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mit Anterhaltungs -Meikage „Iktu^nrle Sonntags-Ieitung"

28. Jahrgang

Iutöa, Mittwoch, den 16. Oktober 1901

M 238.

HlntevgvundbclHnen

Der Kettelknabe.

„Ach, Mutter", rief die kleine Marie, welche eben am Fenster lehnte und auf die belebte Straße hinunter fah, „da schau doch einmal auf das Eck­haus hin. Dort lehnt ein armer Knabe, der

Wintertag, und der schneidende Nordwind trieb zahllose Schneeflocken durch die Luft. Den ver- laflenen Kleinen aber beachtete Niemand von den

Bei dem hastenden geschäftlich?« Leben und Treiben in der Millionenstadt London war es nur natürlich, daß die im Centrum der Stadt zusammenlaufenden bezw. stch kreuzende« Verkehrs­linien eine ungeheuere Transportarbeit zu be­wältigen hatten und schon seit Jahrzehnten hat die Benutzung der einfachen Straßenzüge hierzu nicht mehr genügt. Dieselben sind daher von Bahngeleiseu überkreuzt und der Straßenkö.per selbst ist unterirdisch von Tunnels, die zum Taeil etagenweise übereinander liegen, nach allen Rich­tungen hin durchzogen. Wir staden in unserer Zeichnung zwei unterirdisch stch kreuzende Bahn­linien, die in gemauerten Tunnels laufen, ferner mehrere Kanal- und Wasserleitungen, sowie elektrische Kabelleitungen unter der Erde, sodann einen reichen Verkehr auf dem Straßendamm und darüber kreuzend den Viadukt einer Hoch­eisenbahn.

Das Bildchen spricht für sich selbst. Eine Vorstellung von der Bedeutung der Londoner Straßenkreuzung kann man sich machen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der unterste Eisen­bahntunnel, welcher von der City and Waterloo- Railwoy benutzt wird, sich mit seiner Oberkante n,cht weniger wie 25 Meter unter dem S-rraßen- pflaster befindet.

würde für die Handelsfirmen von ungeheurem Vortheil sein. Dem Vernehmen nach soll das Ministerium der Angelegenheit nicht abgeneigt sein. Auch für den deutschen Handel ist die Entscheidung von Interesse.

bitterlich weint."

Frau Kanzler, die Gattin eines reichen Kauf­manns, trat ans Fenster und folgte der von Marie angegebenen Richtung aufmerksamen Blickes.

Wirklich, an der Straßenecke stand ein Knabe,

Gegner der Mindestzölle für Getreide geworden wäre.

x Beauftragt- Handwerkskammern. Zu den den Handwerkskammern gesetzlich zu­fallenden Aufgaben gehört gemäß § 103s Nr. 2 der G.-O. auch die Ueb erw achung der Durchführung der für das Lehr­lingswesen geltenden Vorschriften. Es liegt nahe, daß eine solche Ueberwachung nur dann wirksam fein kann, wenn sie durch Beauftragte — also Persönlichkeiten — geschieht, denen die örtlichen Verhältnisse bekannt find und die auch sonst den einzelnen Handwerkern nicht ferne stehen. § 103n Absatz 1 der G.-O. schreibt u. A. vor, daß aus die Handwerks­kammern der § 94c der G.-O. entsprechende Anwendung findet. Nach letzteren fino die Innungen befugt, durch Beauftragte die Befolgung der gesetzlichen und statutarischen Vorschriften in den zur Innung gehörenden Be­trieben zu überwachen und von der Einrichtung der Betriebsräume und der für die Unterkunft der Lehrlinge bestimmten Räume Kenntniß zu nehmen. Eine gleiche Befugniß steht also auch den Handwerkskammern zu; soweit das Lehr- lingswesen in Bettacht kommt, muß man sogar in der Bestellung von Beauftragten eine Ver­pflichtung der Handwerkskammern finden. Die Aufgaben und Rechte der Beauftragten find durch eine Reihe von Bestimmungen räher umschrieben. Die Handwerkskammern werden demnächst über zwei Hauptfragen Entscheidung zu treffen haben. Aus welchen Personenkreisen sollen die Beauftragten entnommen werden? Sollen es Handwerksmeister, vielleicht Mitglieder der Kammer sein, die mit der Wahr­nehmung der den Beauftragte« obliegenden Pflichten zu betrauen find, oder ist es zweck­mäßiger, eine oder mehrere Personen zu be­stellen, die berufsmäßig sich zu diesem ungemein wichtigen Amte widmen? — Sodann: Wie sollen die Amts kreise der Beauftragten ab- gegrenzt werden? Wenn es Mitglieder der Kammer oder sonstige Handwerker sein sollen: Nach den einzelnen Handwerkszweigen oder noch den politische« Kreisen? ES wäre er­wünscht, so schreibt die »Gewerbezeitung für Eisatz-Lothringen', wenn die Vereine und die Innungen zu diesen Fragen Stellung nehmen und ihre Antworten der Kammer mitthetlen wollten. Ein gleiches dürfte sich wohl allent­halben empfehlen.

