Einzelbild herunterladen
 

Tucheim rägüch, bl Ausnahme der Sonn- und Feier­tage. Bierteliähr!.

K,Preis ,hne Bringerlohn «nd Bestellgeld in

FmdaerMZermng

Zuseralr: Di, einspaltige Petit» »eile oder derer. Raum15Pfa.,Re» Hamen die Petit­zeile 25 Pfg.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.

Mtrott XJ«tar Iler toSttlta*mit ZlnterHallungs -Meilage „Illustrirte Sonntags-Zeitung"

Druck und Derlei der Fuldaer LctleudruckerM pelereeaffe Ur. 8 (Mrmeuie).

JuLöa, Donnerstag, dm 5. September 1901.

JK 203.

A Gesindevermiether und Stellen­vermittler.

Mit dcm bevorstehenden ersten Oktober wird die zuletzt beschlossene Novelle zur Gewerbeord­nung in Kraft treten, durch die das Gewerbe - der Gesindevermiether und Stellenvermtttler neuen Vorschriften unterstellt wird. Die Hauptbestimmung darin ist die, daß vom bevorstehenden ersten Oktober ab das Gewerbe eines Gesindeoermiethers oder Stellenvermiltlers nur noch mit besonders ertheilter behördlicher Erlaubniß betrieben werden darf. Ferner steht den Landescentralbehörde« die Ermächtigung zu, noch besondere Vorschriften zu erlaffen über den Umfang der Befugnisse und Verpflichtungen und auch über die Ausübung, des Gewerbebetriebes der Gesindevermiether und Stellenvermittler.

Für das Königreich Preußen sind diese Vor­schriften soeben erlaffen worden. Danach ist noch besondere Erlaubniß nothwendig zur Be­schäftigung von Hilfspersonen, die Familienange­hörigen einbegriffen. Am Hause oder am Ein­gänge zu den Geschäftsräumen muß der Name und Vorname des Geschäftsinhabers angegeben sein mit der ausdrücklichen Bezeichnung „Ge- stndevermiether" oder „Stellenoermittler"; ebenso muß der volle Name angegeben werden in allen Zeitungsanzeigen, in denen der Gewerbebetrieb empfohlen wird. Wahryeitswidrige Angaben in den Reklamen sind ausdrücklich verboten.

Von großer Wichtigkeit ist die Be­stimmung, daß solchen Personen, die ihre letzte Stelle ohne Kündigungsfrist ver­lassen haben, Dienstleistungen nicht gewährt werden dürfen. Dasselbe trifft zu auf Leute, die kein ordnungsgemäß ausgestelltes Gesinde­buch oder Arbeitsbuch besitzen oder die Zu­stimmung ihrer Eltern oder deren gesetzmäßiger Vertreter nicht erhalten haben. Die Gesinde­vermiether haben bisher vielfach in dem Sinne gewirkt, daß die Leute möglichst oft ihren Dienst oder ihre Stelle wechseln, um so oft wie mög­lich in den Besitz der Vermittelungsgebühr zu gelangen. Namentlich in ländlichen Verhält- ntffen ist dieser Uebelstand häufig unangenehm empfunden worden. In öen neuen preußische» Vorschriften werden die Gestndevermittler ange­wiesen, jegliche Einwirkung in diesem Sinne zu unterlaffen, und mit Personen, denen sie eine Stellung verschafft haben, erst nach dem ersten Kündigungstermine wieder in geschäftliche Ver­bindung zu treten. Vor der Erledigung der Auftrages dürfen die Stellenvermittler keine Gebühren annehmen; insbesondere keine Ein- fchreidegebühren. Gast- und Schankwirlhschaften dürfen die Stellenoermittler nicht betreiben. Die Beherbergung von Personen und die Liefe­rung von Speisen und nicht geistigen Getränken ist nur den konzeffionirten Vermittlern gestattet, und auch nur zu bestimmten, von der Polizei genehmigten Preisen. Noch eine besondere Kontrolle durch die Polizei ist vorgeschrieben für solche Personen, die Stellen im Auslande an weibliche Personen oder an Kellnerinnen und dergleichen im Inland« vermitteln.

Das Aufsuchen von Bestellungen außerhalb der Geschäftsräume, zum Beispiel auf Bahnhöfen,

Am ersten April.

Original-Roman von Ida John-Arnstadt.

15 ------ (Nachdruck verboten.)

