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Jutöcr, Samstag, den 17. November 1900.

meisten Stimmen der polnische Kandidat von Chrzanowski erhalten, nämlich mehr als 7000 Stimmen. Auf den besonder» deutsch-ka­tholischen Wahlbewerber Propst von Krzesinski find nur 550 Stimmen entfallen. Chrzanow ki hat aber nicht die erforderliche absolute Mehr­heit. Es haben ferner Stimmen erhalten der konservative Kandidat von Gersdorff fast 6000 und der Antisemit Bruhn fast 3650 Stimmen, außerdem ein Sozialdemokrat noch 40 Stimmen. Es muß also, wie voraus­zusehen war, eine Stichwahl zwischen Chrza- nowski und Gersdorff statlfiaden und sehr leicht kann das Ergebniß dieser Stichwahl die Wahl des Herrn Gersdorff sein. Die Hakatistenpreffe kann sich gar nicht genug thun in Schimpfreden gegen das Centrum, daß dieses „bie deutsche Sache im Stiche gelassen, daS Deutschthum oerrathen habe" und dergl. mehr. Ohne Zweifel wird es auch unter den katholischen Wählern deutscher Zunge des Herrn von Chrzanowski viele geben, die diesen wählten der Parole gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Denn daß Chrzanowski ein Nation al- pole der schärfern Tonart ist, läßt sich nicht leugnen, und er ist allem Deutschthum wenig hold. Äver das Centrum — nochmals sei es gesagt — befindet sich in einer Zwangslage. Die Leute, die sich in der Provinz Posen als Vertheidiger des Drutschthums aufspielen und als Kämpfer gegen das andringende Polenthum, find saft ohne Ausnahme auch Kulturkämpfer und man kann un­möglich vom Centrum verlangen, daß es die Wahlgsschäfte solcher Leute mit besorgen Hilst. Den Katholiken ist in Deutschland noch lange nicht ihr volles Recht geworden. Das Centrum also, zu dessen Aufgaben auch die Veriheidigung der katholischen Rechte gehört, muß dafür sorgen, daß katholische Leute in den Reichstag kommen, wo und wie es nur immer angeht. Hier irr diesem Falle ging das an; denn daß das Polenthum wirklich eine nationale Gefahr für unser Staatswesen bilde, davon kann doch noch lange nicht die Rede sein. Das Centrum handelte hier im Interesse der Grundsätze, die eS selbst verficht, uicht aber im Interest! des Nationalpolenthums; da« muß man fteiS zu unterscheiden verstehen.

* Die Einnahme an Mechselstempeksteuer im Deutschen Reiche hat, amtlicher Nachweisung zufolge, für die ersten sieben Monate des laufen­den Etatrjahres 7,566,478,65 Mark oder 666,245,25 Mark mehr als im gleichen Zeiträume des Vor­jahres betragen.

— Stelle» im HfoSreffsrt. Im neuen Postetat werden 17 Millionen Mark, d. h. 4 Millionen Mark mehr als im vorigen Etat, für das Postpersonal verlangt. Haupt­sächlich erstreckt sich dis Mehrforderung auf die Neuschaffung etatSmäßiger Stellen, indem 2342 Stellen für Beamte, darunter 2100 Stellen für Assistenten und 3521 Stellen für Unterbeamte neu hinzukommen. Ein so starker Stellenzugang ist bisher «och nicht zu verzeichnen gewesen. Daneben find die Mittel bereilgestellt, um die Zahl der gehobenen Unterbeamten um 3000, von 5000 auf 8000 zu erhöhen; eine halbe Million Mark ist vorgesehen, um daS Leistun-;smaß der Beamten,

soweit erforderlich, zu vermindern; ein gleich hoher Betrag ist für die 1900 begonnene Neu­regelung der Tagegelder der Postboten bestimmt und 750,000 Mark sollen dazu dienen, die Herabsetzung des Leistungsmaßes der im Orts­dienste beschäftigten Unterbeamten zu Ende zu führen.

