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Juköa, Mittwoch, den 29. Mai 1901.

von

und dem Der»

I X Mieder Ktwis üßer de» AreiS««d. Alljährlich, wenn die österreichische und ungarische Delegation tagen, ist die Rede von der Gtelluu Oesterreich-UngarnS im Dreibunde und nament lich von dem Berhältnisse ser habsburgischen Monarchie zum Deutschen Reiche. Daß es in Oesterreich und in Ungarn recht viele Menschen gibt, die dem Deutschthum nichts weniger als hold find, ist leider nur gar zu bekannt; und aus diesen heraus erstehen immer einige Redner, die mit mehr oder weniger Aufwand von Lungen« kraft gegen den Dreibund im ganzen losziehen.

I In Ungarn besorgt dieses Geschäft Herr G ab rie Ugron, der deswegen fälschlich von dru Katho« likenfeindrn der katholischen Partei in Ungarn । an die Rockschöße gehängt wird, obwohl er mi: dieser politisch nichts zu thun hat; in Oesterreich sind es vor allen Dingen die Jungtschechen und außerdem auch die Polen, die das Bedürfniß fühlen, ab und zu etwas Weniges auf den Drei­bund und im Besonder» auf das Bündniß zwi­schen Oesterrnch-Ungara und dem Deutschen Reiche zu schimpfen. Diesmal haben dieselben Herren dieselbe Musik gemacht. Aber die Tonar ist eine andere, als früher. Sogar die ärgsten Radaubrüder, die Jungtschechen von dem Schlage des Abgeordneten Kr amartsch, reden ganz fanf: vom Dreibunde und von dem Bündnisse mit ! Deutschland. Herr Kramartsch hat diesmal selbst i m dem Budgetausschuffe der österreichischen

Delegation die Erklärung abgegeben, daß seine Jangtschechen nichts gegen den Dreibund einzu- wendkn hätten und keine Feindschaft gegen das Deutsche Reich, sondern ein gutes Verhältniß zu demselben wünschten, weil dies eine Bürgschaft mehr für die Erhaltung des Friedens sei — eine Ausdrucksweise, die nicht unangenehm an Herrn Kramartsch und Genossen überrascht. Daß Minister Graf Goluchowskt darauf erwiderte, mit dem Dreibunde und mit dem BundeSver- hältnisse zu Deutschland sei alles in bester Ordnung, was namentlich der korrekten Haltung der deutschen Regierung zu danken sei, versteht sich ja eigentlich von selbst. Aber für uns Deutsche ist es immerhin nicht unangenehm, dergleichen fefizustellen, je häufiger, desto angenehmer.

+ Aer neue ZolktariftSntwurf erregt natürlich die LUißdegierde aller beseitigte« Kreise in hohem Maße. Namentlich die Frei­händler geben sich tte erdenklichste Müh?, auf Umwegen von den hauptsächlichsten Bestimmungen Kenntniß zu erlangen und wenden alle möglichen und unmöglichen Mittel an, zum Ziele zu ge­langen; aber bisher haben sich noch immer alle diese Bemühungen als fruchtlos erwiesen und die angebliche Entdeckung über wirkliche Tarifsätze als falsch herausgestellt. Sehr komisch wirkt es, wenn ein freihändlerisches Berliner Blatt da­durch auf die Regierung einzuwirken sucht, daß es immer und immer wieder schreibt: wahr­scheinlich sei der Tarifentwurf „so schlimm agrarisch", daß man das Licht der Oessentlichkeit scheue und deswegen den Tarifentwurf so ängst­lich geheim halte. Ob die Eifinder dieses Mittels glauben, daß die Regierung durch solche Mätzchen sich reizen und der Fuchs aus dem Bau sich locken lasse? Das würde recht harm­los sein — ober aber sehr keck, wenn man nämlich Andere für so thöricht hält, sich durch

L Eineinteressante Reichstagswahl.

