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fli» 3n(*atf 3. Parzelle» in Stilb«. mit Anlerhattungs Beilage „Illustrirte Sonntags-Zeitung"

Druck en» Verla, de» Fuldaer Acliendruckerel pderegagt Nr. 2 (tiarnenie).

JI5 229.

Jutöa, Samstag, den 5. Oktober 1901.

Wochen-Wunöschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 5. Oktober.

„Ein Friedensfest und ein Freundschaftsfest ward in Wien begangen. In treuer Freundschaft stehen die Monarchen, in treuer Waffenbrüderschaft die Armeen zu einander. Der Besuch der deutschen Krieger in Wien kann von der ganzen Welt mit Sympathie begrüßt werden; denn die älteste Friedensallianz ist auch heute noch die stärkste Friedensbürgschaft" — diese Worte widmete ein Organ der Wiener Regie­rung, das .Fremdenblatt', den festlichen Tagen, die den heimkehrenden deutschen Chinakriegern in Wien veranstaltet wurden. Nicht nur von der amtlichen und militärischen Welt, von ganz Wien ist das deutsche China • Bataillon mit einer Herzlichkeit empfangen worden, die ihres Gleichen sucht. Vor dem Kaiser Franz Joseph ist das Bataillon mit klingendem Spiel und wehender Fahne vorbeigezogen und hat vor ihm in Parade gestanden; und bei dem festlichen Mahle, das der Kaiser in seiner Hof­burg veranstaltete, rühmte er wiederum die „treue Waffenbrüderschaft", die Deutschland und Oesterreich- Ungarn mit einander verbindet. Die Waffenbrüder­schaft ist alt. Auch im Jahre 1864 hat es ein ähn­liches Schauspiel gegeben: Damals haben öster­reichische Weißröcke in Berlin unter den Linden vor König Wilhelm I. in Parade gestanden — und was dazwischen liegt, das böse Jahr 1866, haben beide Völker ehrlich vergeffen. Der Bund zwischen Oester­reich-Ungarn und Deutschland ist der aufrichtigste, der engste, der festeste, den der Erdball zwischen zwei Staaten und Völkern aufzuweisen hat, und mit Gottes Willen wird daran für lange Zeit hinaus nichts geändert werden!

Bon großem Interesse' ist eine Reihe von russi­schen Zeitungsurtheilen über den Zarenbesuch in Danzig. Natürlich find sie sehr vorsichtig ge­halten. Aber man gewinnt aus ihnen denselben Ein­druck, der als der richtige in Petersburg von Theil- nehmern der Zarenreise geschildert wird: Die Monarchenzusammenkunft vor Danzig war danach ein erfreulicheres und angenehmeres Ereigniß, als der Aufenthalt in Frankreich. Manche Leute meinen, es muffe in Frankreich etwas nicht geklappt haben — trotz der ganz überschwänglichen Berichte der ftan- zösischen Zeitungen. Thatsächlich sind es ja an sich unnatürliche Verhältnisse, wenn der Zar einen sozial­demokratischen Minister, wie dem französischen Handelsminister Millerand, einen Orden verleiht und dieser ihn dankend annimmt. Das sind gekünstelte Dinge; und von erkünstelten Dingen pflegt man anzunehmen, daß sie nicht von langer Dauer sein könnten.

Der chinesische Sühneprinz, Tschun Tsai- f o n g, hat am 29. September Deutschland wieder verlassen. Er ist mit einem Sonderzuge über die Brennerbahn nach Genua gefahren, um nach China auf demselben Wege zurückzukehren, auf dem er her­gekommen war. Der Besuch noch anderer Länder ist also, entgegen dem ursprünglichen Plane, unter­blieben. Schließlich wäre auS dem Sühnegange eine Triumphreise geworden!

