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verantwortlich: Sür die Redaktion Jot Saum, für Inserate I. parzellcr in Snlda.

mit Mnterhaltlmgs-Meitage „JKustrirte Sonnlags-Jeilung"

amstag, den 29. Januar 1898

25. Jahrgang.

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Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 29. Januar.

Der Staatssekretär des Reichsamts des Innern, Herr Gras von Posadowsky, kann sich nicht beklagen darüber, daß sein Etat beim Reichstage nicht genü­gendem Interesse begegne. Denn eine ganze Woche hat der Reichstag diesem Etat gewidmet, und erst am sechsten Tage der Debatte ist das Gehalt des Staats­sekretärs bewilligt worden. Graf Posadowsky hatte diese lange Debatte theilweise selbst heraufbeschworen durch einen „vertraulichen" Runderlaß, der im Ge­heimen der Redaktion des sozialdemokratischen Central­organs „Vorwärts" zugegangen und von diesem na­türlich veröffentlicht worden war. Der Erlaß richtet sich bekanntlich gegen etwa vorhandenen Mißbrauch der Koalitionsfreiheit der Arbeiter und das war, wie selbstverständlich, Wasser auf die Mühle der Sozial­demokraten. Diese nützten die Gelegenheit über Ge­bühr dazu aus, um Wahlreden zum Fenster hinaus zu halten und niemand konnte sie daran hindern. Denn der Reichstag war fortgesetzt außerordentlich schwach besucht, einmal bei Eröffnung der Sitzung nur von 22 Mitgliedern des Reichstages, und da wäre es vollkommen wirkungslos gewesen, Anträge auf Schluß der Debatte zu stellen. Da hat nun einmal die Re­gierung selbst so recht deutlich erfahren, was dabei herauskommt, wenn die Mitglieder des Reichstages keine Tagegelder bekommen. Denn hauptsächlich darin ist der Grund für die chronische Leere im Sitzungs­saale des Reichstages zu suchen. Graf v. Posadowsky wird während dieser letzten Tage mehr als einmal diese Diätenlosigkeit des Reichstages in das berühmte Pfefferland gewünscht haben.

Aber natürlich waren es nicht nur die Sozialdemo­kraten, die gegen den Erlaß des Grafen von Posa­dowsky Einwände zu erheben hatten. Namentlich das Centrum und in seinem NamenDr.Lieber warnte eindringlich davor, an der Koalitionsfreiheit der Ar­beiter zu tifteln. Und außerdem nahm Dr. Lieber die Gelegenheit wahr, um von neuem das Centrum zu verwahren gegen Gedankengemeinschaft mit dem Frhrn. von Stumm, der ja jedwede Regung gegen die Allein­herrschaft des Kapitals als eine Art Revolution be­trachtet, der auch nicht den christlichen Arbeitervereinen ihre Daseinsberechtigung zugestehen will. Wären alle Männer unserer Regierung so wie der Herr v. Stumm, dann würde es vermuthlich gar nicht mehr lange dauern bis zum Ausbruch der wirklichen sozialen Re­volution, des Bebel'schen großen Kladderadatsch. Aber das wenigstens ist zum Glücke noch nicht ganz der Fall, und Staatssekretär Graf von Posadowsky rief sogar im Reichstage „alle religiösen Mächte" auf zum Kampfe wider Umsturz und Sozialdemokratie. Die größte religiöse Macht ist die römisch-katholische Kirche. Wie ist es aber um diese bestellt, namentlich in Preußen, in Baden und auch in einigen kleineren Bundesstaaten? Die Hände sind ihr gefesselt, so daß sic ihre religiöse und sittliche Macht gar nicht ent­falten kann. Das hat Abg. Dr. Lieber bei dieser Gelegenheit meisterhaft zum Ausdrucke gebracht, und von neuem, aber schlagender als viele vor ihm, hat er im Reichstage dargethan, wie die preußische Regierung selbst Schuld daran ist, daß die katholische Kirche mit Gewalt daran behindert wird, ihre Macht im Kampfe wider religiösen und gesellschaftlichen Umsturz frei zu entfalten.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat nur wenige Plenarsitzungen abgehalten, um vielmehr den Kom­missionen ausreichende Zeit zu ihrer Arbeit zu lassen. Wichtig war der Tag, an dem das Abgeordnetenhaus das sogenannte Ansiedelungsgesetz berieth. Darunter wird, wie wir wissen, die Forderung der Regierung verstanden, nochmals 100 Millionen Mark zu bewilligen zu dem Zwecke, durch protestantisch-deutsche Ansiedler mit Hilfe des Staatssäckels die katholisch-polnische Be­völkerung aus ihren angestammten Sitzen in den preu- mschen Provinzen Posen und Westpreußen zu ver­drängen. Daß es sich dabei nicht etwa blos darum handelt, Deutsche an die Stelle der Polen zu setzen, whren viele Beispiele. Die preußische Ansiedelungs- Kommission läßt nämlich auch sehr ungern deutsche Katholiken zur Ansiedelung zu, sieht vielmehr vor allen gingen darauf, daß die neuen deutschen Ansiedler Protestanten sind. Da ist es nicht mehr schwer, sich mchtigen Vers darauf zu machen, was die preu- < Regierung so recht eigentlich will mit ihrer An- ', Elungsvorlage, und daß dafür kein Centrumsmann h°°en ist, versteht sich von selbst. Auch die fort- » tzten Behauptungen, daß noch immer großpolnische

