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fi» 3nkf«tt 3. tn 3»Uw. mit Anterhattungs -Anlage „Illustrirte Sonntags-Zeitung"

M 170.

Wochen-Wunöfchcru.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 27. Juli.

Wieder einmal stehen die zukünftigen Einfuhr­zölle und namentlich die Zölle für landwirth- fchaftliche Erzeugnisse im Vordergründe der Auseinandersetzungen in der Presse. Ein süddeutsches Blatt hat Angaben über diese Zollvorschläge gemacht, Don denen es heißt, daß fie den Thatsachen entsprechen sollen. Und gleichzeitig hat die bayerische Regierung Vertreter von Landwirthschaft, Industrie und Handel zu Berathungen über die künftige Ausgestaltung des Zolltarifes in München versammelt. Sollten die Angaben jenes süddeutschen Blattes richtig sein, dann würden für diejenigen Länder, mit denen uns Handels­verträge verbinden, die Zollsätze für den Doppel- Gentner Roggen und Hafer fünf, Weizen 51/a und Gerste 3 Mark festgesetzt werden. Man sieht, daß solche Zölle von den gegenwärtigen Sätzen sich kaum unterscheiden. Wunderlicherweise aber geht das Ge­rücht, daß der bayerischen, möglicherweise allen süd­deutschen Regierungen auch diese Vorschläge noch zu hoch erscheinen, und leider ist noch nicht ein einziges Wort gegen diese Gerüchte gesprochen woroen. Und daö in Süddeutschland, wo btr allergrößte Theil der Bevölkerung von der Landwirthschaft lebt und allein auf diese angewiesen ist! Man kann diese Wider­sprüche kaum begreifen, namentlich nach den wieder­holten Versicherungen in den Parlamenten von den Vertretern der verschiedenen Regierungen, daß diese durchaus für einen angemessenen oder wirksamen Zollschutz der deutschen Landwirthschaft eintreten wollten. Nichtsdestoweniger bricht die Presse der­jenigen Leute, die der Landwirthschaft den ihr noth- wendigen Schutz versagen und alle Vortheile unserer Handelspolitik den Händlern zuwenden wollen, in laute Rufe angeblicher Entrüstung aus über die an­geblich vorgeschlagenen Zollsätze. Innerlich freut man sich ungemein darüber, daß diese Zollsätze so niedrig ausfielen, wie es den Anschein hat. Aeußerlich aber verlegt man sich aufs „Schreien", um noch mehr Vortheile für die eignen Sonderinteresien aufzufischen. Allen diesen Thatsachen und Anfechtungen gegenüber ist vor allen Dingen Eines nothwendig: feste und unerschütterliche Einigkeit aller derje­nigen Körperschaften und Parteien, die es sich zum Vorsatze gemacht haben, die deutsche Landwirthschaft vor dem Unter­fange zu bewahren. Wenn diese Einigkeit nicht gestört wird und alle, die es etwas angeht, nur halb so rührig sind, wie die freihändlerischen Gegner, dann wird auch der Erfolg nicht ausbleiben. Aber ohne Einigkeit kein Erfolg!

In einem Blatte, das häufig zu Kundgebungen Berliner Regierungsstellen benützt wird, ist in diesen Tagen auch Aufschluß gegeben worden über die Ent­wickelung der Zollfrage in Berlin. Danach ist an­fänglich ein Zolltarisentwurf ausgearbeitet worden, oder sollte ausgearbeitet werden, der ganz und gar auf dem Grundsätze der Doppeltarife ausgearbeitet war. Aber das Auswärtige Amt und das Reichs­schatzamt sträubten sich dagegen, und der Doppeltarif .fiel als ganzes System. Man arbeitete einen Ent­wurf mit festen Sätzen aus und ließ nur Doppelsätze für die landwirthschaftlichen Erzeugniffe bestehen.

