SeiUMW-
gfatöa, Samstag, den 8. Dezember 1900.
XL 282.
örikf aus toMc Mttnlki«.
Kurz nach Neujahr trat der Briefträger eines der Nebenpostämter der Hauptstadt nach der Beendigung seines Nachmittagsdienstes in die Direktionskanzlei seines Vorgesetzten, des Herrn Postdirekrocs Pitton. Der allgemein geachtete, hohe Postbeamte saß, in tiefe Gedanken versunken, an seinem Schreibtische. Er hatte gerade jetzt sehr viel za thun, indem er da, zu Neujahr eingetroffene Geld und noch andere Werthsendungen in das vor ihm liegende große Buch verzeichnen mußte. An solchen Festtagen gibt es gar harte Arbeit; denn obschon es mehrere Nebenanstollen gibt mit tüchtigen und geschulten Postbeamten, so wachs doch da« Bedürfniß der Bevölkerung so rasch, daß die Zahl der Postbeamten kaum ausreicht. Daher hatte auch der Postdirektor Pitton alle Hände vol zu thun und er befand sich keineswegs in rosiger Stimmung, al« der Briefträger vor ihm erschien und ihn respektvoll begrüßte: „Ich habe einen einfachen Brief, Herr Postdirektor", sagte er zaghaft, „den ich nicht an seine Adresse befördern kann. Und deshalb wollte ich fragen . . ."
„Wie?" unterbrach ihn sein Vorstand, „i keine Wohnung«- und Straßenadrefle angegeben?"
„Nein, das würde auch nicht schaden, Herr Postdirektor, denn ich würde es« schon nach dem Namen heraurfinden, aber . . ."
H-rr Pinon legte die Feder hm und blickte verdutzt auf den Briefträger, welcher ihm ein kleines viereckiges Briefchen überreichte. Post- direktor Pitton setzte seinen Klemmer auf und
willigt wird, daran ist ebensowenig zu zweifeln. Die beantragten Aendemngen, Anträge des Centrumsabgeordneten Müller-Fulda und des fretfinntgett Abgeordneten Richter, beziehen sich auf die Art und Weise der Kostendeckung. Ein Antrag Richter fordert außerdem, daß neue Truppenkörper niemals mehr ohne Genehmigung deS Reichstages mobil gemacht
Wenn jemand über etwa- spricht, ohne die Gründe dessen sich anzuhören, von dem dieses gewisse Etwas ausgeht, dann muß er sich entweder sehr stark oder aber sehr schwach Men in seinen eigenen Gründen: entweder so stark, daß er gar nicht besorgt, von dem Anderen ver- bessert oder in irgend einem Punkte widerleg zu werden, oder aber so schwach, daß er sich vor dem Gegner fürchtet und lieber vorher ferne eigenen Ansichten und Standpunkte entwickelt, um nicht in die Lage zu kommen, hinterher ganz zu sehr ins Hintertreffen damit zu gerathen.