Bestrebungen und Verschwörungen int Geheimen da­rauf hin arbeiteten, Landestheile von dem eigentlich preußischen Staatsverbande loszulösen und in ein Verhältniß zu Preußen zu bringen, wie etwa Galizien zu Oesterreich, können auf den Kenner dieser Verhält­nisse keinen Eindruck machen. Wir glauben nicht ein­mal, daß es einzelne polnische Schwärmer gibt, die solche Pläne hegen. Jedenfalls' ist nicht die mindeste Hoffnung darauf vorhanden, daß solche Schwärmereien zu greifbaren Erfolgen führen könnten. Die preußische Regierung würde sich also ein Armuthszeugniß damit ausstellen, wenn sie sich von der Furcht vor solchen Um­trieben in ihren gesetzlichen Maßnahmen leiten ließe. Die Sitzung, in der diese sogenannte Ansiedelungsvorlage berathen wurde, gestaltete sich zwar bewegter und dra­matischer als die meisten anderen Plenarsitzungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Aber so hitzig, wie wohl früher manchmal Polendebatten in demselben Parlamente wurde die Sitzung nicht. Die Mehrheit, die der Regierung alles bewilligt was sie haben will, ist ihrer Sache so sicher, daß sie vieles Reden für überflüssig hält. Und die Minderheit weiß leider nur allzu gut, daß sie gegen diese erdrückende Mehrheit nicht ankommen kann. Solches Bewußtsein wirkt un­vermeidlich lähmend auf die parlamentarischen Ver­handlungen ein.

Auch haben die Nationalliberalen durch ihren un­ermüdlichen Kulturpauker von Eynern nun int preu­ßischen Abgeordnetenhause einen Fühler ausgestreckt, um zu erfahren, wie man sich wohl stellen tvürde zu dem als längst beabsichtigt angekündigten Anträge, die preußische Gesandtschaft beim hl. Stuhle aufzuheben. Aber Herrn von Eynern wurde ein sehr kühler Em­pfang zu theil. Die konservative Partei hat die be­stimmte Erklärung abgegeben, daß sie für einen solchen Antrag nicht zu haben ist. Und selbst Herr Minister von Miquel hielt es für an gezeigt, einen abkühlenden Wasserstrahl auf Herrn von Eynerns Kampfesmuth zu spritzen: Herr von Miquel bemerkte nämlich, Preußen unterhalte und brauche diese Gesandtschaft gar nicht aus Rücksicht auf den Vatikan und die Katholiken, sondern im Interesse des preußischen Staates selbst. Herr von Eynern und seine nationalliberalen Freunde werden also wohl ihr Kulturkampfs-Gepäck unbenutzt wieder mit nach Hause nehmen können.