* Die Hinnahme« der Naß' Geke- ßrapHen-Mermarinug sind im neuen Eta! für 1901 auf 420 Millionen Mark gegen 393 Mil­lionen Mark im Vorfahre veranschlagt. Den Mehreinnahmen von 27 Millionen Mark stehen 22 Millionen Mark an fortdauernden Mehraus­gaben gegenüber. Seit einiger Zeit find, so schreibt die postoffiziöse .Deutsche Verkehrsztg.', die Einnahmen nicht mehr in dem bisherigen Maße gefiiegen. Die Ursachen hierfür liegen nahe. Einerseits ist in der industriellen Entwicke­lung, welche die Einnahmen der letzten Jahre günstig beeinflußte, auf manchen Gebieten ein Rückschlag eingetreten, andererseits haben die Porto • Ermäßigungen urd die Verbilligung der Fernsprech-Gebühren einen starken Einnahme-Aus­fall im Gefolge. Die Einnahme an Porto und Telegraphen - Gebühren ist beispielsweise in der ersten Hälfte des laufenden Rechnungs-Jahres um etwa 7 Millionen Mark gegen den Etats-Ansatz zurückgeblieben.

ft Es gilt für ziemlich stcher, daß der Zoll­tarif in dieser Sesstou dem Reichstage nicht zugehen wird. Im Bundesrath, der voraus- fichtlich im Februar den Entwurf erhalten soll, wird derselbe seiner Wichtigkeit und seiner bis­herigen Behandlung entsprechend sehr gründlich berathen werden. Die Vorlegung an den Reichs­tag soll auch schon deshalb möglichst unterbleiben, damit daS Ausland nicht vorzeitig über alle Ein­zelheiten des Tarifes und der Verhandlungen unterrichtet wird.

X Die ministe ielle ,Berl. Korresp.' schreibt über die Loynzatztnngsvücher heute folgen- des: Die durch Ar! kel 11 Ziffer I des Gesetzes, betreffend die Abä Gerung der Gewerbeordnung, vom 30. Juni 1900, als Ad. atz 3 in den § 134 der Gewerbeordnung neu eingeschaltete Bestimmung Über die Lohnzahlung; bücher ist an­scheinend mehrfach von den Polizeibe­hörden nicht zutreffend ausgelegt worden. Der Minister für Handel und Ge­werbe weist daher in einem Erlaß an die Regie- rungSpräfidente« auf Folgendes hin: Auf das Lchnzahlungsbuch finden nach Vorschrift des G ° sehrö die Bestimmungen des § 110 S atz (nicht Absatz) 1 und deS § 111 Abs. 2 bis 4 der Gewerbeordnung Anwendung. Die Einrich­tung der Lohnzahlungsbücher ist also in das Belieben des Arbeitgebers gestellt, nur müffen die Bücher den Namen des Arbeiters, Ort, Jahr und Tag seiner Geburt, Namen und Wohnort seiner gesetzlichen Vertreters und die Unterschrift des Arbeiters enthalten. Eine Mitwirkung der Behörden bei der Ausstellung der Lohrzahlungsbücher ist im Gesetz nicht vor- gesebe». Die Bücher werden weder unter dem Siegel und der Unterschrift der Ortspolizei- brbörde ausgestellt, noch haben die letzteren dem­entsprechend ein Verzeichnis über die Lohn- zaglunßsbücher rn führen. Demgemäß ist auch

M 265.

Deutsches Weich.

Berlin, den 16. November.

