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JuLHa, Samstag, den 1. Dezember 1900<

27. JahrgMg.

I Buren noch immer ihre Büchsen und ihre be- wundernswerthe Ausdauer im Kampfe und im Ertragen der Mühsale des Krieges. Wird doch berichtet, daß der britische Feldmarschall Lord Roberts nochmals 50,000 Mann von seiner Regierung fordere, um den Feldzug be­endigen zu können. Rund 200,000 Mann sandte England bereits nach dem südafrikanischen I Kriegsschauplätze. Die Hälfte davon ist kämpf- unfähig geworden, verwundet, gefallen, ge­fangen genommen, erkrankt; und nun weiß man nicht, wie man von London aus es machen soll, die neuen großen Truppenforderungen des Feld­marschalls zu erfüllen.

Das ist ein weit schönerer Trost für Onkel Paul und seine Getreuen, als die persönliche Liebenswürdigkeit, die ihm Herr Loubet bei dem Empfange im Pariser Präsidentschaftspalaste bewiesen hat. Nur bleibt noch immer die große Frage übrig, ob Herr Krüger irgendwelch Erfolge seiner Bemühungen erzielen wird. Nach wie vor will er die Einsetzung eines Schieds- gerichts erlangen, das zwischen England und den Buren entscheiden soll. Er verspricht, die Buren würden große Kriegsentschädigungen an England zahlen: aber daraus machen sich die Engländer nicht viel, denn an Geld fehlt es ihnen nicht. Und er will vor allen Dingen, daß die Burenrepubliken ihre Selbständigkeit behalten und davon werden die Engländer gar nichts und niemals etwas wissen wollen. Sie könnten das ja auch gar nicht zugestehen, ohne sich vor der ganzen Welt lächerlich zu machen; und sie werden auf keinen Fall alle die Riesen- opfer, die sie gebracht haben, umsonst gebracht haben wollen.

Aber ganz allein mit glatten Worten hat die französische Regierung Herrn Krüger nicht abge- speist. Herr Delcaff«, Minister der Aus- wärttgen, hat Herrn Krüger zu einer ein- stündigen, streng vertraulichen Berathung em­pfangen, und dabei muß noch anderes gesprochen worden sein, als glatte Redensarten der Höflich­keit und des „schönen Trostes". Was, das weiß man nicht und kann man nicht wissen und wird es vielleicht auch nie erfahren. Aber die Thatsache deö Empfanges allein wird vermuth- l>ch in London mehr Eindruck machen als alle Nachrichten von glänzenden öffentlichen Em­pfängen und Volk-Huldigungen, die man dem Onkel Paul in Frankreich bereitet. Und wenn dieser Eindruck nur dazu hilft, daß die Eng- länder wieder einmal an ihre Pflicht als Kultur­volk gemahnt werden, den Rohheiten ihrer Generale in Südafrika die gebührenden Schranken aufzuerlegen und dem gequälten Burenvolke die grausige Last dieses Krieges nur ein wenig zu erleichtern, dann ist die Reise des Präsidenten Paul Krüger wenigstens nicht ganz umsonst unternommen worden.

Fieber schüttelte, seine Augen leuchteten, und heiser flüsternd sagte er, indem er die Flasche zurückgab: „Donnerwetter, ist daS ein Trank k Habt Ihr mehr von dem?"

„Em rundes Dutzend Flaschen, mein lieber Franz." antwortete der Jäger und schnalzte mit der Zunge.

„Könnt Ihr mir für gutes Geld ein paar Flaschen ablassen?" fragte Weißmüller. „Wißt, nur für Krankheitsfälle — möchte meiner alten Mutter davon geben."

„Nun, nehmt derweil diese Flasche als Ge­schenk, das hsßt den Inhalt. Die Flasche will ich mir abholen, wenn ich nächste Woche wieder in die Gegend komme, und da sollt Ihr eine Flasche für daS Huben, was sie mich kostet. Gott befohlen!"

