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“SSMÄSZTmit Anleryallungs-Bttkage „Issufirirte Somlags-Zeitung!'
jfä 16. Jutöa, Samstag, den 19. Januar 1901. 28. Jahrgang.
Wochen-Wunöschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 19. Januar.
Die Berliner Parlamente, sowohl der Reichstag als auch das preußische Abgeordnetenhaus, standen während der letzten Tage unter dem Zeichen der Etatsberathung, bei der nur wenig vom Etat selbst, desto mehr von allerhand anderen Dingen gesprochen wird. So bringt eS nicht nur der alte parlamentarische Brauch mit sich. Der Brauch hat auch eine gute innere Berechtigung: denn wenn die Volksvertreter der Regierung das Geld bewilligen sollen, das diese zum Regieren haben will, dann müssen sie auch mitreden dürfen über die Verwendung der Gelder im Allgemeinen und im Besonderen.
Im Reichstag handelte eS sich um die zweite Lesung derjenigen Etatstheile, die nicht erst der Budgetkommission zur Vorberathung überwiesen, sondern gleich im Plenum erledigt werden: um die Etats des Reichstages, des Reichskanzlers, des Reichsamtcs deS Innern- Namentlich dieser letztere Etat bietet stets Gelegenheit zu tagelangen Debatten, vor allen Dingen über die So zialreso rm und über alle die Fragen, die mit dieser im Zusammenhänge stehen. Diesmal aber brachten die Sozialdemokraten, deren Rede- bedürfniß mit jedem Jahre größer zu werden scheint, von neuem die längst abgethane 12 000 Mark-Sache zur Sprache und ergingen sich in so langen und so leidenschaftlichen Angriffen gegen da- Reichsamt des Innern und gegen deflen Leiter, den Staatssekretär Grafen Pesadowsky, wie man es selbst bei den Herren Genoffen nicht häufig zu beobachten Gelegenheit hat. Natürlich wird durch wilde Leidenschaftlichkeit die Sache, die man verficht, weder an sich, «och auch beffer begründet, und so mußten die Sozialdemokraten wieder einmal die Erfahrung machen, daß sie ganz allein stehen mit ihrer Kampfesweise. Auch die Redner der bürgerlichen Demokratie rückten gefliffentlich von ihnen ab. Aus den Auffchlüffen, die Staatssekretär Graf Posadowsky gab, ist zu entnehmen, daß die Novelle zur Krankenversicherung noch nicht eingebracht werden konnte, weil noch die Meinungsäußerungen einzelner Bundesstaaten fehlen. Eine gesetzliche Regelung der Kinderarbeit ist in der Vorbereitung: diese Angelegenheit kann nicht durch eine Verordnung, sondern muß durch ein Gesetz geregelt werden, weil die Rechte der Familien dabei mitsprechen. Eine Denkschrift über die Arbeit ver- heiratheter Frauen soll noch im Laufe dieser Tagung de« Reichstage zugehen. Im Namen des Centrums sprach Abg. Professor Hitze, der die vielen Fortschritte auf dem Gebiete der Sozialreform während der letzten Jahre hervorhob und ebenfalls zur Geduld mahnte. Namentlich die Schaffung eines Reichsarbeitsamtes bezeichnete Prof. Hitze als ganz besonders wichtig.
Vor dieser Etatsberatbung hat der Reichstag einstimmig einen von dem konservativen Abgeordneten Nißler eingebrachten Antrag angenommen, der eine beffere Versorgung der Krieg-invaliden anstrebt. In der Budgetkommission wird der Antrag feste Gestalt erhalten. Ein im Reichstage anwesender Regierungsvertreter hat zugeben müssen, daß 2788 invalide Krieger, die einen Rechtsanspruch auf Unterstützung haben, bis jetzt unbefriedigt geblieben sind. Da thut Hilfe, schleunige Hilfe dringend noth!
Die erste Lesung des Etats im preußischen Ab- geordnetcnhause hat von Neuem ergeben, daß die Finanzen des preußischen Staates im Augenblicke glänzend bestellt sind. Es fragt sich nur, ob das so
Sek verschiß.