Ueber unsere auswärtige Politik hat der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Herr von Bülow, werthvolle Aufschlüsse gegeben in der Budget-Kommis­sion des Reichstages. Vor allen Dingen machte er Mittheilungen über unsere neueste Ansiedelung in China und über unser Verhältniß zur chinesischen Regierung. Es geht daraus hervor, daß die Kiaotschau-Bucht ein geeigneter Platz für uns ist, und daß wir in gutem Verhältniß zur chinesischen Regierung uns befinden. Ueber die Ausgabe, die die Ansiedelung an der Kiao- tschaubucht uns verursachen würde, wußte Herr von Bülow keine Mittheilungen zu machen. Darüber wird wahrscheinlich Herr Reichsschatzsekretär v on Thiel- mann im Plenum des Reichstages Aufschluß geben. Auch die Mittheilungen über unsere anderen aus­wärtigen Verhältnisse klangen recht günstig. Natürlich aber kann ein Staatssekretär des Auswärtigen nicht vollkommen erschöpfende Mittheilungen machen, über Dinge, die noch im Werden sind. Ohne Zweifel haben die Ausführungen des Herrn von Bülow bei den Mitgliedern der Budgetkommission einen günstigen Eindruck gemacht, denn sogar Herr Eugen Richter, der augenscheinlich in sehr kampfcslustiger Stimmung in die Sitzung gekommen war, wurde während der­selben milder gestimmt. Er zog schließlich einen gegen den Staatssekretär gerichteten Antrag aus freien Stücken wieder zurück.

Weniger glücklich war vor Herrn von Bülow der neue Generalpostmeister Herr von Podbielski in der Budgetkommission des Reichstages gewesen. Denn diesem hat die Kommission die Gehaltserhöhung ver­weigert. Erst — Maulet der Beschluß der Kommission — muß Herr von Podbielski Sicherheit schaffen, daß die Gehälter der Postüntcrbeamtcn erhöht werden, und zwar noch für diesen Etat, der jetzt zur Berathung steht. Dann erst kann er selbst die beantragte Gehalts­erhöhung erhalten. Diesen Vorstoß haben die Post­unterbeamten vor allen Dingen dem energischen Vor­gehen des Centrums und namentlich des Abg. Dr. Lieber zu verdanken, der für das Centrum den entsprechenden Antrag stellte.

Eine hervorragende Bedeutung hat nach und nach der Fall Drcyfus in Frankreich erlangt. Anfänglich handelte es sich nur um einen Skandalfall, und solange dies so war, brauchten wir uns nicht sonderlich davon aufregen zu lassen. Jetzt aber hat die ganze Sache eine große politische Bedeutung erlangt, die auch Beachtung und Aufmerksamkeit abnöthigt. Denn jetzt handelt es sich nicht mehr darum, ob der Hauptmann Dreyfus schuldig oder unschuldig ist, sondern ob die gegenwärtige französische Regierung in ihrer Stellung sich wird behaupten können. Wir wünschen gern, daß das der Fall sein möge. Die Aufregung in der Pariser Ab­geordnetenkammer hat bereits einen so hohen Grad erreicht, daß am Sonnabend Prügeleien großen Stils zwischen Mitgliedern der Rechten und Sozialdemokraten sich entspannen. Aber trotz aller Aufhetzungen und Wühlereien trägt das Ministerium Meline einen Ab­stimmungs-Sieg nach dem andern davon. Uns kann dieses Ergebniß nur mit Genugthuung erfüllen: denn das gemäßigte, auch gegen die Katholiken versöhnlich gestimmte Kabinet Meline ist uns lieber als ein frei­maurerisch verseuchtes Kabinet, das ans Ruder gekom­men sein würde, wenn der Ansturm gegen das Kabinet erfolgreich gewesen wäre. Die eigentliche Triebfeder der Dreyfusclique gegen die Regierung ist ja auch weniger der Fall Dreyfus als solcher, als vielmehr die Sucht, die Begründung einer gemäßigten Regierung in Frank­reich um jeden Preis zu verhindern und sich die Vorherrschaft zu sichern. Deshalb hat das Dreyfus- syndikat Millionen geopfert, mit denen die feile fran­

