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mit Nnterhaltungs -Aeilage .^Ikukrirte Sonnlags-Zeilung"

vrmk und Verlag der Fuldaer Actierdrutkerei petersgaffe Ur. S (Darmontel.

M 182.

JuLöa, Samstag, den 10. August 1901.

Wochsn-Hlunöschcru.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 10. August.

Der Allbezwinger Tod hat unserem Kaiser die Mutter, dem deutschen Volke eine edle Kaiserin und Frau genommen: am Montag Abend 61/* Uhr ist die Kaiserin Friedrich nach ihrem langen und schweren Leiden sanft entschlafen. Bis kurz vor ihrem Tode hat sich der starke Geist der hohen Frau in seiner stählernen Spannkraft bewährt. Bis wenige Stunden vor ihrem Tode war das klare Bewußtsein der Kaiserin Friedrich nur durch kurze traumarlige Zustände unterbrochen, trotz der schweren Leiden, trotz der unsäglichen Schmerzen, die sie Monate hindurch erdulden mußte. Erst am Todestage selbst entschwand das Bewußtsein, und sanft und ohne Schmerzen ist die Mutier unseres Kaisers aus diesem Leben ge­schieden. Sie war eine edle, eine muthige, eine starke Frau, eine Frau mit hohem Geiste und eine musterhafte Gattin und Mutter. Ihren Edelmuth hat sie bewiesen durch ihr lebhaftes und liebreiches Eingehen auf alle Pläne, die zur Linderung mensch­licher Noth dienen konnten; so wohlthätig, so wahr­haft human, wie sie war, ist selten auch eine ge­krönte Frau. Und daß sie muthig und stark war, charakterstark, wie nur sehr wenige Frauen es sind, das lehrt uns bereits die Geschichte — namentlich die tragische Geschichte der neunzig Tage von ihres ritter­lichen Gatten deutschem Kaiserthum. Kaiser Wilhelm hat ohne Zweifel manche der Charaktereigenschaften seiner Mutter geerbt und auf diese Weise hat die nunmehr verewigte Kaiserin eine doppelte Bedeutung für Deutschland gewonnen. Als Kaiser Friedrich starb und sein ältester Sohn in unvermuthet frühem Lebensalter den deutschen Kaiserth» on bestieg, wähnten Manche, nun werde die Kaiserin-Mutter eifrig an den -Regierungsgeschäften sich betheiligen. Aber nichts von alledem ist eingetroffen. Die verwittwete Kaiserin hat sich von aller Politik ferngehalten, und auch das war von Neuem ein Beweis für ihre hervorragende Charakterstärke. Gerade bei ihrem Temperament, bei ihrem hochfliegenden Geiste mag ihr das mitunter nicht leicht geworden sein. Und ebenso vererbte sie auf ihren kaiserlichen Sohn das offene Auge für alles Schöne in Natur, Leben und Kunst und die ehrliche Begeisterung dafür, Gaben, für die ihr das deutsche Volk ausrichtig dankbar ist und bleiben wird. Wäre sie nur dem Kaiser Friedrich die musterhafte Gattin gewesen, die sie ihm durch die 30 Jahre ihrer Ehe und auch noch nach seinem Tode war, so würde sie dadurch allein einen hervorragenden Platz sich er­worben haben unter den gekrönten deutschen Frauen. So aber wird ihr dieser hervorragende Platz dauernd gesichert durch eine ganze Reihe glanzvoller Tugenden. Herzlich und aufrichtig geliebt von allen ihren Kindern und deren Familien — so ist die Kaiserin Friedrich aus diesem Leben geschieden als eine echte Fürstin und Mutter.

