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mit Zlnierhaltungs -Beilage „Issusirirte Sonntags-Zeitung!' *" P«Umaft Br. » (tanuvM.

Flügels erhob sich eine männliche Gestalt — es war der Herzog.

Sie erbebte bis in die Tiefen ihrer Seele. Ach, weshalb mußte gerade er ihr hier in der Stille, in der Feierlichkeit dieses Gemaches noch einmal entgegentreten?

In feierlicher Audienz, in Gegenwart der Oberhofmeisterin würde ste ohne Zagen ihm zum Abschied gegenübergetreten sein, würde Rraft und Muth gefunden habe», ihm mit einfachen Worten für seine Gnade gedankt und ihm zum letztenmal zum Abschied die Hand gereicht haben.

Aber hier überwältigten sie die Erinnerungen! Hier dachte sie daran, wie oft er in jener halb» verhangenen Nische geseffen und ihren Liedern gelauscht hatte, während sein dunkles Auge schwer- muthSvoll an ihrem Antlitze hing. Sie fand kaum die Kraft, sich ehrerbietig zu verneige«.

„Verzeihen Hoheit — ich glaubte nicht. Euer Hoheit hier zu treffen," stammelte flff.

Ein trübes Lächeln huschte über das blaffe Antlitz des Fürsten.

„Wenn ich von Geschäften und Sorgen er­mattet, von den glänzenden Festen der Welt, von den ranfchenden Vergnügungen ermüdet war, dann flüchtete ich mich in diese Stille, in diese Ein­samkeit," sprach er langsam und mit halb ver­schleierter Stimme. „Hier fand ich stets Ruhe und Frieden, hier fand ich Trost und Hllfe, hier fand ich — das Glück! DaS soll nun Alles anders werden!" fügte er aufathmend, wie unter einer schweren Last, hinzu. „Auch hier wird kein Frieden mehr für mich sein."

„Hoheit — diese Worte — ich weiß sie nicht zu deuten."

Er lächelte bitter. „Ste wiffen sie wohl zu deuten. Die Herzogin hat mit Ihnen gesprochen, wie sie mit mir schon vor Tagen gesprochen hat."

Else erbebte. Ach, deshalb hatte ste ihn seit einigen Tagen nicht gesehen! Deshalb war er Abends zu den stillen, der Musik geweihten Stun­den nicht mehr gekommen!

„3d) vermochte de« Lärm des Festes nicht mehr zu ertragen," fuhr er fort. „Prinz Albert, mein Vetter, mag die Gäste zum Bahnhof ge­leiten — ich eilte hierher, ich flüchtete mich in diese Stille, i« diese Einsamkeit, ich dachte an die Worte meiner Mutter, ich dachte a« Sie, Else —"

„An mich, Hoheit —"

„Ja, an Sie! Mene Mutter hat Sie sehr geliebt, auch mich liebt sie — ach, sie hat recht, hundertmal recht! ES ist beffer so — eS muß so sein. — Ich habe meiner Mutter manchen Schmerz bereitet — ach, auch Fürsten können ihren Eltern Kummer und Sorge bereite« und ich weiß, daß mein lustiges Leben dem sanften, edlen Herzen meiner Mutter manchen Kummer zu- gefügt hat. Da begegnete ich Ihnen, Else, und ich — wurde ein anderer — ein besserer."

„Haben Sie Mttleid mit mir — entlassen Sie mich, Hohett."

„Nein, bloiben Sie, Else! Fürchten Sie nicht-— Ihr- Anmuth hat mein Herz entflammt, meine Sinne entzündet, aber Ihre Unschuld, Ihre Rein- hett haben meine Leidenschaft gebändigt, haben mich gelehrt, da auch zu achte«, wo ich lieben muß!"

Else verhüllte ihr Antlitz mit den Hände«. Weshalb mußte er sie in dieser Stunde gerade sprechen? In der Stunde deS Abschiedes, wo ihr Herz ohnehin schon zu brechen drohte? In dieser Stunde fand sie kein Wort der Erwiderung. In dieser Stunde, da sie sich von der Stätte ihrer wahren Heimath trennen sollte, ließ sie Alles über sich ergehen, beugte sie sich unter dem Sturm der Leidenschaft, der über ihrem Haupte dahinbrauste.

Zu dieser Stunde lauschte sie wehrnüthig einen Worte«, in dieser Stunbe öffnete sie chmerzbewegt ihr Herz dem Glück, daS ihr auS einen Worten entgegentönte.