Karl Neideck wandte sich der nächsten Stiege zu, um zu seiner Braut in spe emporzukommen, während der Baron nach kurzem Zögern und tiefem Aufseufzen mit einem jähen, doch fast un­hörbaren Griffe die Logenthür öffnete und hinein- rrat. Die Rene sang hinreißend, doch er empfand da» gar nicht; zaghaft blieb er stehen; Niemand von den begeisterten Zuhörern ringsum sah und hörte ihn; auch Helene nicht.

Wir eine Statue saß sie oa, das Antlitz nach der Bühne gerichtet und die Hände, wie in Qualen umeinander geschlungen, auf dem Schooß; ihr dunkellockigrs Haar, schlicht gescheitelt und im Nacken geknotet, stach seltsam gegen daS weiße Kleid ab, welches sie trug und in deffen Gürtel eine Rose träumte.

BoriS von Rettingshofen legte die Hand an die hämmernde Stirn: ach, daS Schlimmste und das für ihn Schmachvollste, das, was er diesem Mädchen heute Mittag zugerufen an der Treppe im Bernauischen Hause, hatte er dem Freunde verschwiegen!

Warum nur?

Aus Feigheit?

Doch wohl. Tin Gefühl namenloser Scham und Reue, inniges Mitleid mit der so schwer Gekränkten erfaßte ihn, zugleich aber der feste Entschluß, das Geschehene gut zu machen, selbst

in den Straßen und Eisenbahnwagen, soll vom 1. Oktober ab vollständig verboten sein.

Man kann nur wünchen, daß diese Bestim­mungen in entsprechender Weise gleichmäßig im ganzen Reiche etngeführt und dann auch aufs strengste zur Ausführung gebracht werden. Durch die gefährliche Thätigkeit gewiffenloser Vermittler ist schon unsäglich viel Elend verursacht und sind bisher, namentlich auf dem Lande, sehr viele Unannehmlichkeiten herbeigeführt worden. Für alle nicht gewerbsmäßigen Stellenvermitte­lungen, wie sie von Gemeinden, von wirthschaft- ltchen Vereinigungen, Landwirthschaftskammern usw. eingerichtet worden sind, ist gleichzeitig die Einführung der neuen Bestimmungen ein will­kommener Anlaß, ihre treffliche Thätigkeit zu er­weitern uud noch eifriger als bisher zu be­treiben.

[] Nochmals Oesterreich und die neuen Zölle.

Eine große wirthschaftliche Vereinigung nach der andern in Oesterreich tritt mit der Erklärung hervor, daß sie nicht daran denkt, Feindschaft gegen Deutschland zu hegen, weil dieses einige Einfuhrzölle erhöhen will. Landwirthschaft und Industrie in Oesterreich sind darin auch voll­kommen einer Ansicht. Das hat zuerst der Jndu- strielle-Klub in Wien bekundet, dann die Land- wirthschaftliche Zentralstelle zur Vorbereitung der Handelsverträge; und jetzt ist der Zentralvervand der Industriellen in Oesterreich mit einer Er­klärung desselben Sinnes heroorgetreten. Dieser Zentralverband spricht dabei ausdrücklich die Hoffnung aus, daß das Deutsche Reich nicht wie­der in denselben Fehler verfallen werde, der zur Zeit des Reichskanzlers Grafen Caprivi gemacht wurdö, nämlich allen anderen Ländern, darunter auch den Vereinigten Staaten von Amerika, die­selben Vergünstigungen zu gewähren, wie dem verbündeten Oesterreich. Bei den vordamerika- nischen Vereinsstaaten sei das damals s rgar ohne jegliche Gegenleistung geschehen.

In Oesterreich ist man besonders b 'orgt, um die erfolgreiche Abwehr der wettbew rberischen Unterbietung von Nordamerika her, ui ö im all­gemeinen wird man bet uns im Deutschen Reiche den Gedanken freundlich aufnehmen, durch den neuen Handelsvertrag auch das wirthschaftliche Verhältniß zwischen Oesterreich und Deutschland enger zu gestalten, alt zwischen Deutschland und anderen Ländern. Solcher Anregungen sind schon sehr viele ergangen; aber natürlich müffen solche Fragen recht kühlen Kopfes danach erwogen und behandelt werden, waS uns Nutzen bringt, ohne unmittelbar in dem verbündeten Lande ärgerliche Erregung und Gegnerschaft hervorzurufen. Auch der Abschluß eines vollkommen durchgeführten Zollbundes zwischen Deutschland und Oesterreich ist bereits mehr als einmal empfohlen worden, so also, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn ein einziges, zusammenhängendes Zollgebiet bilden würden. Die Ausführung dieses Ge­dankens empfiehlt sich im Interesse Deutsch­lands nicht. Aber der andere, jetzt neu von dem österreichischen Zentralverbande der Indu­striellen vorgebrachte Gedanke zwischen Oesterreich SSSSSSSSSSSWSWSSSWSSSSMMMMSSSWWSSWW wenn sie gekommen war, ihm zu schaden, indem sie — vielleicht im Auftrage seiner angebeteten Freundin — ihn nach dem Erkennen bei ihr denunzirte als den entsetzlichsten Menschen.