Die Auseinandersetzungen über die Zolltarif- Vorschläge der Reichsleitung sind eher noch leb­hafter geworden während der zweiten Woche nach -ihrem Bekanntwerden, als vorher. Die Gegner eines vernünftigen Zollschutzes für die Erzeugnisse des deutschen Fleißes haben sich in eine Wuth hinein ge­redet, die mitunter alle Vorsicht und Klugheit ver­gißt. Es ist die Pflicht aller Freunde eines Schutzes für unsere heimische Arbeit, ihre sachliche Ueberlegen- heit über die Gegner durch eine kühle Ruhe zu be­weisen, mit der sie die Zollfrage behandeln — durch eine kühle Ruhe, dabei freilich auch später durch sehr

Des Kahnes UermSchtniß.

In dem sonst sehr leichtlebigen und gottent- ftemdeten Paris steht doch die christliche Llebe und Wohlthätigk.it in sct ö fiter Blüthe. Unter de» vielen diesem Zwecke dienenden Vereinen heißt einer „Das Patronat". Dieser V-retn besteht aus Männern und Jünglingen bis zu den höchsten Ständen, die in verschiedenen Straßen große Säle besitzen, in denen sie junge Leute von der Straße zu christlichem Unterricht und belehrender Unter­haltung rersammrln, um ihnen das einigermaßen zu ersetzen, was ihnen der religionslose Staat durch Unterdrückrn der Orden und des religiösen Schulunterrichtes geraubt. Dieses schicken wir zum besseren Verständmß des Folgenden voraus:

Frau v. Berriers, eine vornehme und reiche Dame, saß in ihrrm Prunkzimmer und weinte. Außer ibrcm vielen Geld? hatte st-eigentlich nichts mehr: Keine Freunde, keine Liebe, keinen Glau­ben. Sie stand allein und verlassen auf der Welt im Alter von 50 Jahren. Ja, früher war es anders gewesen, als sie noch in der Blüthe der Jugend und Schönheit stand und in den hoff« «ungsoollen Jahren ihres Eheglückes. Ihr Mann, Herr v.Verrrers, war in allen Kreisen, besonders auch am Hofe Napoleons III., angesehen, und zwei liebe K-nder, ein Knabe und ein Mädchen, machten das Glück der Familie voll. Die zwei Kinder waren den Gatten gerade genug, mehr wünschten sie nicht. Sie waren ganz im Banne einer Gott beleidigenden, aller Elternliebe und Gternpfllcht in's Gesicht schlagenden Anschauung,

nachdrückliches Handeln, wenn es sich um die Be- rathung der Zollfragen im Reichstage handeln wird. Leider ist die deutsche Landwirthschaft nirgends im Reiche von den Zollsätzen befriedigt, die für die Ein­fuhr der landwirthschaftlichen Erzeugnisse vorgeschlagen sind. Das beweisen die Ausführungen des Rheinischen und des Westfälischen Bauernvereins, das hat im Namen der bayerischeu Bauern der Centrumsabg. Domkapitular Dr. Pichler bei einer Bauernver­sammlung in Altbayern sehr deutlich zum Ausdrucke gebracht. Und der Centtumsabg. Pfarrer Gersten­berger hat sich in dem von ihm herausgegebenen Organ der christlichen Bauernvereine mit folgenden Worten vernehmen lassen:

„Bauern, wollt ihr euch das gefallen lassen? Hoffentlich nicht! Hoffentlich werdet ihr schreien und so laut schreien, daß man euch an maß­gebender Stelle hört und hören muß! Wir wollen jetzt nur noch die Ernte vorübergehen lassen; dann aber soll durch den ganzen baye­rischen Bauernstand eine Bewegung gehen, so laut, so stürmisch und so allgemein, daß den Excellenzen Hören und Sehen vergeht ....!" Daß die Schutzzölle keine Mehrheit im deutschen Volke hätten, ist eine Fabel der Freihändler und Händlerpresse: das Gegentheil ist die Wahrheit und so ist auch im Wahlkreise Duisburg-Mülheim in der Stichwahl der nationalliberale Schutzzöllner Dr. Beumer gewählt worden. Da die Polen Stimmenthaltung für die Stichwahl beschlossen hatten, war an einen Sieg' des Centrumsmannes ohnehin nicht mehr zu denken; und thatsächlich handelt es sich ja um einen Wahlkreis, der bisher immer und ohne Ausnahme im Besitz der nationalliberalen Partei ge­wesen ist. Die Polen verlangten Unmögliches vom Centrum: dieses sollte zu Gunsten polnisch-nationaler Ansprüche in die inneren Angelegenheiten der Kirche sich mischen. Das kann und darf eine politische Partei nicht, und so setzten die Polen, wie eines ihrer Blätter sich bösartig ausdrückte, „dem Centrum das Messer an die Kehle". Wenn nur das Messer nicht einmal ausrutscht und die Polen selbst gefähr­lich verletzt!