Herr Sauer, der Chef und Besitzer einer großen Srrohhutfabnk, ging langsamen Schrittes durch die ArbettSräume. Sein ruhiger, etwas kühler Blick Überflog die Maschinen, dir Thätigeit der Arbeiter, hie md da blieb er stchrn, besah eine Form und richtete einige Worte an die Vorarbeiter, und dann trat er in den Saal, wo eine laut schwätzende Mädchenschaar Hüte staffirte, bei seinem Eintritte aber plötzlich verstummte. Nur einige ganz Küh-ie kicherten verstohlen weiter. Er sah auf, nicht gerade streng oder unfreundlich, aber etwas erstaunt, denn er war gewohnt, daß man sich in feiner Anwesenheit einigen Zwang auferlege. Die „Erste" fühlte sich verpflichtet, ihre Autorität zu zeigen. „Pst!" machte sie laut und scharf.
„Die Damen unterhalten sich natürlich vom Tanzen," sagte Herr Sauer gleichgiltig.
Die Schwätzerinnen duckten sich auf ihre Arbeit herunter.
„Man sieht eS einigen an, daß sie nicht aukgeschlafen haben; Ihnen auch, Fräulein Irene," wandte er sich an eine ganz vorne sitzende Blondine, auS deren blaffen Gesichte ein paar dunkle Augen nun scheu zum Chef auffahrn.
Das Mädchen enöthete und wurde gleich darauf todtenblaß. Aus den umränderten Augen quoll eine Thräne und fiel auf ein hochrotheS Seidenband, mit dem die geschickten feinen Hände eben einen Hut schmücken wollten.
bleiben wird. Aller Voraussicht nach wird eine Wendung zum Schlechter« nicht ausbleiben, so daß allermindestens die größte Vorsicht geboten ist bei der Behandlung aller Dinge, die viel Geld kosten, namentlich aber der Kanalvorlage, die im Ganzen genommen, einen Geldaufwand von fast 400000 Millionen Mark in Aussicht nimmt. Auch der vorsichtige Minister von Miquel mußte zugeben, daß man nicht genau Vorhersagen könne, was für ein Ende es nehmen würde mit der Ausführung aller dieser Wafferbaupläne. Das Eentrum, so führte Abg. Fritzen-Borken im preußischen Äbgeordnetenhausc auS, ist nicht erfreut dadurch, daß die Kanalvorlage gerade diesmal tm Landtage eingebracht wurde, vor jeglicher Hnrrah-Kanal-Stimmung also sehr weit entfernt. Aber das Centrum teilt» mit Ruhe und Sorgfalt prüfen und nach rein sachlichen Gesichtspunkten sein Urtheil abgeben. Auf keinen Fall wird das Centrum diese Vorlage mit anderen politischen Fragen verquicken, sondern ganz allein sür sich behandeln und beurtheilen. Eine ganz ähnliche Meinungsäußerung hat im Namen der konservativen Partei Abg. Graf Li mb ur g-Stirum abgegeben; doch fügte dieser gleich hinzu, daß vorläufig die Kon- servattven der neuen Kanalvorlage nicht günstiger gegenüberstehen als der alten, von der sie sich übrigens nur in unwesentlichen Punkten unterscheidet. Der masurische Kanal und die Kanalifirung von Mosel und Saar fehlen auch in der neue Vorlage.
Der zukünftige Zolltarif beschäftigt fortgesetzt alle Gemüther. Vorläufig weiß man aber noch gar nicht einmal, ob die entsprechenden Gesetzentwürfe noch im Laufe dieser Ta gung an den Reichstag gelangen werden oder nicht. Die Regierung will, tote versichert wird, zu ermöglichen suchen, daß es geschehe. Aber, das ist auch alles, was man bisher in irgendwie zuverlässiger Weise darüber erfahren hat. Daß eine Erhöhung der Getreidezölle durchaus noth- wendig ist, wenn die deutsche Landwirthschaft nicht zu Grunde gehen soll, wird von immer weiteren Kreisen anerkannt. Sogar der deutsche Handelstag hat mit einer winzigen Mehrheit von nur vier oder fünf Stimmen die Annahme einer Entschließung durchsetzen können, die gegen die Erhöhung der Zölle auf Lebensmittel gerichtet ist. Die freihändlerischen Zeitungen, denen das gute Geschäft einiger Händler über die allgemeine Volkswohlfahrt geht, meinten deswegen unwillig, es wäre besser gewesen, solche Resolutionen gar nicht zu beantragen. $e' seiner Antrittsrede im preußischen Abgeordnetenhcuje hat Reichskanzler und Ministerpräsivent Graf . ülow so entschieden sich ausgesprochen für die Notb':> ,-ndigkeit der Landwirthschaft zu helfen, daß der lo ervative Parteiredner, Graf Limburg-Stirum hinterher sagen konnte, man habe von der Regierung seit zehn Jahren nicht mehr so warm das Interesse für die Landwirthschaft betonen hören.
