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Die erste Lesung der Zollvorlagen wird «och fortgesetzt. In der nächste Wochenschau soll ein zusammenhängendes Bild gegeben werden über den zweiten Theil ihres Verlaufes.
Bvm Kaiser gehen unausgesetzt Gerüchte in der Presse um, er habe einen Erlaß gegen die Duelle im Heere ausgearbeitet oder gar schon ergehen lassen. Eine handgreifliche Bestätigung dafür haben wir noch nicht erhalten. Die kürzlich verbreitete Nachricht, er habe dem Leibregiment in Potsdam eine Strafrede wegen der noch immer vorhandenen Duellneigungen gehalten, gehört von Anfang bi» zu Ende in das Reich der Fabel. Eine in Oesterreich veröffentlichte Kundgebung gegen daS Duell, meist von Adeligen unterzeichnet, hat augenscheinlich tiefen Eindruck hinterlassen.
Gemeinsame Maßregeln gegen den Anarchismus und seine Verbreitung werden von Deutschland und Rußland de» anderen Mächten in eine« gleichlautenden diplomatischen Rundschreiben vorgeschlagen. Italien und die Schweiz sollen bereits grundsätzlich ihre Beistimmung ausgesprochen haben, und von erheblicher Bedeutung ist es, daß auch in den Bereinigten Staaten von Amerika immer mehr die Ueberzeugung von der Nothwendig- keit sich Bahn bricht, der weiteren Ausbreitung dieser modernen Pest einen wirksamen Damm entgegen zu setzen. Im Senate von Washington ist von den Senatoren Mac Comas und Hoar ein Antrag zur Bekämpfung den Antrag eingebracht worden, in dessen Begründung sehr richtig auf die Pflicht der Bereinigten Staaten hingewiesen wird, in diesem Sinne vorzugehe»; denn gerade in den Bereinigten Staaten von Amerika sind die Haupt- brutstätten des Anarchismus zu finden, noch schlimmer als in Italien, und der gute Ruf der Unionstaaten verlangt eS, daß nicht von ihnen alle die Anarchisten- Mörder ausgehen, die die Welt beunruhigen. Ueber die Anträge, die scharfe Strafen für die anarchistischen Wühler auSsetzen, wird demnächst im Senate verhandelt werden.
im Königreich» Sachsen nicht gesprochen werben könne. Aehnlich so steht e» im Oberschlefischen Jndustriebezirke aus. Dort brauchten nur wenige Arbeiter aus der Arbeit entlassen zu werden; freilich mußte man vielfach die Arbeitszeit abkürzen um möglichst viele Arbeiter beschäftigen zu können. Die Königshütte und Laura-Hütte, zwei der allergrößten Unternehmen in Schlesien, haben zum 1. Januar allen ihren ausländischen, meist galizischen Arbeitern gekündigt, um unbeschäftigte deutsche Arbeiter an ihre Stelle zu setzen. Das ist hart für die Galizier, aber unerläßlich nothwendig im Interesse der deutschen Arbeiter.
In der bayerischen Kammer der Abgeordneten hat sich ein Sozialdemokrat ausnahmsweise einmal ein Verdienst erworben, nämlich der Abg. Dr. Freiherr von Haller, der die skandalösen Vorgänge bei der Nürnberger Schuckert-Ge- sellscha ft zur Sprache brachte und seine Verwunderung darüber aussprach, daß die Justizverwaltung so ruhig dabei zugesehen habe. Am letzten Montag antwortete der Justizminister Freiherr von Leonard darauf und vertheidigte sich und seine Verwaltung sehr ausführlich: Die Nürnberger Staatsanwaltschaft hat eingehende Untersuchungen über den Fall angestellt, aber keinen Anlaß zum sttasrechtlichen Einschreiten gefunden. DaS ist ein neuer Beweis dafür, daß unser Attiengesetz der Reform bedarf. Auch von der Einheitspostmarke ist die Rede in der bayerische« Kammer gewesen: Bayern behält seine eigene Postwerthzeichen — so lautet'6er Hauptgrundsatz in einer Ausführung des Herrn Ministerpräsidenten darüber.
