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Kumit Nnlerhaüungs -Meikage „Iüustnrte Sonntags-Ieitung"

Srxd «id Verlag der Fuldaer XcttenlnUkwt peterrgaS« Ur. 2 lvar««ate>.

M 187.

JuLöa, Samstag, den 17. August 1901.

28. Jahrgang.

Wochen-Wunöschau.

(Nachdruck verboten.)

14; <r. M

x Fulda, 17. August.

Nun ruhen die sterblichen Reste der Kaiserin Friedrich an der Seite der sterblichen Hülle des Kaisers Friedrich, in dem von der kunstsinnigen Kaiserin in weißem Marmor erbauten schönen Mau­soleum neben der Friedenskirche in Potsdam. Ein sonderzug hat den Sarg Montag Abend von Cron- berg nach der Wildpark-Station bei Potsdam gebracht. Unter militärischen Ehrenbezeugungen ist der Sarg in den Eisenbahnwagen gebracht worden, nachdem er vorher zwei Tage lang in der Johanneskirche in Cronberg aufgebahrt gestanden hatte. Der Wagen, in dem der Sarg befördert wurde, ist ein Salonwagen aus dem die Sitze entfernt worden waren, inwendig mit veilchenblauem Sammt ausgeschlagen, der Fußboden mit Hermelin umrandet. Fünf Offiziere und zwei Feldwebel haben den Sarg als Ehrenwache nach Potsdam geleitet. Vorher schon waren das Kaiserpaar und das englische Königspaar nach Potzdam gereist, und ebenso alle die Mitglieder des kaiserlichen Hauses und fürstlichen Gäste, die sich einfanden, um an den Beisetzungsfeierlichkeiten theil- zunehmen. Von der Wildparkstation ist dann der Sarg in feierlichem, außerordentlich prunkvollem Zuge durch den herrlichen Park des Schlosses Sanssouci nach dem Mausoleum überführt worden. Die beiden Gatten, durch ein tragisches Geschick Opfer eines und desselben tückischen Leidens geworden, im Leben ver­bunden durch eine musterhafte Ehe, sind nun auch im Tode wieder vereint.

Feldmarschall Graf Wald er fee, mit wenig geschmackvollen Paukenschlägen einer ganz unange­brachten Reklameschreiberei vor einem Jahre aus Deutschland hinauskomplimentirt, hat bei seiner Rück­kehr infolge des Trauerfalles im Kaiserhause nicht den Empfang gefunden, den er verdient hatte. Weder der Kaiser, noch der Kronprinz, noch auch Reichs­kanzler Graf Bülow sind bei seiner Ankunft in Ham­burg zugegen gewesen; aber Graf Waldersee ist einigermaßen entschädigt worden durch den besonders liebenswürdigen und ehrenvollen Empfang, den ihm der Kaiser in Homburg bereiter hat, und nicht minder durch die freiwilligen Kundgebungen der Bevölkerung, die ihm überall zu Theil geworden sind, auch sogar in dem kühlen Berlin. Besonders bemerkenswerth war der Empfang, der ihm am letzten Montag die Ltadt Hannover bereitet hat, sowohl wegen der großen Herzlichkeit der Formen, in denen er sich vollzog, als auch wegen einer Ansprache, die der Feldmarschall ber dieser Gelegenheit gehalten hat: „Wenn mir Einiges gelungen ist — sagte Graf Waldersee — so ift es allein dem Umstande zuzuschreiben, daß ich Se. Majestät den Kaiser hinter mir gehabt habe und nach seinen Intentionen habe handeln können. Was da ge­schaffen worden ist in China für Deutschland, wird hoffentlich recht bald an den Tag kommen . . . Un- iere Truppen haben sich ausgezeichnet gehalten bei allen Gelegenheiten. Es hat zwar keine große Lchlachten gegeben, aber es war doch viel zu thun unter schwierigen Umständen. Nie hat einer versagt. Wir können sicher sein, daß unsere Freunde uns jetzt noch mehr achten gelernt haben als vorher. Unsere Feinde aber kennen uns jetzt ganz genau. Denen haben wir Achtung gründlich beigebracht Sie wissen, daß mit Deutschland schlecht anzubinden ist, und daß der Kaiser eine starke Macht hinter sich hat.

