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Jfä 281.
Jutöa, Samstag, den 7. Dezember 1901.
28. Jahrgang.
für die übermächtigen AuSbeuter-Ringe und Trusts nichts Anderes als süße Höflichkeit!
Auch in dieser zuletzt abgelaufenen Woche ist das Gericht von Friedensvermittelungen wischen England und den Buren aufge- aucht. Danach sollte Herr Chamberlain aus dem Amte scheiden und Holland unterstützt von Frankreich und Rußland, die Vermittelung übernehmen. Wenn'S nur wahr ist!
Der Thronfolger in China ist abgesetzt worden. Dar war Prinz Putschun, ein Sohn des berüchtigten Prinzen Tuan, des wüthendsten leider unbestraft gebliebenen Gegners der Europäer und aller unvernünftigen Reformen. Wenn man daS als ein Zeichen für eine bessere Zukunft in China anlehen könnte, müßte man sich freuen darüber.
den Bezirken zu verwenden, in denen ihre AmtSthätig- kett nicht ungünstig beeinflußt werden könnte durch ihnen feindliche Sttmmung d. Bevölkerung. Die Kammer hat sich aber nicht befriedigt von dieser Minister- erklämng gefühlt, sondern mit 77 gegen 51 Stimmen den Antrag Heim angenommen. Gegen den Antrag stimmten die Sozialdemokraten, die Liberalen und fünf Mitglieder des CentrumS.
Gejellenvereme gethan hat.
Ja, der Gesellenoerein ist auch heute not» dem jungen Handwerker, waS er ihm in der Vergangenheit war: ei« Helfer in der Arbeit, ein Schutz in der Gefahr, eine Hrtmath in der Fremde! Unzähligen wird er das noch heute Tag für Tag und Stunde fflx Stunde!
Ja, der katholische Gesellenoeretn ist auch heute noch zeitgemäß! wie viele unter den neuen Organisationen, die auf ihre Weise nichts anderes erstreben, als woran er seit Jahren gearbeitet, mit denen er in den Grundlagen wenigstens sich eins meß und mit denen er gern Schulter an Schuller zusammen marschirt, nachdem er so lange allein hat gehen müssen.
Darum ist aber auch der Gesellenverein h.'ut« noch eine unbedingte Nothwkudigkeit Sein Grundsatz ist stets gewesen: „Da giltst nur sooie!, als du kannst; du kannst nur so viel, als du gelernt; aber du hast nur halb gelernt, wenn du nicht auch ein Mann von Grundsätzen, von Herz und Charakter geworden bist! Damit du vaS werdest, halte mit denen zusammen, die mit dir einer Standes, einer Streben-, einer lieber- zeugnng find!" Hierin liegt so recht die unersetzliche Bedeutung de- Gesellenvereins auch für unsere Zeit. Wa» er an Belehrung, an GemüthS- und Herzensbildung seinen Mitgliedern geboten, das ist noch nirgendwo ander« erreicht worden, und wird auch in absehbarer Zeit nicht im entferntesten anderSwo erreicht werde«! Aus ihm ist die Kerntruppe unseres heutigen Meister- staudeS h-rvorgegangen. Männer, die schon in jungen Jahren die Helle Freude ihrer Srnoffen und Vorgesetzten waren, und die in späteren
Jahren gehalten haben, waS sie in der Jugend versprochen.
Der Meisterstand hat in den Innungen ge- chafft, auch der Gesellenstand im Gesellenverein st an der Arbeit geblieben; doppelt erfreulich ist e« da, wenn nun in jüngster Zeit die Anzeichen sich wieder mehren, daß eie engere- Zusammenschließen beider sich wieder anbahnen will. Meister und Gesellen gehören zusammen, nicht nur in der Werkstatt, sondern auch im Leben und in ihren wichtigsten Jntereffen!
Damit da- Ziel aber erreicht werde, bedarf vor Allem auch der Gesellenverei» recht vieler tüchtiger Mitglieder. Adolph Kolping hat sterbend seinen Verein vor Allem de« christlichen Meistern und Eltern ans Herz gelegt; an sie ergeht auch jetzt am Grabe seine- Nachfolgers unser Ruf.
Christlicher Meister! Dein Werk ist nur halb gethan, wenn der Geselle sein Handwerk bei dir gelernt! Darüber hinaus soll eS deine Sorge sei«, daß ei» braver und religiöser Mensch auS ihm werde. Da- bist du dir und deinem Stande schuldig!
