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JuLöc», Samstag, den 10. November 1900.
27. Jahrgang.
Zweites WKrtt.^ D
I erbens vom hl. Michael an Herrn Bischof von Hötzl von Augsburg.
Eine interessante Verhandlung hat in der württembergischen Kammer stattgefunden, die schon mitten im fleißigen Arbeiten steckt. Es handelte sich um Ersparnisse an den Ausgaben für das Militär und um die sogenannte Bebenhäuser Konvention, d. h. um das Abkommen, das zwischen Preußen und Württemberg im November 1870 getroffen wurde und den Austausch von Offizieren zwischen den beider- seittgen Heeren regelt. Nach einer sehr ausführlichen Debatte von zwei Tagen hat die Kammer mit sehr starker Mehrheit den Antrag der staatsrechtlichen Kommission angenommen, worin die staatsrechtliche Zulässigkeit des Abkommens anerkannt, aber gleichzeitig Widerspruch erhoben wird gegen die allzu ausgedehnte Kommandirung von preußischen Offizieren nach Württemberg, und worin außerdem die württem- bergische Regierung aufgefordert wird, Ersparnisse an den Heeresausgaben zu erzielen.
Prinz Prosper von Arenberg ist nunmehr wegen seiner in Südwestafrika begangenen Verbrechen zu 15 Jahren Gefängniß verurtheilt worden. Der Prinz hatte sich, wie bekannt, eines schweren Verbrechens gegen das Leben eines Eingeborenen schuldig gemacht. Die über ihn verhängte Strafe ist nicht zu hart. Es ist nur zu wünschen, daß nicht verfrühte Begnadigung erfolge.
In Norwegen ist auf die Neuwahlen zum Parlamente ein anderes Ereigniß gefolgt, das nach der Art des Ausfalles dieser Neuwahlen zu erwarten war: eine Ministerkrise. Die Zusammensetzung des neuen Storthings ist nach der Verhältnißzahl der Parteien zu einander kaum anders als im alten Parlamente. Aber die gewählten Radikalen sind noch radikaler als vorher, und demgemäß bedeutet der vorgenommene theilweise Ministerwechsel eine weitere Schwenkung der Regierung und des Ministerpräsidenten Steen zum Radikalismus, d. h. gleichzeitig zu der Richtung, die der Union mit Schweden abhold ist. Zunächst werden die Radikalen auf besondere norwegische Konsulate im Auslande drängen; andere ähnliche Forderungen werden folgen.
Und auch in England ist nunmehr der schon längst erwartete Ministerwechsel erfolgt. Daß es so lange gedauert hat, bis er zur Thatsache wurde, läßt darauf schließen, daß es damit seine großen Schwierigkeiten gehabt hat. Lord Salisbury bleibt nach wie vor Ministerpräsident; Minister des Auswärtigen ist an seiner Stelle geworden Lord Lansdowne, bisher Kriegsminister. Der unfähige Minister des Innern, Sir W. M. Ridley, hat Herrn Ritchie Platz gemacht, der vorher Handelsminister war. Herr Chamberlain ist geblieben, was er war, Minister für die Kolonien. Einen Wechsel im System bedeutet der Ministerwechsel nicht. Nur hat man mit Spannung den Maßnahmen entgegenzusehen, die Herr Brodrick als neuer Kriegsminister ausführen wird, um die unbedingt noth- wendige Heeresreform in die Wege zu leiten. Das ist jetzt für alle englischen Minister die schwierigste Ausgabe. Lord Landsdowne würde derselben schwerlich gewachsen gewesen sein. Herr Chamberlain ist bereits vorher, ehe der Ministerwechsel amtlich vollzogen war, ins Ausland abgereist, gleichsam, als wollte er damit andeuten, daß ihn die ganze Sache nicht anginge.
Die karlistische Bewegung in Spanien hat keine Aussichten auf Erfolg. So schwach ist die spanische Regierung noch nicht, daß sie nicht mit einigen tausend schlecht organisirten Aufwieglern fertig würde, namentlich wenn diese, wie es scheint, zu früh los- geschlagen haben. Aber die Bewegung macht sich nicht nur in Katalonien bemerkbar, sondern auch in anderen Provinzen und auf jeden Fall macht sie dem neuen Ministerium des Generals Azcarraga Unannehmlichkeiten genug. Don Karlos selbst leugnet jede Gemeinschaft mit der Bewegung entschieden ab; er hat sogar durch ein italienisches Blatt mittheilen lassen, daß diese Bewegung entgegen seiner ausdrücklichen Weisung sich erhoben habe, so daß nach wie die Annahme viel für sich hat, daß die Bewegung eigentlich mit dem Karlismus gar nichts zu thun habe.