Der Herzog legte sanft die Hand auf ihre Schulter und fuhr leise fort: „Ich wurde ein anderer, ein besserer durch die Liebe zu Ihnen, Elfe. Ich fand die Ruhe wieder bei meiner edle« Mutter und bei Ihnen, Else! — Und das soll «un alles wieder anders «erde«! Meine Mutter wird bald scheiden auf ewig — nun wollen auch Sie scheiden — auch Sie wollen von mir gehe«?"

„Es muß sei«! ES ist beffer fürunS beide, daß wir «ie uns wiedersehen!" erwiderte sie leise.

Er wandte sich ab, kreuzte die Arme über die Brust und blickte finster vor fich nieder.

Else beugte das Haupt und wollte fich leise entfernen. Ihr Fuß stockte, noch einmal blickte sie auf ihn, eilte auf ihn zu, streckte ihm beide Hände entgegen und schluchzte: „Leben Sie wohl — und Dank, tausend Dank für diese Stunde! Leben Sie wohl--*

JK'227.

Iut-a, Donnerstag, dm 3. Oktober 1901.

28. Jahrgang.

Industrie und Landwirthschast.

Der Centralverband deutscher Industrieller hat am letzten Dienstag in Berlin seinen Dele- girtentag abgehalten. Es handelt sich dabei um die Stellungnahme des Zentraloerbandes zu der Gestaltung deS neuen Zolltarifs, namentlich zu der Festsetzung der Getreidezölle; und eS ist so gekommen, wie man eS vorher erwartete: Die Delegirtenverfammlung hat eine Entschließung gegen die gesetzliche Festlegung der Mindest­zölle angenommen. Die Annahme ist mit starker Mehrheit erfolgt, sogar mit allen abgegebenen Stimme«. Aber die Vertreter deS Vereins der Industriellen für de« Regierungsbezirk Köln, des Oberfchlesischen Berg- und Hüttenmännischen Vereins uns der Handelskammer Hagen haben sich der Stimmabgabe enthalten, um auf diese Weise gegen die gefaßte Entschließung Widerspruch zu erheben.

ES waren der Versammlung zwei Ent­schließungen vorgeschlagen, je eine von den Referenten, Generalsekretär B u r ck, und von dem Korreferenten, Geheimrath König. Beide Vorschläge liefen aber so ziemlich.auf Eines hinaus, und so wurde die Einigung nicht gerade schwer. Die angenommene Entschließung - lautet:

. „Die Delegirtenversammlung betont nach wie .„vor die Nothwendigkeit des Abschlusses „langfristiger Handelsverträge. Dieselbe ist „nach wie vor einv rrstanden mit eine: Er- „Höhung der Getreidezölle und insbesondere .„damit, daß unter die int § 1 Absatz 2 des , „Zolltarifentwurfes benannten Sätze (Roggen . „5, Weizen 5.50, Gerste 3 und Hafer 5 Mk.) „nicht heruntergegangen werde. Dieselbe ist „endlich einverstanden damit, daß ein Mini- „malsatz für die im § 1 des Gesetzentwurfes „benannten Getreidearten im Gesetze über- „Haupt nicht feftgestellt werden dürfe und „Absatz 2 des § 1 (der eben Mindestsätze „feflsetzy s:mit zu streichen fei. Sollte Ad- „fafc 2 des § I des Gesetzentwurfes durch „die gefttzgedenden Körperschaften zur An- „nahme gelangen, so behält sich der Zentral- „verband vor, mit entsprechenden Anträgen „an die Reichsregierung heranzutreten."

Daß es so kommen würde, wußte man ja im voran». Dennoch erfordert der Beschluß eine genauere Betrachtung, und zwar haupt­sächlich wegen der Ausführungen der Redner, durch die er vorbereitet wurde.

Der Generalsekretär Bueck hat die hochwich­tige« Fragen, auf die es hier ankommt, in einer Art und Weise behandelt, die wie Hohn klingt. Er ging von der erneut aufgestellten wunderlichen Behauptung aus, daß der Central-Verband dis SolidarUSt der Interessen der Industrie und Land- wirthschaft stets vertrete und deswegen auch gegen die Höhe der Zollsätze nichts einwende, aber die Festlegung der Zollsätze bekämpfe. Wenn man aber bestimmte Zollsätze billigt, warum wehrt man sich dann gegen ihre Sicherung? Man be­weist damit, daß man die gerühmte Solidarität eben nicht vertritt; denn vollkommen unerwiesen ist und bleibt die Behauptung, daß die Festlegung der Mindestzölle für Getreide den Abschluß der Handelsverträge in Gefahr bringe. Die Reichs­regierung selbst hegt diese Besorgniß auf keinen

W AmcnhllMillMn.