Diese allgemeinen Sätze kann man ohne Zweifel auch auf den Reichskanzler Grafen Bülow anwenden, der am Mittwoch, am ersten Tage der ersten Lesung des Centrumsantrages über die allgemein gleichmäßige Durchführung der Religionsfreiheit im Reiche, ganz entgegen allem sonstigen Brauche als erster Redner über — oder vielmehr leider gegen den Antrag sprach, ehe überhaupt das Centrum seine Gründe dafür entwickelt hatte. Da nun aber der Reichskanzler zugab, ihm für seine Person sei manches in dem Anträge recht sympathisch, er für seine Person sei durchaus ein Anhänger voller Religionsfreiheit, aber er müffe doch dagegen sprechen aus Rücksicht aus die Rechte der einzelnen Bundesstaaten, so kann man das ganz unmöglich als ein Kennzeichen sehr erhabenen Macht-Bewußtseins auffaffen. Und das Recht ist auch nicht auf der Seite des Kanzlers, wenigstens nur das formale Recht, nicht aber das moralische Recht. Denn wie kann es ein Zustand der Gerechtigkeit genannt werden, wenn, wie der Kanzler ohne weiteres zugibt, in einzelnen Bundesstaaten Mißbräuche, anerkannte Mißbräuche bestehen, beruhend auf vollkommen veralteten Gesetzesbe- stimmungen, und diese Mißbräuche doch nicht vom Reiche angerührt werden dürfen, auS Furcht davor, den „Kompetenzen" der Einzel- floaten wehe zu thun? Das ist ein Zeugniß der-Schwäche, ein ArmuthSzeugmß für das Reich, gleichzeitig aber ein Grund zur Be- schämung solcher Einzelstaaten, die sich weigern, solche anerkannte Mißbräuche zu beseitigen, und ' sich damit hinter dem Vorwand verstecken, daS ; Reich habe auf diesem Gebiete gar nichts zu i sagen, das gehöre in ihre eigene Kompetenz.
Und noch mehr, das Reich als solches handelt gegen die Religionsfreiheit. Der Centrumsabgeordnete Dr. Lieber war es, der am Mittwoch im Reichstage darauf hinwies. Denn das Ausnahmegesetz gegen die Jesuiten macht das Reich, und der Bundesraih ist es, der eigensinnig daran festhält. Wenn der Bundesrath von Reichswegen so auf dem religiösen und kirchlichen Gebiete verfährt, dann hat er kein Recht mehr, die Kirchenhoheit der Emzel- floaten auszuspielen gegen den Centrumsantrag, allgemein im Reiche Religionsfreiheit emzuführen. Entweder kümmert sich das Reich darum und bann kann es auch über die Religionsfreiheit I Gesetze machen. Oder eS kümmert sich nicht I darum und bann muß es auch die Jesuiten un-
"^Jm Burenlande selbst hat sich eine Veränderung vollzogen. Feldmarschall Lord RobeAs hat den britischen Oberbefehl an Lord Kltchener abgegeben, den Sieger von Omdurman andere nennen ihn auch den „Metzger von Omdurman . Kitchener ist als einer der rücksichtslosesten britischen Heerführer bekannt, die es je gegeben hat, und das will viel sagen. Es könnte also wohl vorkommen,
prüfte die Adreffe deS Bnefts. Sie war kurz aut zwei Zeilen, aber so merkwürdig, daß selbst der gestrenge Beamte lächeln mußte.
„Eme kuriose Adreffe!" rief er aus, den Bries von allen Seiten betrachtend. Es war allerdings eine eigenthümliche Adresse: Meiner lieben Mutter im Himmel," lautete sie.
„Trotz seiner Kürze kliugt's erschütternd.
Nicht wahr, Herr Postdirektor?"
.Haben Sie Kinder?"
Zeit acht Tagen das fünfte," antwortete der Briefträger.
Das Antlitz seines Vorgesetzten verdüsterte sich hingegen, und er blickte säst neidisch auf den ] Untergebenen. Dieser atme Teufel, welcher kaum fünfzig Gulden Monatsgehalt bezog, war fchon zum fünften Mal von des Himmels Kegen deimgesucht — während er, der den mehrfachen Gehalt bekommt, kein Kind sein eigen nennen barf! Dieser Gedanke durchkreuzte das Gehirn des Postdirektors, als er den Briefträger betrachtete, und noch nie hatte den Schmerz, kinderlos zu sein, so bitter empfunden, wie in diesem Augenblicke. ,
„Befehlen Sie noch etwas, Hrri Postdirektor?" fragte der Postbote nach einer Weile.
Nein, ick habe nichts mehr nöthlg," murmelte der Herr nach einer kleinen Pause, allmählich aber überwand er seine trübe Stimmung und rief dem Postdiener zu: „Doch noch etwas! W:r wollen die Eröffnung des Briefes vornehmen, und ihn liftn. Der Inhalt geht auch Sie an. Sie find der Entdecker, ich nur der Untersucher."
