M 33.
Iuröa, Samstag, den 9. Februar 1901.
28. Jahrgang.
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Jtowrt« J. D«f3<lUf M mit Nutertzallungs -Anlage „Mustrirte Sonntags-Zeitung"
Deutsches Keich.
Berlin, den 8. Februar.
X Die vielfach stark bezweifelte Nachricht von der Verleihung des Schwarzen Adlerordens an Aord Aoöerts bestätigt sich. Zur Erklä? unc; bemerkt der,Berl. Lokal-Anz/, daß Roberts schon den höchsten voraus.gehenden Orden, den Rothen Adlerorden 1. Klasse, besitze, so daß also nur noch der Schwarze Adlerorden übrig gewesen sei, wenn er überhaupt noch einen Orden habe be- kommen sollen. Der Kaiser scheint eine ganz besonders Hobe Ansicht von Lord Roberts zu haben, die sich von der sonst überall herrschenden sehr erheblich unterscheidet. To soll er in seiner letzten Rrde beim Abschledsmahle gesagt haben, „er danke dem König für die Verleihung des Feldmarfchall- Ranges in der britischen Armee; diese Ehre ermögliche ihm, dieselbe Uniform zu tragen wie der Herzog Wellington und Lord Roberts, und dieses Kompliment werde von seiner Armee hoch gewürdigt werden". Ob in der deutschen Armee gerade Lord Roberts so hoch geschätzt wird, wie der Kaiser meint, möchten wir dahin gestellt sein lasten. So wenig günstig im Allgemeinen bei uns der Eindruck ist, den die Verleihung des hohen Ordens an Lord Roberts gemacht hat, so wird man doch auch dem ,Hamb. Korr/ zustimmen können, der, obwohl die Verleihung auch ihm nicht gefällt, bemerkt: „Wenn der Kaiser seine Ernennung zum britischen Feldmarschall zum Anlaß genommen hat, eine größere Anzahl von Auszeichnungen zu verleihen, so hat dabei der Oberkommandirende nicht wohl umgangen werden können. Sollte er aber überhaupt einen Orden erhalten, so konnte für einen Ritter des Hosenband-Ordens kein anderer Orden als der vom Schwarzen Adler in Betracht kommen." Die in weiteren Kreisen herrschende Besorgniß von der Freundschaft und Freundlichkeit Englands wird man indessen durch offiziöse Beruhigungs-Artikel so bald nicht beschwichtigen.
• Von amtlicher Seite find den,Berl. N. N' zufolge über eine besondere Frage mit England Verhandlungen angeknüpft worden. Der Bevölkerung des britischen Indien« ist es gestattet, nach gewissen Ländern auszuwandern. Zu diesen Gebieten gehört aber Deutsch Hflafri»a nicht. Jetzt soll nun die englische Regierung angegangen »erden, die Auswanderung nach dem deutschen Schutzgebiete zu gestatten. Bekanntlich war vor ferner Zeit schon da» Haupt einer muhammeda- nischen Sekte au« Bombay, Aga Khan, hier anwesend. Mit diesem ist ein Vertrag abgeschlossen worden über Zuführung indischer Ackerbauer nach Deutsch-Ostafrlka.
-V Die Arr»fSHr»»ssvrstkmmtt«se« z« -em Hemetsde»»Hr»echt»zesetze, die der Minister des Innern in einem Runderlaß vom 90. September v. IS. getroffen hatte, beschränkten bekanntlich die Nachprüfung der OrtSstaturen, durch welche statt deS Durchschnittsprinzips ein
anderer Wahlmodus eingesührt wird, auf die Erfüllung der formellen Vorfchrift einer Zweidrittelmehrheit. In verschiedenen Gemeinden des Westens, in denen die Nationalliberalen ihre Mehrheit benutzen, sich das ihnen vortheil- hafteste Wahlrecht auszusuchen, hat diese Vorschrift, die mit den Absichten des Gesetzgebers in Widerspruch steht, viel böses Blut gemacht. Heute nun äußert sich die Berliner Korrespondenz zu der Sache. Sie sucht darzuthun, daß der in den Aussührungsbestimmungen ausgestellte Grundsatz in Bezug auf die Genehmigung des Ortsstatuts der Entstehungsgeschichte des Gesetzes entspreche. Wir gehen hierauf nicht nochmals ein, da das halbamtliche Organ schließlich bemerkt: „Gleichwohl hat dis Ausführungsanweisung, welche die Aufgabe