Roman von O. Elster.

------ (Nachdruck verboten.)

So wollte ste denn auch nicht mehr zurück­schauen und zurückgehen! Vorwärts, vorwärts! Hinaus in das Leben, in die Welt, in den Kampf! Der Traum der Jugend war auSge- träumt, der Traum deS Friedens war vorüber, die Märchenwelt versank, die Wirklichkeit blickte sie an mit ernstem Auge.

Tief aufachmend richtete sie fich empor. Noch einmal wollte ste das Zimmer der geliebten Fürstin durchwandern, «och einmal de« stillen Frieden der Umgebung auf sich wirken lassen, «och einmal in der Erinnerung leben und dann hinaus — dann fort von hier!

Sie durchschritt rasch das Vorzimmer und öffnete die Thür, welche zu dem Musiksalon der Fürstin führte. In tiefer Dämmerung lag daS Gemach da; nur ein grünlicher Lichtreflex schim- merte auf dem Flügel, an dem Else so ost geseffen, dessen Melodien die Fürstin und — er so oft gelauscht, von dem ste fich jetzt auf ewig trennen sollte.

Noch einmal wollte Else die Finger Über die Tasten gleite« lassen — ein weihevoller Requiem ihres Friedens feiern — da schrak sie heftig zu­sammen und daS heiße Blut strömte ihr in wilde« PulSschläge« zum Herzen.

AuS der vsn Blattpflanze« und Schling- gewachsen halb mrfüllten Nische zur Seite des

Fall; sonst würde ste diese Festlegung der Ge­treidezölle nicht vorgeschlagen haben. Die Land- wirthschaft muß aber eine Bürgschaft dagegen er­halten, daß eS ihr bei dem Abschlüsse der neuen Handelsverträge nicht wieder so gehe, wie vorher bei den Verhandlungen Über die alten: nämlich Sicherheit dagegen, daß ste eS nicht wieder sei, die bluten und für die Industrie und den Handel die Zeche bezahlen muß; und diese Bürgschaft kann ste eben nur durch die genaue Begrenzung der Zölle für ihre Erzeugnisse im Gesetze erhalte«. Wenn man die ganz bestimmte Erklärung abgibt, daß man unter eine festgesetzte Mindesthöhe der Getreidezölle nicht hinuntergehen wolle, warum sträubt man sich dann gegen eine entsprechende gesetzliche Bestimmung? Diese letztere ist dann doch nur eine äußere Form, die an der Sache selbst nicht das Geringste ändert.

Herr Bueck hat ferner von einer Politik ge­sprochen, die „die Interessen der einen Partei gänzlich preiSgebe" — und damit meinte er wie­derum diese gesetzliche Festlegung der Getreide­zölle. Das kann nur den Eindruck Hervorrufen, als wolle Herr Bueck und als wolle mit ihm der ganze industrielle Cenrralverband fich über die gesummte deutsche Landwirthschast lustig machen. Nur eine Stimme herrscht bei dieser darüber, daß die von der Regierung vorgeschlagenen Zollsätze für Getreide durchaus unzureichend find sür einen angemessenen Schutz der landwirthschaftlichen Erzeugnisse; die Zollsätze sür die Industrie weisen dagegen ganz überraschend hohe Ziffern auf. Es gehört darum eine starke Dosis Muth dazu, unter solchen Umständen von einer Politik zu sprechen, die die Interessen der Industrie preis­gebe. Mit solchen unwahren Beweismitteln zu sechte«, sollte der Centraloerband unter seiner Würde halten!