Bei uns in Deutschland ist das wichtigste politi­sche Ereigniß der letzten Woche die Eröffnung des bayerischen Landtages, und damit die Wiedereröffnung der parlamentarischen Zeit über- «’t’K ~^ne Zweifel haben wir zu erwarten, daß alsbald während der bayerischen Kammerverhand- lungen die großen Fragen der Wirthschafts- und Handelspolltlk eine Besprechung finden, die gegen- wartlg im Vordergründe alles politischen Interesses stehen; besonders eingebrachte Interpellationen werden diese Besprechung alsbald herbeisühren. Von den gesetzt benschen Arbeiten, die der Landtag zu erledigen hat, sind am wichtigsten die Revision der Grundsteuer und bte Aufbesserung der Bezüge der Geistlichen und der Lehrer. Von dem neuen Budget hat Finanzminister Freiherr von Riedel gesagt, es fei ein Sorgenkind. Aber vorläufig find die bayeri- fchen Finanzen noch immer im besten Zustande: Die Jahre 1898 und 1899 haben zusammen Ueberschüsse von 55 Millionen Mark ergeben, wovon bisher erst 20 Millionen verwendet worden find. Das neue Budget für 1902 gleicht sich aus mit 464 Millionen Mark, d. h. 31 Millionen mehr als vordem. Daß leider die HerauSzahlungen des Reiches an die Einzelstaaten hinter den Leistungen dieser Letzteren an das Reich zurückbleiben werden, ist frestich auch schon gewiß; also hat man zu erwarten, daß bei den Verhandlungen des bayerischen Landtages das Finanzverhältniß zwischen dem Reiche und den Einzelstaaten ebenfalls eine wichtige Rolle spielen werde.

Der erste würt'tembergische Handels­kammertag hat in «Stuttgart stattgefunden. Mit sechs gegen zwei Stimmen hat er eine Ent­schließung angenommen, die fich für die Vereinheit­lichung des deutschen Eisenbahnwesens und den An­schluß der württembergischen Eisenbahnen an die vreußisch'hessische Eisenbahngemeinschaft ausspricht. Mit „Ja" stimmten die Handelskammern Heilbronn, Ravensburg, Rottweil, Ulm, Calw, Stuttgart; mit „Nein" Reullingen und Heidenheim. Daß gerade der Anschluß an Preußen nicht den Wünschen der Volksmehrheit entspricht, ist ja hinlänglich bekannt,

und mit der Eisenbahngemeinschaft im allgemeinm hat es noch weite, weite Wege. Der deutsche Handelstag war in Berlin versammelt und hat allerhand Beschlüsse gefaßt, die man im Interesse des durchaus nothweudigen Schutzes der Landwirth- schaft nichts weniger als freudig begrüßen kann. Der preußische Handelsminister Möller ist kein begeisterter Verfechter agrarischer Interessen. Aber hier hat er es doch für angebracht gehalten, bei einem Festmahle nach dem Schluffe der Verhand­lungen darauf aufmerksam zu machen, daß „der höhere Schutz der Landwirthschaft eine politische Nothwendigkeit" sei.

Die Urwahlen zum Landtage haben m Königreiche Sachsen stattgefunden und sind o ausgefallen, daß ihre Folgen das völlige Ver- chwinden der Sozialdemokraten aus der zweiten kammer und eine Zweidrittelmehrheit der Konser­vativen sein müssen. Die Wahlmännerwahlen im Großherzogthum Baden wurden für den 4. Oktober anberaumt, lieber deren Ergebniß soll in der nächsten Wochenschau berichtet werden.