+ Ein AttentstsvsrsnH gegen de« Kaiser ist (rote wir unfern Lesern in der Stadt schon gestern durch ein Extrablatt mittheilen konnten) gestern (Freitag) Mittag in Breslau verübt worden, als der Monarch, soeben von der Jagd aus Trachenberg auf dem Oberschle- sischen Bahnhofe in Breslau eingetroffen, gegen 12s/t Uhr durch die Stadt nach der Kürasstr- kaserne in Kleinburg fahren wollte. Sine Frau warf ein kurzes Handbeil, das sie in einem Tuche eingewickelt bei sich getragen hatte, nach dem Kaiser, aber ohne ihn zu treffen. Das Beil flog gegen das eine Hinterrad des Wagens und fiel zur Erde, ohne irgendwelchen Schaden anzu- richren. Die Frau wurde sofort umringt und festgehalten, und nach dem Polizeu«Mdium ver­bracht. Auf dem Wege dorthM Mrsie wirre Reden geführt von Einem, der ihr das Atten­tat anbesohlen habe. Wie wir gleich richtig ver- mutheten, hat man es mit einer geistesge­störten Person zu thun, die für das, was sie thut, nicht verantwortlich gemacht werden kann. Heutzutage führt man keine Attentate gegen Fürsten aus, indem man ein Beil nach ihnen schleudert! Die polizeiliche» Ermittelungen haben ergeben, daß die Frau Helma Schnapka heißt. Sie ist err-e unverehelichte Händlerin, die auS ihrer Wohnung exmittirt worden war. Es schwebt gegen sie ein Verfahren wegen Beamten - Belei­digung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Sie ist am 15. Juli 1859 in Tarnowitz in Oberschlesien (nicht in Italien, wie verschiedene Blätter melden), geboren und erst vor Kurzem nach Brrölau verzogen. Die Polizei hatte Mühe, die Frau vor der Wuth der Menge zu schütze». Das B il war noch ungebraucht? Der Kaiser hat anscheinend von dem Vorgänge nichts ge­merkt Unmittelbar, nachdem der Vorfall bekannt geworden war, wurde die gesammte Bres­lauer Garnison alarmirt, die vom Kaiser- Wilhelmsplatz in Kleinburg bis zum Oberschlesische« Bahnhof Spalier bildete und so den ganzen Weg, den der Kaiser bei,einer Rückkehr von der Kaserne zu pafsiren hat, absperrte. Um 31/» Uhr verließ der Kaiser mit dem Erbprinzen von Sachsen- Meiningen die Kürassierkaserne und fuhr, eskor- tirt von einer Schwadron Leibkürasstere, die zur Hälfte vor und zur Hälfte hinter dem Wagen ritt, nach dem Oberschlefischen Bahnhofe zurück. Die Truppen der Garnison bildeten auf dem Wege Spalier. dicht gedrängte Menschen­menge brockte dem Kaiser aus dem ganzen Wege begeisterte Ovatto-e« dar. Auf dem Bahnhofe war die Frau Erbprmzessin von Meinmgen er- schienen, von welcher sich der Kaiser ix herz­lichster Weise verabschiedete. Die Abfahrt nach Groß-Strehlitz erfolgte um 3 Uhr 47 Minuten.

X Dir NeichstsgswsHk von Mrferitz Komsi. Bet der Ersatzwahl zum Reichstage im Wahlkreise Mesentz-Bomst hat erheblich die

Zwei Bilder aus meiner seel- sorgerlichen Thätigkeit.

E« war an einem freundlichen Novembertage. Fast den ganzen Nachmittag batte ich im Beicht­stühle zugebracht. Um mich etwas zu erholen, be­schloß ich, nach dem Adendeffen mich ein halbes Stündchen in der frischen Luft des Pfarrgarten« zu ergehen. Bei Tisch sagte mein Pastor — die beiden hier erzählten Ereigniffe fallen in meine Kaplanszett — „Herr Kaplan, während Sie im Beichtstuhl waren, ist Nachricht gekommen, daß die alte Frau Röder wegen Unpäßlichkeiten das Bett hüten muß. Es steht zwar gar nicht schlimm mit ihr, Sie können aber doch, wenn Sie dieser Tage an ihrem Hause vorbe.kommen, gelegentlich einmal vorsprechen."

Frau Röder, von welcher der Herr Pastor sprach, war ein gutes, altes Mütterchen von 78 Jahren. Ihr Mann war bereits über 10 Jahre tobt. Frau Röder war sehr fromm. Sie wohnte bei ihrer verheiratheten Tochter. Jeden Sonn- und Feiertag erschien ste an der Kommunionbank; auch außerhalb des Gottesdienste» brachte ste manche Stunde in der Kirche zu. Wenn ich für einen guten Zweck ein Almosen brauchte, bei Frau Röder klopfte ich niemals vergebens an. Wegen ihrer Frömmigkeit und Wohlthätigkeit stand sie in der Pfarrei in hohem Ansehen.

Ich versprach dem Pastor, am folgenden Tage den Besuch zu machen und ve>ließ das Zimmer, um nach der anstrengenden TazeS- arbett, wie tbrn gesagt, mich etwas im Garten zu ergehen:

„Wie wäre ei," sagte ich zu mir selbst, nach­dem rch einige Minuten auf und ab gegangen war, »wenn du heute Abend noch den Besuch machtest? ES ist ja noch nicht ipät — eben hatte es vom nahen Kirchthurme dreivieriei Acht geschlagen — und schließlich ist es einerlei, ob du dich hier im Garten ergehest oder den Weg von Frau Röder dazu benutzest,"

G-dacht, gethan. Ich ging ins Haus, nahm Stock und Hut und machte mich auf den Weg zur Kranken. Bal» hatte ich ihre Wohnung er­reicht und traf die ganze Familie mit Ausnahme der Großmutter im Wohnzimmer. Aus den ver- dutztrn und verlegenen Mienen sah ich, daß man heute Abend eher au alles Andere gedacht, als «m meinen Besuch. Ich that, als merke ich die Verlegenheit nickt und fragte: „Nun, was macht die Großmutter? Gehts ihr bester?"