Vorübergehenden.

„Mutter", sagte jetzt Marie, und ihre Stimme nahm einen wehmäthigen, ja mitleidigen Ton an, „darf ich hinuntergehen und den armen Knaben in unser warmes Zimmer herausholen? Gewiß, Mama, Du erlaubst es, Du bist ja sonst so gut." Und schmeichelnd legte dar brave, mitleidige Kmd seinen Arm um den Hal» der Mutter.

„Ja", versetzte Frau Kanzler lächelnd, „der arme Bursche soll herauskommen. Aber dar wird Anna besorgen." Und fie besah! der Köchin, den weinenden Jungen heraufzuholen.

Bekanntlich hat sich zwischen der Krone und der Berliner Stadtverwaltung ein scharfer Gegen- sah in der Frage der Durchquerung der Linden vermittelst der Straßenbahn aufgethan. Die kaiserliche Bemerkung: „Drunter durch, nicht drüber weg", weist den Weg zur Verbindung der nördlich und südlich der sie trennenden Lin­den befindlichen Bahnen auf die unterirdische Verbindung. Diese begegnet nach Meinung der Stadtverwaltung aber an der betreffenden Stelle so außer ordentlichen Schwierigkeiten, daß man ihre Durchführung sür unmöglich erklärt, zumal auch die Kosten ganz unoerhältnißmäßig hoch sein würden. Aber ein Ausweg, das ist allen Betheiligten klar, wird und muß hier gefunden werden, und da ist es bei diesem Anlaß von Interesse, stch im Bilde zu vergegenwärtigen, wie man in anderen Großstädten, speziell in London, den Untergrundbahnbau und -Verkehr in Szene gesetzt bezw. bewältigt hat. Aus Meiern Grunde geben wir unfern Lesern beistehend eine, als Querschnitt gezeichnete Darstellung des ver- kebrSreichsten Punktes von London. ES ist dies ein Durchschnitt durch die Londoner Straßen- kreuzung an der Ecke der Queen Victoria und Ne« Bridge Street, welcher uns die dort bifind- ltchen zahlreichen oberirdische« und unterirdischen 1 Verkehrslinien in höchst anschaulicher Weise zeigt.

* Rom, 14. Okt. Die sozialen Der- h ä l t«i s s e auf der Insel Sizilien nehmen, wie der.Germania' von hier geschrieben wird, seit einigen Wochen wieder einen äußerst drohenden Charakter an. Die Armuth ist seit den blutigen Aufständen von 1893 in dieser Provinz, welche in alter Zeit die Kornkammer Roms genannt wurde, in geradezu schrecklicher Weise gestiegen. Mißernten und dtt Steuer- schraube haben den letzten Rest bäuerlichen Wohlstandes dort vernichtet. Die Nachgiebigkeit des Ministeriums, welches den Ausstand der Arbeiter, die Aufreizung zum Ausstand und die Errichtung von Arbeitervereinigungen zum Zwecke deS Widerstandes als gesetzlich erlaubt betrachtet, hat zur Folge gehabt, daß die sizili­anischen Arbeiter in ihrer Weise diese Rechte auSüben. Wen« auf einem Gute ein Theil der Soldarbeiter in Ausstand zu treten gedenkt, der andere aber nicht, so formirt der erstere einen bewaffneten, zum Theil berittenen Haufen und unternimmt einen förmlichen Angriff auf den arbeitenden Theil, sodaß dieser gezwungen. ist, gleichfalls die Arbeit niederzulegen. Derartige Scenen ereigne« sich alltäglich in den ver­schiedensten Theilen der Insel. Eine andere traurige Erscheinung ist die Zunahme deS Brigantenwesens im Laufe dieses Jahres. Täglich bringen die Blätter Mitthei­lungen über blutige Zusammenstöße zwischen Briganten und Karabinieri (Gensdarmen). Auch letzteres ist eine Folge des zunehmenden öko­nomischen Elendes auf der Insel. Da auch in diefem Jahre die Ernte kaum alS mittelmäßig bezeichnet werden kann, die Weinernte aber --------------- t - .

