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mit Ilnterhattungs -Meikage „IüuKrirte SoMtags-Zeitung"

M 275.

JuLöa, Samstag, den 30. November 1901.

28. Jahrgang.

M Freisinn und Sozialdemokratie.

In der jüngsten Zett sind in sehr vielen Städten Kommunalwahlen vorgenornmen worden. Nament­lich die Wahlen za den Stadtverordnete« - Ver­sammlungen in Berlin und Charlottenburg haben bereits za vielfachen Besprechungen Veranlassung wegen oer starken Erfolge gegeben, welche die Sozialdemokratie dort errungen hat. In Berlin konnte diese letztere einen vollen Erfolg verzeich­nen, wie er einer politischen Partei nicht häufig zu Theil wird. In Charlottenburg sind zwar die Stichwahlen der Sozialdemotratie nicht günstig gewesen, aber die sozialdemokratischen Minderheiten waren sehr bedeutend, so daß man trotz der Nieder- läge auch in diesem Falle von sozialdemokratischen Erfolgen sprechen muß. BemerkenSwrrth dabei ist, daß in Berlin freisinnige Bewerber der Sozial- demokratie entgegenstanden, in Charlottenburg aber nicht. In Charlottenburg hatten die bürgerlichen Parteien gemeinschaftlich Kandidaten aufgestellt, die als unpolitische bezeichnet werden, und diese trugen den Sieg bei den Stichwahlen davon.

Diese Vorgänge und Unterschiede in Berlin und Charlottenburg sind ohne Zweifel charakteristisch.

In beiden Städten herrscht in der Gemeinde­verwaltung die freisinnige Partei, und ehedem chatte diese in Berlin ebenso wie in Charlotten­burg da» Monopol in allen Stücken. In beiden Stäoten hat sich die Sozialdemokratie in ganz außerordentlicher Weise entwickelt, genau so wie in anderen, in denen die freisinnige Partei die­selbe Rolle spielte; als Beispiele dafür seien nur Breslau und Nürnberg genannt. Es ist überall dasselbe Schauspiel. Ueberall hatte vorher der Freisinn die Alleinherrschaft; überall wird er auf der ganzen Linie von dec Sozialdemokratie zurück gedrängt, theils schneller, theils langsamer, aber überall mit derselben tödtltchen Sicherheit; und das geschieht in den preußischen Städten unter der Herrschaft des Drsiklassen-Wahlsysiems! Wie anders war es bei den letzten Stadtwahlen in Köln. Dort macht das christliche Centrum Fortschrttte; dort bilden die Katholiken ein« feste Wehr gegen das Ueberwuchern der Sozialdemokratie.

In den thüringischen Städten waren ehedem «uch die freisinnige Partei und die bürgerliche Demokratie obenauf, in Verbindung mit dem Protestantenverein auf kirchlichem Gebiete. Der Protestantenverein mit seinem Anhänge bildet, wie man ja weiß, den äußersten linken Flügel dessen, was man überhaupt noch christlich im protestan­tischen Lager nennen kann Aber dem Pro- testantenvereinler verschlägt e» auch weiter nichts, wenn gelegentlich ein Kanzelredner die Gott­heit des Heilandes leugnet. Man kennt solche Fälle, beispielsweise in schärfster Form au« Bremen. Und diese Elemente mit ihren zer- setzenden und unter wühlenden Grundsätzen be­reiten überall auss allerbeste den Boden vor für die erfolgreiche Wühlarbeit der ausge­sprochene Umsturzprrtei. Zweifelsucht, Spötterei,

L« tat tot» «atz UkischeisMrs.

Rach dem Französischen von Henri Eauvain.

SS) ------ (Nachdruck verboten.)

Nach dieser Vorrede begann der Angeklagte seins Erzählung, die sehr lang war und bis Abends strbm Uhr dauerte.

Ich berichte Ihnen davon nicht alle Einzel- heften; die Zeitungen werden dieselben schon während der Dauer der Gerichtsverhandlungen veröffentlichen und Sie werden dann sehen, wie dieser verwegene unb kaltblütige Mensch so viele und entschliche Verbrechen verüben konnte, ohne in die Hände der Gerechtigkeit zu falle».

