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JK 276.
JuLöa, Sümstag, den 1. Dezember 1900.
27. Jahrgang.
ten Kohle vermehren würde. Eine Untersuchung und Besprechung darüber, ob Aehnltches etwa auch jetzt stattfindet in den Zeiten der Kohlen- noth, ist nicht nur angebracht, sondern auch nothwendig und gerade dazu kann die Interpellation des Centrums ebenfalls helfen.
Diese Interpellation ist also durchaus zeitgemäß, das muß auch die.Nationalliberale Korre« fponbenj' zugestehen. „Eine eingehende Klarstellung ber Produktion--, Handels- und Verbrauchsverhältnisse, wie ste sind, kann daher nur als nothwendig und nützlich bezeichnet werden", so läßt sich das genannte notionalliberale Parteiorgan vernehmen, indem es gleichzeitig die ernsthafte Mitwirkung der nationalliberalen Reichstagsfraktion in Aussicht stellt, um wieder normale Verhältnisse auf dem Koh! en markte herbeizuführen. Das Centrum findet vorher jetzt also auch dort Anerkennung, wo man ihm in der unliebenswürdigsten Weise Schwierigkeiten zu machen und Knüppel in die Beine zu werfen suchte; und das ist sicherlich ein gutes Zeichen dafür, daß die Besprechung der Centrumsinterpellation über die Kohlennoth nicht wirkungslos verlaufen und hinterher schleunigst zum parlamentarischen alten Eisen wandern werde.
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G Die Kohleninterpellation des Centrums
wird bekanntlich am nächsten Montag im Reichstage besprochen werde». Einige Zeitungen der nationalliberalen A chtung, die der Hauptsache nach die Interessen der Unternehmer und der Großhändler zu vertreten pflegen, äußerten ihr Unbehagen über die Interpellation. Sie suchten der Regierung schon im voraus das in den Mund zu legen, was sie auf die Interpellation antworten sollte: das Reich gehe die ganze Sache nichts an, die einzelnen Bundesstaaten hätten das -Ihrig« bereits gethan, indem sie die Inland- frachten für die Beförderung von Kohlen er- mäßigten; also sei ja doch nichts weiter zu machen und die ganze Interpellation nutzlos. Oder wolle das Centrum gemeinsam mit Herrn Bebel die Verstaatlichung der Kohlenbergwerke fordern?
Zwischen völliger TheilnahmSlosigkeit und der Forderung der Verstaatlichung des Kohlenbergbaues liegt ungemein viel, das weiß jedes Politische Kind. Und ebenso weiß Jedermann, daß die einzige, von einzelnen Bundesstaaten verfügte Maßregel der Herabsetzung der Kohlenfrachten im Jnlande ohne fühlbare Wirkung geblieben ist. Umgekehrt aber ist nicht weniger allgemein bekannt, daß von Reichswegen trotz wiederholter dringender Wünsche noch nicht daS Geringste geschehen ist, um ein Ende zu machen mit den starken Frachtoergünstigungrn für die Kohlenbeförderungen nach dem AuSlande, die es beispielsweise möglich machen, daß man Saarkohle in Oberitalien billiger kaufen kann als im nördlichen Bayern und wenn es nur wäre, um von Neuem die Nothwendigkeit der Aufhebung dieser völlig ungeeigneten Frachtoergünstigungeu darzuthun, würde die Interpellation nicht nutzlos sein.