Schließlich hat Herr Bueck sich zu der Be­hauptung verstiegen, „einfach lächerlich" fei die „Drohung der Agrarier", zum Freihandel Über­zugeben. Diese angebliche Drohung, die keine Drohung, sonder« nichts weiter ist als eine Ab­wehr von Zumuthungen, in die die Landwirth­schast niemals einwilligen kann, entspricht doch aber vollkommen den thatsächlichen Verhältnissen. Wenn die Landwirthschast Schutzzölle erhält, die ihr durchaus nicht genügen könne«, und wenn ihr umgekehrt durch sehi^hohe Zollsätze ihre haupt­sächlichen Bedürfnisse ganz erheblich vertheuert werden, dann bedeutet daS für sie keinen Gewinn, sondern nur und lediglich nur einen neuen Ver­lust. Es ist schwer zu begreife«, wie jemand gegen diese höchst einfache und klare Wahrheit unempfänglich und sich auch noch zu der Be­hauptung versteigen kann, ste fei „einfach lächer­lich".

Die Delegirtenversammlung des industriellen Centraloerbandes hat bewiesen, daß derselbe zwar sehr kräftig im Nehmen, sehr schwach aber im Geben ist. Wir wollen der Industrie wün- scheu, daß sie nicht einmal in unheilvoller Weise betroffen werde von den Folge« dieser engherzigen Wirthschastspolitik.

Deutsches Deich«

Berlin, 2. Oktober.

* Die yeliwger astronomische« I«> ftr««e«1e find nunmehr von Rechtswegen unser

Eigenthum. Die ,Nordd. Allg. Zig/ theilt den „Erwerb" dieser Instrumente folgendermaßen mit: „Nachdem durch die jünsst erfolgte Unter- zeichnung des Schlußprotokolls in Peking nor­male Beziehungen zwischen China und den Mächten wieder angebahnt worden sind, hat die deutsche Regierung der chinesischen die seiner Zeit von dem deutschen Kontingent auS Peking fortgeführten astronomischen Instru­mente wieder zur Verfügung stellen lassen. Die chinesische Regierung hat darauf erwidert, daß sie mit Rücksicht auf die Um­ständlichkeiten und Schwierigkeiten, mit denen der Rücktransport sowie die demnächstige Wieder­aufstellung der Instrumente verknüpft sein würde, auf dieselben verzichte." Die Jesuitendenk­mäler — denn das find jene Instrumente — können also jetzt in Potsdam aufgestellt werden.

* Die Kinuahme« der Zfost nehmen fort­gesetzt zu. Die Einnahmen der Reichspost- und Telegraphenverwaltung haben in den ersten 5 Monaten deslaufenbenRechnungrjahresl67,134,031 Mark betragen. Es ergibt dies eine Zunahme von nahezu 9 Millionen Mark gegen das Vorjahr. Genau stnd es 89,983,521 Mark. Die Zunahme ist um so erfreulicher, als das andere große Ver­kehrsinstitut, die Eisenbahn, infolge des wirth- schaftlichen Niedergange« bereit» eine beträchtliche Mindereinnahme zu verzeichnen hat. Die Zu­nahme ist besonder» bemerkenswerth, als die ver­kehrsreichen Wintermonate des laufenden Rech­nungsjahres noch aurstehen. Es steht demnach zu erwarten, daß das Gesammiergebniß des Jahres nicht hinter de« Erwartungen zurückbletben wird.

* Den Betrieb deS Wettpoftvereins be­sorgen zur Zeit annähernd 300,000 Postan­stalten. In Europa zählt man 115,000, in Amerika rund 100,000 Postanstalten. In Deutsch­land find davon ca. 35,000, in Großbritannien 21,000, in Oesterreich-Ungarn 10,680 vorhanden. Deutschland hat etwa 185,000 Post- und Tele­graphenbeamte, Oesterreich-Ungarn etwa 57,000.

* Die Einziehung der Kinthalerftftcke aus den Jahren 18 23 bis 1856 ist geplant. Von der Reichsfinanzverwaltung ist den Bundesregierungen und den in Betracht kommenden Reichsbehörden daS Ersuchen zuge- gangen, die unterstellten Kaffen anzuweisen, die bei ihnen am 1. Januar 1902 vorhandenen und nach diesem Zeitpunkt eingehenden Ein- thalerstücke auS de« Jahren 1823 bis 1856 nicht wieder zu verausgaben. ES handelt sich hierbei, nach der »Norddeutsche« Allgemeinen Zeitung', lediglich um eine NützlichkeitS- maßregel. Der Verkehr soll allmählich von dieser wegen ihres von den Vereinsthalem ab­weichenden Gewichtes und Durchmessers unbe­quemen Münze entlastet werden; sie b leibt jedo ch nach wie vor ein giltifles Zahlungsmittel. Die seiner Zeit bei Ein- ziehung der österreichischen VereinSthaler ange­stellten Schätzungen der noch vorhandene« Um­laufsmenge haben fich als zutreffend erwiesen. Bei entsprechend vorsichtiger Schätzung des noch im freien Verkehr befindlichen Umlaufes der alten Thaler au« den Jahren 1823 und 1856 ist gegenwärtig mit einer Summe von nicht viel über 20 Millionen Mark zu rechnen, so daß zu er i arten siebt, daß sie in zwei bis drei Jahren ganz aus dem Verkehr verschwunden