Ein alter, und nichts'weniger als anmuthender Streit ist im Großherzogthum Sachsen-Koburg- Gotha zu Ende geführt worden, nämlich der Streit um die gothaischen Domänengüter, der nicht weniger als 50 Jahre gedauert hat. Nach der neuen Regierungsvorlage wird das gesammte Domäneneigen- thum der HerzogthumS zu gleichen Theilen zwischen dem Staate und dem herzoglichen Hause getheilt, wobei dem Letzteren die Auswahl seiner Liegenschaften freisteht. Die Schlösser verbleiben der Krone. DaS Rcchl deS Publikums zum Betreten der Wälder bleibt bestehen. DaS Abkommen ist sehr wichtig für daS Hrrzogthum. Wenn daS herzogliche Haus nämlich einmal verlöschen oder aufhören sollte, die Regierung auszuüben, würde daS gesammte Domäneneigenthum in den Besitz der Erben übergegangen sein, nnö daS würde nichts andere» gewesen fein, al» eine Z rstörung der Selbständigkeit de» HerzogthumS.
Eine herrlische katholische Kundgebung ist der württe mbergische Katholikentag, der in Ulm abgehalten wurde. Die Massen der o "chienenen Katholiken warm kaum unterzubringen, uns mit hoher Begeisterung wurden die Redner angehört und gefeiert, so namentlich der Reichstagsabgeordnete Gröber und Redatteur Eckard au» Stuttgart.
Der österreichische Parlamentskarren wird mit vieler Mühe weitergeschoben durch den Schlamm, in dem er festgefahren ist. Ministerpräsident von Körber mußte am letzten Montaa schon wieder einmal mit der Aufhebung der Verfassung und der Rückkehr zum absoluten Regiment drohen, wenn das Parlament nicht eifriger die Budgetarbeiten fördern würde. „Lassen Sie da» Parlament nicht schuldig werden' — rief der Minister dem Abgeordnetenhause zu. Wird's waS Helsen? Gott gebe es; aber die Hoffnung ist schwach genug.
Die Errichtung einer südslavischen Universität ist vom Abgeordnetenhause abgelehnt worden. Die Slaven wollen den Staat in Anspruch nehmen für ihre nationalen Anforderungen. Die Katholiken machen e» anders und besser: Sie wollen eine freie katholische Universität aus eigenen Kräften in dem schönen alten Salzburg errichten. Im November war der österreichische Episkopat in dieser Angelegenheit versammelt und hat ein bischöfliches Universitäts- Komitee zur Betreibung dieser Angelegenheit eingesetzt. Muthig voran! — schließlich wird da» Werk doch gelingen!
Der russische Finanzminister von Witte kann es nicht unterlassen, den neu entworfenen deutschen Zolltarif zu bekriegen. Sein Petersburger Organ ,Wjest« nik Finanzow', brachte in diesen Tagen wieder eine Kundgebung des Herrn Ministers; aber sie ist weder sehr eindrucksvoll, noch klar. Der Hauptinhalt läßt sich etwa so ausdrücken: Entweder es bleibt alle» beim Alten, ober es kommt anders; und wenn es anders kommt, bann wirb bie russische Regierung da» Zollbeispiel Deutschlands nachahmen. Dagegen hat tritt Deutscher etwas einzuwenden. Besonders hervor- zuheben ist, daß Herr von Witte feine früheren Drohungen mit Zollkrieg sich vollkommen abgewöhnt hat. Er hat wohl gerne, ft, daß die-Deutschen Herren im eignen Hause sind und bleiben wollen.