zösische Presse erkauft wurde, deshalb hat es erst jüngst für diesen Zweck neue 6 Millionen geopfert. Die Auf­deckung der Wahrheit in der Dreyfus-Angelegenheit ist für dasselbe nur ein ideales Mäntelchen, welches es sich umgehängt, um naiven Geistern Sand in die Augen zu streuen, und dann mit um so größerer Aus­sicht auf Erfolg ihrem eigentlichen Ziele zustreben zu können. Es sind die Spitzen der französis cheu Armee, die über den Hauptmann Dreyfus zu Gericht gesessen haben, und im weiteren Verlauf der Agitation hat ohne allen Zweifel sowohl der Präsident der französi­schen Republik, wie das gesummte französische Ministe­rium die Akten des Dreyfusprozesses zu Gesichte bekommen und sich davon überzeugt, daß der Spruch zu Recht gefällt worden ist. Es wäre geradezu uner­hört, wollte man annehmeu, daß sie mit vollem Be­wußtsein einen Unschuldigen opfern.

Die Verhältnisse in Oesterreich sind nach wie vor unerfreulich. Ein Wegbleiben der deutschen Abgeord­neten aus den parlamentarischen Verhandlungen kann den Deutschen sicherlich niemals zum Vortheile gereichen. Abgesehen von der Pflicht, einen Ausgleich mit Ungarn zu Stande zu bringen, ist eine Politik der Abstinenz ein Zeichen der Schwäche und nicht der Stärke und hat noch immer Schaden gebracht. Erfreulich ist die Einsetzung eines reichsdeutschen Konsulats in Prag, desto unerfreulicher, daß die deutschen Reichsangehörigen sich ohne ein solches nicht mehr sicher fühlen in der Hauptstadt des böhmischen Landes!

<£ Berliner Kirchennoth.

Wer Berlin nicht kennt, weiß nicht, mit welchen Schwierigkeiten die dortigen Katholiken zu kämpfen haben, und wird sich wundern, vielleicht ärgern, daß immer und immer wieder für Berlin gebettelt wird. Ganz anders urtheilt derjenige, der auch nur einmal in diese Verhältnisse hineingesehen. Die Berliner Kirchenfrage ist ganz eigenartig. Seit 1870 ist die Zahl der dortigen Katholiken bis über 200,000 angewachsen, so daß neben Köln Berlin die meisten Katholiken zählt. Wo anders klagt man schon, wenn 1000 Leute keine Kirche haben, und in Berlin fanden die 200,000 nur eine einzige größere Kirche vor. Hätten die Berliner Katholiken von ihren Vorfahren Kirchen geerbt, wie die Katholiken in anderen Gegenden, so wäre wohl kein Hilferuf nach Außen gedrungen.

Freilich sagt man oft, die Berliner sollten selbst mehr für sich sorgen. Wer die Verhält­nisse kennt, weiß, daß dies eine Unmöglichkeit ist. Neben den Riesenaufgaben, welche von Wohl- thätigkeitseinrichtungen in der Großstadt an die Barmherzigkeit gestellt werden, für die 5 bis 10,000 Katholiken, die jährlich nach Berlin kommen, alle Jahr eine oder mehrere neue Kirchen zu bauen, ist undenkbar; das bringen selbst ganz katholische Gegenden nicht fertig. Und doch ist das Kirchenbauen anderswo viel leichter. Da hat man einheimische Leute, welche wissen, daß die Kirche für sie und für ihre Kinder bestimmt ist; da hat man meist solche, die ein gesichertes, wenn auch kleines Einkommen haben. Wie ist dies in Berlin? Einheimische gibt es sehr wenige; alle bleiben so lange als es geht. Wo sie oder ihre Kinder später hinkommen, wissen sie nicht. Was das Einkommen angeht, sind die meisten wegen Nahrungssorgen aus ihrer Heimath weg­gezogen und haben von Glück zu reden, wenn diese in Berlin aufhören. Hierbei darf nicht vergessen werden, daß die Kirchen in Berlin wichtiger und nothwendiger sind, als anderswo. Wo gibt es mehr Gefahren, wo mehr Verführung, wo mehr Gelegenheit zur Sünde, wo also mehr Nothwendigkeit, den Leuten durch den Anblick einer Kirche oder eines Priesters das Gewißen wachzuhalten? Wer einmal sehen sollte, wie die Seelsorger oft von Haus zu Haus wandern müsfen, um die Verirrten aufzusuchen, wie viel Kunstgriffe und Mittel sie ins Werk setzen müssen, um die Guten zusammenzuhalten, würde bald be­greifen, daß die Berliner Geistlichkeit ziemlich ebenso arbeiten muß, wie die Missionäre, und daß es für jeden deutschen Katholiken eine Pflicht der Nächstenliebe ist, für Berlin etwas zu thun. Dazu kommt, daß sich kaum eine Pfarrei in Deutschland finden wird, aus der nicht einige Familien oder Einzelnstehende nach Berlin ge­wandert sind; ja man kann wohl sagen, daß es wenige Personen in Deutschland gibt, die nicht einen Verwandten, einen Freund und dergleichen in Berlin haben. Ein neuer wichtiger Grund für die Priester sowohl wie für die Laien, die Berliner in ihrer Kirchennoth zu unterstützen.