Die Sozialdemokratie hat ihre diesjährige Parteischau in Lübeck abgehalten. Im allgemeinen mißt die bürgerliche Presse diesen sozialdemokratischen Parteiversammlungen eine viel zu große Be­deutung bei durch tägliche spaltenlange Berichte und durch sorgfältige Aufzeichnung jedes einzelnen Vor­ganges. Diesmal hat es sich von neuem gezeigt, daß innerhalb der Sozialdemokratie zwei Richtungen vor­handen find, die sich im Gegensätze zu einander be­finden. Der Riß ist wiederum verkleistert worden, indem Herr Eduard Bernstein, der Führer des gemäßigten Flügels — soweit man von „Mäßigung" hier überhaupt sprechen kann — Herrn Bebel und der Parteimehrheit sich unterworfen hat. Aber dadurch sind die Gegensätze nicht aus der Welt geschafft; und was heute verkleistert wurde, wird später wieder als Riß auseinanderklaffen und von neuem den sozial­demokratischen Parteihäuptern Kopfschmerzen verur­sachen. Im übrigen schließen wir uns in der Beur- theilung des sozialdemokratischen Parteitages der,Frei­sinnigen Zeitung' des Herrn Eugen Richter an, die sich mit folgenden Worten äußerte: „Abstoßender und widerwärtiger ist wohl niemals der Eindruck eines Parteitages oder Kongresses für unbefangene Zuschauer gewesen, als jetzt in Lübeck. Der rohe, jeden parla­mentarischen Anstandes spottende Ton, in dem die Verhandlungen geführt wurden, die gefliffknniche Miß­achtung, die die Genossen gegmeinonbfr in ihren Reden zur Schau tragen, ist in dieser Weise selbst auf einem sozialdemokratischen Parteitag oüher nie­mals bemerkt worden . . . Und solche Heuen bilden sich noch im Ernste ein, die gegenwärtige Staats- und Gesellschaftsordnung durch eine vollkommenere ersetzen zu können. Die Herrschaften können sich nicht einmal selbst regieren, wie dieses ihr besonderes Parlament bekundet!"

Heber die Entfestigung der Südseite der Stadt Metz ist jetzt nach langen Verhandlungen, die Jahre hindurch gedauert haben, Einigkeit erzielt worden. Mit der Niederlegung der Wälle soll sofort begonnen werden, und damit wird die Stadt Metz von Fesseln befreit, die Jahre lang mit schwerem Drucke auf ihr gelegen haben.

Unsere westliche Nachbarn in Frankreich scheinen im allgemeinen gar nicht mehr in so überschwänglicher Weise, wir früher, für den Beherrscher aller Reußen zu schwärmen. Man gewinnt im Gegen- theil aus verschiedenen Anzeichen den Eindruck, als wäre diesmal die Begeisterung noch viel mehr als früher künstliche Mache gewesen, und auch in Peters- gibt man sich keiner Täuschung mehr darüber hin, wie Berichte ans der Zarenstadt darthun. Russische Theil- nehmer der Zarenreise haben ganz offen heraus ge­sagt, daß wohl nicht alles „geklappt" haben möge. Die Franzosen sind der gebende, Rußland der nehmende Theil, das wird den Franzosen je länger, desto klarer, und solche Einsicht wirkt natürlich außerordentlich ab­kühlend. Die Sozialdemokraten aller Länder aber sind wüthend auf ihren ftanzösischen „Genossen", den Handelsminister Millerand, der sogar vom Zaren einen Orden dankend angenommen hat — nichts als Enttäuschung nach den Tagen der rauschenden Feste!

Was die Franzosen mit der Türkei anfangen wer­den, ist noch unbekannt. Der französische Botschafter ist noch nicht nach Konstantinopel zurückgekehrt. Der Konflikt ist also noch nicht beigelegt. Beinahe wären die Türken auch in offenen Streit gerathen mit den Engländern, und zwar bei Koweit im persischen Meer­busen. Das ist ein kleines Staatswesen, das dem Sultan nnterthan ist, wenigstens dem Namen nach. Dort wollen aber die Engländer festen Fuß fassen, um einen Ausgangspunkt zu gewinnen für ihre Bahn von Indien her nach dem persischen Meere, und es fehlte nicht mehr viel, so hätten vor Koweit die Ge­schütze der englischen und der türkischen Kriegsschiffe gedonnert. Bermuthlich wird aber auch dieser Zwist nicht zu ernsten Folgen führen.