Aus dem Wege über Rußland kam zum Besuche nach Berlin der japanische Staatsmann Marquis Ito, sehr einflußreich in seinem Heimathlande, obwohl er nicht mehr Ministerpräsident ist. Er wurde von dem Reichskanzler empfangen, und man glaubt, daß feine Reise in der Hauptsache handelspolitische Zwecke verfolgt.
Ein unglücklicher Vorfall ist aus Tientsin zu verzeichnen: Ein Soldat des vierten indischen (also britischen) Pundschab-Regimentes verfiel in Raserei (Amok), erschoß zwei Mann seines eigenen Regiments und drang dann in daS Proviantamt der deutschen Brigade ein, wo er wiederum mehrere Schüsse abgab. Der Kontrolleur Ehlert wurde lödtlich davon verletzt, außerdem erhielten noch drei Deutsche Verletzungen. Der englische Generalmajor Creagh hat dem deutschen General sofort sein tiefe» Bedauern über den Vorfall ausgedrückt.
Wochen-Flunöschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 14. Dezember.
Me erste Lesung der Zolltarif - Vorlagen im Reichstage ist am letzten Dienstag unterbrochen worden durch die Besprechung einer Interpellation der Pole«, eingebracht vom Fürsten Radziwill, wegen der Vorgänge in Wreschen. Wie man ja weiß, waren dort Schulkinder polnischer Zunge in barbarischer Weise gezüchtigt, man kann sagen gemißhandelt worden, weil sie — und zwar alle auf Befehl ihrer Eltern! — in dem deutsch er- chellte« Religionsunterrichte keine Antworten auf die an sie gestellten Fragen gegeben hatten. Die Bevölkerung von Wreschen gerieth darüber in hohe Erregung, und viele Leute, die glaubten, ihre Kinder seien unter den Gezüchtigten, rückte« nach der Schule, um sie zu befreien. Es erfolgte eine Anklage wegen Landfriedensbruch, verhandelt in Gnesen, und viele dieser Leute wurden zu harten Gefängnißstrafen ver- urthellt. Die Polen benützten diese Angriffe zu einer heftigen Agitation in allen polnischen Ländern, und so kam es zu den bekannten Polen- «uSschreitungen in Warschau, Krakau, Lemberg- Aber bie russische unb österreichische Regierung leisteten ber deutschen Reichsregierung alsbald alle erforderliche Genugthuung, so daß Reichskanzler Graf Bülow dem Fürsten Radziwill auf seine Anfrage mit voller Berechtigung antworten konnte, es sei ihm nicht daS Mindeste davon bekannt, daß das Ansehen de» Reiches im Auslände durch diese Vorgänge gelitten habe, lieber die eigentlichen Vorgänge in Wreschen selbst verweigerte der Kanzler de« Bescheid: Dies, sagte er, gehöre in den preußische« Landtag — und verschwand zu derselbigen Stunde mit allen anwesenden Mitgliedern des BundeSrathes ans dem Reichstage. Den besten Fürsprecher fanden die Polen in dem Centtum»-
abgeorbneten 8t o er en, ber für alle bie polnischen Angriffe der letzten Zeit gegen daS Centrum nur glühende Kohlen auf die Häupter der Polen hatte. An diesem ersten Tage konnte die Besprechung nicht beendet werden. ES sind noch elf Redner zum Worte gemeldet, darunter der CentrumSabgeorbnete Dr. Bachem. Wann bie Fortsetzi sprechung stattfinden wirb, ist noch stimmt.
Der Streit ber Sozialdemokratie mit den Hamburger A kkordmaurern ist nun beendet: Kein einziger «Horbmaurer hat sich den gewaltthätigen Forderungen der Herren „Genossen" gefügt, und so sind sie aus der sozialdemokratischen Partei-Organisation ausgeschlossen worden. Dadurch hat aber ber Verein ber Akkordmaurer nicht an Mitgliedern verloren, sondern im Gegentheil gewonnen: Während der letzten Wochen sind dem Vereine 33 neue Mitglieder beigetreten. In Berlin hat sich ein großes Arbeiterkartell gegen die Sozialdemokratie gebildet, hinter dem bereits jetzt mehr al» 12000 Arbeiter stehen, darunter namentlich alle christlichen Arbeitervereine von beiderlei Bekenntniß. Zunächst wird dieser Kartellverband gegen die Sozialdemokratie bei den Gewerbegerichtswahlen zu selbe ziehen.
