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te Seite. ** mit Unterhaltung- -Weikage „Jfluflrirte Sonntags-Zeitung" p,urega6< H*. 8 (%an»uick

Jutöa, Dienstag, den 2. Juli 1901.

Jtt 148.

Geschichte, Grundsätze und Ausgaben der Centrumspartei.

Rede des Landtags-Abgeordneten Veh. RegierungSrath Dr. Goebel in der Centrums-Versammlung zu Fulda am 30. Juni 1901.

M. H.I Nachdem unser verehrter Herr ReichS- lagrabgeordneterHerolz der schon seit 1889 auch Mitglied des Abgeordnetenhauses und dermalen neben Herrn Justizrath Dr. Porsch Stellver­treter des Vorsitzenden der Centrums-Fraktion ist, über das, was das Crntrum, besonders im deutschen Reichstage, seit den letzte« Wahlen erstrebt oder erreicht hat, eingehend und gründlich Bericht erstattet hat, kann ich — selbst wenn ich als junger Parlamentarier gegenüber einem Veteranen der Centrumspartei dazu den Muth chätk — seinen lichtvollen Ausführungen über aktuelle Fragen nichts von Belang hinzufügen. Vielleicht besorgt daS, sofern es wünschenswerth erscheinen sollte, sein Reichstags-Kollege Herr Rich. Müller. ,

Ich möchte mir daher für meine Ansprache einen andern Gegenstand wählen und einige Mit« theilungen allgemeiner Art über die Geschichte, die Grundsätze und die Aufgaben der Centrums-Fraktion machen. Einmal dürften diese Mittheilungen für die Mitglieder der Centrums­partei an sich von Jntereffe sein, sodann lasten sich daran recht nützliche Betrachtungen und Er­wägungen anschließen.

Die jetzige Centrums-Fraktion, meine Herren, sowohl im Reichstage wie im Landtage, als eine auf christlichem Boden stehende, aber nicht ein­seitig konfessionelle, sondern durchaus poli­tische Partee, rechnet ihr Dasein seit den Jahren 1870/71 und blickt also auf ein Alter von 30 Jahren zurück. Die sogen. „Katholische Fraktion" und das frühere Centrum des preußischen Landtages war nur ihre Vorläuferin.

Schon im November 1852 bildete sich näm­lich im preußischen Abgeordnetenhause unter Füh­rung der Brüder ReichenSperger die sogen. „Katholische Fraktion", die 63 Mitglieder zählte und von 1852—58 bestand.

Bei den Neuwahlen 1858 sodann wurden 57 Abgeordnete katholischer Richtung gewählt. Zu Beginn der neuen Session wurden von diesen Vorberathungen gepflogen, und man einigte sich da­hin, den Namen „Fraktion des Centrums" anzunehmen, die aber immerhin auch noch als „Katholische Fraktion" bezeichnet wurde. Diese bestand als solche bis zum Jahre 1867.

In den drei nächstfolgenden Jahren 1867 bis 1870 bildeten die katholischen Abgeordneten weder im preußischen Abgeordnetenhause noch im Reichstage des norddeutschen Bundes eine einheitliche, geschloffene Fraktion.

Nun kamen die welterschütternden Ereigniffe des Jahres 1870 und — gleichzeitig die ersten Vorboten des Kulturkampfes.

Da (tat angesichts der nahe bevorstehenden Wahlen am 28. Oktober 1870 zu Soest zu einer berathenden Versammlung eine größere Anzahl von Männern aus West­falen, von denen ich nur die Namen von Mallinckrodt, v. Schorlemer-Alst und Dr. Hülskamp hervorhkben will, zusammen und stellte ein Wahlprogramm auf, das

Zwei Winge.

Frei nach dem Englischen von A. M i ch o l a.

86 ------ (Nachdruck verboten.)

25, Kapitel.

Als die Thür sich hinter Albert Nugent und Rudolf geschloffen, trat Lord Norton auf seine Frau zu und blickte ernsthaft in das schöne,stolzeGestcht.

„Du brauchst mir nun keine Borwürfe zu machen," sagte sie. „Mein Gewiffen spricht laut genug. Ich weiß Alles, was Du sagen könntest. Strafe mich, wie Du willst, Lionel, ich verdiene es."

