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mit Zlnlerhattungs-Beilage „Illuflrirte Sonntags-Zeitung" "" pelerrzaSe U». 2 iDarmeutei.
28. Jahrgang.
Iutöa, Mittwoch, den 2. Oktober 1901.
M 226.
G Theodor Roosevelt.
Der neue Präsident der Vereinigten Staaten 9on Amerika ist für uns Deutsche ohne Zweifel eine Persönlichkeit von hervorragendem Jnleresie Nicht nur für die Amerikaner, auch für unS ist er rin sehr »prominenter" Mann; denn sowenig wir irgendwelche Angst vor den Bankers und ihrer handelspolitischen und übrigen politischen Haltung zu haben brauchen, kann es uns natürlich auch nicht gleichgiltig sein, wie unser Verhältniß zu der großen Staatenunion sich gestaltet. Und auf dieses Verhältniß hat der Präsident dieses Staatenbundes selbstverständlich einen sehr großen Eaflaß.
Theodor Roosevelt ist als Mann und Staats» bürger der Vereinigte» Staaten ein vortresfl.cher und angenehmer Herr. Er besitzt sehr großen. Reichlbum, hätte es also nach amerrkanlschen Begriffen „gar nicht nöthig", sich in kriegerische und politische Abenteuer zu stürzen. Nichtsdesto» weniger hat er sich bei dem Feldzuge gegen die Spanier auf der Insel Cuba in hervorragender Weise ausgezeichnet. In der Schlacht bei San Juan ist er so schneidig, wenn nicht geradezu rollkühn vorgegangen, daß er beinahe verloren gewesen wäre, wenn ihn nicht noch im letzten Augenblicke ein Regiment von Farbigen heraus- gehauen hätte. Sonst wird es einem so reiche» Pankee in seinem L-ben nicht einfallen, das mühsame Amt eines Polizeipräsidenten von New» Work zu übernehmen; Roosevelt aber lhat es, weil er den wirklich aufrichtigen Trieb in sich fühlt, sich seinem Lande und seinen Mitbürgern nützlich zu machen. Als Polizeileiter von New» Work hat sich Roosevelt auch in ganz eigenartiger Weise bervorgethan: er war es, der eS durchsetzte, daß an Sonnlagen der Ausschank von Bier und Schnaps in den Schenken von New- .Jork verboten wurde. Daß das nun über das Ziel hinauSgeschoffen war, versteht sich von selbst; und namentlich di« Deutschen in New- Hark sind ihm wegen dieses Verbotes gar nicht hold.
Roosevelt ist von Charakter ein tadelloser und angenehmer Herr. Aber er ist ein Draufgänger erster Klaffe. Hätte man ahnen können, daß er an die Reihe kommen würde, Präsiden zu werden, würde man ihn vermuthltch nicht zum Vizepräsidenten gewählt haben. Roosevelt .ift ein Mann von zweifellosem Wagemuth, wie er nur wenigen Menschen eigen ist. Aber es fehlt ihm die ergänzende und daneben ebenso nothwendige Eigenschaft, nämlich die Besonnenheit; und wie der Oberst Roosevelt in der Schlacht bei Juan höchst wahrscheinlich umgekommen sern würde, wenn er auf sich allein angewiesen gewesen wäre, so kann es der Poltti ! des Präsidenten Roosevelt auch eines schönen Tages ergehen, daß sie nämlich in einer Sackgasse fcststtzt und ohne fremde Hilfe nicht wieder loskommen kann.