Bon der.«Jbeit»losigkeit war in diesen £ogen in der zweiten sächsischen Kammer die Rede. ------ —,
S» wurde fist gestellt, daß von einer eigentlichen Noth diesmal ttügerisch, wie immer öoigcr. Präsident
28. Jahrgang.
Inwa, Samstag, dm 14. Dezember 1901.
JE 287.
Krüger ist aber noch sehr weit entfernt davon, den Muth zu verliere«. Umgekehrt hat er erst in diesen Tagen seine Ansicht dahin abgegeben, daß er „seit Beginn de» Krieges noch nie so voll von Hoffnung auf einen guten Ausgang der Burensache gewesen sei, wie eben jetzt". Bon dem britischen Befehlshaber Kitchener wird gerüchtweise gemeldet, daß er todtkrank sei; eS fehlt eine sichere Kontrolle über die Verläßlichkeit bet Nachricht. Aber sie klingt an sich gar nicht nnwahrscheitüich. Warten wir es also ab!
+ Itokt HkiWtik SdndaifiiM.
Wie im vergangene« Jahre find auch jetzt wieder bei Einkitt deS Winter- »ach einem übermäßigen Krankenandrang im Frühjahr und Sommer in der Heilstätte Oberkaufungen bei Kassel eine Reihe von Plätze» unbesetzt geblieben. Der Grund hierfür ist darin zu suchen, daß man noch vielfach de» Winterkuren mit großem V oru rth ei le gegenübersteht. Während die Lungenkranken der deffer fiiutrten Stände jetzt schon so von den günstige« Erfolgen einer Freiluftbehandlung im Winter find, daß die für derartige Patienten bestimmten meist recht theueren Privatanstalten im Winter durchschntttlich besser besucht find alr im Sommer, herrscht in den Kreisen, aus welchen fich die Patienten der Volks« Heilstätten rekrutiren, »och weitverbreitet bte für Viele so verhängmßoolle Anficht, daß Langen- kranke eigentlich nur i» der sogenannten „günstigeren Jahreszeit", worunter ma» schlechthin die warme oder wärmere Jahreszeit versteht, erfolgreich behandelt werden könne». Demgegenüber verdient r- hervorgehoben zu werde«, daß zu keiner Zrtt des JrhreS die Heilerfolge bei Lungenkranken i» den Heilstätte» schlechter find, als gerade t» den heißen Monaten u«d zu keiner Zeil besser, als i» einem klare», kalten Winter.
Diese allgemein durch die Erfahrung bestätigte Thalsache ft b t i)re Erklärungen darin, daß eS fich bet einem uoerkalöse« Lungenleiden — u»d hierher gehören oor Allem die Erkrankungsforme», die man noch immer mit dem falschen und so trügerischen Shnten „Langenspitzenkatarrh" bezeichnet — nicht um einen einfache« Katarrh handelt, sonder» um eine Erkrankung de- Lungen- gewebes selbst, die nur dadurch auSheilen kann, daß auf dem langsamen Wege durch den Stoffwechsel allmählich der ganze Körper mit seinen Säften und Geweben an Widerstandskraft gewinnt und gesünder wird. Ist der Körper schlaff, der Appetit schlecht, wie es im heißen Sommer oft zu sei« pflegt, dann erfolgt dieser Heilung-, prozeß nur langsam und schwer; umgekehrt aber tritt der Erjolg der Kur in der erfrischenden, den Körper mächtig anregenden Winterluft weit schneller ein.