Franz hatte die Flasche genommen und sah dem Manne nach. Aber auf sein „Gott befohlen!" war ihm die Antwort in der Kehle stecken ge­blieben. Jetzt nahm er noch einen Schluck und dann schritt er auf die Hütte seiner Mutter zu. Aber zweimal blieb er stehen und sah in die Ferne nach der Gegend, wo Dorothea wohnte. „Wenn sie eS wüßte," flüsterte er und dann schüttelte es ihn wie Fieberfrost. „Aber es soll das letzte Mal sein. Hu! Es ist ein Teufels­trank. Er schlüpft über die Zunge wie Glas und —." Er nahm noch einen Schluck, dann trat er in die Hütte, nachdem er einige Sekunden nach dem Drücker der Thür getastet hatte

Die Nacht wurde dunkler, bis sich über den schwarzen Tannen eines Hügels im Osten der Vollmond erhob und fein silberweißes Licht über die mit zartem Nebelflor umhüllten Gebirge goß. Außerdem blinkten die unzähligen Sterne im un-

durch deren kleines Fenster man den Lichtstrahl eines brennenden HolzspahnS sah. Als der Mann noch ungefähr 200 Schritte von dem Häuschen entfernt war, traf er an einer Stelle, wo sich zwei Fußwege kreuzten, mit einem Manne zusam­men, der ihm zurief: „Heda, Holla! Weißmüller's Franz! Wohin so spät? Läßt Euer Geschäft Euch Zeit zum Spazierengehen, da Ihr doch ganz allein da unten seid?"

„Will nur auf einen Sprung zur Mutter," antwortete der Andere, „und der nächste Zug kommt erst um 9 Uhr."

„So könnte ich also noch F. erreichen, um nach der andern Seite deS Gebirges mitzufahren?"

„Wenn Ihr scharf auSschreitet, ja!"

„Danke bestens," sprach der Mann, welcher die Kleidung eines Jägers trug und über deffen linke Schulter eine Büchse hing. Dann zog er ine Flasche aus seiner Brusttasche und sie dem

Andern vor die Augen haltend, fragte er:

„Ist ein Schluck gefällig zur Herzstärkung?" „Ich trinfe niemals!" sagte Weißmüller mit leiferer Stimme.

„Pah! Aber diesmal würdet Ihr eS wohl, wenn Ihr wüßtet, was da drin ist. Ich sage tach, es ist ein Ausländer, mild wie Oel und art wie Feuer. Nichts AehnlicheS im ganzen taube, und es weht jetzt kühl von den Gebirgen, öersucht's doch, ein Judas, der einen Trunk wie den zurückweist!"

Franz Weißmüller stand einen Moment wie n den Boden festgewurzelt. Dann warf er einen cheuen Blick nach rechts und links, als fürchtete er, daß ihn Jemand sehen könne, und plötzlich triff er nach der Flasche und — trank. Dann lolte er tief Äthern, es schien, als ob ihn ein

Beweis für diese alte Erfahrung ist eine Maß­regel der thüringischen Regierungen, wonach für die Zukunft die Abhaltung von Gottesdiensten in polnischer und tschechischer Sprache für die ftemden Industrie- und Bergarbeiter verboten wird. Noch mehr: die österreichischen Geist, lichen polnischer und tschechischer Abstammung, die sich in Thüringen aushalten, um die Seel­sorge bei diesen fremden Arbeitern auszuüben, sollen auS gewiesen werden. Diese fremden Arbeiter, die doch nun einmal kein Deutsch ver­stehen und es auch auf Befehl der thüringischen Staaten nicht sofort verstehen können, werden in Zukunft also ohne Seelsorger bleiben. Die Ver­antwortung für die Verwilderung der Leute tragen die thüringischen Regierungen. Man er­sieht daraus von Neuem, wie außerordentlich nothwendig die Uebertragung der Zuständigkeit in kirchlichen Singen auf das Reich ist.

+ W Sperre der Leipziger Dokks- zeitmrg« ist von einer Versammlung besprochen worden, die der Buchdruckerverband in Leipzig einberufen hstte. Die Versammlung ist von nahezu tausend Personen besucht gewesen, und säst einstimmig haben diese eine Ent- schließung gebilligt, in der Herrn Dr. Schön - lank und feiner .Leipziger Volkszeitung' ganz gehörig der Standpunkt klar gemacht wird. Vor allen Dingen, und diesem Satze muß jeder Verständige beistimmen, erhebt die Entschließung Widerspruch gegen daS von Dr. Schönlank an die Setzer seines Blattes gestellte Verlangen, in parteipolitischem Sinne thätig zu sein. „Das Verlangen einer bestimmten parteipolitischen Tbätigkeit ist unvereinbar mit der politischen Selbständigkeit und Unabhängigkeit deS Arbeiters von dem Unternehmerthum." DaS ist ja eben das BemerkenSwerthe, daß gerade der Sozial­demokrat Dr. Schönlank ganz anders über bieten Punkt denkt und darin bei dem Berliner sozialdemokratischen Parteivorstande auch Unter­stützung findet. Die Herren Obergenoffen denken gar nicht daran, dem Arbeiter diese Selbständig- teil und Unabhängigkeit zuzubilligen! Außerdem ist in der bezeichneten Leipziger Versammlung festgestellt worden, daß die Setzer des Herrn Dr. Schönlank weniger verdienten als in anderen Zeitungssetzereien. Schlechte Bezahlung und Sklaventhum — das waren die Haupt- kennzeichen im Schönlank'ichen Betriebe!

