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M 28.
JuL'öa, eoindiag, den 5. Februar 1898
25 Jahrgang.
Wochen-Rnrrdschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 5. Februar.
Die Berliner Parlamente standen während der letzten Tage hauptsächlich unter dem Zeichen der agrarischen Fragen. Einmal kam im Reichstage bei der Berathung des Etats des Reichsamts des Innern auch das Reichsgesundheitsamt und mit ihm die Frage der Bekämpfung der Thierseuchen an die Reihe; und außerdem stand im preußischen Abgeordnetenhause der land- wirthschaftliche Etat zur Berathung.
Diese Debatten haben viele recht bemerkenswerthe Punkte aufzuweisen. Zunächst hat das Centrum durch alle seine Redner im Reichstage ebenso wie im preußischen Abgeordnetenhause von neuem bewiesen, bafe_ es für die Interessen der Landwirthschaft mit größtem Nachdrucke eintritt. Namentlich im preußischen Abgeordnetenhause traten aus den Reihen des Centrums viele Redner bei der Berathung des land- wirthschaftlichen Etats hervor, und einer wie der andere legte durch seine Ansführungen Zeugniß ab dafür, daß beim Centrum volle Erkenntniß herrscht für die Nothlage der Landwirthschaft und gleichzeitig die größte Bereitwilligkeit, zu helfen, wo nur immer geholfen werden kann. In diesem Sinne waren alle Redner des Centrums einig, mögen sie nun selbst dem Berufsstande der Landwirthe angehören oder aber Gelehrte, Kaufleute oder Industrielle sein. Und namentlich die Abgeordneten Freiherr von Ehnatten und Herold waren es, die im preußischen Abgeordueten- hause die Regierung tadelten, daß die Aufwendung von Staatsmitteln im Interesse der Landwirthschast noch immer hinter dem Bedürfnisse zurückbleiben.
Aber auch einen wichtigen polit ischen Fingerzeig hat die Landwirthschaftsdebatte im Abgeordnetenhause gebracht. Der preußische Landwirthschafts- minister Freiherr von Hammerstein-Loxten benützte eine Aeußerung des konservativen Abgeordneten Graf von Limburg-Stirum zu einer Erklärung über die handelspolitische Anschauung der Regierung. Der Minister versicherte nämlich, daß beim Abschluß neuer Handelsverträge die Interessen der Landwirthschaft „besser" gewahrt werden sollten, als vorher. Daraus geht hervor, daß die Regierung auf dem Standpunkte steht, vordem sei dies nicht in genügendem Maaße geschehen, und ohne Zweifel muß man daraus den weiteren Schluß ziehen, daß bei dem Abschlüsse der neuen Han- delsverträgd wieder höhere Getreidezölle eingesetzt werden sollen. Eine solche Zollerhöhung würde ohne Zweifel im gegenwärtigen Augenblicke eine Mehrheit im Reichstage finden und man braucht nicht den Propheten zu spielen, um zu sagen, daß es im nächsten Reichstage ebenso sein wird. Nun aber gibt es Leute, die wollen einen Vorwurf denjenigen Abgeordneten machen, die für die letzten Handelsverträge mit Oesterreich, Rußland und Rumänien gestimmt haben. Das ist sehr unberechtigt und sehr thöricht. Denn diese Handelsverträge sind angenommen worden unter der Führung hervorragender Vertreter der Landwirthschaft aller Parteien, und gleichzeitig auch der Regierung, und man betrachtete den Abschluß dieser Handelsverträge als ein ganz besonders verdienstliches Werk. Dem früheren Reichskanzler trug dasselbe bekanntlich sogar vom Kaiser als Belohnung den Grafentitel ein. Und will etwa jemand das Andenken des Freiherrn von Schorlemer-Alst beschimpfen und behaupten, Frhr. von Schorlemer habe keinen Sinn und kein Verständ- niß für das gehabt, was der Landwirthschaft frommt? Frhr. v. Schorlemer aber hat ebenfalls die Annahme der Handelsverträge befürwortet, wie sie gegenwärtig zu Recht bestehen, und mit ihm haben das andere Männer gethan, die zur Landwirthschaft und in ihr eine ähnliche Stellung einnahmen wie der selige Freiherr. Solche Vorwürfe sind darum unverständig und gar nicht am Platze. Und sie werden vornehmlich, und zum Theil wohl auch wider besseres Wissen von solchen Leuten erhoben, die sich aufspielen, als seien sie die einzigen Retter der Landwirthschaft, und die auf solche Weise bewährte politische Männer beseitigen und sich selbst an ihre Stelle setzen wollen.
