Einzelbild herunterladen
 

Fuldaer MZeitung

iCcMetat ttglich, Ausnahme der

•emu imb Rtiei- •egt. BierteljLhrl.

«h»eBring«rlohn Md Bestellgeld in tzntda und aus» wärtSlM.bOPf.

mit Zlnterhattungs -Beilage „Muflrirte Sonntags-Zeitung" Mmufe B». 1 omwmUI.

M 239

2S

Stift iti $trre RnchstagsadgMitttm Rilhird Wlltt M Metif.

Gehalten in Gomberg am 13. Oktober 1901.

Seit ich zum letzten Male in Camberg einer Versammlung beigewohnt habe, find mehr als drei Jahre verfiofien, es dürste deshalb wohl an der Zeit sein, daß wir uns einmal gegenseitig aussprechen. Ich will dabei nichts von der Thätigkeit des Reichstags in diese» drei Jahren erzählen, weil ja doch fast Jedermann Zeitungen liest und sich aus diesen über die Verhand« hingen des Reichstages regelmäßig genau unter- richten kann.

Weit interessanter als geschehene Dinge find in der Regel die zu erwartenden Ereig­nisse, und da geht eS uns jetzt ähnlich wie vor zwei Jahren. Damals stand die Entschei­dung über die sogenannte Zuchthausvorlage bevor, die bekanntlich große Besorgnisse in unseren Wählerkreisen hervorrief. In einer Versamm­lung zu Höchst babe ich damals an das Ver­traue» unserer Wähler appellirt und versichert, daß sie sich auf das Centrum verlassen könnten und sich in keiner Weise zu beunruhigen brauchten. Der weitere Verlauf der Dinge hat mir recht gegeben, in einer einzige» Sitzung des Reichs­tages ist die Zuchthausvorlage ablehnend erle­digt worden und heute denkt kaum noch Jemand daran. Heute ist es eine andere Vorlage, die uns demnächst bevorsteht, und die mancherlei Besorgnisse wachrust, bei den Einen Befürch­tungen, bei den Anderen Hoffnungen erweckt, ich meine die zu erwartende Zolltarifvorlage. Hier stehen sich zwei Richtungen schroff gegen­über, weil die Interessen zum Theil entgegen­gesetzter Art find.

Auf Seiten der Landwirthschaft erhofft man von dem neuen Zolltarif einen verstärkten Schutz gegen die ausländischen Produkte und dadurch bessere Verkausspreise für die eigenen Erzeugnisse, auf Seiten der Arbeiter und aller deren, die ihre Nahrungsmittel kaufe» müssen und in beschei­denen Verhältnissen leben, befürchtet man eine Bertheuerung der »othwendigen Lebensmittel.

Aus meinem Wahlkreise liegen mir schon jetzt eine Reihe von Kundgebungen zum Zolltarife vor, die sich zum Theil in ganz entgegengesetztem Sinne aussprechen.

Der Volksverein, Ortsoerein Höchst, hat am 26. September eine Resolution gefaßt, „daß er den Nothstand der Landwirthschaft anerkenne und mich bitte, für einen erhöhten Schutz derselben einzutreten". Auch mehrere Arbeitervereine haben sich dahin ausgesprochen, daß sie damit einver­standen seien, daß den landwirthschaftlichen Pro­dukten eine mäßige Zollerhöhung zu Theil werde, es sind aber auch gegenteilige Gesuche bei mir eingegangen und ich möchte nicht unter­lassen, auch auf diese hinzuweisen.

Gewiß denken Manche, ich werde den Mantel nach dem Wind hängen und hier in einer mehr Ackerbau treibenden Gegend als Freund der Landwirthschaft auftreten, während ich dann in Höchst und Oberursel die entgegengesetzte Seite heranskehren würde, um den Arbeitern willfährig zu fein.

Zit LmenhaugPliMsßll.

Roman von O. Elster. ------ (Nachdruck verboten.)

