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FuIdnerMIeitung

28. Jahrgang.

JuLöcr, Samstag, den 23. Februar 1901

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der Arbeit gestört und Zusammenrottungen ver­anlaßt zu haben.

Bei den Kammersozialisten besteht die ernst­hafte Abficht, wegen dieser Vorgänge, bei denen die Regierung nichts weiter al- ihre einfache Pflicht gethan hat, in der Deputirtenkammer zu interpelliren. Und dann könnte ganz leicht wieder einmal das in Frankreich nicht mehr un­gewöhnliche Ereigniß eintreten, daß ein Mini­sterium zusammenkracht durch gemeinsames Wirken der äußersten Linken, des rechten Flügels der Republikaner und der Monarchisten und Sozialisten. Denn diese letztgenannten Gruppen würden sich natürlich niemals die Ge­legenheit entgehen lasten, ein Ministerium zu Falle zu bringen, daS ihnen so durchaus un­angenehm ist, wie dieses Kabinet des Herrn Waldeck-Rouffeau.

Dir ganze Sachlage steht also gegenwärtig auf sehr unsicherem Grunde; und man braucht nichts weniger als Prophet zu sein, um Vorahnungen zu bekommen von allerhand Ueberraschungen in der nächsten Zukunft Frank­reichs. Der Republik Frankreich kann man nur wünschen, daß das Kabinet Walbeck« Rousteau uächstdem vom politischen Schauplatze abtrete» und einem Ministerium Platz machen möge, das aus Republikanern ohne Zuziehung der Sozialdemokraten zusammengesetzt ist!

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weitert und dadurch würde der Allgemeinheit und auch dem Reichstag im besonderen ein großer Dienst geleistet werden.

Dann aber ist die Austastung lächerlich, daß die Gewährung von ReichstagS-Diäten hauptsäch­lich den Sozialdemokraten zu gute kommen würde. Die Sozialdemokratie gibt ja ihren Reichstags- Mitgliedern aus eigenen Parteimitteln Grldent- schädigungen; die Sozialdemokratie hat sich also für sich selbst das schon geschaffen, was für alle Mitglieder de? Reichstages ohne Ausnahme durch den G r ö b e r' schen Antrag angestrebt wird. Jetzt also ist die Sozialdemokratie im Voctheil im Ver­gleiche zu anderen Parteien, jetzt, nicht nachher. Nachher, nach der Bewilligung von Anwesenheits- Geldern an die Mitglieder des Reichstages, wer­den die Bedingungen erst gleich und für die An­gehörigen der andere» Parteien nicht ungünstiger sein, als für die Sozialdemokraten. Durch eine solche Bewilligung würde also die Lage der Dinge zu Gunsten der Mehrheit verschoben sein, welche nicht der Sozialdemokratie angehören, nicht um­gekehrt. Es ist eigentlich schwer zu fassen, wie Jemand hartnäckig gegen diese offenbare Wahr­heit sich verschließen kann. Ein solches Verhalten kann man nur auf bösen Willen zurücksühren, auf die Absicht, die Möglichkeit, Reichstags-Abgeord­neter zu werden, auf die reichen Leute zu be­schränken, die „sich das leisten können". Eine solche Austastung widerspricht aber unmittelbar dem Geiste der Verfastung; und es ist darum ein pharisäisches Beginnen jener Leute, die auS Gründen der Geldsack - Politik den Mitgliedern deS Reichstages eine Geldentschädigung nicht ge­währen wollen, sich mit hochtrabenden Worten für ihren Standpunkt auf den Wortlaut der Ver- faffung zu berufen.

Wenn man den Wortlaut der Verfastung in einem an sich nebensächlichen Punkte, der rein äußerlicher Art ist, so ändern will, daß nachher der ganze Geist der Verfassung bester ausgeprägt wird und zur Geltung kommt, als vorher, dann geht man doch nicht den Fundamenten der Ver­fassung zu Leibe, wie die stehende Redensart lautet, so»dern man verbeffert, man veredelt die Verfastung in einem Sinne, der in Wahrheit u»d Wirklichkeit gut und volksthümlich ist. Das starre Festhalten an Formen, die sich nicht be­währen, kann doch niemals die gesunde Ent­wickelung des VerfaffungSlebens fördern!

Roma» auS dem Wiener Leben.

Von L. v. Neideg,.