„Ich werde nichts derartiges thun," versetzte er milde. „Sassen wir die Vergangenheit ruhen, ich will vei suchen, mir Deine Liebe zu erringen."

Seine Güte entwaffnete sie, Thränen traten in ihre dunkeln Augen, wie ein Schluchzen kam es von den stolzen Lippen:

, O Lionel," sagte sie demüthig, „ich bin Deiner großen Liebe so unwerth. Wäre ich doch besser gewesen, hätte ich doch anders gehandelt! — Aber jetzt ist es zu spät!"

„Er ist nicht zu spät, Miriam. Wir sind beide jung, das Leben liegt noch vor uns — laß uns vernünftig fein und von neuem beginnen. Ich will mich begnügen, Deine Neigung zu besitzen, bis sie in ein tiefere« Gefühl übergeht."

Er sprach sehr sanft mit ihr, voll Nachsicht «nd Güte. Miriam war tief bewegt.

„Ich will mein Beste« thun, Lionel! Du bist der edelste der Männer, ich verdiene Deine Groß- much nicht."

sogenannte Soester Programm, welches in kurzen, knappen Sätzen die Zielpunkte der Centrumspolitik zusammenstellt, wie sie auch heute noch gelten.

Mehrere Monate vorher war schon, was nicht unerwähnt bleiben soll, in der .Köln. Volkszeitung' ein von Peter ReichenSperger verfaßter, dem Inhalte nach fast gleicher, aber viel ausführlicher gehaltener Wahlauf­ruf erschienen. —

Ich halte es für lohnend und nützlich, daß wir unS die kurzen Sätze deS von Dr. HülS- kamp, dem verdienten Redakteur des ,Sitterarischen Handweisers', abgefaßten Soester Pro- gram ms inS Gedächtnkß zurückrufen. Sie lauten wörtlich:

Mahkpr-gramm

Für Wahrheit, Recht unb Freiheit!

1. Erhaltung der verfassungsmäßig anerkannten Selbständigkeit und Rechte der Kirche. Abwehr jeden Angriffs auf die Unabhängigkeit der kirch­lichen Organe, auf die Entwickelung religiösen Lebend und die Entfaltung christlicher Liedes- thätigkeit.

2. Thatsächliche Durchführung der Parität der an­erkannten Religionsbekenntnisse.

3. Abweisung jeden Versuchs zur Entchristlichung der Ehe.

4. Konfessionelle Schulen.

5. Für das ganze deutsche Vaterland ein Bundes­staat, der tm Nothwendigen die Einheit schafft, in allem Uebrigen aber die Unabhängigkeü, freie Selbstbestimmung der Bundesländer, sowie deren verfassungsmäßige Rechte unangetastet läßt.

6. Dezentralisation der Verwaltung auf Grundlage der Selbständigkeit der politischen Korporationen in Gemeinde, Kreis und Provinz.

7. Möglichste Beschränkung der Staatsausgaben und damit der Steuern und Lasten, sowie deren gleich­mäßige und gerechte Bertheilung.

8. Ausgleichung der Jntereflen von Kapital und Grundbesitz, sowie von Kapital und Grundbesitz einerseits und der Arbeit andererseits, durch Er­haltung und Förderung eines kräftigen Mittel­standes in einem selbständigen Bürger- und Bauernstände.

9. Freiheit für alle den gesetzlichen Boden nicht verlassenden Bemühungen zur Lösung der sozialen Aufgaben. Gesetzliche Beseitigung solcher Üebel- stände, welche den Arbeiter mit moralischem oder körperlichem Ruin bedrohen.

Soest, den 28. Oktober 1870.

Meine Herren! DaS find im Wesentlichen die Grundsätze, welche die bald darauf in Folge einer Einladung der Herren Peter ReichenSperger, v. Savigny und von Kehler am 14. Dezember 1870 gegründete CentrumSfraktion des Abaeordneten- Hauses, sowie auch die ein Vierteljahr später bei Eröffnung des Reichstages am 21. März 1871 sich bildende CentrumSfraktion deS Reichs­tages zur Richtschnur nahm und bis auf den heutigen Tag festgehalten hat. —

Nur zu bald sollte es sich zeigen, wie richtig man die Züchen der Zeit erkannt halte und welchen Segen die neugegründete CrntrumS- Fraktion zu bringen berufen war.

