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verantwortlich: Für die Redaktion Jof. Saum, für Jnfcra.t 3. paradier in Fulda.

mit Anterhaltungs-Meikage „IssuKrirte Sonntags-Ieitung"

M 14.

x Prunk und Feste der Neuzeit.

Wer heute eines der älteren Schlösser in Berlin oder Potsdam besucht, hat vielfach Ge egenheit, Vergleiche anzustellen zwischen dem Aufwande vor 50 und noch weniger Jahren und heute. Da ist in jener Zeit vieles so außerordentlich ein­fach, daß heute kein wohlhabender Kaufmann oder Fabrikbesitzer mit einer so schlichten Haus­einrichtung zufrieden sein würde.

Es ist nicht zu leugnen, daß der Umschwung in diesen Dingen hauptsächlich mit dem neuen Kaiserthum in Deutschland eingezogen ist. Die Einfachheit des alten Stils ist verschwunden vor­dem Prunke, den das neue Kaiserthum selbst ent­faltet oder entfalten muß, und dem Aufwande, den andere entfalten muffen, um dem Kaiserthum und den veränderten Verhältnissen gerecht zu werden. So glaubt man wenigstens vielfach thun zu müssen. Aber natürlich geschieht dabei sehr vieles, das nicht nur ganz überflüssig, sondern auch vollkommen unberechtigt ist. Besonders be­kannt ist in diesem Sinne der Luxus, der im Gegensätze zu früheren Zeiten in den Kreisen der Offiziere entfaltet wird, ein Luxus, gegen den der Kaiser schon mehr als ein Mal warnende Ver­ordnungen erlassen hat.

Man kann aus diesen Verhältnissen kaum einzelnen Körperschaften oder gar ein­zelnen Personen Vorwürfe machen. Es ist ein leidiger Zug der Zeit, der so außerordentlich viel Werth legt auf das äußerliche uns oft genug den Kern der Sache darüber ganz vergißt. Man könnte sagen, der äußere Prunk um des Prunkes willen und die hochtrabende Phrase in der Rede seien Charakterzüge der modernen Zeit, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Einzelne Personen und Aemter sind machtlos gegen diesen Zug und sind ihm unterthan. Als besonderes Kennzeichen für das Wachsthum der äußeren Ansprüche kann z. B. die außerordentliche Erhöhung in den Geldbezügen des Reichs­kanzlers gelten, die am letzten Montage vom Reichstage bewilligt worden sind. Bisher bezog der Reichskanzler jährlich 54 000 Mk. In Zukunft soll er 100 000 Mark beziehen neben der freien Wohnung im Reichskanzlerpalais. Es kann uns nicht einfallen bei der Heranziehung gerade dieses Beispiels einen Tadel gegen den gegenwärtigen Reichskanzler aussprechen zu wollen. Und in der That weiß man ja, daß Fürst Hohenlohe, einer der reichsten Aristokraten im ganzen deutschen Reiche bisher diese Erhöhung seiner Geldbezüge stets aufs nachdrücklichste ausgeschlagen hat. Jetzt nimmt man an, er wolle mit der Annahme dieser höheren Geldbezüge für seinen Nachfolger sorgen. Verhält es sich so, und das klingt ja wahrscheinlich genug, so muß ja auch Fürst Hohen­lohe von der Ueberzeugung durchdrungen sein, daß das Einkommen des Reichskanzlers für seine heutigen Bedürfnisse viel zu niedrig ist und eine Verdoppelung des Satzes nothwendig macht, den man vor noch nicht 30 Jahren bei der Gründung des neuen deutschen Kaiserthums als ausreichend für das Reichskanzleramt aufstellte.

Ein anderer Zug dieser Zeit ist die Neigung zu sehr vielen und sehr pomphaften, festlichen Veranstaltungen. Das alte

* Btt letzte WMg non Allmey.

Eine historische Erzählung von Philipp Wasserburg (Laicus).

29 ------ (Nachdruck verboten.)

