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FuldaerMIeitung

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für ankrate J. p-rz-ller"mtf Nnterhattungs-MeUage „Mukkrirte Sonntags-Zeitunq"

Julöa, Donnerstag, den 3. Januar 1901.

28. Jahrgang.

Bestellungen auf die ,Fuldaer Zeitung^ für das 1. Quartal 1901 werden zum Preise von 1,50 Mark (ohne Bestellgeld) von alle« Postanstalten nnd Landbrieftragern noch fortwährend entgeg eugenommeu.

Mäßigkeitsbestrebnngen.

(Fortsetzung.)

III, Die Ursachen des AlKohslmißbrauchs.

Wir haben bereits die Gründe angegeben, welche zu dem bei allen Völkern und zu allen Zeiten sich findenden Genusie alkoholischer Getränke führen. Aus ihnen erhellt schon, daß die allgemeine Be­seitigung jeden Alkoholgenusies eine Utopie bleiben muß. Die Abstinenzbestrebungen, welche auf völlige Enthaltsamkeit dringen, können also nur in beschränktem Maße auf Ausbreitung hoffen. Abstinenz kann als nothwendig nur erwiesen '.werden für Trinker und Trunksüchtige als einziges Mittel der Heilung, für Kranke und körperlich ober geistig Minderwerthige, für Kinder oder für solche, die sich besonders hohen Anforderungen an die geistige oder körperliche Leistungsfähigkeit unter« zichen. SportSleme, Bergsteiger, Nordvolfahrer, geistige Ueberangestrengte usw. legen ftd) deshalb Abstinenz auf. Ferner erscheint sie als nicht wohl -zu umgehende Forderung für alle, die durch ihr Beispiel auf die Heilung von Alkoholikern ein- wirken müssen, also für Leiter von Trinkerheil­anstalten, Familienangehörige und Gesellschafter von Alkoholikern, auch für hervorragende Führer und Mitarbeiter in der Bekämpfung des Alkoholmiß­brauches. Zeitweilige Abstinenz, die sich der Einzelne für eilige Zeit oder bestimmte Anlässe auferlegt, kann überdies jeder Arzt nur als sehr förderlich empfehlen. Körperliche Veranlagung, insbesondere individuelle Geschmacksrichtung kann auch manchen zur völligen oder doch fast völligen Abstinenz veranlassen. Wie es gewohnheits­mäßige Nichtraucher gibt, so kann es auch gegenüber dem Alkohol Nichttrir.ker Wie beim Rauchen so hat eben auch bum Trinken alkoholischer Getränke jeder nach seinem Wohlbehagen zu entscheiden, ob und wieviel er trinken mag. Es ist darum überaus taktlos und eine lächerliche Anmaßung, andere zum Trinken überhaupt oder zum Trinken zu dieser oder jener Zeit oder in diesem oder jenem Maße mit Gewalt „nöthigm" oder fie von der Abstinenz abbringen zu wollen, zumal wenn der sich Wngernde andere in ihrem Genuffe unge­stört läßt. Was einer trinkt, hat sein Magen nebst den übrigen Verdauungsorganen zu be­wältigen. Er hat darum auch das ureigenste Recht, zu bestimmen, was ihm bekömmlich und genehm ist. Darum ist der Trinkzwang etwas so sehr Entwürdigendes, was zwar nicht ver­hindert hat, daß er fast Gewohnheitsrecht ge­worden ist. Ebenso lächerlich ist es auch, ouf diejenigen, welche auS freier Entschließung sich Abstinentenvereineu angeschlossen haben, als auf Sonderlinge herabzusehe», zumal von Seiten derjenigen, die selbst nicht die moralische Kraft

d Anf gefährlicher Höhe.

Novelle von Emil Otte.

;5 ------- (Nachdruck verboten.)

IV.

Leo Hellbach lehnte in seinem Zimmer, einem luxuriös ausgestatteten Künstlerheim mit werth­vollen, modernen Gemälden, Büsten berühmter Musiker, mächtigen Lorbeerkränzen mit kostbaren Schleifen, in einem bequemen Sessel und hielt das ,Theater°Journal' lässig in der Hand. Er über­flog ein schmeichelhaftes Begrüßungsgedicht an den „neuerstandenen Stern am Himmel der Kunst". Weiter unten war für den heutigen Abend ange­kündigt :

Der Prophet.