X SozinkdemoÜralifche Kepffogeuheile«. Aus sozialdemokratischen Gewerbebetrieben find schon häufig Mittheilungen an die Öffentlichkeit gelangt, die grelle Schlaglichter werfen auf die scharfen und unlösbaren Widersprüche, die bei den Herren Genossen zwischen der gepredigten Lehre und der Anwendung dieser Lebre bestehen. Aber kaum eines dieser Beispiele kennzeichnete diese Widerspräche so Überraschend, wie jetzt der Zwist, der in dem Betriebe der sozialdemokrati­schen .Leipziger Volkszeitung' ausgebrochen ist, derselben Zeitung, die den bekannten 12,000 Mark- Brief aus dem Zentraloerbande der Industriellen veröffentlichte. Zwischen dem Leiter des Blattes, dem sozialdemokratischen ReichStagSabgeordneten Dr. Schönlank, und feinen Arbeitern brachen so starke Zwistigkeiten aus, daß die Vertrauens-

mit ZtnlerHaltimgs -Meilage „Illusirirte Somltags-Ieitimg" "“■zäX.TEä“"' -- -

männer der Arbeiterorganisation die Sperre über das Geschäft oerhängten, daß also der sozial­demokratische Abgeordnete und Redakteur Dr. Schönlank von der zuständigen Organisation seiner sozialdemokratischen Partei in Verruf gethan ist. Nach einer Erklärung, die die ausständigen Setzer jetzt veröffentlichen, kam die Sache so: Dr. Schön­lank kündigte zwei Setzern, nicht wegen technischer Unfähigkeit, sondern „weil fte nicht genügend für die Partei arbeiteten"! — obwohl diese Leute be­reits sechs Jahre in demselben Geschäft thätig waren. Das ist vollendete Gewaltherr­schaft! Wird jemals ein katholischer oder ein konservativer Zeitungsverleger nur von fern auf den Gedanken kommen, einen feiner Setzer scher anzusehen, weil dieser nicht genügend für die Partei thätig ist, die von der fraglichen Zeitung ver­treten wird? Nimmermehr! Bei den Herren Ober gen offen aber gibt es keine Freiheit mehr. Wer nicht parirt, der fliegt: dieser schöne Satz wird angewandt in allen Verhältnissen und unter allen Bedingungen. Sehr richtig kennzeichnen die ausständigen Schriftsetzer der ,Leipz. Volksztg.' dieses Geschäftsgebahren des Dr. Schönlank mit den Worten, daß sie „in der ganzen Art und Weise der Entlassungen nichts Anderes erblicken können als die Anwendung der Stumm'schen Praxis auf die Arbeiter in einem Arbeiter» geschäft". Die Erklärung der ausständigen Schrift­setzer schließt nut den Worten: „Möge die Re­daktion der,Leipz. BolkSztg.' ihren Lesern auS« einandersktzen, wie Herr von Stumm nicht recht hat, und wie er doch recht hat. Das Letztere dürfte ihr heute nicht mehr schwer fallen." Und an demselben Tage, an dem dem Unternehmer Schönlank seine Arbeiter dies ins Stammbuch schreiben, donnerte derselbe Herr Schönlank im Reichstagegegen„Unternehmerklüngel"und„Schlot- junker" — der Gipfelpunkt deS Pharisäerthums!

X Oom Paul.