Er erzählte uns, wie seine leidenschaftliche Liebe zur Anatomie stets sein Unglück herbeiße- führt habe. Im Älter von fünfundzwanzig Jahren wurde er eines Mordes wegen nach Tayenne geschickt. Als er festgenommea wurde, hätte man nur unsichere Beweise gegen hn, ja wan glaubte sogar, sein Alibi nachweisen za können. Da sand man in seinem Zimmer den «rm des Ermordete«, den er mit staunenswerther «unst s.cwt hatte.

Bei diesem letzten Verbrechen, das ihm wahr­scheinlich den Kopf kosten wird, würde ick viel­leicht nicht daran gedacht haben, in jene- Neben« -immer einzudringen; hätte ich nicht vns Skelett des Herrn Brehat-Kerguen erblickt, ich hätte dann auch den ledernen Sack nicht gesunden, und die ^vunde, welche er mir in der Nacht vom Frei­tag an der Ferse bribrachte, hätte mich getödtet und die Straflosigkeit wäre ihm wieder auj's Jttue garantin gewesen.

Lässigkeit, Eigensucht, Hasten und Jagen «ach Gewinn kennzeichnen von jeher diese bürger­lichen Elemente; es ist kein Wunder, daß die Folgen auf politischem und kommunalem Ge­biete so find, wie wir fie je länger desto schroffer kennen lernen. Und dabei kokettirt ja auch noch der politische Fteifinn ganz offen mit der Sozialdemokratie! Die Leidenschaft macht die Anhänger dieser Partei vollkommen blind — die Leidenschaft mit der sie wiederum jetzt die Erhöhung des Zollschutzes bekämpfen, die Mr unsere heimische Arbeit in Stadt und Land, in Gewerbe, Industrie und Landwirthschaft so vollkommen unumgänglich nöthig ist. Man wirbt offen um die Hilfe der Sozialdemokratie; man preist diese an als den natürlichen Bundes­genoffen bet diesem unnatürlichen Kampfe; der Eigennutz, der rücksichtslose, leidenschaftliche Eigennutz ist blind für das, was der Allge­meinheit frommt und nothwendig ist und sieht einzig und allein das liebe Ich. Apres noaa le deluge — nach uns die Zerstörung!

Zu den bedenklichen Kennzeichen dieses all- mählichen Aufgehens der bürgerlichen Demokratie in die Sozialdemokratie gehört ein Ereigniß, das in den jüngsten Tagen in Eisenach sich vollzog. Dort sind bei den letzten Wahlen zum Gewerbe­gerichte ausschließlich Sozialdemokraten gewählt worden, für die Arbeitgeber genau ebenso wie für die Arbeiter. Entweder also haben sich die liberalen Arbeitgeber in bekannter Nachlässigkeit wieder einmal ganz und gar nicht um diese Wahl gekümmert; oder aber die Arbeitgeber in Eisenach find zum größer« Theile Anhänger der Sozial­demokratie geworden — das Eine ein so scharfes Kennzeichen für den Zusammenbruch und die galoppirende Schwindsucht des Liberalismus wie das Andere.

Nur mit starken, eisenharten Grundsätzen, die ihre unverrückbare Grundlage haben in den Lehren und Anschauungen des positiven Christen- thums, kann man mit Erfolg den zersetzenden Einflüffen der Gegenwart einen Damm entgegen« s'tzm!_____ _______

Deutsches Weich-

Berkin, 29. November.

X Die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' veröffentlicht wetere Auszüge aus dem Meichs- HausHalts Ktnt. Für das Reichsamt des Innern belaufen sich die fortdauernden Aus­gaben auf 59852000 Mark gegen 54 574000 Mark im Vorjahre. Im außerordentlichen Etat sind 4 Millionen zur Förderung des Baues ge­eigneter Wohnungen für Arbeiter und gering be­soldete Beamte ausgeworfen. Im Etat der Post- und Telegraphen-Verwaltung sind die Em- nahmen mit 440629 000 Mark angesetzt, ein P'us von 20 l/i Millionen. Die fortdauernden Ausgaben sind auf 387 Millinnen, 23 Millionen mehr als im vorigen Etat, angesetzt. Die ein» maligen außerordentlichen Ausgaben belaufen sich auf 20345000 Mark für Fernsprechzwecken.