Die vielberühmte Berliner Bürgermeister- wahl hat zunächst mit einer recht kräftigen Nieder­lage der Freisinnigen geendet. Durchaus sollte der Fall benützt werden dazu, um aus diesem „Falle Äauffmann" einen Zwiespalt herauszudrechseln zwischen

Ein Muttersöhnchen.

Vor einig:» Jahren, so erzählte ei» Geistlicher -aus einer süddeunchm Stadl, wurde im hiesigen Gefängnisse der Raubmörder K. eine Zeit lang in Hast behalten. Die ganze Stadt sprach natür­lich von dem jagenslicken Verbrecher, und merk­würdigerweise waren Viele, die ihn bedauerten.

Da wurde ich eines Nachmittages gebeten, zur ^Frohnfeste" (so nannte man da» GZänaniß) zu kommen; ein Gefangener wünsche mich zu sprechen.

Nach einer Viertelstunde stand ich vor dem Gefangei enhause, und während ich den schweren Glockenzug in Bewegung setzte, ließ ich mein Auge über die fest vergitterten Fenster und die dicken Steinmauern gleiten; ein Gefühl der Wehmuth und Trauer überkam mich.

Doch da öffnete sich die schwere Thür; der oft so finster und hart dreinschauende Gefängniß- wärter grüßte freundlich uno geleitete mich in's Sprechzimmer.

„Hochwürden," sagte er, „einen solch' reu- müthlgen Sünder habe ich lange nicht beherbergt."

„Wen meint Ihr?" fragte ich.

«Nun, den jungen Maler, der Sie rufen ließ." «Jst's der Raubmörder, der neulich mit einem Genoffen zusammen der Wttthsftau in G. die Kehle durchschnitt und fie dan.r ausplünderte?"

„Ja, aber glauben Sie mir, an fetner Unthat war noch Jemano anders schuld als er."

Ich blickte den Sprecher zweifelnd und fragend an; doch dieser öffnete mit gewandtem Griffe die Thür des Sprechzimmers und entfernte sich raschen Schrittes.

Isrrlöa, Samstag,

dem Kaiser und dem Kanzler. Da ist denn endlich die oberoffiziöse ,Nordd. Allg. Ztg/ mit der ganz be­stimmten Erklärung auf dem Plane erschienen, daß Graf von Bülow die ganze Angelegenheit oder nur die Persönlichkeit des Stadtrathes Kauffmann über­haupt niemals dem Kaiser gegenüber berührt hat. Das Ende vom Liede wird sein, daß die Berliner Radikalen eben einen anoeren zweiten Bürger­meister aussuchen, der Aussicht auf Bestätigung hat.

Den ledigen Bischofssitz von Metz wird aller Voraussicht nach Abt Benzler von Maria- Laach besteigen. Nach übereinstimmenden Meldungen hat dieser Vorschlag der deutschen Regierung auch den Beifall der Kurie gefunden.

In Bayern ist ein neuer Katholischer Preßverein gegründet worden, der es sich zur Hauptaufgabe macht, die katholische Presse zu fördern dadu"ch, daß er dieselbe durch die That unterstützt. In den Satzungen dieses vortrefflichen Vereins, der überall in Deutschland Nachahmung verdient, werden als Zwecke angegeben Verbreitung der bestehenden katholischen Zeitungen und Zeitschriften, sowie der Litteratur im Allgemeinen—Unterstützungkatholischer Blätter auf jede wünschenSwerthe Weise — Beihilfe zur Gründung neuer ober zum Ausbau bestehender katholischer Blätter, wenn ein Bedürfniß dazu vor­handen ist. Der Mitgliederbeitrag soll jährlich 2 Mark betragen. In Oesterreich und in der Schweiz hat man bereits derlei Vereine, die äußerst segens­reich wirken; in Deutschland dagegen noch nicht.

Aus der Bankwelt ist ein neuer Skandal bekannt geworden. Aus Oberhausen ist der Vorstand der Aktiengesellschaft Gerhard Ferlinden verschwunden und hat eine Schuldenlast von acht Millionen Mark hinterlassen. Die vorhandenen Deckungen machen noch nicht die Hälfte dieser Summe aus, so daß wiederum viele vertrauensvolle Leute schweren Schaden erleiden werden.