Aus China haben die letzten Tage neue Nachrichten von Bedeutung nichts gebracht. Ueber die militärischen Pläne des Grafen Waldersee erfährt man nichts, und das ist ja ganz in der Ordnung, und wie es mit dem Diplomatistren werden wird, weiß man vorläufig ebenso wenig. Das deutsch-englische Abkommen über den freien Handel in China ist nunmehr von allen Mächten gutgeheißen und angenommen worden.
Dtt dkßlM vmüthtt.
Es war im Jahre 1815, während des vor- lctzten Feldzuges Demschlands gegen Frankreich, als ein berühmter dem scher Feldherr bei einem reichen Gutsbesitzer des französischen Departements der Daune eirquartirt wurde. Der Besitzer des dem General zu feinem einstweiligen Aufentbolt angewiesenen Schlaffes mochte w> hl gehört haben, wie seine eigenen Landsleute in früheren Jahren Deutschland ausgeplündert hatten. Unbekannt mit dem Eoelmuthe jener tapferen Krieger, dir nicht gekommen waren, um Gleiches mit Gleichem auf französischem Boden zu vergelten, sondern um dem hartbedrängten Europa den heiß ersehnten Frieden wieder zu verschaffen, hatte er, als er von den verlorenen Schlachten in den Niederlanden hörte, und wie die verbündeten Armeen, ihre glorreichen Triumphe verfolgend, in die inneren Provinzen des französischen Reiches |
Mit ihrer P osad ow sk y-H etze ist die frei- händlerische und sozialdemokratische Presse recht unglücklich gewesen. Aus nachträglichen Erklärungen des Generalsekretärs Bueck ging hervor, daß die sozialdemokratische »Leipziger Volkszeitung', die zuerst den bekannten 12000 Mark-Brief abdruckte, diesen mit einem falschen Datum abdruckte. Damit wurden auch alle die Verdächtigungen hinfällig, als handele es sich nm die Aufdeckung eines Bestechungsfystems; denn es ist klar erwiesen, daß es sich nur um den einen Fall handelt, und dieser Fall hat sich noch dazu in einer Zeit ereignet, in der Staatssekretär Graf Posadowsky beurlaubt war. Außerdem wurde angebeutet, der betreffende Beamte im Reichsamte des Innern habe geglaubt, durch seine Vermittelung einer hohen Frau einen Gefallen zu thun — kurz und gut, der Mißgriff, den dieser Beamte begangen hat, ist durchaus zu tadeln; aber es handelt sich dabei um einen Ausnahmefall, nicht um ein gewohntes System.
In bewundernswerther körperlicher und geistiger Frische hatPrinzregent Luitpold von Bayern sein Namensfest begangen. Unter den Auszeichnungen, die bei dieser Gelegenheit verliehen wuMn, ist vor allen Dingen zu nennen die Verleihung M Berdienst-
Wochen-Wunöschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 10. November.
Der Kaiser und die Kaiserin weilten unlängst zu kurzem Besuche in der schönen, altehrwürdigen Stadt Hildesheim, wo ein Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten enthüllt wurde. Daß das Kaiserpaar das Juwel von Hildesheim nicht vergaß, den herrlichen Dom mit dem Domparadies und dem tausendjährigen Rosenstock, versteht sich von selbst. In der Vorhalle des Domes begrüßte Bischof Wilhelm das hohe Paar. Er wies in seiner Ansprache auf jene fernen Zeiten hin, in denen der Dom erstand, in denen einstmals Kaiser Heinrich der Heilige an genau derselben Stelle von dem hl. Bischof Vernarb empfangen wurde, dann aber auch auf die Besuche des Großvaters und der Eltern des regierenden Kaisers, die der Bischof selbst an dieser Stätte willkommen hieß; und nachher im Domparadiese überreichte der Herr Bischof zum Andenken an diesen Tag ein Kreuz, das aus Holz vom tausendjährigen Rosenstocke geschnitzt und ganz besonders kunstvoll in Silber gefaßt ist. Herzlichst dankten Kaiser und Kaiserin für den freundlichen Empfang, mit besonders anerkennenden Worten für das Wirken des Kirchenfürsten, und am Bahnhofe beauftragte der Kaiser vor seiner Abfahrt den Regierungspräsidenten, persönlich dem Herrn Bischöfe den Kronenorden erster Klasse zu überbringen.