* Ein £>»tüftelt*b m-ldet sich im ,R:ichS- bsten' zum Worte und verlangt von diesem nmjlll» Ulll l lllfcll —I ■WPWI1IWM.I «WMEM1

Als der Untersuchungsrichter ihm sein Be­fremden ausdrückte, daß ein so gewandter Mensch wie er einen so gefährlichen Gesenstand aufbe­wahre, wie es das Skelett eines Ermordeten sei, da antwortete er:

„Nun ja, was wollen Sie? Der Gedanke kam mir oft. Einmal hatte ich es schon bis an den Fischteich getragen, um es zu versenken . . Doch das schien mir eine Schwäche zu sein und eine unwürdige Feigheit . . . Und dann war es so henl:ch gearbeitet ... es war ein wahres Kunststück, dar ich oft stundenlang betrachtete.

Er erzählte uns alsban«, rote er vor zehn Jahren den eifrigen Nachstellungen der Polizn fich zu entziehen gewußt; wie seine medizinischen Kenntniffe, die er nach seiner Flucht von Cvyrnne sich in Indien erworben hatte, es ihm möglich gemacht, zumal die Rolle des Doktor W'ckson zu spielen, und wie er fich unter bet Masks Eintritt in alle Zirkel von Paris verschafft und dadurch seinen Verfolgern plötzlich j-gliche Spur abgeschnitten habe.

Er sist wirklich ei« merkwürdiger Mensch. Noch niemals sah ich eine solche Verwegenheit und Kaltblütigkeit gepaart mit so großer Ge­wandtheit.

Uebrigens können Sie darüber selbst nrtheilen. Sie kennen ihn ja jetzt —, hat er nicht in allen Lagen eine ebenso große Unerschrockenheit al- feine Berechnung an den Tag gelegt?

Er besitzt eine große Erzählungsgabe und liebt )ie lebendige, bilderreiche Sprache.

Wir hörten ihm zu, wie man in Euren Pa­riser Salon- einem Reisenden zuhört, der von einem fernen Lande zurückkommt und seiner Er­zählung einen seltenen Reiz zu verleihen weiß.

Blatte die Veröffentlichung folgender E r« klärung: „Die fortwährenden Klagen des »Reichsboten' wider das Duell verpflichten mich zu der Erklärung, daß ich nach gewissenhafter Abwägung für Beibehaltung des Duells bin, was in meiner Schrift „lieber Ehre" klar und deutlich ausgeführt ist. Wiesbaden, 27. November 1901. Oberst Alfred Frei. Herr von Eberstein." — Die Welt wird sich mit dieser Thatsache abfinden müffen, bemerkt dazu der.Hannover'sche Kourier'.

+ Mevtüou im chrmginuer Prozesse. Die Begründung der Rsvifion in dem Prozesse wegen der Ermordung des Rittmeisters v. Krosigk stützt sich »ach einer Zeitungsmeldung lediglich auf die Thatsache. daß das Ober-Kriegsgericht gegen Martens und Genoffen zu spät berufen worden sei. Für die Verhandlung vor dem Reichs-Militär­gericht« würde also nur dieser Grund in Betracht kommen. Bekanntlich ist noch Manches bei diesem Prozeffe vorgekommen, das mit den Bestimmun- gen des Militär - Strafgesetzbuches nicht in Ein­klang zu bringen ist.

* Wsg«lir«ttg des HSerrtzeiies. In Baden-Baden ist am letzten Donnerstag zwischen den Regierungen von Baden, Bayern und Elsaß-Lothringen das Uebereinkommen abge­schloffen worden über die Regulirung des Oberrheins.