Theodor Roosevelt ist noch niemals ein .Freund der Deutschen gewesen, die in den Vereinigten Staaten von Amerika als deren Bürger
sich niedergelaffen haben. Wer das Gegentheil davon behauptet, stellt ganz einfach Behauptungen auf, die er nicht beweisen kann. Ran ging in diesen Tagen eine Notiz durch die Preffe. wonach Präsident Roosevelt kurz nach der Beisetzung Mac Kinley's an einen deutschen Professor Namens Münsterburg nach Boston den schönen Satz geschrieben haben sollte: „Es gibt sehr wenig Dinge, die mir so am Herzen liegen, wie daß zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten die wärmste Freundschaft herrschen möge". Wenn die Mittheilung richtig wiedergegeben worden ist, dann gereicht sie Herrn Roosevelt gewiß sehr zur Ehre; und wenn die Worte den wahren politischen Absichten des neuen Präsidenten entsprechen, dann wird dieser auf jeden Fall bei Deutschland das vollkommenste Verständniß und das freundlichste und bereitwilligste Entgegen- !ommen finden, obwohl jr bekanntlich die Haupt- vorlheile eines gegenteilig guten Verhältnisses rurchaus bei Deutschland liegen. Thatsache ist auch, daß Herr Roosevelt Deutschland aus eigener Anschauung kennt, und daß er auch wirklich auf ein vorzügliches politisches Verhältniß mit uns bedacht sein will, mag man ihm ja glauben. Er kann ganz einfach gar nicht anders, wenn er nicht den Interessen seines eigenen Landes Schaden zufügen will; und das ist vielleicht die allerbeste Bürgschaft für die Erhaltung eines gegenseitigen guten Einverständnisses. beffer und sicherer, als der gute SB.Ce eines Präsidenten im Gegensätze zu den bestehenden Verhältnissen. Aber daß Theodor Roosevelt eine besondere Vorliebe für Deutschland haben sollte im Gegensatz zu anderen Staaten, ist sicherlich ausgeschloffen.
Roosevelt ist der ausgeprägte Typus des Panamerikanisten, der ganz Amerika für die Amerikaner, d. h. für die nordamerikanischen Unionsstaaten und ihren Einfluß haben und nicht dulden will, daß beispielsweise europäische Staaten in die Entwickelung der Dinge in Südamerika hineinreden. Dort aber gibt es ausgeprägte deutsche Interessen. Das Deutschthum spielt in Südbrasilien und in den Staaten am La Plata eine große Rolle, und sein Einfluß dort ist im Wachsen. Wird Herrn Roosevelt auch dieses Jnngdeutschiand tm fernen südamerikanischen Lande so sehr am Herzen liegen, wie wenige andere Dinge? Schwerlich! Aber wir werden ja sehen, und wir wollen über den neuen Präsidenten auf keinen Fall eher aburtheilen, als bis wir feine Thaten kennen gelernt haben. Wenn er dem Deutschthum aufrichtige Freundschaft wirklich beweisen will, so wird sie nicht unetroiber: bleiben.
Deutsche, Keich.
Berlin, 1. Oktober.
+ Der Anadrsrattz hält seine erste Plenarsitzung nach der Sommerpause an diesem Donnerstag ab. In dieser Sitzung sollen die Ausschüffe neu gebildet werden, und am Freitag danach werden sich die AuSschüffr für das Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr zu einer gemeinschaftlichen Sitzung vereinige», auf deren Tagesordnung der Zolltarif. Entwurf steht. In diesen Tagen hieß es, Reichskanzler Graf Bülow habe eitern hoben
Beamten gegenüber die Nothwendigkeit einer Abänderung dieses Entwurfes betont, ans Rück- icht aus die verschiedenen Kundgebungen in Sachen dieses Entwurfes. Die Erfinder dieser Nachricht meinten die freihändlerischen Kundgebungen gegen den Tarffentwurs;. erfunden st die Mittheilung nämlich von Anfang bis iu Ende, wie inzwischen durch die oberoffiziöse .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' festgestellt worden ist. Aber Grund genug lag dazu, sie m entgegengesetzten Sinne als wahr anzunehmen, nämlich als eine beabsichtigte Aenderung m Sinne der Kundgebungen für einen befferen Zollschutz der landwirthschaftlichen Erzeugnisse und der Ausgleichung der im Entwürfe vor- -andenen starken Bevorzugung vieler Industrie- zweige. Die bayerische Abgeordnetenkammer wird hoffentlich recht bald bei der Besprechung der bereits eingebrachten Centrumsinterpellation für eine neue Kundgebung in diesem Sinne sorgen, die alsdann noch erheblich mehr Eindruck als alle vorauf- gegangenen machen wird. Die Wiener »Neue Freie Preffe', die als ein richtiges Börsen- und Händlerblatt stets allesj Mögliche gegen den „deutschen Tarifeniwurf heroorpesucht hat, tritt jetzt mit der ungeheuerlichen Meldung auf den Plan, das Wiener Auswärtige Amt habe im Namen der österreichisch-ungarischen Gesammt- monarchie gegen diesen Tarifentwurf Einspruch erhoben". Gegen einen Entwurf, der noch nicht einmal an den Reichstag gelangt ist, ja noch nicht einmal so weit ist, um an den Reichstag gelangen zu können, gibt es gar keinen diplomatischen Einspruch; das sollte die ,Neue Freie Presse' wiffen!