Aber viele andere Punkte von Wichtigkeit Ipielen hier eine bedeutende Rolle. Zunächst ist eS nothwendig, die Wirkungen der Kohlen- Syndikate wieder einmal genauer zu beleuchten. Die Press«, welche diesen Syndikaten nahe steht, versichert zwar unendlich oft, die Wirksamkeit dieser Syndikate wäre der Allgemeinheit nur von Nutzen. Aber eS liegen hinreichende Beweise dafür vor, daß oft genug auch daS Gegentheil eintritt. Noch in diesen allerletzten Tagen verzeichnete ein Blatt, das sonst dem Unternehmer- thum sehr zugethan ist, nämlich die nationalliberale Berliner,Nationalztg/, eine Meldung, von der es selbst sagte, daß sie „von Neuem Bedenken Hervorrufen müsse gegen die Geschäfts- Praxis des rheinisch, westfälischen Koh- le »-Syndikates". Es handelt sich dabei wieder einmal um geplante Maßnahmen, Kohlen für Auslands-Zwecke billiger zu liefern als für daS Inland, eine Maßnahme, die leider nichts Neues mehr ist in dem Geschäftsbetriebe der Kohlensyndikate. Sollte sich Herausstellen, daß diese Syndikate durch ihre Geschästspolitik der Allgemeinheit der Kohlenverbraucher Schaden zufügen, dann kann diese Allgemeinheit Abhilfe verlangen durch den Staat; dann ist es keine ungerechtfertigte For- derung mehr, solchen Syndikaten eine staatliche Kontrolle zu setzen. Es ist lächerlich, zu behaupten, so etwas dürfe deswegen nicht geschehen, weil es mitten in den StaatssozialiSmus hineinführe — diesen Satz leistet sich daS anerkannte Parteiorgan der Nationalliberalen, die .Nationalliberale Korrespondenz'. Denn es kommt hier auf die praktischen Bedürfnisse der Kohlen- Verbraucher an, nicht auf akademische Auseinandersetzungen über StaatSsozialismuS und freie wirthschaftliche Entwickelung. Was dem Volke frommt, das muß geschehen, ganz gleichgiltig, ob es ein wenig nach dem schmeckt, waS man Staatssozialismus zu nennen pflegt, oder nicht. Und in diesem Sinne würde das Centrum nicht nur Gesellschaft finden bei den Herren Bebel und Genossen, sondern so ziemlich in allen politischen Parteilagern. Namentlich Organe der konservativen Partei haben seit Jahresfrist mehr als einmal ganz eingehend den Gedanken erörtert von der Verstaatlichung des Kohlenbergbaues und viele Gründe ins Feld geführt, die für eine solche Verstaatlichnng sprechen. Das schmeckt doch noch ganz anders als der Gedanke, den Unternehmersyndikaten Staatskontrollen überzuordnen !
Man weiß ferner, daß vielfach die Ausbeutung der Kohlenflötze geflissentlich und plan- mäßig beschränkt wird, um nicht zu viel Kohle auf den Markt zu bringen und dadurch künstlich höhere Kohlenpreise zu erhalten, während im Gegentheil die Kohlenpreise sinken würden, wenn alles nach eigenem Antriebe Kohle fördern und Ladurch die Menge der auf den Markt gebrach-
und außerordentlich bedauerlicher Weise vom Tode ereilt worden. Auf dem Rückmärsche von Kalgan nach Peking ist der Oberst einer Rauchvergiftung erlegen, und zwar in einer kleinen Stadt Namens Hwailai, wo er Montag Abend Quartier bezogen hatte. Das deutsche Heer verliert in dem Obersten Graf Aork von Wartenburg einen ganz besonders talentvollen Offizier, der gleichmäßig sich auszeichnete durch hervorragendes strategisches Talent und glänzende Art der schriftlichen Darstellung.
+ Jur Wahlkreise ZKeserih-Aomst dürfte als Sieger aus der Stichwahl, die am letzten Donnerstag stattgefunden hat, der konservative Wahlbewerber vonGersdorffhervoraegangen sein, nicht der polnische Kandidat von Chrzavo- wski. Abgesehen von 28 ländlichen Bezirken hatte Gersdorff 8274 Stimmen gegen 7665 Stimmen Chrzanowskr's; die Antisemiten haben also entgegen dem anfänglich ausgegebenev Losungsworte nicht der Stimmenabgabe bei der Stichwahl sich enthalten, sondern für Herrn von Gersdorff gestimmt. Also dürfte auch durch diese Wahl nichts verändert werden an der Art der Vertretung des Wahlkreises, die bisher stets den konservativen Parteien angehörte.