------ (Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

„Du bist ja Dein eige»er Herr, Eduard, und kannst thun, was Dir beliebt. Billigen werde ich aber diese Heirath »ie; sie ist unüberlegt. . . ist thöricht... ist ei» Unrecht gegen Dich selbst."

Die klugen Augen der Mutter sahen dem Sohne voll in das Gesicht, als sie mit unerbittlicher Deut- lichkeit die scharfe« Worte aussprach. Eie liebte eS, die Dinge beim rechten Namen zu nennen, die verschloffene alte DoktorSfrau. Und was sie ein­mal gesagt hatte, daS stand fest; aus den stren­gen wie aus Holz geschnitztev Zügen laS man das heraus. Eie hatten das Markige Dürer'scher Matronenköpfe; ebenso machte die einfache Klei­dung, die rauhen abgearbeitete» Hände sie zum Typus einer jener »ermöglichen, aber dabei an­spruchslosen Bürgersfrauen, wie frühere Gene­rationen sie häufig aufwiesen, wie di» unsere sie nur selten mehr kenut.

Dagegen konnte der ihr gegenüber fitzende Sohn füglich als der Vertreter deS überfeinerten 11. Jahrhunderts gelten. Nach neuester Mode gekleidet, mit tadellos gepflegten Händen, sorgfäl- lig frisirtem Haar und Bart, hätte man ihn eint» auffallend schönen Mann nennen müffen ohne den weichen, ja weibischen Zug um den Mund, der jn seiner Physiognomie wie ein Mißton wirkte.

Deutsches

Berlin, den 22. Februar.

+ Die ,Nordd. Allg. Zeitung' schreibt : Der König von Angkand gedenkt in den nächsten Tagen nach Deutschland zu reisen. Daß die Veranlaffung zu dieser Reise des britischen Herrschers in dem schwer leidenden Zustande seiner erlauchten Schwester, der Kaiserin Friedrich liegt, ist nur allzugewiß. Obgleich also der Be- such in Cronberg als Akt brüderlicher Pietät einen rein familiären Charakter trägt, habe« doch einzelne deutsche Blätter daraus ein poli­tisches Ereigniß zu machen versucht, um sich in giftigen Angriffe» zu ergehen, welche auch de« Kaiser auf das tiefste verletzen müffen. ES wird damit ein Grad von Gesinnungsroheit verrathen, der die schärfste Zurückweisung verdient.

X Ai- Aer«tßm»g de» MUttS* Ktats beschäftigte die Budgetkommission deS Reichs­tages am heutigen Freitag in zwei Sitzungen und wird die Kommission auch noch an diesem Samstag beschäftigen. Von allgemeinem Interesse ist eine von den CentrumS-Mitglieder» der Kommission gegebene Anregung, die mili- tärische Kriminalstatistik zu veröffentliche«. General von Dieb ahn gab die Auskunft, daß die Statistik für das laufende Jahr bereits vorbereitet sei und im April 1902 zum ersten Mal ausgestellt werden solle. Von den ge- forderte« einmaligen Ausgaben wurde die erste Rate für ein Dienstgebäude in Bruchsal gestrichen. Gestrichen wurde auch die For­derung, als erste Baurate 83000 Mark zu bewilligen für ein Dienstgebäude deS Be- kleidungsamtes für daS 11. Armeekorps in Kassel, dar im ganzen auf 630OOS Mark veranschlagt ist. Die Abgg. Müller-Fulda verwenden, als es hinauSzuwerfen für Firlefanz; auch muß man ja daran denken, für die Kinder zurückzulegen, die mehr Bedürfniffe Haden, als wir Alten, zugleich weniger Geschick, etwas zu erwerben." t

„Bin ich denn ein Müßiggänger und Tage- dieb?" erwiderte vorwurfsvoll der Sohn.

Doktor Buschmann, Mtnisterial-Eekretär, hatte einiges Recht, mit Stolz auf die hübsche Saniere zu blicken, die er zurückgelegt, und de» Vorwurf der Mutter für unbegründet zu erklären.

Das sah diese auch ein und blickte *Ü eine« Anflug mütterliche» Stolzes zum Sohne auf.