Unter den Jungstauen der Stadt entstand bittere Feindschaft über die Frage, wer als weiß­gekleidete Jungfrau den Fürsten empfangen und das Begrüßungsgedicht sprechen sollte, und als das Komitee die Tochter des Bürgermeisters und Hauptmann« a. D. Wöllner zu der letzteren Auf­gabe bestimmte, da fielen mehrere junge Damen last 'n Ohnmacht und schwuren nun, überhaupt dem Fest strnbleiben zu wollen. Aber schließlich wurden alle Streitigkeiten doch beigelegt und Frieden und Eintracht herrschten wieder unter den Töchtern der Stadt

war mit einem Male die wichtigste Person in der Stadt geworden, obgleich fie sich an den Vorberettungen zum Feste in keiner Weise be- themgt hatte. Der Bürgermeister und Haupt- mann a. D. Wöllner, der Doktor und Phpsiku« Gruttemann, der Kaufmann Wellhausen und der v. Dröhningen, welche den Vor­stand de« Hilfskomitees bildeten, begaben sich in Frack und weißer Halsbinde zu Fräulein Else Hannecken, um ihr den Dank des Komitees für ihre Bereitwilligkeit auszusprechen und sie einzu­laden, die Proben de« Damenchors zu leiten. Der alte Hans Heinrich Hannecken, der Kämpfer von Brandy Station, empfing die Herren an der Gartenthur seine kurze Pfeife suchend.

„Ihre Tochter zu Hauje, Mister Hannecken?" fragte der Herr Bürgermeister frohgelaunt.

Iutöa, Domerstag, den 17. Oktober 1901.

Eine solche Zweideutigkeit ist aber nicht meine Gewohnheit, ich werde mich hier in Camberg nicht anders geben, als ich es mitten unter der Jnsustriebevölkerung thun werde und gerade weil ich hier auch zu einer großen Zahl von Landwirthjchafttreibenden rede, will ich, um Ihnen die Bedenken zu zeigen, welche .ich von anderer Seite zu hören bekomme, ein Schreiben vorlese», welches ich erst vorgestern, unterzeichnet von über 400 Einwohnern von Kirdorf bei Homburg, bekanntlich einer der getreuesten Burgen des Centtums, erhalten habe. Das Schreiben lautet wie folgt:

„Ritbort i. X., den 28. September 1901. An den Abgeordneten des deutschen Reichstages, Herrn Müller, Hochwohlgeboren, Fulda.

Hochgeehrter Herr Abgeordneter! Die unterzeich­neten Wähler, sowie Einwohner von Kirdorf i. T. er­heben hiermit Widerspruch gegen die in Ausficht stehende hohe Zollbelastung der nothwendigsten, im Jnlande in nicht genügender Menge vorhandenen Lebensmittel.

Wir bitten Sie, hochgeehrtester Herr Abgeordneter, als unseren zuständigen Vertreter im deutschen Reichs­tage, Ihre ganze Kraft dafür einsetzen zu wollen, daß der geplante Zolltarif, welcher viel Elend über die Ar­beiter und die sonstigen, gering bemittelten Bürger des deutschen Reiches herbeisühren würde, nicht Leben erhält.

Wir verstehen, hochgeehrtester Herr, daß Ihnen in dem eröffneten rücksichtslosen Brodkampfe die Stellung­nahme sehr erschwer! wird. Nun, Herr Abgeordneter, thun Sie Ihre Pflicht als Christ. Vertreten Sie die Bedürftigen, Armen, die wenig Vermögenden und schützen diese zahlreichen, aber leider von wenig un­eigennützigen, einflußreichen Freunden unterstützten Deutschen von einer andauernden wirthschaftüchrn Noth. Stimmen Sie, statt für Erhöhung, höchstens für Beibe­haltung der bestehenden Zölle. Dann wird daS Bewußt­sein, so gehandelt zu haben, wie Gott es von jedem wahren Christen dem Nächsten gegenüber verlangt. Ihnen die Kraft geben, etwaige Anfeindungen leicht zu tragen.

