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« 146.

28. Jahrgang.

IuLöcz, Freitag, den 28. Juni 1901.

Wochen-Wunöscharr.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 28. Juni.

Zwei Kaiserreden umfaßt der Zeitabschnitt, der uns heute beschäftigt: die eine wurde gehalten nach den Segelyachtwettfahrten auf der Unterelbe an 'Bord der Hamburger Dampfyacht Viktoria Luise, die andere in Kiel im Parke der Marine - Akademie bei der Enthüllung eines Denkmals sür den Großen Kur­fürsten. In beiden Reden findet sich der Gedanke ausgedrückt, daß Deutschlands Zukunft „auf dem Wasser liege"; in der Rede an Bord der Viktona Luise mit diesen Worten selbst, in der Kieler Rede mit der Umschreibung, daß die Verbindungen nach außen und der Nutzen des Handels und der Ausfuhr für uns die Hauptsache seien. Dieser Gedanke wurde gleich» zeitig ausgedrückt in der Unterschrift, mit der der Kaiser sein Bildniß versah, das er Herrn Ball in schenkte, dem Leiter der Hamburger Packetschifffahrts- gesellschast. Die Unterschrift lautet: »Dem weit blickenden, unermüdlichen Bahnbrecher für unfern deutschen Handel und unsere Ausfuhr." Herrn Ballin. der Jude ist, soll angeblich der Kaiser auch den Adel angeboten, Herr Ballin diesen aber abgelehnt haben. Daß der Kaiser Herrn Ballin auch habe zum preußischen Minister machen wollen, war ohne Zweifel nur thö- richtes Geschwätz. Man kann sich ohne Weiteres denken, daß in der deutschen Presse viel über die Aeußerungen des Monarchen geschrieben wurde. Einige Freihandelsblätter in ihrer unersättlichen und nichts weniger als bescheidenen Begehrlichkeit deuteten die kaiserlichen Worte als. eine Kundgebung sür die Grundsätze des Freihandels. Die überwiegende Mehr­zahl der Zeitungen wies darauf hin, daß — um die Worte der demokratischen .Berliner Volkszeitung' zu gebrauchen — der erste und wichtigste Beruf des deutschen Volkes der sei, daheim Zu stände der Wohlfahrt und des innerpolitischen Ge­deihens zu schaffen. Ganz besonders hervorzuheben ist aber eine Stelle in der Rede an Bord der Viktoria Luise, in der der Kaiser als seine und seines Hauses erste Aufgabe für jetzt und für alle Zukunft die Erhaltung des Friedens bezeichnete. In diesem Grundsätze ist er Eines mit der Gesammtheit des deutschen Volkes.

In eigenthümlichem Gegensätze zu diesen Friedens­kundgebungen des Kaisers tauchte auf einmal das Gerücht auf, es stehe eine neue Militär-Vor­lage bevor. Die 43 Regimenter, die jetzt nur zwei Bataillone haben, sollten angeblich auf drei Bataillone gebracht werden. Die Geschichte ist nicht wahr. Der gegenwärtige Kriegsminister kann eine solche Vorlage wenigstens nicht im Reichstage einbringen, ohne fich mit sich selbst in schroffen Widerspruch zu setzen. Denn erst im Jahre 1899 hat er sich rückhaltlos ftzr die Regimenter mit zwei Bataillonen als eine gute und dauernde Einrichtung ausgesprochen. Um so weniger wahr ist die wunderliche Erfindung linksliberaler Zeitungen, daß die schrecllichen Agrarier und Schutz, zöllner diese Geschichte von der neuen Heeresverfiär» kung erfunden und aufs Tapet gebracht hätten, um fich „oben" einzuschmeicheln. Wahrscheinlicher klingt dagegen die andere Lesart, daß die Reichsregierung im nächsten Parlamentswinter vom Reichstage die 7 006 Mann verlangen werde, die bei der Fest­stellung der Friedensstärke des Heeres durch das Gesetz vom 25. März 1899 gestrichen wurden. Bei der Begründung dieser Annahme beruft man sich auf den Umstand, daß damals gleichzeitig eine Entschließung vom Reichstage angenommen wurde, die die nach­trägliche Bewilligung dieser 7006 Mann unter be­stimmten Voraussetzungen in Aussicht stellte. Diese -bestimmten Voraussetzungen" find aber nicht erfüllt. Jene Entschließung sprach nämlich nur die Bereit­willigkeit de» Reichstages aus, in weitere Erwä- gungcn über die Bemeffung der Friedensstärke des Heeres einzutreten, wenn die Unmöglichkeit sich er­geben sollte, die zweijährige Dienstzeit bei der In­fanterie ausrecht zu erhalten. Es sieht also auch mit den 7006 Mann windig aus.