fein werden. Dadurch wird für sämmtliche amtliche wie private Kaffen eine höchst wünschens» werthe Vereinfachung des ThalerumlaufS herbeigeführt fein.

X Die Wohnungsfrage hat eine bedeutende Rolle gespielt bei der jüngst in München abge­haltenen Generalversammlung der Vereins für Sozialpolitik. Daß es bei uns in Deutschland auf diesem Gebiete noch recht schlecht bestellt ist, wiffen wir leider alle. Aber der eine Trost kommt uns zu, wenn es auch ein schlechter ist, daß es nämlich anderswo auch nicht beffer aus- fieht. Vielleicht kann man sogar behaupten, daß bei uns in Deutschland vergleichsweise schon mehr als anderswo geschehen sei zur Abhilfe der Wohnungsnoth der kleinen Leute. Mindestens find die Fortschritte nicht zu verkennen, und gerade der Verein für Sozialpolitik hat uns in aller» jüngster Zeit intereffanten Aufschluß darüber ge­geben. So stnd beispielsweise von der preußische« Staatsbahnverwaltung schon mehr als 30000 Wohnungen aus Staatsmitteln hergestellt worden, und im Kohlenrevier an der Saar sind etwa 42 v. H. aller Bergarbeiter im Laufe der letzten Jahrzehnte Hausbesitzer geworden. Weniger günstig nimmt sich schon die Zahl aus, die Auf­schluß gibt über die Zahl der Arbeiterwohnungen, die von industriellen Unternehmen nach und nach hergestellt wurden: sie beträgt nach den Zählungen des Vereins für Sozialpolitik in Deutschland insgesammt 143 049, nach einer am 1. Oktober 1898 vorgenommenen Zählung. Aber daß auch damit ein guter Anfang gemacht ist, läßt sich auf keinen Fall leugnen. Am weiteste« zurück in der Pflege der Wohnungsfürsorge für die kleinen Leute sind und bleibe« die Gemeinden. Die städtischen Verwaltungen haben zum Theil bis zum heutigen Tage noch gar kein Verstäub» «iß für die Bedeutung der ganzen Frage, wie man noch kürzlich wieder in unangenehm Über­raschender Deutlichkeit entnehmen konnte aus de« Verhandlungen des letzten hannoverschen Städte- tages, der eine vorgeschlagene Entschließung zu Gunsten einer geordneten Wohnungsfürsorge durch die Stadtverwaltungen kurzer Hand ablehnte. Und wie jammervoll nimmt sich das Wenige aus, das in diesem Sinne die große Stadt Berlin thut, die so gern d!e Hauptstadt der Intelligenz sich nennt und nennen hört! Ein treffliches Muster bildet dagegen die Stadt Esse«: diese hat eine besondere Wohnungsinspektion ein- gerichtet mit eigens angestellten Aussichtsbeamte«7 Geeignete und nachhaltige Abhilfe kann nur ein Gesetz schaffen, wie es zwar schon oft genug verlangt, aber noch immer nicht in auSstchtSvolle Nähe gerückt worden ist. Sehr zutreffend hat der Referent in der Münchener Versammlung deS Vereins für Sozialpolitik den Satz aufge­stellt: die Wohnungsfrage ist für den Arbeiter von viel größerer Bedeutung als die Handelspolitik. Das sollten sich alle die städtischen Körperschaften recht genau merken, die gegenwärtig die fteihändlerische Hetze mit machen gegen den nothwendigen Zollschutz für unsere heimische Arbeit, aber an eine Lösung der viel wichtigen Wohnungsfrage durchaus nicht hrrausgehen wollen.

ft Neuer chetreidefchrvi«dek? Nach einer Zuschrift, die der .Deutschen Tageszeitung' zu- geht, treibt gegenwärtig an der Berliner Pro-