Wir zähle» zu den unentbehrlichsten Lebensmitteln: Brod, Mehl auS Roggen und Weizen, Fleisch und Wurst von Kühen, Jungvieh, Ochsen, Schweinen (daher zollfreie Einfuhr der betreffenden Thiere), ferner Schmalz, Butter, Margarine, Käse, Eier, ReiS.

Die in Rede stehende direkte Steuer, in Verbindung mit den im Zwischenhandel unvermeidlichen Preis­treibereien, Bewucherungen, würden geradezu manchen arme», mit vielen Kindern gesegneten Familienvater zur Verzweiflung treiben, nur Haß gegen d e höheren Stände und Begüterten reichlich säen, die Vaterlands­liebe mehr untergraben, wie es BöSwill gen bisher möglich war.

Zieht doch sogar der § 19 des Preußischen Ein­kommensteuergesetzes vom 24. Juni 1891 die Leistungs­fähigkeit der Steuerpflichtigen, in Folge deeintiächtigender wirthschaftlicher Verhältnisse, derartig in Betracht, daß Unterha t und Erziehung der Kinder, Verpflichtung zum Unterhalt mittelloser Angehöriger, Krankheit, Ver­schuldung 2C. eine Ermäßigung um drei Steuerstufen ermöglicht. Zölle führen das Gegentheil herbei: Je mehr Kinder ein Familienvater zu ernähren hat, je mehr Soldaten zum Schutz» deS Vaterlandes er, unter großen Sorgen und Entbehrungen, erzieht (die Unbe­mittelten haben in der Regel die meisten Kinder), um­somehr Verbrauchssteuer muß ein solcher Familienvater zahlen. Wo heruehmen, wenn wenig, oder im Winter von vielen Bauhandwerkern, Arbeitern nichts verdient wird, und fie das nöthige Geld für Brod, Wohnung, Kleidung, Kohlen, Holz, Petroleum, Krankheiten, Ge- burts- und Sterbefälle nicht vorräthig haben? Bei Genehmigung der Zölle betrüge die Steuer für jeden Haushalt je nach Anzahl der Familienmitglieder re. 100 —200 Mark für das Jahr.

Ist nicht mit der erwähnten indirekten Besteuerung die denkbar größte Bedrückung der wirthschaftlich schwachen Staatsbürger unlösbar verknüpft?

Kann dadurch den kleinen Landwirthen wirklich Hilfe gebracht werden? Schädigt nicht solche Abgaben-

„Jawohl, mein Herr," entgegnete Hans Hein­rich gutmütig, „Miß Else befindet sich in ihrem Z'mmer."

„Danke, Mister Hannecken," lachte der Bürger­meister und wollte direkt auf das Haus zusteuern.

„Ich bitte um Verzeihung," hielt ihn der Alte zurück, „Miß Else empfängt nicht."

„Alle Wetter, alte^Herc, uns wird Miß Else schon empfangen. Sie hat doch versprochen, in unserem Konzerte mitzufingen!"

„Miß Eise wird nicht fingen."

„Weshalb nicht?"

„Ich weiß nicht."

„Zum Kuckuck, das ist doch stark. „Wissen Sie, daß Seine Hoheit der Herzog zu unserem Konzerte kommen wird?"

„Dann wird Miß Else wohl erst recht nicht fingen."

In diesem Augenblicke tauchte Frau Dorette Pinkepank auf. Ihr Gesicht war stark geröthet, ihre Lippen zitterten und in ihren grauen Augen schimmerte es wie von heimlichen Thränen.

„Glauben Sie es ihm nicht, Herr Bürger­meister!" rief fie, indem sie ehrerbietig knixte. „Er hat eS nicht gewollt, daß Fräulein Else singt, aber Fräulein Else ist klüger und besser als er, der alte Starrkopf und Fräulein Else hat Sie gesehen und schickt mich, um Sie bitten zu lassen, einzutreten. — Ja, so ist ei, Hans Heinrich! Deine Tochter singt, und wenn auch der Kaiser selbst kommt!"