Es brachen die Jahre des unseligen Kulturkampfes und der berüchtigten Mai­gesetzgebung über unser Vaterland herein, die auf eine völlige Knechtung und Knebelung der katholischen Kirche abzielte und den kirchen- politischen Grundsätzen des CentrumS schnur­stracks entgegengesetzt war.

Er neigte sich zu ihr herab und küßte die Thränen au« ihren Augen. „Die Herzogin wird sich unsere lange Abwesenheit nicht erklären können," sagte er, „ich will in den Ballsaal zurückkehren; in einigen Minuten kannst Du mir folgen."

Als Miriam sich allein sah, barg sie ihr Gesicht in beiden Händen und stöhnte laut. Sie durfte nicht meinen, denn sie mußte ja sogleich wieder in der glänzenden Gesellschaft erscheinen. Sie fühlte sich bis ins Innerste erschüttert, die Begegnung mit Rudolf hatte alte Schmerzen aufgewühlt. Sein hochherziges Verholten, seine Bereitwilligkeit, Schmach, Schande und Ein­kerkerung zu erdulden, um sie zu schonen, war nicht ohne tiefen Eindruck auf sie geblieben. Jetzt erst wurde sie sich klar bewußt, wie groß seine Liebe zu ihr gewesen sein mußte. Allein solchen Gedanken durfte sie nicht mehr nach­hängen. Es wäre ein schweres Unrecht gewesen gegen den Gatten, dem sie Treue gelobt, der ihr eben erst einen Beweis seiner unendlichen Güte und Hochherzigkeit gegeben hatte. Sie richtete sich auf, ordnete ihre Toilette, befestigte die Perlen wieder in ihrem dunkeln Haar und kehrte in ihrer vollen strahlenden Schönheit in den Ballsaal zurück. Hier suchte sie sogleich die Herzogin auf und sprach mit ihrem bezauberndsten Lächeln:

„Ich habe Euer Gnaden sehr um Ent­schuldigung zu bitten. Wir haben eine unver­antwortlich lange Zeit eines Ihrer Zimmer in Beschlag genommen; aber eine geschäftliche Angelegenheit, die sich nicht aufschieben ließ, röthigte uns dazu."

Und wenn die Kirche diesen gewaltigen Ansturm ihrer Feinde (des falschen Liberalismus) gegen ihren Bestand und hre Rechte überdauert hat, so verdankt sie dieses — nächst dem unsichtbaren Beistände heften, der Petrus die Verheißung gab: „Die Pforten derHölle sollen sienichtüber- wältigen" und nächst der Treue deS katho­lischen Klerus und deS katholischen Volkes — zum guten Theile dem Muthe, der Thatkraft und dem ewig denkwürdigen und bewunderns- werthen Eintreten der Männer deS Zentrums für die Rechte der katholischen Kirche und des katholischen VolkstheilS.

Unvergessen bleiben sür alle Zeiten die Ver­dienste und die parlamentarischen Ringkämpfe eines Mallinckrodt, der beiden ReichenSperger, eines Schorlemer-Alst und vor allem des unsterblichen Windt horst, um nur die hervor­ragendsten Namen zu nennen, add.

Wollte nun aber jemand aus diesem damals nothwendigen und die ganze Kraft in Anspruch nehmenden Eintreten des Centrums für die ver­brieften Rechte der Kirche — die Mai­gesetze haben freilich aus der preußischen Ver- faffungsurkunde die betreffenden Artikel 15, 16 und 18, welche der Kirche Selbständigkeit und freie Bewegung gewährleisteten, zu streichen sich nicht geschämt, und ihre Wiederherstellung ist noch immer nicht erreicht — wollte einer, sage ich, daraus die Folgerung ziehen, das Centrum sei eine einseitig konfessionelle, eine nur von kirchlichen Interessen geleitete Partei, so wäre das ein großer Jrrthum.