Zeitungsgerüchte wollten den Grafen Waldersee schon zum Nachfolger des Fürsten von Hohenlohe- Langenburg alsStatthal ter von Elsaß-Loth- r in gen machen. Ernsthaften Glauben haben diese Gerüchte nicht gefunden. Aber ganz unbegründet war augenscheinlich die Annahme nicht, daß auch so etwas wie eine Statthalterkrisis in Straßburg vor- hn rAltar; ®c.r 'Elsässer', der über solche Vorgänge ncherlich gut unterrichtet ist, hat das wiederholt ver­sichert. Aber die Krise ist nicht zum Ausbruch ge- kommen. Am Montag hat die offiziöse,Nordd Allg. Ztg. den Krisengerüchten mit den Worten ein Ende gemacht, daß dieselben „jeder Begründung entbehren". Damit ist auch festgestellt, daß in Elsaß-Lothringen kein Systemwechsel eintritt; denn ein Statthalter kann nicht heute nach dem einen und morgen nach dem andern System regieren. Es wird sich zeigen, wie Herr von Köller, der stets schneidige frühere preußische Minister des Innern und spätere Ober- präsivent der Provinz Schleswig-Holstein, in dieses System als neuer Staatssekreiär von Elsaß-Loth- rttn?c" sich hineinfinden wird. Fremd ist er den k!ch°^ochri"gffchen Landen nicht; denn er war dort

ROt^e!rltär' aI§ der nachmalige Reichskanzler Ä»E"/°^°Schillingsfürst kaiserlicher Statthalter eliJä ??Ss.°lger als Oberpräsident Der Provinz Frhr. v Wilmowski ge- worden, bisher Leiter der Reichskanzlei.

Erscheinungen waren während der l-tztenZ-itzu beobachten bei der Besprechung des Zolltarifentwurfes. Das Wolff'sche Tele- graphenbureau das der Regierung vollkommen zur Verfügung steht und gewisse Meldungen nicht eher zu veröffentlichen pflegt, als bis sie im auswärtigen Amre zu Berlin einer Durchsicht und Censur unter- werfen sind, verbreitete allerhand Drohnachrichten, die Wasser auf die Mühlen unser Freihändler waren Rußland sollte die Vorbereitungen auf einen neuen Handelsvertrag unterbrochen und die Grenze gesperrt haben für russische Arbeiter, die im Reiche

lohnende Beschäftigung suchen wollten — es ging wie ein Jubelsturm durch die Reihen derjenigen Zeitungen, deren Aufgabe es ist, gegen den noth- wendigen Zollschutz für unsere heimische Arbeit anzu- kampfen. Wie unwahrscheinlich die Nachrichten kmngen, das beachtete Niemand! Aber wie Lügen schon nach dem alten Sprüchlein kurze Beine haben, so hat es auch mit diesen Tartarennachrichten nicht lange gedauert: Durch ein Petersburger Regierungs­blatt sind sie als vollkommen unwahr abgethan tmirden, und nun können diejenigen sich ein wenig schämen, die vorher damit auf den politischen Schacher ausgezogen sind. Aber solche Dinge sollten niemals wieder vorkommen in einem Nachrichtenbureau, das im Dienste der Regierung steht. Sonst könnte man gar zu leicht auf den Gedanken kommen, es wohnten nach früherer Gepflogenheit zwei Seelen in der Brust der Regierung: Die eine, die Gesetzentwürfe macht, “•*? andere, die dieselben Entwürfe auf hinter­listige Weise bekämpft!

