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236. JuLöa, Montag, dm 14. Oktober 1901. 28. Jahrgang.
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«K Der Tabak.
Die bayerische Regierung Hal jüngst in der bayerischen Kammer die Zusicherung gegeben, im Bundesrathe für eine Erhöhung des Tabakszoll-, s wirken zu wollen. Der Zoll beträgt jetzt für de» Doppeicentner Rohtabak 85 Jfc; der Tarif.Ent. wurf der Regierung hat diesen Zollsatz beibehalten. In den ,Berl. Neuesten Nachr.' erscheint nun eine Darlegung, die augenscheinlich offiziöse« Ursprunges ist und darzuthun sucht, daß die Reichs» regierung im Interesse der Reichs. Finanzen in eine Erhöhung des Tabakszolles nicht einwilligen könne.
Der Gedankengang dabei ist salzender: Der inländische Tabakbau wird jetzt mit 45 jK>. be- steuert, genießt also im Vergleiche zum ausländischen Rohtabak einen Schutz von 40 Jk. für den Doppelcrnt'ier. Würde nun dieser Schutzzoll erhöht werden, so würde jeder Doppeicentner Rohtabak, deffen Erzeugung im Inlands an die Stelle einer bisherigen Einfuhr treten würde, einen Ver- lust von 40 Jk. für die ReichSkaffe bedeuten. Im Inlands werden jetzt nach der g-kennzeichneten Ausführung 25,1)00 Tonnen Tabak erzeugt; die Einfuhr beträgt 60,000 Tonnen jährlich. Die Jnlandsteuer bringt dem Reiche 12 Millionen, der Einfuhrzoll 53 Millionen Mark. Daß die ReichSkaffe einen Ausfall an Einnahme haben müßte, wenn der Einfuhrzoll für den Tabak erhöhte würde, ohne gleichzeitig die Reichseinnah- men aus dem inländischen Tabak zu erhöhen, läßt sich also wirklich kaum leugnen, und auch die andere Thatsache ist leider nicht in Abrede zu stellen, daß die Reichseinnahmen gerade jetzt irgendwelchen erheblichen Ausfell nicht vertragen. Es fragt sich nur, ob nicht Mittel und Wege gefunden werden können, den Ausfall an Ein- fuhrzoll auf andere Weise auszugleiche«; hauptsächlich aber handelt es sich hier um wirthschaft> liche Gesichtspunkte. Der Tabakbau macht in weiten deutschen Bezirken einen erheblichen Theil des Volkserwerbes aus. Wenn nun festgestellt und anerkannt ist, daß dieser Theil unseres Volkserwerbes unter der Herrschaft des gegen, wärtig geringen Einfuhrzolles schwere Gefahr läuft, daß er in Folge allzu geringer Erträge in seiner Existenz bedroht wird, dann müffe» unbedingt d»e reichsfiskalischen Interessen hinter Liesen wirthschaftlichen Gesichtspunkten zurück- trete». Der Reichsfiskus darf unter keiner Bedingung so wirihschaften, daß wichtige Erwerbszweige des deutschen Volkes mit dem Untergang bedroht werden, auch dann nicht, wenn die Reichseinnahmen in irgend einem Punkte ver. ringert würden. Denn das würde dem volks- wirthschaftllchen Selbstmorde gleichkommen, was jener Ojfiziosus vergessen zu haben scheint, deffen Stimme in dem vorher genannten Berliner Blatte laut wird.