JX.

Ein Scharmützel.

Es war aber doch so, wie der Oberst gesagt. Als man die Papiere des Gemordeten untersuchte, fand sich auch der von einem Parlamentsnotare aufgenommene Vertrag, fammt der Einweisung, und eine offene Ordre vor, welche allen Befehls­habern militärischer Macht befahl, den Sir Franeis Fitzgerald in das ihm in Eigenthum übertragene Gebiet des ehemaligen Sept von Killarney ein- zuführen und gegen jede Störung seines Besitzes zu beschützen.

Es standalsorichtig:währendRobertO'Drentor bei ihnen verkehrte, während man ihn als den Gastfreund des Hauses behandelte, und er ahnungs­los sich in begeisterten Schilderungen einer geliebten Heünath erging, hatte im Herzen ihres eigenen Vaters dieser Umstand die Gier nach jenem Fleckchen Erde geweckt, und jetzt zog er mit Frau und Kind dorthin, um den rechtmäßigen Besitzer hinaus zu treiben und sich mit Gewalt seiner Habe zu be­mächtigen.

Ihrem ersten Gefühle folgend erklärte Lucy, baß sie niemals diesen Besitz antreten werde, fieber wolle sie sich ihren Lebensunterhalt mit mrer Hände Arbeit verdienen, als daß sie die ö x,rentor§ aus ihrem Besitze verjagen werde. Nie und nimmer!

Sir Harry schüttelte dazu den Kopf. Er lebte

IuLöa, Mittwoch, den 19. Januar 1898

Volksfest in feiner unschuldigen und harmlos ein­fachen Art verschwindet von Jahr zu Jahr mehr. Leider aber verschwindet in unseren Festen auch mit ihm der harmlos fröhliche und wirklich von Herzen frohe Charakterzug, der den Volksfesten nach altem Stile so sehr zum Vortheil gereichte. An die Stelle der einfach frohen Weise ist das Schaugepränge getreten; und nur mit Pomp und Prunk glaubt man jetzt noch wirkliche Feste feiern zu können. Nicht aus dem Volke heraus wachsen unsere modernen Feste. Meist sind sie Veran­staltungen einiger Weniger mit dem ausgesprochenen Zwecke, gewissermaßen der großen Menge als Festfutter vorgeworfen zu werden. Ein wenig nach diesem Geschmacke scheint auch der „Aus­schuß für deutsche Nationalfeste" zu ar­beiten, der in diesen Tagen in Berlin versammelt gewesen ist. An der Spitze dieses Ausschusses stehen einige nationalliberale Herren, besonders ein Abgeordneter, der schon seit einer Reihe von Jahren für die stilvolle Einrichtung von Jugend- spielen thätig ist.

Zunächst scheint es uns an festlichen Veran­staltungen im allgemeinen in Deutschland wahrlich nicht zu fehlen. Denn eigentlich ist jeder Sommer eine fortlaufende Kette solcher Veran­staltungen geworden. Es fragt sich daher sehr, ob die halb gewaltsame Einführung von neuen großartigen festlichen Veranstaltungen wirth- schastlich nicht von üblen Einflüffen fein kann. Wenn man aber glaubt, durch solche Feste das Nationalgefühl des Volkes zu erhöhen und zu n arten, so wird man sich damit ganz bestimmt vollkommen verrechnen.

Die wahre Liebe zum Vaterlande kann nur erweckt und gestärkt werden durch echt christ­liche Gesinnung auf der einen und durch die Hebung des allgemeinen Volkswohlstandes auf der anderen Seite. Durch immer neue Feste aber kann der allgemeine Volkswohlstand nicht behoben, sondern höchstens verringert werden.

Deutsches Deich*

Berlin, 18. Januar.

* Iürst Aismarck will nicht in den Ver­dacht gerathen, etwas an seinem Nachfolger ge­lobt zu haben. Er läßt daher in Abrede stellen, daß er dem Großherzog von Sachsen-Weimar gegenüber das diplomatische Vorgehen in China als vortrefflich bezeichnet habe.