Sehr interessant haben sich neuerdings die Verhandlungen in der Reichstagskommission gestaltet, in der der Gesetzentwurf über den militärischen Strafprozeß vorberathen wird. Die neueste Entwickelung dieser Berathungen läßt nämlich jetzt mehr als ehedem die Hoffnung darauf zu, daß am Ende doch noch ein Weg gefunden werden kann zur Verständigung zwischen der Regierung und der Mehrheit der Kommission und hinterher auch der Mehrheit des ganzen Reichstages. Einer der wichtigsten Punkte ist, wie man weiß, der von der Oefsentlichkeit des Verfahrens, und gerade dieser stand in diesen letzten Tagen zur Berathung. Bei dieser Gelegenheit theilte der preußische Kriegsminister von Goßler mit, daß der Kaiser durchauseinFreund unein geschränkterOeffent- lichkeit des Verfahrens ist, entgegen den preußischen Generalkommandos, die in ihrem Gutachten gegen die Oeffentlichkeit des Verfahrens Stellung genommen haben. Das Centrum spielt bei der Vorberathung des Entwurfes in der Kommission unstreitig die führende Rolle, namentlich durch den Abg. Gröber, der durch seine Arbeit und eine ganze Reihe von Abänderungsanträgen, eigentlich ein ganz neues Gesetz geschaffen hat. Ihm stehen namentlich die Abgg. Dr. Lieber und Spahn zur Seite, und alles, was der Gesetzentwurf in der Kommission bisher an Verbesserungen in volksthümlichem Sinne erfahren hat, ist aus der Arbeit des Centrums hervorgegangen.
Zu einem wichtigen Abschlusfe ist die Bayerische Abgeordnetenkammer gelangt. Mit 122 gegen 11 Stimmen hat sie nunmehr in Schlußabstimmung das Grund-Entlastungs- Gesetz angenommen, in der Form, wie es aus der Kammer der Reichsräthe nn die Abgeordnetenkammer zurückgelangt ist. Unter den 11 gegnerischen Stimmen befinden sich in traulicher Gemeinschaft die Sozialdemokraten, Dr. Sigl und Dr. Ratzinger, und außerdem einige Liberale, die nicht einverstanden sind mit den Bestimmungen des Gesetzes gegen die Güterschlächterei. Was aber ganz besonders bemerkenswerth ist: auch der Bauernbundsführer Wieland ist ein Gegner dieser Schutzbestimmungen. Noch mehr, er gestand in der Kammer ein, daß er selbst im Laufe von 3 Jahren mit nicht weniger als 34 Anwesen Schacher getrieben hat. Wer Herrn Wieland hörte, der doch der Beglücker der Bauern sein will, der mußte beinahe glauben, daß eigentlich die Güterhändler und Güterzertrümmerer die eigentlichen und richtigen Freunde der Bauern seien. Und so etwas nennt sich Bauernfreund und wird in dieser vorgetäuschten Eigenschaft sogar in die Kammer gewählt!