m Das belgische Parlament hat bis in den August hinein der Sommerhitze getrotzt. Aber jetzt ist es auch endlich in die Ferien gegangen, ohne die wichtigen Gesetzesvorlagen zu verabschieden, die den Anlaß abgaben zu vielen höchst stürmischen Sitzungen und manchen außerordentlichen Rüpeleien der Herren Sozialdemokraten. Zur Berathung der Heeresreform wird am 8. Oktober eine außerordentliche Tagung des Parlaments eröffnet werden, und die Stimm­rechtsanträge der Sozialdemokraten sollen erst im rr^i-9iot,en?6er 3ur Besprechung gelangen. Jetzt beschäftigen sich die Sozialdemokraten mit einer geradezu wüsten Verhetzung der Massen. Der Sozia­listenführer V o l k a e r t hat unlängst eine Versamm­lungsrede mit den Worten geschlossen: „Bald werden Flamländer und Walonen sich vereinigen, und wenn man uns unser Recht vorenthält, so werden wir in unserm Kampfe um das allgemeine Stimmrecht zu den äußersten Mitteln schreiten. Wir haben es ge­schworen. Wenn die Regierung in drei Monaten mcht nachgegeben haben wird, werden wir erklären, daß unsere friedlichen Mittel erschöpft sind, und aus's neue unfern Kriegsgesang anstimmen: Zu den Waffen, Bürger!" Was sagen dazu diejenigen, die durchaus , behaupten wollen, die Sozialdemokratie mausere sich allgemach zu einer radikalen, aber fried­lichen Bürgerpartei heran?

Jetzt erst weiß man genau, wie die Ergebnisse der französischen Generalrathswahlen ausgefallen sind; sie bedeuten einen se! r kräftigen Ruck nach links zu Gunsten der Radikalen und Sozialdemokraten. Auch die Nationalisten haben Fortschritte gemacht. Die Zeche zu bezahlen haben die gemäßigten Republikaner und die Monarchisten. Die Sozialisten haben im Ganzen 13, die Radikalen nicht weniger als 70, die Nationalisten 9 Sitze ge­wonnen.

Die Jesuiten werden Frankreich verlassen. Sie haben keine Aussicht darauf, die Genehmigung als anerkannte Ordensgesellschaft zu erhalten, und natürlich wollen sie dieser Regierung die Freude nicht machen, ihr die willkommene Gelegenheit zur schaden­frohen Abweisung des Gesuches um Anerkennung zu geben. Bis zum 2. Oktober werden alle Ordens- häuser der Jesuiten in Frankreich verlassen sein. Die jüngeren Mitglieder des Ordens wandern aus; die älteren miethen sich zu je Zweien kleine Privat­wohnungen. Die Erziehungsanstalten der Jesuiten werden aber ganz in deren Sinne von Weltpriestern und Laien weitergeführt werden. Es werden ja auch wieder bessere Zeiten kommen! Was mit den Dominikanern werden wird, ist noch ungewiß.

Mit der Türkei hatte Frankreich ein Hühnchen zu pflücken. Die „Hafen- und Dock-Kompagnie" in der Türkei ist eine französische Unternehmung, die sich ehemals der besonderen Gunst der Sultane zu er­freuen hatte. Jetzt ist das anders geworden, und die genannte Gesellschaft hielt sich für gekränkt in ver­schiedenen Rechten. Sie rief den sehr energischen französischen Botschafter zu Hilfe und dieser erbat eine Audienz beim Sultan in der Angelegenheit der Gesellschaft. Da bekam der Beherrscher aller Gläubi­gen auf einmal „Zahnschmerzen" und empfing den Botschafter Constans nicht. Der Erfolg dieser Zahn- schmerzen itoar indessen sehr überraschend für den Sultan: eine Division Kriegsfahrzeuge dampfte heran und zeigte dem kranken Manne nun ihre Zähne. Das war deutlich, und jetzt hat die französische Re­gierung eine befriedigende Antwort vom Sultan bis zum 20. August verlangt, oder ....

