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mit Ilnterhaktungs-Meikage „Muflrirte Sonntags-Zeitung" petersgasse Nr. L sLarmouies.
M 5.
Juköa, Lamstag, den 8. Januar 1898
25. Jahrgang
Die Besitzergreifung der Kiaotschau- Bucht.
Der in Shanghai erscheinende ,Ostasiatische Lloyd" meldet in seiner Nummer vom 3. Dezember, die inzwischen in Deutschland eingetroffen ist, die Proklamation, die der Kontreadmiral v. Diederichs nach der Einnahme von Kiaotschau durch die Deutschen an die Bewohner des Bezirks am 14. November v. I. erlassen hat, laute folgendermaßen :
Es wird hiermit zur Kenntniß aller Betheiligten gebracht, daß ich, dem Befehle meines Herrschers, S. M. des deutschen Kaisers, Gehorsam leistend, gekommen bin, Allerhöchst welcher mich beauftragt hat, an der Spitze meiner Truppen in der Piaotschau-Bucht zu landen, und von dieser Bucht sowie allen Inseln und deren Dependenzen Besitz zu ergreifen. Nachdem ich diesen Befehl ausgeführt, ist es jetzt meine Pflicht, die Grenzen der Gegend festzustellen, die ich besetzt halte:
1. Von einer geraden Linie aus, die man von dem Meeresufer nach dem Ost-Hügel zieht, bis zu einem Punkte, der bei Hochwasser 18 Li (— l*s deutsche Meilen) von Kiaotschau entfernt ist.
2. Von dort in einer geraden Linie nordwärts nach der Tapoteng Likin - Station; von dort bis zur Bereinigung der Kiaotschau- und Taku-Flüsse.
3. Von dort ostwärts nach dem Meeresufer bis zu einer imaginären Linie, welche die Lanschan-Bucht in der Mitte durchschneidet.
4. Die östliche Linie verläuft von einem nördlichen Punkte bis zu einem Punkte halbwegs der Lanschan- Bucht, von dort südwärts bis zu den Ufern der Inseln von Kuantimiau, Tsalin u. s. w.
5. Die südliche Linie erstreckt sich von der Insel Tsalin bis zum südlichen Punkte der Insel Tiloschan.
6. Im Norden dehnt sie sich bis nach dem Meeresufer an der Westseite, wo beide Richtungen aneinanderstoßen, aus.
Die oben genannten Plätze und das zwischen denselben gelegene Areal werden die deutschen Truppen besetzt halten, bis die Angelegenheit betreffend den Mord unserer deutschen Missionare in Schantung geschlichtet ist.
Mit Bezugnahme auf Obiges erachte ich es denn für nothwendig, euch alle, d. h. die Bewohner der Insel Tsingtau und deren Dependenzen zu ermahnen, friedlich euren verschiedenen Berufen nachzugehen und nicht auf die Worte schlechter und streitsüchtiger Elemente zu hören, um Störungen heroorzurusen. Thatsache ist, daß Deutschland und China stets Freunde gewesen sind und in Frieden gelebt haben; früher, als China mit Japan Krieg führte, gebrauchte Deutschland alle seine Kräfte, um China aus seiner fchlimmen Lage zu befreien. Hiermit wollen wir unsere Freund- fch af t als eine Nachbar-macht beweisen. Wir sind hier nicht als Feinde Chinas, und ihr braucht uns deshalb nicht mit Verdacht zu begegnen. Es wird überdies die Pflicht der deutschen Offiziere sein, die sich dem Gesetze unterwerfenden Bewohner dieses Platzes zu beschützen, um so den Frieden aufrecht zu erhalten. Sollte es aber unzufriedene Individuen geben, die den Versuch machen, Störungen hervorzurufen, so werden ste nach dem chinesischen Gesetze bestraft, d. h. enthauptet werden. Weiter, sollte man deutsche Unter- thanen ermorden, so werden die Mörder nach deutschem Kriegsrecht bestraft werden, d. h. erschossen. Ich erachte es demnach für meine Pflicht, euch alle zu ermahnen, nicht den Frieden zu brechen, oder sich gegen Maßnahmen, welche die deutschen Behörden in Zukunft vorzunehmen beabsichtigen, aufzulehnen. Ziehet die Lage der Sache in Betracht, und ihr werdet finden, daß ihr zu schwach seid, um zu widerstehen. Ihr werdet nicht nur finden, daß euch daraus kein Vortheil erwachsen kann, sondern es wird euch einleuchten, daß ihr euch selbst ins Unglück stürzen würdet.