„Herr Postdirektor, Sie find sehr gütig," sagte der Briefträger und trat bescheiden an den Sckreibtisch heran. .
Mit kundiger Hand und vorsichtig eröffnete er daS Brieschen und las zuerst dessen Inhalt. Ec lautete:
„Mein gutes, süßeS, treues Mütterchen!
Seitdem Du in den Himmel gezogen, ist Dein kleines Töchterchen sehr verlassen. Ich möchte gar zu gern zu Dir kommen. Frau Klara ist mir sehr gut, ist aber lange mcht so freundlich und lieb, wie Du warst. Ihr geht eS auch schlecht. Ihr Mann starb in der verstossenen Woche. Du bist ihm gewiß begegnet. Wir mußten auch aus der Wohnung in der Langenstraße ausziehen und jetzt leben wir sehr, erbärmlich und noch dazu in einer häßlichen, I schmutzigen Seitengasse. Aus der alten Wohnung konnten wir das Kätzchen, die Mizi, mit uns nehmen. Zeige doch, Mamachen, meinen | Brief dem lieben Gott, und bitte ihn schön, daß er mich zu sich nehme. Wie gern möchte ich bei Dir sein. Nicht wahr, dort ist's schön, oben im Himmel. Wäce dem nicht so, so warst Du schon längst zurückgekommen. Mich schmerzt meine rechte Hand sehr. Kürzlich mußte ich einen schweren Korb mit Holz aus dem Laben bringen.' Als Du noch auf Erden warst, brauchte ich das nie zu thun. Erhöre mein heißes Flehen und nimm mich bald zu Dir.
Es grüßt und küßt Dich tausendmal Deme Dich innigst liebende Locher Dora.
Nachschrift: Wenn Du antworten willst, ist ! meine Adresse: Krummsteig Nc. 12, aber sage
Wochen-Wunöschau.
(Nachdruck verboten.)
, X Fulda, 8. Dezember.
.«< en» ul Vniat k» Näm* '*“**"*"* ,e pttrnnf* 0». •
eitmm ifi
werden sollen.
Vorher, am letzten Montag, stand im Reichstage 1 die Kohleninterpellation des Centrums i zur Berathung. In dieser Interpellation wird be- kanntlich die Regierung gefragt, was sie zu thun gedenke, um der herrschenden Kohlentheuerung entgegenzuwirken; und in vorzüglicher Weise erfolgte die Begründung durch den bayerischen Centrumsabgeordneten Dr. Heim, der namentlich auf die schädliche Preistreiberei durch die Syndikate hinwies, die Ringe, die die Kohlenbergwerke unter einander gebildet haben, um den ganzen Kohlenhandel unter ihre Gewalt zu bringen. Die preußischen Minister Brefeld und von Thielen beantworteten die Interpellation an Stelle des Reichskanzlers und nahmen beide die Syndikate in Schutz. Minister Brefeld bezeichnete dagegen einen Theil der Händler als Mitschuldige an der Kohlentheuerung. Als Hilfsmittel stellte er in Aussicht ein Vorgehen der Syndikatleute gegen wucherische Händler und stärkere Kohlenfördernng sowie reichlichere Abgabe von Kohle unmittelbar an Verbraucher durch die Staatsgruben. Die Aufhebung der ermäßigten Frachtiätze fürZdie Ausfuhr von Kohlen haben wir aber nach der Aussage des Ministers von Thielen nicht zu erwarten. Am Donnerstag ist die Besprechung der Interpellation fortgesetzt worden.