In dem pommer'schen Wahlkreise Grim­men-Greifswald muß, wie bekannt und be­richtet, eine Ersatzwahl zum Reichstage stattfinden, da der bisherige Vertreter Graf v. ÄiSmarck-Bohlen in Folge eines Schlag­anfalles aus dem Leben geschieden ist. Graf v. Bismarck gehörte der konservativen Partei an. Man darf aber nicht glauben, daß der genannte Wahlkreis so etwas wie eine sichere Domäne der Konservativen sei. Der Wahlkreis ist im Reichstage vielmehr schon durch Angehörige sehr verschiedener Parteien vertreten gewesen: frei- konservative, nationalliberale, fortschrittliche und konservative Männer hat Greisswald-Grimmen abwechselnd nach dem Reichstage entsandt; und auch im Jahre 1898, bei der letzten Wahl, ist Graf v. BiSmarck-Bohlen nicht mit sehr großer Mehrheit Sieger geworden. Wie außerordentlich schwankend die Stimmenverhältnisse in dem Wahlkreise von jeher gewesen stad, ersieht man am allerbesten aus folgenden Zahlen: im Jahre 1877 erhielt der konservative Wahlbewerber nur 1433, der nationalliberale dagegen 6318 Stimmen; 10 Jahre später siegte im Gegensätze dazu der freikonservative Kandidat mit 10568 Stimmen über seinen deutschfreisinnigen Gegner, der nur 2679 Stimmen davontrug.

Bei der Wahl im Jahre 1898 vereinigte Graf v. Bismarck Bohlen 8376 Stimmen auf sich. Gegen ihn standen ein freisinniger Wahl­bewerber, der 4210 Stimmen erhielt, und ein Sozialdemokrat, auf den 2501 Stimmen ent­fielen. Diesmal ist eine Stichwahl nothwendig geworden; denn Landrath von Behr-BreifS- wuld, der Kandidat der konservativen Partei, hat bei der Hauptwahl 7419 Stimmen erhalten, Herr Goth ein von der fveifinnigen Vereinigung 6142 und ein Sozialdemokrat Namens Knappe aus Stettin 1828 Stimmen. Die Stichwahl findet bereits an diesem Mittwoch statt.

Bemerkenswerth ist zunächst der starke Rück- gang der sozialdemokratischen Summen. Die Sozial­demokratie erzielte im Jahre 1893 2870 Stimmen, 1898 schon weniger, nämlich 2501, und diesmal, wie bereits erwähnt, nur 1828 Stimmen. Daß der Stern der Sszialdemokratie im Sinken ist beweist schon der Rückgang ihrer Stimmenzahl von 1893 zu 1898. Diesmal Mözen noch beson­dere Umstände dazu gekommen sein, die vermin­dernd auf die sozialdemokratische Stimmenzahl einwirkten, nämlich die neue Freundschaft und Wk^^erschaft zwischen den Sozialdemokraten und Freisinnigen. So mancher Wähler mag sich gesagt haben, unter Kameraden sei eS ja ganz egal, wer von Beiden die Stimme erhalte, und so hat er diesmal dem Freisinnigen seine Stimme tm Gegensätze zu 1898 und vorher gegeben, wo er den Sozialdemokraten wählte. Augenscheinlich unrichtig ist deswegen die Behauptung freisinniger V.atter, daß diesmal der Aufmarsch der Parteien genau derselbe gewesen sei wie vor 3 Jahren, uwb daß dennoch der freisinnige Wahlbewerber so mele Stimmen mehr als damals erhalten habe. Außerdem haben die Freisinnigen diesmal eine S<wz besonders lebhafte Agitation entfaltet, die mel stärker namentlich in den Landgemeinden be- trieben worden ist als in früheren Jahren. Auch

die Wahlbetheiligung in den ländlichen Gemein­den ist diesmal stärker als im Jahre 1898 gewesen.

Der sogenannte Bauernverein „Nordost" hat diesmal ganz besondere Anstrengungen gemacht. Dieser „Bauernverein" arbeitet den bäuerlichen Interessen entgegen und hilft der Sache der inter­nationalen Händlerinteressen. Aus den Kreisen, die mit diesen letzteren verknüpft sind, fließen dem Verein reichliche Geldmittel zu; und wenn man natürlich Wahlen niemals nur mit Kassenscheinen und rühriger Agitation machen kann, so helfen doch diese beiden Wahltriebfedern regelmäßig ein gutes Stück weiter. Die Konservativen scheinen dagegen diesmal weniger rührig gewesen zu sein. Denn da übereinstimmend berichtet wird, daß die Freisinnigen durch ihre Agitation viele neue Mannen herangezogen haben, die Gesammtzahl der abgegebenen Stimmen aber nur etwa dreihundert mehr als i. I. 1898 beträgt, bleibt ja nur die eine Annahme übrig, daß die konservativen Wähler vielfach zu Hause geblieben sind und sich um ihre Aecker mehr gekümmert haben, als um die Wahl. Dafür-, daß es so ist, spricht auch der besonders Ausfall der Wahl in der Stadt Greifswald. In der Stadt ist die Wahlbetheiligung immer stärker, als auf dem Lande, bleibt sich auch bei allen Wahlen so ziemlich gleich; und in der Stadt Greifswald hat sich dementsprechend auch die Stimmenzahl der Konservativen seit 1898 gar nicht verändert. Den Unterschied von 43 Stimmen, der besteht, kann man nicht eine Aenderung nennen.