Ein schlimmer Gast an« dem Orient hatte sich im Hafengebiete von N e a p e l eingefunden: Die B e u l e n- pesi. Es ist indessen gelungen, die Seuche auf ihren ursprünglichen Herd zu beschränken, so daß jetzt alle Gefahr als beseitigt gelten kann. Dje einzelnen Fälle find diesmal auch verhältnißmäßig harmlos ver­laufen.

In Spanien redet man sehr viel von einer bevorstehenden Ministerkrise, eigentlich seit Wochen schon. Aber bis heute ist die Krise noch nicht zum Ausbruche gekommen, und Ministerpräsident Sagasta will, wie man sich denken kann, nach wie vor nichts von einer Krise wissen. Sein ganzes liberales Kabinet steht nicht auf allzu festen Füßen; ein unvorhergesehenes Ereigniß kann eS eines schönen TageS vom Erdboden Hinwegfegen.

Die Philippinen-Inseln sollten angeblich schon längst vollkommen im ungestörten Besitze der Vereinigten Staaten und gänzlich beruhigt fein. Da auf einmal meldet der Draht wieder von einer Nieder­lage, die eingeborene Truppen den Amerikanern bei­gebracht haben. Eine amerikanische Kompagnie ist vollkommen vernich et worden. Mit der sogenannten „Beruhigung" scheint es also eine ganz besondere Bewandtniß zu heben.

Die englische» Aktien in Südafrika stehen fort­gesetzt schlecht. Herrn Kitcheuer scheint der ganze Feldzug gründlich verleidet zu sein, und daS kann man ihm nicht weiter verdenken. Er wollte deswegen das Oberkommando niederlegen, ist aber von der britischen Regierung wieder zum Bleiben bewogen worden. Man sagt, Herr Kitchener wolle noch grau­samere Maßregeln gegen die Buren anwenden, die Regierung wollte das aber nicht dulden. Jetzt muß man abwarten, ob die Engländer wirklich ihre eigene Unmenschlichkeit noch übertrumpfen werden. Die um» laufenben Gerüchte von erneuten Vermittelungen waren

* Menschensurcht.

„Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt," sagte Bismarck. Hätte er doch die Wahrheit gesprochen! Wäre eS wirklich so, dann wäre es auf Erden ganz anders bestellt. Muß man aber angefichls so vieler Thatsachen nicht eigentlich sagen: Wir fürchten überall die Menschen, häufig sogar mehr als Gott?

Schon früh sängt diese Furcht an. Das kleine Mädchen kommt aus der Schule und klagt: „Mama, die anderen Kinder lachen mich aus, weil ich ein blaues Schürzchen anhabe. Ich ziehe eS nicht mehr an, ich muß durchaus auch ein schwarze- bekommen." Kommt es auf die Töchterschule, so hat es stets an seinen Kleidern zu mäkeln. Sie find ihm nicht fein, nicht modern genug. „Die anderen find stets nach der neuesten Mode gekleidet." Der Knabe erklärt mit großer Bestimmtheit, die kurzen Hosen nicht mehr an­ziehen zu woller, weil die Mitschüler lange tragen. Ist er „höhere." Gymnasiast geworden, so muß er sehr bald sich mit dem Rauchen plagen. Es ist ihm gar kein Vergnügen, sonder« eine Qual. Heroisch obet erfragt er sie und alle ihre Folgen, denn die andren Jungen sollen ihn doch nicht für weniger forsch halten. Wie die Kinder heranwachsen, so werden auch die An­sprüche immer größer. Das Wort der Eltern und Lehrer, die eigene Vernunft wird nicht mehr gehört, sondern nur danach getrachtet, es zu machen wie die anderen. Nur deren Lächeln, ihr Achselzucken gilt und hat Bedeutung. So kommt der junge Mann ins WirthShaus, ans Trinken, zu unnöthigen Ausgaben. DaS junge Mädchen will sich nicht in die Verhältnisse schicken. Es lernt Malen, statt Kochen, mufiztrt ohne Talent, statt zu nähen, radelt und spielt Tennis, statt der Mutter daheim bei den häuslichen Ge­schäften zu helfen. Alles nur, weil die anderen Dämchen eS auch so machen, und sie nicht zurück- stehen will. AuS eben dem Grunde wird sie auch in ein ausländisches Pensionat geschickt. Den Verhältniffen wäre eS häufig viel mehr angepaßt, wenn die Tochter zu Hause bliebe und von der Mutter in die Wirthschaft eingeführt würde. Aber eS geht nicht. „Was sollen die Leute von uns denken?" ist daS Motto und die Triebfeder alles Denkens und Handelns. Auch bei dem jungen Brautpaar.