X Beröotese Jesuiten - Wrssisr». In Beckum in Westfalen sollte eine Mission abgehalten werden. Jesuiten-Patres waren dazu ein» geladen worden, die Mission abzuhalten und hatten ihre Bereitwilligkeit dazu ausgesprochen. Nur die Pfarrgeistlichkeit wußte darum oder glaubte doch allein darum zu wiffen; dennoch erfolgte eine behördliche Anfrage, ob Jesuiten die Mission ab- halten sollten, und verbot diese Missions-Vorträge, als die Antwort bejahend auSfiel. Die Mission mußte also ausfallen. Das Ausnahme- Gesetz gegen die Jesuiten wird ja nun immer in dem Ginne ausgelegt, daß daS Missions-Verbot berechtigt fei; und deswegen kann man der Beckumer Ortsbehörde anS dem neuen Verbote keinen Vorwurf weiter machen. Aber daß solche Verbote durch die bestehenden Gesetze und Ausführungs- Bestimmungen dazu zu rechtfertigen sind, ist und bleibt eine Unbegreiflichkeit und Ungerechtigkeit sondergleichen. Die Sozialdemokratie darf thim und lassen und gegen Christenthmn, Staatsordnung und Religion Hetzen und wühlen wie sie will; die Anarchisten dürfen in Blättern und öffentlichen Versammlungen den Fürstenmord verherrlichen, aber Jesuiten-Patres dürfen nicht in der Kirche dem Volke predigen, wie man Gott gehorchen und lieben soll — der großartigste Unsinn d,r Weltgeschichte, den ein Menschenhirn sich nur ausdenken kann; gleichzeitig ein Kennzeichen einer Engherzigkeit und Kleinlichkeit, die ohne Gleichen sind. Der neu zusammengetretene BundeS- rath sollie als erste Thut dieses unsinnige und schmähliche Ausnahme-Gesetz beseitigen!
n Konzession für Bankgeschäfte. Die Konservative Korrespondenz' macht den Vorschlag, es möchte die Betreibung eines Bankgeschäftes von >er Erlangung einer besondern Konzession ab- ;ängig gemacht und diese Konzession nur solchen Personen ertheilt werden, die nachweisen, daß sie unbescholten sind und die Mittel und Fähigkeiten jaben, um ein so'che« Geschäft zu betreiben. Der Vorschlag ist ernstlicher Prüfung werth!
ft Einer Aväudernng de» Aökfe«- gesetze» in größerem Umfange wird in einem Drgan das Wort geredet, das häufig zu halbamt- ichen Kundgebungen dient. Es wird ferner in den ,Berl. Polit. Rachr/, die hier gemeint sind, die Vermuthnng ausgesprochen, daß ein entsprechender Gesetzentwurf den Reichstag bereits in dem zunächst bevorstehenden Tagungsabschnitte beschäftigen werde; aber es ist fehr fraglich, ob man es hier wirklich mit einer Regierungskundgebung zu thun hat.
X Pie AsHutarif-Irase bat eine Konferenz von Efienbahn-Vertretern aus Preußen, Bayern und Württemberg beschäfttat, die in Rudolstadt versammelt rour. Nach einem dort gefaßten Beschluss e sollen Vorarbeiten in Angriff genommen werden für die Ermäßigung der Frachtsätze uad die einheitliche Gestaltung der Frachttarife in den einzelnen Bundesstaaten.
h. Die Berliner StraheuSah« - Irage wird vermuthlich bald in das richtige Fahrwaffer gelangen. Vor einigen Tagen wurde in diesem Blatte angedeutet, daß es doch noch andere Pläne gebe zur Durchquerung der Berliner Prachtstraße Unter den Linden mit städtischen Straßenbahnen, als gerade den einen, vom Kaiser nicht gebilligten Plan. Nunmehr ist zu berichten, daß die zuständigen städtischen Berliner Stellen bereits damit beschäftigt sind, eine andern Vorschlag zur Lösung der wichtigen Verkehrsfrage auszuarbeiten. Die ganze Angelegenheit ist, wie man sieht, nicht angethan dazu, Konfliktsstoffe daraus zu faoriziren. Wer es dennoch thut, schädigt die Sache, auf die es hier ankommt, ohne Zweifel ungemein.