So ähnlich, wie mit der Bauernfreundschast des Herrn Wieland in Bayern steht es mit dem sogenannten „Wohlwollen" der preußischen Regierung für die kathoiische Kirche. Die Missionsgesellschaft in Stehl wollte eine Niederlassung bei Letmathe in Westfalen gründen. Aber die Regierung hat die Erlaubniß verweigert. Warum? Aus „zarter Rücksicht" für die „Gesundheit" der Stehler Missionare und ihrer Zöglinge. Ein Kilometer entfernt von dem Platze, wo die Niederlage stehen sollte, befindet sich nämlich eine Zinkhütte, und deren Ausdünstungen sollen die Missionare nicht vertragen können. Der wahre Grund liegt natürlich weitab von solchen lächerlichen Ausflüchten. Einige protestantische Heißsporne der Gegend, deren Bevölkerung zu zwei Dritttheilen katholisch ist, haben gegen die Niederlassung bei der Regierung gewühlt und diese hörte, wie stets in solchen Fällen, auf einige wenige Protestanten und entschied gegen die Katholiken, trotz deren überwiegender Mehrheit in der Gegend von Letmathe. Das nennt man dann „Parität".
Die Politik des Auslandes hat in der abgelaufenen Woche wenig Neues geboten. Eine brennende Frage ist gegenwärtig die, wer nun eigentlich Gouverneur der Insel Kreta werden soll. Darüber streiten sich die Mächte schon seit Monaten, ohne zu einem Resultat zu gelangen. Jetzt versucht Rußland, den Prinzen Georg von Griechenland dazu zu machen, aber dagegen wehrt sich natürlich der Sultan mit aller Macht. Noch ist nicht abzusehen, wie die Frage ihre Lösung finden wird. Möglicherweise ängstigt das große Rußland die schwache Türkei auch nur deswegen so lange mit dem griechischen Prinzen, um ihr dann wenigstens die Einwilligung dazu abzunöthigen, daß künftighin russische Kriegsschiffe durch den Bosporus fahren dürfen, was bisher noch nicht erlaubt ist.
Unsere Marineleute haben in der neuen Besitzung an der Kiaotschau-Bucht in China bereits den Tod eines Kameraden zu beklagen: der Marinematrose Schulz ist meuchlings von Chinesen ermordet worden. Natürlich muß China die entsprechende Genugthuung dafür leisten. Im übrigen haben sich die Mächte nun vollständig beruhigt über die deutsche Ansiedelung dort. Dagegen stehen Rußland und England in scharfer Nebenbuhlerschaft nun auch'iu Ostasien einander gegenüber. Wer der Sieg davontragen und China mit der Auszahlung einer Anleihe beglücken wird, fist noch unbestimmt.
X Soziale Ullterrichtsknrse.
Auf die hohe Bedeutung sozialer Unterrichtskurse für die Arbeiter ist jüngst hingewiesen worden. In gleicher Weise müssen aber auch die jungen Handwerker sozialpolitisch geschult werden. Es ist das nur eine zeitgemäße Erweiterung der Aufgaben, dir Kolping bei Gründung der Gesellenvereine unter noch nicht so vorgeschrittenen wirthschaftlichen Verhältnissen aufstellte. Die Gesellen sind durch das neue Handwerker-Gesetz vom 25. Juni 1897 bei den Hand- werkerkammern und Innungen durch die Gesellenausschüsse bei der Regelung wichtiger Angelegenheiten vertreten. Zur Durchführung wichtiger Bestimmungen der Arbeiterschutz- und Arbeiter- versicherungsgesetzej die auch für sie gelten, ist deren Mitarbeit ebenso wie die der Arbeiter erforderlich. Vor allem aber müssen sie frühzeitig eingehend unterrichtet werden über die Aufgaben, welche ihnen später als selbstständigen Meistern in den Handwerkskammern und Innungen, sowie den freien Genossenschaften obliegen. Nur ein in diesen Fragen tüchtig geschulter Handwerkerstand kann die Vortheile dieser Gesetzgebung sich auch praktisch zu Nutzen machen. Vor allem aber muß dies erwartet werden von den Handwerkern, die aus den Gesellenvereinen hervorgehen.