Der R e i ch s h a u s h a l t hat für das Rech­nungsjahr 1900 einen Fehlbetrag von fast zwei Millionen Mark ergeben — die fetten Jahre sind vorüber, die mageren haben angefangen, und nun heißt es doppelte Vorsicht walten lassen bei der Genehmigung von Ausgaben durch den Reichstag! Uebrigens sind die Einnahmen an sich gegen das Jahr vorher ge­stiegen, sie haben den Etatsvoranschlag um mehr als achtzehn Millionen überholt. Aber es haben sich auch Mehrausgaben von fast zehn Millionen einge­funden, und außerdem mußten zur Verstärkung der Betriebsmittel der Reichskasse IVI2 Millionen über­wiesen worden.

Nach langem Leiden ist der frühere preußische Kultusminister D r. Bosse gestorben, ein preußischer Protestant vom Scheitel bis zur Sohle, der im Ernste davon überzeugt war, daß er der katholischen Kirche ungemeines Wohlwollen entgegenbringe. That­sächlich war von diesem Wohlwollen niemals eine Spur zu merken. Immerhin können wir ihm dank­bar sein für die Aufbesserung der Bezüge der Geist­lichen und Lehrer.

Die Katholiken betrauern aufrichtig den Tod des Dichters Dr. Friedr ich Wilhelm Helle, der in München verschieden ist. Helle ^war der Ver- faffer des prachtvollen Werkes Jesus Messias, an dem er vierzig Jahre seines bewegten Lebens gear­beitet hat, außerdem der Urheber vieler anderer und zum Theil herrlicher Dichtungen. Die deutschen Katholiken bewahren ihm ein treues Angedenken. Er möge in Frieden ruhen!

Feldniarschall Graf W a l d e r s e e ist aus Ost- asien nach Deutschland zurückgekehrt, festlich empfangen in Hamburg und von der Stadt Hamburg zu ihrem

welche Frankreichs Fluch ist: Daß nämlich ein reiche Kindersegen tm Unglück sei wegen der Ar­beit und Mühe, wie wegen des künftigen Erbes; und da sie nur die beiden Kinder hatten, so waren sie überglücklich. Der Knabe, Armand mit Namen, wurde bald in die Jesuitev>chule geschickt. Nicht weil die Eltern etwas glaubten, sondern weil die Jesuiten-Zöglinge die besterzogenen, bestgeschulten und mit den mristtn Preisen ausgezeichneten Studen­ten waren. So war es eineZeit lang gegangen. Da begann sich das Glück, welches Herrn und Frau Berriers bisher gelächelt hatte, von ihnen zu wenden. Zuerst starb das Töchterchen, I4Jahre alt. Die Mutter wollte fast verzweifeln; aber ihr Leid war noch nicht zu Ende. Nach einigen Jahren starb ihr Man». Er hatte die Schwind­sucht bekommen und siechte langsam dahin — es war ein trostloses Krankenlager. Schließlich wurde er durch die ihn pflegenden barmherzigen Schwestern so weit gebrachr, daß er die heiliaen Sakramente empfing und als Christ starb. Nun blieb noch der Sohn Armand übrig. Ec war damals etwa 18 Jahre alt und der Augapfel seiner Mutter, die nur den Fehler an ihm fand, daß er in der Gesellschaft, im Salon zu schüchtern und zu gleich- giltig sich benahm, viel zu viel in die Kirche ging — nämlich alle Morgen in die heil. Messe und Abends zu einer kurzen Besuchung — und daß er sein Taschengeld, wie die Mutter nninte, im Spiel verbrauchte, das er mit seinen Freunden wohl Abends irgendwo veranstaltete. Da brach >er Krieg von 1870 aus. Armand, welcher bei der Artillerie eingetreten war, kam nach Metz und wurde dort von einem Bombeustücke köstlich ge-

