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27. Jahrgang.

IrrLöa, Dienstag, den 18. Dezember 1900

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In den Tagen des Adventes.

Eine Skizze von Ludwig Nüd ling.

Sie kamen wieder — dir trüben und trau­rigen Zeiten, in denen die Straßenlaternen bis tief in den Tag hinein brannten, weil die alters­schwache und verschlafene Sonne keine rechte Gewalt mehr hatte über das Dunkel der Nacht «nd den dichten Nebel des Morgens.

Dir Arbeiter, die in der Frühe nach den Fabriken strömten, wo bereits die hohen Schorn­steine qualmten und die Maschinenpfeifen laut aufheulren, als ihnen der glühend heiße Odem der Dampskeffel durch die Stimmritzen fuhr, machten ein fo mürrisches und verdrossenes Ge­sicht wie das Wetter selbst.

Die Kirchengänger wiche» mit behutsamen Schritten und vorsichtig gerafften Kleidern all' jenen Pfützen aus, die von der ausgelaffene» Schuljugend eigens aufgesucht wurden, um ihre Tiefen zu erforschen und die Lederschuhe auf ihre Undurchdringlichkeit zu prüfen.

Die Bäume in den Promenaden sahen auS wie ihre eigenen Todtengerippe. Sie hoben die dürren Knochenfinger ihrer Zweige wie zum Racheschwur gegen den grauen Woikenhimmel, um Gottes Zorn auf den grausamen Wind und den erbarmungslosen Frost herabzurufen, die ihnen schon längst das schützende Laubgewand vom Leibe gerissen und ihnen kaum das nackte Leben gelaffen hatten.

Die zunehmende Kälte des Windes that aber auch den Menschen weh, so daß die Schreiner­gesellen mit Ueberstunden arbeiten mußten, um die Winterfester für die herrschaftlichen Häuser fertig zu bekommen.

Die armen Leute aber schickten ihre Kinder in den Wald, und ließen fie Moos rupfen, um damit die schadhaften Stelle« in ihren morfchen Fensterrahmen zu verstopfen.

Der häufige Rege«, der den Bach zum Fluß und den Fluß zum Strom gewandelt, hatte die Luft feucht und ungesund gemacht, so daß die Leute allenthalben mit Krankheit und Sterben zu thun hatten.

Der Sarghändler hatte jetzt seinen gang­barsten Artikel in kleinen Kindersärgen, gewöhn­lichen und beffrren bis zu den feinsten mit Me­tallbeschlägen. Denn die Kinder erkälteten sich im Freren und bekamen den blaue» Huste» und andere Nebel.

Da sollten sie beim warmen Ofen sitzen und warten bis sie wieder gesund würden; aber sie mochten nicht in der langweiligen Stutze bleiben, weil ihre Kameraden so lustig vor dem Nach­barhause spielten — und so mußten sie sterben und erlebten das Weihnachtsfest nicht mehr.

Die Meßdrener aber freuten sich, wenn sie im melancholischen Zwielichte des Nachmittags

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wiederum Jemanden begraben hatten, weil fie dann einen Groschen bekamen, wofür sie sich auf dem NikolauS-Markt fast ei» halbes Schock Nüffe kaufen konnten. —

Ueber das schmutzige Pflaster der Straßen fuhren langsam und ächzend die schweren Wagen der Kohlenhändler, die den Leuten das Brenn­material für den Winter lieferten. ES wurde da und dort abgeladen »eben den Trottoirs und in schwarzen Säcke» in die Häuser getragen oder von eben fo schwarzen Fuhrknechten in die Kellerlöcher geschaufelt.

Die armen Bettelfrauen liefe» mit schmutzigen Säckchen hinter de» Wage» her und lasen die einzelnen Kohlenstücke auf, die durch die Ritzen oder Fugen zur Erde fielen. Denn sie hatten weder für sich noch für ihre kleinen Oefen über­flüssige Nahrung in jenen niedrigen und engen Löchern, die sie ihre Stuben nannte». —

Die Schatte» der Nacht, die sich am Vor­mittag nur mit hartnäckigem Widerstreben in die Winkel der Häuser und Straßen zurückgezogen hatten, kamen schon am frühen Nachmittag wieder daraus hervor, und umspannten alles mit ihrem düsteren Schleier.

Da steckten alsbald die Kaufleute ihre Lampen in den Läden an, weil diese ohnehin ganz dunkel waren wegen der ganz mit Weih­nachtskram vollgestellte» und zugebauten Schau­fenster. Ja, fie ließen sich's diesmal etwas kosten, auch die großen Zierkandrlaber in den Schaufenstern selber anzuzünden, um all' ihren Reichthum ins rechte Licht zu setzen und vie Käufer anzulocken, wie der SchmetterltngSsammler mit seiner Lampe die Nachtfalter anlockt.

Und wo irgend nur ein solches Fenster seine Hellen Lichrstreifen auf die Straßen warf, da sammelte» sich die Kinder und starrten mit gierige» und lüsterne» Augen in die ausgestellte Pracht hinein. Da freuten sie sich über den schmucken kleinen Hampelmann jenseits der Scheibe, der seine Lebenskraft in einem Huckel­korb auf dem Rücken trug und gemäß der ihm von dort zuströmende» Anregung und Inspiration allerhand wunderbare Verrenkungen seiner Hölzer- nen Gliedmaße» mit staunenswerther Beharr- lichkeit und Geduld ausführte.

Zwischen den Kinderköpfen guckte auch die zunehmende Kälte des Abends so lange wider die Scheiben, bis dieselben innen mit einer trüben Dunstschicht anliefen — zum großen Aerger der Kleinen, die jetzt die Puppenküche und das aufgepflanzte Regiment der Garde- Füsiliere in Blei nebst einer Batterie Feld­geschütze von dem Kaliber normaler Nadel- büchschrn nur durch einen dichten Schleier in undeutliche» Umriffen erkennen konnten.