Sind so auf der eben Leite die Erfolge der Wtnterkur mit die besten, so ist anderseits das HinauSschieben des KmanfangeS zu keiner Zett oerhängnißooller für den Lungenkranke« als dann, wenn die Erkrankung tm Winter begonnen hat. Jeder hat ja gewiß schon die Besbachtunz gemacht, daß ei« Lungenkranker in etwa- vorgeschrittenerem Stadum fich unter de» gewöhnliche« häuslichen VeriMlrnffen gerade im Winter am schlechtesten fühlt und fich meist auch wirklich am meiste» verschlechtert. Ist es dann nicht selbstverständlich. daß auch der leicht an der Lange Erkrankte, bei dem aber die gleiche Erkrankung »0fliegt, fich zu Hause auch gerade im Winter am mttste« verschlechtern wird, selbst wenn es bei hm vielleicht nicht so augenfällig ist vlS bei dem schwer Kranke«? Seiber wird trotzdem so oft der Kuran sang dir zum Frühj idr hinruk- geschoben. U ib der Erfolg hiervon? lttbrrall tu den Lusgenheilfläkten macht man die Erfahrung, daß tm Velhältniß die meisten Gchwerkrankm und für eine erfolgreiche Behandlung Ungeeigneten tm Frühjabr in die InftiUea kommen; unter den im F ühjahr 1901 in die Heilstätte Oderkausungt« aufgenommenen Patieriteu mußten durchschntttlich ct. vier von zehnalL gu trex! wieder nach Hause geschickt werd««. DaS find aber btt Kranken, die tm Hrrbst oder Winter erkrankten, den Winter über zu Hause blieben und fich nicht entschließen konnten, sofort in (her Heilanstalt Genesung zu suchen. Biel Unglück hat jenes unselige Vorurtbeil gegen die Freiluftbehandlung von Lungenkcar.kr» im Winter schon so über manche Familie gebracht, welches hätte vermieden «erde« können!
Es ist immer ein schwerer Kampf, der sich gegen festgewurzelte, von den Vorfahre« ererbte Anschauungen richtet. Die Lungenheilstätten müssen zur Zeit eine« solchen Kampf vurchkämpfen: die Durchführung einer Frriluftbehrndlung bei Lungenkranken mitten im Winter steht eben in unoereinbarem Gegensätze zu den im Volke seit Iah-Hunderten herrschenden Anschauungen über bte Behandlung von derartigen Kranken.
Die Heilstätten werden mit diese« verkehrte« Anfichten mit der Zeit wohl ferttg werde«, weil fie die Erfolge für fich haben. Thatsachm beweisen und überzeugen endlich auch. Wer aber hilft freiwillig mit, daß mit diesem für viele unserer Volksgenosse» so verhängntßvolle« Borurtheile auch möglichst bald gebrochen wird? Ein gutes Wort findet oft auch eine« guten Ort. Biel Gute- könnte Aufklärung und Belehrung hier noch schaffe».
(AlS Antwort auf verschiedene Anfragen sei in Betreff der Heilstätte in Oberkaufunge« noch mitgetheilt, daß nach dem letzten VorstandSbe- schluffe in Zukunst — wahrscheinlich schon vom 1. Januar 1902 ab — den katholischen Pattenten in 14tägigen Zwischenräumen — wie es bisher schon für die evangelische» Pattente» der Fall war — durch ben regelmäßige» Besuch eines katholischen GeiMichen aus Kassel Gelegen- Helt geboten werde» soll, ihren religiösen Pflichten »achzukomme«. Bisher find die kräftigere« Pattenten auf ihre« Wunsch an einige» Sonntage» unter Begleitung einer in der Anstatt an- gestellten katholische» Schwester nach Kassel beurlaubt worden. D. Red.)
Sir Hrilnz eilt« ÄifgtMirtro.
Sine Begebenheit in einer russischen Steppe.
ES war schon spät, und in der feuchte« Niederung legte fich der blasse Abendnebel um Halm und GraS.
