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mit Zlnterßallmrgs-Aeilage „Mustrirte Sonntags-Zeitung"

JE 17.

JuLöa, Sümslag, den 22. Januar 1898

25 Jahrgang.

ö Auch ein Silber-Jubiläum.

Wenn man annimmt, daß das Jahr 1873 das Blüthejahr des Kulturkampfes war — jeden­falls kann man die Jahre 1873 bis 1875 als solche bezeichnen — so können wir uns jetzt rüsten, nach den Gedenktagen der großen Kriege wiederein 2ojähriges Jubiläum zu begehen; freilich nicht sehr erfreulicher Art. Die vergangene Epoche wird gekennzeichnet durch Vertreibung von Bi­schöfen, Verwaisung von Gemeinden, Massenver­haftung katholischer Priester und Redakteure. Trotzdem sind wir weit davon entfernt, uns durch diese Erinnerung lediglich trübe stimmen zu lassen. Denn wie wir bei dem Gedächtniß der Kämpfe von 1813 und 1870 nicht nur den Blick richten auf das durch den Krieg verursachte Elend, auf die zahllosen Verwundungen und die Gräber der Gefallenen, so denken wir auch bei dem Kultur­kampf nicht bloß an die „Verlustliste", sondern mehr noch an das Errungene. Und da müssen wir sagen, daß alle die Unseren, welche im Kampfe um die „Maigesetze" ein Martyrium mo­derner Art erlitten, das Errungene mit ihren vielfach so großen Opfern dennoch nicht zu theuer erkauft haben.

Es gibt im Leben der Völker Kämpfe, Ent­scheidungen, Prüfungen, die nothwendig aus ge­fochten und ertragen werden müssen. Haben sich große Gegensätze gebildet, dann ist es oft nicht möglich, sie friedlich nebeneinander sich entwickeln 'zu lassen, sondern die „Carambolage" erweist sich mit der Kraft eines Naturgesetzes als unvermeid­lich. Nach der Glaubensspaltung von 1517 führten zwei große Kriege, der schmalkaldische und der dreißigjährige, zur gesetzlichen Verbriefung des Nebeneinanderbestehens der katholischen Kirche und des Protestantismus. Gewiß hat seitdem in zahllosen katholischen Herzen als schönes Ideal der Gedanke einer Wiederherstellung der Glaubens­einheit geschlummert, wahrend man sich auf der anderen Seite mit dem Plane einer völligen Auf­saugung des Katholizismus getragen haben mag Da aber beide Konfessionen mächtige politische Stützen hatten, blieb es allseits bei den Wünschen, praktisch ließ sich weder das eine noch das andere ermöglichen. In politischer Beziehung herrschte ein ähnlicher Dualismus, wie auf religiösem Ge­biete. Preußen als norddeutsche, Oesterreich als süddeutsche Vormacht konnten auf die Dauer schwer nebeneinander bestehen. Der Appell an das Schwert entschied zu Gunsten Preußens, und nach der Lage der Sache war es nicht wunderbar, daß dieser Ausgang vielen auch als Präzedenzfall für die Lösung der religiösen Zwiespältigkeiten erschien. „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe" sollte das Ziel der „nationalen Einigung" sein.

