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Jutöa, Freitag, den 18. Januar 1901.

28. Jahrgang.

Zweihundert Autzre Preußen.

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punkt gewesen. DieTtandeserhebung vom Jtur- fürsten thum Brandenburg zum Königreiche Preußen war auch nicht in der persönlichen Größe und Herrschergenialität des Kurfürsten begründet, der vor zwei Jahrhunderten im äußersten Osten seines Reiches die Königs» kröne aufs Haupt sich setzen durfte, sondern mehr in seiner Eitelkeit und Prunkliebe. Das Kurfürstenthum wurde Königreich; aber der Kurfürst wurde nicht mächtiger dadurch, daß er König wurde. In Wien brauchte man das vortresflche Heer, das der Große Kurfürst seinem Nachfolger als bestes Erb» theil zurückgelaff-n hatte; und so machte man nicht ganz ungern ein politisches Tauschge­schäft ; man nahm die bewaffnete Unterstützung Brandenburgs und ließ es sich gefallen, daß der Brandenburger von da an König heißen

gerade aus ihrer eigenartigen Entwickelung neraus Eigenschaften sich erworben, mit denen unter richtiger Leitung unter allen Umstände» aroße Erfolge erzielt werde» können: die Eigenschaften großer Ausdauer und

In diese« Sinne stimmen wir am heutigen Jubeltage ein in den Ruf:

Gott fchich». Ito» «Md ;

König und das ga«re Künigliche Hans!

sollte.

Kein Gedanke daran, daß damit das bis­herige Kursürstrntbum Brandenburg in die Reihe der große Mächte einrückle! Diesen Erfolg mußte sich erst der Zweite Fried­rich mit unsäglicher und unsäglich blutiger Mühe erkämpfen; und erst aus der Zeit drs Zweiten Friedrich stammt das Preußen, mit dem die anderen Mächte als mit einer wichtigen Größe rechnen mußten. Deswegen und in diesem Gefühle nannte sich der Zweite Fried­rich, drm di« Geschichte den Beinamen drs Großen gegeben hat, fortan König von Preußen, während seine beiden Vorgänger aus dem Throue nur Könige in Preußen ve- titelt wurden. Aber des jungen Königreiches Geschichte ist reich an wechselvollen Geschicken: nicht lange «ach dem Großen Friedrich kam j 11 eine Zeit, in der der König von Preußen =2J kaum noch in Preußen sein Haupt nieder- ZZZ legen konnte. Der Kriegssturm, der von ----

Westen über Deutschland hereinbrach und — dieses am schlimmsten von allen Ländern —! Europas heimsuchte, rüttelte am mächtigsten ZZj an dem preußischen Staatsgebäude. Der —J preußische König wurde zum Flüchtling im — eigenen Lande! ~

Preußen ist unsäglich viel verspottet wor- [ 11 11 j | 11 j | rj den als ein Land, in dem höhere Kultur, Kunst

und Wiffenschaft keine bleibende Stätre finden konnten. Und wirklich machte noch die Hauptstadt Berlin w«« , vuö. ,« tadeln «ar

in den sechziger und im Anfangs der sieben,iger Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts einen Ein- Vorzüge des alten sich zu erhalten und zu bessern was am alten Preußen zu ta rin druck, den man durchaus nicht großartig nennen konnte. Namentlich mit der Baukunst und Ä:“ " *M n‘" " *

ihren Schöpfungen war eö gar wunderlich bestellt; und auch Berlin in seinen städtischen Einrich­tungen war hinter anderen Hauptstädten in theils lächerlicher, theils geradezu bedenklicher Weise zurückgeblieben. Noch vor nicht mehr als 25 Jahren war die österreichische Kaiserstadt der nord­deutschen Hauptstadt in allenStücken überlegen. Preußen ist nicht groß geworden in Glanz und,

MMJu beistehendem Bilde geben wir unsern Lesern eine Zusammenstellung^der sämmtlichen Herrscher Reichthum und prächtiger Entfaltung friedlicher Künste. DaS alte Preußen war arm an Schön« des Königreichs Preußen seitdem am 18. Januar 1701 sich der damalige Kurfürst von Brandenburg, heiten der Natur; noch mehr, ein großer Theil deS Landes war auch arm in seinem Grund und Friedrich Itl., im Schlosse zu Königsberg die Königskrone auf» Haupt gesetzt hat. Die Regierung«- Boden. Die Mehrzahl seiner BeBohner mußte im fortgesetzten harten Kampfe ums Dasein um baten sind den einzelnen Porträt» beigefügt, so daß die Zettfolge in derFRegiernngv ohne Weitere» ihren Lebensunterhalt ringen; und noch bis zum heutigen Tage gilt die Landbevölkerung des eigent« ersichtlich ist lichen alten Preußen als arm und kärglich in ihren Ernährungsquellen und Lebensgewohnhetten.