Besonders hervorgehoben zu werden verdient eine Erscheinung bei dem Leichenbegängnisse des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar. HerrLoubet, derPräsi- dent der französischen Republik, hat sich dabei durch einen besonder« Abgesandten vertreten lassen, eine Ehrenerweisung, die seit dem Kriege von 1870/71 niemals mehr vorgekommen war. Neben anderen Erscheinungen deutet man auch diese als ein Anzeichen für die Besserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, wie sie namentlich seit den Tagen der jüngsten Pariser Weltausstellung eingetreten sein soll.
In Frankreich selbst sieht eS dagegen gar nicht nach Frieden und Eintracht aus. Es wurde zwar während der letzten Tage versichert, das Ber- hältniß zwischen dem päpstlichen Nuntius und der Regierung der Repuplik scheine sich wieder ftiedlicher gestalten zu wollen in Folge von Zugeständnissen der Regierung. Aber die Sprache, die noch am letzten M! ......... —■
Sie verbarg es rasch — rote leicht konnte esS verdorben fein!
Der Chef achtete ihrer aber nicht mehr, ging weiter und verschwand endlich, worauf daS fröhliche Geplauder von vorne anging.
„Das ist doch wirklich unnöthig, daß Sie gleich zu flennen anfangen, wenn der Herr 'was sagt," bemerkte die „E ste" jetzt spöttisch. „Sie haben wirklich eis weiches Gemüth!"
Irene fuhr rasch mit der Hand über die Augen, nahm ihre Arbeit wieder auf und flüsterte: „Sie wiffen ganz gut, daß ich auf keinen Ball geh' — auch noch nicht war — und wahrscheinlich auch nie dazu kommen werde."
„Bitt' Sie, diese AuSredenS!" entgegnete die „Erste". „Der Buchhalter Hst Sie schon oft eing'iaden — thäi' Sie gar nichts kosten — er hat's ja — und Sie haben trotzdem Nein gesagt. Paff'n D' auf, der wird Ihnen aus- sässig wer'n."
„Ich thu' meine Pflicht," sagte Irene, „mir kann Niemand 'was vorrverfen."
„Aber nachwerfen," meinte die „Erste" mit Ueberzeugung. „Sie — ich kenn' die Menschen besser, und den Herrn ganz genau. Daß der Chef hem' g'rad' Sie ang'fchaut, g'rad bei Ihnen die Bemerkung g'macht hat, iS kein Zufall. Das hat ihm wer emblas'n, und wer das war, kann ich Ihnen sagen, denn der Buchhalter hat g'seh'n, daß Die um eine halbe Stunde zu spät gekommen find "
„Schm Sie — ich hätl' mich entschuldigen, ich hält' sagen sollen . .
Montag Ministerpräsident Waldeck- Rousseau in der französischen Deputirtenkammer geführt hat, klingt nichts weniger als versöhnlich dem Vatikan gegenüber. In der Deputirtenkammer interpellirte der Sozialdemokrat Sem bat über die — wie er sich ausdrückte — „Einmischung des Vatikans in die innere« Angelegenheiten Frankreichs". Darunter wollte Sembat das Schreiben des hl. Vaters an den Erzbischof von Paris verstanden wiffen, worin er seiner gerechten Mißbilligung des angekündigten Vernichtungskrieges gegen die Orden und Kongregationen Ausdruck gab. Sehr richttg bemerkte darauf Abgeordneter R i b o t aus den Reihen der gemäßigten Republikaner, der Papst habe daS Recht zu reden, wenn die kirchlichen Jntereffen bedroht würden. Aber schließlich gaben sich auch Herr Ribot und seine Freunde zufrieden, als Herr Waldeck- Rousseau sagte, die Regierung werde die Einmischung des Papstes nicht zulaffen, wenn diese gegen den Gesetzentwurf über die Kongregationen sich richten sollte. Merkwürdigerweise behauptete Herr Waldeck-Rouffeau auch, die französische Regierung übe Toleranz — das hindert sie aber nicht daran, einen Raubzug gegen die Orden und Kongregationen zu unternehmen, um diese um ihr rechtmäßiges Hab und Gut zu bringen!
Demnächst wird als neuer deutscher Botschafter Für st Radolin in Paris einziehen, bisher.deutscher Botschafter in Petersburg. Fürst Radolin hat es verstanden, zwischen Berlin und Petersburg immer gute Beziehungen zu erhalten; und jetzt bei seinem Abschiede von Rußland, sprechen russische Blätter die Hoffnung aus, daß gerade Fürst Radolin der geeigneteste Mann sei, um auch die Beziehungen zwischen Berlin und Paris zu bester« und in gutem Zustande zu erhalten.