+ Snr Aetzaridlrmg der Aoüvorlageu i« Merchslage. Rach und nach hat fich heraus­gestellt, daß der Vorschlag, den der Abg. Eugen Richter in seiner.Freisinnigen Zeitung' gemacht hatte, in den Kreisen des Reichstages sehr geringen Anklang gefunden hat, nämlich die Zollvorlagen nur zum Theil an eine Kommission zu verweisen, zum andern Theil aber ohne Kommiffionsberathung sofort im Plenum zu erledigen. - Man hat zu er­warten, daß die Zollvorlagen in ihrem ganzen Umfange zur Borberathung an eine Kommission verwiesen werden, und zwar mit sehr starker Mehr­heit. Uebrigens wird oller Voraussicht nach die erste Lesung der Zollgesetzentwürfe weniger lebhaft werden, als man bisher im Allgemeinen wohl an­genommen hatte. Die voraufgegangenen umfang­reichen Auseinandersetzungen in der Press: haben ohne Zweifel luftreintg-nd gewirkt, sodaß nun so Manches im Reichstage nicht mehr gesagt zu werden braucht, was hätte gesagt werden muffen, wenn diese Aufklärungsgefechts in den Zeitungen nicht voraufgegangen wären. Am weitesten in ihrer Berathung der Zollvorlagen ist die konservative Reichstagsfraktion. Daß dieselbe bereits am Donnerstag die Ausführungen ihrer Referenten angehört hatte, ist in der ,Fuld. Zig.' bereits be­richtet worden. Es sind dies die Abgeordneten Graf Schwerin-Löwitz, Freiherr von Wangenheim und Graf Kanitz. Nach den weiteren Berathungen in der Fraktion ist als deren Ergebniß festzustellen, daß in einem Punkte vollständige lieber ein« stimmuna erzielt worden ist, näniiich darin, daß die vorgeschlagenen Zollsätze für die Bedürfniffe der Landwirthschaft nicht ausreichen. Bei der ersten Lesung im Reichstage werden die drei ge­nannten Herten reden.

+ MMgs MsAöaHLfsHrpreiss gehören zu ben valkstdümtichfte« Dinge« der Gegenwart.

Er erzählt seine Verbrechen mit der größten Unbefangenheit und scheint sich derselben sogar zu rühmen.

Wären nicht die Gensdarmen, die ihn umstehen, und die eisernen Bande, die seine Hände fesseln, so könnte man ihn für einen unserer Freunde halten, der uns seine Reiseabenteuer erzählt, nicht ober für einen Angeklagten, dessen Kopf schon zum Vorau« für das Schaffst bestimmt ist.

Die merkwürdige und starke Natur inieressi-te mich im höchsten Grade, und jetzt, wo der unglück­liche Guerin gerettet ist, möchte ich beinahe Alles aufbieten, um <bje Todesstrafe von Rothe-Kugel abzuwenden. Es' wäre wirklich schade, wenn ein so außerordentlicher Mensch wie ein gemeiner Mörder unter dem Beile der Guillotine verbluten sollte.

Ich erwähne aus seinem Verhöre noch zwei Thaisachen, die auf die Ermordung des Brehai- Lenoir Bezug haben. —

Die Geständnisse, die er betreffs der E mordung des Herrn Brehat-Kerguen ablegte, stimmten genau mit den Enthüllungen der Uvonne überein.

Ich fragte ihn noch, warum er in der Nacht vom Donnerstag feine Gefährtin nöthigen wollte, das Schloß zu verlassen, um nach Rennes zu fliehen, und warum er, al« jene fich weigerte, den Ent­schluß gefaßt habe, dieselbe zu tödtrn.

„D," antwortete er, „tdj dachte mir wohl, Sie seien mit mir gekommen, um meine Hand­lungen auszuspähen und meinen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, allein hätte ich Sie nicht gefürchtet. Ich wußte wohl, daß Sie von dem alten Gärtner niemals etwas über mich erfahren würden, denn was hätte er Ihnen sagen können, er, der mich stets für seinen wahren Herrn ansah.

D MeimMschrr Karrdtag.

Am Montag den 25. November nahm der Wei- marjsche Landtag für eine kurze Session wieder seine Arbeit auf, um noch vor Jahrekschiuß einige Sachen zu erledigen, die eng mit dem neuen Etat verknüpft find und darum vor Beginn der neuen Etatsperiode, die mit dem 1. Januar 1902 ihren Anfang nimmt, er­ledigt sein müssen.

Die erste Sitzung ging mit erstaunlicher Ruhe von finite:,, und die vielen Zuhörer, die sich auf den Tri­bünen eingefundkn hatten, weil fie angenommen haben mochten, daß die Besprechung d?S Verlustes bei der Leipziger Bank einen interessanten Tag verspreche» würde, kamen wohl nicht ,anz auf ihre Rechnung.

Vor Beginn der Eitzuu-z brachte der konservative Abgeordnete Aeichmnltz eine Jntr-vellation ein: „Welche Stellung hat die Großherzogl. Staatsregierung im Bundesrathe in Betreff 6t8 ZolltariseS bezüg­lich der Landwi-->s.Vt einzenommen?'