Weiter, wisset denn, daß dort, wo deutsche Truppen im Lager liegen, es chinesischen Beamten doch erlaubt sein wird, ihren gewohnten Pflichten nachzugehen. Sollten die chinesischen Beamten aber in Zukunft von ihren Vorgesetzten Befehle erhalten, die auszuführen nicht in ihrer Macht ist, so sollen sie die Umstände dem deutschen Gouverneur, dem General Tschu (?) oder dem Brigade-General Tsai (?) melden. Was den Ankauf oder Verkauf von Land von jetzt .. b anbetrifft, so muß man, damit derselbe gesetzlich sei, zuerst die Erlaubniß des Gouverneurs einholen. Mögen alle dem Obigen Gehorsam leisten. Eine wichtige Proklamation.
14. Tag des November 1897 (nach deutscher Rechnungsweife). — 21. Tag, 11. Monat, 23. Jahr Kaiser Kuanghsü's (chinesische Rechnungsweise) L 8.
Beachtenswerth ist, daß in dieser Proklamation die Schlichtung der „Angelegenheit betreffend den Mord unserer deutschen Missionare in Schantung" als einziger Zweck der Besitzergreifung bezeichnet ist, während in dem gestein von uns besprochenen Abkommen zwischen Deutschland und China von dieser Angelegenheit kein Wort gesagt wird.
Geschichte drr Wemiihle
und drr Gutsrrlet'schen Familiezu öorsch.
(Aus den Familien-Papieren.)
Joh. Adam Gutberlet gebürtig aus Gruben ohnweit Hünfeld erblikte*) das Licht der Welt im Jahre 1700. Er kaufte die Ulstermühle in Borsch im Jahre 1723, welche damals in so schlechtem Zustande war, das vorher in wenigen Jahren mehrere Besitzer darin gewesen, wovon keiner hat bestehen können. In den ersten Jahren
*) Die Schreibweise der Originalschriftstücke ist bei behalten.
des Mühlenbesitzes hat schon der Prozeß mit der Gemeinde wegen dem Ulsterbach angefangen, sie machte ihm den ganzen Platz um die Mühle streitig, und es ist noch aus den alten Akten zu ersehen, wie er sein Leben lang deswegen hat streiten müssen. I. A. Gutberlet hatte lange mit der Noth zu ringen, weil er von der Gemeinde verfolgt, in Kosten gebracht wurde, und nicht viel verdienen konnte. Er baute im Jahre 1747 eine Schneidemühle, da vorher eine Walkmühle war. Man konnte nachher mehr verdienen, weil es damals noch an Schneidmühlen fehlte, und man sich nun nicht mehr auf den Verdienst seines Dorfes za verlassen brauchte. Er endigte sein Leben nach grosen Mühseligkeiten und starb int Jahre 1766.
Im Jahre 1767 ist von der Regirung zu Fuld, dahin Gutberlet 1761 appelirt hatte, ein Urtheil an die Gemeinde Borsch ergangen, daß sie jährlich den Mühlgraben unterhalb der Ulster- brüke auszufegen schuldig sei. Dagegen appelirte die Gemeinde an das Reichs-Kammergericht zu Wetzlar, dadurch wurde der Prozeß unendlich. Als die Ulsterbrüke im Jahre 1789 vom grosen Wasser weggerissen wurde, baute die Gemeinde eine neue Brüke, aber nicht auf die alte Stelle drüben wo damals das Wasfer an dem Ulster- aker hinlief; fondern die Brüke wurde an den Mühlgraben angesetzt und ein neues Flußbett gegraben, welches der Mühle sehr schädlich war, indem nun das Wasser wenn es groß wurde sehr stark in den Mühlgraben fiel und zurük stemmte.