In Rußland war man in der letzte« Zeit mißtrauisch geworden gegen die deutsche Regierung, als neige diese letztere allzu stark nach England hin. Jetzt scheinen die Wolken aber wieder von dem diplomatische» Horizonte verzogen zu sein; wenigstenversichert ein von der russischen Regierung beeinflußtes Peterburger Blatt, die .Nowosti', Reichskanzler G ras Bülow habe bisher stets eine russenfreundliche Gesinnung zu erkenne« gegeben, und so s«'i eS höchst unwahrscheinlich, daß Graf Bülow etw s thun werde, das die guten deutsch-rusfffche« B ehunge« trüben könnte. Angeblich sollte Graf Bu.ow nämlich dem Abschlüsse eines Bündnisses zwischen Rumänien und der Türkei be- hilflich gewesen sei i. Natürlich ist es nicht wahr!
Unerwartet ist ö er Fürst von Bulgarien zum Besuche bei m Serbenkönige Alexander eingetr off r n, worüber in Belgrad große Freude herrscht. Die beiden Landesväter paffen ja auch ganz gut zusammen. WaS der Koburger in Belgrad will, weiß man nicht. Angeblich will er aus diesem Wege wieder zu einer Frau gelangen. Nun, die Welt wird das ja sicherlich noch früh genug erfahren!
Die Chinesen scheinen allgemach wirklich einzusehen, daß ihnen nichts Anderes übrig bleiben wird, als die Bedingungen der Mächte anzunehmen. Prinz Tschun, Bruder deS Kaisers Kwangsü, soll ausersehen sein als außerordentlicher Gesandter, um in Berlin Abbitte zu leisten für die Ermordung deS deutschen Gesandten. Hoffentlich ist das nun daS „unwiderruflich letzte Mal", daß diese Nachricht bei uns eintrifft. Ost genug hörten wir sie schon; und noch jedesmal wurde sie hinterher in Abrede gestellt. Gleichzeitig gibt sich Rußland noch immer die größte Mühe, um die Welt glauben zu machen, eS habe gar keine Absichten auf die Mandschurei — sonderbares Beginnen.
Den Suren geht es gut, im Kapla « de und in Transvaal. In England unterläßt man alle Feste mit südafrikanischem Hintergründe.
Da wurde die „Erste" abberufen, und die Unterredung halte e n Ende.
* * *
Es war drei Tage später.
Irene hatte lange mit sich gerungen, endlich wagte sie den schweren Weg ins Komptor.
Der Chef, Herr Sauer, saß bei feinem Schreibtische und sah auf, als Irene eintrat.
„Sie wünschen?" fragte er kühl, denn der- gld*en Besuche hatten immer denselben Zweck.
Des Mädchens Hrrz zitterte. — Wie an« fangen? Wie das Elend daheim schildern? Wie die Bitte begründen, die auf den Lippen schwebte?
Der Chef wurde ungeduldig.
„Natürlich Vorschuß? — Wie? — Na ja, natürlich," begann er, als Irene schwieg und nur nickte. „Die jungen Damm können fich den Verdienst halt nicht eintheilen, das ist die Geschichte. — Ich habe mir übrigens zu« Grundsatz gemacht, von nun an Überhaupt keine Vorschüsse mehr zu gewähren. Man öffnet damit dem. Leichtsinn nur Thor und Thür."
Jrene's große, schmerzlich auf ihn gerichteten Augen rührten ihn nicht.
„Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit!" schloß er.
Sie faltete die Hände. „Verzechen Sir," stammelte sie, während Thränen ihre Äugen füllten, „es ist wahrhaftig kein Leichtsi m. Meine Mutter ist schwer krank, wir haben nichts als meinen karge« Verdienst. . . ."
„Der Sie nicht hindert, Bälle zu besuchm und zu spät in's Geschäft zu kommen," warf Herr Sauer ein.
Hoffentlich bringt der Südafrika-Katzenjammer «ach und nach auch das erforderliche Einsehe«!
Römische Briese.
ui.
□ 9tom, 15. Januar 1901.