Da kam ein Wage» dahergefahren. An de« Pferde«, dem Anspanuen und dem Fuhrmann sah ma» eS: er war ein deutscher Kolonist vom alte» Schlage. Die stämmigen, gut gefütterten Braunen liefen in behaglichem Trab daher, ohne sich sehr anzustrengen oder zu beeile», und der Bauer in dem dunklen „Schirrock", bie Horn- pfeife im Muube, ließ langsam bte Peitsche über ben Pserderücken hergchen, als wäre e» der Pendel einer altersschwachen Uhr. ES «ar Martin Haller, gegen Abend trat Letzterer mit seinem graue» Koffer inS Dorf gekomme» und hatte nach Einem gefragt, der ihn heute Abend noch bis 9 Uhr zur Station bringen wolle: auf ein paar Rubel kämS ihm nicht an.
Dem Haller just auch nicht, aber der Weg «ar schlüpfrig und eS hatte sonst keiner beschlagene Pferde als er.
Wie fie nun dahinfahren und die Dunkelheü allmählich zunimmt, unterhalten fich die Beide« über mancherlei; denn ob der Kaufmann auch ein Russe von Geburt war, so sprach er doch ein gute» Deutsch. Gerade reden fie von deutsche» Kolonisten. „Ja, nehmt» nicht übel," lachte der Fremde, „ihr Deutschen seid doch im großen und ganzen ein sonderbare» Volk. Ihr schindet und plaget euch, baut Weizen und Frucht, und ben Verdienst und Vortheil haben doch andere davon."
„Mag sein," nickte der Haller.
„Ja, warum macht ihr denn nicht selber die Geschäfte? Keine Henne kratzt für Fremde die Körner au» der Erde," fuhr der Kaufmann fort.
„Wir find auch keine Hühner," antwortete Haller trocken, „zudem geht« oft beim Handel und den vielen Geschäften nicht ohne Lug und Trug ab, und die meisten von uns haben doch ein Gewissen."
„Gewissen! was ist Gewissen?" lachte der Fremde roh, „da« ist Einbildung, da» hat man euch vorgeschwatzt, und ihr wäret dumm genug, es auch Alles zu glauben. Was ist denn eigentlich da« Gewissen?"
Der Haller zog schon finster die Brauen zusammen, bte Art de« Reisenden behagte ihm nicht.
„Na," sagte er dann langsam, „ich bin nicht so geschult, daß ichs so korrekt von mir bringen könnte, wa» ich denke und glaube. Mer Gewisse», halte ich, ist die Glimme, die mir hier drinnen sagt, wa» Unrecht ist und Sünde vor Gott dem Herrn."
Bünde! Das ist mir auch wieder eine deutsche Erfindung! Hört mal, lieber Man», Sünde gibt'- gar nicht! Wrnn's auch einen Gott im Himmel geben wag — freilich gesehen hat ihn Niemand — so hätte er doch viel zu thun, wen» er nach jedem fragen wollte, danach, was der benlt und waS jener thut!"
Die Pritsche sauste schwer auf bie Hengste nieder, daß sie auffahren und den kleine» Bergabhang im Galopp hinan liefen. Oben zügelte der Bauer die Thiere, »ahm dir Hornpfrife auS dem Munde unb steckte fie in den Sttefelschaft; wen« er böse war, konnte er nicht rauchen.
„So, so," gab er dann zurück, Sünde gibt'- nicht? — Oder Ihr glaubt nicht daran?"
„Nein, gewiß nicht," erklärte der Fremde, „ich habe viele Bücher gelesen, russische, brutsche und auch französische, da ist es klar bewiesen, daß eS keine Sünde gibt. Es ist 'das Pfiffigkeit von den Pfaffen und schlau haben fir's angefangen, die ganze große Welt am Äängelbande ihrer Erfindung herumzusühren. Denn seht, gäb's keine Sünd