Einzelbild herunterladen
 

28. Jahrgang

Iutöc», Dienstag, den 20. August 1901

M 189

Erscheint täglich, et. Ausmchme der Sonn-und Feier­tage. Bierteljährl.

AtjugsPrei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aur- wärtSIM.SOPf.

Am ersten April.

Original-Roman von Ida John-Arnstadt.

1 ------- (Nachdruck verboten.)

„Fräulein! Fräulein!"

Schrill klang das Rufen einer herrischen Knabenstimme durch das hellerleuchtete Treppen­haus bis hinauf in daS Mansardenstübchen der jungen Erzieherin. Diese schob ihre Schreiberei unmuthig in 'die Mappe, strich sich die dunklen Löckchen au? der Stirn und trat einen Moment lang not den Spiegel: ja, Kleid und Kragen saßen wie angegossen, nur daß sie daS weiße Latzschürzchen ablegen mußte, sonst konnte sie sich sehen lassen, selbst wenn sich Jemand herüber Derint hätte auS den Gesellschaftsräumen, woran aber bei der Lage des Zimmers nicht zu denken war. DaS kleine Kostümfest zu Ehren eines ßremden Gesandten wird nämlich im andern Flügel des durchaus vornehmen Hauses gefeiert; hier war aller ruhig, einsam, alltäglich; kaum daß sich einige Takte der Musik bis herüber ver­loren, wo daS junge Mädchen ihren Abend ver­lebte.

„Fräulein, so antworten Sie doch!" erklang er dringlicher.

Nun, Fräulein Lipphold hatte die Klinke ihrer Zimmerthüre schon in der Hand und rief m ihrer klangvolle», weichen Stimme hinunter: »Franz Joseph, benimm Dich doch manierlicher... Vierzehn Jahre und so kindisch! Was will t Du?"

4. Ostasiatischen Infanterie-Regiment- ge landet. — Oberregierungsrath a D. Freiherr Friedrich von Bincke ist in Osnabrück im hohe« Alter von fast 77 Jahren gestorben.

fit gerate 3. Parzelle» in Seite. mit ZlnterHallungs -Beilage „Mustrirle Sonntags-Zeitung" peterrzaSe llr. 8 (Darmoutel.

Arrslarr-.

• Wie«, 19. Aug. Der ehemalige Finanzminister Dr. Kaizl ist heute Mittag in der Sommerfrische Miskowitz bei Sobiesla« an Darmverschlingung gestorben. — Bei einer Jagd im Böhmerwald hat Erzherzog Franz Ferdinand durch Fehlschuß eine beerensuchende Frau getödtet.

* Bari», 19. August. Zar Nikolaus hat nach der »Franks. Ztg.' mit liebenswürdigem Dank die Einladung des Präsidenten Loubet zur Theilnahme au den großen H e r b st m a n ö v e r n in Ost-Frankreich angenommen. Die Manöver enden mit einer großen Parade bei Reims, welcher der Zar mit Loubet beiwohnt. Der Zar landet aber schon vorher in Dünkirchen, im Augenblick, in dem die Seemanöoer des Nord» Geschwaders zu Ende gehen. Loubet fährt dem Zaren nach Dünkirchen entgegen, wo das Ge­schwader vor beiden Revue passirt. — Die Revue bei ReimS, der der Zar mit Loubet beiwohnt, ist am 19. September. Es nehmen daran vier Armeekorps Theil, das erste, zweite, sechste und zwanzigste, sowie vier Kavallerie­brigaden. Der Zar trifft wahrscheinlich mit der Kaiserin bereits gegen den 10. September ein, um zwei Wochen in Compiegne zu ver­weilen, wo die Regierung eine Villa bereithält. DaS Zarenpaar wird sicher Paris einen oder mehrere Besuche abstatten.

* Aaag, 19. Aug. Präsident Krüger, der seine Buren ja kennen muß, ist vom Miß­erfolg der Kitchenerschen Proklamation überzeugt. DaS Dubliner Blatt .Freemanns Journal' ver­öffentlicht ein Interview des Parlamentsmit­gliedes William Redmond mit dem Präsiden­ten Krüger, welch letzterer sich hinsichtlich der Proklamation Kttcheners dahin äußerte, die Buren könnten durch eine derartige Proklamation nicht erschreckt, sondern nur angefeuert werden, den Kampf fortzusetzen; die Engländer hätten von Beginn des Krieges wie bei Derdepoort die Eingeborenen gegen die Buren bewaffnet; letztere Härten niemals früher im Kriege Bewaffnete Äuffitn verwendet.

