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mit Ilnteryaktungs Beilage „Illustrirle Sonntags-Zeitung" petersgaffe Ur. a (Harmonie).

U 272. JutHa, Mittwoch, dm 27. November 1901.

Dr. K. Weihnachtsbücherschau 1901' i.

(Nachdruck verboten.)

Im katholischen Deutschland regt sich allent­halben ein glückverheißender Fortschrittstrieb. Mit dem Verlangen nach voller staatlicher und bürger­licher Gleichberechtigung geht das Streben nach Er­weiterung und Vertiefung der Bildung, nach ver­mehrten Wettbewerb der Katholiken in den ge­bildeten und gelehrten Berufen Hand in Hand.

Auch auf den verschiedensten Gebieten der Lite­ratur weht ein frischer, neubelebender Hauch. Ist auch nicht jeder im Zeichen der Verjüngung und Veredlung unternommene Versuch gleich ein voll- werthiger Erfolg, so eröffnet doch das ernste Streben der vorwärts ringenden Kräfte an sich schon gute Aussichten für die Zukunft. Freilich gebiert dem Wunsch und Wille allein noch nicht das auf der ersehnten Höhe stehende Werk, und die gefähr­lichste Klippe vieler „Jungen" in unserem literari­schen Reiche ist eine gewisse Selbstüberschätzung, die sich in der Regel mit geringschätzigem Herabsehen auf die „Alten" paart, welche unter weit schwierigeren Verhältnissen und unter dem Einfluß anderer Ge­schmacksrichtungen ihrer Zeit genügten, unendlich viel Gutes stifteten und auch heute noch eine statt­liche Gemeinde um sich schaaren.

Es geht in der Literatur wie im Leben. Auch das „Altmodische" kann edel, gediegen und zugleich formschön und das „Neumodische" sehr das Gegen- theil sein. Wahrhaft Schönes hat bleibenden Werth. Wir erleben es auch, daß „alte Moden" in wenig veränderter Form plötzlich wieder hochmodern werden. Nur das Ungereimte, Saloppe, Unschöne und Form­lose wird zu jeder Zeit unterwerthig sein, wenn auch der Wille des Schaffenden noch so gut und lauter war.

Der geistige Pegelstand der sogenannten katho­lischen Literatur hat sich im Vergleiche mit der Lage vor zwanzig oder dreißig Jahren bedeutend gehoben. Auf dem schöngeistigen Gebiete strebt auch die künstlerische Form immer mehr nach Vollendung. Es gibt Leute, welche aus dem ungeschminkten kritischen Tadel, welcher da und dort einerseits an katholischen Dichtern und Belletristen, andererseits an den geistigen Urhebern einer nicht immer ganz ein­wandfreien und vorsichtigen Erbauungsliteratur geübt wurde, ganz falsche Schlüffe ziehen. Den ernst­haften gegnerischen Literaturblätiern und auch anderswo begegnen wir oft genug dem Nachweis, daß Literaturerzeugnisse der akatholischen und un­christlichen Weltanschauung keineswegs immer auf der wissenschaftlichen und künsterischen Höhe der Zeit stehen, und ost gerade dort die Mittelmäßigkeit den großen.-Markt beherrscht. Und die durch allzu leichtgläubige Erbauungsschriften angerichteten Schäden sind verschwindend im Vergleich mit den verheerenden Wirkungen einer Volks- und Massen - Literatur, welche den Unglauben, den Atheismus, die Lehre vom schrankenlosen Sinnengenuß und vom allein­seligmachenden Diesseits systemathisch zu populari- siren sucht.

Mögen also die Katholiken sich durch die im eigenen Lager geübte, scharfe und luftreinigende Kritik nicht zu dem Fehlschluß verleiten lassen, dem ein geriebener liberaler Buchhändler einer größeren süddeutschen Stadt kürzlich einer gebildeten katholischen Dame zu suggeriren suchte. Im Hinblick auf gewisse Kritik meinte der dienstbeflissene Herr — der Vorfall ist verbürgt —: „Ihre Leute geben ja selbst zu, daß die, katholische Literatur minderwerthig ist. — — Hier bei uns (auf eine Reihe von Büchern weisend) finden Sie vollwerthige, moderne Literatur, die auf der Höhe der Zeit steht! Die Daine, welche nicht auf den Mund gefallen ist, antwortete schlagfertig: „Ich ver­zichte gern auf Nietzsche und Ibsen, Bierbaum, Schröder, Heymal, Dehmel, auf Conrad und selbst auf Paul Heyse und bin mit Anton Schott, Cüppers, M. Herbert, Sienkiewicz, Colonia, mit Freiin Brackel und von Oertzen, mit Weber, Dr. Helle, Heemstede u. s. w. bisher ganz gut gefahren. Jeder hält sich möglichst zu seinen Leuten. Die Anderen machen's auch nicht anders." Daß die Dame, nachdem sie wußte, was die Uhr geschlagen hatte, den aufdringlichen Rathgeber, der ihr „auf Wunsch natürlich auch katholische Lite ratur besorgen könnte", nicht weiter bemühte, sondern „ein Haus weiter ging", braucht kaum mehr hinzu­gefügt zu werden.--