Zur Illustration des Gesagten mag eine kurze Schilderung der Verhältnisse einer Vorortspfarrei von Berlin dienen, nämlich der von Weißensee. Dort leben (mit Ausschluß der Dörfer) zwischen 30,000 Einwohnern ca. 5000 Katholiken, von denen keine Familie aus Weißensee selbst stammt. Bis 1887 gab es keine regelmäßige Seelsorge, bis 1892 keine katholische Schule. 1887 wurde zum Gottesdienst eine Kapelle aus Blech gebaut, die 300 Personen faßt. Bisher haben die 5000 Katholiken noch keinen anderen Raum zum Gottes­dienst. Weil infolge dessen nur ein kleiner Bruch- theil zur Kirche kommen kann, diese überdies so

unscheinbar ist, daß man sie kaum als Kirche er­kennt, werden viele lau und gleichgiltig und gehen zu Grunde. So waren voriges Jahr von 238 Geburten aus katholischen und gemischten Ehen nur 66 katholisch getauft, von 7 katholischen Trauungen 6, von 51 gemischten nur 1 kirchlich eingesegnet. Die größere Hälfte der Erwachsenen stirbt ohne Sterbesakramente, die Hälfte der Kinder, die uns gehören, geht in die evangelischen Schulen. Osterbeichten waren voriges Jahr ca. 250. Das Pfarrhaus ist als solches nicht zu erkennen. Der Kirchhof ist von Berlin geborgt, Krankenpflege und ähnliche Wohlfahrtseinrich­tungen können nicht erhalten werden. Vieles ist jetzt auf dem Wege zur Befferung, aber ohne Kirche kann nichts Dauerndes geschaffen werden. Die Leute können aber beim besten Willen nicht viel thun. Wie die Finanzverhältnisse aussehen, zeigt der Umstand, daß die Mitglieder des Kirchen­vorstandes, der Gemeindevertretung, des Vincenz- vereins, also die Angesehensten der Gemeinde, mit Ausnahme von 1 oder 2 alle Arbeiter bezw. Arbeiterfrauen find. Es dürften im Ganzen 5 Familien gefunden werden, die keine Nahrungs­sorgen haben.

Weil die meisten Katholiken hier Arbeiter sind, hängen sie vollständig vom Zufall oder von der Willkür der Arbeitgeber ab. Wenn sie zu thun haben, geht es allenfalls: hört die Arbeit auf, so ist das Elend da. Ein großer Theil kann deshalb nicht zur Kirche kommen, weil sie (zumal im Winter) keine Kleider haben. Für lls der kleinen Kinder und der Schulkinder muß der Pfarrer oder der Vincenzverein Kleider besorgen, um sie nur zur Taufe bez. ersten hl. Kommunion zu bekommen. Was dann der Pfarrer für Arbeit und Kummer hat, kann sich jeder denken, und es wird ihm wie auch den anderen Pfarrern von Berlin niemand übel nehmen, wenn sie sich an die mildthätigen Herzen katholischer Gegenden wenden, wo die kirchlichen Verhältnisse günstiger sind. Jedenfalls ist es Gott mindestens ebenso wohlgefällig, wenn man Berlin hilft Kirchen zu bauen, als die schon gebauten in der Heimat prunkvoll auszuschmücken. Es ist nicht immer nothwendig, daß man selbst ein Almosen in Geld schickt. Einige Briefmarken, ein Werthgegenstand, ein kleines Kapital mit Vorbehalt der Zinsen auf Lebenszeit, eine Fun- dation und dergleichen erfüllen denselben Zweck. (Die Expedition der ,Fuldaer Zeitung" bietet sich zur Annahme der Gaben an und wird auch stets über den Empfang quittieren.)