Der Entwurf des neuen Zolltarifs ist am letzten Samstag dem Bundesrathe endlich zuge­gangen. Der Bundesrath selbst wird sich aber zu- r ächst noch nicht mit dem Entwürfe beschäftigen Dieser geht vorher an die Regierungen der einzelnen Bundesstaaten, die fich vorher mit Sachverständigen noch einmal darüber berathen wollen. Das ist ihr gutes Recht. Dieses gute Recht hätte aber auch schon erheblich früher auSgeübt werden können. Sehr vor- fichtig muß man sein mit Aufnahme von ZeitungS- meldungen, die Aufschluß geben wollen über einzelne Zollsätze des neuen Tarif». Dieser steht unter dem Siegel des Amtsgeheimnisses und eine Erklärung der oberoffiziösen ,Nordd. Allg. Ztg.'wie» darauf hin, daß diese Mittheilungen nur auf „willkürlichen Kombina» tionen" beruhen könnten. Run, wir werden ja sehen I In den maßgebenden Kreisen der Landwirth- schaft besteht jedenfalls kräftiges Mißtrauen gegen das, was der neue Zolltarif bringen wird- Der Deutsche Landwirthschaftsr athhat in seiner jüngsten Versammlung in Nürnbei g eine Erklärung beschlossen, die mtt dem Satze anhebt:

„Nach bisher unwidersprochen gebliebenen Zeitungs- „meldungen sollen auf der kürzlich in Berlin ab- „gehaltenen Zollkonferenz die Vertreter deutscher „Staatsregierungen zu dem Entwurf des Zoll- „tarifgesetzes eine Stellung eingenommen haben, „durch welche die gejammte deutsche Landwirth-

„schaft sich in ihren Lebensinteressen aufs schwerste „bedroht fühlt . . . ."

Nach den übereinstimmenden Andeutungen in den Zeitungen soll nach der Meinung der Verbündeten Regierungen augenscheinlich von allen Doppel­tarifen abgesehen werden, auch für landwirth- schaftliche Erzeugnisse!

Die deutsche Rechtschreibungs-Konfe­renz, die kürzlich in Berlin stattgefunden hat, war zusammengesetzt aus Vertretern der deutschen Bundesstaaten und Oesterreichs. Nach den vor­liegenden Berichten ist in den Grundsätzen voll­kommene Einigkeit erzielt worden. So schreibt die amtliche ,Wiener Abendpost':

Die gemeinsam gefaßten Beschlüsse stehen mit der Wiener Enquete in wünschenswerthem Ein­klänge. Schon jetzt kann als sicher angenommen werden, daß die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung in der Schule zur Thatsache wird, und daß auch die wissenschaftliche und Tagesliteratur sowie die Behörden die Schreib­weise der Schule nicht weiter unbeachtet lassen werden.

Im Allgemeinen handelt es sich dabei um die soge­nannte Puttkamersche Rechtschreibung.

Von Interesse ist ein Bescheid, der von der Regierung an den Magistrat der Stadt Potsdam ergangen ist: Danach wird die Frage des Sch ächt- Verbotes voraussichtlich bald sür ganz Preußen einheitlich geregelt werden. Im Königreich Sachsen ist das Schächten bereits verboten.

Ein wunderlicher Kauz ist und bleibt Herr Gabriel Ugron, der Radaumacher der ungari­schen Unabhängigkeits-Partei. Herr Ugron und sein Freund Rimler, ehemals Schreiber in einem Wiener Ministerium, haben sich zusammen on Herrn Delcass« gewandt, dem französischen Minister des Aeußcrn, um mit diesem über die Loslösung Ungarns vom Dreibunde zu verhandeln. Herr Delcasss hat Herrn Ugron den Gefallen gethan, ihn zu empfangen; aber dazu, auf den tollen Magyaren wirklich herein­zufallen, war er doch zu „Helle". Politische Be­deutung hat die Sache natürlich nicht. Sogar die übrigen Mitglieder von Herrn UgronS Partei ver­wahren sich öffentlich gegen den Verdacht der Ge­sinnungsgemeinschaft mit ihm.