Eine Ersatzwahl zum Reichstage im Wahlkreise Memel-Hey dekrug am äußersten Zipfel von Ostpreußen, dem angestammten Wahlkreise des alten Moltke, hat zu einer Stichwahl zwischen dem konser­vativen Litauer und dem Sozialdemokraten Braun geführt. Es ist leider nicht ausgeschlossen, daß der Sozialdemokrat durch die Hilfe der Freisinnigen Ein­zug in den Reichstag hält; aber immerhin fehlen dem konservativ-litauischen Kandidaten nur etwa 450 Stimmen an der absoluten Mehrheit, so daß aus dessen Sieg eher zu rechnen ist.

Die württembergische Abgeordneten­kammer ist noch immer fleißig. Jüngst hat die­selbe mit allen gegen sechs Stimmen einen Antrag der Sozialdemokraten abgelehnt, eine Vermögens­steuer einzuführen. Die Steuerentwürfe der Regie­rung wurden zur Vorberathung an die Steuer­kommission verwiesen.

Großes Aufsehen hat das Abschiedsgesuch erregt, das Herr von Put tkamer, der Staats­sekretär für Elsaß-Lothringen, eingereicht hat. Er ist noch durchaus rüstig und arbeitsfrisch, und des­wegen glaubt man nicht daran, daß nur die Vollen­dung des siebzigsten Lebensjahres der wahre Grund des Abschiedsgesuche- sei. Als Nachfolger wird Herr von Köller genannt, jetzt Oberpräfident der Pro­vinz Schleswig Holstein, einer von den „stramm" Nationalen.

Das Königreich Dänemark hat jetzt das neue Ministerium bekommen, das dem König zwar wenig willkommen ist, dennoch aber unvermeid­lich war. Die Mitglieder des neuen Kabinets ge­hören ohne Ausnahme der Linken an. Der Minister­präsident, der gleichzeitig Minister des Aeußern ist, heißt De nutz er. Zwei Redakteure gehören dem neuen Ministerium als Mitglieder an: Redakteur Hörup als Minister der öffentlichen Arbeiten, Redakteur Enevold Sörensen als Minister des Innern. Die Verhandlungen mit dem katholischen Grafen

Nach einigen Augenblicken hörte ich Schritte nahen, und gleich darauf trat der Gefangene ein.

Sein Anblick überraschte mich. Die einst so kräftige Gestalt war kraftlos und gebeugt, das Gesicht todtenbleich und eingefallen, die Augen rolhgeweint.

Ich bat ihn, sich zu setzen. Er that eS, fing aber in demselben Augenblicke heftig zu weinen an; dann, sich fassend, sagte er:

„Sie wissen, daß ich einen gräßlichen Mord begangen habe. Aber man hat mich auch dazu erzogen."

„Erzogen?" fragte ich gedehnt.

„Ja," antwortete er, „meine Mutter hat das getha»!"

Als ich ihn mit großen Augen starr anblickte, fuhr er fort: „Ich rede nicht irre, eS ist bittere Wahrheit, was ich sagte. Hören Sie mich an. Von Natur aus war ich, wie die meisten Kinder, eigensinnig und trotzig. Meine Mutter aber gab ihrem Söhnlein in allen Dingen gehorsam nach. Ich konnte kaum gehe», da verstand ich da^Be- fehlen schon vortrefflich. Trug mich die Mutter auf dem Arme, so verlangte ich zu gehen, stellte fie mich dann auf die kleinen Füße, so schrie ich wieder und verlangte, getragen zu werden. In einer Minute äußerte ich hundert Wünsche, und meiner thörichten Mutter waren alle meine Wünsche Befehle. Da- Bitten lernte ich nicht, und Dank wurde von mir auch nicht gefordert. Ich erinnere mich noch, wie ich eines Tages etwas zu effrn verlangte und dann all' die saftigen Birnen und Aepfel und all' die Leckerbissen, welche d.e be­sorgte Mutter mir in die Hände drückte, mit dem

den 27. Juli 1901.

von Holstein - Ledreborg wegen Uebemahme des Ministerpräsidiums oder wenigstens eines Ministeriums sind fruchtlos verlaufen.