Vermischtes.

* Ein Hras als Kellner. In einem fashionablen Hotel in Berlin ist ein Mann als Kellner angestellt, dessen Leben ein Roman ist. Bor einigen Jahren spielte der junge Graf X. in Stockholm eine hervorragende Rolle. Er gehörte einer der ältesten schwedischen Adelsfamilien an; sein Vater, großer Gutsbesitzer in Schweden, war sehr reich, und der junge Graf schien eine glänzende Zukunft zu haben. Er war Offizier in einem der feinsten schwedischen Regimenter und erregte bald in Stockholm durch seine extravagante Lebensweise Aufsehen. So un­geheure Summen gab er aus, daß sein Vater ihm eines Tages erklärte, er muffe sein Leben ändern und seine Ausgaben beschränken. Hierzu war der junge Graf je­doch nicht geneigt, er machte arge Schulden und wurde geuöthigt, seinen Abschied vom Regiment zu nehmen. Er begab sich dann nach Kopenhagen, wo er ebenfalls ein sehr flottes Leben führte, bis sein Vermögen gänz­lich vergeudet war. Eines Tages war er verschwunden mit Hinterlassung bedeutender Schulden. Seitdem hat das Leben ihn hart angefaßt, der Hunger that das Uebrige, und nun ist er ein fleißiger zuverlässiger Angestellter in einem Berliner Hotel geworden, der mit seiner Lage ganz zufrieden ist.

* Inserate« - Komi». Am 80. März Abends 11 Uhr ist mein lieber Mann, nach langem Leiden in Berlin selig heimgegangen. Die tiefbetrübte Wittwe. — Ein Mädchen von fünf Wochen wünscht eine Mutter an Kindesstatt abzugeben. — Ein Dienstmädchen das sich zum Verkauf eignet, wird gesucht — Der Verkauf meiner seligen Frau auf dem Wochenmarkte hat seinen ungestörten Fortgang. — Fünf Gulden Belohnung. „Abhanden gekommen ist eine schöne Eppernkatze. Eigen- thum der Frau Kriegsräthin Katharina F., die zuletzt aus den Dächern der Nikolaistraße gesehen worden und vermuthlich in einen Schornstein gefallen ist. Die Eigen- thümerin sichert dem Wiederbringer obige Belohnung. Sie hat weiße Pfoten, braunen Rücken und zeichnet sich durch ein sehr dickes Fell aus."

(*) Das Berühre« vo« Backiwaaren mit de« Künden sowohl in den Räumen der Verkäufer als auch im Haushalte oder Wirthschaftsbetriebe ist eine so heikle Sache, daß man es nur durch die Alles ausgleichende Macht der Gewohnheit erklären kann, wenn Jedermann diese dennoch ruhig hinnimmt. Es ist daher mit Freuden zu begrüßen, daß endlich ein Verfahren gefunden zu sein scheint, durch welches dem beregten Mißstände ak>- aeholfen werden kann. Eine Firma in Hannover ist nämlich dazu übergegangen, dem Brode eine Schale zu geben, wie die Wurst eine Haut hat. Diese Schale besteht aus einer Papierhülle, die dem Gebäck in dem Augenblicke straf übergezogen und an den Enden zuge­bunden wird, wo es den Backofen verläßt. Beim Ver­brauch reißt oder schneidet man diese Papierhülle ab, ganz oder theilweise, natürlich nur in dem Umfange, wie es der Größe des abzuschneidenden Stückes Brod entspricht. Die erwähnte Firma hat ihre Idee durch Gebrauchsmuster sich schützen lassen.

' WitzverKändniß. Herr: „Ist Herr Müller zu sprechen?" — Zimmer-Bermietherin: „Nem, Herr Muller ist ausgezogen." — Herr: „Dann will ich warten, bis er sich angezogen hat."