Der Sohn des Joh. Ad. Gutberlet namens Johannes Gutberlet beschwerte sich gegen diesen Brükenbau und gegen die offenbare Ungerechtigkeiten. Er erlangte mehrere Inhibitionen von der sürstl. Regierung zu Fuld, diese sollten verloren gegangen sein und der Brükenbau wurde fortgesetzt und vollendet. Das alte Flußbett wurde ausgefüllt, ein neues näher an den Mühlgraben hin aufgegeben wo vorher zwischen der Brüke des Mühlgrabens und des Hauptstromes ein groser Kiesplatz war. Bisher war alle Bemühung in dieser Prozeßsache fruchtlos geblieben, und die Mühle war durch die Bosheit der Gemeinde- Nachbarn in eine schlimme Lage versetzt. Johannes Gutberlet hätte die Sache vieleicht noch ausgeführt, denn er hat so lange er lebte deßwegen alles Mögliche gethan, allein ehe er das unter« brühe Recht erlangte, endigte er fein Leben durch folgenden Unglücksfall: G. hatte einen Nachen gemacht, die Tiefen der Ulster wurden damit befahren, um vorzubauen. Bei diesem Geschäft kippte der Nachen, wohl eine Folge der lieber« ladung. G. fiel in's Wasser schwamm eine Weile erfaßte das Weidegestrüpp, und ehe rechte Hilfe kam war er tobt. Der Herr Pfarrer Semmler warb gerufen, aber es war zu spät. Es war am 24. November 1791.
Nach bem Tobe des Johannes Gutberlet befand sich die hinterlassene Wittwe in äuserst schlimmen Umständen. Die Aussichten waren so traurig, daß es auch einem beherzten Manne dafür grauen mußte. Denn da die Gemeinde oder die den Prozeß betrieben schon lange an der Unterdrükung unsere Mühle gearbeitet, sie auch schon in eine böse Sage versetzt hatten, auch noch wirklich fortsuhren ihr Schaden zuzufügen so war es höchst gefährlich da länger zu bestehen. Doch der Schutz des Herrn geht über alle menschliche Anschläge und es zeigt sich hier und in dem Fortgang unserer Geschichte ganz offenbar, daß der Mensch auch in der grösten Verlegenheit und bei aller Verfolgung durch ein festes Vertrauen auf Gott, durch Rechtschaffenheit und Fleiß seine Noth überwinden, auch oft wieder in bessere Umstände gelangen kann und also in keinem Falle verzagen darf. Die Wittwe brachte wirklich die Haushaltung fort. Ihr Schwager Joh. Jak. Gutberlet stand ihr mit seinem Rath zur Seite. Der Gemeindeprozeß war noch pn Bewegung man baute immer vor und trieb das grose Wasser auf die Mühle.
Die Wittwe hatte nachher einen andern Prozeß mit der Gemeinde wegen der Gemeintheile für die wüste Baustätte. Dieß kostete viel und machte große Umstände. Das Amt kam her und nahm Sindicate auf. Es kam auch auf die Regierung zu Fuld. Endlich erlangte man die gemeintheile unter der Bedingung, daß im Häuschen auch das Nachbarrecht gebaut werden muste. Dieß geschah im Jahre 1795. Die Wittwe starb in ihrem 40. Lebensjahre den 28. April 1796. Ihr Vater Melchior Hartung besaß die Hvf- reithe neben dem Schulhause hier. Von 1796 bis 1806 sind Familienverhältnisse zurükgestellt. Im Jahre 1806 wurde eine Walkmühle angelegt, die Welle war in den Zapfen der Schlagmühle gesteckt und mitgetrieben. Es wurde nun Beite waare, Garn und Strümpfe gemalten.