Christlicher Vater, christliche Mutter! Sure Verantwortung vor Gott und eurem Gewisien ist nicht zu Ende, wenn der Sohn da- Vater- Hau- verlasse». Auch in die Fremde soll euer Auge ihm folgen u»d eure Sorge soll e- sein, daß er da sich anschließt, da Vergnüge» und Erholung sucht, wo er beide- findet, ohne da- zu verlieren, waS eure treue Liebe und eure jahrelange Arbeit ihm mit hinauSgegeben!
Dazu aber habe» wir de» Gesellenverein! Ist er einmal erst auf der Höhe, auf der er stehen soll und kann, dan» wird e- auch um den Geselle»stand ander- auSsehen und dem ganzen Handwerk nicht fehlen, waS der schöne Gruß erfleht:
Gott segne da- ehrbare Handwerk!
haben.
Gestorben ist plötzlich, in Folge eines Blutsturzes, der freisinnige Abgeordnete Kammergerichtsrath a. D. Müller, Vertreter von Schaum- burg-Lippe im Reichstage.
DaS österreichische Abgeordnetenhaus hat einen wichtigen Beschluß gefaßt über die Aufhebung des Terminhandels, und zwar mit der mächtigen Mehrheit von 230 gegen 7 Stimmen. In dem Beschlüsse wird die Regierung aufgesordert, ihren Gesetzentwurf über die Börsenreform zurückzuziehen und das Unterkomitee des volkswirthschaftlichen Ausschusses zu beauftragen, einen neuen Gesetzentwurf mit dem gänzlichen Verbote des Terminhandels mit Getreide und Mühlenerzeugnissen innerhalb und außerhalb der Börse, mit der Androhung von Freiheitsstrafen für Uebettretungen und mit einer entsprechenden Reform der Produktenbörse. Im Laufe von sechs Wochen soll der neue Ent- wurf vorgelegt werden — das nennt man ganze Arbeit machen! mrf
In den Reihen der österreichischen Alldeutschen gibt es Zank und Streit. Karl Hermann Wolf, ihr Oberradaurcdner, mußte wegen eines Skandals und eines Duells, das die Folge davon war, sein Abgeordnetenmandat niederlegen, und nun gerathen, da der Führer fehlt, die beiden Gruppen der Alldeutschen, die Gemäßigten und die Radikalen, einander in die Haare. So mußte eS kommen bei Leuten, die Politik mit blinder Wuth treiben, ohne S nn und Verstand, ohne Rücksicht auf das Gedeihen ihres Landes!
Präsident Theodor Roosevelt hat seine Botschaft an den Kongreß der Vereinigten Staaten erlassen. Sie beschäftigt sich fast ausschließlich mit den wirthschaftlichen Fragen und zeigt durchweg das Bestreben auch des neuen Präsidenten, die wirthschastliche und nationale Geschlossenheit seines Lande- zu fördern und dem Handel und der Industrie der Vereinigten Staaten eine Weltherr- ,schäft zu erringen. Leider hat auch Herr Roosevelt
Wochen-Hwnöfchau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 7. Dezember.
Wie erinnerlich, hat die Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses im vorigen Winter sich auch ab. lehnend verhalten gegen die Beschwerde des freisinnigen Abgeordneten Peltasohn über die angebliche Zurücksetzung jüdischer Rechtsanwälte bei der Besetzung der Notarstellen. Den Juden will Niemand ihre verfassungsmäßigen Rechte verkümmern. Aber daS massenhafte Eindringen von Juden in Staatsämter will daS Volk auch nicht.
Hebet Die Reform des bayerischen Landtag s w a h l r e ch t e S hat sich der Wahlgesetz-Aus- schuß der bayerischen Kammer in folgenden drei Punkten schlüssig gemacht: Einführung des direkten Wahlrechtes und Bildung von einmännigen Wahl- ! reisen und Einführung der relativen Mehrheit. Einjährige Staatsangehörigkeit ist nothwendig zur Wahlberechtigung. DaS aktive und passive Wahlrecht beginnt mit dem 25. Lebensjahre.
Der von langer Hand vorbereitete Vertrag über die Regulirung deS ober« deutschen RheineS bis Basel ist nunmehr zwischen den be- theiligten Staaten Bayern, Baden und Elsaß- Lothringen abgeschlossen. Es handelt sich um die Regulirung der Strecke von Straßburg bis Sonder- Heim. Die sKosten betragen etwa dreizehn Millionen Mark.
In der badischen Kammer hat das Centrum die Annahme folgender Entschließung beantragt: „Die Kammer will, daß im Interesse der Friedens der Streit um die Zulassung der Orden beseitigt wird, und erklärt, daß sie nichts dagegen zu erinnern hat, wenn die Regierung in dem Sinne der Paragraphen 11 des Gesetzes vom Jahre 1860 Gebrauch macht, daß sie einige Männerklöster zuläßt."