Der Mann der Woche ist eigentlich „O o m Krüger", Herr Paul Krüger, der Präsident der Burenrepublik Transvaal. In leidenschaftlicher Weise haben ihm die Pariser einen Abschied bereitet, als er am Vormittag des 1. Dezember aus der französischen Hauptstadt abfuhr, und recht lebhaft ist auch der Empfang gewesen, den die Kölner ihm am Abend desselben Tages und an den Tagen danach bereitet haben. Mit diesem Bolksempfange in Köln kann Herr Krüger zufrieden sein; aber irgendwelcher amtliche Empfang hat nicht stattgefunden. Weil keine Aussicht vorhanden war darauf, daß Herr Kruger vom Kaiser in Audienz empfangen werde, ist dann die beabsichtigte Reise Krüger's nach Berlin unterblieben. Er ist von Köln gleich nach der holland'^en Residenzstadt, dem Haag, weitergefahren. Die. Berliner Offiziösen waren in einer fast ängstliche n Aufregung darüber, daß Herr Krüger am Ende t- ch nach Berlin kommen könnte — unsere Freundsckiaft mit England muß doch gegenwärtig ein recht zartes Zflänzchen sein! Eines freilich darf man mchc vergessen: Herr Krüger hat in Paris, trotz deS glänzenden Empfange», nicht erreicht, was er erreichen wollte; und nun sollte wohl der Versuch gemacht werden, dem deutschen Kaiser die Rolle zuzuschieben als Beschützer der Buren gegenüber England. Solche Absichten konnten natürlich nicht zur Wirklichkeit werden. Den Vortritt in dieser heiklen Sache kann man bei aller möglichen Freundschaft für die Buren dem deutschen Kaiser verständiger Weise nicht zu- muthen. Jetzt soll wohl die Regierung der Nieder- lande noch einmal einen Vorfloß versuchen, den Briten den Vorschlag eines Schiedsgerichtes zwischen den eignen Anforderungen und den der Buren zu
Im Vordergründe des innerpolitischen Interesses 1 NM der Antrag des Centrums im Reichstage i I auf allgemeine Durchführung der Religions- i sreiheit im Reiche, kurzweg auch Toleranz-Antrag genannt. Die Gegner der katholischen Kirche hatten im ersten Augenblicke nach dem Bekanntwerden des Antrages vollkommen die Sprache verloren. Sie nennen sich ja meistens „liberal"; und für einen Liberalen, einen wirklich liberalen Mann im guten Sinne des Mortes, muß die vollkommene Durchführung der Religionsfrecheit etwas Selbstverständliches sein. Im Grunde genommen wollen die sogenannten Liberalen diese vollkommene Durchführung qar nicht haben. Nach ihren Wünschen müßte die Kirche geknebelt am Boden liegen, dann würden sie diejenige „Freiheit" haben, die sie selbst meinen; und eben darum wußten sie ansänglich nicht recht, was sie zu dem Anträge sagen sollten. Erst nach und nach haben sie einige Vorwände herausgefunden, um den Antrag herunterreißen zu können. Aber diese Vorwände sind gänzlich haltlos.