Oder ob er sich wieder entfernte, lautlos, wie er gekommen war? Dann wurde er vielleicht ruhiger und behielt daS Blld feiner glühend Angebeteten unentweiht im Herzen, ihr zugleich das seine lassend in all der geistigen Höhe des jetzigen Standpunktes? Aber nein, der Zorn und die Neugierde siegten: er mußte er­fahren, weshalb und warum sie nicht gekommen war, Ch. Haffard. Helene Lipphold war die einzige, die ihm Auskunft geben konnte.

Ob sie es that, nach all dem Erlebten?

Vielleicht, vielleicht auch nicht; es kam auf einen Versuch an und er wollte ihn wagen; mit schweren, langsamen und dennoch lautlos tappen­den Schritten und tiefer Verbeugung trat er Hera»!

„Gnädiges Fräulein?"

Helene fuhr auf und starrte ihn an, tief er­bleichend, keines Wortes mächtig; seinen respekt­vollen Gruß erwiderte sie nicht, sie schien den­selben als Ausdruck grausamen Hohnes auf» zufaffe». Von der Bühne her erklang es im höchsten Wrhlaut: „Tödt erst Dein Weib!" und Rettingshofen, der von allen Seiten empört fixrrte Eindringling, setzte sich still auf seinen Platz Nr. 40 nieder; auch jetzt roenbte sich das junge Mädchen nicht nach ihm um, sondern rückte nur weiter von ihm fort, immer nach der Sängerin schauend, regungslos verharrend, mar­morschön.

und Deutschland zu dem Zwecke der gemeinsamen Ab­wehr überseeischen Wettbewerbes ein engeres wirthschaftliche» Band als bisher zu knüpfen, ver­dient sicherlich volle Beachtung und wird hoffent­lich nicht mehr aus den Auseinandersetzungen über die Gestaltung der neuen Handelsverträge ver­schwinden. Niemand kann uns zwingen dazu, das alte System der allgemein gleichen Meistbegünsti­gung aufrecht zu erhalten; Niemand würde es dem Deutschen Reiche verübeln können, wenn vieses dem verbündeten Oesterreich eine ganz besondere Meistbegünstigung einräumen wollte. Natürlich nur unter der Voraussetzung der vollen Gegen­seitigkeit! Der engere wirthschaftliche Aneinander­schluß würde eine weitere und kräftige Stütze bilden für die zukünftige politische Freundschaft zwischen den beiden Staatswesen.

Im Anfänge, als eben der deutsche Zolltarif entwurf bekannt geworden war, stellten sich die liberalen und die Börsenblätter in Oesterreich an, als bedeute dieser Entwurf etwas ganz Schreck­liches und Entsetzliches. Heute sieht man, daß das Alles von Anfang bis zu Ende Schwindel und er­logene Redensart war im Jntereffe der Handels­schaft. Die werkthätigen Berufsstände in Oester­reich denken gar nicht daran, Widerspruch dagegen zu erheben, daß da» Deutsche Reich die Erzeug- niffe seiner nationalen Arbeit durch geeignete Zölle in entsprechender Weise zu schützen suche.

Deutsches Deich«

Berlin, den 4. September.