* Wann kommt die nächste Aeichsemkeihe? Dazu gibt der Etat der Reichsschuld für 1901 folgende Auskunft. Die neue Reichsanleihe von 80 Millionen Mark ist bestimmt, um drn An- lerhebedarf des Rechnungsjahres 1900 zu decken. Aus dem Rechnungsjahr 1899 find noch 32 247 380 Mark verfügbar. Zur Deckung dessen sind dreiprozentige Reichsanleihen in Aussicht genommen, für welche indeß nur 333000 Mark Zinsen in Ansatz gebracht werden. DaS würde auf eine Begebung dreiprozentiger Obligationen erst zu Anfang 1902 hindeuten; dagegen soll der An- leihebedarf für die ostasiatische Expedition pro 1900 im Betrage von 152770000 Mark in Schatzanweisungen begeben werden, für welche 5150000 Mark Zinsen für das Jahre 1901 in Ansatz gebracht sind. Dies würde also darauf schließen lassen, daß entweder zu Anfang des Rechnungsjahres 3^/,prozentige oder zu einem späteren Termin 4 prozentige Schatzanweisungen ausgegeben werden. Für den Anleihebedarf des Jahres 1901 von 97362545 sind nur 765000 Mark, also noch nicht 1 pCi. Zinsen auSgeworsen. Darnach würde also dieser Betrag erst Anfang des Jahres 1902 zu befriedigen sein.
* Pie Kiserrproduktiorr i« DeutsHlaud. Während noch im Jahre 1890 die Gesammtpro- duktion an Eisen in Deutschland und Luxemburg 4,851,000 Tonnen im Werthe von 753,7 Mill. Mark betrug, belief sie sich im Jahre 1899 auf 9,358,000 Tonnen im Werthe von 1361,7 Mill. Mark, hat sich also in den letzten Jahren nahezu verdoppelt. Die Zahl der in der Eisenindustrie beschäftigten Arbeiter hat sich in demselben Zeitraum von 234,436 auf 327,514 vermehrt.
X AandwerK rmd AolLvvereiu fftr da» kathottsche Deutschland. Auch in der För- derunq der Interessen des Handwerkerstandes hat der Volksverein in den letzten Jahren ganz besonders seine praktische Thätigkeit gezeigt. Nachdem durch daS Handwerkergesetz vom 26. Juli 1897 dem Handwerk ein neuer gesetzlicher Boden zum Zusammenschluß in Innungen und zur Vertretung seiner Interessen durch die Handwerkskammern geschaffen worden war, zeigte sich der Volksverein eifrig bemüht, durch Belehrung und Aufklärung den Inhalt dieses Gesetzes dem Handwerk zu vermitteln, sowie die prakttsche Durch- sührung der Bestimmungen in die Wege zu leiten. Zu diesem Zwecke brachte im oerfloffenen Jahre fast jedes Heft der Vereinszeitschrift einen belehrenden Artikel über die Bedeutung und praktische Ausgestaltung der Handwerkerorganisation. Die Flugblätter Nr. 7, 12, 13 und 14, welche die Organisation des Handwerks in Innungen und Genoffenschafte» im einzelnen erläuterten, wurden in 580,000 Exemplaren in ganz Deutschland unter Handwerkern, auch Nichtmitgliedern des Volksvereins, namentlich verbreitet; ebenso Heft 5 der Soziale» Tagesftagen: „Handwerker-Innungen und -Genossenschaften" (64 Setten) in 2500 Exemplaren. Die Sozial-Korrespondenz des Volksvereins brachte inSgesammt 22 Artikel Über Handwerkerfragen, welche dann durch die CentrumSpresse in die weitesten Kreise deS katholischen Volkes gelangten. Auf den Versammlungen des Volksvereins wurden die Handwerker immer wieder Über die Wichtigkeit der Innungen und Handwerker - Genossenschaften aufgeklärt. Die Geschäftsführer und Vertrauensmänner des Volksvereins waren vielerorts eifrig thätig, Handwerker-Innungen und -Genossenschaft«"' »t gründe», so besonders in der Diözese Osi abÄick, »m Rheinland rc. In Württemberg mitte dafü mit den Geschäftsführern ein eigens leJMttic Handwerkeranwalt des Volksvereins. Gr beantwortete im Jahre 1899 schriftlich 1100 bezügliche Anfragen, sprach auf
Deutsches Keich»
Berlin, den 30. November.