Der erste Tag der ersten Lesung des Centrumsantrages auf die Durchführung voller Religionsfreiheit im ganzen Reiche gestaltete sich zu einer hochwichtigen Begebenheit. Die ganze Mittwochtsitzung, die diesem Anträge gewidmet war, erhielt dadurch ein besonderes Gepräge, daß der Reichskanzler G r a f B ü l o w als allererster Redner das Wort dazu nahm, noch ehe der Antrag durch die Antragsteller überhaupt begründet war. Das sah gerade so aus, als fürchte sich die Reichsregierung ein wenig vor dieser Begründung, als wollte der Reichskanzler das, was er zu sagen hatte, unbeeinflußt von dieser Begründung sagen. Die Verbündeten Regierungen, so erklärte Graf Bülow im Namen derselben, wollen von dem Anträge nichts wissen. Aber diese Ablehnung begründete Graf Bülow nicht durch Gesichtspunkte, die der Sache selbst angehören, svndern durch Einwände äußerlicher Art: Der Antrag soll der staatsgesetzlichen Selbständigkeit der einzelnen Bundesstaaten zuwiderlausen. Graf Bülow als Person gab ohne weiteres zu, daß Mißbräuche in einzelnen Bundesstaaten bestehen, hervorgerufen durch veraltete Landesgesetze, und daß er ein Befürworter voller Religionsfreiheit sei — aber nichtsdestoweniger lehnt der Kanzler aus Rücksicht auf jene äußerlichen Gründe den Antrag ab! Abgeordneter D r. Lieber wies in vorzüglich treffender Weise darauf hin, daß der nicht für die Zuständigkeit der Einzelstaaten in Sachen der Religionsfreiheit sprechen sollte, der, wie der Bundesrath, mit der rauhen Maßregel des Jesuitengefetzes von Reichswegen eingreife in die Freiheit der Ausübung der Religion! In unseren Schutzgebieten haben wir die volle Religions- fteiheit, nicht aber im Reiche selbst — ein beschämender Zustand. Der Antrag wurde schließlich einer besonderen Kommission zur Vorberathung überwiesen, und diese Kommission wird der geeignete Ort sein, um über alle die einzelnen Mißstände auf dem Gebiete der Religionsausübung genau zu sprechen.
Die Budgetkommission des Reichstages hat dre Berathung der China-Vorlage in Angriff genommen. Daß diese in der Regierungsverfassung Annahme im Reichstage finde, ist vollkommen ausgeschlossen. Aber daß die eigentliche Forderung be-
daß unter Kitchener's Regiment die Behandlung der । Buren noch brutaler wird, als sie bereits unter Roberts war. Vom Kriegsschauplätze selbst ist nichts Neues von besonderer Bedeutung zu berichten.
Das trifft auch für den Feldzug in China zu. Mit gutem Erfolge ist ein Zug nach Kalgan unternommen worden. Leider verstarb auf dem Rückmärsche von dort nach Peking der deutsche Obech Graf York von Wartenburg, einer der tüchtigsten Offiziere des deutschen Heeres, infolge von Vergiftung mit Kohlendunst. Er hatte sich in einem Raume zur Nachtruhe niedergelegt, in bem ent offnes Kohlenbecken als Wärmespender aufgestellt war. Von Wichtigkeit für die Behandlung der chinesischen Frage ist die Botschaft, die Herr Mac Kinley, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, an das Parlament derfelben gerichtet hat. Darin betont Mac Kinley in Uebereinstimmung mit den anderen Mächten die Nothwendigkeit einer strengen und entehrenden Bestrafung der hauptsächlichsten Rädelsführer in der Boxerbewegung, und das bedeutet einen Schritt weiter auf dem Wege zur all- aemeinen Uebereinstimmung der Mächte. Im übrigen aber empfiehlt Herr Mac Kinley, alle noch vorhandenen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Machten dem Haager internationalen Schiedsgericht zu unterbreiten, namentlich auch die Ansprüche auf Entschädigung, die die verschiedenen Mächte erheben. Der Vorschlag ist der Beachtung sicherlich werth.