Im Oktober und November l. I. trieben die Franzosen viele gefangene Preusen auf der Chaussee vorbei. Diese wurden des Nachts in
die Kirchen getrieben und von hier muste man viel Brod nach Buttlar liefern. Und da das Fürstenthum Fuld, welches vom Jahr 1802 an, der Prinz von Oranien regirt hatte, nun von den Franzosen beherrscht wurde, so mußte man bald nach der Besitznahme, welche im Oktober 1806 geschah, sehr viel Tafelgelder und Brandschatzung bezahlen. Dieß war der Anfang des Krieges in unserer Gegend. Den folgenden Herbst 1807 gingen die vielen Einquartirungen, Lieferungen Fuhren und alle Kriegslasten erst recht los.
Zu Anfang des Jahres 1813 hatte man hier wieder viel Einquartirung, wo die Franzosen nochmal gegen Rußland gingen. Die Durchmärsche, Kriegsfuhren u. dgl. gingen das ganze Jahr fort.
Der französische Rettirat.
Nachdem der Kaiser Napoleon vom Jahre 1806 an mit Preußen und Rußland Krieg geführt, wo man in den folgenden Jahren hier so viele Durchmärsche, auch zur Zeit mehrere Monate lange Einquartirungen halte, so ging er im Jahre 1813 mit seiner ganzen Heeresmacht aufs Neue gegen Rußland. Aber da sich hier die grösten deutschen Monarchen mit den Russen vereinigt hatten um die Franzosen ganz aus dem deutschen Gebiete zu vertreiben so wurde der Kaiser Napoleon am 18. Oktober bei Leipzig geschlagen und mußte mit seiner ganzen Armee rettiriren. Die Franzosen zogen auf ihrem Re- tirat die hiesige Straße und die ersten Truppen kamen schon den 25. Oktober zu Buttlar an. Hier wurden die besten Sachen versteckt. Noch denselben Abend kam ein Trupp französischer Wagen, so von Kosaken auf der Chaussee bei Grüsselbach war aretirt worden, hier durchs Dorf und zog nach Bremen zu. Dienstag den 26. Oktober streiften einzelne Franzosen zu Pferd hier herum und baten um Brod und Schnaps. Einige versuchten auch zu plündern, wurden aber von den Bauern fortgeprügelt. In denselben Tagen ging der Zug auf der Chaussee Tag und Nacht in Einem fort. Den folgenden Tag da die Oestreicher Truppen über Dermbach durch Geis gekommen waren, wurde auf der Chaussee zwischen Rasdorf und Grüsselbach ein Scharmützel gehalten, und man hörte hier des Abends lange den Kanonendonner. Donnerstag den 28. Oktober wurde auch hier in Borsch geplündert. Es brach nämlich ein Trupp Franzosen von der Chaussee ab, welche Mittag 12 Uhr hier ankamen und das plündern ging an. Ehe wir die Franzosen sahen kamen viele Leute aus dem Dorf bei die Mühle die von ihren Häusern weggegangen waren. Als die Franzosen bei die Mühle tarnen gingen 5 Mann zur Hausthüre hinein und riefen Brod, Brod. Es entspann sich ein Wortwechsel weil es aber lauter junge Leute waren, wurde ein gröseres Unglück erspart. Da indessen mehr Soldaten eindringen wollten oeriegelten wir die Hausthüre. Daraus stießen die Soldaten die Thüre entzwei, drangen haufenweise hinein zerschlugen Thüren und Fenster und nahmen mit was ihnen anstand.
Die kleinen Schweinen und Enten nahmen sie mit, in der Mühle. Im Dorfe nahmen sie viele Hühner und Gänfe mit. Rindvieh und Pferde hatte man vorher weggethan. Das Plündern dauerte von 12 bis 4 Uhr, bann kamen noch Einzelne suchten Nahrung und baten um Gotteswillen um Brod.