Große Oper mit Ballet von Meyer beer.

Und dann in besonders auffallenden Lettern: „Erstes Auftreten des Herrn

Leo Hellbach (neuengaairt)".

Sinnend haftete fein Blick darauf. Ja, es war erreicht, was er jahrelang so sehr ersehnt!

Leo hatte sich selbst über den Willen dessen, der ihn aus der Verborgenheit zur Künstlerlauf­bahn emporgehoben hatte, hinweggesetzt und ein allerdings glänzendes Engagement an einer der ersten Opern Deutschlands angenommen. Und heute Abend sollte er seine ersten Triumphe als Heldentenor im „Propheten" feiern.

Er war müde und abgespannt. Seit vier Wochen hatte er beständig geübt und geprobt; zudem war er am verflossenen Abend in einer Gesellschaft gewesen, in welcher ein geldschwerer

haben, auch nur kurze Zeit Abstinenz zu üben oder sogar auch nur nach hygienischen Forde­rungen mäßig zu sein. Man soll dem Idealis­mus, der in ver Abstinenz liegt, seine Aner­kennung nicht versagen. Erft dann hat man zur Kritik ein Recht, wenn dieselben agitatorisch auf andere rinwirken und entweder in aufdring­licher Weise jedermann zur Abstinenz zu be­stimmen oder durch Urbertreibungen die Absti­nenz als das allein Richtige und für alle Noth- wendige hinzustellen suchen. Nach letzter Seite fehlen viele Anhänger der Abstinenz, und sind, während sie das Maßhalten im Trinken fördern wollen, selbst maßlos in ihren Forderungen. Wer solchen Uebereifriqen entgegentritt, hat nicht nur ein Recht dazu, sondern handelt auch im Inte­resse der Mäßigkeitsbestrebungen, die durch Uebertreibungen in den Forderungen großen Schaden leiden.

Der Alkohol wird also ein allgemein ver­breitetes Genußmittel bleiben. Weil er aber sehr stark euphorisch wirkt und durch seine euphorische Wirkung einem allgemeinen Genußbedürfnisse ent­gegen kommt, zugleich aber auch durch seinen eigen- thümlichen starken Reiz geeignet ist, das natürliche Brdürfniß zur krankhaften Sucht und Leidenschaft zu steigern, liegt im Alkoholgenuß die große Ge­fahr des Alkoholmißbrauchs. Derselbe findet sich weniger bei den Romanen vor, wenn wir die Jndustriegegenden aus noch näher zu erörtern­den Gründen ausnehmen; stark ausgeprägt ist er bei den Germanen und zwar als gewohnheits- g!maßes übermäßiges Trinken, ferner bei den Slaven und zwar hier mehr als wiederholtes Rauschbedülfniß. Das naßkalte, unfreundliche Klima trägt jedenfalls gut Steigerung des Alko- holgenusses und damit zur Gefahr des Miß- brouchs zum guten Theile bei. Hauptsächlich ist aber der weilverbreitete Alkoholmißbrauch auf eine Reihe innerer oder äußerer Ur­sachen zurückzuführen.

Zu den inneren Ursachen gehört

1. psychische Krankheit und Minder- werthigkeit.

Ja Folge derselben unterliegt bet damit Betastete auch schon geringen Alkoholgaben, und verfällt deshalb bei öfterem Genuffe der Alkohol­sucht oder er ist durch erbliche Belastung mit einem ständigen oder regelmäßig zeitweise ein- tretenden unnatürlich starken Hange nach Alkohol­genuß behaftet. Da eine große Zahl von Ver­brechern an psychischer Anomalie leidet, findet fich bei den Verbrechern auch.aus diesem Grunde der Alkoholismus stark verbreitet. Ebenso trifft man unter der Nachkommenschaft Trunksüchtiger vielfach den Alkoholismus, der zum Theil auf die vererbte psychische und körperliche Mindet- wetlhigkeit zurückzuführen ist.' Der Trunksüchtige selbst ist auch als Alkoholkranker zu behandeln und erfolgreiche Heilung desselben nur durch Behandlung in Trinkerheilanstalten oder ähnliche freie Behandlung zu erwarten, bei der zwar auch der moralischen und religiösen Einwirkung eine wichtige Aufgabe zufällt. Alle diese psycho­pathische Individuen erliegen wegen krankhafter Sckwäche auch um so eher allen äeßeren An- läffrn, die zum Alkoholismus führen. Bei ihnen