Francesco Crispi ist in der Nacht vom 11. zum 12. August in seiner Villa in Neapel nach angem Krankenlager und schwerem Todeskampfe ge- sorben. Er wird auf Staatskosten in dem Boden einer sizilianischen Heimath bestattet werden. Was Crrspi als Politiker und als Ministerpräsident für stauen geleistet hat an guten und großen Thaten, mrd unvergessen bleiben und gebührend von der Ge- chlchie gewürdigt werden. Auch werden wir Deut- chen es ihm nicht vergessen, daß er stets richtig das Bedürfnitz Italiens erkannt hat, mit Deutschland gute Freundschaft zu halten. Aber die Katholiken der ganzen Welt kennen in Crispi auch den Mann, der unsägliche Lasten und Beschwerden über die Kirche in Italien gebracht hat; und unversöhnt mit der Kirche st er gestorben. Hartnäckig hat er bis zu seinem Tode den Priester von seinem Lager fortgewiesen. Möge Gott ihm gnädig sein!

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2 Freigesprochene Räuber und Mörder.

Die früheren Häuptlinge des makedo­nischen Komitees sind von dem Gerichtshof in Sofia freigefprochen worden, der eigens für

die Aburtheilung dieses Falles von der bulgarischen Regierungen eingesetzt worden war.

Warum wurde ihnen der Prozeß gemacht?

Am 1. Februar 1900 wurde in Bukarest ein Mann Namens Kyrill Filowski umgebracht, der angeblich in den politischen Diensten der Türkei stehen sollte. Am 22. Juli desselben Jahres fiel, ebenfalls in der rumänischen Hauptstadt, der Pro- feffor Michaileanu einem Meuchelmorde zum Opfer. Als die Anstifter des ersten dieser beiden Morde waren zwei der Häuptlinge des makedonischen Komitees angeklagt, die Bulgaren Sarafow und Stojanow. Sie waren es ohne Zweifel ge­wesen, die Spione und gedungene Mörder ausge­sandt hatten, um Filowski aufzuspüren und aus dem Wege zu räumen. Wegen des Mordes an Michaileanu waren angeklagt die beiden Bulgaren Wladislaw Kowatschew und Dmitz Tro- lew. In diesem zweiten Falle haben augenschein­lich diese beiden Führer des makedonischen Komitees selbst den Mordstahl geschwungen, der dem Pro- seffor Stefan Michaileanu das Leben raubte.

Was will das makedonische Komitee? Make­donien soll mit dem Fürstenthum Bulgarien ver­eint werden, weil ein großer Theil der Bewohner dieser türkischen Provinz bulgarischen Stammes ist ein großer Theil, aber schwerlich die Mehrheit. Außerdem ist das Land von Rumänen, Griechen und Mohamedanern bewohnt, und e« ist sehr die Frage, auf welcher Seite die Mehrheit ist. Aber angenommen auch, diese Mehrheit gehöre den Bul­garen, so würde doch die Türkei niemals die schöne Provinz Makedonien sich nehmen lassen, damit Bulgarien sich vergrößere; und die euro­päischen Mächte würden mit einem kräftigen Donnerwetter dazwischen fahren, wenn an der unteren Donau solche Gebietsverschiebungen ernsthaft in Frage kommen sollten. Das politische Streben des makedonischen Komitees ist also durch und durch unsinnig und phantastisch, und deswegen ist f§ eine unverantwortliche und thörichte Handlungsweise der bulgarischen Re­gierung, diesem unsinnigen Beginnen der make­donischen Kowiteebrüder Vorschub zu leisten. Das Schlimmst - aber ist die Art und Weise, wie die Helden des Verschwörerbundes ihre Be­strebungen in b<e That umzusetzen suchten. Sie scheuten weder B and, noch Raub, noch Mord, um sich in den Besitz von Geldmitteln zu setzen, um Schrecken bei ihren Gegnern zu verbreiten, und um unbequeme politische Personen aus dem Wege zu räumen. So fiele« auch Filowski und Michaileanu unter den Stößen des Mordstahles der makedonischen Verschwörer--rumänische

Staatsbürger, also Unterthanen emeS fremden Landes, in den Straßen der Hauptstadt ihres eigenen Landes! Man weiß nicht, was man ungeheuerlicher nennen soll: die Verruchtheit der Anschläge oder die beispiellose Frechheit ihrer Ausführung.