Präsident Paul Krüger auS Transvaal wird in Frankreich gefeiert, wie selten ein Mann. Der -Bürgermeister von Dijon hat sogar in seiner Ansprache, als Präsident Krüger durch diese Stadt suhr auf der Reise von Marseille nach Paris, die Buren ein Volk von Löwen und den Onkel Paul den größten Mann des Jahrhun­derts genannt; und die Stadt Paris hat eS an nichts fehlen lassen, um Herrn Krüger alle mög­lichen Ehren zu erweisen. Die Garden der Republik brachten ihn in großartigem Gepränge nach dem Hotel de Bille, dem Pariser Rath­hause, und von einem Fenster des Rathhauses herab sprach Herr Krüger zu der versammelten zahllosen Menge, die ihm aufrichtig begeisterte Huldigungen barbrachte. Wie in Marseille, so sagte Herr Krüger auch hier: das Burenvolk fühle sich noch nicht besiegt; eS werde seinen Kamps fortsetzen, so lange noch ein Burenmann den Arm bewegen könne. Und wer dir Pariser kennt, der weiß, wie sie Herrn Krüger zujubelten, als er hinzufügte: wenn die Buren sehen könnten, wie die Pariser Bevölkerung ihn, den Präsidenten Krüger, auSzeichne, dann würden sie ihren Muth noch verdoppeln!

Die Pariser jubeln; Veilchensträuße, von zarter Hand geworfen, überdecken den Onkel Paul und seinen Wagen, wenn er durch die Straßen von Paris fährt; die Garden der Republik holen ihn feierlich zum Empfange auf dem Rathhause ein, wie ein gekröntes Haupt — aber wenn der ehe­malige Präsident der Burenrepublik Transvaal staatsmännisch zu werden beginnt und davon zu sprechen anfängt, waS er denkt, daß das amt­liche, das diplomatische Frankreich für die Buren thun solle, da verändern sich die Gesichter um ihn herum und werden ernst. Das ist ein Thema, von dem man nicht gern sprechen hört I Präsi­dent Loubet empfängt Herrn Krüger aufS liebens­würdigste im Glysse-Palast. Er zeigt sich tief bewegt durch die Worte Krüger'S, mit denen dieser die Leiden der Buren schildert und in leb­hafter Weise den Gedanken auSführt, daß er nur geringe Hoffnungen setze auf die Hilfe der Menschen, daß er aber überzeugt sei davon, Golt könne die gerechte Sache nicht verlassen. Aber wenn Herr Krüger auch nur mit einem Worte die unmenschlichen Grausamkeiten rügt, mit denen die britischen Truppen das Burenvolk mißhandelt, legt Herr Loubet fein Gesicht in die AmtSfalten, unb der Präsident der großen Republik unter­bricht daS Oberhaupt der kleinen Republik, um nicht noch mehr Worte desselben Sinnes zu hören. Und schließlich beschränkt sich das Ober- Haupt der großen Republik auf einige schöne Redensarten: daß die Buren einen „schönen Trost finden könnten in der Bewunderung und in dem Mitleide der ganzen ziollifirten Welt---"! ach ja, ein schöner Trost, aber

uuch weiter nichts! Mehr als das nützen den

Dr. K. Weihnacht« blich erschau 1900. IV.

------- (Nachdruck verboten.)

Unter den Neuheiten des Verlages von Franz Kirchheim in Mainz fällt als kostbarstes Geschenk­werk ein Riesenbuch in vornehmstem purpurfarbenem Einbande in's Auge, das seine fürstliche Herkunft schon durch sein Aeußeres bekundet. Es sind die „Ge­dichte" der Frau Prinzessin Ernst v. Aren- berg, gesammelt und herausgegeben von deren Tochter, der Frau Herzogin von Arenberg (gebunden 30 Mk.). Der volle 12 Pfund schwere „Salonband" ist schon durch seinen Umfang ein Kuriosum. Es dürste auch kaum einen ähnlichen Band Gedichte geben, die n solchen, aus altersschwache Augen berechneten Lettern gedruckt sind. 1380 Seiten Quartformat um« aßt das Werk und 579 Gedichte. Universitätspro- essoren und hohe Prälaten haben der ersten Auflage die schmeichelhafteste Beurtheilung angedeihen taffen. Die vorliegende zweite Auflage ist „sehr verbesiert". Wenn wir uns auch den Lobeserhebungen in Bezug auf die klassische Form nicht in Allem anschließen, so können wir die Gedichte der greisen Prinzessin schon wegen ihrer Originalität und Gedankentiefe, wegen ihres Scharfblicks für Mängel und Schwächen der Zeit und wegen der oftmals kühnen Sprache allen Freunden der Dichtkunst nur auf's wärmste empfehlen. Es ist jedenfalls kein Alltagsmensch, der diese Gedichte

Derrtschr» Keich.