In den Jahren 1894 und 1895 war der Tabakzoll wiederholt der Gegenstand von Be- rathungen im Reichstage. 1894 hatten die Ver- bündele» Regierungen dem Reichstag eine Vorlage zugehen laffrn, die bezweckte, durch eine Fabrikats steuer von ei« Drittel bis zwei Drittel des Werthes der verschiedenen Waaren beim Ausgange derselben aus der Fabrik die Reichs- einnahmen aus dem Tabak um 90 v. H. zu er-
böhen. Die Vorlage fand keine Annahme im Reichstage; auch ihre Nachfolgerin nicht in der darauffolgenden Tagung, die auf demselben Grundsätze beruhte, indessen mäßigere Steuersätze enthielt. Damals, im Jahre 1895, hatten die Abgeordneten Dr. Schädler vom Crntrum und Clemm von den Natioualliberale« den Antrag gestellt, den Einfuhrzoll für Rohtabak von 85 auf 125 Mark zu erhöhen; ein anderer Centrumsantrag schlug eine Erhöhung von 85 auf 95 Mark vor; der nationalliberale Abg. Dr. Paasche beantragte, den Einfuhrzoll zu erhöhen um 15 v. H. vom Werthe des Rohtabaks, ein Antrag, der unter anderen auch von dem Centrumsabgeordneten Müller-Fulda unterstützt wurde. Der Einfuhrzoll von 85 Mk. wird nämlich ganz gleichmäßig von allem Roh- tabak erhoben, ohne Unterschied des Werthes desselben, so daß auf dem billigen Tabak, den der weniger bemittelte Mann raucht, thatsächlich ein verhältnißmäßig höherer Zoll ruht, als auf dem feinen Kraute der Vermöglichrn. Man muß ohne weiteres zuzeben, daß das ein Zustand ist, der nicht nur ein? Aenderung vertragen kann, sondern eigentlich auch einer Aenderung dringend bedarf. Der beste, weil wirthschaftlich ge« sündeste Tabakzoll werde derjenige sein, der den fremden Tabak seinem Werthe nach besteuert und zwar so, daß dadurch der ^billige Tabak weniger stark belastet wird, als das feine Kraut.
Damals ist kein Beschluß im Reichstage zu Staude gekommen. Staatssekretär Graf Posa- dowsky erklärte, es werde bei den wachsenden Ausgaben des Reiches unmöglich sein, aus die höheren Einnahmen aus dem Tabak dauernd zu verzichten. Wenn nun j-tzt die Sache so eingerichtet werden könnte, daß die Einnahmen aus dem Tabak wirklich gesteigert würden, ohne daß gerade die billigeren Tabaksorien stark belastet würden, dann wäre nicht einzusehen, warum diese Einrichtung nicht getroffen werden sollte. Die Verbündeten Regierungen können nur froh darüber sein. Den Tabakbauern würde geholfen und dem Raucher billiger Cigarren würden diese nicht vertheurrt werden; und für eine solche Lösung der Frage würde im Reichstage ganz sicherlich eine Mehrheit zu finden sein. Von allen bisher gemachte« Vorschlägen dürfte ver- muthlich der vorher erwähnte Antrag des Ab- geordneten Dr. Paasche und Müller-Fulda aus dem Jahre 1895 am ehesten zu dem gewünschten Ziele führen; und wenn auch vielleicht nicht dieser Antrag selbst, so doch eine Aenderung des Tabakzolles, die auf dem Grundsätze des Werthzolles aufgebaut wäre.
Deutsche- Deiche
Berlin, 12. Oktober.
X Der Dokerasz-Anlrag des Aenlrums ist aus der Kommifsionsberathung während des letzten Tagungsabschnittes des Reichstages nicht herausgekommen. Daß dieser Antrag auf vollkommene Freigabe der Religionsübung im Deut- scheu Reiche inzwischen der Gegenstand von Angriffen ßeworden ist, die einige der Eiferer bei der jüngst abgehaltenen Generalversammlung des
„Evangelischen Bundes" gegen ihn richteten, gereicht ihm doppelt zur Empfehlung. Bekanntlich hat der Antrag, namentlich in seinem ersten Theile, die allerbeste Aussicht auf eine Annahme im Reichstage mit sehr großer Mehrheit. Deswegen und besonders um der vortrefflichen und zeitgemäßen Sache selbst willen ist recht sehr zu wünschen, daß de zweite Lesung alsbald im Reichstage vorgenommen werde. Das Centrum wird jedenfalls dafür sorgen, daß die Berathunz im Reichstage balo ihre Fortsetzung finde.