Von 1866 bis 1870 war man allerdings fast überall derMeinung, im Hinblick auf die gefahr­drohende Haltung des feindlichen Auslandes, dem eine Intervention zugetraut werden konnte, die Entscheidung zu vertagen. Nach den großen Siegen von 1870 wurden wir aber im vollsten Maße Herren des eigenen Hauses; keine Groß­macht wagte mehr, uns in unsere häuslichen An­gelegenheiten hineinzureden. Sofort erscholl denn auch der Ruf: „Los von Rom!" Nachdem die „Welschen jenseits der Vogesen" geschlagen waren, sollten die „diesseitigen" vor das Messer kommen. Eine „Nationalkirche" wurde als Krönung der wiederhergestellten Einigkeit Deutschlands prokla- mirt, und zu diesem Zweck erschien es nothwendig, den „Römlingen" ein „inneres Sedan" zu be­reiten. Der Protestanten-Verein erschien als erster auf dem Plan, indem er die Verbannung der Jesuiten forderte, dann erschollen Kriegsrufe gegen die geistlichen Schul-Inspektoren, die „in- fallibilistischen" Religionslehrer u. s. w. So kam der Stein des Kulturkampfes fast von selbst ins Rollen. Allerdings hätte der damals allein maß­gebende Staatsmann, Fürst Bismarck, ihn noch aufhalten können, aber es ist von ihm zu groß oder zu — schlecht gedacht, wenn man glaubt, er habe den Kulturkampf „erfunden". Das war nicht der Fall; er hat sich nur an die Spitze der fanatischen Kulturkampfs-Schweden gestellt, und mr Vertrauen, „populär" zu werden, sich zum Exekutor der katholiken-feindlichen Bewegung ge­macht. Vielleicht war es die größte Thorheit jbmes Lebens; aber um so größer ist der mora- usche Erfolg, den wir durch das Fiasko dieses Kampfes errungen haben.

Man muß sich nur folgendes vergegenwärtigen.

Kulturkampf wäre doch gekommen; die pro­testantischen Stimmungen drängten zu sehr nach ore;em Ziele. Hätte Fürst Bismarck es abgelehnt, lefen Kampf zu führen, so wäre später vielleicht tn Staatsmann dritter oder vierter Ordnung der verfeldherr geworden. Die Staatsgewalt hätte

zwar in jedem Falle eine Niederlage er­litten, allein man mürbe dann die Ursache auf die mangelnde Befähigung des obersten politischen Leiters oder die Ungunst der äußeren Lage ge­schoben haben. Es liegt z. B. auf der Hand, daß momentan ein Kulturkampf nicht infcenirt werden könnte. Wenn man eine so große Min­derheit des eigenen Volkes in die Kniee zwingen will, muß man vor jeder auswärtigen Störung sicher sein und sich im Vollbesitze der Macht be­finden. Gesetzt den Fall, der Kulturkampf wäre in den neunziger Jahren geführt und die Regie­rung würde heute zurückweichen, so hätte alle Welt geurtheilt: „Das lag aMußern Umständen, aber sicher würden wir vor fünfundzwanzig Jahren gesiegt haben, als Deutschland als die gebietende Macht Europas dastand und der große Bismarck das Reichsruder führte." Unter unfern Gegnern würde doch niemand auf den Gedanken gekommen sein, der Grund liege an der Unüberwindlichkeit der katholischen Kirche; alles wäre auf die Unzu­länglichkeit der „Epigonen" geschoben.

Darum sagen wir, so paradoxes klingen mag: wir können uns heute freuen, daß der Kultur­kampf stattfand unter den uns ungünstigsten Be­dingungen, nämlich getragen von der rauschenden Fluth der durch die Einigung Deutschlands ent­fesselten nationalen Bewegung und unter der Führung eines Staatsmannes von dem Genie eines Bismarck. Denn jetzt muß jedermann be kennen, daß, wenn das Unternehmen unter so äußerst günstigen Umständen nicht glückte, es über­haupt undurchführbar ist. Was dem Regime unmöglich war, das von dem Glanze Königsgrätz' und Sedan's erhellt wurde, wird einer anderen Regierung um so weniger gelingen, als es einem Durchschnittsminister nicht möglich ist, den Speer eines Bismarck zu schwingen. Der ungeheure m o ra l i sch e E rfo lg, den wir durch diesen Ausgang des Kulturkampfes davongetragen, mag geeignet sein, uns über manche Leiden dieser kampferfüllten Zeit hinwegzutrösten, zugleich aber auch uns zu stählen für etwaige Kämpfe der Zukunft. Denn die Männer, welche gegen den größten Staats­mann der Zeit das Feld behauptet haben, werden sich von der Armee Liliput's ä la Thümmel, Prediger Engel und den Ueberläufer v. Hoens- broech kaum imponiren lassen. (K. V.)

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 22. Januar.