Ehrenbürger ernannt. Prinz Heinrich von Preußen war ihm bis in die spanischen Gewässer entgegen­gefahren. In Algier hat der Feldmarschall sehr angenehme Gefühle bei den Franzosen erweckt durch sein liebenswürdiges Auftreten. Einigermaßen auf­fallend ist es, daß Italien sich gar nicht um die Heimfahrt des Feldmarschalls gekümmert hat.

Daß in Italien wieder einmal eine Ministerkrise ausgebrochen ist, kann Niemand bei diesem klassischen Lande der häufigen Minister­krisen überraschen. Der Finanzminister und der Landwirthschaftsminister sind verbraucht und müssen durch neue Leute ersetzt werden. Möglicherweise greift die Krisenkrankheit noch weiter im Ministeri­um um sich.

Ein häßlicher Auftritt hat sich in Frankreich abgespielt, nämlich in Neuves-Maiions bei Nancy. •®ort sollten deutsche Arbeiter Koksöfen bauen. In der Nacht aber rotteten sich französische Arbeiter und Einwohner des genannten Ortes zusammen und be­stürmten die kleinen Häuser, in denen die deutschen Arbeiter untergebracht waren, mit Knütteln und Revolvern. Erst vor der bewaffneten Macht wich die lärmende Horde. Untersuchungen sind von dem zuständigen Gerichtshöfe in Nancy eingeleitet worden. Ob etwas dabei herauskommen wird, bleibt abzu­warten.

Präsident Krüger von Transvaal hat einem Mitarbeiter des Pariser ,Figaro' eine Unter­redung gewährt und hat ihm auf's Neue die Ver­sicherung gegeben, daß die Buren bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werden. Außerdem hat er in bestimmter Weise das neuerdings entstandene Gerücht in Abrede gestellt, daß er Schritte zur Herbeiführung einer Friedensvermittelung unternommen habe: Er habe im Gegentheil mehr Vertrauen als je zur Sache seines Volkes. Von den Gerüchten über die Kriegsgrausamkeiten der Engländer sagte der Präsi­dent, daß sie sicherlich hinM der Wahrheit noch zurückbleiben; die Geschichte werde erst die Wahr­heit enthüllen, die man dann mit Schaudern und Entsetzen vernehmen werde! Und zur Belohnung dafür hat das britische Parlament dem Feldmarschall Lord Roberts noch zwei Millionen Mark als Ehren­geschenk verliehen!

Eine wichtige Maßnahme ist in China ge­troffen worden: Der Kaiserpalast in Peking ist wieder vollständig in die Hände der Chinesen zurückgegeben worden, auch derjenigeTheil desselben, der noch bis zuletzt von den deutschen Truppen besetzt war. Außerdem ist genehmigt worden, daß 300o Mann regulärer chinesischer Truppen in ge­wisser Entfernung von Peking Quarttere beziehen. Das sieht aus wie vollkommener Friede. Hoffentlich bleibt es dabei!