Hans Heinrich nahm die Pfeife au8 dem Munde und drückte die Glutb mit dem Finger nieder.

„Meinetwegen," brummte er dann. „Mir ist's recht."

erhebung ganz wesentlich die Wehrkraft des deutschen Vaterlandes, weil sie die gesammte ärmere Bevölkerung zwingt, nicht nur sich, sondern auch ihre Kinder — die zukünftigen Soldaten — mit minderwerthiger Kost zu ernähren, welche herbeiführt, daß diese Kinder dauernd schwach bleiben und später ungeeignet find zur Ber- theidigung deS Reiches?

Ist es nicht mindestens ein Gebot der Klugheit für die zur Zeit maßgebende politische Partei, von der Zollbelastung der nothwendigsten Lebensmittel Abstand zu nehmen ?

Schon jetzt muß manche arme Familie während deS Winters mehr von Kartoffeln aI8 von Brod leben; Fleisch kommt selten auf den Tisch, und wie sehr würde dieser Uebelfiand, der Krankheiten aller Art mit sich führt, durch die Zoüerhöhung noch vergrößert werden?

Wir enthalten uns deS näheren Eingehens auf die angeregte Zuweisung etwaiger Zollüberschüsse zum Besten der Arbeiter, da eine derartige Entschädigung nichts anderes wäre, als wenn Jemand einem Hungrigen ein Stück Brod entreißen und ihm dafür ein Blumen­str äußch en versprechen wollte.

Indem wir Ihnen, hochgeehrtester Herr Abgeord­neter, unser vollstes Vertrauen entgegenbringen, haben wir die Ehre, mit vorzüglicher Hochachtung uns zu unterzeichnen als Ihre Wähler und die Einwohner in Kirdorf i. T."

(Folgen 420 Unterschriften.)

Sie sehen, welche Befürchtungen man hier ausspricht, ich halte dieselbe» fflr übertrieben, immerhin muß man solche beachten, sie zeigen uns die Kehrseite der angestrebten Zollerhöhungen.

Die Wirthschaftspolitik des CentrumS ist immer davon ausgegangen, die Schwachen nach Möglichkeit zu schonen, dagegen die Leistungs­fähigen nach Kräften heranzuztehen, diesen Stand­punkt dürfen wir auch beim neuen Zolltarif nicht außer Acht lassen.

Ich möchte deshalb zunächst zwei Fragen be­handeln :

1. Ist eine Erhöhung der landwirthfchaft- lichen Zölle nothwendig?

2. Welche Schranken find derselben gezogen?

DieNothwendigkeit einer Erhöhung land - wirthschaftlicher Zölle ergibt fich ans der Ent­wickelung der Getreideprodnktion anderer Länder, insbesondere ober aus der Entwickelung der Ver- kehrsverhältnisie. der Aufschließung weiterer Ge­biete deS besten Getreide-Bodens in Argentinien und Nordamer ko, mittelst Etsenbahnen und auS der Verbilliguvq der Schiffsfrachten durch die Entwickelung des Weltverkehrs.

Während untere Bauern noch vor 25 Jahren ohne jede» Geireidezoll bestehen konnten und bessere Preise erzielt-n als heute, mußten nach und nach steigende Zölle eingeführt werden, um den inländischen Getreidepreis auf einer lohnen­den Höhe zu erhalten, erst 50 Pfg., dann 3 Mk., dann 5 Mk. pro Doppelzentner für Roggen und Weizen, im Jahre 1892 find diese Zölle dann wieder auf 3.50 Mk. ermäßigt worden, eS hat sich jedoch gezeigt, daß dieser Zoll im Durch- schnitt nicht mehr auSreicht, um dem Bauern einen angemessenen Verkaufspreis zu sichern, weil eben die Frachten und die Produktionsverhältnisse in anderen Ländern billiger geworden sind, wäh­rend in Deutschland im Gegentheile alle Löhne und die sonstigen Lasten der Bauern noch wesent­lich gestiegen find. Deshalb nehme ich keinen Anstand, eine Erhöhung der landwirth- schaftltchen Zölle für nothwendig zu erklären, ich habe dies auch wiederholt im deutsche» Reichstage ausgesprochen, zuletzt im