* Betersönrg, 19. Ang. Za einem 5e- merkenswerthen Etikettenstreit soll es nach einer in Petersburger Hofkreisen kurfirenden Er­zählung anläßlich der Hochzeitsfeier der Groß­fürstin Olga Alexandrowna mit dem Prinzen von Oldenburg zwischen der englischen Botschaft und dem Vertreter der Transvaal« republik Mr. Jonkherr van der Hoeben gekommen sein. Letzterer, der sich kürzlich vom Haag nach Petersburg begeben hatte, war auf ausdrücklichen Befehl des Zaren zu der Feier ein­geladen worden. Kaum erfuhr die« der britische Botschafter, so begab er sich zum Grafen LamS- dorff und erklärte ihm, daß die englische Botschaft bei der Hochzeitsfeier nicht erscheinen werde, wenn man den Vertreter Transvaals zulaffe. Der russische Minister der auswärtigen Angelegenheiten übermittelte die« durch den Baron Frederick» dem Zaren. Letzterer solle nun dieses Verlangen sehr den Korridor bis an seine Tchlafzimmerthüre, hinter der er verschwand und drinnen den Riegel vorschob.

Im selben Augenblicke erschien von der an­deren Seite her und an der Hand eines hübschen Stubenmädchens, strahlend vor Vergnügen, eine kleine, etwa zehnjährige Tyrolerin, Nesty. Als sie ihre Erzieherin in der offenstehrnden Schul- zimmerthüre gewahrte, rch sie sich von Trinchen'S Hand los und lief mit ausgebreiteten Aermchm auf daS Fräulein zu.

„Fräulein," jubelt« sie dabei, „sehen Sie doch: ich bin schon fertig I Und ich freue mich so ... Der gute Onkel Boris! Sie sühren uns doch hinüber in die Gesellschaft?"

Dem junge« Mäochen that das Herz weh angesichts dieser kindlichen Freude; aber eS m uß te ja grausam sein, auS pädagogische» Gründen.

„Komm' einmal her, Nesty," sprach sie mild, „hast Du mich ein wenig lieb!" .

„O sehr; ich habe Sie beinah so lieb «ne Mama; nein, gerade so lieb!" '

Nun, dann wirst Du mir auch gern einen Gefällen thun?"

„Ja, Fräulein. Alles, waS Eie «ollen, aber nicht jetzt; morgen! Jetzt gehen wir doch gleich in de» Saal zu den Gästen ... Ist mein Bruder schon fettig?"

„Ich weiß el nicht, Nesty . . . Hör mal: laß Dich wieder auskleiden und schlafen legen von mir! . . . Willst Du?"

Die Kleine erblaßte, ängstlich schlug sie die blaue» Augen auf und fragte: „Warum denn? Bin ich unartig? Wolle» Sie mich strafen, Fräulein?"

Inserite: Dt, einspaltige Petit« zeile oder deren Raum 15 Pfg.,Re­klamen die Petit­zeile 25 Pfg.; bei Wiederholungen wird entfpreihenb. Rabatt gewährt.

freihändlerischen Lager anerkannt; so weist die . freisinnige ,Vossische Zeitung' darauf hin, daß ; >er Zolltarif gar nicht mehr ausgearbeitet «erden soll, sondern bereits als Präsidialvorlage an den BundeSrath gelangt ist.