X Der Dolksverei« für da» katho- kifche Dentfchkarrö hat soeben Heft 25 seiner „Sozialen Tagesfragen" ausgegeben unter dem Titel: „Ist eine Erhöhung der landwirth- schaftlichen Schutzzölle nothwendig?" Die kleine Schrift unterrichtet über alle Fragen, die von den Sozialdemokraten, den Nationalsozialen und dem Freisinn in die Getreid.zolldebalte gezogen werden. Sie hat das umfang eiche Material, welches sie beibringt, in selbständige Abhandlungen getheilt, die unmittelbar zu Vorträgen in Volksversammlungen verwendet werden können. Sie verbreitet sich unter Beibringung von vielem statistischem und geschichtlichem Material im Einzelnen über die Lage der Landwirthschaft, Zweck und Maaß der Getreidezölle, die Zoll« Wirkungen, wilche die Landwirtbschaft erhofft, die Belastung, welche für jene Theile der Bevölkerung erfolgen kann, die der landwirth- schaftltchen Produktion nicht obliegen, kurz über die politischen und volkswirthschaft- l ich en Fragen, welche sich an den neuen Tarifentwurf knüpfen. Ein Sach- und Namensregister erleichtert des Nachschlagen der einzelnen Detailfragen. Ueberall hat die Agitation gegen das Centrum auf das lebbafteste eingesetzt. Wer immer an der Entwickelung unseres öffentlichen Lebens Jntereffe nimmt, sei er Landwirth, Handwerker, Kaufmann oder Arbeiter, wer immer sozialpolitisch thätig ist, sei er Geistlicher oder Laie irgendwelchen Berufes, wer immer die Stellung der Centrumspartei mit ihren idealen Zielen in dem hell entbrannten Kampfe der wirthschaftlichen Interessen zu stärken gedenkt, wird das brauchbare Gchriftchen gern benutzen. Der Preis des Schriftchens ist mit 50 Pfg. (franko 60 Pfg.) für den Umfang von 86 Setten sehr niedriß gestellt, so daß deffen Anschaffung auch weiteren Kreisen möglich ist. I Die Sozialen Tagesfragen find nur gegen Voreinsendung oder Nachnahme des Betrages zu beziehen von der Centralstrlle des Volksvereins für das katholische Deutschland in M.Glad- bad).
* Gegen den Kis-rröaHK-Minister v. Wi-ke« richtet die,Deutsche Tagesztg.' einen kurzen Artikel voll heftiger Borwürfe; welche den Eindruck machen, als ob das Organ des Bundes der Landwirthe den Eisenbahn-Minister v. Thielen stürzen wolle, oder als ob es die Tage des Ministeriums Thielen als gezählt betrachte. Besonders wird Herrn v. Thielen vorgeworfen, daß er im Jahre 1892 bezüglich der Berliner Stlaßenvahnfrage eine Erklärung abgegeben habe, die mit der Stellung des Kaisers zweifellos unvereinbar fei. Herr v Thielen werde im Parlament einen schweren Stand haben — vorausgesetzt, baß er «och in der Lage sei, sein Riffort zu vertreten.
* Ueber die Vorgänge, die zum AScklrttt vo« Miquels führten, bringen die Mit- theilunoea für die Vertrauensmänner der nationa’ ioeraten Partei folgende Andeutungen:
Er ist zu früh gestorben, als daß sich die Spuren der Ereign sse der allerletzten Zeit schon verwischt haben konnlen. Der biographischen Darstellung einer so schwierigen wie reizvollen Aufgabe bleibt eS vorbe- halten, daS Leben Miquels im Zusammenhang zu entwerfen. Dazu ist heute unmöglich schon das Material geboten, und hier ist natürlich nicht der Raum dazu vorhanden. Aber dessen find wir gewiß: mit dieser Darstellung wird sich der minder freundliche Eindruck verflüchtigen, der bei seinem Ausscheiden auS dem Ministerium und demnächst leider auch noch bei feinem Tode die öffentlichen Kreise vielfach beherrschte. Denn die Geschichte seines Rücktrittes ist nichts weniger als das Spiegelbild der Geschichte seines amtlichen Wirkens, geschweige seine Lebensgeschichte selbst.
+ Der Merkiner Der trag sollte angeblich nach der Berficherung eines Pariser Blattes des .Rapprl', revidirt werden. Die Vertrags- Mächte sollten bereits dahin übereingekommen sein, demnächst die Verhandlungen darüber zu eröffnen. In der,Fuld. Ztg.' ist die Meldung als unglaubwürdig nicht vrrznchnet worden. Jetzt wird den ,Berl, Neuest. Nachr.' aus gewöhnlich gut unterrichteter Quelle versichert, daß Rußland eine solche Durchsicht nicht angeregt und auch nicht die Absicht habe, solche Verhandlungen zu eröffnen Die Nachricht soll auf die Phantastereien eines russischen Journalisten zurückzusühren sein, der in Paris lebt und seine Hauptaufgabe darin erblickt, gegen Deutschland zu Hetzen. In Rußland scheint man sich im Gegentheil gegen allerhand französische Wünsche auf dem Gebiete der auswärtigen Politik sehr zugeknöpft zu zeigen. So hat man in Paris auf den russischen Beistand ' in bim Streite mit der Türket gehofft. Augenscheinlich hat man aber von den zarischen Politikern eine glatte Absage und nur die Zusicherung „wohlwollender Haltung" bekommen. Möglicherweise hängt damit die Thatsache zusammen, daß es auf einmal ganz still geworden ist von energischen Maßregeln Frankreichs gegen die Pforte und von der Entsendung französischen Kriegsfahrzeuge nach den türkischen Gewäffern.