hatte, die normalen Fälle zu regeln, für A u s n a h m s f ä l l e eines Mißbrauchs der ortsstatutarischen Autonomie eine Remedur in der Instanz der Bestätigungsbehörden nicht ausschließen wollen. Vielmehr werden die SelbstverWaltungsbeschluß- behörderr in Fällen, in welchen durch das Ortsstatut dem sozialen Grundgedanken der Reform entg egengewirkt werden würde, dem Statute die Bestätigung zu versagen haben. Dem Vorstehenden entsprechend sind die Regierungspräsidenten—behufs weiterer Mittheilung an die Bezirksausschüsse — ver- ständigt worden." Damit ist diese Angelegenheit thatsächlich in befriedigender Wnse erledigt und das geschehen, was dem Geiste und der Absicht des Gesetzes entspricht. Für die Wähler, dis den sozialen Gedanken des Gemeindewahlgesetzes vertreten und dem Mittelstände einen angemessenen Einfluß auf die Gemeindever- waltung sichern wollen, wäre aber noch eine Lehre und Mahnung beizufügen. Die Beschlußbehörde», die das Ortsstatut zu prüfen und zu genehmigen haben (Bezirksausschuß, Provinzial- cath), gehen aus den Selbstverwaltungs- körperschasten hervor. Mögen nun auch die Wähler dafür sorgen, daß bei den Wahlen zu den Kreistagen u. s. w. Leute ewäbtt werden, die Herz und Jnterelie für den Mittelstand haben und fal?, sie in eine Beschlußbehörde hineindeflilltrt werden sollten, die Octsstatute ernstlich auf ih e soziale Wirkung hin prüfen.
h, Hetze« und für Hetreidezökke. E? ist, wie bekannt, eine große Agitation entfalte, worden, um dir Vertretungen aller möglichen Städte zu Kundgebungen gegen die Erhöhung der Ge- reidrzölle zu bewegen. Aber die Dmge gehen ;ar nicht so, wie die Herren Agitatoren eS wünschen: im Großherzogthum Baden allein haben Heidelberg, Freiburg, Mannheim, 5kon stanz, Baden- Baden, Lahr und andere Orte eine solche Kundgebung unmittelbar abgelehnt, und efcenjo hat die Stadtverordneten-Versammlung der Stadt Leipzig ich entschieden. Der Stadtrath von Lahr hat sich ogar ausdrücklich für eine Erhöhung der Getreide ölle ausgesprochen. Alle Anzeichen deuten darauf »tu, daß die Herren Manchestermänner und Frei- rändler in recht gedrückter Stimmung in den Reichstag einzirhrn werden, wenn es sich um die Brrathung der Zolltarif-Gesetze handeln wird.
+ Die KsrratKpWMissto« des preußische» AS«eord«e1e«Ha«fes hat sich heute (Freitag) konstituirt. Zum Vorsitzenden der Kommission ist wiederum, wie vorher bereits angekündigt wurde, der nationalliberale Abgeordnete von Eynern gewählt worden, zum stellvertretenden Vorsitzenden nicht, wie man vermuchets, ein Konservativer, sondern der Ab- geordnete Letocha vom Centrum. Voreitrae Leute von dem Schlage derjenigen, die andere Leute glauben machen wollen, sie könnte» das Gras wachsen hören, versichern wiederholt in einigen größeren Provinzblättern, die Annahme der Kanalvorlage sei gesichert, wenn die Regierung nur dis Lippe-Linie bewilligen wolle. Denn dann würde das Eentrum geschloffen für die Kanalvorlage stimmen — und das alles weiß man schon, bevor die Kommission auch nur eine einzige S'-tzung abaehalten hat! Daß die Aussichten der Vorlage durch eine Zu- stimmung der Regierung zu der Lippe-Linie erheblich verbessert werden würden, ist in diesem Blatte schon wiederholt betont worden. Das ist aber nichts Neues mehr, denn das geht ganz klar hervor aus den Ausführungen der Crn- trumsredr.er in öffentlicher Sitzung des Abgeordnetenhauses. Und etwas Weiteres ist darüber thatsächlich heute noch nicht zu sage». Wer über die Verhältnisse und Stimmungen Wirklich unterrichtet ist, weiß, daß es sich so verhält und von bestimmten Entschließungen des Centrums oder einer der konservativen Parteien noch gar nicht die Rede sein kann.