Nein, das Centrum verwehrt keinem christlich denkenden Manne einer anderen Konfession den Beitritt. Auch haben ja hervorragende evangelische Christen, wie die verstorbenen Herren Apell.- GerichtS-Prästdent v. Gerlach (f 1877) und G.-R.-R. Dr. Brüel (f 1896) zu den angesehen­sten Mitgliedern und Führern gehört. Und auch heute noch rechnet die CentrumS-Fraktion des Reichstags es sich zur Ehre an, 4 Evan­gelische als H o s p i t a n t e n in ihrer Mitte zu haben.

Das jetzige Centrum ist im Unterschiede von seinen Vorläufern der 50r und 60c Jahre eine p o - litische Fraktion, welche nicht nur zu allen konfessionellen Fragen, sondern auch zu allen politischen Fragen ohne Ausnahme, seien es verfassungspolitische oder kirch en politische, sozialpolitische oder wirthschaftspolitische, Stellung zu nehmen hat und Stellung nimmt.

Das Centrum war und ist ferner eine echte Volkspartei im christlichen Sinne und hat als solche stets Mitglieder aller Stände und Be- rufSarten umfaßt. Darum hat es auch die poli­tischen und wirthschastlichen Interessen aller Stände stets zum Gegenstände seiner Fürsorge gemacht. Und gerade dadurch hat e? sich als große einheitliche Partei behaupten können. In­dem es seine Grundsätze in einer den wohlver­standenen Interessen aller Stände entsprechen­den Weise — nicht aber im einseitigen Interesse eines einzelnen Standes, sei es der Landwtrth- schaft oder der Industrie oder deS Handels rc. — im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit zur Anwendung und zur Geltung brachte, hat eS seine jetzige Stellung und seinen großen Einfluß erlangt. —

Die Herzogin erwiderte ein paar höfliche Worte, und Miriam fuhr fort:

„Mein Onkel läßt sich tausendmal bei Euer Gnaden entschuldigen. Er bedauert unendlich, daß er sich nicht persönlich verabschieden konnte, allein er mußte plötzlich und unerwartet ab­reisen. Herr Blanche begleitete ihn und auch seine Enschuldigung soll ich überbringen."

Die Herzogin öffnete weit ihre schönen Augen. Was konnte dies bedeuten? Herr Nugent und der junge Künstler reisten zusammen ab — was mochten sie wohl so lange in dem eiasaylen Zimmer berathen haken? Sie blickte forschend in Miriam's Züge, aber diese ver- riechen nichts; sie halte ihre stolze Ruhe wieder gewonnen, keine Spur des kaum Überstandenen Sturmes war zurückgeblieben. Die Herzogin mußte vorläufig ihre Neugierde bezähmen, so schwer eS ihr auch ankommen wvll-e.

Auf der Heimfahrt vom Balle zeigte sich Lord Norton besonders liebevoll gegen seine junge Gattm. Mit keiner Silbe berührte er die schmerzliche Erfahrung, die der Abend ihm brachte, sondern erging sich in Muthmaßungen, wie daS Geheimniß jenes Ringes sich aufklären würde.

Drei Tage später sollte er die ersehnte Auf­klärung erhalten. Rudolf schrieb im Auftrage seines Vaters einen zweiten Brief an Lord Norton, in dem er dessen ganze Geschichte aus­führlich erzählte. Mit auftichtiger Freude empfing Lionel die überraschenden Nachrichten; er freute sich besonders, daß Albert Nugent nach einem langen, traurigen Leben noch glück-

28. Jahrgang.

Je mehr nun das Bedürfniß und die Strömung unserer Zeit zum Eingreifen in die volks- wirthschaftlicheuVerhSltnissedrängt.um den mittleren und kleinen Bürger- und Bauern­stand nicht erliegen zu laffen unter dem Druck deS immer mehr sich ausdehnenden Großkapi - liSmuS und der Großindustrie, umsomehr bedarf eS gesunder und fester Grundsätze, welche bei dieser Thätigkeit leitend sein müssen, wenn sie zum Guten und zum Helle der Gesell­schaft führen soll.