* Die La«dta-«rv»Hl im Wahlkreise Bamberg, welche dadurch nothwendig geworden ist, daß Abg. Dr. Schädler sein Mandat niebergdegt hat, ist von der Kreis- rezirrung auf Donnerstag den 7. November an- beraumt worden.
* Bei den Krgäsznugswatzte» zur sächsische« Zweite« Kammer wurden am Freitag gewählt: 20 Konservative, 1 Mitglied des Bundes der Landwirthe, 7 Nationalliberale und 2 Fortschrittler.
* Die Wirkung der ertzötzte« Stempel- sie«er wird von den .Berliner Politischen Nachrichten' als wsnig erfreulich geschildert. Die Thatsache, daß der Ertrag der Börsensteuer in den ersten fünf Mo-raten des laufenden Jahres nicht nur hinter dem Etatssoll, sondern auch hinter dem Ertrage des vorigen JahreS nicht unwesentlich zurückgeblieben ist, obwohl damals die höheren Steuersätze nur für einen Therl der Zeit in Kraft getreten waren, wird hauptsächlich auf die Erhöhung der Steuer zurückgeführt. Zwar sei an dem Rückgänge des Ertrages zu etn-m Theile auch her minder
Bit ArmllhMSjninMll.
Roman von O. Elster.
126 ------- (Nachdruck verboten.)
„föier ist meine Arbeitsstätte," sprach Elfe v ^djefa. Hier ist aber auch die Stätte der Erholung, der Erhebung des Trostes und der Hoffnung. Sie glaubten, ich lebe in günstigen Vermogensverhaitmssen — alles, was Sie hier sehen, ist bte Frucht meiner Arbeit, und um es zu erhalten, muß ich weiter arbeiten, weiter streben Und ich fühle mich zufrieden dabei — soweit im Menschenleben von Zufriedenheit die Rede sein kann. Im Winter beginnen meine Künstler- führten. Man sagt, ich fei eine berühmte Sängerin geworden — ich muß es wohl glauben, denn man feiert mich allerorten, meine Kaffen füllen sich," setzte sie mit bitterem Lächeln hinzu. „Im Frühling, im Sommer kehre ich hierher, in mein fiilles Asyl zurück. Aber auch hier bin ich nicht unthätig. Meine Kunst hat mir manche Freude bescheert. Man bat mich, ich möchte Unterricht ertheilen. Ich sträubte mich zuerst, aber sie kamen immer wieder; ich versuchte es mit einigen Schülerinnen, die mit rührender Liebe an mir hingen. Ich lernte ein neues Feld der Arbeit, des Genusses, der inneren Befriedigung kennen und ich wurde ruhiger, zufriedener in dieser meiner Som- merthätigkeit. Sie beglückt mich mehr, als die ruhmreiche Laufbahn der Künstlerin, als das glänzende Leben in der Welt. Wer weiß, ob ich tlicht diese Laufbahn dereinst ganz verlasse und
hier eine Musikschule gründe — eine arme Musik- lehren» statt einer berühmten Künstlerin werde."
„Ich bewundere Sie, Else!"
„Wie ganz anders dies Wort aus Ihrem Munde klingt," entgegnete sie lächelnd, „als in dem Munde meiner begeisterte» Verehrer in der Welt da draußen. Doch Sie dürfen dieses Wort nicht gebrauchen, Paul. Zur Bewunderung ist kein Grund vorhanden. Ich thue meine Pflicht, wie jeder Mensch e« sollte."
„Sie Wien sich glücklich in dieser aufreibenden Beschäftigung?-'
„Glücklich?" — Else blickte eine Weile traumverloren in den Garten hinaus. „Was gibt uns die Anwartschaft, das Recht auf da« Glück, von dem wir in unserer Jugend träumen?" fuhr sie dann aufaihmend fort. „Sagten Sie nicht selbst vorhin, daß wir nur das Recht auf Arbeit besäßen und daß es nicht auf den Platz ankommt, sondern darauf, wie wir den uns zugewlesenen Platz ausfüllen? Ich fühle mich ruhig und zu- ftteden in meiner Thätigkeit. Mehr zu verlangen find wir nicht berechtigt."