„Gott sei Dank, dar bist Du nicht. Bist i« strebsam und talentvoll, aber anders geartet als ich. Ich frage mich oft, wie eS kommt, daß Du mit Deiner einfachen Erziehung Bedürfniffe und Wünsche kennst, die unS in Masing fremd find? ES scheint, man athmet sie in der Hauptstadt mit der Luft ein, oder. . . . * Sie brach ab. „Vielleicht ist eS gerade Deine musikalische Begabung, die Dir zum Nnsrgeu geworden ist; sie Hut Dich in Kreise gebracht, in denen mau scheffelweise Geld auSgibt, und nur auf Genuß sinnt. Aber wie dem auch setz gotteSfürchch und rechtschaffen kann man überall bleiben, nicht wahr Eduard?" , , ,

Ja ja, Mutter," beschwichttgte der S-Hn.

„Sag aber selbst, ob ich nicht gut thue, für Euch zu sparen?" fuhr fie fort, aus ihren erst« Gedanken zurückkommend." Aon Euch vier Ge­schwistern ist der Doktor, der Polde, der einzige, der nie über Geldnoth klagt. Freue« solltest Du Dich also, daß Dein Vater und ich den ein»

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Ministerium zurückzukehren, und man bringt dieses Wort und die angeführte Deutung mit dem so­genannten Vereinsgesetze zusammen, deutlicher gesagt dem Gesetze zur Vernichtung der religiöse» Orden. Man vermuthet nämlich, daß Herr Waldeck-Rouffeau sich zwischen die zwei be­rühmten Stühle gesetzt hat und nun nicht weiß, wie er aus dieser unangenehmen Lage wieder aufkommen soll. Gr hat augenscheinlich dem Vertreter des apostolischen Stuhles gewiffe Ver- sicherungen gegeben. Da er aber je länger desto mehr abhängig wird von der äußersten Linken und diese letztere sich durchaus in den Kopf ge­setzt hat, das sogenannte Vereinsgesetz in seiner ganzen, ursprünglich beabsichtigten Härte durch- zuführen, so weiß nun der Herr Ministerpräsident nicht, was er thun soll, um sich aus dieser be­klemmenden Lage zu befreien.

Das sogenannte Vereinsgesetz kann ohne ihn nicht gut in der Kammer berathen werden; und da ist nun Herr Waldeck-Rouffeau augenscheinlich zu einer Zeit krank geworden, wo ihm die Krank­heit außerordentlich gut in seine politischen Pläne paßt. Wenn es ihm gelingt, noch einige Zeit krank zu sein, dann kann er es nämlich dahin bringen, daß die Entscheidung über das ganze „Vereinsgesetz" innerhalb dieses Jahres gar nicht mehr zu fallen braucht. Denn unter solchen Um­ständen ist eine Entscheidung in der Deputirten­kammer vor den Osterferien kaum noch zu er­warten, und wenn auch, dann frühestens un­mittelbar vor dem Beginne der Ferien. Dann aber muß sich erst der Senat mit der Sache be­schäftigen, und in dieser parlamentarischen Körper­schaft, die nicht von den vereinsgesetzwüthigen Radikalen und Sozialdemokraten beherrscht wird, kann es schwerlich viel Mühe kosten, die Sache so einzurichten, daß die Entscheidung aus allerhand geschäftlichen Gründen nicht mehr innerhalb dieser außerordentlichen Tagung herbeigeführt werden kann. Dann würde die Abstimmung bi» an da» Ende dieses Jahres verschoben werden, und da« Gesetz selbst würde vor dem Frühjahr de» nächsten Jahre« nicht in Kraft trete« können. Was kann bis dahin noch alle« sich ereignen! Außerdem müffen bei gewöhnlichem Verlaufe der Dinge im April 1902 Neuwahlen zur Deputirtenkammer stattfinden, und wie leicht könnte man es sich er­klären, daß Herr Waldeck-Rouffeau auf Ereignisse in der Zwischenzeit hofft, die ihn au« aller Ver- ein«gesetz-Verlegenheit befreien könnten I