Der StraßburgerWeihbischof.Freiherr Zorn von Bulach, hat am letzten Dienstag dem Kaiser im Neuen Palais bei Potsdam den vorgeschriebenen Eid der Treue geleistet. Von Berlin ist der Herr Weihbischof zu kurzem Besuche des Kardinals-Fürstbischof- Kopp nach Breslau gereist, um sich nachher unverzüglich nach Straßburg zu begeben. . ,
Die Pr ofessoren-Bewegung -ft so gut wie ins Wasser gefallen. Professor Mommsen hat zwar Zustimmungsadressen von vielen U-versitäten erhalten; aber in den meisten Fällen handelt es sich um Minderheiten, die Herrn Mommsen solche Adressen zusandten. Professor Spahn selbst hat in einem Briefe an den Rektor der Universität Straß- bürg erklärt, er fühle sich durch sein religiöses Bekenntniß in keiner Weise mehr oder anders beschränkt in der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, als jeder Anhänger einer anderen Weltanschauung.
Im Wiesbadener Wahlkreise mußte, wie bekannt, Ersatzwahl zum Reichstage stattfinden. Sie hat die Nothwendigkeit einer Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten Dr. Quav und dem freisinnigen Dr. Krüger ergeben. Dr. ©rüget wird in der Stichwahl ohne Zweifel durch die Hilfe der anderen bürgerlichen Parteien gewählt werden ; aber es ist doch nicht zu vergessen, daß diesmal die Freisinnigen in der Hauptwahl etwa 2000 Stimmen weniger als im Jahre 1898 und die Sozialdemokraten um ebenso piel mehr erhalten
Mi- Hu Gebet s»r die Uerstorbrueu Krlohuuug faxt.
ES war mitten im Novembermonat. Ungewöhnlich frühzeitig hatte sich der Winter mit aller Strenge eingestellt; die Natur lag schneebedeckt da;. die Luft war rauh und kalt und die Snkelnden Sterne am Firmament ließen mit estimmtheit darauf schließen, daß die Kälte über Nacht noch größer werden müßte, und fie war doch gegenwärtig schon unangenehm genug. DaS schien sich auch den vier jungen Leuten bemerkbar zu machen, die eben jetzt auS einem Tannengehölz hervorkamen. Ihren Kleidern nach waren sie wandernde Handwerker, undauS ihrer Unterredung war zu schließen, daß fie sich bei der Dunkelheit in der völlig unbekannten Gegend verirrt hatten.
„Wo zum T . . . . find wir nun angekom- rnrn?" rief der vordere, ei» stämmiger Bursche do» nicht gerade vertrauenerweckendem Aeußer».
„Laß den Bösen hier auS dem Spiele, KlauS," meinte ein anderer; „eS wäre schon beffer, wenn wir unfern Herrgott anriefen, daß er uns wenigstens ein menschliches Wesen entgegenschickt!" — Schweigend setzte der kleine Zug den Marsch fort.
„Gott sei Dank!" hieß e« auf einmal, „hier hört der Wald auf und drüben in der Ferne schimmert ein Licht, da muß ein HauS sein." In der Thal zeigte sich ein erleuchtetes Fenster.
Wie leicht erklärlich, zogen die jungen Leute nach dem Lichte hin. Zur Linken standen einige Tannen am Wege und unter denselben ein schlichte- Kreuz.
„Jedenfalls ist einer an dieser Stelle verunglückt," meinte einer der Burschen.
„Nun," entgegnete ein anderer, „dann wäre es vielleicht gut, einige Vater unser für seine Seele zu beten. Zeit und Stunde sind wahrhaft recht passend dazu." Und die Uebrtgen stimmten bei — bis auf einen.
„Wir müssen vorwärts, daß wir unter Dach und Fach kommen!" meinte dieser. „ES wird kälrer; wollen wir uns der Gefahr au-setzen, zu erfrieren?"
Allein er wurde überstimmt. „Davon erfriert man noch nicht so schnell!" hieß eS fast einstimmig. Und die jungen Leute blieben zum Gebete unter dem Kreuze zusammen, knieten fteiltch nicht nieder, aber der liebe Gott wird gleichwohl ihr Gebet nicht verschmäht haben. Da blieb allerdings dem Andern, der so große Eile zu haben schien, nichts übrig, als geduldig auSzuharren; gebetet hat et nicht, dafür eine .geistvolle" Rede von „Aberglauben" und „dumme- Zeug" vor sich hingebrummt.