Theaterfreund zu Gunsten der Künstler in den Champagnervorrath des Wirthes eine gewaltige Bresche gelegt hatte. Begreiflicherweise war er auch in großer Aufregung in der Erwartung de« bevorstehenden Ereignisses und überhaupt war er in letzter Zeit stets so nervös erregt und alterirt, immer ruhelos. Gedanken, die ihm lästig waren, verfolgten und quälten ihn.

Em Umstand machte ihm vor allem Sorge. Er war gestern erhitzt nach der Gesellschaft durch die Nacht gegangen und thatsächlich schien seine Stimme heute etwa« belegt zu sein. Wenn sie am Abend nicht durchaus leistungsfähig war, dann mußte fein erstes Auftreten einen Schatten auf feine weitere Thätigkeit werfen.

Hellbach schleuderte die Zeitung auf den Tisch und trat an das Klavier. Er schlug einige Töne an und sang. Zu seinem Schrecken bemerkte er, daß die kostbare Stimme wirklich gelitten hatte. — Was thun? — Kurz entschlossen klingelte er und schickte zum Arzte. Der kam, und nach vielen devoten Bücklingen untersuchte er den Künstler, machte ein höchst bedenkliches Gesicht und sagte überaus wichtig:

„Ja, Sie haben sich erkältet, Herr Hellbach!"

„Das weiß ich", fuhr ihn Leo an, „aber Sie sollen mir sagen, ob e« von Bedeutung ist!"

„Von Bedeutung? — Hm, ich kann noch kein endgiltiges Urtheil abgeben jetzt, aber ich werde mir erlauben, morgen früh wieder vorzusprechen."

„Morgen früh? Ja Doktor, ich muß heute Abend auftreten, das wird Ihnen doch be­kannt sein! Wird es fich nicht schnell wieder geben ?"

„Ah, ich vergaß! Aber heute Abend, Herr Hell­

muß daher der Arzt in der Bekämpfung des Alkoholismus eingreifen.

Als weitere innere Ursache ist zu nennen

2. Ueberaustreugunz

durch zu schwere Arbeitsleistung und zu lange Arbeitszeit. Dieselbe veranlaßt das Bestreben, das nach normaler Arbeitsleistung eintretende Müdigkeitsgefühl zu übertäuben und die er­müdeten Muskeln zu weiterer Thätigkeit avzu- spornen. Beides wird durch den Alkohol er­reicht. Insbesondere erhöht derselbe beim ermüdeten Muskel einige Zeit lang die Leistung, worauf dann zwar eine größere Erschlaffung folgt und zwar um so mehr, je weniger kräftige Nahrung der Arbeitende genießt. Diese Wirkung des Alkohols führt zu dem weit verbreiteten Brauch des Alkoholgenusses während der Arbeit und in den Arbeitspaufen, der am meisten zur Verbreitung des Alkohols in der Arbeiterklasse beigetragen und die durch- aus falsche Anschauung großgezogen hat, Brannt­wein, Bier u. s. w. feien Stärkungsmittel. Eben­sowenig wie die Peitsche beim Pferde, verleiht der Alkohol, bissen Genuß zu höheren Leistungen anstachelt, Kraft. So kommt es, daß, je mehr der Alkohol veranlaßt, dem Körper lieber« anstrengungen zuzumuthen, die Körperkräfte abge­nutzt werden, Urbermüdung also in der Folge um so eher eintritt und damit ein erhöhter An­laß zum Alkoholgenuß bei der Arbeit gegeben wird. Damit ist dem Alkoholmißbrauch das Thor geöffnet Diese Gefahr ist um so größer, wenn gesundheitsschädliche Einflüsse mit der Arbeit verbunden sind, z. B. in Folge von Staub, Gasen und Dämpfen, großer Hitze in den Arbeitsräumen. Die Ermüdung stellt fich dann um so früher ein. Außerdem bringen diese Einwirkungen aber auch Durstreize mit sich, deren Befriedigung dann wiederum in dem gewohnten Alkoholgenuß gesucht wird. Alle vorgenannten Einflüsse wirken überdies auch aufregend auf das Nervensystem und damit ist ein weiterer Reiz zum Genuß von Alkohol als Gegenmittel gegeben.