* Die neue Vorlage über Beichsnuler- ftützung von Bofldampfer» liegt gegenwärtig dem zuständigen Ausschüsse des Bundesraths vor. Nach wie vor besteht die bestimmte Absicht, die Vorlage noch während dieser Tagung an den Reichstag zu bringen. In der neuen Vorlage sollen den Schiffen noch größere Fahrgeschwindig­keiten vorgeschrieben werden, als in der letzten.

x In Sachen der Ikotlenvortage beginnt sich augenscheinlich bei den der Vorlage freundlichen Parteien die Einsicht dafür einzustellen, daß mit Gewalt und ohne die Hilfe des Centrums hier nichts zu machen ist. „Andernfalls, so bemerkt die ,Kreuzzeitung', würde nur das Mittel der vorzeitigen Auflösung des Reichstages übrig bleiben, dessen Anwendung sich gerade jetzt aus naheliegenden Gründen nur für den äußersten Nothfall empfiehlt, bereits feit Jahren in Irland und solche gewalt­samen Einweisungen waren ihm nichts Fremdes.

„Das würde sich ja finden, Base Lucy," meinte Sir Harry. „Es ist nicht so schlimm, wie es aus­sieht. Im Anfänge muß man sich zwar allerdings hüten. Aber später: — ich lebe ja auch noch."

„Du verstehst mich nicht, Vetter. Ich nehme nicht das rechtsmäßige Eigenthum der O'Drentor weg."

In der That sah sie Vetter Harry erstaunt an.

„Die Ländereien sind der Krone verfallen," sagte er endlich, „da ist nichts mehr zu halten. Wenn Ihr sie nicht nehmt, so nimmt sie ein Anderer."

„Aber der Stamm lebt ja in Frieden; er hat sich an den letzten Thaten gar nicht betheiligt, hat mir Robert gesagt."

„Wer kann das abwägen?" versetzte Sir Harry kühl. „Das Parlament wird wohl seine Gründe gehabt haben. Das beste ist's, Ihr greift zu, und überlastet Eurem Verkäufer die Verant­wortlichkeit. Vetter Francis hat mir gesagt, daß das Land prachtvoll fein müsse nach den Be­schreibungen, die er gehört, nur etwas entlegen, aber von der See zugänglich. Darum nochmals nehmt es, die Leute dort können es doch nicht behalten."

„Wenn ich es nun nehme," fragte Lucy nach einer langen Pause, „und schenke es ihnen dann wieder?"

„Das geht nicht," sagte Harry; „denn eine Parlamentsakte untersagt den Iren jeglichen Land­erwerb. Sie können solches nicht einmal kaufen, geschweige denn sich schenken lassen."

„Aber das ist ja empörend," fuhr Lucy mit

d. h. wenn auch die für 1898 geforderten Schiffs­bauten abgelehnt würden. Davor wird sich unserer Ansicht nach das Centrum jedoch hüten." That- sache ist, daß das Centrum die Forderungen der Vorlage sehr ernstlich und eingehend prüfen wird. So wenig das Centrum auf eine Auflösung des Reichstages hinarbeiten will, so ist doch auf der anderen Seite auch die Thatsache nicht zu bestreiten, daß gerade die Centrumspartei eine Auflösung des Reichstages wegen der Flottenvorlage am allerwenigsten zu fürchten braucht.