V Derkin, 1. Ott. Der Kaiser hörte im Jagdschlösse Romtnten gestern Nachmittag den Bor trag des Vertreters |be8 Auswärtigen Amts. — Die Abreise des Kaisers von Rominten wird nach den bisher getroffenen Dispositionen in der Früheres 4. d. M. erfolgen. Der Monarch beabsichtigt, an diesem Tage auf der Durchreise in Danzig Aufenthalt zu nehmen und bei Leidhusarenbrigade in Langfuhr einen kurzen Besuch abzustatren. Die Ankunst der Majestäten aus Jagdschloß Hubertusstock erfolgt voraussichtlich am 5. d. M.; die Majestäten werden dort einen achttägigen Aufenthalt nehmen. — Offiziös wird geschrieben: ,New Jork Herald, läßt fich nach einem englischen Blatt gu? Danzig Aeußerungen des Kaisers und Königs melden, worin die politische Lage, trotz aller amtlichen Beificherungen deS Gegentheils, alls nicht derartig bezeichnet worden sein sollte, wie Seine Majestät fie wünschen möchte. Diese Meldung beruht auf blanker Erfindung. — Der Unterstaatssekretär im Finanzministerium, Wirk- licher Geheimer Finanzrath Lehnert ist gestorben. Derselbe ist eine Reihe von Jahren vortragender Rath im Finanzministerium gewesen und dann unter Minister von Miquel nach dem Ausscheiden Meinekes Unter- staatssekretäc geworden. — Die Verletzung, welche sich der Chef des Marinekabinets, Vizeadmiral Freiherr von Senden-Bibran, gelegentlich eines JagdauS» flugeS zugezogen hatte, ist nicht ernster Natur. Der Unfall ereignete fich beim Eni sichern eines neuen Gewehrs durch Selbstentladung der Läufe. Dir herbeigeführte Verletzung des rechten Handtellers (nicht des linken Armes) dürfte in spätestens S Tagen behoben sein. — Dem Vorsitzenden des OSnabrücker Lokalkomitees für den letzien Katholikentag, AmtS-
Iik AriSknhilNMiilMil.
Roman von O. Elster.
16 ------ (Nachdruck verboten.)
5.
Else empfand mit bitterem Schmerz, wie der Boden ihr von Tag zu Tag mehr unter den Hüßen schwand, wie ihre Stellung immer un> haltbarer wurde. Es war ihr klar, daß der Rittmeister alles aufbot, um sie za verklatschen und sie lächerlich zu machen. Sie sah jetzt deutlich all die spöttischen Bücke, sie vernahm jetzt deutlich daS heimliche Flüstern um sich her, sie empfand schmerzlich die kleinen Nadelstiche deS " Neides, der Bosheit. Sie durfte, sie konnte fiö i nicht wehren. Sie mußte in schweigendem Schmerz alles erdulden, olles Über sich ergehen kaffen, sie war gefangen in dem goldenen Käfig, sie tonnte die Schwingen nicht frei entfalten zum Fluge nach der lichten Höhe der Kunst, der Freiheit, deS Lebens.
Sie fürchtete die strengen Blicke der Oberhofmeisterin, die scharfen beobachtenden Augen der Frau von Hannecken, ras Lächeln der Hofdamen und das Aufblitzen des Hohnes in den Augen des Rittmeisters. Vor allem fürchtete sie aber die gütigen, mitleidigen Augen der Herzogin, ihrer edlen Gönnerin, die jetzt so oft mü trübem Blick auf ihr ruhten. O diese Augen, -so sanft sie blickten, sie sahen Else doch bis au deS Herzens Grund; sie durchschauten die Seele Elses, sie lasen ihre geheimsten Gedanken, in den tiefsten Falten ihre- gequälten Herzens!
Beim Herzog fand zu Ehren eines fürstlichen Gastes eine große Galatafel statt.
Auf dem Schloßhof, in dem Flügel, den der Herzog bewohnte, herrschte ein glänzendes Treiben. Mehrere Fürstlichkeiten waren ein getroffen, alle Würdenträger der Stadt und des Staates, des Zivils und des Militärs waren zu der Tafe befohlen worden; durch das Thor des Schlosses rollten die Equipagen, die Wache trat in das Gewehr, die Trommeln raffelten, Kommandos ertönten, Diener und Hofbeamte eilten hin und her und auS dem großen Prunkfaal deS Schioffes drangen schmetternd die Töne der Mllttärmufik.
Nur in dem Theil des Schioffes, den die Herzogin-Wittwe bewohnte, herrschte tiefe Stille. Die kranke Fürstin nahm an den lauten Festlichkeiten des Hofes nicht thell; sie zog sich in ihre stillsten Gemächer zurück, wenn der Herzog Gäste bei fich hatte.