In ähnlicher Weise wirkt ferner

3. Unterernährung und ungesunde Ernährung.

Die Zusammenstillung und Zubereitung der Speisen kann einen Reiz zum Alkoholgenuß Hervorrufen. Mehr als zu reichliche ober zu scharf zubereitete Speisen in den wohlhabenden Klaffen schäbigen auf diese Weise kraftlose, schwer verdauliche und unschmackhafte Speisen, speziell die Kartoffelnahrung, wie oben nachge­wiesen ist. Besonders aber führt zum Alkohol­genuß, vor allem zum Branntweingenuß, die chronische Unterernährung in den unbemittelten Klaffen. Schon geringe Arbeitsanstrengung ver­ursacht bei Unterernährung Erschlaffung der Muskeln und das Verlangen, diese durch den Alkohol als respir atorisches Nährmittel wenigstens für kurze Zeiträume zu überwinden. Gleichzeitig macht sich bei Unterernährung ein vorzeitiges Hungergefühl bemerkbar; der Alkohol ver­mag dasselbe ze tweilig zu übertäuben, was ihm den falschen Ruf eines Nahrungsmittels ver­schafft hat. Die Folge davon ist. daß öfter

bad), wird das Publikum auf den Genuß ver­zichten müffen. Ich bedauere unendlich, daß ich gezwungen bin, Ihnen dies zu sagen."

„Aber ,ch muß singen, iä> muß! Ich kann doch mein Debüt im letzten Momente nicht ab­sagen!"

„Herr Hellbach, es wird Ihnen heute Abend nicht möglich fein, aufzutreten; bas Hebel würde dadurch bedeutend vergrößert. Wie gesagt, Sie können morgen auf meinen Besuch rechnen."

Er empfahl sich und ließ den Künstler niedergefchmettert zurück. Doch was half aller Zorn über die plötzliche Caprice der theueren Stimme! Er mußte handeln. Ec klingelte wieder und ließ den Theater-Intendanten zu fich bitten. Der arme Mann war außer fick, als ihm der Künstler die verhängnißoolle Eröffnung machte. Ec rannte verzweifelt auf und nieder und rief in einem fort, mit Kopf und Armen heftig gestikulirend:

„Entsetzlich! Das Haus ist ausoerkauft; die ganze Stadt steht sozusagen auf den Fußspitzen. Und nun kommts so! Entsetzlich! — So etwas ist mir noch nicht pasfirt, so wahr ich Craal heiße! Ihr Debüt wird nicht nur verschoben, nein, fein halber Erfolg ist hin. Entsetzlich! — Ich muß fliegend zu Herrn von Koslovsky und ihn flehentlich bitten, daß er für Sie einspringt; sonst bekomme ich das Personal und das Or­chester und das ganze Publikum auf den Hals, so wahr ich Craal heiße! — Adieu, Herr Hell­bach, ich wünsche Ihnen schnelle Besserung; Adieu!"

Unter fortwährendem „Entsetzlich" stürzte er hinaus.

und reichlich Alkohol genoffen, dagegen aul kräftige Speisen weniger Gewicht gelegt wirb. Die Unterernährung wird dadurch zur Regel, die dann wieder einen steigenden Anreiz zum Alkobolgenuß und damit eine große Gefahr des aewohnheitsgemäßen Übermäßigen Alkoholgenuffes herbeiführt. So ist auch die Erscheinung zu erklären, daß in vielen Arbeiterhaushaltungen »er« hättnißmäßig hohe Geldsummen für alkoholische Getränke verausgabt werben, während die Aus- caben für kräftige Nahrung, besonders für Fleisch in gleichem Maße beschränkt werden müffen.

Der durch die zwei vorgenannten Ursachen veranlaßte Alkoholmißbrauch fordert als Reform- mittel die Aufklärung durch di« Hygieniker und Arzt über gefundheitsgemäßeLebensweise, vor allem aber die Reform arbeit des Sozial- Politikers, die auf Verkürzung übermäßiger Arbeitszeit, Förderung der Gewerbehygiene und Hebung der Lebenshaltung der weniger be­mittelten Klaffen sich zu richten hat. (F. f.)