* Ar» Zölle« tt«b gemeinschaftliche« Mervrarrchskerrern sind in der Zeit vom 1. April 1901 bis zum Schluffe des Monats Juli im Deutschen Reiche folgende Summen (einschließlich der kredittrten Beträge) zur An- schreibung gelangt: Zölle 168,588,109 M. (gegen das Vorjahr -j- 6,755,509 M.), Tabak­steuer 3,594,446 Mark (—5273 M), Zucker- steuer und Zuschlag 31,058,230 Mark (— 10,161,133 M), Salzsteuer 13,976,444 Mark (— 143,853 M), Maischbottichsteuer 2,003,218 M. (— 241,641 Mark), Verbraucks- abgabe von Branntwein und Zuschlag 40,873,720 Mark (+ 564,086 M.), B-ennst-uer — 1309 Mark (- 327,021 M.), Brausteuer 12,014 375 Mark (+ 278,550 M), lieberaangsabgabe von Bier 1,245,645 M. (— 121,233 M.), Summe 273,352,878 M. (— 3,402,009 M ). Stempel- steuer für: a) Werthpapiere 5,018,573 M. (— 8,080,319 M ), b) Kauf- und sonstig? An- schaffungsgeschäste 4,788,613 M. (— 198,813 Mark), c) Loose zu: Prioatlotterien 2,127,656 Mark (4- 489,063 Mark), Staaislotterten 8,200,499 M. (+ 3.996,990 M.), d) Schiffs- frachturkunven 252,856 M. (-j- 159,875 M), Spielkartenstempel 383,874 Mark (— 23,888 M.), Wechselstempelsteuer 4,449,061 M. (+ 170,067 M). — Die zur Reichskasse gelangte Ist-Ein­nahme, abzüglich der Ausfuhrvergütungen und VerwaltungSkosten, beträgt bei den nachbezeich­neten Einnahmen: Zölle 152,383,756 Mark (+ 3,549,561 M), Tabaksteuer 3.527,782 M. (+ 36,735 M.), Zuckersteuer und Zuschlag 30,877,727 M. (— 7,639,314 M.), Salzsteuer 14 933,707 M. (—3 42,337 M.), Maischbotttch- steuer 4,253,669 M. (— 1,155,633 M ), Ver­brauchsabgabe von Branntwein und Zuschlag 39,219,899 M. (+ 3,502,852 M., Brennsteuer — 1308 M. (— 327,020 M.), Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier 11,268 323 Mark (4- 132,121 M), Summe 256,463,555 M. (— 2,242,748 M.), Spielkartenstempel 531,430 M. (+ 493 M.).

*,♦ atertin, 19. Aug. Der deutsche Kaiser sandle an den Kaiser von Japan ein Telegramm, in welchem er seinen Dank für den dem Feldmarschall Grafen Walderfee bereiteten Empfang auSspricht. Der Kaiser von Japan dankte für die gütigen Worte und fügte hinzu, der Besuch deS Grafen Walderfee habe ihm Freude bereitet. — Anläßlich des Geburtstages de» Kaisers Franz Joseph von Oesterreich fand gestern Bormittag 11 Uhr in der Hedwigskirche ein feierlicher Gottesdienst statt, der mit einem Gesänge deS Kirchen­chors eingeleitet wurde, dem eine vom Prälaten Neuber celebrirte Messe folgte. — Der König und die Königin von Württemberg trafen heute früh 8 Uhr in Wilhelmshaven ein und wurden vom Chef deS Marine-Kabinets Bize-Admiral Freiherr» v. Genden- Bibram, Admiral Thomsen, Bize-Admiral Büchsel, so- wie von württembergischen Würdenträgern empfangen. — Wie die .Kölnische Zeitung' aizs Konstantinopel meldet, wird der deutsche Militärattache Major Morgen dem­nächst von seinem Posten abberufen werden. — Der Dampfer „Tucuman" mit dem ersten Seebataillon, der Marine-Pionier-Kompagnie, dem Marine-Telegraphen« Detachement und dem Marine-Feldlazareth an Bord, hat am 18. d. M. von Tsingtau auS die Heimreise angetreten. — Der Hamburger Dampfer „Kiautschou" hat in Bremerhaven 28 Offiziere und 664 Mann des

„Gewiß. Ich finde keine Worte für meine Gedanken. Kinder gehören um diese Zeit nicht unter bte Erwachsenen; am wenigsten in Ver­kleidung und singend."

„Aber Sie selbst haben unS doch kürzlich dazu veranlaßt und sogar den Text zu den Liedern verfaßt."

„Das geschah zu Papa's Geburtstag; bei Tage und nur für die Familie, daS ist etwas ganz anderes . . . Wer hat denn herübergeschickt? Mama?"

„Nein."

„Papa?"

„Nein, Papa auch nicht . . . Onkel Boris schickte den Friedrich. Es soll eine Ueberraschung für die Gäste werden und . .. Sie dürfen auch mitkommen."

„So? Darf ich? Recht gütig; aber ich be- danke mich für die Ehre, und euch Kinder« er­laube ich ebenfalls nicht, hinüberzugehen; ent- schieden nicht . . . Komm' mit herein in daS SchuPmmer; ich werde vor allen Dingen Deine Eltern benachrichtigen. Weiß denn Nesty schon um Onkel'S Plan?"

„Natürlich. Sie freut sich riesig und Trin- chen ist schon dabei, sie anzuputzen "

„Thorhrit! . . . Tritt ei», mein Junge." Das Fräulein hatte die zunächstltegende Thür, ; die des SchulzimmerS, geöffnet, das elektrische , Licht «»gezündet und lud nun mit anmuthiger ; Handbewegung den verblüfft Draußenstehenden zum Hereinkommen ein.