Nachher als das kaiserliche Paar abgefahren war, hat ein Festessen stattgefunden, und bei diesem Festmahle hat Herr Minister von Miquel eine politische Rede gehalten, die viel bemertt worden ist. Zweihundert Jahre haben wir geschlafen. Jetzt find wir aufgewacht und muffen uns nun beeilen, bas Versäumte nachzuholen. Wir müssen als Weltmacht hinaus auf die Meere, wir haben keine andere Wahl. Entweder gehen wir mit unserem Kaiser vorwärts, oder es geht mit Deutschland rückwärts. Unsere stetig wachsende Bevölkerung zwingt uns dazu, es zwingen uns dazu die Interessen des Handels und der Industrie. Wir müssen die Wirthschaftspolitik unseres Kaisers unterstützen und wirthschaftliche Fragen nicht auf die Spitze treiben.
Das war der Sinn der Worte Miqnel's, und natürlich hat sich die gesammte deutsche Preffe damit beschäftigt. Aber Herr von Miquel ist dabei nicht besonders gut weggekommen. Eugen Richter's .Freisinnige Zeitung' bemerkte spöttisch, man ersehe aus der Rede, daß Herr von Miquel überraschend schnell in den weltpolitischen Kurs des neuen Reichskanzlers sich hineingefunden habe; im übrigen sei es ganz unzulässig, daß ein Minister in dieser Weise auf die Wirthschaftspolitik des Kaisers sich berufe. Nicht viel anders nrtheilte die ,Deutsche Tageszeitung', daS leitende Organ des Bundes der Landwirthe: als Trinkspruch könne man sich die Rede gefallen lasten, und eine politische Rede hätte das ja wohl auch nicht sein sollen; sonst aber sollte man nicht die Person des Monarchen in politische Dinge hinein- ziehen. Man muß den beiden Zeitungen im großen und Ganzen recht geben.
Aber Herr von Miquel hat in einem Pnntte recht: man darf die Jnteressenpolitik nicht übertreiben. Die linksliberale Presse sollte sich das merken. Sie tobt und lärmt über die Wahrscheinlichkeit, daß die neuen Zollgesetze auf der Grundlage eines Doppeltarifs aufgebaut fein werden und droht schon wieder einmal mit Obstruktion im Reichstage für den Fall, daß der Gang der Berathungen über die neuen Zollgesetze den Wünschen derjenigen entsprechen sollte, die einen ausreichenden Zollschutz für die nationale Arbeit verlangen. Im lobenswerthen Gegensätze zu diesem Wüthen der Händ- lerpreffe stehen Aeußerungen der Mittheilungen für die Vertrauensmänner der nationalliberalen Partei, die warm eintreten für den Zollschutz, den unsere deutschen Erwerbsstände, vor allen die Landwirthschaft, für ihr Gedeihen brauchen. Nach den neuesten offiziösen Kundgebungen ist nicht zu erwarten, daß die Zollgesetze vor dem Monat Februar an den Reichstag gelangen werden. Man sollte sich also davor hüten, sich gar zu früh schon die Köpfe darüber zu erhitzen.
einbrangen, bett Entschluß gefaßt, seine heften Schätze zu vergraben, bamit sie ihm nicht verloren gehen könnten. Er ließ also eine große hölzerne Kiste mit Eisen beschlagen, verbarg seine Kostbarkeiten, seine silbernen Geschirre, bas für ben Augenblick entbehrlich gehaltene Gelb unb bie besten Kleinodien der Familie in dieselbe, ließ eine tiefe Grube an feiner Gartenmauer graben unb in biefe bie schwere Kiste versenken. Zu tiefer Arbeit wollte er Niemanden verwenben, als zwei feiner Bebienten, auf welche er bas meiste Zutrauen setzte. Der eine hieß Fleury, der anbete Benjamin. Fleury war schon viele Jahre in biesem Hause, hatte ben heutigen Gutsbesitzer, bei beffen Vater er schon gebient, als Knaben gekannt, unb wußte sich durch Wohl- bieneteien und Verleumdungen bei der Frau des Hauses zu empfehlen; er galt übrigens als ein ehrlicher und getreuer Diener, war aufmerksam auf Alles, was vorging, unb erschmeichelte sich bie Gunst des Herrn in einem hohen Grade. Benjamin war erst wenige Monate in diesem Dienste; auch er besorgte die ihm übertragenen Geschäfte mit Fleiß unb Wichtigkeit, war feinem Herrn ergeben unb erfreute sich auch beffen Zutrauens. Das Eingraben ber werthvollen Kiste geschah bei Nachtzeit, im Beisein des Gutsherrn.