Gleichzeitigerwachsen Herrn Waldeck-Rouffeau ernste Schwierigkeiten aus den unbesonnenen Umtrieben der Sozialdemokraten. Die frivol unternommenen Streiks wachse» so zahlreich wie die Pilze auS der Erde; und wenn mm der Regierung, um die nothwendige Ordnung aufrecht zu erhalten, nichts Anderes übrig bleibt, als den Straßenausschreitungen der Ausständigen die bewaffnete Macht entgegen­zusetzen, toben die sozialdemokratischen Führer und schreien über schnöde Gewalt. Daß aber auch das Ministerium, in dem „Genosse" Millerand Handelrminister ist, unter Umständen ganz kräftig zugreisen kann, beweist eine Mel­dung vom 20. Februar aus Chalons-sur- Saone, wonach fünf hervorragende Führer der Ausständigen von Montceau leS Mines unter der Anklage verhaftet wurden, die Freiheit von dem, was sich dort zuträgt. Frau Stephanie Kornegger, gewesene Operetten-Sängerin, Wittwe eine« Börsenmakler«, ist keine Frau für Dich . . Du solltest keine Wittwe heirathen, Eduard."

Der Sohn konnte sich de« Lachen« nicht er­wehren: „Sie find ja selbst Wittwe gewesen, Wittwe mit einem Sohn sogar, al« der Stief­vater Sie heirathete, Mutter."

E« gibt Wittmen und Wittwen," antwortete die alte Frau mit Selbstgefühl." Wenn Alle«, wa« man sich von Stephanie erzählt, richtig ist"; . . sie unterbrach sich. „Nimm Vernunft an, sag' selbst: paßt sie zu mir? Paßt fie in unsere Einfachheit?"

Der Sohn sah sich mißmuthig um in dem musterhaft sauberen, aber überaus einfachen Zimmer, in dem auf hart gepolstertem Stuhle, eine Flickarbeit auf dem Schooße, die Mutter vor ihm saß. Die abgenutzten Möbel, da« Spind mit seinem spießbürgerlichen Inhalt an befferem Gla« und Porzellangeschirr, die schmucklosen Wände, die keine andere Zierde aufwiesen, al» ein kunst­voll geschnitztes Kruzifix nebst den Bildern von Papst, Kaiser und Kaiserin — alles, was er sah, deutete auf den anspruchslosen Sinn der Bewohner. DaS «eficht deS verwöhnten Groß- städterS verfinsterte fich.

„Wie Eie es nur aushalten mögen, so gar nichts Hübsches um fich zu haben," bemerkte er münisch. „Sie find wohlhabend, der Vater

„Rede nicht so thöricht," schall die Mutter. „Meinst Du, man könne zngleich genießen und ersparen? ES gibt bessere Arten das Geld zu

«r Hinter den französischen Kulissen.

Herr Waldeck-Rousseau, der französtsche Ministerpräsident, war lange Zeit krank. Was ihm fehlte, hat man niemals recht erfahren können. Aber wenn nicht alle Anzeichen trügen, war es die Krankheit, die man bei uns in Deutschland Kanonenfieber zu nennen pflegt. Kürzlich hat den Herrn Ministerpräsidenten ein Mitglied der Deputirtenkammer besucht, der gleichzeitig Arzt ist; und dieser Hen hat in einem Pariser Blatte erzählt, wie er Herrn Waldeck- Rouffeau wohlgemuth im Lehnsessel am wärmen- den Kaminfeuer vorfand und nicht entfernt den Eindruck eines Kranke« machte. Wohl aber sprach die Gattin des leitenden französischen Ministers ein sehr interessantes Wort, daS Wort vom „Gehen wollen" — um nicht mehr in daS

Bei den Worten der Mutter war der Sohn zusammengezuckt — hatte sogar an eine scharfe Entgegnung gedacht. In Masing, dem weitab« gelegenen Orte, in de« Fra» Doktor Weingart« »er lebte, herrschte aber altväterliche Sitte wie altväterliche Einfachheit. Die Kinder wurden dort in Respekt von den Elter« erzogen; nie wagten sie dieselbe» zu dutzen — selten ihnen unbotmäßig zu begegnen. Selbst dieser 40jährige, in der Hauptstadt zum gereiften Manne gewordene Sohn steckte »och tief genug in den alten Anschauungen, um jetzt an sich zu halten.

„Mutter," wandte er begütigend ein, „wie mögen Sie mit Hirngespinnsten sich quälen! In meinen Jahren werde ich doch richtig urtheilen, überlegt handeln können! Es gibt auch nicht den Schatte» eines Grundes, weshalb ich Stephanie nicht heirathen sollte."