Doch dieser schüttelte energisch den blonden Lockenkopf und sprang mit drei Turnersätzen über

Derrtfches Keich.

Berlin, den 19. August

x Krrichtrms eines Aokoniattzeeres. Zu der wiederholten Mittheilung, daß die Bil- »ung einer deutschen Kolonialarmee erwogen werde, wird der .Deutschen Tageszeitung' von „kundiger Seite versichert, daß eine solche Ab- icht überhaupt seit einem Jahre gar nicht ur Erörterung gekommen sei". Die Regierung kann sich ja auch thatsächlich gar nicht darüber täuschen, daß die Einbringung einer solchen Forderung gerade in der nächsten Tagung deS Reichstages zu außerordentlich un- i Lustiger Zeit erfolgen würde.

h Das pkentzischeWaarenyarrs chefetz ist von Anfang an von denjenigen, die es am meisten anging, als ungenügend bezeichnet worden. In »iesrrn Sinne äußert sich jetzt wieder der „Central- Verband deutscher Kaufleute und Gewerbetreiben­der". In dem Jahresberichte des Vereins wird gesagt: „Sicherlich werde das Gesetz... den gehegten Erwartungen entsprechen, da es mit seiner Kruppen - Eintheilung schon in seiner Grundlage verfehlt sei. Hier wäre die einfache Umsatzsteuer . . . das richtige Mitte! gewesen, um diese zu erreichen rc." Die Revision des Gesetzes wird wohl nicht lange auf sich warten laffen.

* Hi« neues Zlrttzril des chrafe« Walderfee üöer Deutschland und Irausi- reich i« Gtziua. Graf Walderfee ließ sich in Hannover von einem Vertreter des ,^ho de Paris' interviewen. Der Graf äußerte sich überaus sympathisch über die ftanzöstschen Truppen in China und sagte angeblich u. A: „Ich glaube nicht mehr an die Möglichkeit eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland. Die Zeiten haben sich sehr geändert." Ferner erklärte der Marschall, er sei überzeugt, daß die militäriscke Aktion in China ihre Früchte tragen werde. China sei gezwungen, sein Land dem europäischen Handel zu öffnen. Die Boxer­bewegung werde gänzlich verschwinden. Walver- fee rühmte die vollständige Eintracht, die zwischen den französischen und den deutsche» Soldaten in China geherrscht habe. Der Kaiser, der ihn über sieben Paukte befragt habe, habe sich äußerst befriedigt ge­zeigt.

X Dolltarifeutwurf und preußischer ttaalsrath. Nach den Meldungen einiger eitungen sollte angeblich die Absicht bestehen, den Zolltarifentwurf auch dem preu­ßischen Staatsrathe zur Berathung und Begutachtung vorzulegen. Man hatte dabet augenscheinlich nicht überlegt, daß es dazu schon zu spät ist; denn die Rolle, die bei ent­sprechenden Gelegenheiten früher der Staatsrath spielte, ist diesmal von dem Wirthschaftlichen Ausschüsse und bester durchgeführt worden. Außerdem ist doch der Entwurf, worauf schon mehrmals hingewiesen wurde, als fertige Vorlage bereits dem BundeSrathe zuge- gange», und der Staatsrath würde deswegen ja gar nichts mehr daran ändern können, auch wenn er in die Lage kommen sollte, das zu thun. Die Thaisache, daß der Entwurf eine abgeschlossene Vorlage ist, wird nun vereinzelt auch in dem

„Sie sollen kommen; aber sofort!"

„Ist etwas mit Nesty?"

„Jawohl! Etwas sehr wichtiger."

„O . . . Ich habe sie doch kaum schlafend gesehen und Dich dazu: warum hast Du Dein Bett verlasten und Dein Zimmer?"

„Weil ich Ske holen soll!"

„Zu Deiner Schwester Nesty?"

„Zu ihr und zu mir."

Während dieses Zwiegespräches war die Er- zieherin zur Treppe herabgekommen. „Da bin ich! . . . Was werde ich hören?" lächelte sie, : indem sie ihre feine, kleine Hand auf des Knaben Schulter legte, doch dieser trat stolz zurück, was i zu der Entschlossenheit seines lockenumwirrten i Gesichtes und dem eilig Übergeworfenen, nach­schleppenden Plaid auSsah, als verschmähe ein beleidigter Königssohn die Huld seiner Märchen- : Prinzessin.

