daher den Antrag der Kommission ab.
Abg. v. Scherrkendorf (natl.) bittet, es trotzdem bei den Kommisstonsanträgen zu lassen, da es immer besser sei, die Summe nach oben fest zu begrenzen.
Abg. v. Koektche« (kons.) bedauert, daß der Minister mcht unbedingt seine Zustimmung zu den Kommisstons- beschlössen erklärt. Angesichts der Größe der Schäden sei es Pflicht des Staates, die Kreise leistungsfähig zu erhalten.
Minister Dr. v. Miquel erwidert, daß nur ein Theil der Beschädigten und zwar nur die Leistungsunfähigen unterstützt werden sollen.
Abg. Graf Strachwitz (Ctr.) bittet, es wenigstens für die zweite Lesung bei den Kommisstonsbeschlüssen zu lassen.
In diesem Sinne sprechen sich auch dre Abgg. Dr. Sattler (natl.) und Hothein (frs. Bgg) aus.
Nach unerheblicher weiterer Debatte wird der § 1 in der von der Kommission vorgeschlagenen Fassung angenommen, ebenso ohne Debatte der'Rest des Gesetzes.
Nächste Sitzung Donnerstag 11 Uhr.
ft Varlamerrtarifche Dach richte«.
* Die KentrnmsDraktio« des Reichstages wird voraussichtlich am 7. März mit der Berathung der Flotten-Vorlage beginnen. Man darf nach dem Stande der Dinge annehmen, daß bis dahin die erste Lesung der Vorlage in )er Budget-Kommission des Reichstages beendet sein wird.
h Eine Berliner Zeitungs-Korrespondenz will wissen, innerhalb der Reichsregierung. werde die Gewährung von Wohnnngsgekder« an solche Mitglieder des Reichstages erwogen, die nicht in Berlin wohnen. Man gehe, so berichtet die Korrespondenz weiter, von dem Gedanken aus, daß die Gewährung solcher Wohnungsgelder ebenso wenig der Verfassungsbestimmung von der Diätenlosigkeit der Abgeordneten widerspreche wie die Gewährung von Freikarten. Die bewußte Korrespomenz zeichnet sich nicht durch besondere Zuverlässigkeit aus. Es ist daher sehr fraglich, ob die Meldung den Thatsachen entspricht. Wir verzeichnen sie indessen der Vollständigkeit wegen, da sie vermuthlich doch den Weg durch die deutsche Tagespreffe antreten wird.
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K n >7 - rschwelfenden. Möven, deren weißes umgebunden, vertritt die Stelle des Leibchens und Wefteder lm Sonnenschein aufleuchtet, wie ein läßt die edelgeformten, aber fonnenverbrannten süchtiger Stlberblitz, und den paar weidenden Arme unter dem groben Linnenhemde hervortreten. rineCQen ~ ma9ere Schafe und eine hunge- Eine dreifache Schnur aufgereihter Vogelbeeren welche ihr elendes Dasein mit der um Hals und Kops geschlungen, vervollständigt glichen Nahrung dieses ausgedörrten Fleckchen | die seltsame Erscheinung des kleinen Mädchens,
Ein Spätsommer-Nachmittag in der nordischen Düne. Tiefes Schweigen. Kein Ton, kein Laut, als ein vereinzelter Kiebitzschrei, die Rufe der Rohrdommel und das schläfrige Gesumme der Insekten. Ein dumpfes Dröhnen nur zittert unausgesetzt in der Luft, wie von dem Wiederhall ferner Glocken. Das ist das Meer, das unablässig rauschende tönende Meer, das in seltsam spiegelnden Wellenlinien den Horizont begrenzt.
Ein sanfter Lichtglanz, ein fast südlich warmer Sonnenschein liegt auf den gerundeten Höhen und verklärt die üppigen Blüthenbüschel der Erika, w^che die Abhänge bekleiden, mit blaupurpurnem Schimmer. Eine kümmerliche Zwergföhre, eine verkrüppelte Kiefer erheben sich hier und da aus dem niedern Ginstergestrüpp.
. Kein Lüftchen regt sich. Nur seewärts streicht em leiser Hauch über die Dünen, ein sanftes süßes -ißeljen, das mit den falben Gräsern und den langen Halmen des Sandhafers spielt und den kräftigen Duft des Thymian über das anstoßende Niedere Meerland trägt.
.$^in lebendes Wesen ist zu sehen, außer den
Ein heller Sonnenstrahl gleitet an der schlanken, aber kräftig gebauten Gestalt hin und läßt das vollendete Ebenmaß der Glieder trotz der entstellenden Kleidung erkennen. Das zu kurz gewordene und verblichene Röckchen ist mit einem Streisen grellrothen Zitzes verlängert worden. Ein gelb und schwarz gewürfeltes Tuch, kreuzweise umgebunden, vertritt die Stelle des Leibchens und läßt die edelgeformten, aber fonnenverbrannten
Wege und Ziele.