Eine wichtige und versöhnliche Enffcheidnng ist für Fin land gefallen: Die russische Regierung beläßt dem Großfürstenthum Finland sein Heer als nationale finländische Truppe; die Finnen haben sich dagegen verstanden, dieses ihr Heereskontingent von 5000 auf 12 000 zu erhöhen. Hoffentlich ist damit die Periode der russischen Gewalt und Willkür­schaft in Finland abgeschlossen, und eS folgt nun ein neuer Zeitabschnitt friedlichen gegenseitigen Einver­ständnisses.

Die Kongo-Frage hat in der belgischen Kammer die erwünschte Regelung gefunden nach dem Vorschläge, der von der Regierung des Kongo- Staates ausgegangen und von der belgischen Regie­rung als eigener Entwurf übernommen worden war. Die Berathung hat nur zwei Tage in der Abgeord­netenkammer in Anspruch genommen. Die neue Sage läßt sich nun so kennzeichnen: Der Kongo- Swat bekommt seine volle Unabhängigkeit wieder und ist sogar selbständiger geworden, als er vor­her war. Für die spätere Zukunft behält indessen Belgien seine Anwartschaft auf den Kongo-Staat.

Generalrathswahlen haben inFrank- reich stattgesunden, ohne an die Zusammensetzung der Generalräthe etwas besonderes zu ändern: Die Republikaner behalten in der Mehrzahl der Fälle die Mehrheit in den Generalräthe», die etwa dasselbe sind, wie in Preußen die Provinziallandtage ober in Bayern die Landräthe. Da noch 85 Stichwahlen nöthig sind, hat man noch keinen vollkommenen Ueberblick über ben Ausfall dieser Wahlen, die durch ganz Frankreich immer an einem und demselben Tage abgehalten werden.

Die Budgetkommission der Abgeordnetenkammer hat wieder einmal die französische Botschaft beim Vatikan gestrichen. Dasselbe hat die­selbe Kommission schon mehrfach gethan. Das Plenum der Kammer hat bisher aber immer auf den Wunsch des Ministers des Aeußern den Posten wieder her gestellt.

In London tagt der Tuberkulös e- Kon­greß, den zuletzt Berlin in seinen Manern sah. Es handelt sich dabei, wie man weiß, um eine voll­kommen internationale Veranstaltung zur Bekämpfung dieses entsetzlichen Feindes der Menschheit. Diesmal hat Professor Robert Koch Mittheilung von einer äußerst wichtigen Entdeckung gemacht: Er hat ge­funden, daß die menschliche Tuberkulose vollkommen verschiebenist von derjenigen des Rindviehs, daß also jegliche Übertragung vom Rindvieh auf den Menschen ausgeschlossen ist. Das ist von höchster wirthschaftlicher Bedeutung, nament­lich für die Ernährung der Kinder mit Kuhmilch. Wenn Professor Robert Koch zur Erkenntniß der richtigen Thatsachen gelangt ist, kann man also ohne Sorge auch Milch von tuberkulösen Kühen und Fleisch von tuberkelkrankem Rindvieh genießen.