Prozessionen gleich zogen die Menschen hüben und drüben auf den Trottoirs dahin — jetzt au? der Dunkelheit in das grelle Licht eines Schaufensters tretend — jetzt wieder nach einigen Schritten in der Dunkelheit sich ver­lierend : Fußgänger jeglichen Alters und Standes — hier mit dem hastigen Schritt des Viel-

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Der Manu aber sagt auf diesem Gange kein Sterbenswörtchen von seinem heimlichen Einkauf eines silbernen Tafelaufsatzes — denn wenn daS seine Fra» jetzt schon wüßte, wär's nachher nur der halbe Spaß.

Und diese getäuschte Frau verräth aus Rache dafür auch ihrerseits nicht, daß sie beim Cigarrenhändler zwei Kistchen von „seiner" Sorte bestellt hat, um sie bei der Bescheerung als Postamente für zwei Flaschen selbst­angesetzten Haus- und Familien-Liqueurs zu ver­wenden. —

So habe» tausend Herzen etwas zu geben und zu erwarten und die schönsten Hoffnungen fangen an zu grünen mit der hereinbrechenden Mitternacht.

Der Strom des Lebens rauscht weiter durch das Gewirr der Straß «n und Gasse» und sein Wogenschlag dringt bis zu den alten Kirchen, die mitten im Häusermeere der Stadt wie ver­steinerte Riesen gegen den dunklen Himmel emporragen.

Ein geheimnißoolleS Dunkel und eine weihe­volle Stille lagert in ihrem Innern. Nur das rothe Fünkchen des ewigen Lichtes kündet wie der bethlehemitische Stern die Anwesenheit deS Gotteskindes.

Hier und da brennt eine einsame Gasflamme in einem Beichtstuhl und in ihrem engen Licht­kreis knien vereinzelte Andächtige, um das Kind von Bethlehem auch bei sich zu Gaste zu lade» und dafür zu sorgen, daß es bei seiner Ankunst wenigstens in ihrem Herzen keinen Stall findet.

Und wen» in der Reihe der Beichtenden eine Lücke entsteht, dann schiebt der Geistliche die grünen Vorhänge seines Beichtstuhles aus­einander, damit der Schein der Gasflamme auch sein Brevier beleuchten kann — und er betet aus Herzensgrund fein Jnvitatorium für den nächsten Tag.

„Schon ist nahe der Herr! Kommet, ihn an« zubete»!"

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beschäftigten, dort mit dem schlendernden und lässigen Tempo des Straßenbummlers und Müßiggängers. Hier Mensche», welche die Dunkelheit suchte», um gewiffe Menschen darin zu finde», dort andere, welche die Dunkelheit benutzten, um gewiffe» Menschen sicherer aus­weiche» zu könne». —

DaS Getöse der vorüberhastenden Menge und das Lachen der kleinen und großen Kinder drang hinauf zu de» zahllosen Fensterreihen über de» Straßen.

Hier und dort starrte die dunkle Nacht zu den Scheibe» heraus — hier und dort drang aber auch der milde Schein der Stubenlamprn in's Freie und zeichnete matte Schattenbilder a» die Wände der gegenüberliegenden Häuser.

Die Gardine» waren fest zugezozen und die Rauleaux Heruntergelaffen, um eine Grenze zu setzen zwischen dem ruhelosen Lärm der Straße» und der stille» Heimlichkeit der Familienzimmer.

Hier saß im behaglich durchwärmten Raum ein junges Mädchen am Tisch und stickte sich die Augen müde, »eil dar dunkelgrüne ©eiben» fädchen sich durchaus nicht vorn blaue» unter- scheiden lassen wollte. Mit heimlichem Verdruß sah die emsige Stickerin der Rückkunft der Elter» entgegen; die Schublade der Kommode stand zur Vorsicht fchon halb offen, um beim ersten Geräusch, das sich hören ließ, den an- gesangene» Tischläufer schnell hinein zu schieben. Denn eine großartige Ueberraschung sollte das geben für den heiligen Abend, eine geradezu verblüffende Ueberraschung für die liebe, liebe Frau Mama. —

Dort saß in seinem Studierstübchen ein kleiner Gymnasiast und machte einen Heidenlärm mit seiner Laubsäge. Das schnitt auf Tod und Leben in die Bretter eines ehemalige» Zigarren- kistchens hinein; denn das wunderbare Gehäuse für Papas Taschenuhr mußte noch fertig werden für den Tag der Bescheerung. — ES wird ja vielleicht diese Uhr niemals hineingehängt werden mit Ausnahme dieses ersten Abends; aber wen« Papa nur fieht, was fein Söhnchen für ihn zurechtgekünstelt und wenn er sich darüber freut, bann mag er schließlich seine Uhr hinstecken, wohin er will.

Ja stickt und sägt und häkelt und hämmert nur zu — ihr jungen Leutchen alle! Ich weiß es, ihr hofft und wünscht und verlangt, daß der Vater bei seiner Heimkehr in diesen Tagen sich noch geräuschvoller als sonst auf der Treppe räuspert und daß die Mutter in der Hausflur einen gehörigen Hustenanfall bekommt, damit der Tischläufer rechtzeitig in Sicherheit gebracht und der Laubsägekasten mit dem Schulranzen vertauscht werden kann.--

Immer tiefer finken die Schatten des Abends, immer rauher weht der Dezemberwind. Und doch müssen die Eltern noch mitsammen auSgehen, um dem lieben Christkind seine Kom­missionen besorgen zu helfen und um für ein paar Mark einen Himmel von Freude und Weihnachtsglück einzukaufen.

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