• Der Kaiser hat in Tangermünde bei Entgegennahme des Ehrentrunkes vor dem Rathhause eine Ansprache gehalten, in der er nach dem Wolff'schen Bureau etwa Folgendes ausführte:
Er freue sich, daß der heutige Tag Gelegenheit gegeben habe, die alte Stadt in ihrer alten Bedeutung im märkischen Lande zu zeigen. Die Lage derselben und ihre ganze EntwickelungSrnö glichkeit habe schon tm Mittelalter den römischen Kaiser deutscher Nation so gefesselt, daß er vom schönen Süden in das unwirthliche Nordland gekommen sei und hier die glänzende Pfalz erbaut habe. Wir seien es der wunderbaren Begabung dieses Kaisers für Fragen, die eigentlich jetzt erst uns moderne Menschen beschäftigen, schuldig, daß wir fein Andenken wieder aus der Ber- gangenheit emporheben. Hier am Ufer der großen Stromader der Elbe möge der Kaiser oft den Plan erwogen haben, ein nordisches Reich zu schaffen, dessen Basis die Elbe werden sollte. Daß er emste Absichten in dieser Beziehung hatte, beweisen seine Verhandlungen mit der Hansa. Möge der heutige Tag auch daS Interesse der Tangermünder Jugend erwecken für bte Geschichte der Vergangenheit der Stadt. Nur im Studium der Geschichte und in der Pflege der Traditionen starte sich das Bewußtsein einer Nation. Sein, deS Kaiser», Wunsch gehe dahin, daß das waS Kaiser Karl IV. sich für Tangermünde erdacht, unter seiner oder seiner Nachfolger Regierung sich verwirkliche. Er trinke auf daS Wohl der Stadt Tangermünde.
* Der He»tr«msa«trag auf Aufhevuug öe- Ief«t1e«-efehe-, welcher an der Spitze de» Namen des Vorsitzenden der Centrumsfraktion des Reichstags Graf Hompesch trägt und von sämmtlichen Fraktionsnntglievern unterzeichnet ist, liegt nunmehr im Wortlaut vor. Derselbe beantragt den Erlaß des nachfolgenden ® esetzes:
Wir Wilhelm, von GotteS Gnaden Deutscher Kaffer, König von Preußen rc.
verordnen im Namen deS Reichs, nach erfolgter Zustimmung deS BundeSrathS und des Reichstags, was folgt:
§ 1. DaS Gesetz, betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu, vom 4. Jult 1872 (Reichs-Gesetzblatt S. 283) wird aufgehoben.
§ 2. Die zur Ausführung und zur Sicherstellung des Vollzugs des im § 1 genannten TesetzeA erlassenen Anordnungen verlieren ihre 8^il1ig!ei1,
§ 3. Das gegenwärtige Gesetz tritt mit dem Tage ferner Verkündigung in Kraft.
Urkundlich rc.
Gegeben rc.