Die Hebung und möglichste Verbreitung der katholischen Literatur, nicht zuletzt der schöngeistigen, ist eine der wichtigsten Vorbedingungen eines neuen, blühenden geistigen Lebens im katholischen Deutschland. Es genügt aber nicht, daß katholische Verleger all­jährlich Opfer bringen, um nicht bloß „Neues", son­dern auch Gediegenes zu bieten und allen Ansprüchen eines verfeinerten Geschmackes Rechnung zu tragen. Die Bücher müssen auch gekauft werden! Bessersituirte Katholiken lassen es in diesem Punkte nur zu häufig an dem wichtigen Verständniß und auch an dem so gerühmten Corpsgmst fehlen. In den Häusern mancher wohlhabenden Katholiken ist nichts so spärlich ausgestattet wie das Bücherbrett oder, Wenns hoch kommt, der Bücherschrank. Oft sind Schul- und Gebetbücher nebst einigen obligatorischen Klassikern das Einzige, tvas auf den dürftigen Regalen zu sehen ist. Für Bänder und Spitzen, Schmuck und Nippsachen, Bilder und Photographien, Tand und Leckereien aller Art hat man Geld, aber Bücher, die

bezieht man lieber in beschmutzten, bacillenverdächtigen Exemplaren aus der Leihbibliothek und schickt unter Umständen dem katholischen Buchhändler eine Aus­wahlsendung mit theilweise ausgeschnittenen Blättern und nach gründlichem Studium der etwaigen Bilder „mit Dank" zurück.--

Das bevorstehende Weihnachtsfest gibt reich­liche Gelegenheit, in diesem Punkte etwa Versäumtes mit verdoppeltem Eifer nachzuholen. Der Ernst der Zeit, ein Blick auf die vielen darbenden Arbeitslosen wird ja ohnehin in diesem Jahre keine rechte Freude an leerem Tand und Luxusgeschenken aufkommen lassen. Da sollte ein gutes Buch stets die würdigste und willkommenste Gabe sein! Viele sogenannten guten Katholiken wissen gar nicht, welche Schätze der katho­lische Büchermarkt darzubieten vermag. Sie glauben sich der katholischen Literatur fast schämen zu müssen, während sie, wenn sie einmal einen richtigen Einblick genommen hätten, auf „unsere" Literatur mit Recht trotz allem stolz sein würden.

Zweck der nachstehenden Hinweise ist es, be- merkenswerthe Neuheiten des katholischen Büchermarktes, so weit sie dem Rundschauer zugänglich gemacht wur­den, in gedrängtester Kürze Revue passiren zu lassen. Eine eigentliche fachmännische Kritik vom wissenschaft­lichen und künstlerischen Standpunkte ist nicht beab­sichtigt, wenn auch bei dem Grade der Empfehlung der kritische Maßstab unparteiisch gehandhabt werden muß. Bücher, die keine Empfehlung verdienen oder irgendwie Anstößiges enthalten, sind aus diesen Blättern ausgeschlossen. Im übrigen fehlt es nicht an der mannigfaltigsten Auswahl für Jung und Alt, für jeden Stand und jedes Geschlecht, für Gelehrt und Ungelehrt und was nicht das Unwichtigste ist — für einen gespickten wie für einen mageren Geldbeutel. Auch die werkthätigen Stände sind in der katholischen Literatur nicht vergessen. Gediegene, wohlfeile, aber dennoch gefällig ausgestattete Volks- und Jugend­literatur steht auch dem Minderbemittelten zu Ge­bote. —