X Der Sühneprinz ist am heutigen Mitt­woch, Mittags 12'/« Uhr, im Neuen Palais bei Potsdam in besonderer Audienz vom Kaiser empfangen worden. Prinz Tschun Tsai- fong, so sein voller Name, hat dem Kaiser ein Schreiben des Kaisers von China über- geben, worin dieser „seinem tiefsten Bedauern über die Ernwdung der Gesandten Freiherrn o. Ketteler Ausdruck gibt". In der An­sprache des Dühneprinzen an den Kaiser ist nicht« enth illen von einer Bitte um Ver­zeihung, wie v, s hiedene Blätter wiffen wollten. ES ist auch nur von dem „ausrichtigen Bedauern über die Vorkon mniffe" die Rede, „insbesondere über den Vorfall, welchem Eurer Majestät aus­gezeichneter Gesandter Freiherr v. Ketteler zum Opfer gefallen ist". Außerdem wird versichert, daß der Kaiser von China „diesen Wirren . . . im vollsten Sinne des Wortes fern gestanden hat". DaS ist eine sehr sanfte Ausdrucks weise. Man begreift nicht recht, daß darin eine De- müthigung für den Prinzen und für China liegen soll. DaS „Bedauern" auszusprechen über die Ermordung eines Gesandten, genügt nickt für das allgemeine VolkSgefühl als Sühne für einen Gesandtenmord. In der Antwort des Kaisers an den Prinzen Tschu» heißt es unter anderem: .....Ich will gern glauben, daß

Eurer kaiserlichen Hoheit kaiserlicher Bruder per- Mich dem Verbrechen und den weiteren Gewalt- thaten gegen unverletzliche Gesandtschaften und friedliche Fremde fern gestanden hat. Um so schwerere Schuld trifft seine Rathgebcr und seine Regierung. Diese mögen sich nicht darüber täusche», daß ihnen Entsühnung und Verzeihung

Der tieferregte Baron sah und hörte nichts von den Schluß-Semen der Oper, wie die Andern; ganz versunken in den Anblick des interessanten Mädchenprofiles, welches so wenig den Regeln klassischer Form entsprach und plötzlich doch so anziehend auf ihn wirkte, dachte und fühlte und sah er nur sie, die von ihm Gedemüthigte, tausendmal Gekränkte, und mehr und mehr wurde eS ihm zur Gewißheit, daß sie, ja sie, Helene Lipphold, mit der getst- und gemüth- vollen Briefschreiberin CH. Haffard identisch sein müsse.

Welch ein Gedanke!

Drei Jahre war er neben ihr dahinge- taumelt in Unwiffenheit und Verblendung, hatte sie verachtet, verspottet, sogar hmte noch be­schimpft mit Worten und Mienen; und nun — von den Vermuthungen seines Freundes Karl Neidrck wach gerüttelt — saß er neben ihr, wie ein reuiger armer Sünder; verwandelt in den tiefsten Falten feiner Seele, und wußte nicht, was er sagen und thun sollte, sich endlich zu vergewiffern, ob das junge reizende Geschöpf da neben ihm wirklich die Sonne seines Lebens sei.

Und stehe, dabei verwandelten sich all die feindlichen Gefühle für Helene Lipphold in Liebe, in lautere, innige, heiße Liebe.

Wie die Rose im Gürtel ihres Kleides von dem Schlage ihres Herzens bebte! Wie ihre Hande leise zitterten! Das veranlaßten nicht die Vorgänge auf der Bühne, sondern Schreck und Haß; ach, Haß auf ihn, ihren Beleidiger; er sagte sich das deutlich. Als wäre er plötzlich auS langem, tiefen Schlaf erwacht und müsse

28. Jahrgang.

für ihr Verschulden nicht durch die Sühnegesandt­schaft allein ausgewirkt werden kann, sondern durch ihr späteres Verhalten gemäß den Ber- schriften des Völkerrechtes und der Sitte zivilistrter Nationen ..." Die Uebrrttagung der gehaltenen Reden in die andere Sprache er­folgte durch den kaiserlichen Konsul Freiherrn v. Seckendorfs und den neuen chinesischen Gesandten Jintschang. DaS Schreiben des chinesischen Kaisers ist auf gelber Seide ge­schrieben und ebenso eingebunden. Bei der Audienz waren zugegen: Prinz Eitel Friedrich und die anderen in Berlin und Potsdam an­wesenden Prinzen, die Hofchargen, die Minister, das kaiserliche Hauptquartier, die gesammte Generalität und die Regimentskommandeure von Potsdam. In dem Muschelsaale des Neuen Palais war für den Kaiser ein Thron errichtet, auf dem er, den Marschallsstab in der Hand, Platz genommen hatte.