Möglicherweise nimmt also bei der Stichwahl die Stimmenzahl der konservativen Partei erheb­lich zu. Sollte das nicht der Fall fein, dann würde Herr Gothein aller Wahrscheinlichkeit nach als neuer Vertreter für Grimmen-Greifswald in den Reichstag einziehen. Aber wenn es so sein sollte, dann würde er nichtsdestoweniger ein recht thörichtes Beginnen fein, diesen einzelnen Wahl­ausfall in einem Wahlkreise, dessen Stimmenver­hältnisse von jeher stark von einer Wahl zur andern geschwankt haben, als ein Volksurtheil gegen die nationale Schutzzollpolitik anszupo^aunen. Eine ganz stattliche Reihe anderer Ersatzwahlen zum Reichstage in der neuern Zeit h -ben den klaren Beweis vom Gegentheil erbracht!

chien es ihm, als ob er Ellas Grab hinter sich affe. Ec war ein gebrochener Mann in den chönsten Jugendjahren; wie eine trostlose Oede ag das Leben vor ihm. Manche Menschen werden weich und mitleidsvoll unter dem Druck chwerer Leiden, nicht so war es bei Albert. Eine harte, unnatürliche Ruhe kam über ihn, all- sanfteren, wärmeren Gefühle waren in ihm erstorben, sein ganzer Charakter schien sich unter dem Einfluß seines Kummers verändert zu haben.

Er berichtete an Herrn Sorten von dem Inglück, das ihn betroffen, und bat, ihn feiner

riffen worden — allein und verlassen mußte er zurückbleiben.

Anstand

X London, 28. Mai. Vom Kiirgsschau- platze wird wieder von wechselndem Erfolge der kriegführenden Parteien berichtet. Aus Sand- riverport wird gemeldet, daß Oberrst Wilson das Kommando Beyers zwischen Nylstroom und dem Sandriver umzingelte. Der Versuch mißlang aber, da die in ben Rücken des FeindeS gesandten Truppen zu spät

Er blickte in die Wogen und sah sie lang­sam in die Tiefe hinunter gleiten, die ihre Phantasie so erregt hatte. Er blickte zum Himmel hinauf und sah sie verklärt in engel­hafter Schönheit zu ihm herunter lächeln. Er chloß die Augen und ihr bleiches, bittendes Antlitz, wie et es zuletzt gesehen, tauchte vor ihm auf, bis er, überwältigt von Schmerz Bitterkeit, nach Vergessen sich sehnte, nach Vergessen dessen, was er unwiederbringlich loten hatte.

Am zweiten Tage wurde das Boot .... einem französischen Säumer, der nach Bordeaux egelte, bemerkt. Die unglücklichen Paffa- siete wurden an Bob genommen, aber ehe das Schiff den Hasen erreichte, waten zwei Frauen und drei Kinder den Folgen der Stra­pazen und Entbehrungen erlegen.

Als Albert in Bordeaux das Schiff verließ.

„Ich machte dieses Floß, indem ich vier Stück- Holz aneinander befestigte, mein armer Kamerad mar schon halb tobt, als ich ihn aus dem Wisset zog, ick» gab mir alle Mühe, ihn am Leben zu erhalten, aber es war ver­gebens."

Plötzlich fielen des Steuermanns Augen auf $ IbertS todtenbleiches Gesicht.

„Herr Nugenl!" tief er, „Sie sind gerettet? wie kam es, daß Ihre Frau auf dem Wrack zurückölieb?"

„Sie muß sich verborgen haben," versetzte er dumpf, „ich glaubte, sie in dem Boot zu finden."

„Sie rief laut nach Ihnen," sagte Bill Franklyn, „ihre Stimme übertönte das Brausen des Sturmes, auch der Kapitän hörte es, seine [ letzten Worte galten ihr."

Der Urglückliche erwiderte nichts, nur ein lautes Stöbnen entrang fich feiner Brust.