Die Mittel find knapp. Die Eltern mahnen zur Sparsamkeit. Die Freundinnen, welche viel­leicht aus reichern Häusern stammen, haben aber eine glänzende Ausstattung bekommen. Da kann unsere Braut nicht zurücköleiben. Statt einem gemüthlichen Wohnzimmer mit solide» Möbeln wird ein „Salon" mit Seide bezogenen Sessel» und SopyaS eingerichtet. Statt auf soliden Stoff wird bei der Wäsche mehr ans Verzierungen und Stickerei gesehen. Die Wohnung ist be­schränkt. DaS größte und luftigste Zimmer wird aber zu dem wenig gebrauchten Salon genommen, denn dorthin werden ja die Bekannten und Fremden geführt. Daß das Schlafzimmer klein und ungesund ist, kommt dagegen nicht in Be­tracht. Zur Hochzeit mußte die Braut durchaus in einem weißseidenen Kleide erscheinen. Sie kann es nachher kaum noch benutz-n, aber daS schadet nichts: „die anderen hatten auch ein weißeS." Auch eine Hochzeitsreise macht das junge Ehepaar, obschon sie das Geld dafür so gut hätten gebrauchen können für den Anfang der Wirthschaft und für noch nöthige Anschaffungen. Auf der Reise wurde an der Wirthstasel das gewohnte Tischgebet unterlaffen. Die fremden Menschen hätten sie ja für Frömmlinge halten können. Ob dieS ihnen wohl geschadet hätte? Nun find sie wieder zu Hause, und das neue Leben beginnt. Nicht auf eigene Befriedigung und auf häusliche SemÜthlichkeit wird der Haupt­werth gelegt, sondern auf Aeußerlichkeiten und daS Urtheil der Menschen. Da die Geldmittel klein find, verlangen fir Einschränkung. Im ge­

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28. Jahrgang.

wöhnlichen Leben wird darum gedarbt und au NothwendigeS zuweilen verzichtet, nur um dann und wann Gesellschaften geben zu können, wobei eS dann glänzend hergeht. Die Bekannten dürfen ja keine Ahnung haben von den beschränkten Verhältniffen.

Braucht das Ehepaar sich in pekuniärer Be­ziehung nichts zu versagen, so steht es darum nicht weniger unter der Herrschaft der Menschenfurcht. Sie treibt es zu vielem, was nicht ihrer Vernunft, ihren Grundsätzen, selbst nicht ihren Liebhabereien entspricht. Sie möchten zuweilen gerne einmal einen Abend für sich haben. Theater, Konzerte und unzählige Gesellschaften, welche sie wegen anderer glauben besuchen zu müssen, lassen sie nicht dazu kommen. Die junge Frau ist bisher streng vor seichter, schlüpfriger Lektüre behütet worden.. Jetzt erklärt sie ihrem Manne, er müsse ihr die Werke der seither verpönten Schriftsteller be­schaffen; sie mache fich lächerlich mit ihrer Un­wissenheit: „Die anderen jungen Frauen haben dieselben längst gelesen." Sie hat anfangs an dem heiklen Inhalt der Bücher keine Freude, aber sie liest sie doch und merkt nicht, wie ihr Geschmack fich verändert und die neue Lektüre sie in ihrem ganzen Thun und Lassen beeinflußt. Ebenso geht es mit gewissen Theaterstücken. Sie geht hin, weil die anderen htngehen, und sie hört und sieht dieselben, denn sie müßte sich ja schämen, wenn sie nicht darüber mitsprechen könnte. Wurde früher in Gesellschaft ein unpassendes Wort gesagt, so bekam sie zwar einen rochen Kopf, lachte aber doch, um nicht für prüde zu gelten; nun lacht sie schon aus wirklichem Vergnügen darüber.