Der Verlag von Herder in Freiburg bietet auch in diesem Jahre wieder eine stattliche Reihe von Neuheiten und Neuauflagen auf den verschiedensten Gebieten der Literatur. Den Ehrenplatz nicht nur unter den Herder'schen Novitäten, sondern auch unter den neuen Erscheinungen des katholischen Bücher­marktes überhaupt verdient das auf acht Bände zu j? 12,50 Mk. (geb.) berechnete Herder'sche Konver­sations-Lexikon. Beim Erscheinen des ersten Heftes, dem das zweite bereits gefolgt ist, hat die ganze katholische Presse dieses außerordentlich zeitge­mäße Unternehmen, das in der That einem brennen­den Bedürfniß entgegenkommt, mit wahrer Begeiste­rung begrüßt. Herder's Konversations-Lexikon bezeich­net sich allzu bescheiden als 3. Auflage. Dies geschah aber wohl lediglich, um den historischen Anschluß an das längst veraltete vierbändige Lexikon herzustellen. In Wirklichkeit handelt es sich um ein völlig neues auf der ganzen Höhe der Zeit stehendes Werk, das bestimmt und geeignet ist, die geistige Position der Katholiken zu verstärken, ihnen im Wettkampfe mit gegnerischen Weltanschauungen und Kräften eine neue Waffe in die Hand zu drücken. Es war die höchste Zeit, daß die deutschen Katholiken sich auch auf dem wichtigen Felde der Encyklopädie des Wissens von jedem fremden Nothbehelf frei machen. Wetzer und Welte's Kirchenlexikon mit seinen nunmehr abge­schloffenen zwölf Bänden und das auch von der vor­nehmeren Presse der Gegner mit der größten Aner­kennung ausgezeichnete Staatslexikon (im Auf­trage der Görresgesellschaft herausgegeben von Dr. Julius Bachem) hatten den Befähigungsnachweis des Herder'schen Verlages zur Bewältigung derartiger Riesenaufgaben bereits glänzend erbracht. Inzwischen ist von der zweiten, neubearbeiteten und ergänzten Auflage des fünfbändigen (ä 16.50 Mk. geb.) Staats­lexikon bereits der zweite Band erschienen und hat die Erwartungen fachkundiger Kritiker nicht nur er­füllt, sondern sogar übertroffen. Herder's Konver­sations-Lexikon wendet sich selbstredend an einen wesentlich weiteren Verbreitungskreis als die beiden vorerwähnten Werke; es sollte Gemeingut aller ge­bildeten und besser situirten Katholiken werden. Zweck des großangelcgten Werkes ist es, das anderwärts so sehr verkürzte, zurückgedrängte oder gar direkt feind­lich behandelte katholische positive Element ohne auf­dringliche Hervorkehrung zur Geltung zu bringen, zu­gleich aber auch alles Wissenswerthe im Reiche der Natur und des Geistes in möglichster Vollständigkeit und knappester Form zusammenzutragen. Schon jetzt kann man sagen, daß die vorliegenden Proben einen vollen Erfolg garantiren. Der Text ist zuverlässig und exakt. Die erläuternden Tafeln und Bilder stehen den besten Darbietungen auf gegnerischer Seite in nichts nach. Das Weihnachtsfest eignet sich ganz be­sonders dazu, mit dem Bezüge des Konversations­lexikons den Anfang zu machen, denn die Ausgabe von 80 (brosch.) bezw. 100 Mk. (geb ) braucht ja nicht auf einmal gemacht zu werden, sondern vertheilt sich in Heft-Raten (ä 50 Pfg.) auf mehrere Jahre.

Von der sünfbäudigen „Kun st lehre" von G. Giermann 8. ck. und I Sörensen 8. ck. ist so­eben der IV. Band erschienen: „Malerei, Bild- nerei und schmückende Kun st" von Sörensen. (Mit 2 Farbendrucken und 92 Abbildungen auf 40 Tafeln, Preis geb. 8 Mk.). Die vorhergehenden Bände behandelten: „Allgemeine Aesthetik", Poetik und Mimik", „Musik-Ai sihetik" (sämmtlich von Gieimann). Der letzte, V. Baud, „Aesthetik der Baukunst" (gleichfalls von Gietmann) ist in Vorbe­reitung. Das vorliegende Werk von Sörensen zeigt sowohl in der feinsinnigen, ruhig klaren und vor­nehmen Darstellung oder auch in der Anwendung und Durchführung der christlichen Grundgesetze alle Vor­züge der bisherigen Bände. Der durchsichtige Aufbau

der Disposition wird in den einzelnen Theilen mit bewundernswerther Folgerichtigkeit fesselnd und über­zeugend ausgeführt. Mit dem edelsten Idealismus verbindet sich ein gesundes Verständniß für das Reale. Die Lektüre ist für jeden Kunstfreund ein Genuß, für den Jünger eine Quelle reichster Belehrung. Der Verfasser schwimmt gegen den Strom; das zeigt sich namentlich auch in seiner vortrefflichen Betrachtung über die Grenzen der Berechtigung des Nackten in der Kunst. Der Bilderschmuck beschränkt sich auf das zur Erläuterung Zweckdienliche und zeugt von feinem Geschmack. Anstößige Bilder sind grundsätzlich ver­mieden, ein Vorzug, der alle Herder'schen Werke der Kunstliteratur, so namentlich auch das sehr empfehlens- werthe „Handbuch der Kunstgeschichte" von Dr. Erich Frantz (geb. 11 Mk.) auszeichnet.