Roman von A. Jüngst.
------- (Nachdruck verboten.) Erster Band.
Der Kampf um's Glück.
Landes zu fristen suchen. Ab und zu bleibt eines derselben stehen und stößt einen kurzen heiseren Schrei aus. So oft dieser mißtönige Ruf erschallt, hebt sich aus dem sonnendurchwärmten Quillsand am Abhange der höchsten Düne ein grauhaariger zottiger Hund, der lauschend die Ohren spitzt und mit den stumpf gewordenen Zähnen fletscht. Ueber dem Rücken des häßlichen Thieres aber taucht ebenso oft ein dunkeles lockiges Köpfchen empor; ein paar blitzende schwarze Augen blicken neugierig nach allen Seiten; ein korallen- rothes Mündchen spitzt sich in gespanntester Erwartung, um jedesmal wieder in getäuschter Hoffnung sich zu verziehen und verdrossen dem alten Hunde zuzurufen: „Es ist nichts, Waldmann, wieder nichts und immer nichts!"
Mit einem Seufzer sinkt das Köpfchen zurück, und das kleine Mädchen — denn ein etwa zwölfjähriges Mädchen ist es, welches dort die weidenden Thiere bewacht — kauert sich nieder und vergräbt die nackten brauen Füßchen in den warmen Sand.
das bald mit sehnsüchtigen Blicken dem Fluge der Möven folgt, wie sie hin und her über die Dünen sich jagen und dann zurück zum Meere sich wenden, bald mit mürrischer Miene die schwarzen Schoten von den Ginsterbüschen reißt, eine nach der andern mit den scharfen weißen Zähnchen zerbeißt und verächtlich fortwirft.
Da spitzt Waldmann wieder die Ohren. Noch einen Moment, und er springt bellend empor; und doch hat weder eines der Schafe geblökt, noch ist die Ziege ihm aus Gesichtsweite gewichen. Aber der Hund bellt und bellt. Lauschend richtet auch die kleine Träumerin unter dem Ginsterstrauche aus ihrer geduckten Stellung sich auf und blickt nach der nächsten Düne, an deren Fuß eine ihr ganz fremde Gestalt auftaucht.
Auch ein Mädchen: ein kleines, schmächtiges Ding von ungefähr neun Jahren in einem weißen gestickten Muffelinkleidchen, eine blaue Schärpe um die Taille gebunden, ein leichtes Strohhütchen, unter welchem ein paar blaue Augen in lieblicher Schüchternheit heroorlugen, auf die langen goldblonden Locken gedrückt. Ein zartes spanisches Windspiel, dem trotz der Sommerwärme ein zierliches, mit goldenen Haken geschlossenes Mäntelchen auf dem Rücken hängt, schmiegt sich an die Seite seiner kleinen Herrin und blickt verwundert auf Waldmann, der sich nun vollends besonnen rat und kläffend auf die Ankömmlinge losährt.
Das Kind weicht ängstlich zurück, einen leisen Wehlaut ausstoßend und beide Hände um das zitternde Thierchen breitend — für Waldmann ein Zeichen, ans dem heiseren Gebell in einen jellen Triumphton überzugehen.
„Hatte den Hund! Hatte den Hund!" rief die Kleine mit hervorstürzenden Thronen.
Die bisherige Alleinherrscherin der Dünen brach in ein schallendes Gelächter aus, rührte sich aber n cht.
„O bitte, hatte den Hund, er beißt!"
„Der und beißen!" klang es verächtlich zurück. „Er hat ja kaum noch Zähne. Kusch, Waldmann, kusch!"
So sprechend, sprang die kleine Wilde den Abhang hinunter und stand nun dicht vor der fremdartigen Erscheinung, dieselbe mit neugierig funkelnden Augen vom Scheitel bis zur Sohle betrachtend, indeß Waldmann, noch immer brummend, den aristokratischen Vertreter seines Geschlechtes ebenso eingehend musterte.
„Wer bist Du und woher kommst Du?" fragte das ältere Mädchen nach einer Weile, mit dreister Hand den weich schimmernden Atlas der Schärpe betastend.
„Lora von Ostheim —"
„O, Du bist eine von denen auf dem Schloß?" unterbrach die Andere lebhaft und deutete nach Westen hin. „Ich weiß, die Herrschaft wurde erwartet."
Die Kleine nickte bejahend.
„Wir sind vorgestern angekommen," berichtete sie. „Ich wollte Blumen pflücken in den Dünen; Regine sollte mit mir gehen; aber sie hatte ihren Sonnenschirm vergessen und lief zurück, ihn zu holen. Ich ging weiter und weiter, und da haben wir uns verirrt, Fido und ich. Und meine Blumen habe ich verloren!" schloß Lora, betrübt auf ihre leere Hände blickend.
„Blumen! Haideblumen! Mas ist denn an