Das Ehepaar ist katholisch und von zu Hause aus daran gewöhnt, die Vorschriften seiner Reli­gion zu beobachten. Sie sind an einem Freitag in Gesellschaft. Wie gerne möchten sie auf das vorgesetzte Fleisch verzichten, aber sie wagen es nicht, weil man er ihnen vielleicht Übel nehmen könnte. Für den Sonntag wird eine gemeinschaft­liche Partie verabredet mit einem Frühzuge. Sie würden so gerne einen späteren vorschlagen, weil sie sonst nicht den Gottesdienst besuchen können, aber sie scheuen sich, und mitfahren müssen sie, weil ihr Wegbleiben auffallen könnte.

Im politischen und wirthschaftlichen Leben deckt sich des Mannes Ueberzeugung mit den Gnmd- zügen des Centrums. Aber int Hotel oder Restau­rant öffentlich eine katholische Zeitung zur Hand nehme», nein, er könnte ja für einen Ultramon­tanen angesehen werden. Ein Mann von Bildung und Besitz muß doch den Schein bewahren, liberal zu sein. Liberal-freiheitlich klingt so wunderschön; daß die Liberalen sich eifrigst bemühen, die Frei­heit Andersdenkender in vielen Dingen nach Mög­lichkeit zu beschneiden, verschlägt dabei nichts. In seiner Zeitung hat der Mann manche schöne Rede gelesen, der er und seine Frau voll beistimmten. Dies ließ in ihm den Wunsch aufleben, auch einmal da« begeisternde Wort bekannter Redner zu hören. Dies könnte aber nur in einer poli­tischen Versammlung geschehen, und somit wird der Plan verlaffen; denn man könnte dann al« Centrumsmann oder gar von „Liberalen" für einen Fanatiker gehalten werden.

Wie manche Familie geht in die Sommer-' frische, nur weil es die Mode erfordert. Die Mittel reiche» nicht dazu, eine bequeme freund­liche Wohnung zu beziehen. Da zwingen sie sich in kleine dumpfe Zimmer und fchlafen in schlechten Betten. Am Essen und Trinken muß überall ge­spart werden. Sie kehren schließlich, statt erfreut und erfrischt, abgemattet und mürrisch nach Hause zurück. Aber de» Anforderungen der Wett ist Genüge geschehen: sie waren auch verreist. Zum Glück find wir ja in Deutschland noch nicht so weit gekommen wie in Frankreich. Dort schließt manche Familie zur Reisezeit ihre Wohnung nach vorne hinaus fest zu und zieht sich in ein enge« abgelegenes Hinterzimmer zurück. Die Bekannten sollen glauben, sie seien fort in die Sommerfrische. Aber ob wir Deutsche mit der Zeit und der Furcht vor den Menschen nicht auch dahin kommen werden?

Wie manches Lebensglück ist schon durch die Menschenfurcht zertrümmert worden! Die Tochter liebt einen soliden, braven Mann. Er hat sein Auskommen; auch ist sonst nichts an ihm auszu- setzen. Aber ist in einer untergeordneten Stellung. Die Leute würden ja die Rase rümpfen, wen» die Verbindung zu Stande käme. Also wird sie ab­gebrochen und die Zukunft zweier junger Menschen vielleicht auf immer verdorben — au« Menschen­furcht. Sie regiert die Welt, bestimmt die Ge­schicke der Mensche», ist einer der wichtigsten Faktoren im Leben. Ist sie wirklich noth wendig oder nützlich? In den meisten Fällen gewiß nicht. Ma» kann handel» wie man will, so oder so — niemals wird man es allen Menschen recht machen können. Richten wir uns darum lieber nach dem Sprichwort: Thue Recht und scheue Niemand.

(,Köln. Vo'.ksztg')