Auch heute ruhte sie wieder in ihrem nach dem Park hinauSgehenden Gemache, in dessen Stille und Einsamkeit kem Ton des fröhlichen Feste« drang. Da fich mehrere Fürstinnen unter den Gästen des Herzogs befanden, nahmen auch die Oberhofmeisterin und die Damen der Her- zogin-Wittwe an dem Feste theil. Nur Else und die vertraute Kammerfrau weilten bei der kranken Fürstin.
Elfe las der Fürstin vor. Sie laS unaufmerksam; ihre Gedanken weilten nicht bei den Worten des Buches. Mit trübem Lächeln ruhten die Augen der Herzogin auf dem Antlitz ElseS, das in letzter Zeit eine auffallende Bläffe angenommen hatte.
„Hören Sie auf zu lesen, Else," sagte die Fürstin nach einer Weile. „Ich sehe, das Lesen strengt Sie an. lassen Sie uns plaudern."
Else schrak leicht zusammen und eine tiefe Gluth bedeckte ihre Wangen. Sie vermochte den Blick der milden, traurigen Augen der Fürstin nicht zu ertragen, fie senkte in heißer Scham das Haupt.
„Kommen Sie zu mir, mein Kind," fuhr die Herzogin freundlich fort. „Da, fetzen Sie sich zu meinen Füßen nieder — geben Sie mir die Hand und blicken Sie mir in die Augen."
Else versuchte aufzuschauen, aber fie vermochte es nicht, fie ergriff die Hände der Her- zogin und bedeckte sie mit heißen Küffen. Wie eine Mutter ihr krankes Kind, so zog diese Else an das Herz.
„Sie leiden, mein Kind, ich sehe eS Ihnen an —"
„Hoheit — wenn ich Ihnen doch sagen könnte —“
„Still, still, meine kleine leidenschaftliche Else — mein kleines, krankes Singvögelchen! Es gibt Dinge im Leben, über die man nicht spricht, sollen sie nicht den Zauber der Reinheit, der Heiligkeit verlieren. Ich habe Sie beobachtet, Else, Ihr Wesen hat sich in den letzten Monaten verändert — Sie sehnen fich fort von hier, eS ist Ihnen zu einsam bei mir.“
„Nein, nein! O, wie können Hoheit glauben — ich habe bei Ihnen ja erst gelernt die Welt, das Leben zu verstehen! Wenn ich doch ewig bei Ihnen bleiben könnte!"
Sie oerfenfte schluchzend das heiße Antlitz in
den Schooß der Fürstin, die ihre Hande sanft auf den blonden Kopf Elses legte.
„Das menschliche Leben ist ein wundersame« Ding, mein liebes Kmd," suhr die Herzogin sanft fort. „Man bewundert uns, man beneidet uns, die wir auf den glänzenden Höhen des Lebens stehen — ach, wie oft mit Unrecht! An mir selbst sehen Sie es, wie nichtig der äußere Glanz ist. Aber ich will nicht von mir sprechen — ich habe manche Freude, manchen Schmerz erlebt. Die höchste Freude war es mir, daß ich die Liebe meines Volkes erringen durfte — der höchste Schmerz, als ich zw.'i meiner Söhne, die auf dem Felde der Ehre, für des Vaterlandes Wohlfahrt und Freiheit fx.-len, in die Gruft ihrer Väter senken mußte. Ein Sohn ist mir geblieben, Else, ein Sohn, die Hoffnung meine« Volkes, meine« Landes. Ich konnte es ertragen, das Leben meiner Söhne dem Vaterlande zu opfern, ich würde es nicht ertragen können, den letzten meiner Söhne zu verlieren, den letzten unseres tausendjährigen Geschlechte- feinem hohen Beruf feiner Pflicht untreu werden zu sehen. Else da« Leben des Fürsten ist reicher an Opfern, als das Leben gewöhnlicher Sterblicher. Fürsten müffen ihr Leben, ihr Wünschen, ihr Hoffen und ihr Lieben jeden Tag zum Opfer bringen, denn die Pflicht steht höher als das Leben, als ba8 Wünschen, das Hoffen und da« Lieben."
Else weinte heiße, schmerzliche Thränen. Sie wußte, weshalb die edle Fürstin so zu ihr sprach und sie sah ein, daß die Abschiedsstunde geschlagen hatte.
Die Herzogin streichelte sanftElses blondes Haar.