Ganz wüst sind erneute kirchenfeindliche Ausschreitungen in Spanien in der Stadt Z arag oza gewesen. Es besteht eigentlich gar kein Unterschied mehr zwischen diesen Unruhen und einer Revolution nach allen Regeln der Kunst. Diesmal richteten sie sich nicht mehr ausschließlich gegen Kirchen, Geistliche und Klöster; auch zahlreiche Zivilpersonen, die als gute Katholiken bekannt sind, wurden von der verhetzten Masse angegriffen. Heiß und blutig ist gekämpft worden mit Säbel und Revolver, und sicherlich haben diese Unruhen zahlreiche Todesfälle und schwere Verwundungen zur Folge ge­habt. Aber über die Zahl derselben hat man nichts erfahren. Augenscheinlich sind die Angaben darüber unterdrückt worden. Der Bischof hat angeordnet, daß vorläufig alle religiösen Zeremonien zu unter­bleiben haben.

trotzigen Rufe: „Nein, ich mag nicht!" in das Zimmer warf.

„Hat Sie aber darauf Ihre Mutter für solchen Eigensinn nicht bestraft?"

„Im Gegentheil. Da« Kind muß krank sein, hat sie gesagt und zum Arzte geschickt. Aber für meine Krankheit gab e« kein Heilmittel in der Apotheke."

„Griff denn Ihr Vater nicht in die Erziehung mit ein?"

„Der war Beamter und selten zu Hause. Ich war schon sechs Jahre alt, als er zum ersten Male in meiner Gegenwart über meinen Trotz­kopf klagte. Da fuhr ihn aber die Mutter an, er möge sich um feine Akten bekümmern, von der Kindererziehung verstehe er nicht«. Sie könne auf ihrem einzigen Sohne nicht herumschlagen, wie ein Kerkermeister auf seinen Sträflingen."

Die letzten Worte sprach der Gefangene mit zitternder Stimme; Thränen traten ihm in die Augen. Nach einer Pause fuhr er fort:

„Ich will mich kurz fassen. Die letzten Jahre lebten meine Eltern nicht glücklich. Der Friede fehlte, und der Friedensstörer war ich. Mein Vater wollte meinen Eigensinn brechen: man könne ja selbst einen wilden Stier bänmgen, hörte ich ihn oft sagen, so werde er doch auch seinen wilden Sohn noch bändigen. Aber die Mutter machte seine Anstrengungen zu nichte. Hatte mir der Vater durch eine empfindliche Strafe wirklich einmal Furcht eingejagt, dann tröstete mich nachher meine unsinnige Mutter durch Schmeichelworte und Geschenke, ja sie vergaß sich soweit, daß sie meinem Vater seine Strenge zum Vorwurf machte

_____________ 28. Jahrgang.

Präsident Krüger von Transvaal hat einen schweren Verlust erlitten: am 20 Juli ist seine Gattin, an der er mit inniger Liebe hing, in der Transvaal-Hauptstadt Prätoria im Alter von 67 Jahren gestorben. Wegen ihrer Kränklichkeit hatte Frau Krüger ihren Gatten nicht nach Europa be­gleitet.

Die wirthschastliche Lage der Arbeiter.

Inder gegenwärtigen Zeit hätten dieGewerbe- räche vor allen Dingen bemüht sein sollen, durch ihre Jahresberichte ein möglichst klares Bild der wirthschastliche» Lage der Fabrikarbeiter, der Berg­leute und Bauarbeiter herzustellen. Denn gerade der Wechsel vom industriellen Aufschwung zum Niedergang mußte unbedingt auch seinen Einfluß auf die Lage der Arbeiter ausüben; und es hätte diesmal die wichtigste Aufgabe der Gewerbe-Auf- fichtsbeamten bilden müssen, die Art und den Um­fang dieses Einflusses in übersichtlicher und leicht anschaulicher Weise zu kennzeichnen. Heutzutage fehlt es den meisten solcher Arbeite», die auS Re- gierungs-Aemtern und von Regierungs-Beamten ausgehen, nicht an Fleiß im Zusammentragen reichlichen oder auch überreichlichen Stoffes. Aber gewöhnlich hapert es mit der kritischen Sichtung dieses Stoffes und mit der anschaulichen und Über­sichtlichen Anordnung und Darstellungsweise der­selben, und dieser Mangel hastet auch den Jahres­berichten der preußischen Gewerbe-Inspektoren für daS Jahr 1900 an, die endlich jetzt, im Hoch­sommer 1901, erschienen sind. Zahlen, Zahlen und wieder Zahlen — aber nicht ein bischen schriftstellerisch gestaltendes Genie! Daß es im Jahre 1900 eine AufsichtS - Stelle mehr gegeben hat als im Jahre vorher, wußten wir doch längst; und ebenso ist es wahrhaftig nichts Neues mehr, daß eS in den Bezirken von Koblenz, Sigmarin­gen oder Hildesheim wenige Industrie • Arbeiter gibt, in den Bezirken von Düffeldorf oder Ber­lin-Charlottenburg dagegen sehr viele. Solche Binfenwahrheiten brauchen un8 die Berichte der Gewerberäthe nicht Jahr um Jahr von neuem in umständlicher Weise aufzutischen und mit un­geheuerem Zahlen - Material zu belegen. Deren Aufgabe sollte es vielmehr vor allen Dingen sein, dasjenige besonders hervorzuheben und zu kenn­zeichnen, was dem einen oder andern Berichts« Jahre als Eigenthümlichkeit zukommt.