„Die Großmutter?" erwiderte Frau Hendel, Tochter der Frau Röder.

„Ja, der Großmutter. Sie haben ja im Pfarrhause sagen lasten, sie sei krankt

Frau Hendel sah mick überrascht an. „Das muß ein Jrrthum sein, Herr Kaplan, ich habe Niemand mit dieser Nachricht ins Pfarrhaus ge­sandt. Oder hast Du eS vielleicht gethan?" fragte sie ihren Mann. Dieser verneinte es ebenfalls.

„DaS ist doch sonderbar," bemerkte ich zu Frau Hendel, „eben beim Esten sagte mir der Herr Pastor ausdrücklich, eS fei ins Pfarrhaus die Nachricht von der Erkrankung Ihrer Mutter gekommen, ich möchte gelegentlich in diesen Tagen einmal oorsprechen. Das wollte ich erst morgen thun. Schließlich aber entschied ich mich

aber für heute Abend und so bin ich fttzt hier."

„Da fällt mir eben ein," bemerkte Frau Hendel, „wie sich die Sache vielleicht ausklärt. Mein- Mutter fühlte sich etwas unwohl, als sie heute auS der Kirche kam und begab sich zu Bette. An solch kleinen Unpäßlichkeiten leidet sie öfters, darüber braucht man sich bei ihrem hohen Alter nicht zu wundern, aber schlimm ist eS biS jetzt noch niemals gewesen. Gegen 3 Uhr schickte ich unser Dienstmädchen mit einem Auftrage inS Pfarrhaus, dabei wird eS wohl etwas von dem Unwohlsein meiner Mutter ge­sagt haben, und das hat. . . .

„Nein, Mama," rief hier plötzlich die 9jäbrige Elise, daS einzige Töchterchen und jüngste Kind Frau Hendtt?, „Mana — so hieß das Dienst­mädchen — nicht, sondern ich bin mit Maria gegangen und habe der Schwester des Herrn Pastors gesagt, daß die Großmutter krank fei."

„Da haben wirs," warf Frau Hendel halb lachend, halb ärgerlich dazwischen, „im Pfarr­hause hat man geglaubt, die Kleine fei von mir geschickt. Ich bedauere dieses Mißoerfiändmß, Herr Kcplan," fuhr sie fort, „weil Sie dadurch noch einmal «ach langer Zeit die Freude haben, Sie bei u«5 zu sehen. Jetzt mästen ste auch ein Stündchen bleiben."

Ich machte Einwendungen, die aber erfolglos waren und so nahm ich denn Platz. Herr Hendel und ich besprachen einige Angelegenheiten des Vincenzvereins; Frau Hendel entfernte sich, um nach ihrer Mutter zu sehen.

Wir mochten vielleicht zwei Minuten mit­einander gesprochen haben, da flog plötzlich oie

27. Jahrgang.

in der Aussührungsanweisung vom 24. August d. Js. in dieser Beziehung keine Bestimmung getroffen.

ft Als sozialdemokratische IrtterpeKatto« über die bekannte 12,000 Mark-Angelegenbett des Reichsamtes des Innern ist nach den Bestim­mungen der Geschäftsordnung auf die Tages­ordnung der Sitzung des Reichstages am nächsten Montag gesetzt. Aber voraussichtlich wird ste nicht zur Besprechung gelangen, der Ver­treter der Regierung vielmehr erklären, daß er zur Beantwortung noch nicht bereit sei, sondern dies erst in einer spätem Sitzung thun wolle. Dann ka--n am Montag und Dienstag ungestört die Chinavorlage berathen werden. Am Mitt­woch kann keine Sitzung abgehalten werden, weil preußischer Bußtag ist; die sozialdemokratische Interpellation wird darum aller Wahrscheinlich­keit nach ftühestens am Donnerstag der nächsten Woche zur Besprechung gelangen.

o' Geisa, 16. Nov. Bet der heute hier vorgenommenen Landtagswahl durch die Wahl­männer der Bezirke Dermbach und Geisa wurde der seitherige Landtagsabgeordnete Dr. Kiel- Geisa einstimmig wiedergewäblt. Es dürste dies wohl die einzige einstimmige Landtags­wahl diesmal im Weimarischen Lande sein, gleichzeitig aber auch ein Beweis, wie sehr man in beiden Bezirken mit der Führung des Man­dates durch Herrn Dr. Kiel einverstanden und zufrieden gewesen ist.