X Ueber die Kinderarbeit ans dem Lande hat die Anhaltische Regierung jüngst eine be- rnerkenswerthe Verfügung erlassen. Danach dürfen zu ganzen Tagesleistungen nur Kinder von mindestens 8 Jahren herangezogen werden. Die Arbeitszeit soll nicht vor 6 Uhr Morgens beginnen und spätestens mit 6 Uhr Abends auf­hören. Eine Mittagspause von mindestens 2 Stunden hat diese Tagesleistung zu unterbrechen. Werden die Kinder mit Wagen zur Arbeitsstätte und von dieser wieder zurückbefördert, so ist die Ueberfüllung der Wagen und ein Herausfallen der Kinder zu verhüten u. s. w. Die Verfügung der Anhaltischen Regierung läßt sehr unerfreu­liche Rückschlüsse zu auf die Zustände, die bisher auf diesem Gebiete in den anhaltischen Herzog­tümern an der Tagesordnung waren.

h. Der für diese Woche erwartete allgemeine Ausstand der Berliner Schuhmacher hat noch nicht begonnen. Die neue Fabrikordnung ist erst in 2 Fabriken eingeführt worden, fo daß bisher nur die Arbeiter dieser beiden Fabriken in den Ausstand eingetreten sind, im Ganzen etwa 90 Personen. Man glaubt, daß an eine allgemeine Einführung der neuen Fabrikordnung zunächst nicht gedacht werde.

Aus dem Reichstage.

•QP 19. Sitzung vom 18. Januar, 2 Uhr.

Am Bundesrathstische Graf Posadowsky.

Die zweite Etatsberathung wird beim Reichsamt des Innern fortgesetzt. Die Diskussion über den Tuet „Staatssekretär" dauert fort.

Abg. v. Aardorff (Reichsp.) knüpft an die gestrigen Auseinandersetzungen über das Schreiben des Grafen Posadowsky an. Die Arbeiter erkennen, welchen Nutzen ihnen die sozialpolitischen Gesetze bringen, die g.gen die Stimmen der Sozialdemokraten zu Stande gekommen sind. Die Klagen der Sozialdemokraten über die Be­schränkung der Koalitionsfreiheit sind durchaus ungerecht­fertigt. Die deutschen Arbeiter haben ein weites Koalitionsrecht. Redner erörtert darauf die Aussichten der künftigen Wahlen und schließt mit den Worten: Wir lassen den Muth nicht sinken. Das Christenthum, welches das alte Heidenthum niedergeworfen hat, wird auch stark genug sein, das moderne Heidenthum zu über­winden. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. -Aachnicke (freif. Vg.) beantragt eine Resolution, durch welche die Regierung zur Einbringung eines Gesetzentwurfes aufgefordert werden soll, durch den die in dem Koalitionsrecht der Arbeiter noch be­stehenden Schranken beseitigt werden.

Abg. Dr. Lieber ((Str.): Der Runderlaß des Grafen Posadowsky kann wohl schwerlich den Anlaß zu Betrachtungen über das Anwachsen der Sozialdemokratie und über ein etwaiges neues Sozialistengesetz aussprechen. Ich gehe deshalb nicht auf die Ausführungen des"Abg. v. Kardorff ein Ich habe auch das Wort nicht in­folge der gestrigen Provokation von sozialdemokratischer Seite ergriffen. Kein Mensch muß müssen, auch keine politische Partei muß muffen. Wir thun nur, was wir für gut und richtig halten. Ich muß aber doch meine Verwunderung darüber aussprechen, daß man es von

hochgerötheten Wangen auf. „Ich habe keine Ahnung davon gehabt, daß es solche Gesetze gibt. Aber man soll sich doch an mir täuschen."

„Ich empfinde auch das Unbillige," meinte Lady Fitzgerald. „Aber was können wir machen. Daß Robert sein Land verliert, ist ein Unrecht. Aber wenn wir nichts thun können, um es zu verhüten, so sehe ich nicht ein, warum wir nicht den möglichsten Nutzen aus einer That ziehen sollen, an dem wir keine Schuld tragen "

Einen Augenblick stand Lucy da, die Augen zu Boden geheftet, mit den Lippen ungeduldig zuckend, ein Bild vollständiger Ruchlosigkeit. End­lich warf sie den Kopf trotzig zurück, fo daß ihr Haar in goldenen Wellen um ihre Schultern flog-

„Ich sehe es ein, wir müssen! Nun denn, Mutter, so laß uns reifen."