Als nun bie Grube, in welche man bie Kiste versenkt hatte, wieher zugedeckt worden war, nahm der Herr vom Hause beide Bedienten auf fein Zimmer und prägte ihnen da im Beisein seiner Gemahlin wegen deS ihnen hiermit anvertrauten Geheimnisses bie strengste Verschwiegenheit ein.
„Sinb bie Feinde wieder einmal aus dem Lande," sagte er endlich, „so werbe ich auch bantbar gegen Euch sein."
Der politische Horizont trübte sich jetzt immer mehr. Die verbündeten Armeen rückten mit jedem Tage weiter vorwärts ins Herz ber Provinzen hinein. Die Hauptstadt Frankreichs war gefallen unb bie Schrecknisse be§ Krieges waren balb vorüber; nur würbe bestimmt, daß die siegreichen Armeen noch auf einige Zeit Quartiere beziehen sollten, um böSgestnnte Menschen von neuen Unordnungen abzuhalten.
In dieser Zeit war es, als Fleury — der alte, für treu gehaltene Diener des Hauses, er, >en der Gutsbesitzer beim Vergraben der Kiste beigezoqen gehabt hatte — auf einem Spaziergange sich dem im Schlöffe einquartirten General täherte und ihm den Vorschlag machte, er wolle hm einen bedeutenden Schatz entdecken, wenn er ihm eine Summe von hundert Goldstücken verabfolgen ließe unb bas strengste Stillschweigen zu beobachten verspräche.
Der eble Krieger war natürlich über ein olches Anerbieten entrüstet, versprach jedock bem verächtlichen Verräther, bie hundert Stück richtig ausbezahlen zu lassen, sobald er sich erst einmal in dem Besitz des versprochenen Schatzes befände, und auf diese Weise wurde er in das Geheimniß eingeweiht.
Bei ber Tafel erkundigte sich hierauf ber General bei feinem Hausherrn, ob es benn in ben reichen Häusern Frankreichs nicht auch wie anher» wäits Sitte wäre, auf Silber zu speisen, unb ob er vielleicht nicht selbst eines ober mehrere Silber- Service besäße.
Dieser bejahte es, fügte jeboch bei, baß er vorderhanb nicht hätte wissen können, wie ihm bas Glück zu Theil würbe, einen fo braven unb menschenfreundlichen General in seinen Mauern zu beherbergen; daß er gefürchtet hätte, ausge- »lünbert zu werden unb er deswegen Alles, was ich WerthvvlleS in feinem Hause befunden hätte, geflüchtet habe.
„Geflüchtet?" wiederholte der General mit ledeutungsvoller Miene, denn es ärgerte ihn in »er That, daß fein Hausherr ein Geheimniß dieser Art vor ihm bewahren wollte.
„Ja," antwortete dieser nicht ohne einige Verlegenheit, „ich schickte meine Schätze alle nach Paris."
„Da thaten Sie sehr wohl daran," versetzte Herauf ber General lächelnd unb brach bas Ge- präch ab.
Die Gemahlin bes Gutsherrn aber witterte von diesem Gespräche nichts Gutes. Sie hatte währenb ber Mittagstafel ben General beobachtet und in feinen Gesichtszügen bemerkt, baß er sich beleidigt sand. Nicht mit Unrecht schloß baher »efe sehr vernünftige Dame, baß ihr unb ihres Gatten Geheimniß verrathen fein möchte. Auf )en alten Flemy hatte sie so wenig Verbucht, baß ie ihn selbst von ihrer Sorge in Kenntniß setzte unb ihn befragte, ob er nicht vielleicht eine Aus- kunft zu geben vermöchte.
„Die wäre leicht zu erratheu," antwortete lief er. „Da ist ber Benjamin, von besten Treiben ich Ihnen schon so oft erzählte, vor welchem ich Sie selbst, gnädige Frau, so oft gewarnt habe;
ich wollte meinen Kopf verwetten, dieser hat unser Geheimniß verrathen."
Noch an demselben Abend machte bie Dame ihrem Gatten ben Vorschlag, ben Ortsrichter zu beauftragen, Benjamin aufs strengste zu verhören unb bann nach besten Gutdünken ihn entweder ferner beizubehalten ober augenblicklich aus bem Schlosse und bem Dorfe forlzuschicken.