Die Woche hat gut angefangen! — so können wir vom Centrum ausrufen, denn die Woche, über die wir heute hier berichten, begann am Donnerstag den 13. Januar mit der Berathung des Centrumsan­trages im Reichstage, der die lex Heintze wieder aus dem Winkel hervorholte, in dem sie versunken und vergessen 6 Jahre schlummerte. Den Kampf für die Sittlichkeit hat das Centrum wieder ausgenommen, und Niemand wagt es so recht eigentlich, Einspruch gegen dieses Vorgehen zu erheben. Noch ist die Berathung des Antrages am 13. Januar nicht beendet worden. Aber ohne Zweifel wird der Antrag einer besonderen Kommission zur Vorberathung überwiesen werden. Was dann dabei herauskommen wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Auch im Jahre 1892 war der Ge­setzentwurf, damals Regierungsvorlage, an eine be­sondere Kommission zur Vorberathung gegangen und jene Kommission arbeitete damals auch wacker und ernsthaft. Sie schränkte die Regierungsvorlage in manchen Stücken ein, und die Kommissionsbeschlüsse von damals sind es, die nunmehr das Centrum zum eignen, selbstständigen Antrag erhoben hat. Möge jetzt die Sache enden, wie sie wolle, das Centrum hat seine Pflicht gethan, indem es seinem altbewährten Pro­gramm getreu von neuem die Forderung erhob, daß die Strafbestimmungen gegen die Verletzungen der Sittlichkeit bei uns verschärft werden. Und geht diese Tagung des Reichstages vorüber, ohne daß der drin­genden gesetzgeberischen Noth auf diesem Wege ab ge­holfen wird, so wird das Centrum im neuen Reichs­tage mit neuen Anträgen aus den Plan treten. „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter —" so schrieb einmal der Kaiser unter eine der von ihm entworfenen Gemälde-Skizzen. Und sind nicht die wahrhaft hei­ligsten Güter Religion, Sittlichkeit und Tugend?

Nach dem Tage, an dem die lex Heintze auf der Tagesordnung stand, wurden die Verhandlungen des Reichstages weniger interessant. Noch öder als sonst gähnte die Leere aus dein Sitzungssaale den Tribünen­besucher au. Aber auch der Tribünenhörer Zahl war pärlich während dieser Tage. Denn der Reichstag beschäftigte sich mit den rein juristischen Vorlagen der Novelle zur Civilprozeßordnung und zur Gerichts­verfassung, und so wichtig diese Entwürfe sind, so können sie doch die Aufmerksamkeit des Augenblickes nicht fesseln. Das Bild im Reichstage gewann erst wieder ein lebhafteres Aussehen, als am Montag die zweite Etatsberathung begann. Da galtdasall- gemeine Interesse namentlich der Forderung, die Be­züge des Reichskanzlers von 54 000 auf 100000 Mk. zu erhöhen. Und eine lebhafte Auseinandersetzung entstand wegen eines vom Staatssekretär des Innern, Grafen Posadowsky ergangenen vertraulichen Rund­erlasses gegen den Mißbrauch der Koalitionsfreiheit der Arbeiter. So wird der Erlaß wenigstens von der Regierung gekennzeichnet. Aber es ist eine sehr zwei­

schneidige Sache mit solchen Dingen, und sehr viele Leute meinen, man solle doch ja die ganze Sache von ber, Koalitionsfreiheit ganz unberührt lassen. Denn sonst würden die Arbeiter meinen, man meine zwar äußerlich nur die Mißbräuche, die Vorkommen, eigent­lich wolle man aber die Koalitionsfreiheit der Arbeiter selbst treffen, und alle Versicherungen vom Gegentheil werden die Arbeiter kaum überzeugen davon, daß das letztere nicht der Fall sein solle. Der im Namen des Reichskanzlers rundgesandte Erlaß des Grafen Posa­dowsky kennzeichnet so recht den Unterschied, der durch den letzten Wechsel in den Reihen der Regierungs­männer auch in den Anschauungen der Regierung über die Sozialpolitik eingetreten ist. Ganz kurze Zeit erst ist es her, da hat der frühere preußische Minister des Innern Frhr. v. Berlepsch auseinandergesetzt, daß die gewährte Koalitionsfieiheit unzureichend sei und daß sie nothwendig ergänzt werden müsse . . . Und jetzt das „vertrauliche Schriftstück" des Grafen von Posadowsky, das überall Gefahren wittert, die aus dem „Mißbrauche" der Koalitionsfreiheit ent­stehen sollen!