Am Balkan gibt es wieder einmal Unruhen, und zwar in dem Bezirk Novibazar, in dem türkischen Zipfel zwischen Montenegro und Serbien. Von Konstantinopel aus wird verficheck, es habe nichts weiter zu bedeuten; in Wien faßt man die Sache aber ganz anders auf, nämlich als eine offen­kundige Empörung gegen die türkische Herrschaft. Die Veranlassung liegt in der Ernennung eines unbeliebten Kaimakam. Aber die eigentlichen Ur­sachen liegen tiefer, nämlich in der allgemeinen Un­zufriedenheit der Serben mit der türkischen Ober­herrschaft und in ihren großserbischen Zukunftsträumen. Auch der serbische Gesandte in Konstantinopel hat Vorstellungen bei der Pforte gemacht.

DaS italienische Ministerium des Herrn Zan ardelli hat auch bei der Berathung des Etats des Ministeriums des Innern einen guten Parla­mentserfolg zu verzeichnen. Diesmal handelte es sich um Arbeiterfragen. Die Opposition der Rechten tadelte es, daß die Regierung nicht eingeschritten sei gegen die Ausstände ländlicher Arbeiter, deren Lage in Italien ja wirklich bedauernswerth ist. Der Minister des Innern, Herr Giolitti, und der Ministerpräsident Zanardelli vertheidigten die Haltung der Regierung. Namentlich Herr Zanardelli, der unstreitig ein bedeutender Redner ist, vertheidigte die Nothwendigbeit, die Arbeitsfreiheit zu schützen und das gute Recht der Arbeiter, und erzielte großen Beifall mit dem Au»rufe, sein Grundsatz sei immer gewesen: Königthum und Freiheit. Aber Gewaltthätigkeiten bei Lohnbewegungen will auch Herr Zanardelli mit aller Strenge unterdrücken. Er erzielte eine Mehkheit von 264 gegen 184 Stimmen für die Regierung.

Wenn es in Spanien auch vorübergehend für einige Wochen ruhig ist, so wird diese Ruhe alsbald wieder durch neue Ausbrüche der Volksleidenschaften unterbrochen. Namentlich die Kirchenfeinde sind am Werke mit allerhand gehässigen Kundgebungen in der Hauptstadt Madrid; und außerdem machen die unruhigen Köpfe in Barcelona dem liberalen Kabinet des Herrn Sagasta genau ebenso viel Unannehmlich­keiten, wie vorher dem konservativen Herrn Silvela. Die Wahlen der katalonischen Abgeordneten sind für ungiltig befunden worden, und somit werden die Un­ruhen in der katalonischen Hauptstadt Barcelona wohl bald von Neuem beginnen.

In der spanischen Provinz Galizien find be­deutende Gold lager entdeckt worden, nämlich im Bezirke von Lugo. Die Goldlager sollen, wenn es nicht Schwindel ist, so umfangreich sein wie diejenigen von Transvaal.

Mit 173 gegen 99 Stimmen hat nun auch der ranzösische Senat das sogenannte „Bereins- g e s e tz" angenommen, also da» Gesetz, das dem Staate die Macht gibt, jede kirchliche Genossenschaft, jeden geistlichen Orden, jede Kongregation auszu­lösen, wenn es ihm gefällt. Nur in dem einen Punkte hat man sich eines Besseren besonnen, daß man den nicht anerkannte« Orden wenigstens nicht ihr Vermögen rauben will. Jedweder Unterricht oll aber allen Mitgliedern einer nicht anerkannten Kongregation verboten sein, und das ist die Haupt- ache. Damit führt das radikal-sozialdemokratische Ministerium des Herrn Waldeck - Rousseau einen panptschlag gegen die christlichen Erziehungsgrund- ätze und gegen daS Ehristenthum.

Den Engländern geht es durchaus nicht gut in Süds frika. Die Burenhaufen bringen ihnen

lanzmüchig und nachfiLng zeigt-, kamen trotzdem nicht die geringsten Zwischenfalle und Ruhe­störungen vor.

Gelegentlich des Festtages des hl. AloystuS celebtirte der Kardinal Andreas Stein Huber om Grabe de» Heiligen in der hiesigen Ignatius« krrche und spendete den Studenten der Gregori­anischen Universität die hl. Kommunion. Der­selbe Kardinal ronbe vor einigen Tagen vom hl. Bater zum Mitgliede der Kardinals-Kom­mission zur Revision der Bücher der orientalischen Kirche ernannt.