Der Hunger dieser retirirenben Truppen war so groß, baß sie sich von ihren Offizieren nicht abhalten ließen in bie Häuser zu bringen. Auch nahmen viele bie keine Nahrung mehr fanben Sauerteig, Schuhfett unb dergleichen zu sich. Bei diesem Plündern wurde sehr viel aus dem Dorfe geschleppt, denn da in jedem Hause mehrere hundert Mann herum störten und doch jeder was erbeuten wollte, so wurde weise und schwarze^Wäsche auch Kleider mitgenommen. Deßgleichen auch Töpfe, Tiegel und allerlei Werkzeug, so daß viele Sachen fehlten die man keinen Tag entbehren konnte. Sogar die Nähnadeln fehlten. Die Ulstermühle kam bei dieser Plünderung noch glüklich durch, denn obschon es hier sehr toll zuging, auch nachher viele Sachen fehlten, fo war doch der Schaden nach dem Verhältnisse dessen was wir besaßen und was andere Leute eingebüßt hatten noch gering zu rechnen, denn alles was wir verstekt hatten, wurde von den Franzosen nicht gefunden. Eben an demselben Tage zog die Hauptarmee der Franzosen durch Buttlar; Sie machten auf der Höhe eine Stellung und da der Kaiser Napoleon besohlen hatte das Buttlar niederzubrennen um dem Feind Halt zu machen, so schossen sie mit Bomben hinein, und viele nachstreifende Franzosen so keine Gewehre mehr hatten, legten in allen Häußern Feuer an. Indessen brachten die Preußen einige Kanonen unterhalb Buttlar über die Ulster und schossen vom Stan- dorfberge auf die Franzosen, welche alsdann los- brachen unb fort zogen. Als hier bas Plünbern
gröstentheils vorbei war, fah man ben Dampf von Buttlar aufsteigen, unb bann erst empfand man noch größeren Schreken unb Angst, benn man fürchtete unser Dorf würbe ein gleiches Schiksal erfahren.
Denselben Abenb am 29. Oktober würben sehr viele östreichische Solbaten hier einquartirt. In ber Mühle hatte man 2 Stuben voll Offiziere nebst Bebienten. Der Prinz von Hessen-Homburg logirte im Haus Nr. 57. Den folgenden Tag tarnen Böhmen unb dergleichen Völker. Sie lagerben sich neben bem Dorfe, fielen hie unb ba ein unb foragirten. Uns nahmen sie bas Brob weg, bas erst geboten. Die allirten Völker nahmen viel, was man verstecken konnte würbe versteckt. Die Leute würben oft auf ber Gaffe ausgezogen.
Den 1. unb 2. November ging es hier besonders toll zu, bie Solbaten nahmen Pferde unb anberes Vieh mit, auch Leute, bie sie antrafen mußten mitfahren. Man hatte alle Tage Einquartirungen, man mußte babei Tag unb Nacht arbeiten unb konnte oft Abenbs erst ein wenig Suppe essen. Dabei fürchtete man es könnte noch fchlimmer werben. Pferbe bürste man nicht sehen lassen unb bie Bauern verstellen sie in bie Wälbern, würben aber doch viele mitgenommen, die Leute gingen weit nach und mußten doch Pferde und Wagen im Stiche lassen. Die Wintersaat war zur Noth ausgestellt, aber späterhin konnten die Bauern nichts mehr fahren. Das Kraut mußte heimgetragen werden. Man hatte damals die schlimmsten Aussichten, denn solange die Reibereien der fremden Völker währte, fürchtete man immer noch Hauß und Hof und alles zu verlieren. Nachdem nun fo viele fremde Völker hier durchgezogen waren, fo kamen zu Anfang des Dezember Kosaken, diese brachten das Nervenfieber her, woran fast alle Leute krank wurden, und sehr viele starben. Schon vorher war durch das fremde Vieh so durchgetrieben wurde, die Viehseuche entstanden, und es fielen hier mehrere hundert Stück. Die Noth war damals sehr groß. In vielen Häusern lagen die Leute alle krank, sie konnten sich also selbst nicht helfen, viel weniger ihrem Vieh. Wer noch gesund war, muste die Pflege bei Menschen und Vieh in mehreren Häusern besorgen. Da schon viele Leute gestorben waren, wurde die Epitemie errichtet, Medizin hergeschafft und ein Krankenwärter angestellt. Bei dem häufigen Sterben ward einem so bange, daß jeder alle Tage fürchtete die Reihe mögte an ihn kommen, denn es starben auch ganz junge und starke Leute, auch oft mehrere an einem Tage. Zuletzt wurde das Hinläuten verboten. Auch den ersten Christfeiertag wurden sechs Verstorbene denselben Morgen begraben, und auf dem nächsten Bruderfchastssonntag wurde für 36 die den verflossenen Monat gestorben waren, das gewöhnliche Gebet verrichtet.