Dies geschah. Fleury erhielt ben Auftrag, ben Ortsrichter heimlich in's Schloß zu berufen. — Dieser Mann war aber nichts weniger als tugenbhaft. Er wußte, baß Fleury Alles bei ber Herrschaft galt, nahm von biesem auch Bestechungen mit ber Bebingung an, daß es ihm gelänge, ben ehrlichen Benjamin aus bem Schlöffe zu vertreiben, unb so geschah es nun, baß er der Herrschaft nach abgehaltenem Verhör beS Benjamin berichtete:
„Der junge Mensch hätte sich, während er ihn zu Protokoll genommen, sehr frech benommen und Alle« weggeleugnet; da aber Frechheit kein Beweis von Unschuld fei, er auch öfters die Gesichtsfarbe verändert und nicht habe leugnen können, daß er sich zu verschiedenen Malen in des Adjutanten Zimmer befunden, wohin ihn, da dieser seinen eigenen Bedienten habe, keine Geschäfte hätten rufen können, so halte er (der Richter) ihn für gefährlich und wolle den unmaßgeblichen Rath erteilen, diesen Menschen bei den jetzigen ohnehin unglücksschwanzeren Zeiten sobald als möglich ans dem Schlosse und Dorfe zu entfernen."
Doch sagte der Herr: „Machen wir den Benjamin plötzlich brodlos, fo könnte er uns verrathen ; ich will ihm einen Brief an meinen Bruder in Troyes geben, und Sorge tragen, daß er dort so lange, als diese Einquartirung in unserem Schlosse ist, aufgehalten wird, hernach können wir noch immer thun, was VorsieJ, mit Menschenliebe gepaart, uns vorschreibt."
So geschah es auch.
Ain nächsten Morgen mußte Benjamin sehr frühe ein Pferd satteln und mit dem Briefe abreisen.
Weder der General noch dessen Adjutant bemerkten den Mangel eines Bedienten in einem so reichen Hause; doch sagte Ersterer, als er einmal nach aufgehobener Tafel mit seinem Hausherrn und seiner Gemahlin einen Spaziergang tn den an das Schloß anstoßenden Garten machte und diese die unerwartete und menschliche Art lobten, mit welcher sich die ruhmgekrönten Sieger in Frankreich betrugen, als ob ihm so von ungefähr dieser Einfall käme:
„Nun, so möchte ich Ihnen auch ein bleibendes Andenken an mich und meine Leute zurücklassen. Wie wäre es, wenn ich Ihnen einen Baurn hier in Ihrem Garten pflanzte, der Sie und Ihre Familie auch in ferneren Tagen immer an diesen Zeitpunkt erinnerte ?"
„Ach ja!" begann erfreut bie Dame des Hauses, „dieser Gedanke von Ihnen ist allerliebst, Herr General! Einen Rosenstock; ich werde gleich bie Befehle geben, daß einer hierher gebracht werbe und versichere Sie, so lange ich lebe Sorge zu tragen für diesem Blumenstrauch."
„Die jetzige Zeit, meine Gnädige", begann hierauf mit Ernst der edle Mann, „ist nicht für Rosen geeignet; ich will Ihnen lieber eine Eiche pflanzen; wir Deutsche lieben diese Bäume."
Noch an demselben Abend brachten einige Soldaten auf seinen Befehl eine gesunde Eiche aus dem unweit entfernten Forste in den Garten.
Als ber General den Hausherrn fragte, an welchem Orte er bie Eiche hinpflanzen sollte, da überließ es biefer ganz bem eigenen Willen des hochgeschätzten Mannes.
„Nun, bamtt Sie ber Baum nicht hinbere," ing biefer jetzt an, „so wollen wir ihn an bie Mauer hort einsetzen," unb bei diesen Worten gab er seinen Leuten ben Befehl, an demselben Platz ein Loch zu graben, an welchem bie Kiste verborgen worden war.
Der Gutsbesitzer unb all bie ©einigen erfaßten. Umsonst machte biefer jetzt allerhand Em Wendungen. Der General bestand jedoch auf feinem Willen unb kaum hatte er bie tn ber Erbe versteckte Kiste wahrgenommen, als er einem anwesenden Unteroffizier ben Befehl gab, >en Flemy herbeizuführen, ber sich, weil ihm >aS Ausreißen burch zwei Schildwachen, bie zur Feier bes Festes am Gartenthore aufgestellt waren, unmöglich gemacht war, in einem Salon verborgen hielt.
Mit Mühe gelang eS ben Soldaten, bie chwere Kiste wieher ans Tageslicht zu förberu. Da gestanb benn ber Gutsbesitzer, daß er es jewifen, ber bie Kiste hier habe eingraben offen, unter ber aufrichtigen Versicherung, baß )iese leicht verzeihliche Vorsichtsmaßregel nie angewandt worben wäre, wenn er vorausgewußt jätte, einen so rechtschaffenen Mann ins Quarter zu bekommen. •
„Ich glaube, Ihre Schätze werben in Ihren oberen Gemächern des Schlosses ebenso gut ver»