„Kind, Du hältst noch einen Gedanken zu­rück," sagte Lady Fitzgerald ihrer Tochter ins Gesicht blickend. „Sag' mir, was ist's?"

„Nein, nein," antwortete sie verwirrt. „Wir müssen reifen; das ist ja auch Deine Ansicht."

„Ich werde das also dem Obersten mit­theilen," bemerkte Vetter Harry und verließ das Gemach.

„Du wolltest bei dem Vetter nicht mit der Sprache heraus," bemerkte Lady Fitzgerald, als beide allein waren. „Was hast Du im Sinne? Vertraue es mir!"

„O Mutter," sagte Lucy, auf einen Sessel sinkend; „es ist entsetzlich. Ich habe meinen Vater geliebt und hochgeachtet bis hierher. . ."

„Und wirst Du's nicht fernerhin thun? mein Kind!" sagte Lady Fitzgerald ernst.

25. Jahrgang.

sozialdemokratischer Seite so darstellt, als habe Graf Posadowsky alle die Schandthaten schon wirklich be­gangen, die man ihm in die Schuhe schiebt. Der Erlaß fordert nichts als Erhebungen über die etwa zu treffen­den Maßnahmen. Auch uns erscheinen die einzelnen in dem Erlaß gestellten Fragen nicht unbedenklich, aber die Bedeutung hat der Erlaß nicht, die ihm die Sozial­demokraten beilegen. Allerdings haben die Befürchtungen der letzteren einen gewissen Hintergrund in der neulichen Bemerkungdes Staatssekretärs, daß dasKoalitionsiechrin einem Lande mit allgemeinem Wahlrecht keine große Bedeu­tung habe. Diese Bemerkung verstehen auch meine Freunde nicht. Was hat das politische Wahlrecht mit dem Be­streben der Arbeiter einzelner Betriebe zu thun, höhern Lohn zu erlangen. Aber wir halten die Befürchtungen für übertrieben, daß das Koalitionsrecht gefährdet sei. Bis jetzt spricht jedenfalls nichts dafür. Meine Freunde sind auch der Meinung, daß der Arbeitswillige gegen etwaigen Terrorismus geschützt werden solle, aber es soll.und.kann dies geschehen, ohne die Koalitionsfreiheit der Arbeiter einzuschränken. Warten wir also ruhig ab, was für Maßnahmen uns vorgeschlagen werden. Unsere Stellung zum Koalitionsrecht ist schon seit Jahren be­kannt. Im Jahre 1891 hat gerade die Centrumspartei den Ausschlag gegeben, daß die von der Regierung vor­geschlagene Einschränkung des Koalitionsrechts abgelehnt wurde. Auf diesem Standpunkt werden wir auch weiter­hin verharren, denn wir verkennen nicht die großen Vortheile, die in sozialer Hinsicht die Förderung der Arbeiter-Organisation für uns bringt. Aber gerade vie Sozialdemokratie ist die Todfeindin der von uns geschaffenen Arbeiter-Organisationen auf christlicher Grundlage. In dem Erlaß vermisse ich leider eine Frage, die von großer Bedeutung ist und auf deren Beantwortung ich den größten Werth legen würde, ich meine die Frage: Wer treibt den meisten Mißbrauch mit der Koalition, die Gewerkschaften »der die sogenannten Wilden? (Beifall im Centrum).

Abg. Dr. Gsanrr (natlib.): Der Erlaß scheint mir durchaus gerechtfertigt. Blau braucht darum nicht gleich an die rigorosesten Maßnahmen zu denken, die Koalitions­freiheit kann dabei vollkommen gewahrt bleiben. Wir werden jedenfalls die Hand zu ihrer Beschränkung nicht bieten, wenn wir es auch für richtig halten, daß den Arbeitswilligen ein wirksamer Schutz gegen Ausschrei­tungen geboten werde. (Beifall.)