□ EineZeit der Jnteressenranbzüge scheint mit der Veröffentlichung des Zolltarif-Ent­wurfs beginnen zu wollen. Die Sozialdemo­kratie hat die Losung ausgegeben: Nieder mit dem Hungertarif! und ruft alle „Proletarier" auf die Schanzen. Sie will „eine mächtige Volks bewegung inszeniren", einen „allgemeinen Land­sturm gegen die Hungerblokade" aufbieten und läd „die bürgerlichen Elemente, die in ihrer Art auch den Brodwucher bekämpfen", nämlich die Nttionalsozialen, den Freisinn, die Börsenbarone und Großhändler ein, als „Jnvalidenkompagnie" und „Krüppelgarde" mitzumarschiren. Als der Feind, gegen den „die Mafien des Volkes in ihrer Massenhaftigkeit ins Gefecht" gebracht wer­den sollen, wird vornehmlich das „Junkerthum" bezeichnet. Unter der Vorspiegelung, es gelte die

troff». Die deutsche Kugel hatte das Gottesgericht über die Familie Berriers vollenden helfen. Nun war d:e Frau allein. All' ihr Erdenglück war dahin, ihre Hoffnungen waren vernichtet, und sie war um so ärmer, als sie weder Liebe zu Gott noch zu ihren Mitmenschen im Herzen hatte. So saß sie dann oft stundenlang in ihrem Zimmer und starrte die Photographien ihres Mannes und ihrer Kinder an und haderte mit Gott, mit sich selbst und mit der gänzen Welt. Sie wußte nicht, wozu sie noch da war, wozu sie ihr großes Ver­mögen besaß.

So finden wir Frau v. Berriers auch heute. Sie saß im Lehnstuhle und hatte ihren Blick auf das Bild ihres Sohnes gerichtet; ihre Augen füll­ten sich mit Thränen, während ihres Sohnes Bild chr zuzulächeln schien. Jetzt öffnete fich die Thür und die alte Kammerfrau trat ein.

„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau," sagte sie, „ich habe mich bei meiner Nichte etwas zu lange aufgeh alten und dachte nicht, daß es schon so spät sei."

„Es ist doch Deiner Nichte nichts Unangenehmes zugestoßen, Sophie?"

„Gnädige Frau wiffen, daß meine Nichte ein Spielsachrn-Magozin hat, nun find die WeihnachtS- Bescheerungen nahe, und da hatte fie eine Menge Puppenkleider einer ihrer Arbeiterinnen zu machen gegeben, einer sehr geschickten Frau — aber nichts wurde gebracht. Unruhig und verdrießlich lief meine Nichte zu der Arbeiterin . . . Ach, gnädige Frau, was fand fie da? Man» und Frau lagen krank an einem nervösen Fieber. Der Mann hatte es bekommen, währender seine Fra» pflegte. Der

28. Jahrgang.

„ältesten und ruchlosesten Feinde der Volksmassen", die ostelbischen Junker, „die um eine künstliche Erhaltung ihrer verkrachten Existenz ringen", vor dem Siege über die Industrie und das Arbeiter­heer zu bewahren, soll die Partei der ewigen Mauserung wieder aufgefrischt, der innere Zwie­spalt überbrückt und ein ansehnlicher Zuwachs aus den Arbeiterlagern gewonnen werden, die bisher, der Sozialdemokratie abgeneigt, noch bei Seite standen.

Das Junkerthum ist der am deutlichsten markirte Feind. Gemeint ist natürlich die ge­lammte deutsche Landwirthschaft, daS sind nach der Zählung von 1895 über 18 Millionen Menschen, welche direkt im Haupt­beruf als Ecwerbsthätige oder deren Dienst­boten und Angehörige an der Landwirthschaft interesfirt sind, also ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands. Dabei sind die im Nebenberufe zur Landwirthschaft rechnenden Erwerbsthätigen mit ihren Angehörigen nicht mitqezählt. 70 pCt. der landwirthschaftlichen Betriebe sind Klein­betriebe und bäuerliche Betriebe. DaS Feld­geschrei der Sozialdemokratie bedeutet somit: Nieder mit dem Bauernstand! Es soll dazu dienen, das Erfurter Programm zu verwirklichen, dar die Naturnothwendigkeit des Unterganges der Kleinbetriebe ausgesprochen hat.