Der preußische Landtag hat erst einige von den Vorlagen zugestellt erhalten, die ihm in Aussicht ge­stellt waren. Der Etat ist ihm zugegangen und die Berathung darüber hat im Abgeordnetenhause am 17. Januar begonnen. Das sogen. Komptabilitäts- gesetz ist beim Abgeordnetenhause eingelaufen, d. h. ein Gesetz, das gesetzliche Grundlagen enthalten soll für die Feststellung des Staatshaushaltes. Aber der vorgelegte Entwurf entspricht nicht den Erwartungen, die man von ihm hegte. Endlich ist auch dem Abge­ordnetenhause die Forderung zugegangen, nochmals 100 Millionen Mark zu bewilligen für die Prote- stantisirung der Provinzen Posen und West­preußen — amtlich ausgedrückt: „Für die Beför­derung deutscher Ansiedelungen" in den genannten Provinzen."

Das Abgeordnetenhaus hat an Stelle des Abg. von Köller einen neuen ersten Präsidenten gewählt in der Person des konservativen Abg. v. Kröcher, und am 16. Januar, bei Gelegenheit des großen Ordens­festes im königlichen Schlosse zu Berlin ist das Präsi­dium des Abgeordnetenhauses auch vom Kaiser em­pfangen worden. Der Empfang hat nur wenige Mi­nuten gewährt, da Hunderte von Ordensfestgästen auf die Ehre warteten, dem Kaiser vorgestellt zu werden. Und fo verlief der Empfang sehr kurz mit einem Händedrucke für jeden der Herren, und mit einem Lobe für das preußische Abgeordnetenhaus, das ja im Allgemeinen immer das thut, was die Regierung haben will.

Das preußische Herrenhaus hat die ihm zugewiesene Vorlage über ein Anerbenrecht in Westfalen und den Antrag des Herzogs von Ratibor über Schutz gegen Hochwassergefahren in Schlesien zur Vorberathung be­sonderen Ausschüssen überwiesen, um sich dann wieder für einige Wochen zu vertagen.

Gute Arbeit hat die bayerische Kammer der Reichsräthe gemacht. Diese hat die Bodenzinsvorlage in der verbesserten Form der Anträge des Freiherrn von Soden angenommen. Aber sie hat leider auch die Beschlüsse der Kammer der Abgeordneten über eine Reforin des Wahlrechts zum bayerischen Landtage um­geworfen. Die Zweite Kammer hatte allgemeine, direkte Wahl, Erhöhung der Zahl der Abgeordneten und Minderheitsvertretung nach dem Grundsätze der Verhältnißwahl beantragt .... Vielleicht hat sie zu viel auf einmal verlangt. Dringend nothwendig ist jedenfalls die direkte Wahl, also unter Beseitigung der jetzigen Wahlmännerwahlen, Wahl der Abgeordneten durch die Wähler selbst. Diese Art der Wahl hat das Centrum stets verlangt, und gegen den Widerstand des früheren Ministers von Pfeufer setzte 1881 der Abg. Dr. Daller mit großer Mühe das geheime Wahl­recht durch, das also dem Centrum zu verdanken ist. Dr. Daller verlangte auch damals das direkte Wahl­recht, allein die Regierung ging nicht darauf ein. In­zwischen sind die Anschauungen reifer geworden, so daß heute wohl kein ernstlicher Widerstand gegen die Unmittelbarkeit der Wahl geleistet werden würde. Aber diesmal waren die Beschlüsse der Abgeordnetenkammer durch die Liberalen auch mit der Verhältnißzahl und der Vertretung von Minderheiten bepackt worden, und durch diesen überflüssigen Ballast fiel die ganze Sache in die Kammer der Reichsräthe. Eine interessante Erklärung hat der Minister von Crailsheim in der Kammer der Abgeordneten über die Reform der Personentarife auf den Eis enb a h neu abgegeben. Eine solche Reform — so führte der bayerische Mi­nisterpräsident aus — werde und müsse kommen, aber es sei schwer, die Eisenbahnverwaltungen unter einen Hut zu bringen. Namentlich wegen der IV. Wagen- klasse und wegen des Freigepäckes sei eine Einigung chwer. Bayern könne allein und selbstständig nicht vor­gehen, der Ausfall würde dann für Bayern zu groß werden. Wir glauben gern, daß Minister von Crails­heim getreu nach seiner Ueberzeugung sprach. Aber wir glauben nun und nimmer, daß die preußische Re­gierung in absehbarer Zeit in eine Herabsetzung der Personentarife auf den Eisenbahnen willigen wird.