• Met. 16. Noo. Die .Kieler Neuesten Nachrichten' theilen aus amtlicher Quelle mit, der Kaiser habe den Wunsch ausgesprochen, daß alle ihm oder der Kaiserin in einem Wagen begegnenden Offiziere, Unteroffiziere und Mann- schafteuden Wagen verlassen, soweit ihnen dies möglich ist und Front machen. Ausgenommen find Omnibusse und Pferdebahnwagen.

(Weitere politische Nachrichten befinden sich im dritten Blatte.)

Auslarrd.

ft Aaag, 15. Nov. Die Königin dankte im Amtsblatt den ausländischen und inländischen Gratulanten aus Anlaß ihrer Verlobung. — Die Nachricht, Präsident Krüger werde dis Hauptstädte Europas inkognito bereisen, wird als unbegründet bezeichnet.

• Aaris, 16. Noo. Der sozialistische Handelsminister Millerand hat einen Gesetzentwurf über obligatorische Schieds­gerichte ausgearbeitet. Er enthält u. A. fol­gende Bestimmungen: In jedem Betriebe, der mindestens 50 Arbeiter beschäftigt, werde« den Arbeitern alle Fälle bekannt gegeben, die zur Zuständigkeit der Schiedsgerichte gehören. Aus- stände können nur durch regelrechte Abstimmung der Arbeiter beschloffen werden. Die Theilnahme an einem ohne Abstimmung beschlossenen Aus­stande wird mit Gefängniß bis zu einem Jahre und einer Geldstrafe bis zu 3000 Francs be­straft. Eine e«tsprechend den Vorschriften des Gesetzentwurfs beschlossere gemeinsame Einstel­lung der Arbeit ist für olle Arbeiter eines Be­triebes bindend. Die Abstimmungen über einen Ausstand müffen jede Woche erneuert werden. MMTanwusasB——mimi iwww—

Thüre auf und Frau Hendel stürzte schreckens­bleich ins Zimmer.

„Herr Kaplan." schrie sie, „schnell, meine Mutter ist am Sterben." Dann eilte sie wieder hinauf ins Zimmer ihrer Mutter

Ich glaubte mich verhört zu haben, so uner­wartet und Überraschend kam mir das, was ich eben vernommen hatte. Indessen ich überlegte nicht lange, sondern eilte ebenfalls hincuf. Es war . so, wie FrauH^.del gesagt hatte. Die gute Alte war vom Schlage gerührt worden, aber noch bei vollem Bewußtsein; auch konnte fie noch sprechen, wenn auch nur undeutlich und unter großer Anstrengung.

Ich hörte die Frau Beicht, bet deren Schluß fie bewußtlos wurde; der Tod kam sichtbar näher. Rasch eilte ich in die Kirche, nahm das hl. Oel und hatte die Freude, der Sterbenden noch die letzte Oelung und die General-Absolution spenden zu können. Eben war ich mit der hl. Handlung zu Ende, da verschied die Kranke.

Ein Gegenbild. Kurze Zeit nach dem eben­erzählten Ereigniffe wurde ich in eine Industrie- Gegend versetzt. Schon mehrmals hatten die Sozialdemokraten versucht, ihre verderblichen Lehren unter den Arbeitern zu verbreite«, Gott sei Dank ohne nennenswerchen Ersol«. Nur einzelne Arbeiter hatten sich den „Weltverbesserer»" angeschloffe«, bamnter leider auch einer aus der Pfarrei, in der ich Kaplan war. Maller, so hieß er, war niemals ein eifriger Christ gewesen. Bevor er sich offen den Sozialdemokraten ange- sckloffen, hatte er es mit der Anhörung der hl. Meffe an Sonn- und Feiertagen nie genau gS nommen; jetzt aber ging er gar nicht mehr zu