Die Verschwörer fühlten sicheren Boden unter den Füßen, nämlich das heimliche Wohl­wollen der bulgarischen Regierung; daher kam diese fast unglaubliche Frechheit. Aber dieses Wohlwollen von oben herab blieb nicht geheim. In Bukarest hatte man bald genug die Beweise in Händen sür die heimliche Verbindung zwischen der Regierung des Koburgers und den make­donischen Banditen; und nun ging man von Rumänien aus mit aller Gewalt der bulgarischen Regierung mit Vorstellungen und Drohungen zu Leibe, unterstützt dabei von europäischen Groß­mächten, so daß den Herren in Sofia nichts anderes übrig blieb, als jenen vier Häuptlingen des makedonischen Komitees den Prozeß machen zu lassen.

Am letzten Montag begann der Prozeß vor einem eigens eingesetzten StaatSgerichtshofe; der aus Mitgliedern der bulgarischen Volksvertretung und aus Beamten bestand. Siebzehn Ver- theidiger und sechsundzwanzig Zeugen waren zu­gegen, um den Geschworenen den Thatbestand „klar zu machen" — in Wahrheit wohl nur, um so viel Verwirrung wie möglich zu stiften und die Flammen des großbulgarischen Fanatis­mus zu schüren. Das ist geglückt: die Herren Geschworenen merkten die Absicht der bulgarischen Regierung, wurden aber durchaus nicht ver­stimmt, sondern sprachen die makedonischen Komiteebrüder nach dreitägiger Verhandlung Mittwoch Abend frei.

Was kümmert es Sarafow und seine Spieß­gesellen, daß sie vorher in Bukarest als Ab- wesende verurtheilt worden sind? Sie lachen des Rechtsspruches in Rumänien, denn in Bul­garien fühlen sie sich sicher; sie wußten, daß der Prozeß in Sofia nichts weiter sein würde als eine Komödie, veranstaltet von der Regierung des Fürsten Ferdinand von Koburg, weil sie anders sich nicht mehr aus der V>rlegenheit Helsen konnte! Freilich, wo man dem Fürsten aus dem Hause Battenberg so mitspielen konnte, wie geschehen ist, und wo der um sein Land so hoch verdiente Minister Stambulow am Hellen

Tage in den Straßen von Sofia auf scheußliche Weise umgebracht werden konnte, ohne daß jemals seinen Mördern ein Richter erstand, da konnte man vorher darauf gefaßt sein, daß auch diese Banditen straflos ausgehen würden.

Wann aber wird endlich Gericht gehalten werden über das. ganze verrottete Land Bul- garien? Der Krug ist gefüllt bis zum Rande.

Das KeMSnzervolk.

Erzählung von D. D.

