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Jutöa, Freitag, den 1. Februar 1901.
28. Jahrgang.
Zur Meisrhuug der KöniginAWKtoria.
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Heute findet die Beisetzung der Leiche der am 22. Januar in OSborne verstorbenen Königin Viktoria statt. Nach dem Programm für die Leichevfeierl'chkeiten verläßt der Trauezug 05= bornehouse Freitag Nachmittag Vk Uhr. Auf dem SBege zum Trinity Pier schreiten dem Sarge die Pf ifer des schottischen Regiments der Königin und Abteilungen der Land- und Seesoldaten voran. Hinter dem Sarge folgen Admiral Sey< ntour, König Eduard, der deutsche Kaiser, der Herzog von Connaught, Prinz Heinrich von Preußen, die Prinzen Arthur von Connaught und Karl von Dänemark, Prinz Ludwig von Battenberg. Königin Alexandra, die Herzoginnen von Dirk, von Sachsen-Koburg-Gotha und die übrigen Prwzesfinnen und Gefolge. Srymour wird den Sarg an Bord der „Alberta" begleiten. Der König und die Königin, der Kaiser und die übrigen Fürstlichkeiten folgen an Bord der „Viktoria und Albert" nach Gosport. Der Sarg der Königin trägt folgende lateinische Inschrift: „Die sterblichen U brrreste der erhabensten und ausgezeichnetsten Fürstin Viktoria, von Gottes Gnaden Königin der Briten, Bertheidigerin de« Glaubens, Kaiserin von Indien. Gestorben 22 Januar 1901 im 82. Lebensjahre und 64. Regierungsjahre."
Die Verstorbene hinterläßt eine so zahlreiche Nachkommenschaft, wie kein gekrönte« Haupt vorher. Die Königin hatte vier Söhne und fünf Töchter, von denen drei starben, sodaß heute noch sechs Kinder am Leben find, außerdem 31 Enkel und 36 Urenkel. Bei dieser Gelegenheit mag daran erinnert werden, daß Kaiser Wilhelm ihr erster Enkel war. Doch außer dieser zahlreichen direkten Nachkommenschaft hat Königin Viktoria auch noch eine viel zahlreichere Verwandtschaft durch Verheirathungen, ja man kann sagen, daß fie mit beinahe sämmtlichen regierenden Familien der Welt näher oder entfernter verwandt sei Am nächsten im Verwandtschaftsgrade steht das Hau« der Hohenzollern, nach ihm die Familie des Königs von Dänemark, dessen Tochter den damaligen Prinzen von Wale«, jetzt König Eduard VII, gcheirathet hat, und dessen Enkel, Prinz Karl von Dänemark, die dritte Tochter de« Prinzen von Wale«, Maud, zur Frau
hat. Durch nähere oder nahe Familienüande ist auch da« großherzogliche Hau« von Hessen an die englische Köiiigrfamilie geknüpft, und dadurch, daß die zweite Tochter des großherzoglichen Paare« an den Großfürsten Sergiu«, die dritte an den Prinzen Heinrich von Preußen verheirathet ist, sind wieder engere Bande mit den Familien Romanoff und Hohenzollern geschaffen. Durch Prinzessin Sophie, die älteste Schwester der Herzogin von Kent, der Mutter der Königin Viktoria, war die Königin von England mit zahlreichen Familien der hohen Aristokratie Oesterreichs und Ungarn« verschwägert; und durch andere Schwestern und Brüder der Herzogin von Kent auch mit dem Hause von Württemberg, dem König von Portugal und mehreren Seitenlinien de« Hause« Hohenzollern. Durch zahlreiche Vettern und Basen war die Königin mit den regierenden Familien von Spanien, Saorpen, Belgien, Bayern und Bulgarien, sowie mit den Königlichen Familien der Bourbons und Orleans verwandt und verschwä- chert, und mit Ausnahme des Königs von Serbien gibt e« wohl keine regierende oder nicht regierende Königliche Familie in Europa, die mit der Königin Viktoria nicht direkt oder indirekt verwandt gewesen wäre.
Der nahen Verwandtschaft mit dem deutschen Kaiserhause ist in unserem Bilde Ausdruck gegeben. Auf das Porträt der Königin von England folgen diejenigen des Königs Eduard VII. (bisher Prinz Albert Eduard von Wales) und seiner Schwester Viktoria, die bekanntlich Gemahlin de» Kaisers Friedrich war. Da« Porträt des Kaiser Friedrich, sowie da» der Gattin des Königs Eduard jetzigen Königin Alexandra geb. Prinzessin von Dänemark, befindet sich neben dem Porträt der Königin Viktoria.