@ Der Ko«traktSr«ch ländlicher Ar- Keiler soll, wie bekannt, zum Gegenstände eine» besonderen Gesetzentwurfes auch innerhalb de« preußischen Staates gemacht werden, wie die» in mehreren anderen Bundesstaaten bereits geschehen ist. Der preußische Landwi rthschaftsminister hat nunmehr in der letzten Sitzung des Landes- Oekonomie Kollegium« mitgetheilt, daß der entsprechende Gesetzentwurf schon dem Staatü- ministerium zur Beschlußfassung vorliegt. Danach läßt sich erwarten, daß die Vorlage dem preußischen Landtage noch in dessen laufender Tagung zugehen werde.
* Aache« 8. gebt. Bei der heutigen Reichstagsersatzwahl wurde der Centrumskandi- dat Lehrer Sittard mit 5132 Stimmen gewählt. Der Freisinnige Ziegler hat 198, der Sozialist Eberle 1933 Stimmen erhalten.
Airs dem Reichstage.
44. Sitzun, vom 8. Februar.
Der Entwurf einer Schaum»rinsteu«r-S«- fetzrS wird eingesührt vom
SchatzsttretSr Frhr. ». tzchietman», der darauf hinweist, daß die Vorlage nichts Neue« bringe, sondern sich eng «n einen Beschluß des Hauses anschlteße, der noch nicht ein Jahr alt sei. Die Vorlage bringt zweierlei: erstens die Steuer, zweitens den DeklarationS- zwang. Man hat befürchtet, die deutsche Schauwwein- rrzeugung werde durch diese Steuer geschädigt werden; ich glaube aber, wegen der 60 oder 40 Pfennig Steuer wird keine Flasche weniger getrunken werden. — Der Staatssekretär empfiehlt dann noch die Bestimmungen über den Deklarationszwang und bittet um Annahme der Vorlage.
Abg. Speck (Str.) erklärt: DaS Eentrum hat bet Resolution des Hauses zugestimmt und wird nun auch der Vorlage zustimmen, trotz der Beschlüsse, die Wein- Händler-Versammlungen gegen die Steuer gefaßt habe». Wenn die Weinhändler dabei auf die Schädigung der kleinen Winzer Hinweisen, so ist darauf kein Gewicht zu legen; es ist nie viel davon zu halten, wenn Händler stch der Interessen der Produzenten annehmen. Wen» es den Händlern ernst wäre mit der Wahrung der Winzerinteressen, dann sollten sie sich zu allererst in die Kellerkontrolle fügen. Man hat das Gespenst einer allgemeinen Weinsteuer an die Wand gemalt. Aber wen» selbst dir Verbündeten Regierungen eine solche Steuer erführen wollten, so gehören dazu doch immer zwei: nämlich auch der Reichstag; und dieser will die Weinsteuer doch eben nicht. Nothwendig ist es, daß zu» Schutze der Verbraucher eine Berbotsbestimwung in das Gesetz hineinkomme, die die Verwendung anderer Stoffe als Wein, Kognak und Zucker bei der Schaumweinfabrikation untersagt. — DaS System der Steuer« marken wäre dem Redner lieber gewesen; auch ist er der Ansicht, daß die Zahlungsfristen eingeschränkt werden müssen.
Abg. Winlermeyet (freis. Bp.) spricht gegen di« Vorlage, von der er sagt, daß sie die kleinen Winzer schädigen würde — worauf
Abg. Dr. "Naasche (natl.) seinem Bedauern Ausdruck gibt über diese Haltung eines Mitgliedes der freifinnigen Bolkspartei, die doch gerade im Vorjahre eine Resolution für eine Schaumweinsteuer bis zu einer Mark beantragt hat. Herr Richter begründete damals dies« Resolution s» ausgezeichnet, daß man sie gar nicht besser begründen könne. Die Nationalliberalen werden jedenfalls für die Vorlage stimmen.
Abg. Schlegel erklärt sich im Namen der sozialdemokratischen Partei gegen die Vorlage.
Nach längerer Debatte wurde schließlich der Gesetz« entwurf zur Borberathung an eine Kommission verwiesen.
Es folgte sodann die erste Lesung des Wein- gesetzeS.
Der freis. Abg. Schmidt-Elberfeld erkennt an, daß das Verbot des KunpvereinS den Wünschen der In« tereffenten entspreche und daß der Deklarationszwang oll in nicht ausreiche. Aber die Bestimmungen über di« Kellerkontrolle gehen dem Redner zu weit.
Staatssekretär Hraf ^»sadowski vertheidigt dies» Bestimmungen, wegen deren man keinen Anlaß habe, eine W-infteuer zu befürchten. Man bedürfe durchaus einer scharfen Kontrolle, wenn man endlich einmal di« Weinfälscher vor den Richter stellen wolle.