P. Äaumgarten's „Geschichte der Welt­literatur" hat auch in der akatholischen Welt Staunen und offene Bewunderung erregt. Protestantische Zeitungen und Literaturblätter kargten nicht mit Ausdrücken höchster Anerkennung für dieses in seiner Art einzige Riesenwerk des gelehrten Jesuiten. Jetzt ist der I. Band („Die Litera­turen Westasiens und die Nilländer") in 3. und 4. verbesserter Auflage erschienen (Preis geb. 12 Mk ).

Der Burenkrieg hat die Blicke der ganzen Welt nach Südafrika gelenkt. Ein aus katholischen Gesichtspunkten geschriebenes Werk über Südafrika füllt daher gerade in diesem Augenblick eine Lücke aus. „Aus den Diamanten- und Goldfeldern Südafrikas", Schilderungen von „Land und Leuten, der politischen, kirchlichen und kulturellen Zustände Südafrikas" von P. Strecker, ist ein Werk, das schon auf den ersten Blick durch seinen reichen Bilder­schmuck gewinnt. Das Material des Werkes stammt aus den Archiven der Genossenschaft der Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria, welcher der Verfasser angehört. Der Originalleinwandband (geb. 12 Mk.) zeigt prächtigen farbigen Bildschmuck mit Gold und Diamant.

Vom „Jahrbuch der Naturwissen­schaften" liegt der 16. Jahrgang (1900/1901) mit 43 in den Text gedruckten Abbildungen und 1 Kärt­chen vor (geb. 7 Mk.). Dieses von Dr. Max Wilder­mann im Verein mit Fachmännern herausgegebene Werk hat einen festgegründeten Ruf und ist eine werthvolle Fundgrube für Gelehrte und Studirende, wie für Praktiker, namentlich höhere Techniker aller Art.

Die beiden Uermnndten.

Erzherzog Stephan aus dem Kaiserhause Oester­reich wurde von Allen, die ihn während seines mehrjährigen Aufenthaltes im Schlosse Schaum­burg, in Nassau gelegen, kennen lernten, als ein wahrhaft frommer, katholischer Christ, als ein Mann von der strengsten Wahrheits- und Gerechtig­keitsliebe, als ein weiser Zurechtführer der Ver­irrten, als das humanste und mildthättgste Herz, als ein echter Volks- und Kinderfreund geschildert; und diese seine volksfreundliche Gesinnung hatte ihm auch die besondere Sympathie des ungarischen Volkes erworben.

Dieser Erzherzog Stephan hielt sich einst still und zurückgezogen einige Zeit in einer Garnisons­stadt Ungarns auf.

Der vor kurzem dort angekommene neue Kaiserlich Königliche Kommandant ward bald wegen seiner drakonischen Strenge sehr gefürchtet. Unter Anderem drang er auch unerbittlich auf die unter seinem Vorgänger etwas lax gehand­habte Verordnung: „daß der Offizier unter keiner Bedingung in Civilkleidung ausgehen dürfe", und in mehreren Fällen waren die Zuwiderhandelnden bereits mit dem geschärften Arrest bestraft worden; — und dennoch ließ sich der Oberleutnant von L. durch diese abschreckenden Beispiele nicht abhalten, eines Tages dieses Gebot unbeachtet zu lassen.

Die Frühiingssonne lockte so lieblich zu einem Ausflug auf ein nahes Dorf. Da »erlauschte der junge Kiieger, nachdem er von der Parade zurück­gekehrt, die schwere und unbequeme Militär- Kleidung mit dem leichten Civil-Anzug und wan­derte wohlgemuth dem ländlichen Ziel seiner Wünsche zu, an dem er auch, ohne daß ihm ein Verräther begegnet wäre, glücklich ankam.

Als er, auf dem Rückweg begriffen, in die Nähe der Stadt gelangte, sah er — zu seinem großen Schrecken — den gestrengen Obersten aus der Ferne auf ihn zukommen.

Was war da zu thun?