Berlin, den 30. November.

+ Ai- Bedürfnisse bet Katholiken finden auch in Thüringen wenig Berftändniß unb noch weniger Entgegenkommen. Ein neuer

Der Alte klopfte sein Pfeifchen aus unb bann sagte er mit nachbenklicher Miene: „Denkst Du, baß Franz heute noch kommen wirb?"

„Gewiß denk' ich daS. Warum sollt' ich nicht?"

„Sei nur klug, Dorothea. DaS ist Alles, was ich möchte."

„Unb waS meint Ihr bamit, Vetter?"

„Ich meine," erwiderte der Alte, inbem er sich erhob unb mit ber auSgestreckten Linken hinab nach dem nun dunkler geworbenen Thalgrunbe zeigte, „baß ich Dich lieber bort auf dem neuen Gottesacker in Deinem Grade sähe, als verheirathet mit einem Manne, ber trinkt!"

Dorothea ließ das Haupt sinken. „Vetter, bae ist ein hartes Wort. Weil ein Mann einmal eine schlechte Gewohnheit hatte —"

„Unb sie noch hat!" rief ber Alte mit fun» kelnbern Blicke.

„Ihr irrt Euch, Vetter. Franz hat seit einem Jahre keinen Tropfen Geistiges über seine Lippen gebracht. Unb er hat mir versprochen, es auch nie roieber zu thun. Er wirb eS auch Kalten."

„Wolle Gott, baß ich eS hoffen könnte!" seufzte ber Alte unb ging in die Hütte.

Dorothea blieb noch eine Weile schweigend stehen und iah in die Ferne nach ber Richtung ber Bahnlinie. Dann seufzte sie unb sprach mit bebenber Stimme: „Er hat eS mir versprochen unb ich glaube es ihm, bas ist genug.“ Dann trat sie in die Hütte.

Vor einem Bahnwärterhause, daS in einiger Entfernung lag, ging jetzt ein Zug vorüber, unb bald darauf entfernte sich von der Bahnlinie dort ein Mann, ber auf einem Feldwege einem be­waldeten Hügel zuschritt. Sein Ziel schien eine andere kleine Hütte, die am Walbsaume lag und

A« Ka«de der Uerswei-nng.

Das blutrothe Licht deS Sonnenunterganges nlühte auf den westlichen Alpenspitzen und der ferne Gletscher erschien wie mit feuriger Lava Übergossen. In ber Nähe lagen die Hügel unb die unteren Theile ber Gebirge im abendlichen Dämmerschatten; im Thalgrunbe schimmerte ber Fluß unb in ber Ferne ergoß sich jetzt über eine Brücke eine Dampswolke, ber eine lange buntle Masse in Windungen folgte, als wäre es der Leib einer ungeheueren Schlange. Es war ein Bahnzug, ber auS dem Silben kam.

Auf einem ber niebrigen Hügel zur Rechten deS VorbergnmbeS stand eine Hütte unb neben der Thür derselben saß auf einem längst gefällten dicken Baumstämme ein SreiS in ber Tracht ber Gebirgsbewohner, der, als sich von dem kleinen Kirchlein auf einer gegenüber liegenden Anhöhe die Abendglocke hören ließ, fein* kurze Pfeife auS dem Munde nahm, bas grüne Sammtkäppchen von dem kahlen Scheitel zog und feine Lippen in leisem Gebete bewegte.

Einige Minuten später erschien auf ber Thür- schwelle ein junges Mädchen, das reiche braune Haar in zierliche Zöpfe geflochten. „Eure Abend- suppe ist fertig, Vetter Mathias," sagte sie in einem Dialekte, ber eine Mischung von Hochdeutsch und dem LandeS-Jdiom war, welches letztere sie in einer einjährigen Dienstzeit in einer größeren Stadt theilweise abgestreift hatte. „Ich habe auch Kuchen gebacken, wie ich es von ber Großmutter (ernte, unb ba seht, ba sind ja auch reife Pfirsiche von dem Baume, den Ihr gepflanzt habt. Ich will sie Franz zeigen, der's nicht glaubte, daß sie ba reif werden könnten." I