geradezu kärglich ausgefallen ist, so steht für der sich mit beiden Händen das Gesicht verhüllte Sizilien ein Winter vor der Thüre, welcher zu und heftig weinte. Dabei schüttelte es den armen den schlimmsten Befürchtungen Anlaß gibt. — Buben am ganzen Körper, denn er war ein kalter Trotzdem gelegentlich der Pest viel von dem1 --------- "“u

Freihafen in Neapel die Rede war, so ist oies doch nur ein Name aus alter Zett; that- sächlich gibt eS in Italien keine Freihäfen. Von einer Reihe Küstenstädte wurde deshalb ein Gesuch an die Regierung gestellt, in ihre« Hafenaulagen ein gewiffes Terrain reserviren zu dürfen, wo Waaren ohne jede zollamtliche Schwierigkeit ausgeladen und deponirt werden können. Die Errichtung derartiger Freihäfen

Deutsches Keich.

Berlin, den 15. Oktober.

X Aaudelrmiuister Möller n*b der Doppeltarif. Der preußische Haadelsminister Möller wird gern von den Gegnern der Minsestzölle für landwirthschaftliche Srzeugniffe als Gefinnungsgenoffe in Anspruch genommen. Das geschieht aber augenscheinlich ohne Be­rechtigung. Erst nachträglich wird eine Aeuße- rung der Kommerzirnrathes JuliusVorster- Köln genauer bekannt, die dieser bei der letzten Delegirtenversammlung des Zenttalverbandes deutscher Industrieller gethan hat. „Auch zu der Frage des Doppeltarifs — sagte Herr Vorster u. A. — habe ich eine sehr interessante Aeußerung gefunden, die sich in einem Berichte der »Kölnischen Zeitung' findet; und bei den damaligen Beziehungen von Exzellenz Möller zur »Kölnischen Zeitung' kann dieser Bericht wohl als authentisch betrachtet wenden. Exzellenz Möller führte im vorigen Winter ... ich glaube, es war in Bielefeld, folgendes aus: Ec erkenne an, daß man . . . nicht werde umhin können, der Landwirthschaft für gewiffe Erzeügmffe in der Einführung von Mindest­sätzen in den Tarif eine Bürgschaft für die Gewährung eines ... nicht zu unter­schreitenden ZollschutzeS zu ge­währen. Er empfehle daher ein solches gemischtes System von wenigen Mindestsätzen und einer große« Mehrzahl von Einheitssätzen. Er empfehle, die Doppelsätze sür die Land- unb Forstrirthschaft zunächst nur für die Haupt- erzeugniffe einzusetzen: Brotgetreide, Vieh, Fleisch und Rohholz .. ." So vor acht oder neun Monaten der Abgeord- «ete Möller, der noch nicht Minister war. Der Tarifentwurs der Regierung empfiehlt gesetzlich festgelegte Mindestsätze nur für die vier Hauptgetreidearten. Wenn nun jetzt die Landwirthschaft solche Mindestsätze auch für Vieh, Fleisch und Rohholz verlange« würde, müßte sie folgerichtig den Minister Möller auf ihrer Seile haben. Unmöglich aber kann der Minister Möller den Abgeordneten Möller so sehr verleugnen, daß er nun sogar ein

In einigen Augenblicken kehrte die Köchin mit dem Knaben zurück. Als dieser in dar schön aus- gestattete Zimmer trat, blickte er mit seinen treu­herzigen, klugen Augen scheu umher, denn eine solche Herrlichkeit hatte er in seinem Leben noch nicht geschaut.