In den drei untersten Medaillons des Bllde» find die Porträt« de« Herzog« von 3)orl, jetzigen Prinzen von Wale«, der also jetzt der Thronfolger ist, sodann dasjenige Kaiser Wilhelm«, al« de« Sohnes der Kaiserin Friedrich und Enkel« der Königin Viktoria, und in der Mitte da« Porträt de« jüngsten Mitgliedes der englischen König«- familte, der dereinst den Thron Großbritannien« einzunehmen berufen sein wird, der Prinz Eouard, der älteste Sohn des jetzigen Thronfolger«.
Wochen-Wrrnö schau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 1. Februar.
Die vergangene Woche stand unter hem Zeichen des Hinganges der Königin Viktoria von England. Die Weltmacht, welche England am Ende ihres Lebens repräsentirt, die mancherlei Verhältnisse und Beziehungen, in welchen die andern Mächte zu England stehen, die Betheiligung Englands in allen möglichen wichtigen Fragen der Weltpolitik und nicht zuletzt die allgemeine Theilnahme an diesem grandiosen Schauspiel, das ein kleines Heldenvolk in Süd- Afrika im Ringen mit der Uebermacht des stolzen Albion zeigt. Alles dies hat sich mit der Persönlichkeit, man könnte fast sagen Popularität der greisen Königin, die durch 63 Jahre ihrer Regierungszeit hin fast mit dem Begriffe des britischen Reiches verwachsen ist, vereinigt, um bei ihrem Tode die Augen der ganzen Welt nach O-borne und nach der englischen Metropole zu richten, wo nunmehr aus„ der Hand einer Frau das Szepter des vereinigten Königreiches wieder in die Hand eines Mannes, ihres selbst schon bejahrten Sohnes, des Prinzen Albert Eduard von Wa'es übergeht, der unter dem Namen Eduard VII. den englischen Thron bestiegen hat. Die Bedeutung, welche England als weltumspannende Macht errungen hat, spiegelt sich in dem Vorschläge eines englischen Blattes ab. Der König Eduard möge, den veränderten Verhältnissen entsprechend, den Titel eines Kaisers nicht nur von Indien, sondern des ganzen britischen Gesammtreiches annehmen. Es ist zwar sehr fraglich, ob die Engländer, die ihrem Charakter nach sonst sehr konservativ sind und diese konservative Gesinnung in Aeußerlichkeiien gerade stark betätigen, sich zu einer so bedeutsamen Aenderung entschließen werden, aber es ist sicher, daß der Vorschlag eines britischen Kaiserthums, das nicht nur die vereinigten Königreiche, sondern auch seine Kolonien umfassen wird, vollständig dem gegenwärtig in England herrschenden Zuge des Imperialismus entspricht, dessen Hauptbannerträger bekanntlich derselbe Chamberlain ist, der in Süd-Afrika die Fackel des Krieges angezündet hat. Das schmeichelt auch dem durch den ganzen imperialistischen Zug der neueren englischen Politik noch versteckten nationalen Hochgefühl der Briten, daß alle -lt jetzt nach London hinüberblickt, die Parlamente a .<r Kulturstaaten ihr Beileid bezeugen und alle S uveräne Vertreter zu den Feierlichkeiten entsandt ha en. Unter ihnen befindet sich zum ersten Male seit der Unterdrückung der Katholiken in England der Pai st, welcher Kardinal Vaughan, Erzbischof von Westmini-er zu seinem Vertreter ernannt hat. Hierin kommt die für die Katholiken Englands veränderte, das heißt sehr wesentlich verbesserte Sachlage zum Ausdruck. RachJahrhunderten des schwersten Druckes genießen £bie englischen Katholiken jetzt wieder eine Freiheit, wie kaum die Katholiken eines anderen europäischen Landes, ganz gewiß als diejenigen des deutschen Reiches.