Schon fühlte der Oberleutnant im Geiste, wie sich das Hochgewitter des Zorn« des Obersten über seinem Havpt entlud. Vergebens sah er sich nach einem Ausweg um. Er war keiner zu finden, während der Gefürchtete immer drohender nahte.

Doch halt — jetzt zeigt sich ein Ausweg!

Unmittelbar vor ihm wandeln zwei Spazier­gänger in freundlichem Gespräch. — Rasch drängte der Oberleutnant sich zwischen sie, erzählt ihnen unter vielen Entschuldigungen den Grund seiner Verlegenheit und schloß die Bitte an: daß sie ihm gestatten möchten, in ihrer Mitte und im Gespräch mit ihnen den Weg sortzusetzen!

Es wurde ihm freundlich gewährt.

Jetzt nahte der gefürchtete Oberst und der Herr Oberleutnant wendete sich mit einem so

28, Jahrgang.

angelegentlichen Gespräch zu seinem Nachbarn zur Rechten, daß er das tiefehrerbietige Kompli­ment nicht gewahr wurde, mit welchem der Oberst dir drei Wanderer begrüßte. Und so kam er denn, wie er wähnte, von den scharfen^Augen deS Obersten unbemerkt in die Stadt, und glaubte sich, weil bis zum späten Abend keine Vorforde­rung vom Kommando erfolgte, über alle Berge.

Doch — er hatte sich getäuscht!

Am anderen Morgen wurde er bei guter Zeit durch eine Ordonnanz zum Obersten befohlen. — Er folgte mit beklommenem Herzen.'

Auf das Aergste gefaßt, war er nicht wenig erstaunt, als bei seinem Eintritt ihn der Oberst freundlich begrüßte, und dann zwar ernst, aber nicht in leidenschaftlicher Hitze, wie er eS voraus­gesetzt hatte, ihm di« Frage vorlegte:

„Was haben Sie sich gestern unterstehen können, meinem ausdrücklichen Befehl entgegen» zuhandeln?"

„Ach, entschuldigen Euer Gnaden," sprach etwas ermuthigt der Uebelthäter, entschuldigen Sie mich nur diesmal mit den vorliegenden Um­ständen! — Es kamen gestern Mittag — zwei Verwandte, dis auf einer Reise begriffen sind, zu mir und forderten mich auf: „sie auf einem Spaziergang zu begleiten." Da sie bald wieder von hier avreisen wollten, so war nicht lange Zeit zu verlieren; und darum ging ich mtt ihnen, wie ich gerade daheim gekleidet gewesen. — Ich weiß, daß ich gefehlt habe, bitte aber nochmals um Ihre gnädige Entschuldigung!" —

„S—o!" entgegnete der Oberst, „das waren also ein paar Verwandte von Ihnen?"

„Jawohl, Herr Oberst, — sehr nahe Ver­wandte von meiner seligen Mutter her!"

„Das freut mich ungemein, daß Sie so an« gesehene Verwandtschaften haben; und — gerade dieser Verwandten wegen will ich diesmal Gnade für Recht ergehen kaffen. — Hüten Sie sich je­doch vor einer ähnlichen Ausschreitung, sonst dürften Ihnen Ihre Verwandten nicht wieder helfen! — Ihre Strafe würde dann eine um so strengere fein!"

Der Oberleutnant beurlaubte sich nun mit der Frage: „Haben der Herr Oberst noch etwas zu befehlen?"

„Allerdings sagte derselbe in freundlichem Ton, — „Sie sind heute mit mir zu Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Erzherzog Stephan zur Tafel befohlen! — Stellen Sie sich pünktlich um drei Uhr ein!"

Der Oberleutnant war dadurch wie aus den Wolken gefallen; aber noch größer war seine lleberraschung, als er beim Erzherzog eintrat und in ihm und seinem Adjutanten seine beiden gestrigen SpaziergangS-Genoffen, also seine an­geblichen Verwandten, alsbald erkannte.

In großer Verlegenheit nahte er sich dem fürstlichen Gastgeber; dieser indeffen ermuthtgte ihn durch eine huldvolle Ansprache, schloß aber dann mit ernsten Worten: „Na, es hat diesmal noch gut gethan; hüten Sie sich jedoch vor einer Wiederholung der Art, sonst werden'» ohne Gnade und Barmherzigkeit eingesperrt! — Merken Sie sich auch noch ans Ihren eigenen Benehmen: wie ein Fehler den anderen erzeugt! Ihre Insub­ordination veranlaßte Ihre Lüge von den Ver­wandten; Insubordination aber entwürdigt den Soldaten und Lüge den Mann, den Christen!"

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