Der württeiubergische Landtag ist noch mit der Revision der Verfassung beschäftigt. In der zur Bor- berathung derselben eingesetzten Kommission der Abge­ordnetenkammer zu Stuttgart wurde die sechsjährige Dauer der Legislaturperiode angenommen. Ferner wurde gutgeheißen, das Recht der 2. Kammer auf einen 2. Vizepräsidenten, und auf Regelung der Sitz-und Ab- timmungsordnung im Wege der Geschäftsordnung, und die Befugniß der Minister zur Theilnahme an den Kommissionssitzungen, sofern diese nicht vertrau­lichen Charakter haben. Abgelehnt wurde der Vorschlag der Regierung, das Budgetrecht der Ersten Kammer zu erweitern.

Im Parteileben vollziehen sich manche wunderbare Erscheinungen. Die konservative Partei­leitung und der Bund der Landwirthe ver­sichern einander nach wie vor treue Freundschaft und Waffenbrüderschaft. Aber nebenbei sucht der Bund der Landwirthe gerade einige der hervorragendsten konservativen Abgeordneten in ihren Wahlkreisen aus dem Sattel zu heben, und die beiderseitigen Blätter bekriegen einander mit spöttischen Redensarten. Am ärgsten aber geht es gegenwärtig in der Reihen der Freisinnigen zu. Nicht nur freisinnige Volkspartei und freisinnige Vereinigung befehden einander; jetzt vielmehr ist der Krieg auch innerhalb der Reihen der freisinnigenVolksparteiselbst entbrannt. Vor­her waren es nur persönliche Reibereien zwischen Herrn Richter und Herrn Rickert und den Polemikern in den Blättern dieser Herren. Jetzt hat sich die Sage derart verschoben, daß fast alle liberalen Berliner Blätter und ein großer Theil der Provinzpresse Herrn Richter geschlossen gegenüberstehen. Das ist für die Volkspartei um so bedenklicher, als auch die am weitesten links stehenden Parteiorgane gegen Eugen Richter Stellung nehmen. Nachstehend eine Probe dieses wilden Zeitungskampfes. Die.Freisinnige Zeitung' des Herrn Richter schrieb diese Tage: „Nachgerade könnte die Presse darüber belehrt sein, daß die private Zeitungspolitik, welche die Herren Rechtsanwalt Ullstein in der ,Berliner Zeitung' und Redakteur Vollrath in der,Volkszeitung' zu treiben belieben, völlig bedeutungs­los ist für die freisinnige Volkspartei und deren Ver­halten .... Einzelne Quertreiber hat es zu allen Zeiten in Berlin gegeben . . . ." Und Herr Vollrath antwortete in feiner,Volkszeitung' unter anberm: „Es gehört zwar eine große Kunst bazu, eine lächerliche Albernheit, bie das Mitleid jedes gebildeten Menschen erregen muß, in ein System zu bringen. Aber die .Freisinnige Zeitung' hat diese bejammernswerthe Kunst durch jahrelange hartnäckige Uebung zu einer unleug­baren Virtuosität entwickelt. Gönnen wir ihr diesen Rekord der Albernheit, durch den sie, wie wir neidlos anerkennen, alle deutschen Zeitungen, ohne Unterschied der Partei, bis zur Unerreichbarkeit überflügelt hat." Dem Manne von gutem Geschrnacke kann diese gegen­seitige Anrempelei wenig gefallen. Aber etwas kann man daraus lernen, und das ist die Thatsache, daß im ganzen Lager der Liberalen mit allen ihren vielen Schattirungen vollkommen Zerfahrenheit und Zersetzung herrscht. Kein Wnnderdokter wird zu finden fein, der diese Krankheit je wieder heilt. Mit dem Liberalismus geht es bei uns in Deutschland ebenso zu Ende wie in Oesterreich, und klug sind die Leute zu nennen, die noch zur rechten Zeit von seinen sinkenden Fahrzeugen sich retten.