Nicht minder wichtig ist heute die Schulung in wirthschaftlichen Fragen, sei es der Gesetzgebung oder der wirthschaftlichen Selbsthife für unsere Landwirthe. Wenn in den Ortsvereinen der Bauernvereine oder landwirthschaftlichen Vereine speziell die jüngeren Landwirthe sich in gleicher Weise, wie oben dargelegt, zu unterrichten suchen, so ist die dringend nothwendige weitere Ausbreitung und regere Thätigkeit dieser Vereine wie des genannten Genossenschaftswesens mit Sicherheit zu erwarten. Gewiß werden hierfür vor allen die jüngeren Landwirthe Interesse zeigen,
die auf Winterschulen und landwirthschaftlichen Schulen gebildet sind. Die Aufgabe der Gesetzgebung, Verwaltung und berufsgenossenschaftlichen Selbsthilfe erfordern gerade heute und in der nächsten Zukunft, wie in den anderen Ständen, so vor allen auch im Bauernstände, ein ganzes Heer von tüchtig geschulten, gemeinnützig gesinnten, opferwilligen Männern, die bereit sind, für das Wohl ihres Standes zu wirken und Führer ihrer Standesgenosfen zu werden.
Auch dem K a u f m a n n s st a n d e sind in jüngster Zeit wichtige soziale Aufgaben gestellt worden. Das neue Handelsgesetzbuch hat eingehende Schutzbestimmungen der Angestellten im kaufmännischen Gewerbe gebracht, die schon mit dem 1. Januar in Kraft getreten sind. Die Kommission für Arbeiterstatistik beschäftigte sich seit Jahren mit der Frage der Regelung der Arbeiterzeit und Kündigungsfristen derselben. Es schwebt die Frage, ob für diese Angestellten eigene kaufmännische Schiedsgerichte errichtet werden sollen, ähnlich den Gewerbegerichlei. Für den selbstständigen Kaufmann sind in einer Reihe von Gesetzen wichtige Fortschritte gemacht worden zum Schutze ihrer Interessen. Wir nennen die Gesetze betreffend unlaute en Wettbewerb, Abzahlungsgeschäfte, Hau- sir- und Detailreisende, Konsumvereine, Schutz derWaarenzeichen, Börse- und Depotwesen, Wucher, Konkursordnung re. Alle diese Vortheile müssen von den Mitgliedern dieses Standes durch kaufmännische Vereinigungen nutzbar gemacht werden. Die kaufmännischen Angestellten haben überdies alles Interesse, die freien Kaffeneinrichtungen, (Krankenkassen, Sterbekaffen, Pensionskaffen, Stellenvermittlung) zu fördern und auszubauen. Vorbedingung ist jedoch bei allen diesen Fragen die Kenntniß der Einzelheiten dieser verschiedenen Fragen, kurz: soziale Schulung.
Möge die hier gezeichnete Kleinarbeit, welche die Vorbedingung jedes größeren Erfolges auf allen sozialen Gebieten ist, an recht vielen Orten und bei recht vielen gemeinnützig gesinnten Männern die verdiente Beachtung und vor allem den energischen Vorsatz, praktisch zu handeln, finden. Die soziale Auskunftsstelle in M.-Gladbach, welche vom Volksverein für das katholische Deutschland wie von Arbeiterwohl errichtet ist, ist gern bereit, unentgeltlich mit Rath und speziell auch durch Beschaffung der literarischen Hilfsmittel an die Hand zu gehen.
Uerinischtes.