„Nun, endlich fertig?" fragte er, al- die anderen ihr Gebet beendet hatten. ES ging wieder vorwärts, dem Lichtscheine entgegen. Aber so bequem und leicht ging der Weg dahin nicht. Di>- vier nächtlichen Wanderer waren schon etliche hundert Schritte vorn Kreuze entfernt, da wur»
Der krt|el Seselnvettii ii msnn Zeit.
Ein Wort an unsere Handwerksmeister und Gesellen.
„Unverständig, wie wir Menschen zu reden pflege», sagen wir: Adolph Kolping ist zu früh von u»S genommen worden, eben 52 Jahre alt. Sott weiß eS, wozu eS dienlich war, daß er ihn un- nahm. Im ganzen Gesellenverein v,» Hunderttausenden wird fein Name mit unendlicher Liebe und Dankbarkeit genannt. Möge der Ver. ei» die Lehren und Grundsätze wie vergessen, die Kolping ihm als heilige- Vermächtniß hinterlassen hat. Er bedarf seine ganze Kraft und seine volle Kolping'sche Rüstung, wenn er dem Materialismus unserer Tage wirksam entgegenarbeiten will und soll. Sei ihm Ko'pmg nicht nur Vater, sondern nun auch Fürbitter dort oben!"
Mit diesen wehmü htg-ernsten Worte» schließt daS schöne und überaus lesen-werthe Buch «Adolph Kolping, der S-sellenoater." Vor kurzer Zeit »un kam die traurige Nachricht, daß derjenige, der e« geschrieben und seinem langjährigen Freunde auf'- Grab gelegt hat, nun auch in die Ewigkeit hinübergegang-n sei: S. G. Schäffer, der zweite General - P ä''e- der katholischen Geselle»- vereine. Wiede-um haben, wie im Dezember 1865, Hunderte von Gesellen auS Nah und Fern und auch auS unserer Stadt am offene» Grabe gestanden und im Namen ihrer Brüder in der Hei- math versprochen, treu an dem Werke festzuhalten, dem er, wie Kolping, ei» Menschenalter hindurch seine ganze Kraft geschenkt hatte.
Der katholische Gesellenverein blickt auf em mehr alS 50jährigeS Bestehen zurück und ist mit jedem Jahre stärker geworden. Za de» Hu»derten von Vereinen, die ihm bet dem Tode feine-Gründer- bereit- angchörten, st,d unter dem »un verewigten zweiten Seneral-Präse- noch 728 neue hinzugekommen. Er ist Dabei innerlich geblieben waS er war, aber wie qa«z ander- ist die Zeit geworden, in die er sitz h-ute gestellt st ht! War eine Zeit lang ser krthMche Gesellenverein der einzige, der für das Mrmeeerliegenbe Handwerk eintrat, so regt e sitz beute an allen Enden. Neue Organifat onen, neu« Gründungen find entstanden uäD alle orts och in der Bildung begriffe. Wie steht zu ihnen der katholische Ge- sellenoerein? Vermag er auch heute noch dem Handwerk zu fein, was er ihm früher gewesen war? Ist er auch heute noch zeitgemäß? — Die Ant. wort kann dem nicht schwer fallen, der auch nur einmal einen Blick in da- Leben und Wirken der
Was so lange mit Spannung erwartet wurde, ist ' nü« gekommen: Die Berathung der Zollvorlagen . im Reichstage. Noch ist, da diese Zeilen geschrieben werben, die erste Lesung noch nicht beendet. Aber eS ' Kebt fest, daß die Vorlagen als Ganzes an eine beordere Kommission deS Reichstages zur Vorberathung Seben. Diese Kommission wird eine schwierige und ohne weife! sehr langwierige Arbeit haben; und dann kann erst die zweite Lesung im Plenum deS Reichstages beginnen, bei der nachher der Kampf der Freifinnigen und Sozialdemokraten einsetzen wird. WaS kommen werde, ist nicht entfernt zu vermuthen; aber schnell wird die Sache keinesfalls gehen. Aus den Reden dieser Tage ist dazu die Erklärung des konservativen Grafen von Schwerin-Löwitz zu ver- reichnen, daß die Konservativen der Tarifvorlage nicht mstimmen werden mit dem von bet Regierung vor- aeschlagene« Mindestzoll von 5 Mark für die hauptsächlichsten Getreidearten. Gerade der genannte Abgeordnete ist, wie bekannt, zu allem möglichen Ent. gegenkommen vom Standpunkte der Konservativen aus bereit Wenn also er die Vorlage ablehnen will, unter der vorbezeichneten Bedingung, muß man an- nehmen, daß er damit die ganze konservattve Partei hinter sich hat. Abg. Dr. Spahn vom Centrum hat seine Fraktion nicht in dieser