Er grüßte, indem er feine Kappe mit dem breiten Schirm noch tiefer in das verwitterte Ge­sicht zog und schlenderte seitwärts iw den Garten hinein, ohne fich weiter um die Komiteeherren zu bekümmern.

Else empfing die Herren mit ernster Miene. Ihr war schon bekannt geworden, daß der Herzog fein Erscheinen zugesagt hatte und sie kämpfte einen schweren Kampf, ob sie ihre Zusage nicht zurücknehmen sollte. Die alte Dorette jedoch stand ihr treu zur Seite und ihren „wunderlichen Reden", wie HanS Heinrich chre guten, verständigen Worte nannte, verdankte es das Komitee, daß Else fich entschloß, ttotz der Anwesenheit des Herzogs zu fingen.

Es war ein schmerzlich - süßer Gedanke, daß fie nun doch noch einmal in sein dunkles Auge blicken sollte, daß fie »och einmal jene Lieder vor ihm fingen sollte, denen er einst so gerne gelauscht, bei deren Klange ihre Augen, ihre Se len geheime Zwiesprache gehalten, bei deren Klange sich ihre Herzen gefunden hatten. Dir Kraft wollte sie oftmals verlassen; schon oft hatte sie die Feder zur Hand genommen, um dem Komitee abzuschreiben. Aber die einfachen Worte der Frau Dorette er- weckten ihren Stolz aus'S Neue und sie entschloß sich, ihr Wort zu halten.

K„Brauchen Sie fich zu scheuen, irgend Jemand auf der Welt in das Auge zu blicken, Fräulein Else?" fragte Frau Dorette. Sie dürfen Jeder­mann dreist in's Auge schauen, selbst dem Kaiser. Uno nun gar dem Herzog — ach, Fräulein Else, der kommt nur Ihretwegen, um Sie wiederzusehen, um Sie wieder einmal singen zu hören! Da wollen Sie ihm den Triumph gönnen, daß er

28. Jahrgang.

Dezember 1900 bei der Etatsberathung. Nun komme ich zu der anderen Frage, welche Schranken find dieser Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle gezogen? Diese Schranken ergeben fich aus zwei Gründen, welche aber so zwingender Natur sind, daß fie nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Einmal muß der deutschen Industrie, die be­kanntlich Millionen fleißiger Hände beschäftigt, der Absatz ihrer Erzeugnisse nach dem Auslande durch Abschluß von guten Handelsverträgen un­bedingt erhalten bleiben, weil sonst eine allge­meine Arbeitslosigkeit und ein solcher Nothstand eintreten würde, daß dadurch die größten Schwierig­keiten entstehen müßten. Andererseits darf auch den breiten Schichten des arbeitenden Volkes und insbesondere denen, die ohne jeden Besitz um das tägliche Brod ringen müssen, der Lebens­unterhalt nicht übermäßig oertheuert wer­den, dies wäre sonst eine schreiende Ungerechtig­keit und ich kann und werde mein Gewissen mit einer solchen nicht beschweren.

Es wird oft behauptet, die landwirthschaft­lichen Produtte kosteten fast nichts mehr, es wäre Alles billiger geworden, das ist aber durchaus nicht der Fall, die meisten Lebensmittel sind gegen früher ganz bedeutend im Preis gestiegen. Ich will nur erwähnen Fleisch, Eier, Butter, Mllch, Geflügel, welche heute zum Theil mehr als das Doppelte vo» dem kosten, was man in den 60er Jahren dafür zahlte. Billig sind nur Kartoffeln und Getreide; fflr Kartoffeln ist der Preis aber nicht durch die Einfuhr fremder Produkte ge­drückt, sondern durch die reichen Ernten deS Inlandes, Aber die wir uns nur freuen können, daß sie so reich gewesen sind.