* Nierstein, 3. Febr. Ein heiteres Vorkommniß hat sich vor einigen Tagen in dem rheinaujwärts gelegenen Orte Eich zugetragen. Ein Einwohner deS Ortes hatte sich bei irgend einer Arbeit weh gethan und infolgedessen schwoll das Bein dick an. Der Barbier deS Ortes verordnete zur Beseitigung der Geschwulst Bleiwasser-Nm- schläge. Anstatt nun auch wirtlich Vleiwasser einzukaufen, wird die Frau in der Bezeichnung irre und verlangt Wasserblei, vulgo Ofenschwärze, — das sie auch in Form einer länglichen Tafel nebst gedruckter Gebrauchsanweisung für 10 Psg. erhielt. Damit eilte sie freudigen Herzens zu der ehelichen Behausung; die schwarze Blasse wird mit Wajjer angerührt und gemäß der Gebrauchsanweisung mit wollenem Lappen auf dem kranken Bein des Ehemanns verrieben. Der Liebe Mühe ward reichlich belohnt, denn nicht nur erglänzte nach beendigter Prozedur das kranke Bein, von der Hüfte bis zur Zehe, in wunderbarem schwarzen metallischen Glanze, sondern die Geschwcflst war auch am nächsten Morgen sichtlich gefallen, so daß die Frau dem zur Krankenvisite erscheinenden Barbier bereits unter der Thüre freudestrahlend mittheilen konnte, daß sein Mittel großartig gewirkt habe. Der Barbier, der nun auch seinerseits sich von dem Resultat seiner Kunst überzeugen wollte, hebt die Bettdecke auf, prallt jedoch bei dem Anblick des schwarzen Beines tödtlich erschrocken zurück: „Was habt Ihr vorhin gesagt, das Bein wäre besser? Laufen Sie, was Sie können, zum Doktor, daß er noch rettet, was zu retten ist! Euer Mann hat den schwarzen Brand!" Mit diesem Ausruf verlädt er den Schauplatz seiner Thaten.
* Das sechzigjiihrkge Wikilärdienst-Inviläum begeht am 25. März d. Js. der Altreichskanzler Fürst Bismarck. Es war am 25. März 1838, als der damalige Otto v. Bismarck als Einjährig-Freiwilliger beim Garde-Jäger-Bataillon in Potsdam eintrat. Bon dort wurde er zur zweiten Jäger-Abtheilung nach Greifswalde versetzt und am 26. März 1839 als Unteroffizier zur Reserve eutlassen. Am 12. Augnst 1841 erfolgte seine Beförderung zum Sekonde-Lieutenant der Landwehr-Infanterie, von der er ein Jahr später zur Landwehr-Kavallerie versetzt wurde. 1854 avancirte er zum Premier-Lieutenant im 7. schweren Landwehr-Reiter- Regiment, 1859 zum Rittmeister und 1861 zum charakterisieren Major. Den Rang eines Oberst-Lieutenants und Obersten übersprang der inzwischen zum preußischen Minister-Präsidenten Emporgestiegene und wurde nach dem glücklichen Feldzug in Böhmen am 20. September 1866 zum General-Major befördert. Die Kaiser-Proklamation in Versailles brachte ihm die Beförderung zum General-Lieutenant und Kaisers Geburtstag 1876 die zum General der Kavallerie. Kaiser Wilhelm II. aber ernannte ihn am 20. März 1890 zum General-Obersten der Kavallerie mit dem Range eines General-Feldmar- schalls. Fürst Bismarck ist zugleich Chef des Kürassier- Rebiments von Seydlitz (Magdeburgisches) Nr. 7, dessen Uniform er mit Vorliebe trug, und steht ä Ja suite des 2. Garde-Landwehr-Regiments.