„Eines Grundes? Ich weiß Dir tausend Gründe dagegen. Daß sie viel zu anspruchsvoll ist, bleibt von Allem, was ich an ihr auSzusetzen habe, noch daS geringste."

„Bitte, thun Sie doch nicht al« ob Stephanie eine Prinzessin wäre," warf der Sohn gereizt ein.

„Jedenfalls weiß ich, daß fie die Launen einer solchen annimmt. Sie taugt nicht zu einer tüch­tigen Bürgersfrau, die beten . . hßrsi Du wohl Eduard, . . beten und arbeiten soll."

„Nehmen Sie mir’« nicht Übel, Mutter, ehe Sie Stephanie nicht gesehen haben, können Sie kaum wissen wozu sie taugt.

„Ohne sie zu kennen, höre ich doch mancherlei über fie und kann mir ein Urtheil bilden. Dieser oder jener kommt au« Wien hierher und erzählt

£ Nochmals die Reichstags-Diäten.

„In Reichstagskreisen ist man geneigt, anzu­nehmen, daß, wenn der Diäten- bezw. Anwesen« Heitsgelder-Antrag im Reichstage wiederum zur Annahme gelangt, der Bundesrath an stimm bisherigen Non possumui-Standpunkte nicht stst- halten werde" — so versichert die .National- liberale Korrespondenz'. Die völlige Abwesen­heit, durch die der BundeSrath am Mittwoch bei der B-rathung des Gröber'schrn Antrages auf Gewährung von Diäten glänzte, spricht eigent- lich nicht dafür, daß beim Bundesrathe in der Beurtheilung dieser Frage e:nr Sinnesänderung eingetreten sein sollte, und die V-rmuthungrn, die Herr Bebel am Mittwoch aussprach, daß namentlich die preußische Regierung das Hinder­niß sei für die Bewilligung der Diäten, mögen wohl das Richtige treffen. Denn im Bundes­rathe gab es schon vor Jahren eine starke Strömung zu Gunsten der Bewilligung, schon damals, als Graf Posadowsky noch Staats­sekretär des ReichSschatzamtrs und selbst gar nicht dem Plane abgeneigt war, Anwesenheitsgelder an die Mitglieder des Reichstages zu zahlen.

Ja einem Blatte, das häufig zu halbamt­lichen Kundgebungen benützt wird, in den ber­liner Neuesten Nachrichte»', wird indessen stets von n-uem und auch jetzt wieder bargelegt, daß die Bewilligung von Anwesenheitsgeldern den Zweck, dauernd ein beschlußfähiges Haus herbei- zuführen, gar nicht erfüllen würde. „Wo das Pflichtgefühl nicht vorhanden ist — schreibt das genannte Blatt — ist es vergeblich, sich des ZwanzigmarkstückeS als Einpeitschers zu bedienen. Der bei weitem größte Theil der ReichstagSmit- ?lieber bedarf, wie wir lwieberholt dargethan oben, dieser Anwesenheitsgelder in keiner Weiss . . ." Das ist aber eine ganz falsche, um nicht Si sagen, rohe Auffassung d;r Sachlage. Die ntragstrller denken doch nicht hauptsächlich daran, die gegenwärtigen Mitglieder bei Reichs­tages allein durch „das Zwanzigmarkstück" zur Theilnahme an den Sitzungen zu bewegen. Die Hauptsache liegt vielmehr in etwa« Anderem.

Im deutschen Volke gibt er unleugbar sehr viele Leute, die durch ihre SeisteSgaben und ihre Erfahrungen in ganz hervorragender Weise dazu befähigt sind, ein Reichstagsmandat aus­zuüben, denen diese Verwerthung ihrer Talente aber nur und ausschließlich dadurch verschlossen ist, daß ihre Vermögenslage ihnen nicht ge­stattet, die Hälfte des Jahres auS eigenen Mitteln in Berlin als Parlamentarier zu leben. Solchen Männern würde mit einem Schlage der Zutritt zum Reichstage erschlossen werden, wenn de» Mitgliedern der deutschen VolkSnrrtretung eine Entschädigung gewährt würde für ihre Auslagen während der Ausübung ihre! ReichS- tagsmandateS. Der Kreis derjenigen Leute, aus denen heraus Kandidaten zum Reichstage ge­nommen werden könnten, würde durch die Ge­währung von ReichStagSdiäten ganz erheblich er-

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