* Znm K«mVinner Mordprozeß. Die Revision des vom Obeikriegsgericht gegen den Dragoner Marten und den Sergeanten Hickel gefällten Urtheils steht, wie einem hiesigen Blatte gemeldet wird, nunmehr fest. In der Hauptsache wird anerkannt, daß der dem Ober­kriegsgericht angehörende Major Ziermann vom Dragoner-Regiment Nr. 11 gesetzwidrig als Richter fungirt hat, da er nicht zu den Richtern gehört, die vor dem 1. Januar d. I. als solche bestellt worden sind. Marten befindet sich noch immer im Gumbinner Militärgerichts- gefänqniß und wird der neuen Verhandlung durch das Reichsmilitärgericht in Berlin beiwohne». — AuS Gumbinnen meldet eine hiesige Korre­spondenz, daß dort anläßlich des Prozesses Krosigk bereits Maßregelungen vorgekommen sind. Der etatsmäßige Wachtmeister der 4. Es- kadron Buppersch, der im elften Jahre dient, ist benachrichtigt worden, daß daS Generalkom­mando angeordnet habe, mit ihm nicht mehr zu kapituliren. B. stand bekanntlich unter dem er­schossenen Rittmeister v. Krosigk. Das gleiche Schicksal ereilte den am Ende seines zehnten Dienstjahres stehenden fretgesprochenen Sergeanten Hick-l, sowie den Vizewachtmeister Schneider und den Hauptentlastungszeugen Hickels, den Unterosfizier Domntck, der fünf Dirnstjahre absoloirt hat. Schneider diente bereits elf Jahre.

Ueber die Maßregelungen schreibt der .Reichs- bote':

Wir geben diese Nachrichten unter allem Vorbehalt wieder. Wenn sie wahr wären, so wäre zu befürchten, daß sie die Autorität der Militärgerichte im höchsten Maße gefährdeten; denn durch solche nachträglichen Maßregelungen würden die Zeugen beim Militärgericht unter den Druck der Furcht gestellt, in schwere Gewissenskonflikte hineingetrieben und dadurch ihre Glaubwürdigkeit stark beeinträchtigt. Die Angeklagten oder ihre Bertheidtger würden dann Sol­daten als Belastungszeugen als befangen wahrscheinlich allgemein zurückweisen. Und wer will es entkräften,swenn gesagt wird: Wenn die Unteroffiziere aI8 Zeugen so behan­delt werden, so ist anzunehmen, vaß auch die Offiziere al» Zeugen oder gar als Richter unter einem solchen Druck des Generalkommands resp. des Gerichtsherrn stehen. Da­mit wäre aber der Autorität der Militärgerichte der Boden völlig entzogen und ihre ganze Existenz gefährdet. Aus der anderen Seite muß man anerkennen, daß e» sehr wohl zu begreifen ist, wenn die militärischen Vor­gesetzten aus Rücksicht auf die Disziplin, welche die Seele der Armee ist, Bedenken tragen, Unteroffiziere, sich nun erst auf sich selbst und seine Umgebung besinnen, so verwundert und nachdenklich hafteten seine Blicke auf HeleneS Antlitz und wie mag­netisch davon angezogen, wendete sie es endlich nach ihm um.

„Fräulein Haffard?" stammelte er in weichem Laut, während die Schlußgesänge der Oper daS Haus erfüllten, „ich bin Ihr Juan. Haben Sie Dank, daß Sie gekommen sind."

Helene legte dir Hand an die Stirn: träumte sie denn? Gehörte diese schmelzende, weiche Stimme dem Ncffe» des Bernani'schen Hauses, Baran von Rettingshofen?"

Entsetzt, als sähe sie ein Gespenst, erhob sie sich bann, streifte ihn mit einem verächtlichen Blicke, und wandte sich zum Gehe»; doch er faßte ihren Arm: „Bleiben Sie! Ich beschwöre Sie!" flehte er, seiner selbst nicht mehr mächtig, und stand ebenfalls auf; doch kalt und stolz und lautlos wies sie ihn zurück.

„St!" . . . „Ruhe!" . . . „Setzen!" gebot das Publikum ringsumher.

Die beiden Menschen BoriS-Juan und He­lene Lipphold-Hassard, eine Beute unbeschreib­licher Empfindungen, blickten sich eine Sekunde lang an, unbewußt, staunend, wie verzaubert, und nahmen die. eben verlassenen Plätze Nr. 39 und 40 wieder ein, scheinbar gefesselt von den Tönen, in Wirklichkeit nur mit der einen Frage beschäftigt: „Bist Du eS, dem meine arme Seele gehört durch das Geistesband unvergeßlicher Briefe?" Helene erschauerte.

Wenn er es war, ihr Juan, dann wehe ihnen beiden, denn die plötzliche Erkenntniß ihrer