Auch der natl. Abg. zrra»«e»hot» legt dar, wie nothwendig es sei, den Weinfätschungen endlich einmal energisch entgegenzutreten. Redner meint in diese« Sinne, die Vorlage fei eher einer Verschärfung bedürftig, als einer Abschwächung Ferner fordert er unter andere« im voraus starke Erhöhung des Zolles auf die zu« Verschnitt deutscher Weißweine dienenden italienische» Weine bei Erneuerung des Handelsvertrages mit Italien.
Abg. Aaumau« (6er.tr.) stimmt dem Verbot« deS Kunstweines rückhaltlos zu. Erlaubt dürfe nur der Zusatz von Zucker sein, sonst nichts. Auch er wünscht mtt dem Vorredner, daß dem betrügerische» Verschnitt der inländischen Weine mit ausländische» Rothweinen endlich einmal ein Ende gemacht werde» und womöglich schon v->r Ablauf der Handelsverträge auf dem Wege des Deklaratio»SzwangeS für diese Ber- schnittweine. Das Eentrum wird den entsprechende« Antrag in der Kommission stellen.
Nach 6 Mr Abends wird die Fortsetzung der Be- rathung auf Samstag 1 Uhr vertagt.
Aus dem Kandlage.
ASs«»rt>«etentzans. — 21. Sitzung vom 8. Februar.
Die Brrathung des Justizetats wird bei bent Titel „Minister" fortgesetzt. Bor dem Eintritte in die Tagesordnung theilt oer Präsident ein kaiserliche« Dankschreiben mit als Erwiderung auf die Glückwünsche des Hauses zu dem Geburtstage deS Kaisers.
Auf eine Anregung des Centrumsabg. Dr. gelt verspricht Justizminister SchSnstedt, er wolle auf die Abstellung der großen Schwierigkeiten Bedacht
Dermoch rmfwärts.
Roman von L. v. Neidegg.
28 ------ (Nachdruck verboten.)
„Wir müssen wohl," seufzte er, „leicht machen sie es »ns aber nicht. Vorläufig rede ich mit dem Vater noch nicht über unsere Heirath; er soll an kein Tauschgeschäft, an keine eigensüchtige Absicht von meiner Seite glauben. Auf diese Weise besiege ich seine Vorurtheilr gewiß am leichtesten. Er zeigt sich zugänglicher in mehr denn einer Beziehung, Linerl."
Sie schlug freudig die Hände zusammen und sah ihn verständnißinnig an: „Du glaubst?"
„Ich hoffe es. Aus manchen kleinen An- zeichrn schließe ich, daß dem so ist."
„Gott sei Dank. Sag' aber, wie findest Du Helene?" fragte Lina besorgt.
„Ich Kind, da sieht es ja schlimm aus. Ich muß versuche», im Stadtwald oder sonst wo eine Zusammenkunft mit ihr zu haben, da ich vorläufig meines edlen Schwagers Haus nicht betrete, der sie nicht zum Vater läßt."
„Aber das ist ja reine Tyrannei!" rief Lina empört.
„Sie hat sich freiwillig hineinbegeben; an Warnungen hat es nicht gefehlt."
„Sei nicht unbarmherzig, Karl. Wenn es jedem von uns nur nach Verdienst ginge, wie wenig Glück gäbe es auf der Welt! Sei Du nur recht gut zu ihr. Du glaubst nicht, wie vergrämt sie auSsieht; sie hat eis schweres Leden und niemand, dem sie ihr Leid klagen kann. . . Ich fürchte ... sie klagt er nicht einmal dem heben Gott."
„Auch das noch .... arme Helene! Ader auch ihr wollen wir helfen, ich habe guten Muth." Er sah sehr zuversichtlich aus, sein sanguinisches Temperament ließ ihn alle Schwierigkeiten seiner Lage leicht auffassen. „Alles wird sich zum besten wende». Unsere Eltern entwickeln sich mit der Zeit zu wahren Mustern von Sanftmuth und — selbst Rosa wird noch für ihre Selbstlofig- krit berühmt.«
„Bösewicht!" rief Lina und legte lachend die Hand auf seinen Mund.