Hier werden großartige Vorbereitungen zur sogenannten „Nationalpilgerfahrt" zum Grabe Humberts I. am 29. Juli, seinem Todes- tage, getroffen. DaS betreffende Crvtralkomitee, an deffe» Spitze der langjährige, ehemalige Generaladjutaut des Verstorbenen, McnquiS Pollav'cini, sowie die Bürgermeister von Rom und Tarin stehen, fetzt fich aus den Stadt- Häuptern sämmtlicher 77 Prooinzialhauptorte zusammen. — Für 1904, gelegentlich der Fertig- stellung der Simplonbahn, wird eine große Transportmittel- und Kunstausstellung in Mai­land geplant.

eine Schlappe nach der andern bei, namentlich im Kaplande. Bei Waterkloof hat der Buren­führer Kruitzinger ein ganzes englisches Regi­ment in zweistündigem Gefecht aufgerieben! In England aber wächst die Opposition gegen den Krieg, der erst ganz kürzlich wieder in einer Londoner Riesenversammlung als unsittlich verurthellt wurde. Da» war die rechte Sprache, der Aus­druck der Gesinnung der ganzen Welt, so weit sie nicht selbst befangen ist in englischen Eroberungs­gelüsten.

Römische Briese. XXII.

Hü Rom, 24. Juni 1901.

Die parlamentarische Schlacht der letzten Tage, in welcher eS sich um Sein oder Nicht­sein deS gegenwärtigen Ministeriums handelte, hat mit einem Siege der Zanardellischen Parteien geendet. Wohl noch selten wurde ein Parteisieg derart kommentirt, wie dieser. Die Regierungsblätter jubeln selbstverständlich über die Stimmenmehrheit, die Organe der Oppo» fition aber jubeln — ebenfalls. Sie drücken nämlich ihre Freude über das Bündniß des Ministeriums mit der radikal - republikanisch- sozialistischen äußersten Linken aus, ein Bünd­niß, welches sie für das unnatürlichste vo.i der Welt halten. Einige Blätter gehen so weit, dem Ministerpräfisenten eine Art von Stimmen» kauf vor der entscheidenden Abstimmung vor- zuwerfeu. Viele der Drputirten sollten mit dem Senatorentitel belohnt werden. soll fich allerdings in mehreren Fällen ereignet haben, daß einzelne Abgeordnete, welche noch kurze Zeit vorher sich als Gegner der ministeriellen Politik ausgaben, im entscheidenden Augenblicke ihre Stimme zu Gunsten der Regierung ab- gaben. Wie lange das Ministerium sich unter diesen Verhältuiffen noch halten wird, ist ganz unberechenbar, denn dies hängt einzig und allein von der Gnade und der Ungnade der anti­monarchistischen Parteien ab. Darin aber liegt gerade die große Gefahr für das Land und in allererster Linie für die Monarchie selbst. Die durchschnittliche Dauer eines italienischen Mi­nisteriums beträgt seit dem Regierungsantritt König Humbert I. etwas mehr als elf Monate. Diejenigen Kombinationen, an deren Spitze sogenannte hervorragende Politiker standen, hatten ein besonders kurzes Leben. Sollte die- auch mit den beiden großen Politikern Zanar» delli-Giolitti der Fall sein? Vieles scheint dafür zu sprechen. —

Am vorigen Dienstag wurde dem Könige anläßlich der Geburt der Prinzessin Jolanda Margherita ein großartiger Fackelzug dar» gebracht, an welchem sich über 1000 Personen brtheiligten. Die große Anzahl der im Zuge getragenen Sonnen, Sterne und Blumen, die allegorischen, erleuchteten Figuren machten einen imposanten Eindruck. Der König und seine portugiefischen und montenegrinischen Gäste er- schienen auf dem historischen Balkon de» Quirinals und wurden mtt großem Jubel be­grüßt. Die Huldigung verlief im grellen Gegensatz zu dem total verunglückten Kinderzug vom 15 d. Mts. auf daS Allerbeste. Am Sonn­abend wurde endlich das Riesen-Feuerwerk der sogenannten „Girandola" auf dem Monte Pincio abgebrannt. Vom königlichen Hofe wohnte Niemand diesem populären Schau­spiele bei. Das sehr zahlreich erschienene Publikum war sehr unzufrieden und offenbar bei schlechter Laune wegen der dreimaligen Verschiebung des Feuerwerkes. Aber auch der Regen schien einzelne Feuerwerkskörper verdorben zu haben, denn viele Nummern gelangen nur sehr mittel­mäßig. Durch herabfallende Raketenstanqen wur­den mehrere Personen verwundet und durch das Gedränge entstand theilweise viele Unordnung. Dies Alles veranlaßte das sehr ungeduldige Publikum, einen Höllenlärm zu machen, zu zischen und zu pfeifen. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftun­gen vor.