* Am §euUtew&oui»eut am Donnerstag wurde die Tagesordnung bis zu den am 14. Dezember eintretenden Weihnachtsferien wie folgt i« Aussicht genommen: Freitag Fortsetzung der heutigen Tagesordnung. Sonnabend keine Sitzung. Montag, den 3. Dezember: Interpellation des Centrums in der Kohlenftage. Dienstag keine Sitzung. (Die Budgetkommifsio» soll an diesem Tage mit einer längeren Sitzung über die Chinavorlage beginnen.) Mittwoch: Schwerinstag (wahrscheinlich der sog. Toleranzantrag des Eentrums). Donnerstag und Freitag hatte der Präsident geglaubt, die zweite und dritte Berathung der Chinavorlage in Aussicht nehmen zu können. Nach den Darlegungen der Abgg. Lieber und Richter aber hatte derselbe „baS Empfinden", daß die Chinavorlage nicht vor den Weihnachtrferien vor das Plenum gelangen werde. Der Präsident behielt sich deshalb andere Vorschläge vor. Angeregt wurde, den Gesetzentwurf über das Urheberrecht, dessen Vorlage bevorstehen soll, zur ersten Berathung zu stellen. Montag den 10. Dezember, jedenfalls erst Berathung des Etats, danach Beginn der Weihnachtsferien.
+ Hverft Graf Aork von Warienöurg, der dienstälteste Offizier im Generalstabe des Oberbefehlshabers in China, ist in überraschender
mit Zlnterßaktungs -Aeikaae „MuKrirte Somkags-Ieiürng" ■JÄXSXiX“"'
62 Handwerker-Versammlungen und gründete eine« Schwäbffche» Handwerkerbund, der Ende 1899 bereits 4000 Mitglieder zählte. Die Zentralstelle des Volksvereins in M,-Gladbach beantwortete im Jahre 1889 durch ihre Soziale Auskunftstelle annähernd 200 Anfragen be. treffend Gründung von Handwerker-Jnnungeo, -Genossenschaften rc durch schriftliche Auskunft wie durch unentgeltliche leihweise Uebersendung von ungefähr 600 aufklärenden Schriften, Statuten rc. Neuerdings ist diese Thätigkeit der sozialen Auskunftsstelle noch in umfassenderem Maße seitens des Handwerkerstandes in Anspruch genommen und namentlich der Frage drS Genossenschaftswesens seitens des Handwerks unter ben, fortgesetzten Anregungen des Volls- vereinS besondere Aufmerksamkeit gewidmet worden. Aus dem letzten praktisch-sozialen Kursus in Köln war ein besonderer ganzer Tag für die Erörterung der Handwerkerfrage bestimmt. Ma Recht konnte darum ein weitverbreitetes Handwerkerblatt hervorheben, daß diese Thätigkeit deS Volksvereins für die Interessen des Handwerkerstandes einzig dastehe. Aus Vorstehendem ist deutlich ersichtlich, wie sehr sich der Volksverein auch der materiellen Interessen deS Handwerkerstandes angenommen hat. An manchen Orten ist die Organisation des Handwerks aber noch erst in den Anfängen begriffen, in anderen leider noch fast nichts für dieselbe geschehen. Auch hier weiter aufzukiären und zu praktischer Mitarbeiturig an der Hebung des Handwerks anzuregen, wird auch in Zukunft die besondere Aufgabe des Volksvereins sein. Damit bedarf es wohl keines weiteren Beweises, daß die Handwerker, welche für die weitere Ausbreitung des Volksvereivs thätig find, nicht allein sich selbst, sondern auch dem gauzen Handwerkerstände in umfassendem Maße nütze».
(Weitere politische Nachrichten befinden sich im vierte« Blatte.)
A«s -em Reichstage.
-qp 11. Sitzung vom 30. November 1900.
Auf der Tagesordnung steht die Berathung der Denkschrift über die Ausführung der feit 1875 erlassenen Ankeitzegesetze.