Der Herr Professor war heute ärgerlich, und nicht ohne Grund. Auf dem großen freien Platze gerade vor seiner Wohnung war heute der Seil­tänzer Klingenberg mit Familie angefahren. Schon war er mit einem Schimmel durch den Ort ge­ritten, hatte an allen Straßenecken in sein Horn gestoßen und feierlich ausgerufen, daß er auf seiner Durchreise sich die Ehre gebe, mit Familie eine brillante Extravorstellung zu geben, bestehend in der höheren Seiltänzerkunst, in Produktionen auf dem Reck, Vorführung dressirter Pferde, Ziegen und Pudelhunde; die Zwischenpausen sollten durch höchst posirliche Clowns ausgefüllt werden. Und da sollte ein ruhiger Bürger nicht verstimmt werden! Er gehörte doch auch noch nachgerade nicht zu den letzten der Honoratioren. Daß aber auch der Bürgermeister die Zulassung des Seiltänzervolker vereinbar hielt mit der Ehre seiner Stadt! Daß er zudem der ohnehin schon so vergnügungssüchtigen Jugend schon wieder Ge­legenheit zum Pläfir gab! Ja, wenn das noch werthvolles oder wenigstens einwandfreies Ver­gnügen wäre — Seiltänzervolk zu faul, zu ar­beiten und zu wenig gebildet, um wirklichen Kunst­sinn zu pflegen. Sich hängen und winden am Seil, Luftsprünge, derbe Spässe, Hundegeheul und Geißensprünge, das nennt sich Kunst. Eben rammten sie im weiten Kreise Pfähle in die Erde und zogen von Pfahl zu Pfahl Segeltuch, um einen abgeschlossenen Raum für die Vorstellung herzurichten. Rach der Straße zu kain der Ein­gang in Gestalt eines Vorhanges, den man zur Seite ziehen konnte. Darüber stand mit großen Lettern geschrieben: Kunst-Arena, und davor stand der Kaffentisch, an welchem man die Kunst bezahlen mußte: 40 Pfg. für einen Sitz- und 25 für einen Stehplatz, Kinder die Hälfte.

Der Herr Professor trat ans Fenster, um sich die Bescheerung näher anzusehen. S' wird gut werden! Da liegt auch noch die große Trommel und steht die umfangreiche Drehorgel; das Tut­horn daneben soll die Orgeltöne begleiten.

,,S' ist eine Schande", sprach zur Freude des Professors der Grobschmied des Städtchens zu L., seinem Freund, dem Wagner, die beide vor der Kunst-Arena stehen geblieben waren, „mitten in der Erntezeit mußte dies Zigeunervolk kommen! Man sollte sie aus dem Ortsbering ausweisen. Sie locken uns das junge Volk an, und morgens können die dann nicht aus den Federn, wo man sie so nöthig hat!"

„Der Bürgermeister läßt aber auch alles zu", entgegnete der Freund, „die Groschen aus den Taschen zu holen, zu weiter nicht» taugt da« Volk. Meine Buben bleiben zu Hause, das sage ich."

„Und meine Kinder sollen auch das zweifel­hafte Zeug nicht sehen. Würden e« alle so machen, wie ich und du, so wären die Seiltänzer überflüssig."

„Recht so", stimmte wider allen Anstand der Herr Professor in seiner Erregtheit vom Fenster aus bet. Rach wenigen Minuten wußte e« die ganze Stadt, daß er seine entschiedene Mißbilligung über die Veranstaltung geäußert hatte.

Es gab übrigens noch mehr rechtliche Leute, welchen das Auftreten der Seiltänzer zum Aerger- niß gereichte.

Die Kinder, welche den Reisewagen um« ch wärmten, wurden immer zutraulicher. Ein Mädchen stieg gar die Treppe hinauf und postirte ich an den Eingang, von wo aus es das ganze Innere überblicken konnte. Eiligst hinterbrachte man dem Vater desselben die Kunde, er stürmte herbei und riß sein Kind mtt einem Ruck die Treppe herunter.!

„Ich will dir mit den Seiltänzern „Com­mercium" machen! (Volksausdruck.) Willst du auch Seiltänzerin werden?"

Das jüngste Glied der Künstlerfamilie war ein siebenjähriger Knabe. Dieser gesellte sich zu seinen Altersgenossen vor dem Wagen, suchte einige heraus und zog mit ihnen hinter das Zelt auf den Vorstellungsplatz. Dort exrrzirte er mit ihnen und brachte ihnen einige posstrliche Wen­dungen bet, welche sie am Abend mit ihm auf­führen sollte». Dafür brauchten sie auch kein Eintrittsgeld zu bezahlen. Eine Frau, welche ihren Knaben suchte, hörte, derselbe sei bei dem Seiltänzerbub; sir lief hinter den Vorhang und schlug ihrem Sohne links und rechts an die Ohren.