Die Sozialdemokratie rückt zum Frontangriff vor. Der Landwirthschaft in den Rücken fällt der großhändlerische Kapitalismus. In seinen Diensten arbeiten die Telegraphenagentmen, welche dem Buslande in durchsichtiger Ansicht nur die mit dem Entwurf in ihrer Weise miß­vergnügten Aeußerungen der freihändlerischen und extremagrarischen Pr>sse übermitteln und das Geschrei des Auslandes sich zurück« telegraphiren lassen. Sogar das halbamtliche Wolff'sche Bureau gibt sich dazu her. Der Handel findet ja bei niedrigen oder niedergehenden Preisen am besten seine Rechnung und die deut­schen Schiffsrheder haben das größte Interesse an der Steigerung der deutschen Einfuhr. Schutzzölle drohen bte Einnahmen aus der preis­drückenden Einfuhr zu verringern, darum das Ränkespiel in der ausländischen Presse, darum die Trompetenstöße in der Heimalh: „Das deutsche Volk muß Lärm schlagen, gewaltigen La-.m .... Das Vaterland ist wirklich in Gefahr!"

Das großhändlerische Kapital macht nicht nur gegen den Schutz der Landwirthschaft, sondern auch gegen den der Industrie mobil. Es hat auch wefentlich andere Interessen als die Sozialdemokratie, aber die beide» Kampf­genossen wollen sich in die erwartete Beute redlich theilen: Dem Großhandel vermehrte Ein­künfte, der Sozialdemokratie einen Zuwachs an Anhängern!

Im Lager der angegriffenen Erwerbsstände, zumal in lanowirthschaftuchen Kreise», scheint man die Folgen der bevorstehenden breiten und heftigen antischutzzöllnerischen Agitation nicht genügend zu würdigen. Es hat sogar hie und da den Anschein, als ob man in jenen Kreisen glaube, man rhue sich und anderen genug, einerseits mit der stetigen Wiederholung der eigenen Forderungen unter der Betonung ihrer Berechtigung, anderer­seits mit der Ausübung eines politischen Druckes »«SSSSSSWWS »SSSSSWSSSSWSSSSS^ älteste Sohn hatte seine Arbeit fahren lassen müssen, um seine Eltern zu pflegen, seinen jüngeren Bruder und sein Schwesterchen zu verwahren; die Kleinen schrieen vor Hunger. Die Wohnung war wie aus­geplündert, denn bieje armen Leute hatten Alles verkauft, um nicht vor Hunger zu sterben, aber jetzt war nichts mehr da zum Verkaufen und Ver­setzen, und sie lagen da ohne Feuer, ohne Nah­rung und dabei sehr krank. Und eS sind so brave Leute."

„Wo wohnen diese armen Menschen?" fragte Frau v. Berriers.

„Neustraße Nr. 10, sie heißen Desport."

Frau v. Berriers hatte von Armnth und Elend bisher eigentlich nichts gewußt. Doch war ihr Herz empfänglich für M tleid, und so beschloß sie, einmal der Armuth selbst in die Augen zu sehe». Bald war sie an Ort und Stelle.

Und da stand fie nun, die reiche Dame, an« aestchts der bittersten Noth, sie fühlte den furcht­baren Unterschied zwischen ihr und diesen Mit­menschen.

Da lag auf einem Strohjackr, in einige alte Decken gehüllt, der Mann der armen Frau. Als er seine Kopfbedeckung abnahm, sah man ein noch ziemlich jugendliches Gesicht, das intelligent aus- sah, aber bereits von Elend und Krankheit durch­furcht war. Seine in der Genesung begriffene, noch bleiche und schwache Frau nähte an einem Kleidchen. Zwei sehr dürftig gekleidete Herne Kinder saßen auf einem Steine am Herde, wäh­rend ein 14jähriger Knabe am Bette seines Bater- saß und mit Lesen beschäftigt war.

„Dies Zimmer scheint mit aber zu feucht &