Abg. Kritze« (Centrum, bringt die im September erfolgte Regelung der 80 Millionen Mark Schatzar Weisungen zur Sprache und wirst die Frage auf, ob daS nothwendig gemessen fei? Nach feiner Meinung müßte man diese Frage verneinen; die Begebung hät> auch in Deutschland erfolgen können. Es handelt sit, um vierprozentige Papiere, und vierprozentige Staat?= and Kommunalpapiere behaupten einen Kurs über Pari. Redner bittet den Schatzsekretär um Aufklärung außerdem auch darüber, ob für die Zukunft beabsichtigt fei, überhaupt zu dem vierprozentigen TypuS zurückzukehren? Redner empfiehlt für die Zukunft verlooSbar- Reichsanleihen, amortifirbare Papiere.
Echatzsekretär Hrhr. v. Ghiekma«« verweist auf einen Bericht des preußischen Fmanzministers von 1878 zugunsten der Konsols; der großen Menge der Staatsgläubiger fei nichts daran gelegen, auf dem Wege der Berloosung wieder in den Besitz ihres BaarkapitalS zu gelangen, fe wurde damals berichtet und das treffe noch heute zu. Der Schatzsekretär ist für die Beibehaltung des geltenden Systems, und zwar aus einem noch anderen Grunde: wegen der Ausgaben für die Flotte sei noch auf ein Jahrzehnt hinaus die Begebung von Anleihen erforderlich, und unter solchen Umständen wäre es unzweckmäßig, mit der einen Hand Anleihen zu bc- geben und mit der andern Hand sie zu tilgen. Ein Beschluß über die Rückkehr zu einem vierprozentigen Typus ist nach der Auskunft des Schatzsekrelärs nicht gefaßt; er, der Redner, würde nicht dafür sein. Mit kurzen Worten, so geht der Schatzsekretär auf die andere Frage ein, lasse sich über die Begebung der 80 Millionen in Amerika nicht reden. Als int September bei uns Geld- bedürfniß herrschte, war das Geld bei unS nicht so flüssig, daß man hätte hoffen können, die 80 Millionen aus dem deutschen Markte zu ziehen und dennoch bis Jahresschluß den gegenwärtigen Bankdiskont von 5 v.H. nicht zu überschreiten. In Amerika war aber s erade damals der Geldbestand am günstigsten. Wenn es gelang, den Diskont auf 5 v H. zu erhalten, so sei das wesentlich das Verdienst davon, daß wir mit unserer Anleihe nach Amerika gingen.
Abg. Hraf Ltanitz (kons) giebt zu, daß unsere Anleihe vielleicht leichter in Amerika habe begeben werden können, bezweifelt aber, daß damit der Versuch gelungen fei, Geld au8 Amerika zu uns herüberzuziehen. Inder Hauptsache seien wohl Wechsel herübergekommen.
Abg. ASstng (natl.) erklärt im Namen der National- liberalen, diese würben stets an einer regelmäßigen Schuldentilgung sowie an der Goldwährung festhalten Die Begebung der Anleihe in Amerika erscheint dem Redner gar nicht ungewöhnlich, hier handelt es sich ihm darum, ob sachliche Gründe vorgelegen hätten oder nicht, und diese scheinen ihm vorhanden gewesen zu sein. Auf der andern Seite dürfe man aber nicht vergessen, daß auch in Deutschland die Anleihe zu Pari abgegangen fein würde wie die warmen Semmeln.
Schatzsekretär Irhr. von Fhielman« erwidert: Dann würde auch gerade das eingetreten fein, was der Vorredner und was wir nicht wollten, nämlich eine starke Geldentziehung aus dem deutfchen Martte gerade in jener Zeit. Zuruckschicken wird unS Amerika die Bankanweisungen nicht vorzeitig. Die Banken in Newyork haben das Papier zu 99'/. erhalten, dos Publikum drüben hat aber thatsächlich 100° s baff bezahlen milffen. Damit schrumpft die Gefahr vw zeitiger Rücksendung erheblich zusammen. Das Jai 1901 wird ja auch nicht ohne größere Anleihe ver laufen: eine solche wird für China und auch für die Ergänzung des Etats nölhig fein. Deswegen wo: es besser, den Bedarf von 1901 im Auslande zu decken.
(Inftrak: Die efn> palt. Garmond-
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