Anders liegt es beim Getreide. Ich habe die Gründe schon auseinandergesetzt, weshalb dessen Preise ständig zurflckgegangen find und die Produktionskosten kaum mehr decken. Hierbei müssen wir der Landwirthschaft entgegenkommen; dies sehen auch die Arbeiter ein, wie aus mehr­fachen Zuschriften, die ich auS Arbeiterkreisen erhalten habe, hervorgeht.

Aber auch beim (Betreibe gibt es eine Grenze der Zulässigkeit der Vertheuerung durch Schutz­zölle, weil aus ihnen unser wichtigstes Nahrungs­mittel, das tägliche Brod bereitet wird. Ich finde es deshalb gewissenlos, wenn man den Land­wirthen einen Zollsatz von 7.50 Mk. vorgaukelt, das wäre eine Vertheuerung fflr jeden Laib Brod von 10 Pfennig, da würden fich die Arbeiter schön bedanken. Denn die Brodesser müssen den Zoll schließlich bezahlen, die Behauptung, daS Ausland trage den Zoll, ist einfach unwahr. Ebensowenig ist eS zutreffend, daß durch den Zoll das Brod nicht vertheuert werde, der höhere Zoll soll ja doch den Getreidepreis steigern, sonst brauchte man ihn gar nicht zu erhöhen.

Wenn man nun bei Erhöhung von Zoll auf Brodgetreide, auf Roggen und Weizen sehr vor­sichtig fein muß, um nicht Aber das Maaß des Zulässigen hi«aus zu schießen und fich den Vor­wurf des BrodwucherS zuzuziehen, so falle» diese Bedenken vei Gerste und Hafer weniger ins Gewicht. Beide Fruchtsorten gehören nicht zum täglichen LebenSbedars, fie find seither recht niedrig verzollt worden und können eine kräftige Erhöhung

meint, Sie fürchten sich vor ihm, und die Men­schen sollen daS auch glauben? Ach, ich müßte meine stolze Else nicht kennen, wenn ihr dieser Gedanke nicht unerttäglich sein sollte!"

16.

Der Tag des Konzertes war gekommen und Else hatte ihre Ruhe und Selbstbeherrschung wiedergewonnen. In Begleitung Klaras begab fie sich nach dem Stadthause, in dessen großem, alterthümlichen Saale die Mufikaufführung stattfand. Die große Freitreppe, der Balkon und der Flur des au8 dem Mittelalter stammen­den Gebäudes war mit Guirlanden aus Tannenzweigen bck äizt. Auf dem Markt­platz hatte man ei« Ehrenpforte errichtet, um hier den Landesherrn feierlich zu begrüßen. Auf der Zinne des Stadthauses wehten die Banner des deutschen Reiches und des Herzog- thurns und mit Fahnen und Guirlanden, Wappen und alten Rüstungen war der große Saal festlich geschmückt. In der Mitte vor dem Podium für die Sänger und Sängerinnen war für den Fürsten und deffen unmittelbare Be­gleitung et» etwas erhöhter Sitz errichtet; an denselben schloffen sich die Sitzreihen für die übrigen Zuhörer.

Eine zahlreiche Menschenmenge wogte auf dem Marktplatze auf und ab; die Häuser waren reich beflaggt und mit Guirlanden ge­ziert ; in den Fenstern, auf den Dächern fogar standen und saßen die Menschen, um den Fürsten willkommen zu heißen. Viele von ihnen hatten den Landesherrn überhaupt noch nicht gesehen; weilte der Herzog doch oft Monat, lang außerhalb der Landes, in dessen Residenz