Preußen als Königreich ist ein junges Staatswesen; und als es Königreich wurde,°war eS a n U m -1 Aber dem Staate Preußen ist ohne Zweifel gerade das zu statten gekommen; denn so nüchtern und fang ganz erheblich kleiner, als heute. Vornehmlich aber an Macht stond das eben geschaffene s alltäglich, um mcht Zusagen langweilig die Bevölkerung der alten preußischen LandeStheile andere« Königreich dem Preußen von heute so außer- — .Eikern erschienen sein und th« werfe «och ordentlich nach, daß man sagen muß, in der Ge- 3T HHH |||j ji 1113 A FjT Miss 11| 11 j 1111 L erscheinen mag, so hat drese Bevölkerung doch

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Zähigkeit.

MHI Preußens Geschichte ist in alle« ihre« Eutwrckelungs - Stufen eng verknüpft mit Muß Krieg und Völkerzwift; gilt dock Preuße« I \ ! i~| längst als der erste Typus eines Militär- Staates! Und gerade für den Soldat« und für den Krieg waren und find jene Eigen­schaften von unschätzbarem Werthe. »Möge« andere Kriege führen — Du, glückliches Oesterreich, heiroihe!" — so dichtete einst et« unbf kannter Verso ffer über Oesterreich: , Bella geraut alii, tu falix Austria nabe!* So gut hat es Preußen nicht gehabt. Blut und Eisen nehmen in seiner Geschichte eine bat ersten Stellen ein, und daneben auch eine tüchtige, pünktliche Staatsverwaltung, die in ihren Grundzügen aus der Regierung Friedrich Wilhelm I. stammt. DaS find die Grund­lagen, auf dene» das stattliche Staatsgebäude des gegenwärtigen Königreiches Preußen aus­gebaut wurde; und mau mag sonst sage» und urtheilen, wie man will, so muß ma«, wenn man gerecht urtheilen will, ohne Wei­teres «»erkennen, daß es damit i» Preußen am «eisten gut bestellt gewesen ist und noch ist. Uno wenn Preußen, in schneller Ent­wickelung aus kleinen Anfängen hervorgegau- gen, aus der Höhe fich erhalte» und den noch größere» Aufgaben gerecht werden will, die ihm in seiner Stellung innerhalb des neue« deutschen Reiches erwachsen, dann muß OB * stets der Eigenschaften eingedenk bleiben, denen TTTJTg es seine Größe verdankt, und muß fich diese 11| O Eigenschaften erhalten in seiner neuen und W—L glänzenden Zett.

W—:| Und niemals darf es den schönen Hohen«

W—j zollern-Epruch anzuwende« vergessen: sunm W---I euique — einem Jeden das Seine! ES gibt

ff—noch manche Leute in preußischen Landen, die ö—I mit Recht sich darüber beschweren, daß dieses Spruches Weisheit und Wohlthate« ihnen «och nicht in vollen Umfange zu Theil werden.

Illi i—I Aber der Tadel möge schweigen an dem Tage _______ «KffiUeak; der Jubelfeier, und es möge der Wunsch daß zu allen Zeiten daS neue Preußen bestrebt bleibe» möge, die Tugenden und

Dennoch aufwärts.

Roman von L. v. Neidegg.

11 ------ (Nachdruck verboten.)

Eins Weile später ging Lina den Wall­graben entlang nach der Villa der verwtttweten Medizinalräthin. ES war dies ein einsamer Spazierweg zwischen hohen Bäumen und leben­den Hecken. Rechts blickte man in den ehe­maligen, jetzt in kleine freundliche Gärten ab- getheilten Wallgraben hinunter, über ihn hinaus auf die Trümmer der Stadtmauer und auf kleine winkelige, höchst malerische, sehr unwohnliche Häuser; links zwischen hohen Bäumen hindurch aus Wiesen und auf die bewaldeten Berge, die das Thal begrenzten. Die Wöhrnanger, die für Grottenwerk und künstliche Kaskaden schwärm­ten, verschmähten den in seiner Unberührtheit so reizvollen Weg, der dadurch zu einem Orte ge­worden war, an dem man ungestört und unbe­lauscht sich unterhalten konnte.

Am verlassensten Theile desselben befand fich ein lauschiges Plätzchen. Hollunderbüsche neigten fich über Den Weg und eine hundertjährige Linde breitete ihre schützenden Neste über das niedere Gesträuch. Käser summten, Schmetter­linge wiegten fich auf den Blürhendolden des Hollunders; von deffen Zweigen halb verdeckt stand Karl und harrte der Geliebten. Sieben Schläge hallten kurz und scharf von den Stadt- thürmen — da kam sie gegangen. Die Sonnen­strahlen woben eine goldene Krone über ihrem

Köpfchen, das nur von der schweren blonden Flechte bekleidet war

„Meinen Rath willst Du also?“ redete sie den Verlobten heiter an. „Hoffentlich ist Dir's ernst damit, denn jedenfalls sage ich Dir offen heraus, was ich denke, ohne Rücksicht darauf, ob Du es gerne hörst oder nicht."