Dieses selbst ist durch keinen geringeren als durch den Kaiser, der somit seinen Geburtstag diesmal in London feierte, selbst und durch den preußischen Kronprinzen vertreten, was freilich nicht sowohl aus Gründen der politischen Kourtoisie, als ans den verwandtschaftlichen Beziehungen entspringt. Es ist ja unverkennbar, daß unser Kaiser ein sehr stark ausgeprägtes Familiengesühl besitzt, ein Umstand, welcher in der letzten Zeit, insbesondere in den Tagen der europäischen Reise des Präsidenten Krüger dem deutschen Volke in einer mit dessen eigenen Empfindungen nicht gerade übereinstimmenden Weise zum Ausdruck gekommen ist. Man sank, der Kaiser habe es übel aufgenommen, daß die in Berlin versammelten Parlamente zum Zeichen ihrer Theilnahme nicht die auf die Todesnachricht folgenden Sitzungen aufgehoben hätten. Dieses Gerücht hat iudeß bisher keine Bestätigung gesunden und verdient unseres Erachtens auch keinen Glauben, da sowohl der Reichstag wie das preußische Abgeordnetenhaus durch den Mund ihrer Präsidenten ja in anderer Weise hinlänglich ihre Theilnahme an dem Verluste, den das englische Reich, bezw. die Familie des Kaisers, erlitten, Ausdruck gegeben haben.
Der Reichstag hat übrigens alle Veranlassung, seine Sitzungstage voll auszunützen. Endlos lange schleppt sich die Berathung des Etats des Reichsamts des Innern hin und man könnte fast meinen, die Sozialdemokraten wollten durch ihre unaufhörlichen Reden zum Fenster hinaus diesmal wirklich verhindern, daß das Gehalt des Staats« sekretärs, an welches sich alle diese Debatten anknüpfen, bewilligt wird. Doch Scherz bei Seite, soviel ist sicher, daß die Sozialdemokraten in diesem Jahre mehr noch als sonst dem Staatssekretär zusetzen und ihm das Leben sauer machen. Immer und immer wieder muß dafür die 12 000 Mk.-Affäre herhakten und außerdem greifen die Sozialdemokraten jedes ihnen mißliebige Wort, das der Vertreter irgend einer anderen Partei gesprochen, auf, um daran wieder eine neue lange Rede zu knüpfen. Wenn es so fortgeht werden in 14 Tagen wohl so ziemlich alle sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten einmal und theilweise «uch mehrmals eine Rede geredet haben. Ganz besonders haben fie es nächst dem Grafen Posadowsky bei ihren Agitationsreden auf das Centrum abgesehen, von dessen „Arbeiterfeindlichkeit" sie fabeln. In einer trefflichen Rede hat der Abgeordnete Hitze diesen Vorwurf rein sachlich entkräftet und insbesondere auch die tendenziöse Ausbeutung des Fuldaer Hirtenschreibens an die katholischen ArbeitervereinS- PräsideS auf ihren wahren Werth oder vielmehr Unwerth zurückgeführt.
Neben den sozialpolitischen find es auch bte landwirthschastlichen Fragen, welche den parlamenta
Die wichtigsten Agrarfragen, i.
Der Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Fulda-Gersfeld-Schlüchtern, Herr Gutsbesitzer C. Herold hat bekanntlich auf dem praktisch-sozialen Kursus deS Volksveremr für das katholische Deutschland zu Köln am 8. und 9. Oktober v. Js. zwei Vortrage über die Agrarfrage gehalten, dei der großen Bedeutung, die den landwtrthschaftltchen Ver- hältmfsen gerade jetzt zukommt, wo bie Erneue, runa der Handelsverträge vorbereitet wird, dürfte rS angemeffen erscheinen, wenigstens die wichtigsten Abschnitte aus diesen Vorträgen weiteren Kreisen bekannt zu geben. Da diese Ausführungen aus der Feder eines anerkannt tüchtigen und praktischen LandwirtheS kommen, verdienen fie allgemeine Beachtung für die Bewohner der Kreise Fulda, Gersfeld und Schlüchtern um so mehr, als dieser bewahrte praktische Landwirth unser Vertreter tm Reichstage ist.