„Rathen Sie, bitte," sagte er, „aber schleunigst, i denn binnen einer Viertelstunde muß ich gestiefelt ; und gespornt sein und Nesty desgleichen." i „Ei weshalb? Wollt Ihr verreisen?"

„Welch' eine Frage! Fräulein, Sie träumen > wohl schon?"

„Franz Joseph, keine Unarten."

„Nun, ich werde eS Ihne» sage»: wir Kinder sollen in unser» hübschen Tyroleranzügen in den Sesellschaftssaal hinüber kommen und die von Ihnen zu Papa's Geburtstag gedichtete» Schuada- hüpfelu vornagen. Onkel Boris wird unser» . Gesang mit der Zither begleiten ... Ha, ho, ha, wie Sie dastehen! Sie sind ja gayz sprach- los."

•c Der Handelsvertragsverein

macht es sich bequem. Klar und unzweifelhaft ist ihm soeben nachgewiesen worden, daß seine Behauptung, als lebten zwei Fünft heile der deut­schen Bevölkerung vom und für den Außenhandel, von Anfang bis zu Ende falsch ist. Nur vom zwanzigsten Theil der Bevölkerung kann man das sagen. Aber das stört die Herren nicht weiter: in einem soeben veröffentlichten „Aufrufe", der in Millionen von Exemplaren verbreitet wird und vielen freisinnigen und demokratischen Zeitungen beiliegt, wird diese Unwahrheit von neuem auf- getischt. Gleichzeitig sucht man den Anschein zu erwecken, als seien die Freunde eines verständigen .Zollschutzes sür idie nationale Arbeit Gegner neuer Handelsverträge, Freunde von Zollkriegen, ffo daß man vor Erstaunen über die ungeheuer­liche Unwahrhaftigkeit dieser Art von Volksver­hetzung fast den Äthern verliert. Eine unerhörte Keckheit ist es aber, den Freunden eines solchen »othwrndigen Zollschutzes die Verdächtigung nach- zusagen, sie planten „eine Entvölkerung des platten Landes zu Gunsten der Ausdehnung des Großgrundbesitzes". Seit Jahren erheben gerade die Parteien, die es mit der Landwirthschaft gut imeinen, lebhafte Klagen Über die Entvölkerung des platten Landes und Über die Roth an Arbeits­kräften, die daraus für die Landwirthschaft ent« Hehl, während umgekehrt diejenigen Parteien, ans denen der Handelsvertragsverein sich zusammen- -fetzt, Über diese Klagen spotteten. Nichtsdestoweniger jetzt in diesem Aufrufe des Handelsvertragsvereins diese unerhölte Fälschung und Verleumdung, für die man auch noch die Person des Kaisers in Anspruch nimmt! Die Handelsverträge habe der Kaiser eine rettende That genannt. Die Freunde eines ausreichenden Zollschutzes für die heimische Arbeit aber seien Gegner der Handels­verträge und suchten eine Periode de« Zollkrieges herbeizuführen! Es fehlen die geeigneten Worte, um die Schamlosigkeit der Verdrehung, der Ent­stellung der offenkundigen Thatfachen hinreichend zu kennzeichnen. Aber mit den Schlußworten dieses Aufrufes kann man einverstanden fein. Sie lauten:

„Nur eine gewaltige Bewegung in den weitesten „Kreisen de« Volkes kann verhüten, daß unab­sehbare» Unheil über unser Wirthschaftsleben, .„unser Vaterland, unser Volk hereinbricht... ^E» ist nöthig, alles Trennende bei Seite zu „stellen und einmüthig einzutreten in den Kamp; „für den Schutz der nationalen Arbeit..."

Gewiß, aber gegen Handelsvertragsverein und Händler thum, nicht im Sinne dieser selbst, die sich -nicht entblöden, sich als die Schützer der natio­nalen Arbeit hinzustellen. Herr Eugen Richter mit seiner ,Freisinnigen Zeitung' hat wahrhaftig recht, wenn er seine Parteifreunde öffentlich vor Herrn von Siemen» und dem Handelsvertrags- Verein warnt. Es ist nicht Jedermanns Sache, ge­meinsam mit Leuten zu arbeiten, die in Ent­stellung und Verdrehung der offenkundigen Wahr­heit eine solche unerhörte Fixigkeit an den Tag legen! Aber die Einigkeit aller wirklichen Freunde der nationalen Arbeit thut dringend noth gegen diese unerhörte politische Brunnen- Vergiftung.