Einen Tag und eine Nacht war das kleine Boot den Wogen und dem Winde preisgegeben. DaS Jammern der Kinder erstarb zu einem dumpfen Murmeln, der weinenden Frauen be­mächtigte sich eine stille Verzweiflung. In dumpfem Brütern saß Albert inmitten seiner LeidenSgenoffen. Mit der Gewißheit über Ellas Geschick war eine förmliche Erstarrung über ihn gekommen. Der Utbergang von dem höchsten Glück zu diesem succhtbaren Webe war zu plötz­lich gewesen. Er halte seine junge Gattin in das warme sonnige Spanien, in ein Hi im voll Liebe und Freude bringen wollen und nun war sie ihm durch die kalte Hand des Todes ent«

Zwei Mnge.

Frei nach dem Englischen von A. Michola.

------ (Nachdruck verboten.)

«Ella, Ella, ich bin hier in dem Boot bei Dir! Wo ist sie nur ?"

Einige der in dem Boot befindlichen Frauen standen auf und blickten dasselbe entlang.

„Meine Frau," tief er mit markerschüttern­der Stimme, „muß ohnmächtig geworden sein, ich weiß gew ß, daß sie hier ist!"

, „Frau Nngent!" brüllte ein Matrose mit «ncr Stimme, die das Heulen des Sturmes übertönte, „Frau Nugent, Ihr Gatte ist in dem -öoot!" Ni«mand antwortete, nichts regte sich und Albert rang oerzweifelungSvoll die Hande.

.Um Gottes Barmherzigkeit willen sucht «ach meiner Frau!" tief er, „sie muß hier Iein, ich sah, Wie fte hinunter gelassen wurde."

Frau Mervyn, welche Ella beffer gekannt hatte, als die Uebrigen, legte ihre Hand auf Alberts Arm.

„Ich habe Ihre Frau nicht gesehen," sagte Boot kam?« 8<ro sie in dieses große c "Ganz gewiß, wir standen nebeneinander, als das erste Boot abfubr."

«. „ L heiserer, zitternder Stimme erzählte ?ßme Alles, was zwischen ihm und üben^y^' ucb 5rau Mervyn fühlte sich

i ugt, daß Ella, statt in das Boot zu

«rscheknt täglich, m. Ausnahme der Som-und Feier­tage. Bierteljährl. A»,ug«prei«

ohueBringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aus­wärts 1M.S0 Pf.

DK «nspatli je Petit- zeile ober feeren Raum 15 Pfg.,Re­klamen die Petit­zeile 25 Pfg.; bei Wiederholungen wird entsprechend- Rabatt gewährt.

Derrtfches Zteich.

Berlin, den 28. Mai.

+ Iis KntHSKtMg des Ais«arlk-Pe«k «aks wird, wie bekannt, am 3 Juni stattfinden. Mehrfach besieht wohl die Annahme, daß der Kaiser bei dieser Gelegenheit eine Ansprache an die Festversammlung halten werde. Die Annahme liegt nahe, findet indessen keine Bestätigung in dem amtlich angekündigten Festprogramm. Danach wird der Kaiser empfangen vom Reichskanzler, vom Präsidenten des Reichstages und vom Denk-- mals-Komflee. Dann ertönt der Chorgesang der lausend Schulkinder, nachher Übergibt Abg. Dr. v. Levetzow das Denkmal mit einer Ansprache dem Reichskanzler. Der Reichskanzler erwidert und schließt mit einem Hoch auf ben Kaiser, wo­ran sich der Gesang „Heil Dir im Siegerkranz" schließen soll. Alsdann wird das Denkmal ent­hüllt und besichtigt, und die Festfeier hat ihr Ende erreicht.

gehen, sich verborgen gehalten hatte, um bis zum letzten Augenblicke bei ihrem Gatten zu sein. Aber dem unglücklichen Manne sagte sie kein Wort hiervon.

„Warten Sie doch bis der Tag anbricht," suchte sie ihn zu beruhigen, „in dieser ent- setzlichen Dunkelheit können Sie ja gar n.chts thun."

Albert mußte einsehen, daß sie Recht hatte, es blieb ihm nichts übrig, als zu warten.

Zwei Stunden vergingen, dann endlich! nahm der Sturm an Heftigkeit ab, seine Ge­walt schien gebrochen, die Wogen rollten ruhiger, ein schwache- Dämmerlicht zeigte sich am Himmel. Allmählich theilte sich das Ge- wö k und siegreich brach die Sonne hindurch.

Jetzt erhob sich Albert und durchschritt vor­sichtig die Reiher, der Frauen, er blickte in jrdeS Gesicht — das Ella'S war nicht barmtet!