Einer der führenden Diplomaten in dem Haager internationalen Friedenskongresse 1900, Fürst zu Münster, ist von seinem Posten als deutscher Botschafter in Paris zurückgetreten. Die Erklärung dafür liegt lediglich in dem hohen Alter des Fürsten, der das achtzigste Lebensjahr überschritten hat. Sein Nachfolgerist Fürst Radolin geworden, bisher Botschafter in Petersburg und dieser wiederum ist ersetzt worden durch den Grafen Älvensleben, zuletzt deutscher Gesandter in Brüssel. Ein anderer | wichtiger Personenwechsel hat im Herzogthum Koburg stattgefunden. Dort hat der leitende Minister von Strenge seinen Platz Herrn Dr. Heutig einräumen müssen, einem geborenen Berliner, der bisher der Leiter der Verwaltung des Fürsten Fürstenberg war. Herr Strenge war ehedem ein leidenschaftlicher Anhänger der freisinnigen Partei; die Ursache» seines plötzlichen Rücktrittes will man erblicken in nicht ganz feinen Dingen, an denen er bei einer Aktieng.undung beteiligt gewesen sein soll, als er ..noch nicht Minister, sondern Rechtsanwalt war. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich noch eine Gerichtsverhandlung daran knüpft. . ,
Endlich ist nun auch die vielbesprochene Reichs- tagswahl im posmschen Wahlkreise Meseritz-1 SB out ft entschieden. Sie hat mit dem Siege des konservativen Kandidaten von Gersdorff geendet, der den Polen von Chrzanowski in der Stichwahl um rund eintausend Stimmen überflügelt hat. Die Antisemiten haben zum größern Theile entgegen dem Befehle ihrer Parteileitung in der Stichwahl für Herrn von Gersdorff gestimmt.
Eine lebhafte Bewegung ist neuerdings wieder entstanden für die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg. DaS bischöfliche Komitee zu Wien, nach deutscher Ausdrucksweise der österreichische Episkopat, hat einen besondern Ausschuß zur fortan energischen Betreibung dieses Planes eingesetzt, bestehend aus den hochwürdigsten Herren Fürsterzbischof Freiherrn von Skrbensky von Prag, Bischof Dr. Joh. Rößler von St. Pölten und Furst- erzbischof Dr. Joh. Katschthaler von Salzburg. Es soll mit größtem Eifer für die Aufbringung der noth- wendigen Geldmittel gleichmäßig in allen österreichischen Diözesen gearbeitet werden, und man macht sich Hoffnung ' auf bessere Erfolge wie bisher. Wir wollen es wünschen!
Fuldaer
ÄSTÄt- mit Anterhaltungs-Beilage „Mustrirte S-nntags-Zeiümg
berührt lassen.
bem Engel, der den Brief bringt, boß er auf bie Thürnurnrner acht gebe, denn wir wohnen iln ßofc M
Der Briefträger schluchzte fast, als der Post- blrettor biefen Bries vorlas, doch auch dieser konnte sich ber Rührung nicht erwehren. „Wernen Sie boch nicht! Seien Sie ein Mann! Thränen paffen nicht in die Augen eines Mannes!" meinte ber Direktor. .....
„Aber auch Sie, Herr Postdirektor!"
„Ich habe nur geseufzt, das ist etn großer Unterschied. Uebrigeus ist daS meine Sache, bie Sie nichts angeht. Uebrigens, um wieder auf unseren Brief zu kommen, wird es nöthig I fein, die Briefschreiberin kennen zu lernen. Gehen Sie sofort nach dem Krummsteig und bringen Sie mir die kleine Dora. Ver» fianden?v^l, Postdirektor!" sagte der Briefträger und verließ rasch das Zimmer.
Als Herr Pitton allein war, setzte er sich I wieder in seinen Sessel, um zu arbeiten. Er | hatte ohnehin schon eine halbe Stunde verloren und dieselbe mutzte in aller Schnelligkeit nach- geholt werden. Zeit ist Geld, ist ja heute em allgemeines Sprichwort. Er nahm die Feder in die Hand, tauchte sie ins Tintenfaß und begann »u schreiben, aber es wollte heute gar nicht vor- wärts gehen. Ein eigentümliches, bisher nie gekanntes Gefühl bemächtigte sich seiner und I lähmte feine Arbeitskraft. Sein Herz hopfte | hörbar, fast zum Zerspringen. Er hatte eine Frau, bie er innig liebte. Er hatte einen gu | bezahlten Posten unb ein bedeutendes Vermögen
27. Jahrgang.
G Der Centrumsantrag über die Religionsfreiheit.