Die allerdings etwas verspätet — wirklich poet festum — hier angekommene englische Pilgerschaft hat eine Zeil lang unser, sowie anderer Nationen ganzes Interesse beansprncht. Schon die Vorgeschichte dieser Pilgerfahrt bot genug des Merkwürdigen, womit diebetreffenden Parteien sich denn auch nach Straften beschäftigt haben. Denn durch die Romreife der Prima» und des anerkannten Führers der englischen Ra« tholiken wurde die Versöhnung besiegelt, welche endlich zwischen dem päpstliche« Staatssekretär Kardinal Rampolla und dem Herzog von Norfolk gewiffermaßrn unter den Augen Leos XIII. zu Stande gekommen war. Eine gewaltige Zei- tungSpolemik hat fich — wie vorauszusehen — an die Rede geknüpft, welche der mächtige eng- lifche Herzog gelegentlich der Audienz der Pilger in der Sixtinischen Kapelle an den heil. Vater hielt. Die italienischen Blätter und die Antiklerikalen in erster Linie, welche den Herzog fast vergötterten, als er der dringenden Einladung des Kardinals Rampolla, während des Jubt- läumSjahres nach Rom zu kommen, nicht nm nicht Folge leistete, sondern in demonstrativer Weise — ohne Rom zu berühren — nach Transvaal ging, find nunmehr Norsolk'S bitterste Feinde geworden, während Zeitungen wie die ,Voee', welche die Engländer Anfangs in maßlosester Weise angriffen, jetzt die herzlichsten Freunde der englischen Katholiken geworden find. Der Herzog von Norfolk berührte in seiner Ansprache bekanntlich die römische Frage und der große Schwulst, welcher fich in aller Welt daran gebildet hat, beweist wohl am besten, daß die Frage noch keineswegs gelöst ist, sondern brennender geworden ist, als jemals zuvor.
Mgr. Favier, apostolischer Vikar von Peking, welcher in jüngster Zeit so sehr wegen der Act und Weise feines Vorgehens zu Gunsten seiner chinesischen Missionen angegriffen wurde, hat unS wieder verlassen und befindet fich derzeit in Paris. Dieser erbittertste Gegner eines deutschen Protektorats im Orient hat fich verschiedenen hiesigen Perfönlichkesten gegenüber sehr optimistisch über die Lage der Missionen in China ausgesprochen. Im Uebtigen schiebt er die alleinige Schuld au allem Unheil dem Prinzen Tuan in die Schuhe, während er die Kaiserin als eine gute, schwache Frau schildert, wobei er allerdings in großen Widerspruch mit einzelnen Angaben des Bischofs von Anzer geräth.
Der Nordpolreisende Herzog der Abruzzen hat seinen lange angekündigten Vortrag gestern Abend im großen Saale deS alten päpstlichen Kollegium Romanum in Gegenwach der gefammten königlichen Familie und zahlreicher Eingeladenen gehalten. Die einzelnen Phasen und Episoden der Reise wurden durch photographische Projektionen erläutert. Zuv» Schluß übergab die Königin den Reisetheil-
„Nein, weiß Gott. . . ."
„Diese durchtanzten Nächte lassen Spuren zurück, o ja, Fräulein, deutliche Spuren, und ich bi« nicht blind. Mich geht's ja weiter nichts an. Jeder unterhalte fich, wie er will und kann — gut.... Aber mich und meine Kasse bitte ich gefälligst ungeschoren zu lassen."
Irene wankte hinaus durch die Spießruthen- gaffe der Komptsristen, die sie therls mit Frechheit musterten, und hinaus in den Arbeitsrarm der Mädchen, wo sie sich stumm und gedankenlos wieder an ihren Platz setzte. Sie nahm ihre Arbeit zur Hand; aber die Farben der Bänder tanzten vor ihren Augen, sie wollte fich zwingen, die Arbeit zu sehen und zu greifen, aber Augen und Hände versagten den Dienst, und plötzlich fiel fie schwer zu Boden. Die Kameradinnen sprangen herzu, hoben die Ohnmächtige auf, benetzten ihre Stirne mit Wasser und brachten sie endlich zu sich.
Der Chef, welcher von des Mädchens Unwohlsein benachrichtigt worden war, ließ sie durch eine Mitarbeiterin nach Hause führen.
„Na — die muß net schlecht tanzt haben heul' Nacht!" sagte der Buchhalter anzüglich.
Herr Sauer gab keine Antwort. Es schien ihm plötzlich, als habe er dieser Arbeiterin doch am Ende Unrecht grthan.
* * ♦
Die Laternen erhellten eine kleine, enge Seitengasse, in der alles Leben erstorben schien. Inden Parterres gab es nur Werkstätten, und die waren geschlossen. Es schlug eben 8 Uhr Abends.