* ArmeMilkionäre. Leute, die trotz eines Vermögens von Millionen ein Einkommen von noch nicht 3000 Mk. versteuern, gibt es in Preußen nicht wenige. Nach der im Auftrage des Finanzministers vom Königl. Statistischen Bureau bearbeiteten und jüngst dem preußischen Abgeordnetenhause mitgetheilten Statistik der preußischen Ein
kommen- und Ergänzungssteuer-Veranlagung für das Jahr 1897/98 sind im ganzen Staate Preußen für 1897/98 32 Personen mit einem Einkommen von nicht mehr als 3000 Mark und mit einem Vermögen von über einer Million Mark zur Ergänzungssteuer herangezogen. Im Jahre vorher betrug die Zahl dieser armen Millionäre nur 21. Der reichste dieser Armen ist ein Bewohner des platten Landes im Regierungs-Bezirk Merseburg. Er berechnet sein Vermögen bei einem Einkommen von noch nicht 3000 Mark auf die Kleinigkeit von „über 6—7 Millionen Mark". Doch schnell ist seine Spur verloren, wenn man auf das Vorjahr zurückgeht und die Liste der Leute mustert, welche im Regierungs-Bezirk Merseburg bei noch nicht 3000 Mark Einkommen ein hohes Vermögen besteuern, so findet man als reichsten Landbewohner dort nur einen Mann, der mit 400—420,000 Mark Vermögen zur Ergänzungssteuer veranlagt ist. Im Jahre darauf (1897/98) gibt es dort plötzlich auf dem Lande 5 arme Reiche, einen mit 500,000 Mark Vermögen, einen mit 900,000, 2 mit 1—2 Millionen und, „man wußte nicht, woher er kam", den oben erwähnten reichsten aller armen Millionäre in Preußen. Mit einem Vermögen von „über 3-4 Millionen Mark" müssen sich an einem Einkommen von noch nicht 3000 Mark 3 Personen genügen lassen, ein Berliner, ein Landmann im Regierungs- Bezirk Potsdam und ein Städter int Regierungs-Bezirk Magdeburg. Fünf andere arme Millionäre besitzen bei einem Einkommen von noch nicht 3000 Mark ein Vermögen von über 2—3 Millionen Mark: zwei Bewohner des platten Landes im Regierungs-Bezirk Potsdam, ein Magdeburger, ein Landbewohner in Hildesheim und ein Düsseldorfer. 23 andere endlich — 12 Städter und 11 Landbewohner — sind mit einem Vermögen von über 1—2 Millionen zur Ergänzungssteuer veranlagt bei weniger als 3000 Mark Einkommen, darunter 5 Berliner. Im ganzen Staate Preußen gibt es außerdem 89 Personen (19 mehr als im Vorjahre), die aus Vermögen von einer halben bis zu einer Million noch nicht 3000 Mark Einkommen erzielen.
* Ganz nach Befehl. Lieutenant (der einen Abstecher nach Berlin machen will/ zu seinem Burschen): Johann, geh doch mal zum Bahnhof und sieh zu, wann der nächste Zug nach Berlin abgeht, aber schnell! — Johann rast zum Bahnhof, der keine zehn Minuten von der Wohnung seines Herrn Lieutenants entfernt liegt, und dieser stellt sich ans Fenster, um die Rückkehr seines brauen Burschen abzuwarten. Wer aber nicht kommt, ist sein Bursche! Fluchend und wetterud beginnt er durchs Zimmer zu wandern. Drei Viertelstunden sind schon verflossen. Kreuzmill . . .Da! Endlich sieht er Johann die Straße heraufstürmen, den Chronometer seines Urgroßvaters in der zierlichen Rechten. „Kerl" schnaubt er den Athemlosen an, „wo steckst Du denn so lange?" „Zu Befühl, Hürr Leitnant, vor vier Minuten is Se bür Zuch nach Bärlin abjejangen, hob ich zugesähsn!"
* Kcra -geplaudert. Herr: „Jetzt wirst Du bald meine kleine Schwägerin werden; Deine Schwester und ich sind schon ocrlobt." — Fränzchen: „O, das will nichts sagen, die war schon oft verlobt."
* Jamoser Math. Geck: „Eh! Leben fad! Am liebsten brächt' ich mich um! Aber wie?" — „Lassen Sie sich doch 'mal einen Gedanken durch den Kopf schießen!"