Vor einigen Tagen hatten wir hier das Schau­spiel einer Erinnerungs-Feier an die römische Republik, jene Episode auS der großarttgen Geschichte Roms, welche fich wie keine Weite durch ihre Kleinlichkeit und ihren Mißerfolg auSzeichnet und an welche unS noch der damals blühende auttkirchltche und antimonarchische Van- daliSmuS dieser vorübergehenden Republikaner erinnert. Auf dem Kapitol, am Palaste deS ehe­maligen Senators, wurde eine auf die Republik »rzügliche Marmortafel enthüllt und darauf zogen sie „Republikaner- und Sozialisten mit einem An- lange von — Anarchisten zum Denkmale Garibaldj's auf dem JanikuluS, wo die Marseillaise gespielt, Kränze niedergelegt und Reden gehakten wurden, in welchem die Monarchie und die Regierung scharf angegriffen wurden und Mazziui in den Ruhmes- limmel erhoben wurde. Ein Anarchist hielt die Schlußrede. Da die Polizei fich ausnahmsweise

Die „Voraussetzung" — zugleich ein Beitrag zum Kapitel von der Sommerreise.

Von Arthur Brückman».

------- (Nachdruck verboten.)

Da? Oberlandcsgericht Bamberg hatte fich kürzlich mit folgendem intereffanten Fall zu befassen: Frau A. vereinbarte und zahlte an B. als Entschädigung für Maaren, die ihr in B.'s Geschäft angestellt gewesener Schwieger- sohn C. dem B. entwendet hatte, 1200 Mark. Nun aber klagte fie' gegen B. auf Rückgabe de« Geldes mit der Begründung, daß fie die Ent« fchädigung nur in der Vor aussetzung gezahlt habe, daß ihr Schwiegersohn nach Leistung der­selben sofort auS der Haft entlaffen und zu einer kurzen, wenige Wochen betragenden Freiheitsstrafe verurthrilt werden würde, während er mit 10 Monaten Gefängniß unter Fortdauer der Hast bestraft worden sei.

DaS Gericht hat mit Recht Frau A.'S Klage als haltlo» abgewiesen. Was fich die eine oder andere Partei beim Vertragsschluß denkt, welche Hoffnungen und Wünsche fiemit ihm verknüpft, das ist seit jeher belanglos, völlig belanglos gewesen und muß so lange belanglos bleiben, bis fie fich dazu bequemt, fie aus­zusprechen und ihre stillen, verborgene» Gedanken zur Prüfung dem anderen Theile zu unterbreiten und fie so, wenn dieser auf fie ein» geht, zum Inhalt deS Rechtsgeschäfts, zu Be- standtheilen de» Vertrages zu machen.

Der Gesetzgeber kann sich nicht darauf ein- lösten, die Seheimniste des vielbeweglichen Mrnschenherzens zum Gegenstände unlöslicher Beweisthemata zu machen. DaS Vertragsrecht ist nicht das Gebiet der Ueberraschungen. Man hat mit Recht gesagt, es hieße die Verkehrs- ficherheit unterhöhlen, wenn man der auch noch so sehr begründeten und berechtigten Vraus- setzung zu rechtlicher Bedeutung verhülfe. Deshalb, will man, waS man stillschweigend voraus setzt, auch mit Rechtswirksamkeit be­kleiden, so mache man es durch Abrede zum Vertragsinhalt, zum Gegenstände seines Rechts­geschäfts !

So lautet auch die Mahnung, die jetzt zur Zeit, wo auf allen Berufsfeldern die Ferien oder die Tsae des U iaubS nahen, in denen da» große Reifen anhrdt, den Betheiligteu nicht ernst und oft genug zugerufen werden kann. Denn daS ist auch dir Zeit, in der fich die Voraussetzung auf die Reise macht und ihr tyrannisches Scepter zu schwingen beginnt; find doch diese wenigen herrlichen Tage die einzige Zeit des JahreS, in der der erholungsbedürftige Mensch vertrauensselig und sorgenlos sein will. Und doch, — der eine im Parodie- gelebte Augenblick wird nicht ausgewogen von der Un- summe von Verdruß und Aerger und oft von Kosten, die die Außerachtlaffung der obigen Mahnung im Gefolge haben kann und nur all­zuoft hat. Richt selten muß in diese Kosten­rechnung auch die ganze mühselig gewonnene Erholung eingestellt und ein gut Stück Gesund- heil ihr noch nachgerufen werden.

Ein paar Beispiele mögen dem Leser zur Richt­schnur und zur Veranschaulichung be» Gemeinten dienen.

Im Mittelpunkte der veränderten Lebenrge- wohnheiten steht ja natürlich der Mieihvertrag. Wer sich nicht glücklicher Besitzer einer „Villa om Genfer See" oder wo e» sonst schön ist, nennm kann, ist gezwungen, fich für die wenigen Woche» nder Monate bei fremden Leuten einzumiethen.