„Dafür kenne ich Dich ja. Du mein liebes, oft recht unbequemes Gewiffsn," gab er zur Antwort und sah zärtlich in ihr G fichtchen herab, dem der Ausdruck von Güte und Herzensreinheit einen bestrickenden Reiz verlieh, welcher über deffen Mangel an Schönheit hinweg half.

„Laß mich alles genau hören," bat sie und hörte aufmerksam zu, ohne auch nur ein Wört­chen dazwischen zu werfen, während Karl ihr von dem Briese der Tante erzählte und son der danach erfolgten Auseinandersetzung mit dem Vater.

„Was sind nun Deine Absichten ?" fragte sie, alS er schwieg.

„Das ist's gerade, worüber Du entscheiden sollst, kleine Weisheit- Egentlich kann ich ja leider nicht fort. Der Vater mit seinem Drein­fahren, seiner raschen Art bringt alles dusch' einander und ich'muß es dann immer wieder richtige GeleiS bringen; das hab' ich ihm auch gesagt oder wenigstens angedevtet “

„Das hättest Du gesagt? Hättest den eigenen Vater Deine llederlegerhest fühlen lassen? Oh!"

Der sanfte Vorwurf in ihrer Stimme trieb ihm die Rötbe inS Gesicht. „Du magst recht haben, das hätte ich nicht thun sollen," gab er kleinlaut zu. „Wer würde aber nicht die Ge­duld verlieren bei solcher Behandlung! Natür­lich griffe ich am liebsten zu und ginge nach Frankreich: ich hätte dort eine einträglichere Stelle und sowie der Gehalt ausreichend wäre, müßte gehrirathet werden."

„Nicht ohne Deines Vaters Einwilligung."

„Das findet sich."

„Weißt Du, Karl, was ich mir oft alS Trost vorsage? Daß, gäbe Dein Vater seine Ein­willigung in dieser Stunde, ich Dich doch vorerst nicht heirathen könnte."

„Warum denn nicht?" rief er erschrocken.

„W-il ich die kranke Mutter nicht verlassen darf, ehe nicht Rosa so weit ist, für sie sorgen zu können."

„Wir nehmen sie und Rosa bei uns auf/ erklärte Karl. Ein gelinder Schauer überlief ihn bei dieser Vorstellung; nichtsdestoweniger gab er seine Erklärung mannhaft ab.

„Mein guter Karl!" dankte Lina gerührt. „Aber siehst Du, Dir die Last von Mutter und Schwester aufzubürden, könnte ich nie ver­antworten."

„Wann sollen wir denn heirathen mit all' den Hindernissen, die Du Dir in den Weg tdürmsl?" fragte er etwas erregt. „Wenn wir alt und grau geworben sind?"

„So schlimm wird's nicht werden/ beruh-gte sie lächelnd. „Vorerst sehen wir ja beide ein, daß wir zu warten müssen und wollen es hübsch geduldig thun. Deine erste Pflicht bleibt. Dich als guter Sohn zu bewähren; die meine, für die Mutter zu sorgen — Dir auch keine allzugroßen Opfer aufzubürden,Du guter, lieber, treuerMensch!"

Sie lächelte ihn an und ihm war, als ergösse fich eine unendliche Fülle von Liebe über ihn. Um so mehr wuchs ihm die Sehnsucht, fein Glück in den Armen zu halten, »ab mit der Sehnsucht wuchs auch bie Ungeduld.

„Pflicht! Pflicht I Soll es denn für uitf immer neue Pflichten gegen andere geben, nie Rücksichtnahme auf uns selbst» Unser Lebe« muß doch auch auSgelebt werden, dächte ick!"

„Die Pflicht vor allem, hat mein Vater immer gesagt, und hat auch danach gehandelt, das weißt Du, Karl. Als er daS eigene Leben dransetzte, den Zug zum Stehe» zu bringen, ehe die Personenwagen der Lokomotive auf die vom Wasser unterspülte Brücke nachrollen konnten und dabei zwischen bie Puffer aerieth, da dachte er an nichts als an seine Pflicht. Der Ge­danke, sic erfüllt zu haben, stärkte ihn mitten in seinem furchtbaren Leiden und gab ihm die heldenhafte Selbstentäußerung, Gott dafür zu danken, daß er da? einzige Opfer der Kata­strophe geblieben sei/) Solch ein Beispiel ver­pflichtet, mein Karl."

*) Thatsächliche Begebenheit.