Was aus den Berichten der preußischen Ge­werbe-Inspektoren für dar Jahr 1900 über die wirthschastliche Lage der Arbeiter herauSzulesen ist, bedeutet natürlich keine Besse­rung dieser Lage. Der Styebergang der In­dustrie mußte diese Lchtere beeinflussen, daS »ar unvermeidlich. Aber allem Anscheine nach hat die Krise nirgends etwas von dem gebracht, was man eine Noihlagr der Arbeiter nennen könnte. Wohl haben die Gesammtoerdienste des ganzen JahreS häufig abgenommen. Aber wo das ge­schah, war eS nicht die Folge gesunkener Löhne, sondern bedingt durch einen geringer» Umfang der Arbettsmenge bei gleichen Löhnen wie vor­her. Arn stärksten hat sich dieser Einnahme- Ausfall in der Eisenindustrie fühlbar gemacht. Nach de» vorliegenden Aufzeichnungen handelt eS sich um Verringerungen beS ganzen Jahres­

und ihn einen grausamen Menschen nannte. Die Folge war, daß de« Vater« Strafen mich noch mehr in meinem Trotze bestärkten. In Folge de« beständigen Lerger» fing mein Vater an zu kränkeln und starb im besten Mannesalter. Al« ich an seinem Sterbebette kniete, wurde ich aber doch furchtbar erschüttert und machte den heiligen Vor­satz, ein anderer Mensch zu werden. Da« war aber Spreu Jon Winde, die Trauer um den Ver­storbenen verflog und mit ihr die guten Vorsätze. Die Mutter ließ mir allen Willen, de« Vater« feste, derbe Hand machte sich nicht mehr fühlbar, und ich trieb e« toller al« je. Ich war fechSzehn Jahre alt. Auf der Schule, die ich bisher besucht hatte, machte ich mich bald unmöglich. Die Mutter stand natürlich ihrem lieben Söhnlein bei und schalt über Vorurtheile und Parteilichkeit von Seiten der Lehrer.

Ich kam zu einem Malermeister in die Lehre. Bei dem ersten Meister hielt ich er indeß nicht lange au«. Als er mir eine« Tage« einen Ver­weis ertheilte, warf ich ihm im selben Augenblicke den Farbenpinsel in« Gesicht und lief davon. Meine Mutter suchte einen anderen Meister für mich und nachher den dritten und vierten.

Ich war immer tiefer gesunken. Ich erkannte keine Autorität mehr an, keine menschliche und keine göttliche. Was mir gefiel, da« that ich. In der Gesellschaft mehrerer ganz verworfener Men­schen lag ich halbe Tage lang in Wirthshäusern. Trinken, Spielen und zur Abwechselung eine Schlägerei, da« waren die Freuden meine« Da­sein«. Arbeit war mir verhaßt; ich verdiente wenig, gebrauchte aber viel. Die Differenz zwischen