In dumpfer Verzweifelung nahm er feinen Platz roiebtr ein. Da erscholl plötzlich die Stimme eines Mattosen: „Ein Floß! ES sind Menschen darauf! Wir müssen sie auf-1 nehmen !"

Mit großen Schwierigkeiten brachte man das Boot an den Floß heran. Zwei Männer befanden sich darauf, aber der eine als Leiche. Der Lebende war B.ll Franklyn, der erste Steuermann ter „Viktoria". Sie machten in dem Boote Platz für ihn und er erzählte von dem raschen Untergang des Schiffes.

„Und ist Niemand gerettet?* rief eine der Frauen athemlos.

„Niemand," war die Erwiderung.

28. Jahrgang.

derlei Mittelchen locken zu lassen. Erheblich be' bäuerlicher ist eine Falschmeldung, dir unmittel' bar vor dem Pfingstfeste verbreitet wurde, noch dazu, wie behauptet wirb, durch das offiziöse Berliner Drahtbureau. Danach sollte der neue Zoll­tarif 31 Tarifsätze enthalten, die nach dem Grund­sätze deS Doppeltarifs ausgearbeitet fein sollten; und natürlich begann sofort wieder daS laute Jammern über das Joch, das angeblich die Regierung von den Agrariern sich auferlegen laffe. Hoffentlich wird ja nun der Grundsatz des Doppeltarifs recht reichlich Anwendung finden, vor allen Dingen für die Zollbehandlung der landwirthschaftlichen Erzeugnisse; aber ein thatsächlicher Anhalt scheint auch für diese Mel­dung nicht vorzuliegen. Am ärgerltchsten aber wendet sich ganz neuerdinge eine halbamtlich- Feder gegen die Behauplung der frankfurter Zeitung', zwischen dem Reichsamte des Innern und dem Reichsfchatzamte tobe fortgesetzt eine lebhafte Fehde wegen der Ausarbeitung des Zolltarifs. Das wirb eine „drastische Probe" dafür genannt, „mit welcher Leichtfertigkeit seitens der anti-schutzzöllnerischen Kreise ver­fahren und Stimmung zu machen versucht, wird" — und nicht mit Unrecht wenn das Ganze auf Erfindung beruht. Die frankfurter Zeitung' aber nimmt demüthiz ihre falsche Meldung zurück, indem fte einige alberne Ausflüchte versucht, um ihren Rückzug zu decken.

V N"ttn, 28. Mai Der Reifet ist Sonntag in der Frühe aus Ostpreußen zurückgekehrt und auf Station Wildpark eingetroffen. Vormittags besuchte das Kaiserpaar den Gottesdienst in der Friedenskirche zu Potsdam. Gestern Vormittag wurde das Stiftungs­fest des Lehrinfanterie-Bataillons durch feierlichen Gottesdienst beim Reuen Palais, durch Speisung der Mannschaften bei den Kommuns und durch eine Früh­stückstafel beim Kaiserpaar im Muschelsaale des Neuen Palais in der üblichen Weise gefeiert. — Im Laufe des Vormittags meldete sich Minister Moeller und Staatssekretär Kraetke beim Kaiserpaare. — Der Kaiser unternahm heute Morgen 7 Uhr einen Spazier­ritt über Bornim, das Bornstedter Feld und Potsdam. Von 9 Uhr ab hörte der Kaiser die Vorträge des Chefs des Militärkabinets und des Chefs des Admiral- stabrs der Marine, empfing um lV/a Uhr den Inten­danten v. Hülfen-Wiesbaden und um 12 Uhr im Beisein des Staatssekretärs des Auswärtigen den neu­ernannten brasilianischen Gesandten Rio Braneo, der ihm zwei Schreiben des Präfidenten der Vereinigten Staaten von Brasilien überreichte über die Beglaubigung Rio Brancos und die Abberufung seines Vorgängers de Azevedo. — Der Reichskanzler wird morgen aus Bayern nach Berlin zurücklehren. — Auf Grund des Artikels 6 der Berfaffung sind von dem Kaiser der Staatsminister und Minister des Innern, Freiherr von Hammerstein, der Staatsminister und Minister für Handel und Gewerbe, Moeller, und der Staats­sekretär des Reichspostamts, Wirkliche Geheime Rath Kraetke zu Bevollmächtigten zum Bundesrath ernannt worden. — Der nächste deutsche Juristen tag soll, laut Beschluß der ständigen Deputation, im September 1902 in Berlin stattfinden.

fSr Jnieratt 3. Parzelle» in Snlda. mif Zlnferßaürmgs-Aekkage „Mußrirte Sonntags-Zeitung"