Läuterungsprozrffe vollziehen sich nur langsam. Den alten Adam zog Armbruster daher keineswegs auf einen Ruck aus, es gab Augenblicke ieiug, in denen sein heftiges Naturell in alter lücksichtSlostgkert heroorbrach. Immerhin hatten Sorgen und Enttäuschungen eine wesentliche Ver- Änderung in seinem Charakter heroorgebracht. Sein maßloses Selbstdewußtsein war erschüttert. Allerdings hätte er in Worten nie eingestehen mögen, daß er sich im Unrecht befunden; durch seine Handlungen bewies er aber, daß er sich dessen bewußt geworden war. Was hinter ihm laß, durfte mit keiner Silbe berührt werden; selbst über seine Absichten für die Zukunft sprach er sich nicht klar aus, aber stillschweigend trat er seine Machtbefugnisse an Karl ab. Nominell blieb er der Herr, chatsachlich war der Sohn es geworden. Ohne Stürme und Meinungsverschiedenheiten ging eS nicht ab, doch betrafen sie zumeist nur Nebensächliches. Fast wollte es Karl scheinen, als suche der Vater bei geringfügigen Anlässen nur darum seine Macht zu konstattren, um, wo cs sich am Wichtiges handelte, desto eher nachgeben zu können.
Als eS gelungen war, etwas Ordnung zu
schaffen, drang Karl darauf, daß, ehe an Ge- schäftSerweiterung gedacht werde, alles verfügbare Geld verwendet werden müffe, Blankenhorn seine Darlehen zurückzuzahlen. Dann erst bekomme man freiere Hand ihm gegenüber, könne Helene eher einen Rückhalt bieten, dürfe uugescheut in ihrem Hause aus und eingehen. Der Grldpunkt, der immer von Wichtigkeit sei, falle bei jemand von Älankenhorns GrmüthSart doppelt schwer ins Gewicht; die nicht länger ganz von ihm abhängige Frau habe zweifellos mehr Rücksicht zu erwarten als die mittellose.
Der Vater stimmte dem Antrag rückhaltlos bei: „Die unglückselige Heirath!" seufzte er; „ich hätte sie nicht begünstigen solle»!"
Karl gab keine Antwort. Gedankenverloren, iuster vor stch hinsehend, saß Armbruster längere Zeit schweigend da. E; war einer jener Momente, in denen man das sanfte Flügelrauschen eines guten Engels zu vernehmen meint, der Itife jereiaschwevt und dem bedrängten Herzen ermunternde Worte zuflüstert — ein Moment, in dem eine bisher kaum geahnte Erkenntniß sich Bahn bricht.
„Es war ein schlechter Streich," sagte Armbruster endlich, sich den grauen Bart streichend, „ein schlechter Streich. Aber, Du darfst mir's glauben, Karl, ich habe um vieles nicht gewußt. Zch lebte so zurückgezogen, kümmerte mich wenig um da-, was um mich vorging, harte keine näheren Bekannt« und Freunde, die mich aufgeklärt härten ! Iber . ... auf den einen auten Rath hätte ich ören können und sollen. Es geschah mir recht.
ganz rech:, daß mir die Heirath keinen Vonheil ' -rächte."
„Wir müssen nur hoffen, daß Helene nicht
allzusehr durch dte Uule-tüff^rgSfünde gcschädiA worden ist," beme-kte Ka-l, der nicht vergessen tonnte, wie wenig seine Warnung beachtet worden war, mit einem Anflug seiner früheren Lehrhaftigkeit.
Aus dem Wort, das den Vater ehemals außer sich gebracht haben würde, hö te dieser j tzt, wo ine Lehren, die das Scheck al thm gegeben, ih» gedemüthigt in den Staub geworfen hatten, x»r die Bestätigung des Urteils heraus, das er tätlich über fich selber fällte; schweigend neigte er den Kopf.
Ein neuer Geist war in die Fabrik eingezogen.
XVI.
Es währte eine geraume Weile, ehe Karl die gewünschte Zusammenkunft mit seiner Schw-ster erreichen konnte. Die Schuld an der Verzögerung lag nicht an Blankenhorns tyrannischer Überwachung allein. Ohne sich R.cheu- schaft darüber geben zu wollen, empfand Helene eine gewisse Scheu vor diesem ersten Wiedersehen mit dem Bruder. Seine Gegenwart brachte ihr doppelt lebendig zum Bewußtsein, daß sie selbst es gewesen war, dis das eigene ;3eben zerstört Halle; fis weckte allzu lebhaft Erinnerungen auf, die h: starker Wille der Berg-ffenheit überliefert hatte und nicht wieder -n sich aufteben lassen wollte. Endlich siegte die Schwesternliebe. Sir überwand ihre Bedenken und traf mit dem Bruder im Stadtwald zu aNMM.
Als sie ihm dort ertzegertrat, eigenartig in ihrer dürreren Schönheit, blieb er erstaunt stehen und starrte sie bewundernd an. Ech als er sie genauer ins Auge faßte, fiel ihm auf, wie bläß