Diese Grundsätze findet daS Centrum i« der christlichen Glaubens- und Sittenlehre. Denn — um mit Papst Leo XIII. zu reden — „Gottes Gebot muß gelten in Staat und Kirche, in Handel und Wandel, in allen Zweigen des öffentlichen Lebens, auch auf dem wirth- schaftlichen Gebiete in feiner ganzen Aus- dehnung." . t ,

Von diesem christlichen Geiste find daher auch seine sozialen Reformbestrebungen ge­leitet, bei denen daS Centrum der Lage der­jenigen Volksklaffen eine besondere Fürsorge zu­wendet, welche sich in einer sozial ungünstigen und theilweise unhaltbaren Stellung be­finden.

DaS Centrum war und ist der vornehmste Träger der bisherige« Sozialpolitik zur Hebung der Lage der arbeitenden Klaffen, welche es zuerst — ich erinnere nur an Bischof Äetteler und Graf von Galen — in eckt christlichem Sinne verlangt und am nach­haltigsten gefördert hat.

In gleichem Geiste hat es fich auch der Nothlage der Landwirthschaft und der Schwierig­keiten des gewerblichen Mittelstandes mit ge­bührendem Eifer angenommen. Und in dem­selben Geiste wird es berufen fein, auch in die noch beoorsteh enden Kämpfe einzugreifen, ebenso wie eS den Kulturkampf durchgefochten hat gegen einen so gewaltigen Gegner wie den eisernen Kanzler, Fürsten Bismarck.

Meine Herren! Die CentrumSfraktion, so­wohl deS Reichstags wie des Landtags, darf mit Befriedigung auf ihre Vergangenheit zurückblicken.

Auch in der Gegenwart steht sie trotz un­ausgesetzter Angriffe von allen Seiten an Zahl ungeschwächt, an thatkräftiger politischer Wirk­samkeit unübertroffen und in wohlerworbenem Ansehen da.

Die Zahl der Mitglieder der Cen- trums-Fraktion im Abgeordnetenhause betrug nach den Wahlen von 1870 anfangs 48 Mitglieder; dazu kamen im Saufe der Legis­laturperiode noch 6 weitere — 54. Aber sie stieg schon im

Jahre 1873 auf 90 Mitglieder, 1879 „ 94 ieoK 07

und beträat feit 1898: " 99 "

Die Mitgliederzahl im Reichstage betrug nach den Wahlen von 1871 anfangs 63.

Sie stieg 1874 auf 91

1878 „ 94 1881 „ 100 erreichte 1890 die Ziffer 106 und beträgt feit 1898: 102 nebst 4 Hospitanten. ________

sich werden würde, und daß auch Rudolf, für den er stets eine so große Vorliebe hegte, so großes Glück gefunden hatte. Er war begierig, was Miriam zu all diesen Neuigkeiten sagen würde. t

Sie befand sich allein in ihrem Boudoir, einem reizenden kleinen Gemach, in das sie sich zurückzuziehen pflegte, wenn sie einmal das Be­dürfniß nach Einsamkeit und Ruhe fühlte. Bei Sionel’S Eintritt blickte sie fragend auf, und er nahm an ihrer Seite Platz.

„Ein Brief von Rudolf Blanche, Miriam," sagte er lebhaft: «Merkwürdige Nachrichten! DaS Geheimniß des Ringes ist endlich auf­geklärt !*

Miriam erbleichte und ein schmerzlicher Aus­druck trat in ihre Augen.

„Eigentlich hätte Herr Blanche an Dich schreiben sollen," fuhr Lionel fort, „denn Dich betrifft die Sache am nächsten. Ich will Dir den Brief vorlesen, Miriam."

Und er las Wort für Wort die Geschichte vor von Albert Nugeni's Jugendliebe und feiner Heirath — von dem Schiffbruche und feinen Folgen — von dem Ringe, der zur Entdeckung seiner Frau, seines Kindes führte.

„Es ist der reine Roman," rief Lord Nocton. „Ich kann mich von meinen Staunen noch gar nicht erholen. Daß Dein Onkel eine un­glückliche Liebe hatte, ahnte ich; aber wer hätte sich diese Verwickrlungen träumen laffen!"

Miriam verhielt sich noch immer schweigend, tausenderlei Gedanken schwirrten ihr durch den Sinn, sie fühlte sich verwirrt, fast betäubt. (F. f.)