Frau Kanzler nahm jetzt den blonden Locken- kopf bei der Hand und fragte ihn freundlich:

„Sage mir einmal, Kleiner, wie heißt Du denn?"

„Anton Lenz", antwortete der Knabe, und sein Auge sah vertrauensvoll zu der milden, guten Frau auf.

„Warum weinst Du denn so bitterlich?" forschte die Kaufmannsqattin weiter, indem sie Anton, um ihm mehr Muth zu geben, sanft über dir Locken strich.

„Ach", entgegnete der Kleine, und neue Zähren glänzten dabei in seinen ausdrucksvollen Augen, „weil ich keinen Menschen auf der ganzen Erde habe, der sich meiner annähme. Meine guten Eltern sind vor kurzer Zeit gestorben, und nun stehe ich ganz verlassen da."

„Hast Du auch etwas gelernt?" sprach Frau Kanzler. „ t „

„O ja", gab Anton rasch zurück, und flug« zog er aus seinem fadenscheinigen Röckchen ei« Blatt Papier hervor, das er der Kaufmanns­gattin übergab. Diese betrachtet es mit still-

* Eine« Fortschritt im land- und! forstwirthschaftlichen Versicherungs- wesen bedeutet eine neuerliche Entscheidung des ReichsoersicherurgSamteS in Bezug auf die An­erkennung des Kuf-kt-ukich» aks M-tri-ös- gefaHr. Bis jetzt wurden Insektenstiche nur ganz vereinzelt als versicherungsberechtigende Der- letzung im Betriebe angesehen. Diese Auffassung ist nunmehr erweitert worden. Ein Steinbruch­arbeiter, der durch einen Insektenstich in seiner Erwerbsthätigkeit geschädigt worden, wurde mit seinem Anspruch auf Unfallrente von BerufSge- noffenschaft und Schiedsgericht abgewiesen. Das Reichsoerstcherungsamt aber sprach ihm die Rente zu mit der Begründung: Es stelle zwar nicht jeder Insektenstich zur Zett und am Orte des Bettiebes einen Betriebsunfall dar; vielmehr müsse hinzukommen, daß in dem Betriebe selbst ober in beffen Bereich Umstände vorhanden seien, die zur Anziehung schädlicher Insekten besondere Veranlaffung gäben. JndeminRede stehenden Falle nun befanden sich in dem Steinbruch Waffertümpel mit verwesenden Stoffen, die Brutherde für sckädliche Infekten abgaben. Der Steinbrecher, der in dieser Umgebung gearbeitet habe, sei daher in erhöhtem Maße der Gefahr eines In- sektenstichs ausgesetzt 'gewesen und nicht einer Gefahr des täglichen Lebens, sondern einer de- sondern Betriebsgefahr erlegen. Unseres Er­achtens geht auch diese Entscheidung noch nicht weit genug: Jeder Arbeiter, der im Felde oder im Walde arbeitet, ist in erhöhtem Maße der Gefahr eines Jasektenstichs ausgesetzt, da bekanntlich auf de« Wiesen während der Heu- ernte und auch bei bestimmten Arbeiten im Walde giftige Insekten besonders häufig vor- kommen, wie daS die vielen Verletzungen bei diese« Anlässe« darthun. Wären nun die Ge­stochenen nicht im Betriebe sondern etwa zu Hause gewesen, so waren fie der Gefahr der Verletzung ganz gewiß nicht in solchem Maße ausgesetzt. Es würde also der Gerechtigkeit durchaus entsprechen, wen« jeder Insektenstich während deS Betriebes, bet den davon Be­troffenen an seiner Gesundheit resp. Erwerbs­thätigkeit schädigt, als zum Bezug der Rente berechtigender Unfall angesehen würde. Da­

zu wird eS hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit auch kommen. __

Ausland.

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