* Die Menge macht es ans. Hausfrau (zum neuen Dienstmädchen): „Nun, Marie, gute Zeugnisse haben Sie gerade nicht!" — „I, Madame, dafür hab' ich auch viele!"
* Unverbesserlich. A.: „Was würdest Du machen, wenn em guter Freund sich herbeiließe, alle Deine alten Schulden zu bezahlen?" — B.: „Nene."
Obst- imfr Gartenbau; Klumenpstege.
Unfruchtbarkeit der Bäume. Entweder fehlt es dem Baume an Nahrung oder an Feuchtigkeit oder an beiden zusammen. Dem Baum sollte eine tüchtige Düngung in Form von Jauche, Asche oder einem künstlichen SuverphoSphatdünger zugeführt werden. Man macht je nach Umfang der Krone 6—8 Zentimeter tiefe Löcher, in welche man zuerst den festen Dünger einigemal auffüllt. Auf diese Art gedüngt und wenn möglich noch bewässert, wenn es gar zu trocken ist, wirs der Baum die angesetzten Früchte nicht mehr ad- werfen. Schädlich für den Obstbavm ist dicht unter der Oberfläche des Bodens stehendes Grundwasser. Bei periodischer Ueberschwemmung des Terrains muß die Hügelpflanzung angewendet werden. — Bei günstigem warmem Wetter und aufgethautem Boden kann mit dem Pflanzen frühtreibender Obstbäume begonnen werden. Obgleich für Landwirthschaft und Gartenbau viel gethan und jedes Stück Land nutzbar gemacht wird, gibt es doch noch fast an jedem Anwesen einen unausge- nützten Ort, der ein daselbst angelegtes Kapital reich verzinsen würde; wir meinen die leerstehenden W and- slächen an Gebäuden; jede nach Süden oder Osten gelegene Wandfläche sollte mit Spalierobst oder Reben beflanzt fein; die Arbeit ist so gering, der Ertrag ein fast immer reicher.
Stachelbeer-undJohannisbeersträucher sind jetzt zu beschneiden. Die besten Zweige können zu Stecklingen verwandt werden. Beerenobststräucher sind hinsichtlich des Bodens nicht sehr anspruchsvoll, man kann als Regel aufstellen, daß sie in jedem nicht gar zu leichten Gartenboden gedeihen, zudem wenn man mitunter durch Düngen nachhilft, was am besten im zeitigen Frühjahr mit abgestandener Jauche geschieht.
Im Gemüsegarten können bei milderem Wetter Knoblauch oder Schnittlauch gepflanzt, und bei trockenem Boden Möhren, Spinat, Früherbsen, Kohl, Kohlrabi, Salat, Zwiebeln, Petersilie und Kresfe gefäet werden, Erdgruben, in denen Wurzeln und Knollengewächse überwintert werden, sehe man sorgfältig nach, damit die Früchte nicht durch Nässe, Fäulniß und Mäusefraß leiden. Man erreicht durch frühe Aussaat, daß die betreffenden Gemüse 8—14 Tage früher marktfähig werden. Selbstredend muß man die frühesten Sorten wählen. Man streue den Samen den man vorher mit Hellem Sand gemischt, um ihn gleichmäßig vertheilen zn können, auf das raubgegrabene Land und hacke ihn oberflächlich ein. Nur bei ganz feinen Sämereien muß vor dem Säen leicht gehackt werden, damit der Samen nicht zu tief zu liegen kommt.
Man stelle die Alpenveilchen möglichst nahe ans Fenster, in nicht zu stark geheiztem Zimmer auf und lasse es vor Allem nicht an reichlichem Begießen fehlen, damit den in voller Entwickelung stehenden Pflanzen die Kraft nicht fehlt, ihre Knospen groß zu ziehen, reichliche und große Blüthen hervorzubringen. Uebergroße Warme läßt auch Blattläuse entstehen, welche der Pflanze sehr nachtheilig sind.