1. Die Bedeutung der Laudwirthschaft.
Wenn bei allen umfangreichen sozialpolitischen Verhandlungen der Agrarfrage einiger Rau« gewährt wird, so hat daS gewiß seine vollkommene Berechtigung angefichts der Bedeutung, welch» die Laudwirthschaft in unserem Staats- und Wirchschaftsleben einnimmt, und zugleich der schwierigen Lage, in der dieselbe fich befindet.
rischen Verhandlungen ihren Stempel aufdrücken, und zwar gilt das nicht bloß für den Reichstag, sondern auch für den preußischen Landtag. Im Abgeordnetenhause ist der Antrag der Konservativen und des Centrums, welcher beim Abschluß der neuen Handelsverträge für die deutsche Landwirth- schast einen wesentlich gesteigerten Wollschutz verlangt mit überwältigender Mehrheit gegen nur 40 Stimmen, die von den den Freisinnigen und deren linken Flügel der Nationalliberalen abgegeben find, angenommen wurde. Wichtiger jedoch ist, daß dieser Antrag dem Reichskanzler und Ministerpräsidenten Graf Bülow Veranlassung gab, im Namen der preußischen Staatsregierung eine Erklärung abzugeben, welche besagt, daß die preußische Regierung im Bundesrath für einen der ungünstigen Sage der Laudwirthschaft entsprechend erhöhten Zollschutz für die landwirthschastlichen Produkte eintreten und auf eine möglichste Beschleunigung der Vorlage des neuen Zolltarifs bringen werde. Damit ist den letzten Hoffnungen der Freihändler, welche den Grafen Bülow als einen der Ihrigen gehalten, der Boden entzogen, der deutschen Laudwirthschaft aber die Sicherheit gegeben worden, daß ihre Interessen beim Abschluß der neuen Handelsverträge nicht zu kurz kommen werden. Die innere politische Sage ist dadurch mit einem Schlage geklärt, die Regierung hat eine feste Stellung eingenommen und kann nun nicht mehr zurück, der Freihandel ist heute schon besiegt, und wenn er auch den Versuch machen wollte, durch geräuschvolle Agitation eine andere Stimmung hervorzurufen, fo wird ihm das nicht gelingen, sollte selbst die Regierung noch einmal ins Wanken ge» rathen, so wird es nichts mehr nützen, denn bie Freunde der Laudwirthschaft haben eine so feste unb so starke Mehrheit, daß dagegen überhaupt nicht aufzukommen ist.
In Bayern hat sich die Erregung über de» Zwischenfall, der sich an den Namen des Prinzen Alfons knüpft, noch nicht gelegt, obwohl es neuer» dings scheint, als wenn der Prinzregent alle Anstrengungen mache, um die Sache zu einem versöhnlichen für den Prinze i Alfons jedenfalls nicht ungünstigen Ausgange zu bringen. Er hatte eine lange Unterredung mit dem letzteren und es heißt, Prinz Alfons sollte als Genugthuung auf einen anderen militärischen Posten berufen werden, der höher tst als die bis dahin eingenommene Stellung eine« Brigadekommandeurs, nämlich die Inspektion der Kavallerie. Pikant ist nun,, daß der- gegenwärtige Inhaber dieses letzteren Postens kein anderer ist, al« der Generalleutnant Freiherr von Könitz bet Sprößling einer noch nicht allzu lange geadelten, ehedem jüdischen Familie — dessen Kritik in Verbindung mit der ungeschickten Form, in der der kommandirenbe General PrinzArnuts dieselbe dem Prinzen Alfons erteilte, die Ursache zum Rücktritte des Prmze» Aston» war. Sollten sich diese Gerüchte bestätigen, van« wäre es klar, baß nicht nur Generalleutnant v. Könitz, sonbern auch Prinz Arnulf unmöglich geworden sei« würden. Die Stellung dieses Letztem ist ohnehin schon seit längerer Zeit etwas wackelig.
Im Auslande hat sich seit unserer letzten Rundschau, abgesehen von dem Thronwechsel tn Eng- land, nirgends eine bemerkenswerthe Aenderung ober Steuerung ergeben. Dies gilt insbesondere auch für Südafrika und China, roo bie 8t«ben8Der. Handlungen noch immer auf dem alten Necke stehen. Eine Nachricht, daß der britische Oberbefehlshaber Lord Ritdiener von den Buren gefangen genommen worden fei, hat keine Bestätigung gefunben — leider! Dafür ist der neue König von England in der Transvaal-Hauptstadt Pretoria als „Herr von und über Transvaal" ausgerufen worden. Aber damit wird es noch seine gute Welle haben. Die Meldung, Präsident Krüger se» schwer, wen» nicht sogar hoffnungslos krank, war nicht richtig. Der alte §err freut sich nun erst recht noch lange seines Lebens!