Deutsches Weich.

Berlin, den 2. Januar

* Die Mezietzrmgeu zwischen Derelsch- taud «ud Kugkaud bespricht der ,Daily Tele­graph' in einem Artikel über die internationale Sage. Das Blatt führt Folgendes aus: „Kaiser Wilhelm hat dadurch, daß er den Generalmajor Swaine mit einer besonderen Einladung zu dem Leichenbegängnisse des Generalfeldmarschalls Grafen v. Blumenthal beehrte, wieder einmal den Beweis gegeben, daß er entschlossen ist, die Beziehungen der beiden Reiche auf her Grundlage friedlichen Verkehrs, gegenseitigen Zugeständnisses und ge­meinsamer Aktion für gleiche Ziele zu erhalten. Die nicht wegzuleugnende Thatsache, daß der industrielle Fortschritt Deutschlands nur gegenüber dem unfrigen an zweiter Stelle steht, zeigt, daß ein Bruch zwischen den beiden produktivsten Nationen, welche sich hinsichtlich ihrer sozialen Be­dürfnisse und der ihnen drohenden auswärtigen Gefahren Immer ähnlicher werden, das größte Unglück sein würde, welches Europa treffen könnte."

* An den Rücktritt des chraferr Usfa- dowsky scheint das Organ beS Bundes der Land wirt he zu glauben. Das geht aus fol­gendem Artikel der »Deutschen Tagesztg/ hervor, der offenbar bestimmt ist, zu Gunsten des Grafen PofadowSky auf den Reichskanzler einzuwirken. „Der Rücktritt des Grafen PofadowSky soll un­mittelbar bevorstehen. Daran können wir beim besten Willen nicht glauben, weil bann bas An­sehen deS Reichskanzlers eine sehr erhebliche Schwächung erfahren müßte. Der Reichskanzler hat bei der Beantwortung der bekannten Inter­pellation über den Fall Woedtke ausdrücklich erklärt, daß er einer Jntrigue sich nicht beugen werde. Läßt er den Rücktritt deS Grafen Posa- dowsky zu, so wird damit bewiesen, daß er ent­weder gezwungen worden ist, sich doch bet be­kannten Jntrigue zu beugen, ober daß er auf die wichtigsten Entschließungen keinen genügend starken Einfluß besitzt. Beides würde seinem Ansehen sicherlich nicht förderlich fein."

Leo Hellbach ließ fich auf einen Divan fallen und sank in dumpfes Hinbrüten. Es dunkelte bereits, als es wie Erwachen über ihn kam. — Jetzt hatte das Theaterpublikum schon die bittere Enttäuschung an chm erlebt, jetzt war man sicher empfänglicher für die Leistungen des Rivalen und der Lorbeer, der seiner selbst gewartet hatte, fiel einem andern zu. — Stöhnend suchte bet Künstler in der Dunkelheit fein Schlafzimmer auf, doch er entbehrte lange, lange noch der Ruhe, von qaälenben Gedanken bestürmt.

Am nächsten Morgen verspürte Hellbach im Halse einen heftigen Schmerz Mit ungeduldiger Spannung erwartete er den Arzt. Endlich tarn derselbe und untersuchte den Künstler nochmals sehr eingehend. Er hätte den grauen Kopf kaum bedenklicher schütteln können, als er sagte:

„Hm, hm, die Sache ist — hm!"

„Was ist?" fragte Leo, „Steht mir sine Krankheit bevor? Ick will alles wiffen, dem ganzen Umfange nach!"

„Ja, Herr Hellbach, es ist — ich kann es Ihnen nicht verhehlen, — eine Krankheit der Stimmbänder ist im Anzüge; — theilweise Lähmung. —“

„Doktor!" schrie Leo fast und fuhr in die Höhe, sagen Sie alles, — nur nicht, daß meine Stimme ruinirt ist!"

Er fcfjte den Arzt krampfhaft am Arme und feine Augen schienen den erschrockenen Mann durchbohren zu wollen. Dann kam eine Erschlaffung über ihn; er schloß die Augen, er stöhnte und schluchzte. Dann krallte er wieder die Finger in daS Haar und biß fich die Lippen blutig.