Im Mai 1814 fingen bie Durchmärsche ber Russen, welche aus Frankreich zurückkamen, hier an unb bauerten bis in Juli. Die Einquartirungen waren so groß, baß viele Offiziere auf einmal ernährt werben muften. Desgleichen blieb man nicht verschont von vielen Bebienten unb Pferben. (Schluß folgt.)
Vermischtes.
* Aus dem Iamikienkeven eines österreichische« Abgeordneten. Madame: „Warum weint denn der Bubi fortwährend?" — Zimmermädchen: „Er sucht seine Trompete, seine Trommel, seine Mundharmonika, seine Pfeife — und ich suche die Feuerzange, den Trichter, das Reib isen, den Teppichklopfer, die Gartenspritze, die Klosetbürste ..." — Madame (vorwurfsvoll): „Aber Kathi, Sie wissen doch, daß mein Mann heute Sitzung hat und die Sachen braucht!"
* Sie- „Ich meine doch, Du solltest wieder zum Friseur gehen und dich nicht mehr selbst rasiren." — Er: „Fällt mir nicht ein — ich spar' mir doch eine Masse Geld jeden Monat." — Sie: „Ja schon, aber Fritzchen ist immer dabei und lernt's Fiuchen von Dir."
* Endlich. Köchin: „Aujust, heute bekommst Jänse- braten." — Gefreiter: „Endlich einmal ein geflügeltes Wort!"
* Mikderungsgrund. Vertheidiger: „Und dann bitte ich die Herren, auf den Geisteszustand des Angeklagten Rücksicht zu nehmen — er hat viermal geheirathet'"
Literarisches.
Der Jugend muß die Kindheit erhalten werden! Das ist eine so natürliche und doch so wenig erfüllte Forderung! Da darf man wohl ein Blatt, welches sich den ersteren Satz zu eigen gemacht hat, mit Freuden begrüßen, nämlich die prächtige, in ihrer Eigenart einzige, reichillustrirte „Kindergarderove", Verlag von John Henry Schwerin, Berlin. Wie ist in seiner Beilage: „Im Reiche der Kinder", in seinen Unterhaltungs- und Beschäftigungsspielen, in seinen prächtigen Modengenre- inlbern doch das Kinderleben so richtig erfaßt und wiedergegeben — ein Kinderblatt für Kinder! Und nun den eminenten praktischen Nutzen, den die Mutter und Kinderfreundin von den vielen Modenbildern, dem Schnittmusterbogen und den gratis (gegen 35 Pfg. pro Schnitt, die eigenen Selbstkosten) gelieferten Schnitten genau nach angegebenem Körpermaß hat! Wer das bedenkt, der wird bereitwilligst ein Abonnement auf „Kindergarderobe" zu 60 Pfg. der nächstgelegenen Buchhandlung oder Postanstalt aufgeben. Gratis-Probe-Nummern liefern erstere und der Verlag.