„Ader ich ffiru/t ■ ‘ ,7»nne. Die Frauen sind den Gewissensbissen und v«. xienanfäHen ausgesetzt. Wenn Sie ihre Gegenwart un Schlosse erfahren hätten — und die Folge hat bewiesen, daß meine Vermuthun; begründet war — so hätten Sie dieselben zum Sprechen geuöthigt. DaS ist der Grund,' warum ich sie nach Rennes schicken, usb als sie drfsin sich weigerte, sie tödten wollte."

„Aber wenn Sie wußte«, wer ich war, warum haben Sie mich denn nicht aus dem Weoe geschafft, wie S:e es mit Joanne thun wollten?"

„Ich will es Jhlren sagen. Als Sie in Paris um einen Dienst bei mir nachgesucht haben, hielt ich Sie wirklich für einen Menschen vom Lause, der mir rbenso ungefährlich als dumm zu fein schien. Sie waren m»isterhaft verkleidet. Ich habe Sie mit Freuden in meine Dienste genommen, denn im Zimmer des Verstorbenen war gar Manches zu ordnen. Den Verwalter wollte ich zu dieser Arbeit nicht verwenden, denn ich fürchtete fein Geplauder und seine Neugierde; andererseits hatte zwei Tage zuvor ein jesger Advokat, dem ich in der UnivstfitStSstraßs begegnete, mich an der Hüfte so verletzt, daß mir das Bücken unmöz- ltch wurde.

„Ich nahm Sie also in meinen Dienst, ent- schloffen, bei meiner Abreise von Paris Sie wieder zu entlassen.

„Aber an dem Abende, Sie wissen bei Madame Breant babe ich Sie erkannt, al8 Sie mir gegenüber Platz nahmen; ich erkannte Sie an Ihren Augen, oeren Klarheit mir schon Anfangs ausgefallen war. Dieselben flößten

Wer für die Verbilligung der Personenfahr­preise auf der Eisenbahn eintritt, sei es mit dem gesprochenen oder mit dem geschriebenen Worte, der kann ohne weiteres auf ei« hör- williges und beifallslustiges Publikum rechne«. Nun ist es ohne Zweifel um billige Fahrpreise auf der Eisenbahn ein schönes Ding, und es ist auch sicherlich ein durchaus richtiger Grundsatz, die Eisenbahn als eine Einrichtung des Verkehrs,. als eine Veranstaltung im Interesse des Volkes zu bezeichnen, die nicht hauptsächlich nach fis­kalischen Gesichtspunkten behandelt werden darf. Aber alles hat feine Grenzen; und auch bei dem Personenverkehr auf der Eisenbahn muß der Staat als Unternehmer auf feine Rechnung kommen. In Ungarn hatte man vor einige« Jahren einen außerordentlichen wohlfeilen Zonen­tarif eingeführt; man ist genöthlgt gewesen, seine Sätze wiederholt zu erhöhen, weil der Staat sehr beträchtliche Summen bei der Per­sonenbeförderung zusetzte. Die russische Regie­rung hat bei ihren stbirifchen Bahnen die­selbe Erfahrung gemacht: D-r anfänglich ein­geführte Zonentarif mußte kürzlich vertheuert werde«, weil die Zuschüsse des Staates gar zu große werden. Jetzt hört man ganz genau das­selbe aus Oesterreich. In der „Gesellschaft öster­reichischer Bolkewirtbe" wurde jüngst über die Frage verhandelt, ob sich ein weiterer Ankauf von Prioatbahnen durch den Staat empfehle. Nach den Ausführungen des bedeutendsten Sach­kenners auf diesem Gebiete gelangte man zu der übereinstimmenden Ueberzeugung, daß durch die Einführung des Kreuzerzonentarifes die Personen­beförderung bei den größeren österreichischen Prioat­bahnen vollkommen unrentabel geworden ist, daß eine weitere Vermehrung des Personenverkehrs für diese Bahnen nur eine Vermehrung der Laste«, nicht aber eine Vermehrung der Einnahmen be­deuten würde. Man muß also auch damit sehr vorsichtig vorgehen, doppelt vorsichtig in der gegenwärtigen Zeit des wirthschaftl-che« Nieder­ganges. Alle Erfahrungen auf diesem Gebiete lehren, daß es mit dem Personenverkehr auf der Eisenbahn nicht so ist, wie mit dem Briefporto: bie Verbilligung der Sätze wird nicht in unbe­schränktem Maße ausgeglichen durch die Steige­rung des Verkehrs.

politische Nachrichten befinden sich im dritten Blatte.)