Weise festgelegt; aber gleich dem konservativen Hauptredner hat er mit lebhaften und überzeugungSkräftigen Ausführungen dargethan, daß das Wohl unseres Vaterlandes auf der Erhaltung der Landwirtschaft beruht, daß unsere ganze Bolkskraft ihre Wurzeln im deutschen Bauernstände hat, und daß man darum im allgemeinen Interesse der Landwirthschaft Helsen muß, so weit dies nur irgend möglich ist. Von großer Bedeutung find die Ausführungen des Reichskanzler» Grafen Bülfow am zweiten Berathungstage. Da hat der Kanzler mit dem Jrrthum aufgeräumt, daß die Regierung den Abschluß von Handelsverträgen an Wichtigkeit über Alle« stelle. Die Regierung will nicht HandelSver- träge um jeden Preis abschließen. Die nationale Wohlfahrt steht voran, und Handelsverträge wollen die Verbündeten Regierungen nut unter der Boraus- setznng abschließen, daß die nationale Wohlfahrt gefördert, daß unseren deutschen Interessen dabei die nötige Rücksicht entgegengebracht wird. Da» lautet anders, als man es bisher in den Regierungrblättetn gelesen hat, erfteulich ander». Natürlich wünschen wir alle, daß neue Handelsverträge zu Stande kommen und zwar pünktlich zu rechter Zeit zu Stande kommen; aber sie müssen zu unserem Vortheile sein. Lieber keine Handelsverträge, al» solche, die un» schaden!
Der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, weilte unlängst als Gast de» Kaisers in Deutschland. Einige Blätter haben diesen Besuch mit politischen Angelegenheiten in Zusammenhang gebracht; aber sie haben damit sich augenscheinlich geirrt. Schon die Art und Weise des ganzen Auf- tretens deS hohen Gastes war so eingerichtet, daß der Besuch ganz und gar den Charakter einer persönlichen Handlung trug; der Erzherzog traf in Berlin in bürgerlicher Kleidung ein, und eS wurde mit großer Sorgfalt alles vermieden, daS dem Besuche einen politischen oder amtlichen Anstrich hätte geben können. t ,
Zu dem Ehezwiste in Hessen wird berichtet, eS bestehe die Veröffentlichung einer Urkunde bevor, die die Ehe de» großherzoglichen Paares ohne Angabe von Gründen trennen solle. Die Großherzogin wird ihren Titel behalten und bei ihrer Mutter bleiben; ihr Töchterchen werde einstweilen bei ihr bleiben; doch würde später der Vater gewisse Rechte über sein Kind gewinnen. Das Infanterieregiment Nr. 117 in Mainz, das den Namenszug der Großherzogin auf den Achselklappen trägt, soll nächsten» andere Achselklappen erhalten.
Eine wichtige Aenderung wird demnächst mit der Kom Mission für Arbeiterstatistik vorgenommen werden. Sie soll erweitert und gleichzeitig zu emer ^besonderen Abtheilung im Reichsamte des Innern gemacht werden. Die neuen Mitglieder sollen zu gleichen Theilen vom Bundesrathe und vom Reich», tage gewählt werden. Das ist noch nicht Die Schaffung eine» eignen Reichsarbeitsamtes. Aber ohne Zweifel nähert man sich diesem mit der Aenderung in der Einrichtung der genannten Kommission, und hoffentlich ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, in dem dann aus der jetzt neuen Abtheilung des innern Reichsamtes ein wirkliches Reichsarbeitsamt hervorgehen wird. Andere Länder sind nnS bekanntlich mit der Einrichtung eines solchen vorangeeilt und mit den Erfolgen desselben zufrieden.
Interessante Debatten hat die bayerische Ab- geordnetenkammer gehabt: Ein Stück Judenfrage ist dabei aufgerollt worden. Im Richterstande in Bayern gibt es viele Juden; wenigstens find sie stark darin vertreten int Verhältnisse zur Einwohnerschaft und ihrer Zusammensetzung. Da hat nun der CentrumS« abgeordnete Dr. Heim einen Antrag in der Kammer ein gebracht, die Regierung zu ersuchen, Israeliten wöglichst nur im Verhältnisse der Zahl der Israeliten M gejammten Bevölkerung in den Staatsdienst auf« zunehmen. Justizminister Frhr. von Leonrod, der die Spitze gegen sich und die Justizverwaltung ^türlich heransfühlte, nahm gegen den Antrag Stellung; aber er versprach, jüdische Richter nur i