Abg. Dr. ^ad}ni(ßc (freif. Vereinigung): Es ist dringend geboten, daß die Bestimmungen über Koalitions­freiheit revidirt werden. Zu diesem Zwecke schlage ich die Sicherung der Vereinigungs- und Versammlungs­freiheit zu gewerkschaftlichen Zwecken vor, ferner die Aufhebung des Verbots, daß Vereinigungen, die solche Zwecke verfolgen, in Verbindung treten. Weiter fordere ich die Verleihung des Korporationsrechtes an alle Be­rufsvereine. Der Erlaß des Grafen Posadowsky gibt allen Parteien Anlaß, schon jetzt ihre Stellung dahin zu nehmen.

Abg. Graf Skokberg (kons.) hält die Debatte dar­über für Zeitvergeudung. Der Antrag Pachnicke ist zu umfangreich, als daß er hier nebenher hätte eingebracht werden sollen. Ich stimme dagegen.

Abg. Dr. Schneider-Nordhausen (freif. Volksp.) spricht den Wunsch aus, daß dem Reichstage die aus­führlichen Berichte der Fabrikinspektoren zugängig gemacht werden.

Abg. Legten (Soz.) spricht über das Koalitions­recht und den Erlaß des Grafen Posadowsky, woraus das Haus sich vertagt. Die Berathung wird Donnerstag fortgesetzt.

Nächste SitzungMittwoch2Uhr(Schwerinstag): lex Heinze.

Aus dem Landtage.

-o^Avgeordnetenhans. — 4.Sitzung vom 18.Jan., 2U.

Am Ministertische: Dr. v. Miquel, Thielen, Dr. Bosse, Freiherr v. d. Recke.

Bor dem Eintritt in die Tagesordnung bemerkt Präsident v. Aröcher, daß selten der Fall eintritt, daß, wie hier, Professor Dr. Virchow 25 Jahre lang den Vorsitz in einer Kommission führt. Ich spreche dem Abg. Virchow meinen ausdrücklichen Dank aus. (Beifall.)

Abg. v. Gqnern (natl.): Der Finanzminister hat eine von den früheren Gepflogenheiten abweichende Be-

„Und diese That . . ."

„Wenn sie Unrecht war, bist Du nicht fein Richter," entgegnete die Lady streng. „Wir haben nur zu bedenken, daß er unser Wohl dabei im Auge gehabt."

„Das ist eben der Zwiespalt in meinem Herzen! O, hätte er es doch nicht gethan! Aber Mutter, bei Deiner Siebe' zum Vater, hilf mir die Folgen ab wenden! Laß sein Bild mir ohne den Gedanken vvrschweben, daß eine aus ihrem Heim vertriebene Familie dem Räuber ihres Glückes fluche, ihm und — uns."

„Aber was können wir thun?"

„Noch weiß ich es nicht. Aber eins steht in unserer Kraft: daß wir das Land nehmen, und von der Gnade der O'Drentors eine Hütte und ein Stück Brod erbetteln, das uns genügen soll, während sie im ruhigen Besitze bleiben."

„Aber Du phantasirst, Lucy!"

„Mutter, ich fange an, mich zu fürchten. Was ich bis jetzt in diesem Lande gesehen, ist entsetzlich. Da ist eine Bedrückung sonder Gleichen. Und sehe ich mir die Sache näher an, so ist es der Name Gottes, unter welchem die Unterdrücker handeln, und es ist auch der Name Gottes, in welchem die Unterdrückten dulden. Mutter, das fordert ein göttliches Gericht heraus, und mein Herz sagt mir, daß Gott niemals auf Seiten derer steht, die Unrecht thun, sondern auf Seiten derer, die Unrecht leiden. Ich fürchte . . ."

„Und was denn?"

„Daß Gott wahrhaft im katholischen Lager weilt," ergänzte Miß Lucy im Flüstertöne.

„Aber Kind, wer kann das wissen? Wer kann die Wege Gottes erkennen? Wer weiß überhaupt