. "®je mögen recht haben, Elfe. Wenn nur nt^t die tief in unterem Herzen ruhende Sehn- sucht nach dem Glück wäre! Das ist der Zwiespalt, der unser ganzes Leben durchzieht und an ~m 1° manches schöne hoffnungsreiche Leben zu Grunde geht. Doch Sie werden nicht daran zu Grunde gehen, Elfe! Ich sehe. Sie find stark und stolz geworden. Sie brauchen da« Glück nicht, Sie haben den Zwiespalt unsere» Menschenleben« über- wunden.
Else senkte schweigend da« Haupt. Ein Traum
flog gleich dem Schatten einer Wolke, der über die sommerliche Halde huscht, durch ihre Seele. Ein Traum von Glück und Seligkeit, ein goldener Märchentraum, der ein welche« Lächeln auf ihrem ernsten, stillen Antlitz hervorzauberte.
Paul erhob sich. „Ich danke Ihnen, Else, für diese Stunde, die mich gleich bei meinem Eintritt in die Helmath wunderbar erquickt und erhoben hat. Wenn ich eine andere Vorstellung von Ihrem Leben besaß, dann bitte ich Sie jetzt um Verzeihung. Und noch eine Bitte habe ich, Else. Gestatten Sie mir, daß ich von Zeit zu Zett an Ihrem Trsch niedersitzen darf, daß ich mich erquicken, erfrischen' darf in dieser Stille, in diesem Frieden, daß ich mich an Ihrem Wesen erheben darf, daß ich von Ihnen lernen darf, wie man über dem Leben steht, ohne da« Leben zu verachten."
Sie legte mit ruhigem Lächeln ihre Hand in die feinlge und sah ihn freundlich an. „Kommen Sie so oft, wie e« Sie her treibt, Paul", sagte sie einfach und schlicht. Dann schieden sie mit einem stummen Händedruck.
Der junge Arzt lebte unter dem Einfluß Elser auf, von der er sich einst in störrischem Jugendtrotz abgewandt, die er für immer verloren zu haben glaubte. Die Liebe zu dem schönen, blondlockigen Kinde hatte in feinem Jünglingsherzen tiefe Wurzeln geschlagen, sie rankten sich jetzt auch n seine Mannesjahre hinein und ließen ihm da« Leben in einem anderen Lichte erscheinen. Er war in die Helmath auf Wunsch seiner Eltern zurückgekehrt, freudlos, ohne Erwartung, etwas anderes zu finden, als das arbeitsreiche, einförmige Leben eines Landarztes. Und nun fand er die
Kunst, die Poesie; er fand die hochherzige Resignation eine« edlen Frauenherzen«, die stille Schaffensfreude einer kraftvollen, genialen Natur. Welch' herrliche Stunden verlebte er in dem kleinen Landhause auf der waldumschatteten Anhöhe! In eine andere.Welt fühlte er sich versetzt, wenn er Abends ihrem Spiel, ihrem Gesang lauschen durfte. Draußen lärmte der Winter weiter, thürmte sich der Schnee zu hohen Mauern empor. Drinnen herrschte milde FrühlingSstim- mung und Levzesdüfte, Lenzesgrüße schienen das Gemach zu durchwehen, wenn die prächtige Stimme Elses ertönte, wenn sie dastand am Flügel und mit gesenktem Haupt und träumerisch-sinnendem Gesichtsausdruck den verhallenden Tönen der Begleitung lauschte, welche durch eine ihrer Schülerinnen ausgeführt wurde.
Klara von Hennersdorfs, dir Lieblingsschülerin und Freundin Elses, die schon fast ein Jahr in dem kleinen Landhause weilte, war nur ein wenig jünger als Else. Sie hatten sich in der großen Welt gefunden und sich in enge Freundschaft aneinandergeschlossen. Wenn sie Arm in Arm in das Zimmer traten, hätte man sie für Schwestern halten könne«. Nur fehlte dem blonden Haar Klaras der goldige Glanz der Locken Elses, ihren Augen das herrliche tiefe Himmelsblau der Augen Elses und dem frischem Gesicht die edle klassische Schönheit des blaffen Antlftzes, der kleineren etwas vollen Figur die statuenhafte, edle Schlankheit der herrlichen Gestalt Elses.
Klara von Hennersdorf besaß keine Eltern mehr. Ihren Vater hatte sie nicht gekannt, er