Wenig bemerkt wurde in Europa ein Ereizniß, das zum Urheber wieder den abtrünnigen Fürsten Ferdi­nand von Bulgarien hat. Der Fürst hat in seinem Palaiseine griechisch-orthodoxe Hauskapelle einweihen lassen. Er selbst, die Fürstin Marie Luise und Prinz Boris, der Thronfolger, waren zugegen. Dazu bie Prinzessin Clementine unb ihr Bruder Prinz Philipp von Sachsen-Koburg, enblich bie Vertreter der drei griechisch-orthodoxen Staaten: Rußland, Ru­mänien und Serbien. Der Vertreter Griechenlands fehlte. Fürst Ferdinand hielt eine Rede, in der er von „unserer heiligen Kirche" sprach und, als er des Zaren Boris gedachte „unser rechtgläubiger Zar" sagte: er hoffe, fuhr er fort, daß der Tag der Einweihung dieser Kapelle einst „ein historischer Tag" für Bul­garien sein würde. Russische Blätter erinnern daran, daß der Fürst, seine Mutter und seine Gemahlin katholischen Bekenntnisses sind, unb sprechen bie Er­wartung aus, daß Bulgarien nun immer voll­st äubiger in bas russische Fahrwasser übergehen werbe.

In Griechenland ist bie Frage ber Sicherung ber Gläubiger immer noch nicht ertebigt. Sollte bie Kammer ber Thorheit begehen unb Schwierigkeiten machen, so bürste Gricchenlanb wohl alle Aussicht verlieren, bie Anleihe zu erhalten, bereu es zur völligen Vermeibung bes Bankerotts bedarf. Auch anbere Schwierigkeiten würden bann vermuthlich entstehen.

Vermischtes.

* 149 Schiffskatastrophen haben sich im November 1897 ereignet. Es gingen zu Grunde: 1. Segelschiffe: 7 deutsche, 10 amerikanische, 41 englische, 2 öster­reichische, 5 dänische, 2 spanische, 5 französische, 2 grie­chische, 2 holländische, 3 italienische, 17 norwegische, 7 russische und 15 schwedische; II. Dampfschiffe: 5 deutsche, 12 englische, 8 österreichische, 1 dänisches, 2 französische, 2 norwegische und 1 schwedisches.

* Zweierlei Husten. Eine Anekdote vom alten Heim dem Leibärzte der Königin Luise, die noch nicht allgemein bekannt sein dürfte, erzählte in der neuesten Nummer des „Bär" Herr v. B.: Kommt da eines Tages zu dem berühmten Arzte ein Offizier, der über einen fürchterlichen Husten klagt. Der alte Heim sieht sich feinen Patienten an unb sagt: „Ja, seh'n Sie mal, es gibt zwei Arten von Husten. Der eine, ber sogenannte Schafshusten, kommt vom — Saufen, ber andere aus der Lunge. Aus der Lunge kommt Ihr Husten nicht.

51 Gin ganz Schlauer. Um seinen Bedarf an Roheis billig zu decken, trug ein Bierverleger in Prenz­lau seinen Keller voll — Wasser, in der frohen Erwartung, daß recht bald Frostwetter eintreten und sein Eiskeller dann fertig sein werde. Aber, was er erhoffte, trat leider nicht ein, und Wasser bleibt Waffer. Es suchte sich weitere Bahn, drang in die Nachbarkeller ein, wo die Kartoffeln, leere Fastagen und was sonst schwimmfähig war, sich lustig auf den Wellen zu schaukeln begann. Schluß: Großer Skandal im Hause, Zuhilsnahme des Gerichts wegen Regreßansprüche. Zum Patent dürste Herr X. seinen Eiskeller, obwohl dieser neu und eigenthümlich ist, kaum anmelden.